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Full text of "Ungarische Revue"

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UNGARISCHE REVUE 



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MIT UNTERSTÜTZUNG 

DEB 

UNGARISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



HKBAUBGKOKBieiif 



PAUL HÜNFALVY UND GUSTAV HKINKICH 



1891. 



BILFTBR JAHKaANCi. 



^ IN OOMMISSION BBI 



F. A. BBOCKHAUS 

IN LEIPZIG, BERLIN UND WIEN 
1891. 



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MAY 10 1892 



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DRUCK DES FRANKLIN-VEREIN. 



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INHALTSVERZEICHNISS. 

I. ABHANDLUNGEN. 

Seite 

;(:* ^ Graf Julius Andrässy ... ... .. ... 273 

Alexander Bemh,, Petöfi's Gattin . ..^ . ._. ... ... 843 

BaU<ufi Aladdr^ Budapest vor hundertsiebzig Jahren. ... 75 

Berzeviczy Alberto Denkrede auf Karl Szathm&ry _ . ... ... 531 

Coppee Frangois, üeber die ungarische Literatur . . .. ... ... „_ 262 

Csergheö Oeza, Mittelalterliche Grabdenkmäler aus Ungarn. 

VI. Grabstein des Andreas Scolari. XV. Jahrhundert . . . ... .177 

VII. Familiengrabstein der Berzeviczy. XV. Jahrhundert 180 

Eötvös Rolandy Baron, Eröffnungsrede in der Jahresversammlung der 

ungarischen Akademie _.. ^ . 489 

Franz Josef-Brücke, die, bei Fressburg .. . . ... 168 

Gytdai Paul, Eröffnungsrede in der Jahresversammlung der Kisfaludy- 

Gesellßchaft ... ........ ... ._ ... . ... 253 

Historische Gesellschaft, Jahresversammlung 1891 363 

Jankö Johann, Graf Moritz Benyovszky als geographischer Forscher. ... 97 
Jekeifalussy Josefe Die Eisenbahnen im ungarischen Staatshaushalte ._ 292 

Journalistik, Ungarische im Jahre 1891. _ ... ... ... 266 

Kdllay Benjamin, Denkrede auf Graf JuUus Andr4ssy 504 

KeleU Karl, Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung 189Ü.__ ... ... 282 

jKraZy PawZ, Ulpia Trajana ... .. ... ... _.. _ 743 

Kis&ludy-G^esellschaffc, XLIV. Jahresversammlung. ... ... 253 

Kvacsala Johann, Beiträge zur Geschichte des Slovakischen „ . 840 

LaMts Franz, Die Landnahme der Ungarn und die Astronomie ... ... 732 

Majldth Bdla, Die Maschenpanzer des National-Museums. Mit acht Illu- 
strationen . _- - _-. _„ ... 608 

Meyer Josef, Beziehungen des Königs Mathias Corvinus zu Wiener- Neu- 
stadt und der Corvinus-Becher . . . ... ... _ — ... 212 

Moldüwan Gregor, Eine Antwort auf die Denkschrift der Bukurester 
Üniversitäts-Jugend ._ , ... 377 



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VI INHALT. 

Sete 

Munkdcsy Michael, Die Qualen des ersten Erfolges _ _ ... 848 

PicMer Fritz, Boleslaw IL von Polen .__ .. . . . 641, 790 

Popp Georg, Der Ursprung des Argirus- Märchens .-. . ... 223 

Pubtzky Karl, Auf Ungarn bezügliche Renaissance -Denkmäler Mit sechs 

Illustrationen ... _.. 1 

Schmidt Wilhelm, Die Kinga-Sage ... ... 82 

Schvarcz Julius, Der Aristoteles -Papyrus des British Museum.. 341 

Montesquieu und die Verantwortlichkeit der Kate der Krone . . 753 

Schwarz Ignaz, Ungarn betreffende Sanitäts- Verordnungen Josefs 11. .49 
Schtcicker Joh. Heinrich, Ungarns Industrie, Handel und Verkehr im 

Jahre 1889 . . . . . . ... -. 193, 422 

Die Wirksamkeit des kgl. ungar. Landesverteidigungs-Ministeriums 

in den Jahren 1877—90 . . 572 

Süberstein Adolf, Graf Stefan Sz^chenyi's Briefe 119 

Szana Thomas, Julie Szendrey, Petöfi's Gattin . . . . . ... _._ . 843 

SzarvoA Leoftold, Graf B^la Sz^chenyi's Heise im östlichen Asien .. . 315 

Szüäyi/i Alea^ander, Siebenbürgen und der Krieg im Nordosten. Mit fünf 

Illustrationen ... 442 

Szily Koloman, Generalsecretariats-Bericht in der Akademie .. 494 

Szvorenyi , Josef, Johann Danielik _ 185 

Tisza Ste/an, Das Budget Ungarns für das Jahr 1891 . ... 35 

Vargha Julius, Die Getreide- Versorgung Oesterreich Ungarns und Deutach- 
lands . - 241 

Die Ernte Ungarns im Jahre 1891 .., ... 825 

Vdri Rudolf, Die Lesarten des Ravennas 136 Hl D2 des Lucanus . . ... 618 

Weftfier Moritz, Glossen zur bulgarischen Zaren-Genealogie IL 17, 145 

Die fürstlichen Nemanjiden -.. . . ..... . ... 536 

Thomas von Sz^cs^ny, Wojwode von Siebenbürgen 715 

Wosinsky Moritz, Das prähistorische Schanzwerk von Lengyel. Mit zahl- 
reichen Illustrationen _ . .. - . . . ... _ _ _ . -. . . 463 

Zawadowski Alfred, Die Hochwasser- und Wasserbau- Angelegenheiten 
Ungarns _ — . _ _.. ._. — 681 



U. KÜRZE SITZUNGSBERICHTE. 

Akademie der Wissenschaften, laufende Angelegenheiten 95, 191, 270, 

486, 628, 638, 855 

ihr Budfjet pro 1891 .. _. . 192 

LI. Jahresversammlung... ... ... ... ... ... . . ._. ._. ... 489 

Ballagi Aladdr, Ehescbliessungen in Ungarn im XVII. Jahrhundert . 269 



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INHALT. VII 

Seite 

Balassa Josefe Classification und Cliarakteristik der ungarischen Mund- 
arten.. .- ... ... ... _ . _.- -.- -.- ... - - . - 93 

Beöthy Zoltdn, Bericht über die Wirksamkeit der Kisfahidy-Geselißchaft 259 

Berczik Az-päd, Bericht über den Teleki-Dramenpreis _. .., .-. 375 

Das ungarische politische Lustspiel der 40-er Jahre .. ... _. 857 

Csonton Johann^ Geschichte zweier modenesischer Corvina-Codices ... ... 632 

Dalmadii Viktor^ Matthias' Geburtshaus. — Losungswort . ^ -. ..- 261 

Fraknöi Wilhelm ^ Denkrede auf Florian R6mer _ - -.. — 368 

Gonda Bela^ Das Eiserne Thor und die Regulirung seiner Katarakte . . 639 

Halardts Jnliu^% Das Aranyos-Gebirge im Comitat Krassö.. — 

Hampel Josef, Denkrede auf Florian R6mer __ 485 

Historische Gesellschaft, Jahresversammlung 1891 . .. .-. .__ .._ .-_ 363 
Jekelfalumf Josef Die Eisenbahnen in unserem Staatshaushalte ... ... 190 

Joannovics Grorrj, Die endlose Frage ... -- 92 

Kisfaludy- Gesellschaft, XLIV. Jahresversammlung ... .. ..- 253 

Kdgl Alexander, Studien zur Geschichte der neueren persischen Literatur 373 

Könif/ Julius, I)enkrede auf Eugen Hunyady . ... ... 95 

Kuldntji Karl, Die volkswirthschaftlichen und Culturzustände im Arvder 

Comitat . .. . . - - . - - -.. - - 630 

Kunoss Iffnaz, Die türkischen Handschriften der Akademie. ... 863 

JAnczy Juliiiff, Dante und Bonifaz VHI — - — -.- 373 

h'vay Josef Der alte Nussbaum -.. ... .-. ^ -. -- - 262 

Ueber Robert Bums ... .-. 631 

Majldth Be'lu, Die BibUothek des Dichters Nikolaus Zrinyi .- ... ... 488 

Mandello Julius, Die rechtliche Bedeutung des Wähmngswechsels . ... 93 

MaÜekoiits Alexander, Denkrede auf Stefan Apdthy 270 

Ndmethy Geza, Cato's Weisheitssprüche _.. __. ._. -_. — . -_ ... 190 

Ortvay Theodor^ Denkrede auf Friedr. Pesty.-. -.. -. - 863 

Pör ArUon, Denkrede auf Joh. Hyacinth Rönay. ... .- .-- .-. -.. 635 
Pulszky Franz, Ungarisch- heidnische Gräberfunde. ._. .._ _._ - . .__ 268 
Schvarcz Julius^ Zur Verfassungsgeschichte Athens ._. ... .- .-. ... 373 

Die neuentdeckte 'A;^vaifüv ^oXiteia __ 860 

Simonyi Sigmund, Die Sprachneuerung und die Fremdartigkeiten .. -.. 190 

Ueber die ungarische Rechtschreibung.- ..- - _.. .- 487 

Szarvas Gabriel, Das ungarische sprachgeschichtliche Wörterbuch und die 

Kritik. ... ... ... _ - ... -. - --- — 632 

Szdsz Karl, Erinnerungen an Michael Tompa _.. . . . . ... ..- ... 260 

Szicsen Anton Gi-af, EröflFnimgsrede in der Ungar. Historischen Gesell- 
schaft . ... ._ -. ... — — — -. - —363 

Szigeti Josef, Bericht über den Hertelendy-Dramenpreis.. -- 856 

Sziläyyi Alexander, Siebenbürgen und der Krieg in Nordosten 1648 — 55 93 



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VIII INHALT. 

Seite 

SzUdgyi Alexander^ Jahresbericht in der Historischen Gesellschaft .-- -_ 367 

Georg n. R4k6czy in Polen . . -- 627 

Szvorenyi Josef, Denkrede auf Johann Danielik ... _._ _. .. 191 

Teglds Gabriel, Ethnographische Verhältnisse und administrative Organi- 
sation des dacischen Bergbaues der Römer ._ . 190 

Thewreick Emil, Griechische Epigramme in ungarischer Uebersetzung... 370 

Vadnai Karl, Hymen, Erzählung von einem heiratsföhigen Jüngling ... 262 

Vdri Rudolf y Schollen zu Nicanders Alexipharmaca 371 

Telfy Johann, Kisfaludy's Elegie «Mohacsi in griechischer Uebersetzung . 267 

Wminsky Moritz, Die älteste Leichenbestattungsweise der Urzeit ... _.. 94 

Zirhy Anton, An St. Sz^chenyi gerichtete Briefe 1827—35 . . ..267 

Bericht über den Farkas-Raskö-Preis 486 



m. DICHTXJNGEN. 

Dalmady Viktor, König Matthias' Geburtshaus, deutsch von Adolf Hand- 

mann . .__ _., ... _ _ -.. . . -._ _.. -.. . ... ... 750 

Endrodi Alexander, Mädchen räche, deutsch von Stefan R<Snay. ... . . 96 

Petofi Alexander, Das Lied der Hunde, deutsch von Stefan Rönay ... .271 

Das Lied der Wölfe, von demselben ... _ — 

Väradi Anton, Der fahrende Holländer, von Ad. Handraann . .. _. 853 
Vörösmarty Micfiael, Trauerflor, deutsch von Adolf Handmann .. .. 375 

We}>er Rudolf, Obschied, Gedicht in Zipser Mundart... .. .. . . . . 749 

Zichy Geza, Es starb ein Weib, deutsch von Stefan R6nay _ 75^) 

Ungarische Bibliographie .. .. ... 272, 376, 751, 864 



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PAUL HMFALTY 



der Begründer dieser Zeitschrift, ist am 30. November 1891, 
nahezu 82 Jahre alt, unerwartet gestorben. 

Ein Gelehrter ersten Banges von universellem Gesichts- 
kreise und imponirendem Wissen, ein epochaler Forscher auf 
den grossen Gebieten der vergleichenden Sprachwissenschaft, 
der Qeschichtschreibung und der Völkerkunde, ein edler und 
guter Mensch ist in dem Entschlafenen von uns geschieden. 

Heute kann nur der Schmerz über den unersetzlichen 
Verlust zu Worte kommen, die Würdigung seiner grossen, 
bleibenden Verdienste muss ruhigeren Tagen vorbehalten 
bleiben. 

Ehre und Segen seinem Angedenken ! 



Budapest, 1. December 1891. 



Gustav Heinrich. 



# 



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AUF UNGARN BEZli(;LICHE RENAISSANCE-DENKMÄLER 



I. 

Wenn man die Beschreibung der in den königlichen Mnseen zu Berlin 
aufgestellten Bildwerke der christlichen Epoche aufmerksam durchblättert, 
wird die Aufmerksamkeit ungarischer Ikonographen vorzüglich durch die 
Bestimmung zweier Bildnisse gefesselt, welche folgenderweise lautet (Bode 
undTschudi: Beschr. der Bildwerke. Berlin 1888, p. 31—33): •Verocchio^ 
Andrea di Michele de Cioni, gen. Andrea del Verocchio. Goldschmied, Bild- 
hauer, Maler, geb. 1435 zu Florenz, gest. 1488 zu Venedig. In einem von 
Baldinucci eingesehenen Manuscript, das noch dem XV. Jahrhundert anzuge- 
hören scheint, ausdrücklich als Schüler des Donatello bezeichnet. Thätig in 
Florenz und Venedig. Hauptsächlich als Thonbildner und Bronzetechniker 
wirksam, war er für die Entwickelung der Kunst Mittel-Italiens in den 
letzten Jahrzehnten des Quattrocento von der grössten Bedeutung 

98. Bildniss des Mathias Corvinus. Halbrelief, unter der Achselhöhle 
abgeschnitten. Parischer Marmor, Spuren von Vergoldung. H. 0*345, 
Br. 0*25. Erworben 1842 von Marchese Orlandini in Florenz. — Tieck- 
Gerhard, Verz. d. B.-W. Nr. 741 ; Bode, Ital. Porträt- Skulpt. p. 34 (mit 
Abbildung) ; Bode, Ital. Büdh. d. Ken. p. 255. — Abb. T. VH. 

Im Profil nach links gewendet. Bartloses Gesicht, das Haar mit einem 
Eichenkranz geschmückt. Ueber dem Schuppenpanzer auf der linken Schulter 
ein Mantel. 

Gegenstück zu Nr. 99. — Mathias Corvinus (Hunyady), geb. 1443, 
1458 König von Ungarn, gest. 1490, war eifrig bemüht italienische Kunst 
und Wissenschaft nach seinem Lande zu verpflanzen. Ein ähnliches Belief, 
das den König um 10 — 12 Jahre älter darstellt, in der 11. Gruppe der Kunst- 
historischen Sammlungen des österreichischen Kaiserhauses. — Die etwas 
oberflächliche wenig individuelle Behandlung scheint darauf hinzudeuten, 
dass das Bildniss nicht nach der Natur, sondern in Italien nach einer Me- 
daille oder dergleichen angefertigt wurde. Dass dies aber trotz des Floren- 
tinischen Charakters der Arbeit nicht in Florenz selbst geschehen, dafür 
spricht der Umstand, dass sie in parischem Marmor ausgeführt ist. Während 

üngttiMhe BeTM, XI. 1801. I. Haft. ] 



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^ AUF UNGABN BEZUGUCHE RENAISSANCE -DENKMÄLER. 

Florenz seinen Bedarf durchweg aus den Brüchen von Garrara bestreitet, 
ist es Venedig, das des leichteren Transportes halber den Marmor der grie- 
chischen Inseln bevorzugt. Eben zu der Zeit, in die wir die Entstehung 
dieses und des folgenden Reliefs versetzen, arbeitete der Florentiner Verocchio 
am CoUeoni-Denkmal, dessen stilistische Eigentümlichkeiten wir in diesem 
Eelief und namentlich in dem Gegenstück erkennen. 

99. Bildniss der Beatrice von Arragonien. Halbrelief in halber Brust- 
höhe abgeschnitten. Parischer Marmor, Spuren von teilweiser Vergoldung 
und Bemalung. H. 0*38, Br. 025. Erworben 1842 von Marchese Orlandini 
in Florenz. — Tieck- Gerhard, Verz. d. B.-W. Nr. 685; Bode, Ital. Porträt- 
Skulpt. p. 34 (mit Abbild.); Bode, Ital.Bildh. d. Ben. p. 255 (mit Abb.). — 
Abb. Tafel VH. 

Im Profil nach rechts gewendet Auf dem kurzen lockigen Haar, durch 
das sich Winden schlingen, ein dicker Perlenkranz, der über der Stime von 
einem reichgefassten Edelstein festgehalten wird. Eine sechsfache Perlen- 
schnur fällt auf die Brust. Auf der linken Schulter eine Agraffe. Im Haar 
und an den Schmucksachen noch Beste der Bemalung und Vergoldung. 

Gegenstück zu Nr. 98. — Beatrice von Arragon, Tochter Ferdinands I. Kö- 
nigs von Neapel, 1476 mit Mathias Corvinus vermählt. Zwei bezeichnete Por- 
trät-Darstellungen dieser Fürstin, eine Büste in der Sammlung von G. Drey- 
fuss in Paris und ein Relief in der 11. Gruppe der kunsthistorischen Samm- 
lungen des österreichischen Kaiserhauses, weisen unter sich und mit dem 
Berliner Belief nicht unerhebliche Verschiedenheiten auf; indess ist doch 
die Verwandtschaft der beiden Beliefs so gross, der Umstand, dass sie Pen- 
dants zu den unzweifelhaften Bildnissen von Mathias sind, so entscheidend, 
"dass an der richtigen Benennung nicht gezweifelt werden kann. » 

Um nun jene Frage, welche uns hier beschäftigt, ob wir in diesen 
beiden Bildnissen auch richtig Mathias L und seine Gemahlin Beatrice 
erkennen dürfen oder nicht, zu entscheiden, muss ich aus einer Arbeit 
des einen Verfassers der Beschreibungen, Herrn Wilhelm Bode, aus den 
1887 erschienenen «Italienische Bildhauer der Benaissance», die auf diese 
Beliefs bezüglichen Erörterungen hier anführen (pag. 254 u. folg.) : «Einen 
interessanten Vergleich zwischen der venetianischen und Florentiner 
Auffassung des Beliefporträts gestatten uns die beiden Profilbildnisse eines 
jungen Ehepaares, welches die Berliner Sammlung 1842 von Marchese 
Orlandini in Florenz erwarb. Wie das venetianische Relief bildniss dienten 
sie offenbar zur Verzierung eines Thür- oder Kaminsturzes, in dessen Deco- 
ration sie eingelassen waren. Wie dies geschah, davon gibt uns ein, zwar 
nur handwerksmässig hergestelltes, aber doch mit feinem Gefühl erfundenes 
Florentiner Kamingesims im Besitz des Berliner Kunstgewerbe-Museums 
ein Bild. Die Durchbildung ist in diesen Florentiner Arbeiten von gleicher 
Vollendung, wie in jenen venetianischen Reliefbildnissen. Das Relief, 



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ANOEBUCHES BILDNISS DES MATHIAS CORMNUS. 
Berliner Sammlung No 98. 



1* 



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* AUF UNGARN BEZUGLICHE RENAISSANCE-DENKMALER. 

obgleich ebenfalls flach gehalten, zeigt eine kräftigere Modellirung nach der- 
Mitte zu. Die Auffassung trägt jenen der Florentiner Kunst eigenen Cha- 
rakter von Grösse und Feinheit in der Wiedergabe der Individualität, ver- 
bunden mit einer Anmut, welche einen Künstler wie Antonio Bossellino- 
oder Benedetto da Majamo verrät. 

Diese beiden Bildnisse wurden namenlos gekauft und bis vor Kurzem- 
als «unbekannt» in der Sammlung angeführt. Der eigentümliche Kopf- 
schmuck des Mannes, ein Eichenkranz im welUgen Haare, den ich nur noch 
bei einem zweiten italienischen Bildnisse, bei dem BeUefporträt des Mathias- 
Gorvinus in der Ambraser Sammlung in Wien, nachzuweisen im Stande 
bin, legt die Vermutung nahe, dass auch das Berliner Belief denselben dar- 
stelle. In der That sind die Züge sehr verwandte, nur um etwa zwölf bia 
fünfzehn Jahre jünger. Noch überzeugender ist die Aehnlichkeit mit der- 
bekannten Medaille des Fürsten, die ihn gleichfalls mit dem Eichenkranz 
geschmückt zeigt. Auch der Schuppenpanzer, welchen wir in beiden Por- 
träts finden, passt auf den streitbaren Ungarnkönig. 

Dsa Gegenstück müsste dann seine Gattin darstellen, und zwar — 
nach dem Alter des Mathias — seine zweite Gemahlin, Beatrice, Tochter 
Königs Ferdinand von Arragon, welche er im Jahre 1476 heiratete. Die 
Züge dieser Gemalin sind uns in verschiedenen, durch gleichzeitige Unter- 
schriften beglaubigten Bildnissen erhalten : als Gegenstück jener Beliefbüste 
des Mathias in der Ambraser-Sammlung, sowie als Marmorbüste im Besitz 
des Herrn Gustave Dreyfuss in Paris mit der Inschrift : DIVA BEATBIX 
ABAGK3NIA. Wir haben der letzteren bereits bei Besprechung der Marmor- 
büste von Marietta Strozzi Erwähnung gethan. Während nun das Wiener 
Bildniss des Mathias, wie bereits erwähnt, mit dem Berliner BeUefporträt, 
wenn man von der Verschiedenheit des Alters absieht, sich sehr wohl ver- 
einigen lässt, weichen die Züge in der Büste der Beatrice, obgleich augen- 
scheinlich beinahe gleichalterig mit der auf dem Berliner Relief Darge- 
stellten, nicht unwesentlich von derselben ab. Ebensowenig stimmt aber 
auch das Wiener Belief zu der Büste, obgleich die Unterschriften auf beiden 
Arbeiten keinen Zweifel lassen, dass ein und dieselbe Person darin darge- 
stellt sein solle. Namentlich zeigt das Wiener Belief eine vorspringende und 
gewölbte Stirn, sowie eine etwas aufwärts gerichtete Nasenspitze, während 
die Stirn in der Büste bei Herrn Dreyfuss auffallend niedrig und zurück- 
tretend erscheint, auch die Nase spitz zuläuft. Den Zügen des Wiener 
Beliefs entspricht nun im wesentlichen das Berliner Belief; dasselbe zeigt ^ 
auch schon die Neigung zur Beleibtheit, welche sich bei der etwa zwölf Jahre 
älteren Frau, wie sie in dem Wiener BeUefbildniss erscheint, bereits aus- 
gebildet hat. Gemeinsam ist dagegen der Büste wie den Beliefbildnissen dai^ 
kurzgehaltene lockige Haar, welches in dem Berliner Belief in dem Kranz» 
von Winden (wohl aus Goldemail) der sich unter den Locken hindarch- 



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ANGEBUCHES BILDNISS DER BEATRICE VON ARRAÖON. 
Berliner Sammlung No 99. 



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*> AUF UNGARN BEZUGLICHE RENAI8SANCE-DENKMALER. 

schlingt, und in dem dicken Perlenkranz, den ein reichgefasster Edelsteia- 
oben über der Stirn festhält, einen reizvoll angeordneten Schmuck erhalte» 
hat. Als Grattin des Ungarnkönigs und Tochter des stolzen Tyrannen von 
Süditalien verrät sie sich auch in dem übrigen Schmuck, der breiten sechs- 
fachen Perlenkette und dem mit Perlen eingefassten Edelstein, welcher 
an der linken Schulter als Agraffe befestigt ist. 

Diese Keliefbildnisse geben ein beredtes Zeugniss für das Interesse, wel- 
ches Mathias Hunyady bekanntUch an der italienischen Kunst nahm. Noch 
heute ist eine beträchtliche Zahl der Manuscripte erhalten, welche der König 
in Italien schreiben und mit Miniaturen von den ersten Künstlern schmücken 
liess; im Jahre 1480 arbeiteten nach urkundlichen Nachrichten die Bild- 
schnitzer Andrea und Francesco CelUni, die Oheime Benvenutos am Hofe 
des Mathias; und Vasari erzählt uns ausführlich von dem Aufenthalte des 
jungen Benedetto da Majano in Ungarn, der zuerst als Intarsiator, später 
als Bildhauer für den König beschäftigt war. Sollte Benedetto damals viel- 
leicht jene beiden Profilporträts der Berliner Sammlung angefertigt haben, 
die dann als Geschenke des Ungarnkönigs nach Italien kamen ? Mit der 
Zeit ihrer Entstehung würde das übereinstimmen, da Banedetfco, nach 
Vasaris Angabe, unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Ungarn die Thür 
im Audienzeaal des Palazzo Vecchio zu Florenz anfertigte, welche 1481 
vollendet war. Doch lässt der Umstand, dass das Porträt des Mathias, im 
Gegensatz gegen das sehr individuelle Bildniss der Gattin, etwas Allgemeines 
und Lebloses hat, eher darauf schliessen, dass das männliche Bildniss nicht 
nach dem Leben und daher beide ßehefs wohl in Italien angefertigt wurden.» 

Wenn wir die hier wiedergegebenen Ansichten des Herrn W. Bode aus 
den Jahren 1887 und 1888 mit einander vergleichen, so stossen wir auf 
Abweichungen in wesentlichen Punkten seiner Anschauungen. Im Jahre 1887 
hielt er Antonio Rossellino oder noch wahrscheinlicher Benedetto da Majano 
für den Bildner der Berliner Belief porträts ; im J. 1888 beschreibt er sie ß\& 
sichere Arbeiten des Andrea del Verocchi», ohne diese Meinungsänderung 
näher zu begründen. Aus der Thatsacbe, dass diese Bildnisse aus pariscbem 
Marmor gehauen sind, zieht er 1887 keine Folgerung, während er dies 1888 
als entscheidenden Umstand anführt für die Hypothese, dass sie von einem 
Florentiner Bildhauer in Venedig gearbeitet wurden, — und vielleicht hat 
ihn gerade dieses darauf geleitet, Bildwerke Verocchios in ihnen zu erken- 
nen, da es allbekannt ist, dass der berühmte Florentiner Meister in den 
achziger Jahren des XV. Jahrhunderts in Venedig thätig war. Die Stich- 
haltigkeit dieses Gedankenganges wird jedoch von Herrn Bode selbst unter- 
graben in seinem Werke «Italienische Bildhauer der Renaissance», wo er 
uns ja belehrt, dass der Gebrauch des parischen Marmors keineswegs aus- 
schliessliche Eigentümlichkeit der in Venedig schaffenden Künstler war. 
Auf Seite 25 bespricht er zwei neapolitanische Bildwerke aus parischem 



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BEATRIX VON ARRAGONIKN. 
MarmorbÜ8te bei Herrn. G. Drevfuss in Paris 



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ö AUF UNGARN BEZUGLICHE RENAIS8ANCE-DENKMALER. 

Marmor und eine in Siena — also Toecana — gleichfalls nicht aus italieni- 
schem, sondern aus griechischem Marmor gearbeitete Madonna. 

Diese Aenderung der Ansichten Herrn Bodes, welche er durch neue 
Gründe nicht rechtfertigt, kann unser Vertrauen zur Endgiltigkeit und Voll- 
ständigkeit seiner Bestimmung erschüttern und müsste eingehend gewür- 
digt werden, wollten wir die Stelle der Berliner Reliefs in der Reihe der 
Monumente italienischer Bildhauerei näher bestimmen; diese Frage ist 
jedoch für den Zweck dieser Zeilen von untergeordneter Bedeutung, da 
wir hier nur zu untersuchen haben, mit welchem Recht diese Bild- 
nisse die Namen Mathias Corvinus und Beatrix von Arragon führen, und 
in wie ferne sie innerhalb der ungarischen Ikonographie eine Stelle bean- 
spruchen können. 

Die Reliefs waren, als sie 1842 in Florenz gekauft wurden, • namenlos» 
und wurden seitdem bis 1887 als Porträts unbekannter Persönlichkeiten 
aufgeführt. Herr Bode taufte sie Mathias und Beatrix auf Grund des 
Umstandes, dass der dargestellte Mann, gerade so wie Mathias auf dem 
durch die Inschrift beglaubigten Ambraser Bildniss und auf der bekann- 
ten Medaille — nämlich der grösseren — mit einem Eichenkranz geschmückt 
ist und daraufhui, dass wir kein viertes mit Eichenkranz geschmücktes italieni- 
sches Männerporträt aus dem XV. Jahrhundert kennen. Es sei nebenbei 
bemerkt, dass die Behauptung, Mathias sei auf dem Wiener ReUef oder auf 
der Schaumünze in Schuppenpanzer gekleidet, den Thatsachen nicht ent- 
spricht. In den «Ital. Bild, der Renaissance» behauptet Herr Bode, dass die 
Gesichtszüge des auf dem Berliner Relief Dargestellten sehr verwandt sind 
mit jenen des Mathias auf dem Wiener Bildniss, die Verschiedenheiten ent- 
sprächen dem Altersunterschied von 12 — 15 Jahren, und femer sei die 
Aehnlichkeit der Köpfe auf dem Berliner Porträt und auf der (grösseren) 
Medaille des Königs noch überzeugender. In den Erörterungen, welche wir 
in der Beschreibung aus dem Jahre 1888 leser, betont er stärker, was er 
1887 nur nebenbei bemerkt: dass die Behandlung des Berliner Männerbild- 
nisses «etwas oberflächlich und wenig individuell sei» mit anderen Worten, 
dass man es nicht für ein treffendes Bildniss einer bestimmten Persönlich- 
keit halten dürfe ; hieraus folgert er jedoch nur, dass es «nicht nach der 
Natur, sondern in Italien angefertigt wurde», das heisst, dass der Künstler 
den König selbst niemals gesehen hat, sondern nur seine Bildnisse kannte. 
Er begründet die Benennung des weiblichen Bildnisses durch den Umstand, 
es sei das Pendant eines unzweifelhaften Porträts des Mathias, also unbe- 
dingt das seiner Gattin, trotzdem es von der Dreyfuss'schen Büste voll- 
ständig abweicht, trotzdem er selbst der Ansicht ist, dass die auf dem Ber- 
liner Belief und in der Pariser Büste dargestellten Frauen beinahe gleich- 
altrig sind, und dass beide sehr individuelle, treffend ähnliche Bildnisse 
von dem Künstler nach der Natur gearbeitet wurden. In diesem Falle bestrebt 



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AUF UNOARN BEZUOUCHE RENAISSANCE-DENKMALER. ^ 

er sich die Willkürlichkeit der Namengebung dadurch zu mildern, dass er die 
Aehnlichkeit des Berliner und Wiener Beliefs und die wesentlichen Ver- 
schiedenheiten des Wiener und Pariser Bildes zu beweisen sucht. Hätte er 
nun darin recht, so müsste er es für möglich halten, dass ein ausgezeich- 
neter itaUenischer Künstler des XV. Jahrhunderts — denn er hält sowohl 
den Bildhauer des Beliefs, als den der Büste dafür — angesichts der Natur 
im Stande war von ihr wesentlich abweichende Züge darzustellen, und dass 
-er nicht vermochte ein treffendes BUdniss zu schaffen. 

Ich glaube, dass wir die rechte Antwort auf die uns hier beschäftigende 
Frage eher finden können, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf jenen Teil 
richten, welcher die reichhaltigere und verlässUchere Grundlage bietet, näm- 
lich die Bestimmung des Frauenbildnisses versuchen, also gerade den ent- 
gegengesetzten Weg einschlagen, als der verdienstvolle Director der Ber- 
liner Sammlungen, dessen Ausgangspunkt die Bestimmung des Mannes 
bildete. Nicht nur die Thatsache setze ich als unzweifelhaft voraus, dass das 
Berliner Frauenrelief das Werk eines italienischen Künstlers ist, sondern 
auch jene, dass die Dargestellte eine Italienerin ist, wofür ja die Bekleidung 
und die eigentümliche Haartracht zeugen. Ist dies richtig, so haben wir uns 
mit der MögUchkeit nicht zu befassen, als sei hier die 1464 gestorbene 
Tochter des Böhmen Podiebrad dargestellt. Wenn überhaupt eine Ge- 
mahlin des Mathias hier abgebildet ist, kann nur Beatrice von Arragon in 
Betracht kommen. Abgesehen von den in den Handschriften erhaltenen 
Miniaturbildem, welche wohl nie nach der Natur gemalt wurden und des- 
halb zu einer ikonographiscben Bestimmung als Beweise sieb wenig eignen, 
sind uns die Züge der neapolitanischen Königstochter sicher in drei Kunst- 
werken erhalten: in der Pariser Büste, in der Medaille des ungarischen 
National-Museums und im Wiener ReUef. Auf allen dreien versichert uns 
die Inschrift, es sei Beatrice dargestellt. 

Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich die Büste als das frü- 
heste Bildniss der Beatrix bezeichne. Die lebensgrosse Büste ist unter der 
Schulter gerade abgeschnitten. Den zarten Formen des Busens entspricht 
der schlanke Hals, auf dem das leise gegen die linke Schulter geneigte Haupt 
ruht. Die schiefe SteUung der Augen und die eigentümliche Art ihrer Dar- 
stellung, — dass nämlich das obere Augenlid den Augapfel bis zur Hälfte ver- 
deckt, — wiederholt sich bei einer ganzen Beihe Florentiner Mädchenbüsten, 
welche Bode auf Seite 227 — 228 der «Ital. Bildh. d. Ren.» zusammen- 
gesteUt hat Er erklärt die auffallende Eigentümlichkeit folgenderweise : «Die 
Künstler haben damit, so scheint es, einer allerdings sonst nicht nachweis- 
baren Anschauung ihrer Zeit entsprechend, den Ausdruck des jungfräulich 
Sittsamen und Bescheidenen wiedergeben wollen.» Diese Erklärung würde 
meine Hypothese, dass die Büste Beatrix noch als Mädchen darstellt, 
bekräftigen ; man kann jedoch die merkwürdige Modellirung der Augen 



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AI'F UN(4ARN BEZUGLICHE RENAISSANCE- DENKMALER. 



vielleicht richtiger damit erklären, dass die Büsten, bei denen sie vorkommt^ 
an einem hochgelegenen Platz aufgestellt waren, in welchem Fall ihr Blick 
so auf den Beschauer fiel, während er sich in die Ferne gerichtet hätte, 
wäre das Auge mehr geöffnet dargestellt worden, und der Ausdruck des Bild- 
werkes dadurch an Lebendigkeit verloren hätte. Dass die Stirne auf der Büste, 
verglichen mit jener auf dem Relief «auffallend niedrig und zurücktretend 
erscheine,» wie Herr Bode es behauptet, vermag ich nicht wahrzunehmen. 
Es bleiben ja von der Stirne nur fünf Millimeter oberhalb der Augenbrauen 
frei, den übrigen Teil verdeckt der Schleier, unter welchem auch die Haare 
verborgen sind. Auch was diese anbelangt, kann ich der Ansicht des Herrn 
Bode, dass sie nämlich kurzgehalten und lockig seien, nicht beistimmen. 
Allerdings hängen beiderseits an den Schläfen, wo das Haar unter 
dem Schleier hervortritt, je zwei Strähnchen, drei Centimeter weit auf die 
Wangen herab, das übrige leicht gewellte Haar aber zieht sich wieder 
unter den Kopfputz und lässt uns klar erkennen, dass es nicht kurzge- 
schoren, sondern am Hinterhaupt in einen Schopf zusammengefasst ist. Rück- 
wärts dagegen dringt das gleichmässig geschnittene Haar zwei ein halb Cen- 
timeter lang unter dem Schleier hervor, und glatt gekämmt bedeckt es den 
Nackenansatz. Wenn wir die Büste im Profil nach rechts gewendet ansehen 
in derselben Lage, in welcher Beatrix auf der Medaille und dem Relief abge- 
bildet ist, so können wir beobachten, dass der Nasenrücken etwas gebogen 
ist, und dass dieser mit der Stirne einen Winkel von höchstens 135 Grad 
bildet. Wir sehen auch, dass die obere Linie des oberen Augenlids, also 
jene, welche am tiefsten liegt, und den oberen ümriss des Augapfels andeu- 
tet, fast parallel mit der Linie der Brauen läuft ; ja sogar dass der äussere 
Augenwinkel dem äusseren Ende der Augenbrauen etwas näher kommt, als 
der am höchsten liegende Punkt des oberen Augenlids dem entsprechenden 
Punkte der Brauen. Endlich müssen wir auch den geschwungenen ümriss 
des Rückens und Nackens verfolgen, von welchem der entsprechende üm- 
riss auf dem Berliner Relief durch seine Steilheit so wesentlich abweicht, 
während jener auf dem Wiener Bildnisse sich äusserst ähnlich schwingt. 
Die Vermutung, die Büste sei angefertigt worden, als Beatrix noch nicht 
verheiratet war, stütze ich nicht nur auf die fast unentwickelte jungfräuliche 
Erscheinung, sondern auch auf den umstand, dass die Inschrift ihrer könig- 
lichen Würde nicht gedenkt, sie nur DIVA BEATRIX AÜAGONIA nennt, 
während die Inschrift des nächsten Bildnisses, jene der Medaille DIVA 
BEATRIX HVNGARIAE REGINA lautet. Die Formen, besonders die des 
Busens und des Halses sind hier zwar etwas entwickelter, sonst aber 
stimmen die Züge vollständig mit jenen überein, welche uns die Büste 
zeigte, die Biegung des Nasenrückens ist dieselbe, und auch der Winkel, 
unter dem er zur Stirne stösst, ist derselbe. Auch hier verdeckt ein Schleier 
den oberen Teil der Stirne, er ist jedoch hier nicht hinten aufgebunden. 



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AUF UNGARN BEZÜGLICHE RENAISSANCE-DENKMÄLER. H 

sondern hängt auf den Bücken herunter. Auch hier wird das Haar nur bei 
der Schläfe sichtbar, doch können wir uns auch in diesem Fall überzeugen, 
dass es nicht kurz gehalten ist. Die Form des Auges entspricht ebenfalls 
jener, welche wir bei der Büste beobachteten, nur dass hier, wo Beatrix 
geradeaus vor sich hinblickt, dessen Kleinheit auffallender ist, als auf dem 
Dreyfuss'schen Bilde, wo wir den Eindruck, dass die Augen klein seien, 
der eigentümlichen Art und Weise zuschreiben könnten, mit welcher der 
Künstler sie halbgeschlossen darstellte. Wenn wir der Abweichungen und 
üebereinstimmungen beider Denkmäler Bechnung tragen, so erkennen wir, 
dass nur wenig Jahre zwischen der Anfertigung der Büste und der Medaille 
verflossen sein können, so dass, wenn erstere vor der Hochzeit, etwa 1474 
bis 1475 entstand, letztere gewiss vor 1480 modellirt worden sein wird. 

Wesentlich später, etwa am Ende der achziger Jahre wurde da» 




Wiener Belief angefertigt, dessen Inschrift : BEGINA HVNGAEIAE BEA- 
TEIX DE ABAGK3NIA lautet. Aus dem zierlichen, unentwickelten Mädchen, 
dem Modelle der Büste ist hier eine mächtige, üppige Frau geworden. Der 
Schnürleib spannt sich straff über den hochgewölbten Busen und das Kinn 
hat sich im Laufe der Jahre verdoppelt. Schon bei der Medaille lassen 
sich die Keime dieser Neigung zum Fettwerden beobachten. Der von der 
Stime und dem Nasenrücken gebildete Winkel ist auch hier derselbe wie 
bei der Büste und der Medaille. Die Nasenspitze ist wie sämmtliche Gesichts- 
teile runder und fleischiger geworden, doch ist der ümriss des Nasen- 
rückens noch immer gebogen, so dass ich nicht glauben kann, Herr Bode 
habe die Zeilen, in welchen er behauptet «die Nasenspitze sei aufwärts 
gerichtet» angesichts des Bildes geschrieben. Gerade wie auf der Me- 
daille hängt hier der Schleier auf den Bücken herunter, und verdeckt die 
Haare^ welche nur bei der Schläfe sichtbar werden, jedoch genügend um 



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AUF UNOARN BEZUGLICHE RENAISSANCE- DENKMÄLER. 



festzustellen, dass es nicht kurzgescbnitten ist ; dagegen bleibt die Stirne 
frei. Das Auge entspricht genau jenem der Medaille. 

Aus Allem, was wir hier beobachtet haben, geht hervor, dass die drei 
Denkmäler zweifellos ein und dieselbe Persönlichkeit in drei Phasen ihrer 
Entwicklung darstellen, dass bei allen dreien die wesentlichen Formen ähnlich 
bleiben, während die Unterschiede die durch das Vorschreiten der Jahre 
Terursacht-en Verschiedenheiten wiederspiegeln. Sie sind richtig beobachtete 
Merkmale des zunehmenden Alters der Königin, und gerade dadurch beweisen 
sie, dass die Künstler die Aehnlicbkeit in allen drei Fällen richtig trafen. Unter- 
suchen wir nun d»8 Berliner Relief und was Herr Bode darauf bezüglich 
behauptet. Gewiss ist der Umstand, dass es ein Pendant bildet zu dem Por- 
trät eines Mannes ; wenn es also Beatrix darstellt, sehen wir sie frühestens 
in jener Zeit, wo sie die Braut des Mathias war, also ist es jedenfalls später 
entstanden, als die Pariser Büste. Wenn wir andererseits Herrn Bode zustim- 
men, dass das Frauenrelief nach der Natur, während das Männerrelief nach 
einem Bilde gearbeitet wurde, so können die beiden Rehefs nur bevor sie 
nach Ungarn gieng, in Italien gemacht worden sein, also früher als die 
Medaille. Zwar ist es nur ein äusserlicher Umstand, doch verdient es be- 
merkt zu werden, dass auf den beiden gesicherten Bildnissen Beatricens, 
von denen das eine sie etwas jünger, das andere sie etwas älter darstellt, 
sie lange Haare trägt, die jener Dame, die wir auf dem Berliner Relief 
aehen, dagegen kurz gehalten sind. Viel wesentlicher ist es aber, dass kaum 
ein Zug des Berliner Bildes mit jenen der Büste oder der Medaille überein- 
stimmt. Der Hals auf dem Relief ist fast cylindrisch im Gegensatz zu jenem 
der Büste, welcher entschieden kegelförmig zuläuft. Auf dem Relief bilden die 
Umrisse des Kinnes nahezu einen rechten Winkel, während auf der Büste 
und auf der Medaille sie etwa unter 112 Grad sich trefifen. Auf dem Relief 
ist der Nasenrücken geradlinig und der Winkel, unter dem er zur Stirne 
«tösst, mindestens 158 Grad. Das geradeaus blickende Auge ist gross, der 
höchstliegende Punkt des oberen Lides hegt viel näher dem entsprechenden 
Punkte der Brauen als der äussere Augenwinkel, während wir bei den 
gesicherten Bildnissen der Beatrix geradedas Entgegengesetzte beobachten 
konnten. Das Vergleichen der Stirne wird dadurch erschwert, dass Beatrice 
auf allen ihren beglaubigten Bildnissen einen Schleier trägt, welcher den 
Haar- Ansatz verbirgt, während der auf dem Berliner ReUef dargestellte 
Kopf unbedeckt ist ; wir können nur soviel entschieden wahrnehmen, dass 
bei dem letzteren die niedrige Stirn mit stark geschwungenem Bogen sich 
wölbt, auf den sicheren Bildnissen Beatricens dagegen der Umriss der Stirn 
viel flacher verläuft. Herr Bode betont, dass das Berliner Frauenbildniss 
sehr individuelle Züge aufweist, woraus wohl folgt, dass es die charakteri- 
stischen Eigentümlichkeiten der dargestellten Dame getreu schildert ; indess, 
da diese Züge einzeln und im Gesammten wesentlich von jenen der Beatrice 



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AUF UNGARN BEZÜGLICHE RENAISSANCE -DENKMÄLER. ^^ 

abweichen^ mässen wir den Schluss ziehen, dass der Künstler hier nicht 
Beatrice darzustellen beabsichtigte. 

Was den Männerkopf anlangt, behauptet Herr Bode, er sei wenig 
individuell behandelt, also dem lebenden Modell kaum ähnlich. Zu meinem 
Bedauern kann ich auch diesmal dem ausgezeichneten Berliner Gelehrten 
nicht beistimmen. Die bestimmt gegliederte Stirne, das leise Zusammen- 
ziehen der Brauen, wodurch Strenge in den Gesichtsausdruck kommt; 
die Linie des Nasenrückens, welche so fein geschwungen ist, dass maa 
bei oberflächlichem Betrachten glaubt, sie sei ganz gerade ; der etwas offene 
Mund, die bei der Nasenwurzel, bei dem Mundwinkel und an der Wange sa 
mannigfaltige Modellirung sind lauter Eigenheiten, welche nur auf Grund 
von Naturbeobachtung gebildet werden konnten, und fast ausschliessen, 
dass wir es hier mit einem Idealbilde, und nicht mit der Darstellung einer 
bestimmten Persönlichkeit zu thun haben. Allerdings ist es richtig, dass die 
Gesichtszüge an jene des Mathias Gorvinus überhaupt nicht erinnern, so wie 
wir sie auf dem Wiener Belief und seinen zwei Medaillen sehen. Nur betreffs 
eines Umstandes stimmt das Berliner Belief mit dem Wiener und der einen 
Medaille übereins, — doch dieser ist ganz äusserlich — dass auf allen dreien, 
der Dargestellte mit einem Eichenkranz geschmückt ist. Auf der kleineren 
Medaille ist Mathias mit Lorbeer bekränzt. Die Thatsache nun, dass 
weder Herr Bode, noch andere ein eichenkranztragendes itaUenisches Man- 
nerbüd aus dem XV. Jahrhundert namhaft machen können, ausser die drei 
hier angeführten, berechtigt kaum dazu in jedem so geschmückten, gleich- 
zeitigen Bildnisse den Ungamkönig zu erkennen. 

n. 

Haben die Verfasser der Beschreibung der Berliner Bildwerke christ- 
licher Epoche durch ihre Namengebung die unerfüllte Hoffnung in uns wach- 
gerufen, dass wir Gelegenheit haben von einem ausgezeichneten Künstler 
geschaffene Bildnisse des grossen Ungarnkönigs und seiner Gattin kennen zu 
lernen, und durch ihre wohlverdiente wissenschaftliche Autorität uns gezwun- 
gen, mit langwieriger Auseinandersetzung jede ihrer Behauptungen zu contro- 
liren, damit wir mit Beruhigung dem Ergebniss entsagen können, zu welchem 
sie gelangt sind, so bieten sie durch das reiche Material, das sie publicirt- 
und die Gründlichkeit, mit welcher sie es bearbeitet haben, die sichere 
Grundlage zur Bestimmung eines vor längerer Zeit (S. Arch. ^rt. X. 
p. 253) angeblich in Visegräd zum Vorschein gekommenen Denkmales. 

Auf dem aus rotem Marmor gearbeiteten Lunettenrelief sehen wir 
die Jungfrau Maria in Halbfigur, welche mit der rechten Hand das auf einem 
Kissen stehende Jesuskind stützt und mit der Linken einen Bausch ihrea 
Mantels erfasst. Unter ihrem linken Ellbogen guckt ein Engelkopf hervor^ 



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AUF UNOARN BEZÜGLICHE RENAISSANCE -DENKMALER. 



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Das mit einem Hemdeben bekleidete Kind erbebt segnend die Bechte^ 
^yäbrend es in der an seine Brost gedrückten Linken ein Yögelcben 
bält Hinter den Köpfen beider Gestalten sehen wir verzierte Heiligen- 
scheine. Auf dem Hintergrund sind Wolken durch längliche Wülstengruppen 
angedeutet. J. Hampel, der uns auf dieses Bildwerk neuerUch aufmerk- 
sam machte^ erkannte sofort aus der Composition und Zeichnung, und aus 
dem antikisirenden Charakter der BahmengliederuDg» dass es ein Werk eines 
italienischen Künstlers aus dem XV. Jahrhundert sein müsse. Um seiner 
Aufforderung, den Platz dieses BeUefs in der Beihe der italienischen Denk- 
mäler näher zu bestimmen, Genüge zu leisten, muss ich ein Ergebniss der 
Forschungen des Herrn Bode zur Hülfe nehmen. In den «Italienischen Bild- 





MEISTER DER MARMORMADONNEN. 
No 76. Berliner Sammlung. No 77. 

hauem der Benaissancet ist eine lange Beihe von Statuen und Behefs zusam- 
mengestellt, welche augenscheinUch einem und demselben Künstler zuge- 
schrieben werden müssen, dessen Namen uns aber weder eine Inschrift noch 
mit den Bildwerken nachweisbar zusammenhängende Urkunden verraten,, 
und welchen Bode als «Meister der Marmormadonnen» bezeichnet. Wenn 
wir die im BerUner Verzeichniss unter Nummer 76 und 77 aufgeführten 
Madonnen mit der Visegräder vergleichen, gewinnen wir die Ueberzeugung, 
-dass sie auch eine Arbeit des Meisters der Marmormadonnen ist. Das Christ- 
kind ist fast ohne Aenderung von Nummer 77 übernommen ; die Haltung 
des Kopfes, die Bewegung der segnenden Bechten, die Stellung der Beine, 
•die ModeUirung des Unterleibes, der Kniee und der Fussgelenke stimmen 
^enau überein. Nur die Bewegung des linken Armes ist verschieden : auf 



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AUF UNGARN BEZUGLICHE RENAISSANCE-DENKMALER. 



dem Belief Nr. 77 streckt das Christuskiod auch diesen aus, indem es mit der 
linken Hand einen Apfel emporhebt, auf dem Visegräder hält es in der 
Linken einen Vogel, den es an seine Brust drückt. Dieses Motiv hat der 
Künstler nun auf dem Belief Nr. 76 benutzt. Die eigentümliche Art, wie die 
Hand der Madonna mit gespreizten Fingern dargestellt ist, springt sowohl 
bei dem Belief Nr. 77 als auch bei dem Visegräder in die Augen. Auf beiden 
Beliefs ist das Unterkleid knapp unter dem Busen, hoch gegürtet,, 
und sowohl die schweren in sehr spitzen Winkeln zusammenstossenden 
Falten des Untergewandes, als die feinen Parallelfaltchen des Aermels 
wiederholen sich als charakteristische Eigenheit des Künstlers auf allen 
drei Bildwerken. Schade, dass sowohl das Gesicht der Maria, als jenes dea 
Christkindes so sehr verstümmelt sind, dass wir ihre Behandlung mit den 
Gesichtern auf den übrigen Beliefs nicht vergleichen und G^wiss- 
heit erlangen können, ob das Visegräder Belief auch hierin der Charakte- 
ristik entspricht, welche die Verfasser des Berliner Katalogs aus dem einge* 
henden Studium sämmtlicher bekannter Werke des anonymen Künstler» 
zusammengefasst haben. «Meister der Marmormadonnen» unter diesem 
Namen mag, nach dem Vorgang der deutschen Kunstgeschichte, bis auf 
weiteres ein anonymer Künstler gehen, auf den sich eine nicht unerhebliche 
Anzahl von Werken — mit Ausnahme einiger Büsten, durchgehends Ma- 
donnenreliefs in Marmor — zurückführen lässt. Der Meister gehört dem 
Kreise der Florentiner Marmorbildner an und steht etwa zwischen Antonio 
Bosselino und Mino, in der weichen Fleischbehandlung dem ersten, in der 
manierirten Faltengebung und dem starren, zuweilen karrikierten Gresichts- 
ausdruck den Werken der früheren Zeit des letzteren nahe kommend, mit 
dem er dann auch im Kunsthandel beharrlich verwechselt wurde. Dass der 
Künstler seine Hauptthätigkeit etwa zwischen 1460 — 70 entfaltete, wird 
ausserdem noch durch die, eng an Donatelleske Tradition anschliessende^ 
Ornamentik wahrscheinlich gemacht. 

Der Umstand, dass die Visegräder Madonna aus ungarischem Marmor, 
also hier zu Lande gearbeitet ist, bietet uns die Gewissheit, dass wir den 
Namen des anonymen Meisters in der Liste jener Italiener zu suchen haben, 
die am Hofe des Mathias Corvinus beschäftigt waren, und indem dadurch 
das zu durchforschende Gebiet eng begrenzt wird, wächst die Wahrschein- 
lichkeit, dass es gelingen wird, diese noch offene Frage zu lösen. 

Karl v. Pülszky.* 

- Ans .Archseologiai Ertesitö», 1890. S. 311 ff. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 17 

GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 
11. Kinder Johann Asens II. 

a) Aus der Ehe mit Maria von Ungarn. 

Mit Bestimmtbeit kennen wir hier nur folgende : 

a^) H e 1 e n e. 

Geboren im Jahre 1225, wnrde sie frühzeitig in das Getriebe politi- 
scher Gombinationen hineingezogen. 

Als nach der Flacht des Kaisers Bobert aus Konstantinopel die Krone 
auf dessen 1217/8 geborenen knabenhaften Bruder Balduin (11.) übergieng 
und man dringend der Verwaltung eines kraftvollen Mannes bedurfte, 
rieten einige der Beicbsgrossen, man möge den mit Balduin verschwägerten 
Johann As£n zum Beichsverweser ernennen und diesem Verhältnisse durch 
Vermählung des jungen Kaisers mit Johann As^ns Tochter Helene die 
rechte Weihe geben.* Jedoch zerschlug sich die Sache und man wählte 
den französischen Grafen Johann v. Brienne. 

Empört über die erfahrene Zurücksetzung, verband sich nun 
Johann As£n mit dem Kaiser Johann Vatatzes von Nikaea, um gemein- 
same Sache gegen das lateinische Kaisertum in Koustantinopel zu machen. 
Das Bündniss wurde durch die Verlobung Helene's mit dem Tronerben 
Nikaea's äusserlich besiegelt. Als nämlich Vatatzes im Sinne des mit dem 
Bulgarenzaren eingegangenen Bündnisses im Jahre 1 235 die Stadt G^li- 
poli erobert hatte, kamen beide verbündete Herrscher, von ihren Gemahlin- 
nen begleitet, in der eroberten Stadt zusammen. In Lampsakos wurde nun 
die bereits im Vorjahre geplante Verlobung der Prinzessin Helene mit dem 
im Jahre 1223 geborenen Prinzen Theodor von Nikaea gefeiert. 

Im Jahre 1237 trat zwischen den Verbündeten eine Spannung ein; 
Johann As^n unternahm mit seiner Gemahlin Maria eine Beise nach 
Adrianopel und drückte Vatatzes gegenüber den Wunsch aus, er möchte 
gerne sein Töchterchen an seiner Seite sehen, worauf er es wieder an den 
nikäischen Hof zurücksenden wolle. Kaiser Vatatzes mochte wohl Johann 
Aflins Absichten durchschaut haben, denn er erinnerte ihn an die Hei- 
ligkeit des Eides und an den obersten Bichter. Sobald die junge Prinzessin 
in Adrianopel war, trennte sie Asin von ihrem nikäischen Geleite, setzte 
die sich weinend Sträubende unter Gewaltandrohungen vor sich auf sein 

* Sanndo ap. Bongars, Gesta Dei per Francos 11. 73. 
Ungaritehe Beme, XL 1801. L Heft. 2 



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18 



GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE, 



Pferd und ritt nach Timova; als aber noch im selben Jahre Gemahlin und 

Sohn Johann AaSns plötzlich starben, sah der Bulgarenzar hierin einen 

Fingerzeig der Vorsehung, worauf er Helene ihrem Verlobten zurücksandte 

und sich mit Vatatzes versöhnte. 

Helene 's Gemahl bestieg als Theodor II. den Tron von Nikaea, starb 

aber schon im August 1 258. Helene's Schicksale, sowie die Zeit ihres Todes 

sind unbekannt. Ihre Kinder sind gleichfalls der Spielball der Politik 

geworden (s. u.). 

a*) Zar Koloman I. 

Geboren im Jahre 1232,* folgte er seinem Vater 1241. Seine Vor- 
münder hatten mit Vatatzes Frieden geschlossen und sind aus der kurzen 
Begierungszeit dieses Zaren keine bemerkenswerten Ereignisse zu ver- 
zeichnen. Noch weniger wissen wir, ob er verlobt wurde. Er starb Ende 
September 1246; es heisst, er sei vergiftet worden. 

a^) Anonymer Sohn. 

Gleichzeitig mit der Zarfn Maria und dem Patriarchen von Timova 
ist 1237 ein Sohn Johann As^ns IL einer Epidemie zum Opfer gefallen. 
Weder der Name noch das Alter dieses Knaben ist bekannt. 

a*) T h a m a r. 

Diese Prinzessin wird von Akropolita ausdrücklich eine Schwester 
Ealimans und Tochter der ungarischen Maria genannt. 

Engel 417 hat folgenden Passus: «Jedoch hatte die Wittib (Johann 
Asins II.) Irene dem jungen Mich. Asan (ihrem Sohne) eine Begierde, sie 
und ihren Bruder Demetrius an den griechischen Kaisern zu rächen, ein- 
geflösst. Diese ßachbegierde kannte man, und man wollte ihr noch bei 
Lebzeiten des Vatatzes durch eine Heirat zwischen Michael Comnenus, 
Sohn des thessalonischen Statthalters Andronicus, und zwischen Thamar, 
Schwester des Colomann, zuvorkommen.» — Jireßek 268 führt hingegen 
auf seiner Stammtafel der As^niden den Michael Komnenos ausdrücklich 
als Gemahl der Thamar an und beruft sich hierbei auf Akropolita 738. 

Zur Klärung dieser von Engel nur angedeuteten, von Jire6ek apo- 
diktisch zugegebenen Allianz ist es nötig, die Person dieses Michael Kom- 
nenos näher zu beleuchten. 

Sein Vater ist Andronikos Komnenos Palaiologos, Gross-Domestikus, 
vom Kaiser Johann Vatatzes zum Präfekten von Thessalonike ernannt ; 

* Nach Anderen wäre er beim Tode seines Vaters schon im 14. Lebensjahre 
gestanden ; doch verdienen die Angaben der Byzantiner, er wäre damals ein 9j ähriger 
Knabe gewesen, mehr Glauben. Den Namen Eoloman erhielt er jedenfalls über 
Antrag seiner ungarischen Mutter, die einen gleichnamigen Bruder (König von Halics, 
I 1^1) hatte. Er kommt auch als Kaliman vor. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 



19 



^wurde mit einer Flotte and an der Spitze der gesammien Heeresmacht 
nach Rhodos geschickt, um den Bebellen «Csesar» Gabalas zu unter- 
werfen.^ Seine Mutter ist die Tochter des Alexius Falaiologos und der Irene 
Eomnena Angela, einer Tochter des Kaisers Alexius III. (a. d. H. der 
Angeli). Beider Sohn Michael (den Akropolita c. 46, 50 etc. meistens Michael 
Eomnenos, seltener Falaiologos nennt) ist 1224 geboren. Er wurde poli- 
tischer Umtriebe halber durch Nikolaus Manglabites, der es von Anderen 
gehört haben wollte, bei Kaiser Johann Yatatzes angeklagt und dessen ver- 
dächtigt, da SS er nach dem Tode des Demetrius Tomikos in Thessalonika 
-eine unabhängige Herrschaft errichten wolle; um dies zu ermöglichen, 
gedenke er sich mit Thamar, der Tochter Johann As^ns U., zu vermählen 
und auf diesem Wege ein Bündniss zwischen den Bulgaren und seiner 
eigenen Herrschaft zu Stande zu bringen. Die seitens des Kaisers eingelei- 
tete Untersuchung ergab jedoch, dass derjenige, von dem Manglabites die 
Sache gehört haben wollte, Michael für unschuldig erklärte und die ganze 
Anklage eine Erfindung des Anklägers sei. Nachdem sich noch von frän- 
kischer (lateinischer) Seite Stimmen zu Gunsten Michaels erhoben, fand 
«8 Kaiser Yatatzes geraten, Michael von der ihm auferlegten Probe, eine 
glühende Eisenkugel in den Händen zu halten, ohne sich zu brennen, zu 
dispensiren und ihn vollständig freizusprechen. 

Unter Theodor 11., dem Sohne und Nachfolger des Kaisers Johann 
Yatatzes, wurde Michael Gross-Gonnetable ; unter der Begierung des jün- 
geren Johann Laskaris, des Sohnes und Nachfolgers Theodor's IL, dessen 
Yonnund er geworden, erhielt er die Würde eines Gross-Domestikus und 
Despoten, schliesslich wurde er 1260 Kaiser in Nikaea und am 25. Juli 
.1261 Kaiser in Konstantinopel. 

Unser Michael Komnenos ist also Niemand Anderer als der byzan- 
tinische Kaiser Michael YIII., der erste Palaiologe auf dem Trone ; er 
starb 1282. Nach seiner unter Johann Yatatzes erfolgten Freisprechung sollte 
«r die Enkelin dieses Kaisers, nämlich die Tochter des Tronfolgers Theodor, 
Irene heiraten, welche Ehe jedoch vielleicht wegen zu naher Yerwandt- 
schaft nicht geschlossen wurde. Es bestand nämlich zwischen dem Faare 
folgende Yerwandtschaft: 

Kaiser Alexius m. (Angelos Komnenos) 
Gern« Euphrosyne Dukaena a. d. H. Kamateros. 

Irene Komnena Anna Komnena 

Oem. 1. Andreas Kontostephanos, Gern. 1. Isak Komnenos, Sebastokrator \ um 1196, 
2. Alexias Palaeologos. 2. Theodor Laskaris I. Kaiser von Nikaea. 



2. Tochter 2. Irene 

Gern. Andronikos Palaeologos, Gross- Gem. 1. Andronikos Palaeologos, Despot, 

Domestikns. 2. Kaiser Johann Yatatzes. 



Michael Komnenos Palaeologos 2. Kaiser Theodor IL 

(Kaiser Michael Vlll.). Gem. Helene, Tochter des Zaren Johannes Asfo II. 

Irene. 

* Akropolita cap. 46. (Seite 46 der Pariser Ausgabe). 

2* 



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20 GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

Irene war also gewissermassen MicbaeFs Nichte. Nachdem sich dieseir 
Heirateplan zerschlagen, nahm sich Michael eine Enkelin des Bruders des 
Kaisers Johann Vatatzes zur Frau. 

Ihr Name ist Theodora ; ihr Vater beisst Isak Dukas, ist Sebastokra- 
tor; ihre Mutter ist die Tochter des Sebastokrators Johann Dukas. 

Wir ersehen aus dem Bisherigen, dass eine Ehe zwischen der Prinzessin 
Thamar und einem Michael Eomnenos nie existirt bat, ja dass es Letzterem 
niemals ernstlich eingefallen war, dieselbe auch nur anzubahnen. Somit 
wissen wir über die Schicksale dieser As^nidentochter nichts Goncretes. 

Es gibt aber einen Weg, um sowohl über eine etwaige Allianz dieser 
Prinzessin, als auch über einen dunkeln Punkt der AsSnidengenealogie 
einige — wie ich glaube gerechtfertigte — Vermutungen aufzustellen. 

Am 15. Juni 1253 haben die Bagusaner mit dem Bulgarenzaren 
Michael AsSn ein Schutz- und Trutzbündniss gegen den Serbenkönig Stefan 
Urosch I. geschlossen ; * die Bestimmungen des Vertrages haben aber nicht 
nur für Michael allein Geltung, sondern sie erstrecken sich auch auf die 
Person und auf das Gebiet des Sebastokrators Peter. 

Die Urkunde nennt diesen Peter: tZemle zete svetoho ti caristvo 
Petra sebastokratora» «tvolo svetoho ti caristva. . . Petra visokoho sebasto- 
kratora.» Ich bin leider nicht in der Lage, über das in der Urkunde aus- 
gedrückte Affinitätsverhältniss des Sebastokrators Peter zum Zaren Michael 
As2n mir persönliche Auskunft zu verschaffen, muss mich somit auf die 
Angaben Anderer stützen. Wenzel übersetzt nan die betreffenden Stellen 
der Urkunde folgendermassen ins Ungarische: «Die Leute und Eaufleute 
Deiner heil. Zarlichkeit und des Schwiegersohnes Deiner heil. Zarlich- 
keit, des Sebastokrators Peter . . . sollen in Ragusa Schutz finden» «Ebenso 
die Eaufleute Bagusa's, die des Handels wegen in das Gebiet Deiner heil. 
Zarlichkeit oder in jenes des Schwiegersohnes Deiner Zarlichkeit, des 
Sebastokrators Peter kommen. — » Jireßek 268 und 386 führt den 
Sebastokrator Peter gleichfalls mit Berufung auf obige Urkunde als Schwie- 
gersohn Michael's an ; doch widerruft er diese Angabe an anderer Stelle,** 
indem er Folgendes sagt: «In der Genealogie der As^niden in meiner . . 
Geschichte der Bulgaren p. 268 . . ist u. A. ein grosser Fehler : Peter Sevas- 
tokrator war nicht Schwiegersohn, sondern Schwager des Zaren Michael 
AsSn.» Nachdem es nun ein für allemale unmöglich ist, in Peter einen 
Schwiegersohn Michaels anzunehmen — weil Zar Michael 1253 ein höch- 



■•'- Veröffentlicht u. A. in Miklosich Monum. Serb. 35, "Wenzel 11. pag. 
358 seqq. 

-*'* Schreiben des Herrn Prof. Konstantin Jireöek an mich do. Prag 27. Dezem • 

her 1887. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 31 

«tens ISjähiiger JäDgling gewesen, — acceptire ich, gestützt auf Jire6eks 
Autorität, den Sebastokrator Peter als den Schwager Michaels. 

Zar Michael, ein jüngerer Sohn Johann As^ns TL, ist — wie wir unten 
sehen werden — bestenfalls 1238 geboren und 1253 noch unvermählt 
gewesen, somit kann die Schwagerschaft Peters sich nur dahin erklären, 
-dass Peter der Schwestermann Michaels gewesen. Fragen wir nun, welche 
seiner Schwestern wohl an Peter vermählt gewesen sein konnte, so ergibt 
sich die Antwort, dass es keine der jüngeren Schwestern Michaels gewesen, 
-da sich dieselben 1253 noch in sehr jugendlichem Alter befanden, und 
dass sich als Gattin Peters ganz entschieden die Prinzessin Thamar anneh- 
men lässt, nachdem sie 1253 sich in der vollsten Reife weiblicher Ent- 
wickelung befinden konnte und wir keinen anderen Gatten ihrerseits 
kennen.* Damit will ich nun nicht mit absoluter Gewissheit gesagt haben, 
Peter sei Thamar's Gemahl, ich will damit nur die Möglichkeit anbahnen, 
diesen documentarisch sichergestellten Schwager des Zaren Michael AsSn 
auf der Stammtafel der As^niden zu unterbringen und dies glaube ich am 
richtigsten durchzuführen, indem ich ihn als fraglichen Gütten Thamar's 
aufnehme. 

b) Aus der Ehe mit Irene Angela : 

a^) Zar Michael I. (Äsen). 

Da Johann As^n U. sich frühestens Ende 1237 mit Irene vermählt, 
könnte Michael, wenn er das erste Kind dieser Verbindung gewesen, 
frühestens 1238 geboren sein. Jedenfalls war er, als er 1246 seinem Bru- 
der Eoloman in der Regierung folgte, ein unmündiger Knabe, für den 
seine Mutter Irene die Regierung führte.** 

Die Regierungszeit MichaeFs ist eine Kette von fruchtlosen Versuchen^ 
die Grösse Bulgariens in jenem Maasse herzustellen, in welchem sie sich 
zur Zeit des Todes seines Vaters befunden. Die erfolglosen Kriege, in die 
•er sein Land gestürzt, mögen wohl im Vereine mit den Tronaspirationen 
seines Verwandten, des Prinzen Koloman, den Ausbruch der Unzufrieden- 
heit einer grossen Partei gefördert haben, als deren Opfer Michael 1257 
fiel. Er befand sich ausserhalb seiner Residenz, als er von Koloman, den 
eine Schaar Timovaer begleitete, erschlagen wurde. 



* üeber das Jahr ihrer Vermählung stehen uns keine Daten zur Verfügung. 
Nach einer Notiz ap. Engel 411, bemerkt Nikephor, dass Thamar noch nach dem 
Jahre 1245 unverehelicht gewesen sei. 

** Eine Münze ap. Ljubic, Opis jugoslavenskih novaca, Agram 1875, ^t IE. 
^r. 17 hat folgende Inschiift: c(ai) Michail — c(arica) Erina. 



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22 GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

Michaels Gattin war die Tochter des «Bosses Uros», in dem wir den^ 
Borikiden Bostislav, Fürsten von Halles und Ban von Macsö, Schwiegersohn 
des Ungamkönigs Bela IV. zu erkennen haben. 

Akropolita ^ erzählt, dass sich der Bulgarenzar Michael I. As£n (um 
1255) mit der Tochter des «Bossos Uros», eines Schwiegersohnes des Königs 
von Ungarn, vermählt. Dieser Bossos Uros gelangte dadurch in die Lage, 
sich in die Angelegenheiten Bulgariens zu mengen. Im Frühjahr 1257 ver- 
mittelte er z. B. einen Frieden zwischen seinem Schwiegersohne und dem 
Kaiser Theodor 11. von Nikäa. 

Als nach Michaels Ermordung der Usurpator Koloman IL sich der 
jungen Zarin- Witwe, der Tochter Bossos Uros', bemächtigte, zog Bossos 
Uros, der diese Verbindung seiner Tochter nicht billigte, 1258 nach Bul- 
garien, rückte mit einer Armee gegen Timova vor, worauf der Usurpator 
die Flucht ergriflf und auf derselben getödtet wurde. 

Obzwar nun die griechischen Quellen nur den einen Erfolg dieses sieg- 
reichen Vorgehens Bossos Uros' in Bulgarien anerkennen, dass er seine 
Tochter den Händen des Usurpators entrissen und nach Hause genommen, 
ist es aus abendländischen Quellen sichergestellt, das Bossos Uros, in dem 
wir unseren Bostislav zu erkennen haben, durch seinen Sieg über den Usur- 
pator sich eine Zeit lang zum Herrn der zerrissenen Situation in Bulgarien 
gemacht, dass er auf kurze Zeit die Zügel der Herrschaft in seiner Hand 
vereinigte und dass er den Mytzes unter seiner Oberhoheit zum Zaren der 
Bulgaren einsetzte. 

Nun existirt aber eine ansehnliche Anzahl von Autoren, die in Bossos 
Uros nicht unseren Bostislav, sondern jemand Anderen vermuten. Nament- 
lich that dies 1841 Palacky,* der den Beweis zu erbringen bestrebt war, 
dass sich der Bericht des Akropolita nicht auf Bostislav, sondern auf den 
Serbenkönig Stefan Urosch L beziehe. 

Die kräftigsten Verteidiger der Palackyschen Hypothese waren der 
Busse Golubinski und der neueste Autor der Geschichte der Bulgaren : 
Jire6ek.' Letzterer behauptet, das dass Akropolitasche Oupo^ die Schreibweise 
für das serbische : Uros sei, während andere Byzantiner allerdings dafür 
Oipeatq schreiben. 

Dafür, dass wir unter Bossos Uros unseren Bostislav zu verstehen 
haben, sprachen sich schon vor langer Zeit Gebhardi, Engel, Fessler, 

* Bonner Ausgabe, 1836, pa/. 1:34. — Hier sei nur zum Beweise des Behaup- 
teten angeführt, dass sich Bostislav um die erwähnte Zeit den Titel eines Zaren von 
Bulgarien beigelegt, wie dies aus einer Urkunde Bd. I pag. 3 der gräflich Zichyschen 
Urknndensammlung ersichtlich ist («Nos Razlaus Dux Galaoinp ac Imperator Bul- 
garorumi). 

* In seiner Abhandlung «lieber den russischen Fürsten Bostislav • Radhost II 27^w 
« Geschichte der Bulgaren 1876, pag. 266, 270. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAKEN-GENEALOGIB. 



23 



C. H. Palanzow ^ u. A. aus. Ihnen reiht sieh Wenzel in seiner öfter erwähn- 
ten Abhandlung über Bostislav an. Die Gründe^ die er zur Verteidigung 
seiner Ansicht ins Treffen führt, sind etymologischer, politischer und 
genealogischer Natur. 

1. Wenzel geht von der Ansicht aus, dass die Bezeichnung «dominus 
de Machout mit «Herr» oder dem ungarischen tur» gleichbedeutend ist; 
das Wort «Herrt sei aber sowohl bei abendländischen als morgenländischen 
Autoren im Sinne des « Führers • gebraucht worden.^ Damit stehe nun im 
Zusammenhange, dass das AkropoUtasche Bossos Uros einen «ür» russischer 
Abstammung bezeichne, was vollständig dem 1254 urkundlich vorkommen- 
den «Dominus de Machout im Sinne des «Führers • oder «Herzogst 
entspreche. 

2. Dazu, dass wir einen so wichtigen historischen Akt, wie Bostislavs 
Intervention in Bulgarien, leugnen sollten, hält Wenzel die unbestimmte 
Sofareibweise eines Personeneigennamens nicht für genügend, dazu gehören 
jedenfalls quellenmässig beglaubigte Daten, weil Bostislavs bulgarische 
Intervention an und für sich mit bewiesenen historischen Thatsachen in 
Uebereinstimmung steht. Und schliesslich ist ja die Unbestimmtheit in den 
Personeneigennamen auch nicht vollständig ausgesprochen. Stefan Uros 
kann man nicht einen rassisch-ungarischen Herrn nennen ; auch bezeichnen 
ihn die byzantinischen Autoren nicht als solchen, sondern immer als 
«Uresis». 

3. Die präzise Angabe Akropolitas, dass Bossos Uros Schwiegersohn 
des Königs von Ungarn gewesen, ist keineswegs auf Stefan Urosch von Ser- 
bien anzuwenden, dessen Gattin Helene zwar abendländischer Abstammung, 
aber keinesfalls die Tochter eines ungarischen Königs gewesen. 

4. Nicht nur Gomides hält Bostislav bulgarischen Ursprunges, sondern 
noch zahlreiche andere ältere und neuere Autoren ; z. B. Neplach,^ Pul- 
kava * etc., die, so oft sie von Bostislavs Tochter Kunigunde sprechen, sie 



* In der Abhandlung «Rosztizlav Macsevskit im 71. Bande des Journals des 
mssiBchen Unternchtsministeriums. 

* Kinnamos und Niketas Choniata z. £. geben an, dass Kaiser Manuel 
Ladislans ü. auf den Thron Ungarns erhoben, und neben ihn seinen Bruder Stefan 
in jene Würde eingesetzt habe, die die Ungarn «ür» nennen (ti^v Ovqov/4 inexk^- 
Qioaav); Kinnamos, Bonner Ausgabe 1836, 203, Niketas do. 1835, lß5. — Die Abend- 
länder hingegen (nämlich deutsche Chronisten) erwähnen gelegentlich der Wieder- 
gabe der ungarischen Geschichte des X. Jahrhunderts ungarische Anführer des 
Namens tAssuri, «Sur», «Surai ; dies sind keine Eigennamen, sondern Verballhor- 
nungen des Wortes «az ür» = der Herr. 

^ cFiliam Bostyslai Ducis Bulgarorum» ap.Petz II 1083; Dobner, Monum. VII 113 
^ cCnnegundem filiam Hostislai Ducis Bulgarorum, ueptem Bela^ Regis Unga- 
roromt ap. Dobner III 231. 



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-^ GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

eine Tochter des Bnlgarenförsten Bostyslaus oder Hostyslaos nennen. Aach 
Dlugosz nennt die Griffina^ Gemahlin Leszeks des Schwarzen Ton Erakan, 
bulgarischen Ursprunges.* 

5. Bostislav selbst nennt sich «Imperator Bulgarorumf.** 

Wir haben der Wenzelschen Auseinandersetzung unter voUer Aner- 
kennung ihrer Stichhaltigkeit Folgendes zuzufügen : 

1. Was die etymologische Seite der Sache anbelangt, gebe ich zu, dass 
«Uros» die gräzisirte Form des ungarischen «ürt sei, doch scheint mir die 
sprachliche Erklärung des «Bossost als «russisch» misslungen. Mir scheint 
«Bossos» die gräzisirte Form von «Bos», der Anfangssilbe des Namens 
Bostislav, zu sein. 

± Politischerseits haben wir zu erwägen, dass Zar Michael I. von Bul- 
garien deshalb die Tochter des Bossos Uros zur Gemahlin genommen, weil 
er durch diese Ehe ein Gegengewicht gegen die Aspirationen des griechischen 
Hofes sich verschaffen wollte. 

Nun liegt es doch auf der Hand, dass durch ehelichen Anschluss an 
den Schwiegersohn des Königs von Ungarn sich dieses Gegengewicht viel 
sicherer erlangen liess, als durch eheliche Allianz mit den damals noch 
unbedeutenden und politisch nicht sehr in die Wagschale fallenden Nema- 
njiden ; zudem ist uns ja nichts von einer solchen Tochter Stefan ürosch' I. 
überliefert. 

3. Ganz abgesehen davon, dass ja Akropolita deutlich den Bossos Uros 
einen Schwiegersohn des Königs von Ungarn nennt, ist nicht zu vergessen, 
dass einer Vermählung Michaels mit einer dem Ärpädenhause verwandten 
Prinzessin schon durch die Vermählung seines Vaters ein mächtiges Prä- 
zedens geboten ward und dass die Allianz sowohl ungarischer- als bulga- 
rischerseits genealogisch und politisch gerechtfertigt war : 

Andreas II. von Ungarn, 
t 1235. 



B61aIV., Marie, — ^ Johann Asön n., 

t 1270. t 1237. 1220/1. f 1241. 

Anna. 3. Oem. Irene Laskara. 

Gem.: Roatislav. ^ | 

Tochter. — ,, 3) Michael I. (Äsen), 

am 1255. f 1257. 




Ich schliesse mich also ganz üb4 &^ ^^^ Meinung an, dass unter 
Bossos Uros ausschliesslich Bostislav von Maöva zu verstehen sei. 

Bostislav's und seiner Gemahlin Anna (Todhter Bela*s IV.) ungenannte 
und um 1255 an Michael I. vermählte Tochter ist, da sie unter ihren 
Schwestern als die zuerst vermählte erwähnt wird, jedenfalls das älteste 



* cMatrona Bulgariae ortai ed. Lips. 1711, VII 858. \ 

** Zichysches ürkundenbuch I 3. \ 



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GLOSSEN ZUR BULGABISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. ^^ 

Kind ihrer Eltern. Sie dürfte somit 1244 geboren und in ihrem 11-ten 
Xiebensjahre vermählt worden sein. Ob sie nach dem Tode ihres Oatten^ 
Yon dessen Nachfolger, Koloman 11.^ legitim geehlicht wurde^ oder nur als 
Erbstück des ermordeten Michael ohne Weiteres übernommen wurde, ist 
nicht genau bekannt. Ueber ihre ferneren Schicksale stehen uns keinerlei 

Daten zur Verfügung. 

a*) Maria. 

üeber diese Prinzessin vgl. 13) Mytzes. 

a') Theodor a. 

Diese wird von Akropolita gleichfalls als Irene's Tochter angeführt^ 
-doch begeht er die Inconsequenz, sie auch Anna zu nennen. Ihre Geschichte 
ist vollständig unbekannt. 

Ausser den bisher Angeführten kennen wir noch folgende Töchter 

Johann AsSnsII: 

a**) B e 1 o s 1 a V a (W 1 a d i s 1 a v a). 

Die Erörterung ihrer Verhältnisse s. unter Stefan Wiadislav von 
Serbien. (Vgl. meine genealogische Geschichte der südslavischen Dynas- 
tien — ung. — ) 

a®) Maria. 

Natürliche Tochter Johann As^ns II. von unbekannter Mutter. 

Als Theodor Angelos, Despot von Epiros, die Grenzen seines Reiches 
mehr und mehr erweiterte^ musste es zwischen ihm und Johann Äsen II. 
2U Auseinandersetzungen kommen. Der Bulgarenzar fand es Anfangs 
geraten mit Theodor auf freundschaftlichem Fusse zu stehen und ein Aus- 
fluss dieses Bundes war die Vermählung Maria's, der natürlichen Tochter 
des Zaren, mit dem Prinzen Manuel Angelos, Theodors Bruder. 

Das Jahr der Vermählung lässt sich nicht apodiktisch festsetzen^ doch 
gehen wir nicht irre, wenn wir dafür ca. 1225 annehmen. Da diese Maria 
jene Tochter Johann AsSn's II. ist, die sich unter ihren Schwestern am 
frühesten vermählte, so ist sie sicherlich ihres Vaters erstes Kind und 
muss sie deshalb die Reihe der Kinder Jobann Asens II. eröffnen. 

Als Theodor — nachdem er den Freundschaftseid gebrochen — in 
<ler Schlacht bei Klokotnica im April 1230 aufs Haupt geschlagen wurde, 
Hess Johann AsSn seinen Schwiegersohn im Besitze von Tbessalonich und 
•einigen Stücken von Epiros, worauf Manuel den Kaisertitel annahm. 

Als nun Johann Äsen 1237/8 sich mit Irene Angela, der Nichte 
ifanuers verheiratete, mag ihm die Verschwägerung mit seinem Schwieger- 
sohne denn doch nicht ganz bequem für sein religiöses Gewissen erschie- 
nen sein. Er Hess daher seinen Schwiegervater, den in der Schlacht bei 
'Klokotnica gefangenen und geblendeten Theodor frei und bot ihm genü- 
gende Hilfe, sich Thessalonichs wieder zu bemächtigen. Theodor nahm den 



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2ö GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 

Kaiser Manuel gefangen, internirte ihn in dem pamphilischen Attalia und 
schickte die Kaiserin Maria zu ihrem Vater nach Bulgarien zurück.^ 



12. Zar Eoloman II. 

Wie wir wissen hat Zar Johann As^n I. zwei unmündige Söhne hin- 
terlassen, deren jüngerer den Namen Alexander geführt. Dieser teilte die- 
Schicksale des älteren Bruders Johann Äsen bis zu dessen Tronbesteigung^ 
Er dürfte sofort nach dem Begierungsantritte desselben die Würde einea 
Sebastokrators erhalten haben und es ist fast sicher anzunehmen, dass er 
Johann AsSn II. nicht überlebt hat, weil es sonst unerklärlich wäre, dass wir 
gelegentlich der Regierung seiner beiden minderjährigen Neflfen Koloman 
und Michael nicht auf sein politisches Wirken stossen. 

Aus seinem Leben wissen wir nur sehr wenig.* Aus einer unten aus- 
führlicher zitirten Urkunde ersehen wir, dass er in einem gegen Ungar» 
geführten Kriege das bulgarische Heer kommandirte (was aber vor 123S 
verfolgt ist.) Nichtsdestoweniger ist es aber heute gang und gäbe, ihm 
einen Sohn Namens Koloman zuzuschreiben, denselben nämlich, der den 
Zaren Michael I. 1258 ermordete. Niketas nennt ihn nur einen Verwandten 
Michael's. Die Provenienz seines ungarischen Namens betreffend, ist anzu- 
nehmen, dass er wahrscheinlich gleichzeitig oder kurz nach Johann 
Asen's 11. Sohn Koloman geboren wurde oder dass seine Mutter vielleicht 
auch eine Ungarin gewesen. 

Koloman IL suchte den durch einen Mord erworbenen Tron dadurch 
zu kräftigen, dass er sich mit thunlichster Eile zum Gatten der jungen 
Zarenwitwe aufdrängt. Bostislav, von der Wendung der Dinge in Bulgarien 
unterrichtet, zog mit einem Heere gegen Timova ; bevor er aber noch 
daselbst eintraf,^ war der Usurpator nicht mehr am Leben. Koloman hatte 
(entweder auf die Nachricht von Rostislavß Anzüge hin oder einer ihm feind- 
lichen einheimischen Partei weichend) die Flucht ergriffen und fand auf 
derselben seinen gewaltsamen Tod. 

Mit ihm ist der Mannesstamm der Aseniden ausgestorben und hän- 
gen sämmtliche Herrscher Bulgariens bis zu den Zeiten der jüngeren Sis-^ 
maniden entweder durch mütterliche Abstammung oder nur durch Ver- 
schwägerung mit den Aseniden zusammen. 



* Engel 414 meint, Johann Aßdn habe Manuel's Sturz mir deshalb befördert,, 
damit er durch Trennung der Ehe Manuel's die Wirkung der gegenseitigen Verwandt- 
schaft aufhebe. 

' Der Pomenik erwälmt ihn als Alexander, Sebastokrator, Bruder des grosseik 
Zaren Asön. 

* Jirecek 267. 



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GLOSSEN ZUR BULGAM8CHEN ZA REN -GENEALOGIE. 



27 



13. «Zart Mytzes. 

Wenn wir die Berichte der Byzantiner Georg Pachymeres nnd Nike- 
phor Gregoras * snmmiren, so ergeben sich für die auf Eoloman's II. Tod 
gefolgten unmittelbaren Ereignisse folgende Besultate : 

Bostislay hatte, als er nach Michael's und Eoloman's II. Ermordung 
die Ordnung in Bulgarien hergestellt, den Mytzes, den Gemahl der Maria,, 
einer Tochter Johann Asen's ü. und der Irene Angela, zum Machthaber in 
Bulgarien eingesetzt. Mjrtzes, ein energieloser und träger Mensch, zeigte sich 
jedoch nicht gewachsen, die ihm zugefallene Aufgabe zu lösen und sa 
gelang es dem von der nationalen Partei aufgestellten Konstantin (siehe 
Konstantin), den Kampf gegen Mytzes siegreich zu Ende zu führen. Der 
erste Schritt hierzu war die Einnahme Timova's, aus dem Mytzes floh und 
in welchem sich Konstantin zum Zaren krönen Hess. Mytzes gelang es 
zwar bald darauf seinem Gegner eine Schlappe beizubringen, in Folge- 
deren sich derselbe in das Schloss Stenimachos zurückziehen musste, doch 
gelang es den mit Konstantin verbündeten Truppen des nikäischen Kaisern 
Theodor 11. den Belagerten zu entsetzen. Der im August 1 258 erfolgte Tod 
Theodor's 11. war für Mytzes ein grosser Nachteil und wir irren wohl nicht,, 
wenn wir behaupten, dass er sich nun nur mit ungarischer Hilfe in den 
Gebirgsgegenden um Tirnova herum gegen Konstantin kümmerlich behaup- 
tete. Als aber um 1 264 Mytzes auf sich allein angewiesen war, zwang ihn 
Konstantin zur Flucht. Er floh nach Meeembria und warf sich bald in die 
Arme des Kaisers Michael Palaiologos von Konstantinopel, dem er Meaem- 
bria und Anchialus gegen einige erträgliche Güter am Skamander in Kol- 
chis übergab. Was mit Mytzes ferner geschehen, ist unbekannt; es scheint 
dass er 1278 (als sein Sohn zum Zaren Bulgariens ersehen wurde) nichi 
mehr am Leben gewesen; auch über die Geschicke seiner Gattin Maria 
sind wir im Unklaren ; sie hat jedenfalls — gleich ihrem Gatten ~ ihr 
Leben auf den Gütern am Skamander beschlossen. 

Jire^ek 270 leugnet die Herrschaft des Mytzes, lässt nach Koloman's IL 
Ermordung sofort den Konstantin zum Zaren gewählt werden und hält ea 
für sehr wahrscheinlich, dass dieser Mytzes Niemand Anderer, als der 
durch Sagen entstellte Zar Michael AsSn (Mica, Diminutiv für Michail) sei. 
Er begründet dies Alles damit, dass der Zeitgenosse Akropolita, der doch 
1260 den Zaren Konstantin persönlich kennen gelernt, von der 2jarenschaft 
des Mytzes Nichts erwähne, und dass wir unsere Nachricht über Letzteren 
nur dem späteren Zeitgenossen Pachymeres und dem Epigonen Nikephor 
Gregoras verdanken. Dem gegenüber haben wir Folgendes zu erwägen: 



* Ergterer lebte 1242—1308, Letzterer 1295—1360. 



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1 



^8 GLOSSEN ZUR BULGARISCEtEN ZAREN -GENEALOGIE. 

a) Mytzes ist yon Bostislav sicherlich nicht zum Machthaber ganz 
Bulgariens eingesetzt worden. 

h) Sofort nach dem Antritt seiner Herrschaft hat die mit seiner Per- 
son und der ungarischen Oberherrlichkeit unzufriedene nationale Partei 
<len Konstantin zum Zaren gewählt. 

c) Mytzes war somit nach kurzer Herrlichkeit zur Bolle eines angefein- 
deten und verfolgten Prätendenten gelangt, während Konstantin sowohl 
Ton seinen eigenen Unterthanen, wie auch vom kaiserlichen Hofe zu Kon- 
«tantinopel als faktischer und legitimer Beherrscher Bulgariens anerkannt 
worden ist. 

Somit haben wir allenfalls das Becbt, Mytzes — der niemals zur 
selbstständigen und unbeschränkten Herrschaft gelangt war — nicht in 
<lie Zarenreibe aufzunehmen (in der er als Michael U. figuriren müsste) ; 
aber daraus, dass der Weihnachten 1260 am Hofe Konstantins glänzend 
empfangene Akropolita einzig und allein nur Konstantin als Zaren Bulga- 
riens kennt und seine Tronbesteigung ohne Berücksichtigung der mit 
Bezug auf den in den Augen des kaiserlichen Gesandten illegitimen Prä- 
tendenten Mytzes sich abgespielten Ereignisse, als ein Faktum erzählt, 
welches 1258 sofort nach Koloman's U. Ermordung sich vollzog: dürfen 
wir noch durchaus nicht behaupten, dass Pachymeres, der z. B. 1265, als 
Mytzes sich in Griechenland als Privatmann zurückgezogen, schon eia 
23jähriger Mann gewesen, seinen Mytzes mit dem durch Sagen entstellten 
Zaren Michael Äsen verwechselt habe. 

Yon Mytzes* Kindern kennen wir nur folgende zwei mit Bestimmtheit : 

1) eine ihrem Namen nach unbekannte Tochter, die 1279 an Georg 
Terterij I. (s. d.) vermählt wurde. 

2) Zar Johann Äsen III. Als der Usurpator Ivajlo auf der Höhe 
^seiner Erfolge gestanden, fand es der griechische Hof geraten, ihm in der 
Person eines As^niden einen Gegner aufzustellen. Mytzes war damals ent- 
weder nicht am Leben, oder hatte er sich durch die kurze Zeit seiner bul- 
garischen Herrscherschaft als viel zu untau&^lioh erwiesen, kurz os wurde 
sein Sohn Johann vom Staatsrate dazu aust-rsehen, dem mächtigen Aben- 
teurer die Spitze zu bieten. Um die asSnidische Abkunft des neuen Tron^- 
hewerbers noch durch einen aktuellen Vorzug seiner Person mit grösserem 
Nimbus zu umkleiden, verlobte man ihn — den nunmehr designirten Zar 
von Bulgarien — mit der Prinzessin Irene, einer Tochter des Kaisers 
Michael VIII. Nun erhielt er noch den für bulgarische Ohren besser klin- 
genden Namen Äsen und für den Fall des Misslingens seiner bulgarischen 
Tronbestrebungen, die Zusicherung des Titels eines byzantinischen Des^ 
poten. Die Hochzeit wurde mit grossem Pompe Anfangs 1278 gefeiert. 

Als sich Anfangs 1279 das Gerücht von Ivajlo's Tod verbreitete, 
öflfnete das belagerte Tirnoya seine Tore und Johann Äsen IIL zog unter 



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GLOSSEN ZUR BULGABISCHEN ZABEN- GENEALOGIE. 21> 

Frendebeseugungen der Einwohner als Zar ein ; kurz darnach folgte ihm 
seine unterdessen in Griechenland gebliebene Gemahlin. 

Die Zarenherrlichkeit Johann As^ns lU. dauerte nicht lange. Er hatte 
die Unerfahrenheit in militärischen Dingen und die XJntüchtigkeit über- 
haupt von seinem Vater geerbt. Als der zurückgekehrte Ivajlo ein zu Johann 
As^n's Schutze herbeigekommenes griechisches Heer am 15. Aug. 1280 
aufs Haupt schlug und Georg Terterij^ Johann Asen's Schwager, sich eine 
grosse Partei im Volke und unter dem Adel erworben, raffte der Zar alle 
Schätze seiner Burg zusammen und floh — eine Strecke unter dem Vor- 
wande einer Beise aus Gesundheitsrücksichten — über Mesembria nach 
Eonstantinopel. EAiser Michael schalt den Feigen, konnte aber nicht ver- 
hindern, dass die Bulgaren sich einen Zaren aus ihrer Mitte wählten. 

Johann As^n's HI. sowie seiner Gattin Schicksale nach 1 280 sind 
unbekannt; besser kennen wir indessen seine Nachkommen. 

Er hatte vier Söhne und drei Töchter, deren eine (Maria) sich 1305/6 
mit Boger de Flor, dem Anführer der katalonischen Söldner vermählte. 

Unter den Söhnen Johann Asßn's III. spielte der Protovestiar Andro- 
nikos Asän eine grosse Bolle ; seine Tochter Irene Asanina war die Gemahlin 
des nachmaligen Kaisers Johann Eantakuzenos. 

Einer seiner Enkel, "^ Johann, erscheint (1344) als Eonmuandant 
Johann Eantakuzen's in Morrha. 

Mit Andronikos, dem Urenkel Johann As^n's IE. hört bei Ducange 
114 die genealogische Beihenfolge der «Asanina Familia» auf und alle 
später vorkommenden gräzisirten Nachkommen Johann As^n's HI. sind 
uns nur daher als solche gekennzeichnet, weil sie den Namen »Asan» 
ihrem Taufnamen angereiht führen. 

Bemerkenswert sind unter ihnen : 

1. Alexius Asan, beherrschte östlich von Süd-Macedonien die Seestadt 
Christopolis (bei Kavala) und die Insel Thasos bei 17 Jahre. Nachdem er 
den Türken einige Schlösser entrissen und an seinen Nachbarn keinen 
Schutz fand, erwarb er 1373 das venetianische Bürgerrecht. Er hatte zwei 
Brüder, von denen Johann am 9. März 1356 gleichfalls die oben genannten 
Lehen erhielt. 1373 ist Johann, ebenso wie der andere Bruder bereits ver- 
storben. Die Tochter des Alexius heiratete vor 1383 einen Baoul, ohne 
Zustimmung des Patriarchen. Nach diesen As^niden erben die Herrschaft 
die Familien Baoul und Branas. 

2. Isak Asan um 1420, erwähnt von dem Byzantiner Phranzes. 

3. Paul, gleichfalls erwähnt von Phranzes, war Präfekt von Konstan- 
tinopel und + 1442. 1439 war er Gesandter Johanns VTII. bei Sultaa 



* Engel 455. 



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^ GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN- GENEALOGIE. 

Marad 11. Seine Tochter Zöe beiratete 1441 den Prinzen Demetrius Palaio- 
logos, einen Bruder des letzten griechischen Kaisers Konstantin. Demetrios 
war Herr von Misithra und Korinth, regierte bis 30. Mai 1460 und starb 1470 
als Mönch Dayid in Adrianopel. PauFs Sohn Matthäus war Präfekt von 
£orinth, das er 1458 an die Türken verriet. Er starb mit seiner Toch- 
ter 1467. 

4. Demetrius, zur selben Zeit Präfekt einer Stadt im Peloponnes 
(erwähnt von Laonikos lib. IX). 

5. Asan Zaccaria. Seine Nachkommen führen den Namen Asan. Gen- 
turio, Fürst von Damala, wird von Phranzes wegen seiner Heirat mit einer 
Asanina dieser Familie zugezählt. 

6. Alexander Asan, Verwandter des Kaisers von Konstantinopel, wird 
1470 bei D'Oultreman erwähnt (t 27. Okt. 1500). 

7. Demetrius und Michael Asan ; zogen nach der Eroberung Konstan- 
linopels durch die Türken, nach Italien, wo sie noch 1455 lebten. Ihrer 
erwähnt Franz Philelphos (t 1481) lib. XIL epist. pag. 263. 

8. Andreas Asan, lebte unter dem Patriarchen Euthymios.^ 

9. Demetrios As^n, Herr von MouchUon; seine Tochter ist vermählt: 
1) mit Franz H. aus dem Hause Acciajuoli f 1460, 2) mit Georg Jagros, 
Protovestiar von Trapezunt. 

14. Zar Konstantin. 

Wie wir bereits unter Mytzes gesehen, hat die nationale Partei nach 
der durch Eoloman's II. Tod erfolgten Erledigung des Trones, in der Per- 
son eines sichern Konstantin einen neuen Zaren gewählt (1258). Ducange 
109 nennt ihn blos Constantinus Techus, resp. «Techi filiust> lässt sich 
aber über seine Familie mit keinem Worte vernehmen. 

Engel 421 nennt ihn Constantinus Tochus und sagt: «zum Teil (man 
weiss nicht von väterlicher oder mütterlicher Seite) leitete er sein Geschlecht 
von Servien her; vielleicht ward er also auch von Landsleuten unterstützt. ■ 

Jire^ek nennt ihn einen Serben, Hertzberg einen Halbserben. 

Entgegen diesen nicht kongruirenden Angaben stehen uns folgende 
Anhaltspunkte zur Verfügung : 

1. Konstantin 's Familie war am Fusse des Berges Vitoä bei Sophia 
begütert.** 

2. In einer Urkunde nennt er sich selbst einen Enkel des Serben- 
fürsten Stefan Nemanja^ was durch ein anderes Denkmal bekräftigt wird» 



* VgL Labb^, Nova Biblioth. pag. 100. 
** Jirecek 269. 



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GLOSSEN ZUR BULGAJUSCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 



31 



in dem der SebastokratorEalojan, ein Vetter Eonstantin's, gleichfalls Enkel 
-des Serbenfürsten Nemaoja genannt wird.^ 

Auf Grundlage des Ansbert' sehen Berichtes (s. meine oben angedeu- 
tete genealogische Geschichte der südslavischen Dynastien) spreche ich die 
Ansicht aus, dass Konstantins Vater Tich ein Sohn Nemanja's, der Ans- 
herVsche Tohu ist. 

Sofort nach seiner Tronbesteigung legte er sich den Namen tEon- 
■stantin As^m bei.^* 

Seine Regierung war zumeist mit Bekämpfung der inneren und 
äusseren Anhänger des Mytzes, namentlich der Ungarn, später mit Feind- 
seligkeiten des griechischen Hofes ausgefüllt, die er — wie wir sehen wer- 
kten — grösstenteils den Intriguen seiner Gattinen zu verdanken hatte. 

Zu Eade seiner Begierung erlitt er einen Beinbruch, durch dessen 
schlechte Behandlung er anfangs die Möglichkeit einer freien Bewegung 
verlor, später einem unheilbaren Siechtum zum Opfer fiel. 

Als er dem Abenteurer Ivajlo eine kleine Heeresabteilung entgegen- 
schickte, folgte er derselben später nach. In Folge seines Leidens Hess er 
sich auf einem Wagen nachführen. Ivajlo griff die königlichen Truppen 
an, drang bis zu Eonstantin's Wagen vor und tödtete den Zaren eigenhän- 
dig (1277). 

Wir kennen von Eonstantin's Nachkommenschaft nur den einzigen, 
von der Maria geborenen Sohn Michael. 

Schon während Eonstantin's Erankheit riss Maria im Namen Michaelas 
■das Regime an sich ; nach Ivajlo's Bezwingung nahm sie den jungen Prin- 
zen mit nach Griechenland, wo man ihn für allenfallsige Fälle der Zukunft 
in Beserve hielt. Als Svetslav den Tron bestiegen, bat eine mit ihm unzu- 
friedene Partei den Eaiser Andronikos 11., er möge den in Griechenland 
sich befindenden Prinzen Michael schleunigst nach Bulgarien als Gegner 
Svetslav's senden. Michael erschien zwar, konnte aber nichts ausrichten 
(1298). Auch die Unterstützung des Sebastokrators Badoslav, den der Eai- 
ser als Succurs abgeschickt, half der Sache nicht. 

Michael's weitere Geschichte ist unbekannt. 

Eonstantin war dreimal verheiratet ; seine (jattinen sind : 

a) Anonyma. 
Als Eonstantin zum Zar der Bulgaren erwählt wurde, war er bereits 
Terheiratet ; doch kennen wir nicht die Genealogie seiner Gemahlin. Jeden- 

* P. J. Sa&rik, Pam&tky drevnino pisemniotvi jihoslovanuv, Prag 1851, 23: 
-tDer heilige Symeon Nemanja, mein Grossvater (död).t Eine Inschiift zu Bojana 
unter dem Vitos (zit. ap. Jirecek 1., c.) hat: cEalojan der Sevastokrator, der Vetter 
^bratmöed) des Zaren, der Enkel des heiligen Stephan des Serbenkönigs. • 
*^ So heisst er auf beiden vordem zitirten Denkmälern. 



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32 



GLOSSEN ZUR BULGABISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 



falls schien sie ihm seiner königlichen Stellung nicht ebenbürtig and am 
dem, durch seine Gattin Maria der As^nidendynastie verschwägerten Riva- 
len Mytzes ein kräftiges Schach zu bieten, entschloss sich der neue Zar^ 
seine Gemahlin zu Verstössen und durch das Eingehen einer Ehe mit einer 
Tochter aus regierendem Hause, seiner neuen Herrlichkeit die Weihe, der 
Legitimität zu verleiben. Da er zur Bealisirung seines Vorhabens sich mit 
dem Kaiser Theodor 11. v. Nikaea in Unterhandlungen einliess, schickte er 
seine geschiedene Frau an dessen Hof, damit sie Bürgschaft für den Ernst 
seines Vorhabens leisten solle . . . Über ihre weiteren Schicksale ist Nichte 
bekannt. 

b) Irene «Laskara». 

Kaiser Theodor H. Dukas Vatatzes, genannt (nach seinem mütter- 
lichen Grossvater Theodor I.) Laskaris^ hatte aus seiner Ehe mit der bul- 
garischen Zarentochter Helene eine jüngere Tochter des Namens Irene.* 
Unter den Fürstentöchtem jener Zeit wäre wohl keine zweite im Stande 
gewesen, den dynastischen Vorteilen Konstantin's besser zu entsprechen, 
als Prinzessin Irene von Nikaea. Durch ihre Mutter war sie die Enkelin 
des grossen und im besten Andenken stehenden Zaren Johann AsSn IL 
von Bulgarien, — die Urenkelin des Ungarnkönigs Andreas Tl., — und 
durch ihre im Sept. 1 256 vermählte ältere Schwester Maria die Schwäge- 
rin des Kronprinzen Nikephor (I.) von Epiros. 

Die im Jahre 1258 mit Irene eingegangene Ehe brachte jedoch Kon- 
stantin bei Weitem nicht die erhofften Vorteile. Ein kleines Hilfskorps 
gegen Mytzes war Alles. Hingegen war der schon im August 1258 erfolgte 
Tod seines Schwiegervaters Theodor von Nikaea für ihn eine Quelle bestän- 
diger Unannehmlichkeiten. Die unablässigen Bemühungen seiner Gattin 
Irene, die in dem neuen mächtigen Kaiser Michael Palaiologos von Kon- 
stantinopel nur den Erzfeind ihrer Familie sab, brachten es dahin, dasa 
Konstantin 1265 nach unglücklich geführtem Kriege einige seiner bedeu- 
tendsten Städte an seinen Gegner abtreten musste. Irene ist 1270 gestorben. 

c) Maria Kantakiczena. 

Nach Irene's Tod war Nichts natürlicher, als dass sowohl Konstantin 
wie Kaiser Michael auf dem Wege einer ehelichen Allianz einander in ein 
wärmeres Verhältniss zu bringen bestrebt waren ; namentlich musste es 
dem griechischen Hofe nötig erscheinen, nachdem die fruchtlosen Feldzüge 
gegen Bulgarien viel Geld und Blut verschlungen hatten. 

Kaiser Michael hatte eine an einen Kantakuzenos vermählte Schwe- 
ster Eulogia, die aus dieser Ehe unter Anderen auch eine Tochter Maria 
hatte. Diese, die Gemahlin des Grossdomestikus Alexius Philas, war Witwe 

^* Von Nikephor wird sie Theodora genannt. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN- GENEALOGIE. '^^ 

geworden nnd Michael beeilte sich^ sie dem verwitweten Konstantin anzu- 
bieten, der den Vorschlag annahm. 

Die Ehe brachte aber keiner einzigen Partei die erhofften Vorteile. 
Konstantin hatte sich zur Mitgift seiner Braut die ehemals in bulgarischem 
Besitze gestandenen Städte Mesembria und Anchialos ausbedungen und 
wurde ihm deren Uebergabe schriftlich zugesagt. Statt sie aber sofort zu 
übergeben, bemühte sich der Kaiser, der die Braut persönlich bis Selym- 
bria begleitete, den Bulgarenzaren durch ausgesuchte Aufmerksamkeiten 
und Entfaltung eines wahrhaft orientalischen Luxus einzuschläfern. Als 
dies nicht verfieng und Konstantin die Erfüllung der Zusage urgirte, berief 
sich Michael auf die Abneigung der Einwohner der genannten Städte gegen 
die bulgarische Herrschaft und vertröstete den Zaren mit der allenfallsigen 
Geburt eines Prinzen, der — weil von einer Griechin geboren — den 
Betreffenden ein erwünschter Gebieter sein würde ; wahrscheinlich rechnete 
er nicht auf Nachkommen dieser Ehe. Irene unterstützte Michael's Ein- 
wendungen und so blieb das Einvernehmen beider Höfe vorläufig ein gutes» 
Als aber Maria 1 27 1 den Prinzen (Michael) geboren, war sie es, die zumeist 
auf die Erfüllung des Versprechens drang und dem kaiserlichen Oheim 
mit gewaltsamer Inanspruchnahme ihrer Rechte drohte. Michael gab nun 
schnell seine natürliche Tochter Euphrosyne dem General Nogaj Khan d^^ 
Beherrschers der goldenen Horde zur Gattin^ um sich an demselben einen 
Beschützer gegen Bulgarien zu schaffen. Konstantin und Maria mussten 
vorläufig gute Miene dazu machen. 

1 274 griff Maria abermals in die Politik ein. Kaiser Michael hatte, 
um sich gegen die ihm feindlichen Pläne des Hauses Anjou in Neapel zu 
decken, mit der päpstlichen Curie zu liebäugeln angefangen. Die griechi- 
sche Geistlichkeit steckte sich hinter des Kaisers ränkevolle Schwester 
Eulogia ; diese reizte ihre Tochter Maria auf, um dem Kaiser Unannehm- 
lichkeiten zu bereiten, — da trat plötzlich Konstantins Erkrankung ein. 

Die Zunahme des Leidens bot der herrschsüchtigen Maria die 
erwünschte Gelegenheit, die Zügel der Regierung an sich zu reissen. Sie 
liess den Knaben Michael zum König krönen und führte in seinem Namen 
die Regierung. Was sich ihr in den Weg stellte, wurde mit allen zu Gebote 
stehenden Mitteln aus dem Wege geschafft. Wie wir unten sehen werden^ 
h^t sie auch den mächtigen Despoten Jakob Svetslav beseitigen lassen. 

15. Zar Ivajlo. 

Inmitten der durch die herrschsüchtige Zarin hervorgerufenen Wirren 
trat ein Abenteurer des Namens Ivajlo * auf. 

* Jireeek 27G ist der Erste, der ihn so nennt. Er stützt sich hierbei auf die 
Notiz in einem Evangelium, welches im Jahre 6787 (1. Sept 1278 bis 1. Sept. 1279) 
. Ungarisehe Bttvaa, XI. 1891. I. Heft. 3 



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^ GLOSSEN ZCR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

Er war von Geburt ein Walache und Anfangs Schweinehirt. Seine 
Landsleute nannten ihn Eordokubas, die Griechen übersetzten diesen Namen 
mit Lachanos (übrigens ist auch Kordokubas — richtiger Bordokubas — das 
gräzisirte Brdokva (Lattich). — Durch anfangs ganz unbedeutende Manö- 
ver wusste sich dieser Mensch unter dem leichtgläubigen Bauemvolke ein 
gewisses Ansehen und die Bolle eines zu einer höheren Mission Bestimm- 
ten zu verschaffen und als es ihm gar gelang, mit Hilfe der sich ihm täg- 
lich mehr anschliessenden Volkshaufen einige tatarische Guerillahäuflein 
glücklich zu bewältigen^ war aus dem Schweinehirten im Handumdrehen 
ein Mann geworden, mit dem zwei Höfe, der griechische und der bulga- 
rische, zurechnen begannen. Zar Konstantin, der ihm entgegenzog, fand — 
wie wir wissen, — Ende 1277 seinen Tod durch die Hand des Aben- 
teurers. Durch solche ungeahnte Erfolge übermütig gemacht, streckte der 
Emporkömmlingseine Hand nach der Krone aus; mehr und mehr näherten 
sich seine Schaaren der Hauptstadt. Zarin Maria, auch von griechischer 
Seite bedroht — dort hatte man, wie wir wissen, den Prinzen Johann 
As^n zum Zaren Bulgariens designirt und die Auslieferung Maria's von 
den Bulgaren verlangt, — warf sich nun dem Ivajlo in die Arme : sie trug 
ihm Hand und Tron an ; sie erlebte die Schmach, dass der einstige Schweine- 
hirt sie nur aus Gnade zu seiner Gattin nahm (Frühjahr 1278). 

Nicht lange nach seiner Krönung verliess Ivajlo die Arme der Grie- 
chin, um seinen von griechischer und tatarischer Seite bedrohten Tron zu 
verteidigen. Als sich Anfangs 1279 das Gerücht verbreitete, Ivajlo sei 
gegen die Tataren gefallen, öffneten sich Tirnova's Tore dem Zaren Johann 
As6n m. Die von Ivajlo schwangere Maria wurde nach Adrianopel abge- 
führt. Sie hat Bulgarien nicht mehr gesehen. 

Da erschien der verschollene Ivajlo 1280 wieder mit einem Heere 
vor Timova und schlug zweimal die ihm entgegengestellten Griechen; als 
er aber durch Georg Terterij, den Schwager Johann AsSns HI., Ende 1280 
geschlagen wurde, flüchtete er zu Nogaj Khan, um diesen zur Unter- 
stützung seiner Herrschaft zu bewegen. Hier wurde dem Abenteurer auf 
Befehl des trunkenen Khans die Gurgel durchschnitten. 

1294 trat ein Pseudo Ivajlo auf, der aber durch Maria entlarvt wurde. 

Maria*s Ende ist unbekannt. 

(SchluBB folgt.) MOR. WbBTNER. 

•V dni care Ivajla i pri jepiskupe Nisevscßm v l^to 6787 indikta 7, jegi stojacliu 
Grci pod gradom Trnovom» (ap. Glasnik 2(), 245.) Da hier von der Belageining Tir- 
nova's durch die Griechen zu Gunsten Johann Asön's III. die Rede ist, kann der Zar 
Ivajlo kein anderer als jener Abenteurer sein. 



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DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. ^^ 



DAS ßUD(iET UNÜARNS FUß DA8 JAHR 1891. 



Nichts bezeugt deutlicher die gründliche Aenderung der finanziellen 
Lage Ungarns, als jene Gleichgültigkeit, welche dem Budget und im allge- 
meinen finanziellen Fragen gegenüber wahrgenommen werden kann. Noch 
vor 1 — 2 Jahren nahm das Budget nicht nur die Aufmerksamkeit der den- 
kenden PoUtiker, sondern auch des PubUkums Monate hindurch in Anspruch. 
Finanz-Projecte, Entwürfe und finanzielle Gesichtspunkte dominirten damals 
im öffentlichen Leben, gegenwärtig hingegen wird das Expose des Finanz- 
ministers mit wohlverdienten !^ljen-Bufen aufgenommen ; die allgemeine 
Freude und Befriedigung über die Herstellung des Gleichgewichtes im Budget 
findet in zwei drei Artikeln und Beden Ausdruck und damit kehrt man zur 
Tagesordnung über; gegenwärtig wird die allgemeine Aufmerksamkeit nicht 
nur durch die auf der Schwelle stehenden Beform-Entwürfe, sondern auch 
durch die nur auf einige Minuten in den Vordergrund tretenden Tagesfragen 
dermassen in Anspruch genommen, dass keine Zeit übrig bleibt, um sich 
mit der finanziellen Lage ernsth'ch zu befassen, man kann sagen es werden 
die finanziellen Gesichtspunkte ausser Acht gelassen. 

Eine derartige Umgestaltung der öffentlichen Auffassung ist erklärlich, 
hüllt aber grosse Gefahren in sich. 

Die Hauptbedingung der Begelung der Staatsfinanzen Ungarns bildete 
. jene regelmässige Consequenz, mit welcher in allen Zweigen des Staatshaus- 
haltes so im Kleinen wie im Grossen die strengste Sparsamkeit durchgeführt 
wurde ; eine neuerliche Störung des kaum hergestellten Gleichgewichtes ist 
nur dann nicht zu befürchten, wenn — diese Sparsamkeit auch in der 
Zukunft mit unerbitthcher Strenge durchgeführt wird, die zunehmenden Ein- 
nahmen nicht auf kleinliche Ausgaben vergeudet werden und wenn die vor 
uns stehenden grossen Ziele in jener Beihenfolge und in solchem Maasse 
verwirklicht werden, als die hiezu erforderlichen Kosten factisch gesichert 
sind und zur Verfügung stehen. 

Ueber diese Grenze dürfen uns weder die edelsten Intentionen, noch 
■die besten Beformideen verleiten ; diese Grenze muss jeder Factor des öffent- 
lichen Lebens in allen Zweigen des staatlichen Lebens sorgsam vor Augen 
halten, dieser Grenze müssen sich alle an den Staat gerichteten noch so 
gerechten Forderungen anbequemen. 

Es ist daher unumgänglich notwendig, dass wir uns die Mühe nehmen, 
•mit der finanziellen Lage Ungarns möglichst gründlich bekannt zu werden; 
dies zu erleichtem wäre Aufgabe dieser kurzen Abhandlung über das Budget 
-<ie8 Jahres 1891. 

3* 



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3ö DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. 

Für das Jahr 1891 sind die ordentlichen Einnahmen mit 363.49, die- 
durchlaufenden mit 5.ßs Millionen Gulden in Voranschlag gebracht ; dem 
Voranschlag des Vorjahrs gegenüber zeigen erstere eine Zunahme von 
15.86 Millionen Gulden, letztere hingegen eine Abnahme von l.e« Millionen 
Gulden, die gesammte Zunahme der Einnahmen beträgt demnach 13.7 Mil- 
lionen Gulden. Trotz dieser immensen Zunahme gestaltet sich die Bilanz 
nur um 525.000 Gulden günstiger, das heisst, die Zunahme der Ausga- 
ben nimmt fast gänzlich die Mehreinnahmen in Anspruch. 

Mit der wirklichen Tragweite dieser nur für den ersten Augenblick 
constemierenden Erscheinung kann man nicht ins Beine kommen, ohne 
die Natur der zunehmenden Ausgaben einer Untersuchung zu unterziehen. 

Fasst man die durchlaufenden Ausgaben mit den Investitionen und den 
ausserordentlichen gemeinsamen Ausgaben zusammen, so ergibt sich bei 
diesen drei Titeln eine Zunahme von 1.4 Millionen Gulden, wovon Militär- 
zwecke beinahe l.i Millionen Gulden in Anspruch nehmen. Die bei den 
übrigen Titeln vorkommenden Aenderungen gleichen sich fast gänzlich 
aus. Die Gespanntheit der internationalen Verhältnisse, sowie die ungün- 
stige finanzielle Wirkung, welche durch die, eine fortwährende Umge- 
staltung der Bewaffnung des Heeres zur Folge habenden Erfindungen ver- 
ursacht wird, gelangt auch in diesem Jahre zur Geltung und es stieg der 
ausserordentliche Bedarf der kön. ung. Landwehr und des gemeinsamen 
Heeres, welcher im Jahre 1887 nur 4.8 Millionen Gulden betrug, im Jahre 
1890 hingegen schon mit lO.e Millionen Gulden in Voranschlag gebracht 
wir — im laufenden Jahre auf 11.7 Millionen Gulden. Leider jedoch gibt 
diese Zunahme in sich selbst genommen nicht das ganze Maass der ungünsti- 
geren Gestaltung der Lage. Während nämlich noch vor einem Jahr mit 
Eecht gehofft werden konnte, dass die ausserordentlichen Militär- Ausgaben 
für das Jahr 1892 um mehrere Millionen herabgesetzt werden können, 
stehen wir gegenwärtig — besonders zu Folge Annahme des rauchlosen 
Pulvers — einer gänzlich veränderten Lage gegenüber. 

Laut diesjährigem Bericht des gemeinsamen Kriegsministers beziffert 
sich der Bedarf bei den noch erforderlichen Gewehren und rauchlosen Pulver - 
auf 21.2 Millionen Gulden, hievon wurden für das laufende Jahr 4^/a Millio- 
nen Gulden votirt, mit 1. Jänner 1892 blieben noch unbedeckt 16.7 Millionen 
Gulden. Zu gleichen Zwecken und in Anbetracht genommen, dass im künfti- 
gen Jahr nicht einmal die Gewehre der Infanterie gänzlich beschafft werden 
können, wird nach annähernder Berechnung auch bei der k. ung. Land- 
wehr ein Bedarf von beiläufig 5 Millionen Gulden entstehen, die auf Ungarn 
entfallende gesammte Last beträgt daher mindestens 10 Millionen Gulden. 
Nachdem aber unter diesen Titeln bei dem Heer und der ung. Landwehr 
zusammengenommen das ungarische Budget mit 4.5 Millionen Gulden belas- 
tet erscheint, ist eine Abnahme bei diesem Bedarf wenigstens zwei Jahre hin- 



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DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. «^7 

-durch ausgeschlossen. Die Sicherheit dem Auslande gegenüber, sowie der 
-Äusserst wichtige Gesichtspunkt der Wehrfähigkeit begründen zwar voll- 
ständig diese Ausgaben, mit den drückenden Lasten jedoch, welche hieraus 
für Ungarn entstehen, mit den grossen Schwierigkeiten, welche hiedurch 
dem finanziellen Fortkommen in den Weg gelegt werden, müssen wir als 
mit einer unvermeidlichen, aber sehr ernsten Erscheinung im Klaren sein. 
Der Löwenanteil an der Zunahme der Ausgaben, 11.76 Millionen 
Gulden, entföUt auf die ordentlichen Ausgaben. Um über diese Zunahme ein 
Urteil fällen zu können, müssen die Ausgaben nach ihrer Verschiedenartig- 
keit gruppirt werden und die vorkommenden Aenderungen bei den Staats- 
schulden, Militär-, Betriebs- und Adminbtrations- Ausgaben separirt einer 
-Untersuchung unterzogen werden. 

L 
Unter dem Titel streng genommener Staatsschulden betrugen : 

Tausende Golden 
1891 1890 

die Ausgaben 119.524 120.018 

die Einnahmen.. 4.491 4.349 

Netto- Ausgabe 115.033 115.669 

Hiezu kommen zu Folge Verstaatlichung von 

Eisenbahnen übernommene Schulden .._ 10.773 6.990 

und Zinsgarantie-Vorschüsse 1.354 4.596 

Zusammen 12.1^7 11.586 

Gesammte Netto-Ausgaben 127.1601 127.255 

Während — laut obigen Zahlen — die Hauptsummen bei der Gruppe 
^eser Ausgaben fast gar keine Aenderung aufweisen, zeigen die einzelnen 
Posten sehr namhafte Unterschiede. 

1. Den auffallendsten Unterschied verursacht die Verstaatlichung der 
Nordostbahn ; während nämlich im Vorjahre der Bedarf dieser Bahn mit 
2,800.000 Gulden unter den Zinsgarantie-Vorschüssen aufgenommen war, 
fällt diese Post zu Folge Verstaatlichung der Bahn weg und kommt an Stelle 
dieser Post der gesammte Bedarf an Zinsen und Amortisationsquoten des 
Capitals der Bahn mit 3,835.000 Gulden unter die zu Folge Verstaatlichung 
der Eisenbahnen übernommenen Schulden. Der auf diese Weise entstehen- 
den Mehrausgabe von 1,035.000 Gulden gegenüber steht das Erträgniss der 
Bahn, welches zu Folge der Verstaatlichung in dem Einkommen der Staats- 
bahnen inbegriffen ist und fast dieselbe Summe beträgt. Abgesehen daher 
von dieser ganz und gar scheinbaren und durch die Mehreinnahme der 
-Staatsbahnen im Gleichgewicht gehaltenen Mehrausgabe, kann bei dem Titel 



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38 DAS BUDGET ITNGARNS FÜR DAS JAHB 1891. 

Eisenbahn-Scholden und Zinsgarantie- VorBcbüsse ein günstigeres Ergebniss 
von 500.000 Gulden constatiert werden, welobes grösstentheils durch Hebung 
des Verkebrs und in Folge dessen durch die Abnahme bei dem Bedarf von 
Zinsgarantie- Vorschüssen verursacht wird. 

Das günstigere Ergebniss von 636.000 Gulden bei dem Netto-Bedarf 
der streng genommenen Staatsschulden ist das Resultat mehrerer, teilweise 
entgegengesetzter Factoren. 

Eine Zunahme zeigt sich 1. bei den Entschädigungen für das Schank- 
regale 704.000 Gulden ; bievon entfallen 475.500 Gulden auf die Aufnahme 
der Amortisations-Quote, der übrige Teil obiger Summe ist jenem Umstände 
zuzuschreiben, dass das Einlösungs-Gapital höher festgestellt werden musste 
als im Vorjahre. Die bei dieser Post entstammende Mehrausgabe bildet 
einesteils eine Capitals-Amortisation, andererseits wird dieselbe reichlich 
ersetzt durch das erhöhte Erträgniss des Schankgefälls, welches statt der 
für das Jahr 1890 in Voranschlag gebrachten 12.5 Millionen Gulden für das 
Jahr 1891 mit 15 Millionen Gulden präliminirt wurde, dermassen, dass 
obzwar die hiemit verbundenen Ausgaben 

bei den Staatsschulden um 704.000 Gulden 

bei der Administration um 1,035.000 « 

zusammen um 1,739.000 Gulden 

zunehmen, die Bilanz des Schankgefälls in ihrem Endresultat sich noch 
immer um 759.000 Gulden günstiger gestaltet. 

2. Bei der schwebenden Schuld ergibt sich als Endresultat eine 
Zunahme von 556.000 Gulden, dies ist ausschliesslich das Ergebniss des im 
Interesse der Flussregulierungs- Gesellschaften verfassten Gesetzes, mit wel- 
chem diesen Gesellschaften die Kückzahlung ihrer aus den Theiss-Szegediner 
Anlehen erhaltenen Darlehen zugestanden wurde. Nachdem nach diesen ein- 
laufenden Gapitalien die Amortisation und die Zinsen der Staat zu zahlen 
verpflichtet ist, zeigt sich bei diesem Titel — im J. 1891 1,231.000 Gulden — 
den vorjährigen 445.000 Gulden gegenüber, ein Mehrbedarf von 786.000 fl. 
Dass aber die gesammte Mehrausgabe immerhin nur 556.000 Gulden beträgt, 
ist den bei den Zinsen der Depositen- und Cassenscheine erreichten Erspar- 
nissen im Betrage von 230.000 Gulden zuzuschreiben. Der Umlauf der 
Cassenscheine wurde statt der bisherigen 21 Millionen Gulden um 7 Mil- 
lionen geringer in Voranschlag gebracht, und trotzdem die Depositen um 
1.8 Millionen Gulden zunahmen, war der Zinsbedarf immerhin noch, 
nach einem Capital von 5.8 Mill. Gulden, ein geringerer. Nachdem jedoch 
zu Folge der Convertirung der Theiss- Anlehen 14 Millionen Gulden in die 
Staatscassc einfliessen sollten, ergibt sich bei den zur Verfügung stehenden 
Capitalien eine Zunahme von 8.s Millionen Gulden. 

Diese Capitalszunahme steht in sehr ungünstigem Verhältnisse zu der 



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DAß BUDGET UNGARNS FÜR DAß JAHR 1891. 39 

jährlichen Mehrausgabe von 556.000 Gulden und könnte aus fiscalischem 
Gesichtspunkte absolut nicht begründet werden. Es beläuft sich schon min- 
destens auf 150 — 200.000 Gulden das Opfer, welches der Staat im Interesse 
der mit Flut-Begulierungs-Lasten kämpfenden Gegenden bringt, um diesen 
den möglichst billigen Credit zugänglich zu machen und dieses Opfer wird^ 
wenn die noch von der Theiss-Anlehe ausser Bechnung gelassenen circa 
10 Millionen Gulden convertirt werden, wenigstens auf 300.000 Gulden 
steigen. Es wäre ein Fehler, diesen Umstand unbeachtet zu lassen, zumal 
jene Klage so oft laut wird, dass der Staat im Interesse der ungari- 
schen Landwirte, besonders der Eigentümer von Inundations-Gebieten gar 
nichts thut. 

Diesen Mehrausgaben gegenüber hingegen zeigen sich Ersparnisse : 

1. Bei dem Netto-Ergebnisse der Weinzehent-Ablösung 910.000 Gulden. 
Die Ausgabe unter diesem Titel hört im laufenden Jahre auf, und wird sich 
daher die Bilanz in der Zukunft um beinahe 1 Million günstiger gestalten» 

2. Bei dem Goldagio eine 2 o/o -ige Differenz, d. h. um 675.000 Gld.^ 
diesbezüglich können wir mit Becht die Hoffnung hegen, dass bei Inan- 
spruchnahme der gegenwärtigen Conjuncturen der Bedarf an Gold mit einem 
wesentlich geringeren Agio beschafft werden kann ; andererseits aber darf 
nicht ausser Acht gelassen werden, dass der gegenwärtige sehr niedrige 
Curs nicht als stabil zu betrachten ist und wenn die Valuta- Begelung nur 
halbwegs dermassen durchgeführt wird, als dieselbe die Gerechtigkeit, sowie 
die wichtigen Interessen der Völkswirtschaft erfordern, der Zinsenbedarf 
der Goldanlehen nach dem gegenwärtigen Stande viel höher sein wird, als 
die Summe, welche in diesem Budget unter diesem Titel aufgenommen 
erscheint. 

3. Bei den im J. 1889 emittirten Eisenbahn- Anlehen 250.000 Gulden,, 
nachdem die Amortisations-Quoten in das richtige Geleise gelangten. 

Die bei den übrigen Titeln vorkommenden kleineren und grösseren 
Differenzen sind ganz unbedeutend und gleichen sich fast gänzlich aus. 

Als Endresultat — die gänzlich scheinbare Mehrausgabe bei der Nord- 
ostbahn ausser Bechnung gelassen — kann bei der Gruppe dieser Ausgaben 
in deren Netto-Ergebniss eine Besserung um 1,132.000 Gulden constatirt 
werden ; hiezu kommt noch die Zunahme von 8.2 Millionen Gulden der in 
der Staatscassa vorhandenen Capitalien. Hiebei darf aber nicht ausser Acht 
gelassen werden, dass weder der Ertrag dieser 8.2 Millionen Gulden, noch 
der im Eigentum des Staates befindlichen Begalablösungs-Obligationen, noch 
auch der Ertrag der Baarvorräte in das Budget eingestellt ist. Teilweise 
das glückliche Zusammentreffen der Verhältnisse, teilweise die consequent 
dieses Ziel verfolgende weise Politik der Eegierung ermöglichten es, dass 
namhafte Capitalien zur Verfügung des Finanzministers gestellt wurden. 

Diese Gapitalien müssen nicht nur zusammengehalten, sondern nach 



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^^ DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAb J>HR 1891. 

Möglichkeit Doch vermehrt werden, damit dieselben zur Erreichung eines 
wichtigen Zieles im entscheidenden Augenblicke zur Verfügung stehen. Bis 
aber diese Eventualität eintrifft, können diese Gapitalien fruchtbringend ver- 
waltet werden, was auch factisch geschieht, und werden dieselben im künf- 
tigen Jahr mit einer bedeutenden Einnahme zur günstigeren Gestaltung 
der Bilanz beitragen. 



IL 

Es zeigt sich eine Zunahme bei dem 

ordentUchen Bedarf der k. ung. Landwehr v. 296.000 G. 

« gemeinsamen Bedarf v 576.000 G. 

zusammen 872.000 G. 



bei den ordentlichen Militär- Ausgaben. 

Bei diesen Ausgaben sind wir gezwungen mit den ihre Wehrkraft rapid 
entwickelnden ausländischen Staaten wenigstens halbwegs Schritt zu halten 
und es wäre eine Illusion zu glauben, dass in dieser Beziehung, wenigstens 
in der nächsten Zukunft, ein radicaler Umschwung eintreten könnte. Bei den 
gesammten MiUtär- Ausgaben kann dem Vorjahr gegenüber eine Zunahme 
von 2 Millionen Gulden, dem J. 1887 gegenüber eine Zunahme von nahe an 
12 Millionen constatirt werden; dies ist ein Factum, welches ebenso bei 
Würdigung der in der Vergangenheit erzielten Ergebnisse, als auch bei den 
Zukunfts-Projecten in Anbetracht genommen werden muss. 



III. 

Die Betriebs- und die mit diesen verwandten Ausgaben weisen durch- 
wegs eine Zunahme auf. Die Zunahme betrug 

bei dem Finanzministerium 1,718.000 Gulden 

ff « Handelsministerium.- - . . 5,087.000 • 

« fl Ackerbauministerium 422.000 « 

zusammen 7,227.000 Gulden, 

diesem gegenüber stiegen die Einnahmen 

bei dem Finanzministerium um ... 1,638.000 Gulden 

a « Handelsministerium um ... 7,325.000 « 

« « Ackerbauministerium um ... 711.000 « 



zusammen ... ... 9,674.000 Gulden, 

das heisst : es gestaltet sich die Bilanz um 2,447.000 Gulden günstiger, wenn 
aber behufs Begleichung der bei den Staatsschulden vorkommenden Mehr- 
ausgaben von 1,035.000 Gulden diese Summe als Ertrag der Nordostbahn 



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DAS BUDGET ÜK<>ARN8 FÜR DAS JAHR 1891. ^^ 

in Abrechnung gebracht wird, so beziffert sich die Besserung der Bilanz nur 
mit 1,412.000 Gulden. 

Die Bilanz der unter Leitung des Finanzministeriums stehenden Be- 
triebe gestaltet sich um 80.000 Gulden ungünstiger; von dieser Summe ent- 
fallen 51.000 Gulden auf die Verminderung des Verkaufes von Staatsgütern, 
was keiner weitern Erklärung bedarf; auffallend ist jedoch jene Erscheinung, 
-dass trotz der projectirten intensiveren Entwickelung der übrigen Betriebe 
auch die Bilanz dieser sich ungünstiger gestaltet, u. z. um 29.000 Gulden. 
Das Szomolnoker Bergwerk wurde um 1 Million veräussert und obzwar 
deren Erträgniss in dem Budget nicht mehr eingestellt ist, bedarf auch bei 
Inbetrachtnahme dieses Umstandes die Unverhaltnissmässigkeit, welche 
zwischen der Zunahme der Auslagen und der erzielten finanziellen Ergeb- 
nisse obwaltet, immerhin eine Erklärung. 

Wenn wir aber das Budget der Bergwerke einer gründlichen Prüfung 
unterziehen, so ist es notwendig, dass von der 1,799.000 Gulden betragen- 
den Mehrauslage der einzelnen Posten als rein durchlaufende Ausgaben 
nachstehende Summen in Abrechnung gebracht werden, u. zw.: 

bei den Hütten-Werken . ... 225.000 Gulden 

bei der Münzpräge 248.000 « 

bei der Altsohl-Brezoer Röhren-Fabrik 251.000 « 

zusammen 734.000 Gulden 

es verbleibt daher eine eigentliche Mehrausgabe von 1,075.000 Gulden, 
welche zur Hebung der Eisenwerke verwendet wurde. Diese Summe steht 
mit den bei den durchlaufenden Einnahmen und Ausgaben aufgenommenen 
600.000 Gulden und mit dem hiedurch zum Ausdruck gelangenden Plan 
des Finanzministers im Zusammenhange, dass der Preis der zum Verkaufe 
gelangenden minder einträglichen Bergwerke zur grösseren Entwicklung der 
Perle der Eisenwerke Unoarns, des Eisenhammers in Vajda-Huuyad, verwen- 
det werde. Nachdem aber der Finanzminister die Verwirklichung dieses 
Planes von dem Umstand abhängig machte, dass er sich über dessen Erträg- 
lichkeit üeberzeugung verschaffe, können wir beruhigt sein, dass in dem 
Fall, wenn die geplante Investition und die hiemit verbundene Steigerung 
der Betriebs-Ausgabeu Thatsache wird, das active Ergebniss wesentlich 
günstiger sein wird als der Voranschlag. 

Ueber die Lage gewinnen wir ein noch günstigeres Bild, wenn wir den 
Voranschlag mit den activen Ergebnissen vergleichen. Während nämlich vor 
dem Jahr 1887 die Schlussrechnungen der Bergwerke sehr oft ein Millionen 
betragendes stabiles Deficit aufwiesen, sinkt das Deficit im Jahre 1887 auf 
248.000 Gulden, im J. 1888 hingegen ergibt sich schon ein Ueberschuss 
von 639.000, im J. 1889 von 855.000 Gulden. Wenn diesen activen Er- 
gebnissen gegenüber der Ueberschuss bei den Bergwerken für das J. 1 890 



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^2 DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 18iU. 

mit 76.000, für das J. 1891 mit 58.000 Gulden in Voranschlag gebracht er- 
scheint, so erklärt die scheinbare Ungünstigkeit dieses Ergebnisses die fast 
übermässige Scrupulosität, welche das ganze Budget des Finanzministers so 
vorteilhaft charakterisirt. 

Der Zunahme von 422.000 Gulden der gleichnamigen Ausgaben des 
Ackerbauministeriums (Staatsforste, Domänen und Gestütslandwirtschaften*) 
gegenüber steht eine Steigerung der Einnahmen um 711.000 Gulden, so 
dass sich die Bilanz dieser Betriebszweige um 289.000 Gulden günstiger 
gestaltet. Es entspricht diese Besserung so der naturgemässen Entwickelung 
bei der Verwertung der Waldungen, als auch jener intensiveren Verwaltung, 
deren Ergebniss bei den Gestütslandwirtschaften, hauptsächlich bei der 
Mezöhegyeser Domäne wahrgenommen werden kann. Obzwar es unzweifel- 
haft ist, dass die in Voranschlag gebrachten Erträgnisse der Gestütslandwirt- 
schaften auch gegenwärtig noch nicht ganz frei sind von einem gewissen Grad 
Optimismus und wenn in Anbetracht genommen wird, dass deren Erträgniss 
im Jahre 1889 laut den Schlussrechnungen nur 210.000 Gulden betrug und 
im J. 1888 als in den bisher günstigsten auch nur 397.000 Gulden ergab, 
können mit Becht Bedenken auftauchen gegen die Bealität des im Budget 
eingestellten Ueberschusses von 672.000 Gulden ; dem gegenüber steht jene 
Thatsache, dass bei den Staatsforsten im Jahre 1889 um 400.000 Gul- 
den mehr eingenommen wurde, als für das laufende Jahr präliminirt ist, 
so dass Hoffnung vorhanden ist, dass die hieraus zu erwartende Mehrein- 
nahme das wahrscheinlich eintretende Deficit bei ersterem Titel im Gleich- 
gewicht halten wird. 

Bei den Betrieben des Handelsministeriums stiegen die Ausgaben um 
5,087.000 Gulden, die Einnahmen um 7,325.000 Gulden, es gestaltet sich 
demnach die Bilanz um 2,238.000 Gulden günstiger. Der Löwenanteil an 
dieser Zunahme entfällt auf die Staatsbahnen, bei diesen betrugen nänüich : 

im J. 1890 im J. 1891 Plus im J. 1891 

Gnlden Gulden Gulden 

die Ausgaben ... ... 24,897.000 30,000.000 5,103.000 

die Einnahmen ... 41,500.000 48,660.000 7,166.000 

die Mehreinnahme .-. 16,603.000 18,660.000 2,063,000 

Hiebei ist aber die Verstaatlichung der Nordostbahn nicht ausser Acht 
zu lassen, in Folge dessen die für das Jahr 1890 in Voranschlag gebrachte 
Ausgabe von 3,122.010 Gulden, sowie die Einnahme von 4,014.000 Gulden 



* Von den Ausgaben und Einnahmen unter dem Titel « Pferdezuchtanstalten • 
glaube ich jene der Gestütslandwirtschaften am geeignetesten hieher reihen zu können,, 
die übrigen Posten hingegen unter die streng genommenen Staats- Ausgaben. 



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DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1S9I. ^ 

dieser Bahn auch in das Budget der Staatsbabnen aufgenommen wurde. 
In Anbetracht dessen zeigt sieb bei den Staatsbabnen eine Zunabme, u. z. 

bei den Ausgaben ... 1,980.990 Gulden 

bei den Einnahmen _. 3,152.000 « 

bei dem Gesammterträgniss 1,171.010 • 

Diese Zunahme des Voranschlages ist die natürliche Folge der riesenhaften 
Entwickelung des Verkehrs und ist ein abermaUges Zeichen des glänzenden 
Sieges der Eisenbahn-Politik Ungam's. In Folge der rapiden Entwickelung 
des Verkehrs war die Steigerung der Verwaltungs- Auslagen unvermeidlich, 
es konnten aber auch die Einnahmen getrost höher in Voranschlag gebracht 
werden und wenn in Betracht genommen wird, dass das factische Bein- 
erträgniss der Staatsbabnen (mit Einrecbnung des beiläufigen Erträgnisses 
der Nordostbahn von 900.000 Gulden) 

im Jahre 1888 19.i Millionen Gulden 

f f 1889 20.7 « • 

betrug, so kann zuversichtlich erhofft werden, dass das Erträgniss, welches 
für das laufende Jahr mit 18.6 Millionen Gulden in Voranschlag gebracht 
wurde, in der Wirklichkeit sich wesenthch günstiger gestalten wird. In 
dieser Hinsicht dienen besonders zur Beruhigung die Erfahrungen des 
Jahres 1889. Während nämlich die günstigen Ergebnisse der Jahre 1887 
und 1888 mit der guten Ernte dieser Jahre begründet werden konnten, so 
wurde das noch günstigere Ergebniss des Jahres 1889 trotz der misshchen 
Ernte und trotz des Bäckfalles bei dem Getreide -Verkehr erzielt. Jene höhere, 
zugleich weise und kühne Verkehrs-Politik, welche bei den ungar. Staats- 
bahnen während der letzten Jahre inaugurirt vnirde, findet in dieser That- 
sache ihren schönsten Sieg, weil diesbezüglich getrost gesagt werden kann, 
dass gegenwärtig der Verkehr und das Erträgniss der Bahnen von den 
Eventualitäten der Getreideproduction nunmehr emancipirt ist. Es gelang, 
die Prseponderenz des Getreideverkehrs zu bekämpfen nnd den Verkehr 
so vielseitig zu gestalten, dass der Entwickelung und dem Erträgnisse der 
Bahnen nicht einmal eine ungünstige Ernte schaden kann. Es ist heutzutage 
dergestalt Mode, den Herrn Handelsminister zu loben, er ist in solchem 
Maasse der Zielpunkt von Schmeicheleien aller Art, dass man fast den 
guten Ton verletzt, wenn man ihn lobt, es wäre aber ein Verschweigen der 
Wahrheit, wenn wir jener unvergänglichen Verdienste nicht gedenken wür- 
den, durch welche er sich auf dem Gebiete der Staatsbabnen, so aus volks- 
wirtschaftlichem, wie aus finanziellem Gesichtspunkte, ein bleibendes Denk- 
mal errichtet hat. 



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^ PAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. 



IV. 

Bei den aus den eigentlichen staatlichen Funktionen entstammenden 
Ausgaben, ist von der 3,580.000 Gulden betragenden Mehrausgabe in Ab- 
rechnung zu bringen : 

1. die Mehreinnahme unter demselben Titel... 362.000 G. 

2. die Mehrausgabe bei dem Schankregale 1,035.000 G. 

3. die Mehrausgabe bei den Verzehrungs- 

steuern 323.000 G. 

4. die Mehrausgabe bei dem Tabakgefäll 67.000 G. 

zusammen ... . 1,425.000 G. 
da diese Summe mit den zunehmenden Einnahmen unter 
diesem Titel im Zusammenhange steht; im Ganzen sind 

daher 1,787.000 G. 

in Abrechnung zu bringen ; es verbleibt daher eine durch 
Entwickelung der staatlichen Einrichtungen verursachte 
Netto-Mehrausgabe von ... 1,793.000 G. 

Von dieser Summe nimmt der innere Bedarf Kroatien -Slavoniens um 
191.000 Gulden zu, dies ist die natürliche Folge der in dieser Beziehung 
bestehenden gesetzlichen Anordnungen und der Zunahme der Einnahmen ; 
364.000 Gulden aber entfallen auf Pensionen. Letztere zeigen zu Folge der 
Verhältnisse und besonders der freigebigeren Anordnungen des Gesetzes 
vom Jahre 1885, fortwährend eine unaufhaltsame Zunahme und bildet dieser 
Titel jene seltene Ausnahme, bei welchem eine Mehrausgabe bisher noch 
immer nicht vermieden werden konnte. Die Daten vorangegangener Jahre 
in Augenschein genommen, ergibt sich folgendes Resultat: 

Voranschlag f. d. J. 1887 4,989.000 G. Netto- Ausgabe 5,634.000 G. 

fl fl « « 1888 5,314.000 « « « 5,999.000 « 

« « « fl 1889 5,789.000 « « « 6,345.000 t 

f « « « 1890 6,316.000 « 

« « « « 1891 6,680.000 « 

Hieraus erhellt, dass die jährliche Mehrausgabe unter diesem Titel beiläufig 
350.000 Gulden beträgt und dass, obzwar das entsprechende Gapitel des 
diesjährigen Budgets ebenfalls an Realität gewann, die Aussicht auf eine 
Mehrausgabe von 2 — 300.000 Gulden noch immer vorhanden ist. 

In der noch immer zurückbleibenden Mehrausgabe von 1,238.000 Gul- 
den findet eigentlich die Zunahme bei dem aktiven administrativen Mecha- 
nismus Ungarns Ausdruck ; um diese Summe wurde die Action des ungari- 
schen Staates in sämmtlichen Zweigen des administrativen, kulturellen und 



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DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1H91. *»> 

volkswirtschaftlichen Lebens theurer. Wenn die einzelnen Posten dieser 
Mehrausgabe der gewissenhaftesten Beurteilung unterzogen werden, finden 
sich einige in sich selbst genommen geringfügige Summen (sporadische 
Gtehaltaufbesserungen, Vermehrungen des Personals etc.) vor, gegen welche 
aus dem Gesichtspunkte der strengsten Sparsamkeit Einwendung erhoben 
werden kann, denn die geringste derartige Erscheinung berührt alle jene 
unangenehm, die sich der schweren Stunden der Nächstvergangenheit 
und der Hauptursache der kaum behobenen Uebel noch zu erinnern ver- 
mögen. Die ganze in Bede stehende Summe jedoch ist so gering, dass die- 
selbe fürwahr kaum erwähnt werden sollte, wenn es nicht nothwendig wäre 
bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass jeder einzelne Schritt bei 
laxerer Beurteilung der Lage und bei Ausserachtlassung der finanziellen 
Gesichtspunkte mit ernsten Gefahren verbunden ist. Diese Auffassung kann 
als kleinlich und kreuzerhaft verspottet werden und es erscheint dieselbe 
als trocken und prosaisch, besonders heutzutage, da die Atmosphäre von 
grossen Ideen, grossen Prinzipien und grossen Losungsworten erzittert. Es 
sei aber nicht vergessen, dass air diese schönen Sachen ohne die Gefahr, aus- 
gelacht zu werden, nicht einmal erwähnt werden könnten, wenn nicht durch 
die consequente Durchführung dieser kreuzerhaften Auffassung die Ordnung 
im Staatshaushalte hergestellt wäre und dass zur Verwirklichung der Her- 
stellung des Gleichgewichtes das strenge Beharren bei dieser Auffassung 
auf allen Gebieten des staatlichen Lebens die Hauptbedingung ist. Eines der 
grössten Verdienste der Regierung bildet es, dass sie diese undankbare und 
eine grosse Selbstverleugnung erfordernde Aufgabe mit eiserner Energie 
löste, und es wäre die Begierung untreu zu ihrer Vergangenheit, untreu za 
den grossen Plänen, deren Durchführung, zu den edlen Aspirationen, deren 
Verwirklichung von ihr erwartet werden, wenn sie sich von diesem Gebiet 
durch was immer verleiten lassen würde. 

Im Grossen und Ganzen genommen — und abgesehen von einigen 
insgesammt nur wenige tausend Gulden betragenden Ausnahmen — kann 
mit vollständiger Beruhigung constatirt werden, dass die ganze Mehrlast nicht 
jene Grenze überschreitet, welche bei Entwickelung unserer Verhältnisse als 
ganz normal betrachtet werden kann. Nebst den zunehmenden Anforderungen 
des sich fortwährend entwickelnden Lebens, kann in den Functionen des Staaten 
auch keine Stagnation eintreten ; die naturgemässe Entwickelung des staat- 
lichen Organismus erfordert unvermeidlich — abgesehen von grösseren Befor- 
men — eine jährliche Zunahme der. Ausgaben von beiläufig 1*5 Millionen 
Gulden. Diese Grenze überschreitet auch das diesjährige Budget nicht und 
wenn die zunehmenden Ausgaben besser ins Augenmerk genommen werden,, 
gelangt man zu der Ueberzeugung, dass dieselben wirklich notwendig sind 
und zur Erreichung nützlicher Zwecke dienen. Diese Ausgaben verteilen sieb 
folgendeimassen unter die einzelnen PortefeuiUes : 



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46 



DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. 



1. Der grösste Teil der Mehrausgabe, 230.000 Gulden, welche bei den 
bisher noch unerwähnt gelassenen Titeln des Finanzministeriums ins Auge 
tritt — entfallt auf Finanzdirectionen und Finanzwachen, und ist eigent- 
lich nur die naturgemässe Folge der grösseren Einnahmen. Besonders in 
Folge rapider Entwickelung der indirecten Steuern, müssen die Kosten der 
pünktlichen Manipulation und Controlle zunehmen : es liegt daher die auf 
Verstärkung der äusseren Organe der Finanz-Administration verwendete 
Mehrausgabe sowohl im Interesse des Aerars als auch der steuerzahlenden 
Bürger. 

2. Bei den ordentlichen Ausgaben des Ministeriums des Innern zeigt 
sich eine Zunahme von 204.000 Gulden, dem gegenüber steht eine Mehr- 
einnahme von 77.000 Gulden, die netto Mehrlast beträgt daher 127.000 Gul- 
den. Von dieser Summe entfallen 102.000 Gulden auf den öffentlichen Sicher- 
heitsdienst. Die stufenweise Entwickelung der Gendarmerie, als auch der 
Polizei der immermehr das Gepräge einer Weltstadt zeigenden Hauptstadt 
ist eine unaufschiebbare Notwendigkeit, die hierauf verwendeten Auslagen 
werden durch die andauernde unbestreitbare Besserung der öffentlichen 
Sicherheitszustände so dem Staat als auch der Gesellschaft reichlich ersetzt. 
Ebenso sind die Ausgaben des Sanitätswesens im steten Steigen begriffen, und 
wird gewiss die Hemmung der naturgemässen Entwickelung dieses Dienst- 
zweiges niemand einfallen, unter diesem Titel zeigt sich eine Netto- Mehraus- 
gabe von 47.000 Gulden, so dass das öffentliche Sicherheits- und Sanitäts- 
wesen das Budget des Ministeriums des Innern zusammen mit 149.000 
•Gulden belastet. Bei all den übrigen Titeln dieses Portefeuilles kommt nicht 
nur keine Mehrausgabe vor, sondern es ergibt sich eine Ersparniss von 
22.000 Gulden. 

3. Die Mehrausgabe von 197.000 Gulden des Handelsministeriums 
sinkt nach Abrechnung der Mehreinnahme von 44.000 Gulden auf 153.000 
<Tulden. Diese Summe nehmen fast gänzlich die zur Subsidiirung der Stras- 
senfonde der Munizipien in das Budget eingestellten 140.000 Gulden in 
Anspruch ; bei sämmtlichen übrigen Titeln kommt nur eine Mehrausgabe 
von 13.000 Gulden vor. 

4. Einigermassen anders gestaltet sich die Sache bei dem Ackerbau- 
ministerium: die Netto-Mehrausgabe von 147.000 Gulden (216.000 Gulden 
Mehrausgabe, 69.000 Gulden Mehreinnahme) verteilt sich fast gleichmäs- 
sig unter die verschiedenen agriculturellen Zwecke. Dagegen, dass in einem 
überwiegend agriculturellen Land wie Ungarn derartige Leistungen des 
'Staates mit erforderlicher Vorsicht gesteigert werden, kann man fürwahr keine 
Einwendung erheben und ist die ganze Mehrausgabe von 147.000 Gulden 
in Anbetracht der Wichtigkeit und productiven Natur der fraghchen Ausga- 
ben absolut nicht übermässig. Fraglich bleibt es aber, ob es für die Agri- 
'Cultur nicht von grösserem Nutzen wäre, wenn diese Mehrausgabe tunlichst 



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DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. 47 

4iaf die Vorschableistung von einem oder zweier der allerwichtigsten Zwecke 
konzentrirt werden würde. 

5. Von der Netto-Mehraosgabe von 346.000 Golden des Justizministe- 
riums stehen 262.000 Gulden mit der Decentralisation der königlichen 
Tafel, 50.000 Gulden mit der rascheren Verfertigung der Grundbücher im 
Zusammenhange, das heisst, diese Mehrausgabe von 312.000 Gulden ist 
schon die Folge der Durchführung des Reformprogrammes. Die Kosten der 
laufenden Administration nahmen nur um 34.000 Gulden zu. 

6. Endlich zeigt sich noch bei dem CultusminL<»terium eine Netto- 
Mehrausgabe von 178.000 Gulden (326.000 Gulden Ausgabe, 148.000 Gul- 
den Einnahme), hievon entfallen 24.000 Gulden auf die unumgänglich 
notwendig gewordene Uebersiedelung des Ministeriums, 127.000 Gulden 
auf Lehranstalten. 

Bei der erfreulichen Entwicklung der nationalen Cultur ist es unver- 
meidlich, dass die Lehranstalten auch in der Zukunft stufenweise, nach 
einem gut durchdachten Plan auf allen Gebieten entwickelt werden. Hiebei 
muss aber der Gultusminister sehr oft jene undankbare Aufgabe vor Augen 
halten, dass der Oekonomie jeder einzelnen Lehranstalt die möglichste 
Sparsamkeit zu Grunde gelegt werde und dass die jährlich zu diesem Zwecke 
erforderlichen Mehrausgaben zur factischen Entwickelung der Culturanstal- 
ten verwendet werden. 

Auf Grund dieser Daten gewinnen wir nachstehendes Bild unserer 
:finanziellen Lage. 

Die diesjährige Ausgabe beträgt bei dem Ordinarium 
mehr als die vorjährige (hauptsächlich Militär- 
Zwecke) um 1,439.000 Gulden 

bei den Staatsschulden um 47.000 « 

bei den Militär- Ausgaben - ... 872.000 • 

bei den Betrieben und den gleichnamigen Ausgaben 7,227.000 « 
bei den mit den zunehmenden Einnahmen in direc- 

tem Zusammenhange stehenden Ausgaben — 1,425.090 « 

bei den übrigen Staats- Ausgaben um _.. 2,155.000 « 

bei dem Titel «übrige hier nicht angeführte unbedeu- 
tende Differenzen» um 24.000 « 

zusammen um 13,189.000 Gulden 

^em gegenüber zeigt sich bei den schon erwähnten Einnahmen eine Zu- 
nahme von und zwar : 

bei den Staatsschulden ... ... 142.000 Gulden 

bei den Betrieben 9,674.000 « 

bei den verschiedenen Administrations-Zweigen ... 362.000 « 

zusammen 10,188.000 Gulden. 



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4>^ DAS BUDGET UNGARNS FÜR DAS JAHR 1891. 

Es ist daher ersichtlich, dass die Mehreinnahme die Mehrausgabe von 
9,:229.000 Gulden der Staatsschulden, Betriebe und der streng genommenen 
staatlichen Ausgaben reichlich deckt und dass jenes Ziel, dass in dem reinen 
Erträgniss der sich stets entwickelnden Betriebe der mit der normalen Zu- 
nahme des staatlichen Organismus verbundene Mehrbedarf Deckung iinde^ 
erreicht wurde. Ja es kann sogar von dem 949.000 Gulden betragenden 
üeberschuss, mit Ausnahme von kaum einer halben Million Gulden, auch 
jene Mehrausgabe des Finanzministeriums bestritten werden, welche mit 
neuen oder zunehmenden Einnahmequellen in Verbindung steht (Schank- 
regale und Verzehrungssteuem). 

Das günstige Ergebniss der naturgemässen Entwickelung sämmtlicher 
hier erwähnten Ötaats-Einnahmen könnte daher zur besseren Gestal- 
tung der Bilanz des Staatshaushaltes beitragen, wenn nicht die neuer- 
liche Zunahme der Militär-Ausgaben dazwischen gekommen wäre. Diese 
Ausgaben beanspruchen von diesen zunehmenden Einnahmen fast zwei 
Millionen Gulden und zehren die in Voranschlag gebrachten Mehrein- 
nahmen fast gänzlich auf, so dass die Bilanz nur eine Besserung von einer 
halben Million aufweist Die eigentliche Besserung ist zwar nicht nur so- 
viel, sondern es beträgt dieselbe in der Wirklichkeit 2V2 Millionen Gulden, 
nachdem im Budget bei dem Verkaufe von Staatsgütern um zwei Millionen 
Gulden weniger in Voranschlag gebracht wurde ; diese Besserung ist aber 
immerhin noch eine viel geringere als jene der nächst vergangenen Jahre und 
verursacht ernstliche Bedenken, besonders wenn in Betracht genommen wird, 
dass die in das Programm der Begierung aufgenommenen und allgemein 
erwünschten Be formen eine ständige Mehrausgabe von mindestens 10 bis 
l!2 Millionen Gulden verursachen werden. 

Dies würde sehr gewichtige, kaum zerstreubare Bedenken verursachen, 
wenn die erzielten Ergebnisse der Schlussrechnungen keine Beruhigung 
bieten würden. Die Ergebnisse der Schlussrechnungen sind seit dem J. 1887 
fortwährend günstiger, als jene des Budgets. Im Jahre 1887 war das wirk- 
liche Ergebniss um 7, im Jahre 1888 um 12, im Jahre 1889 um 13 Millionen 
Gulden günstiger, als das in Voranschlag gebrachte, und es kann haupt- 
sächlich letztere Schlussrechnung auch bei Ausübung der strengsten Kritik 
gerechte Freude verursachen und darf dieselbe den gerechten Stolz der Regie- 
rung bilden, deren unermüdliche, gewissenhafte Thätigkeit darin zum Aus- 
druckegelangt. Jede Seite der Schlussrechnung bekundet die strengste Ordnung 
und Sparsamkeit, Creditübertretungen kommen kaum vor, bei den Ein- 
nahmen ergibt sich fast ohne Ausnahme ein Üeberschuss. Und wenn 
zwischen den Einnahms-Ergebnissen der Schlussrechnung und jenen des 
diesjährigen Budgets ein Vergleich angestellt wird, so kann mit Freude und 
Beruhigung constatirt werden, dass dieselben auch für dieses Jahr mit der- 
selben, fast an Pessimismus grenzenden Realität in Voranschlag gebracht 



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DAS BUDGET UNGARJJS FÜK DAS JAHR 1891. 4f9 

^wtirden, welche die in YoraDschlag gebrachten Einnahmen der nächsten 
Vergangenheit charakterisirte. 

Wenn nunmehr in Anbetracht genommen wird : 

1. dass die Einnahmen des Finanzministeriums ohne das im Jahre 
1889 noch nicht bestandene Schankregale im Budget mit vier Millionen 
Gulden niedriger aufgenommen wurden, als das factische Ergebniss des 
Jahres 1889; 

2. dass der Voranschlag der Bergwerke um 800.000 Gulden ungünsti- 
ger ist, als das factische Ergebniss des Jahres 1889 ; 

3. jener der Staatsbahnen um zwei Millionen Gulden ; 

4. dass daa Erträgniss der zur Verfügung des Finanzministers stehen- 
den Gapitalien und der Begalablösungs-Obligationen in das Budget nicht 
aufgenommen erscheint ; 

5. dass die Hälfte des Jahres 1889 die fast allgemeine missliche Ernte 
empfindlich beeinflusste und 

6. dass der grösste Teil der Einnahmen, so hauptsächlich jene der 
Staatsbahnen, Stempel, Gebühren, des Tabakgefälls und der Verzehrungs- 
steuem eine rapide Zunahme aufweisen, und inwiefern von den für das Vor- 
jahr bisher erschienenen Ausweisen gefolgert werden kann, diese Zunahme 
im erfreulichen Maasse fortdauert^ 

so kann mit voller Bestimmtheit behauptet werden, dass — inwiefern 
ganz ausserordentliche Umstände die volkswirtschaftliche und finanzielle Lage 
Ungarns nicht zerrütten, — das factische Ergebniss des laufenden Jahres 
mindestens um 8 bis 10 Millionen Gulden sich günstiger gestalten wird, 
als der Voranschlag und dass, wenn wir auch in der Zukunft die Sparsam- 
keit mit unerbittlicher Strenge einhalten, und wenn wir femer unsere Kräfte 
nicht zersplittern, der Bedarf der auf der Schwelle stehenden grossen Beform- 
Frojecte in den gegenwärtigen Einnahmsquellen Deckung finden wird. 

Stefan von Tisza. 



UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNÜNGEN 
JOSEFS DES n. 

(Beitrag znr Sanitätsgeschichte Ungarns.) 

Von einem geregelten Sanitätswesen kann in Ungarn im Mittelalter 
und selbst in der Neuzeit noch nicht die Bede sein. Einzelne mehr oder 
minder wichtige Anordnungen, die im Laufe der Jahrhunderte getroffen 
wurden und dieBegelung einzelner Zweige des Sanitätswesens bezweckten,* 

* So z. B. einzelne Bestimmungen in dem Statutenbuch der Stadt Ofen 
(1244—1421). Punkt 102 und 298 handelt von den Apothekern (s. meine Schrift fZur 
Ungarisehe Reme, XI. 1891. I. Heft. 4 



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UNGARN BETREFFENDE 8ANITÄTSVER0RDNUNGEN JOSEFS DES II. 



vermochten nicht einen allgemeinen Aufschwung des öflfentlichen Gesundr 
heitswesens herbeizuführen, umsomehr, da diese Verordnungen nie zur 
Gesetzkraft erhoben, auch nicht auf allgemeine Anwendung rechnen konn- 
ten. Temporäre Erlässe, deren Veranlassung grösstenteils die in damaUger 
Zeit häufig auftretenden Epidemien gewesen, hatten auch nur temporäre 
Bedeutung und ephemeren Wert, denn bei der Kritiklosigkeit der damaUgen 
Ansichten über öflFentüche Hygiene wurden oft auch bessere und lebensfähi- 
gere Einrichtungen ohne Weiteres über den Haufen geworfen. Daher die quan- 
titativ wohl bemerkenswerten, doch qualitativ höchst untergeordneten Sani- 
tätsverordnungen der damaligen Jahrhunderte, die durchaus nicht geeignet 
waren, eine Verbesserung des öflfentlichen Gesundheitswesens zu veran- 
lassen. 

Im XVni. Jahrhunderte macht sich der Sinn für die öflfentliche 
Gesundheitspflege in Ungarn bereits im hohen Grade bemerkbar. Dies ist 
wohl dem Aufschwünge auf dem Gebiete der Natur- und Heilwissenschaft 
zu verdanken, die eine radikale Reform der betreflfenden äusserst mangelhaf- 
ten Institutionen herbeiführte und den leitenden Kreisen der Gesellschaft 
die Ueberzeugung beibrachte, dass eine geregelte Sanitätspflege im Staats- 
wesen eine hochwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich unter Leopold L, 
Carl VI. und Maria Theresia häufen sich die Verordnungen, die auf die 
Regelung des Sanitätswesens und der mit demselben in Verbindung stehen- 
den Faktoren abzielten. Es war dies — unter der Regierung Maria The- 
resia's — auch eine natürliche Folge der Creirung einer medizinischen 



Geschichte der Medizin in Ungarn» Budapest 1890, S. 34.), P. 103, dessen Text fehlt, 
fahrt die Ueberschrift «Von den wuntärzten.» P. 104 bestimmt, «das kain safran sol 
iinbeschawt weder gekauft noch verkauft werden.» — lOG : Der fleischagker zech- 
maichter süllen allzeit als das vleisch peschawen, das in den pengken ist, dwf das 
rain vnd gerecht üt, vnd nicfU stingkund, noch wademg^ noch phinnod sei/ etc. P. 110 
lind 111 untei-sagt den Verkauf todter Fische. P. 182 (Text fehlt): «Von dem pader» ; 
P. 186 : «Von den freyen tochtem und gleichen desz». Mehrere Punkte berühren das 
Prostitutionswesen. Hieher gehören auch die Statuten der Pressburger Fleischhauer 
vom Jahre 1376, die in einer ihrer Bestinamungen ausdrücklich bemerkten : «Es sol 
auch nyemant in seiner panch phinnaste^ fleisch vail haben, man sol iz vor den 
penkchen vail haben her dan her ; vnd welicher maister phirmnsUz fleisch verchaufft 
in seiner panch, vnd wem ers verchauflft auz der panch, dem sol er sein geld wider- 
geben, vnd sol zwen vnd sybenczich phenninge geben zue der stat, also daz iz die 
2wen gesworen maister suUen beschawen, vnd ob er denne schelmiges vieh siecht, daz 
sol man im nemen^ vnd sol daz in daz syitol geben armen lewten, (Michnay u. Lichner 
Ofner Stadtrecht S. 79. Linzbauer Codex sanitario-med. Hungarise I. 106.) — Im 
16. Jahrhunderte, zm* Zeit der verheerenden Epidemieen, sowie später im 17. Jahr- 
hunderte mehren sich diese mannigfachen Sanitätsverordnungen beträchtlich. Es 
wäre zu weitläufig hier auch nur einen kurzgedrängten Auszug dieser Vorkehrungen 
mitzuteilen und will ich diesbezüglich auf die mögliclist ausführUche, doch keines- 
wegs erschöpfende Sammlung im Linzbauer'schen Codex verweisen. 



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UNGARN BETREFFENDE 8ANITÄTS\'ER0RDNUNGEN JOSEFS DES II. ^1 

Fakultät, mit der sich auch der Wunsch nach Ordnung der Verhältnisse 
ihrer Mitglieder, der Bechte und Pflichten der Aerzte und Sanitätspersonen 
rege machte. So kam es bereits unter Maria Theresia zur Schöpfung mehre- 
rer hochwichtiger sanitätspolizeiücher Verordnungen, die den Grundstock 
der später ins Leben gerufenen Sanitätsgesetze bildeten. 

EkBchöpfender wurde das Material unter Josef II. behandelt. Josef IL, 
der als «Schätzer der Menschheit» ebenfalls den Menschen für das kostbarste 
Capital der Gesellschaft hielt, sorgte in reichlichem Maasse für die Erhal- 
tung und Verwertung dieses Capitals. 

Während seiner zehnjährigen Regierung gelangte eine Fülle von Sani- 
tätsverordnungen zur Ausgabe, die in seinem letzten Begierungsjahre von 
Josef Keresztury de Szinerszök unter dem Titel tConstituta regia, quae re- 
gnante August. Imperatore et Bege Apostol. Josepho ü. pro regno Hungarise 
eidemque adnexis provinciis nee non M. Principatu Transilvanise condita 
sunt» im Druck erschienen. Diese Verordnungen, in logischer Reihenfolge 
geben ein klares Bild von den Bestrebungen des für sein Volk väterlich sor- 
genden Fürsten und verdienen die Mühe, näher beleuchtet zu werden. 

Der deutlichen üebersicht halber wird es wohl angezeigt sein, die ein- 
zelnen Verordnungen nicht in chronologischer Beihenfolge, sondern aus 
sanitätsadministrativem Standpunkte in sachUcher Folge mit Berücksichti- 
gung der für die einzelnen Fächer getroffenen Verfügungen zu betrachten. 
Früheren Bestimmungen zufolge (Decretum Caroli VI. Imperatoris ac 
Begis vom 19. Juni 1723)* untersteht das gesammte Sanitätswesen dem kön. 
Statthaltereirat, dem im Jahre 1738 — gelegentlich der grassirenden Pest — 
«ine Sanitätscommission und'im Jahre 1742 ein Arzt «als Bat und Beisitzer» 
beigegeben wurde. Die Agenden dieser Sanitäts-Oberleitung bestimmt des 
Nähern die Constitutio NormativaBei Sanitatis vom 17. September 1770.** 
Im Jahre 1783 wurde bei der k. Statthalterei ein besonderes Sanitäts- 
Departement gebildet. Dasselbe wird einem Bäte zugeteilt, fder darüber im 
vollen Bäte vorträgt». 

Am 21. August 1786 wird, f da durch die bisher der medizinischen 
Fakultät in Pest von der königl. Statthalterei aufgetragenen Angelegenhei- 
ten, welche den Gesundheitsstand des Landes betreffen, die Lehrer in dem 
Unterricht der Jugend, welcher stets der wichtigste Teil ihrer Pflicht ist, 
{^hindert wurden, auch dieselben nicht füglich zu andern G^chäften ver- 
wendet werden können, als welche unmittelbar ihren Lehrgegenstand und 
<lie innere Polizei der Universität betreffen, so haben Se. Maj. beschlossen, 
dass nach dem bereits in den übrigen Erbländern bestehenden Beispiele^ 

* linzbauer Codex sanitario-medicinalis Hnngariae I. 583. 
** Linzbauer 1. c. IL 535. Zßoldos Constituta rei sanitatis in Hungaria parti- 
4)U8qae adnexis 1819. S. 18. 

4* 



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'>' UNGABN BETREFFENDE SANITÄTSVBRORDNtNGEN JOSEFS DES II. 

auch in dem Königreich Ungarn ein Protomedicus an dem Orte, wo sich die- 
Liandesstelle befindet, angestellet und die Oberaufsicht und Leitung dea 
Arzeneistandea und die Sorgfalt für die in öffentlicher Verpflegung stehen- 
den Kranken aufgetragen werden soll.» 

Der allerhöchsten Entschliessung vom 29. Jänner 1787 gemäss erhält 
der Protomedicus ein jährliches Gehalt von 1500 Gulden und 500 Gulden 
Personalzulage als Beisitzer der Studiencommission. 

Die unmittelbare Aufsicht über das Sanitätswesen liegt den Comitats- 
und Stadtbehörden ob (17. Sept. 1770), während die unmittelbare oberste 
Aufsicht die Pflicht der königl. Commissäre und der Obergespäne ist. (2. Jän- 
ner 1778.) 

In dem Intimat vom 13. Juni 1785 wird allen Behörden die Beobach- 
tung der Sanitäts Vorschriften zur Pflicht gemacht. — Am 21. Dezember 
1 786 wird die Bestimmung getroffen, dass von nun an in jedem Comit^te 
nur ein Arzt (Comitatsphysikus) angestellt werde. 

Am ausführlichsten wird natürlicher Weise das Capitel von den Ge- 
sundheitsbeamten behandelt. 

Bestimmungen, die sich auf die Personal- und Berufsverhältnisse des 
Medicinalstandes beziehen, sind in Ungarn verhältnissmässig ganz jungen 
Datums. Dies erklärt wohl der Umstand, dass der Mangel einer vaterlän- 
dischen Universität resp. einer medicinischen Facultät auch nicht das 
Bedürfniss nach Regelung der Verhältnisse des Sanitätsstandes fühlbar 
machte. Ausländische oder im Auslande herangebildete Aerzte brachten 
Vorschriften und Gesetze mit sich, nach denen sie dann hier ohne weitere 
Controle ihre Praxis ausübten. Später, wo der Druck der Verhältnisse, das 
Auftreten verheerender Krankheiten die Aufmerksamkeit der competenten 
Kreise auf die zur Saniruug der Uebel berufenen Personen lenkte, musste 
natürlich das Verhältniss des Medicinalstandes zum Staate und zur Gesell- 
schaft geregelt, geordnet werden. Und so sehen wir dann, dass das XVIL 
Jahrhundert — das epidemieenreiche Säculum — eine Fülle einschlägiger 
Verordnungen brachte. Im XVIII. Jahrhundert, wo sich zu diesem Umstände 
auch noch der erwachte Sinn für Naturwissenschaften und öffentliche Hy- 
giene gesellte, finden wir schon ziemlich geordnete, dem Zeitgeiste vollkom- 
men entsprechende Verhältnisse. 

Den Grund zu den diesbezüglichen Bestimmungen legte Maria Theresia, 
mit ihrem bereits erwähnten Generale Normativum Sanitatis vom 17. Sep- 
tember 1770.* Hier, sowie in dem am 10. April 1773 erlassenen Anhange 
wird auf die erforderliche Qualifikation des Aerztestandes grosses Gewicht 
gelegt. «Jedermann ist es bekannt — sagt das Normativum von 1770 — waa 
Unheil oft durch unerfahrene Medicos dem Nächsten zugefüget wird, dahero- 

* Linzbauer 1. c. I. 821. Zsoldos 1. c. S. 18. 



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UNGARN BETREFFENDE SANITATSVERORDNüNGBN JOSEFS DES II. 



53 



bestehet schon durch viele Jahre die Gesetzgebung, dass alle, die ihre Kunst 
in den kaiserl. königl. Erblanden üben wollen, den Gradum Doctoratus auf 
-«iner Innländischen Universität, bey welcher eine Facultas medica vor- 
handen ist, genommen haben müssen, wobey es auch in Zukunft sein Be- 
wenden hat, dermassen, dass andere weder angenommen, weder ihnen die 
allenfalls übende Praxis beygelassen werden solle, es wäre denn Sache, dass 
sie sich durch das vorgeschriebene Examen hierzu tauglich gemacht 
hätten etc.» 

Im Jahre 1771, wo die Tymauer Universität eine medicinische Facul- 
tät erhielt,* erschien folgendes kgl. Rescript: «Es scheinet auch zweck- 
mässig, dass alle Heil- und Wundärzte, welche künftig in diesem Königreiche 
ihre Kunst ausüben wollen, vorher an der Universität zu Tymau geprüfet 
werden sollen. Aerzte, welche jedoch bereits an der Universität zu Wien 
geprüfet sind, können ohne fernere Prüfung in allen Erbländem zur Aus- 
übung ihrer Kunst zugelassen werden. Die schon angestellten Aerzte sind 
inzwischen von der Prüfung so lange ausgenommen, bis sie zu einem grös- 
seren Physikate angestellt werden.» 

Diese Verordnungen wurden am 13. März 1786 von Josef 11. neuer- 
dings genehmigt und bestätigt. Hieran anknüpfend wird in dem Bescripte 
vom 18. December 1786 nochmals darauf aufmerksam gemacht, dass nur 
vorschriftsmässig geprüfte Aerzte zur Praxis zugelassen werden. Um die 
Ausbildung der Aerzte vielseitiger zu gestalten, bestimmt der Erlass vom 
3. Januar 1787, «dass nach Errichtung des Lehrstuhles der Vieharzenei 
an der hohen Schule zu Pest,** in Zukunft weder ein Heilarzt noch Wund- 



'■' Die Professoren der luedizinischen Fakultät zu Tymau, die auf Vorschlag 
van Swietens mit je 1200 Gulden Gehalt ernannt wurden, waren damals: Michael 
Schoretits (Pathologie und Therapie), Ignaz Prandt (Physiologie und Pharmakologie), 
Jakob Winterl (Chemie und Botanik), Wenzel Tmka (Anatomie) und Josef Plenk 
(Chirurgie und Geburtshilfe). Rektor der Universität war im Schuljahre 1770 71 
Graf Alexander Keglevich, Senior der med. Fakultät Mich. Schoretits, Dekan der 
med. Fakultät Ign. Pi-andt. 

* Die Universität wurde nämUch im Jahre 1777 nach Ofen, im Jahre 1784 
nach Pest verlegt. Der Professor der im Jahre 1786 mit 600 Gulden Gehalt syste- 
misirten Lehrkanzel für Thierheilkunde war Alexander Tolnay. Die Lehrgegenstände 
und Professoren der medizinischen Fakultät waren zur Zeit Josefs folgende : Specielle 
Pathologie und Therapie: Michael Schoretits (seit 1770), Wenzel IVnka (seit 1785); 
Anatomie: Wenzel Trnka; Physiologie: Adam Ign. Prandt (1770), Samuel Rdcz 
(1783); Pharmakologie: A. I. Prandt; Praktische Chirurgie: Josef Plenk (1770), 
Georg St4hly (1783); Geburthilfe: Plenk (1770), J. R&cz (als Supplent), G. StdMy 
^1783), Botanik: J. Winterl; Chemie: derselbe; Zoologie: Mathias Piller (1783), 
Josef Schönbauer (1788); Mineralogie: die Professoren der Zoologie; Theoretische 
Arzneikunde: Stipsics Ferdinand (1783); Thierarzneikunde : Alexander Tolnay. Dr. 
-Joh. Rupp's Festrede zum hundertjähr. Jubilemn der medic. Fakultät der k. ung. 
Universität. Ofen, 1871, S. 130. 



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54f UNOARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNÜNGEN JOSEFS DES H. 

arzt bei einer Gespanscbaft oder Stadt angestellt werden könne, der nicht 
diese Vorlesungen gehört, und darüber ein gutes Zeugniss erhalten bat.» 

In ausführlicher Weise werden auch die Pflichten der Aerzte fest- 
gesetzt. Allgemein behandelt dieselbe schon das Normale vom Jahre 1770,. 
indem es in mehreren Punkten das Verhältniss der Aerzte zu dem Publicum 
und dem Sanitätspersonale bestimmt. Im Anschlüsse an diese Anordnungen 
erliess Josef IL am 27. November 1787 ein Intimat in der Form eines. 
«Amtsunterrichts für die Comitats- Aerzte in dem Königreiche Ungarn, und 
den dazu gehörigen Provinzen.» Dieser Erlass enthält in 32 Punkten eine 
ausführliche Unterweisung für die Cbmitatsärzte und verdient wohl, in 
seinen Hauptpunkten hier registrirt zu werden. 

Die Agenden der Comitatsärzte beziehen sich — nach dieser Amts- 
unterweisung — «auf den allgemeinen Gesundheitsstand des ihnen anver- 
trauten Bezirks, auf den besonderen der einzelnen Kranken und auf die 
ihnen von der öffentlichen Aufsicht in landgerichtlichen Fällen gemachten 
Aufträge und Untersuchungen.» 

Betreffs des ersten Punktes haben die Comitatsärzte ihre Aufmerk- 
samkeit den Epidemieen, Viehseuchen, Affcerärzten, der Geburtshilfe, den 
Apotheken und allen denjenigen Gegenständen zuzuwenden, welche durch 
Verunreinigimg der Luft Krankheiten zu verursachen im Stande sind. 

Bezüglich der epidemischen Krankheiten wird folgende Anordnung 
getroffen : 

«Die Ortsobrigkeiten haben bereits die Verordnung *, sobald wahrge- 
nommen wird, dass in einem Orte mehrere Menschen durch einerlei Krank- 
heit in kurzer Zeit aufgerieben werden, sogleich unter der schwersten Ver- 
antwortung die Anzeige an die Gespanschaftsbehörde zu machen. 

Wenn eine solche Anzeige einläuft, hat sich der Gespanschafts-Arzt 
auf Verordnung des Comitats, unverzüglich nach dem angezeigten Orte zu 
begeben, die Art und Beschaffenheit der Krankheit, ihre Verbreitung, und 
der dadurch verursachten Sterblichkeit genau zu untersuchen, und über die 
erhobenen Umstände Bericht an den Vicegespan, nebst Anschliessung der 
Tabelle aller Kranken, Genesenen, oder Verstorbenen, mit der Voraus- 
setzung der Volksmenge des Orts zu machen. 

Bestätiget sich, dass wirklich eine Epidemie herrscht, so hat der Arzt 
über die den Umständen angemessene Heilungs- und Verwahrungsmethode^ 
und sonst über die diätetischen Mittel auf der Stelle die Vorschrift zu 
erteilen, und so lange an dem Orte zu verbleiben, bis das Uebel, wo nicht 
gänzlich, doch wenigstens grösstenteils gehoben ist ; von Zeit zu Zeit aber 
muss er den Fortgang und die Wirkung seiner Vorkehrungen, immer mik^ 
Anschluss obiger Tabelle, dem Vicegespan berichten. 

* Unter Andern in dem mehrerwälmten Normativum vom Jahre 1770. 



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UNGARN BETREFFENDE SANITATSVERORDNTNOEN JOSEFS DES II. -^^ 

Wenn ungeachtet der angewendeten Heilungsmittel, das Uebel weiter 
um sich greifen sollte, so muss der Comitats-Arzt dem Vicegespan die 
genaue Beschreibung der Krankheit, nebst bemeldeter Tabelle der dabei 
wahrgenommenen Umstände, und der gebrauchten Arzeneien auf das schleu- 
nigste zusenden, und wegen gemachter Vorkehrungen, wie auch des Erfolgs 
derselben, die umständliche Anzeige erstatten, zugleich aber fernere Ver- 
haltungsbefehle ansuchen.» 

In gleicher Weise hat der Comitats-Physikus bei einer ausbrechenden 
Viehseuche vorzugehen. 

Femer hat er darauf zu achten, dass die Gesundheit der Bewohner 
durch das betrügerische Verfahren sogenannter Afterärzte nicht gefährdet 
werde. 

Zu seinen Pflichten gehört es auch, darauf zu achten, «dass kein Weib 
als Wehemutter die Geburtshilfe ausübe, welche nicht zuvor auf einer erb- 
ländischen Universität geprüft und tauglich befunden worden ist, welches 
aus dem von der Universität erhaltenen Diplome zu ersehen seyn wird.» — 
«Wo die Entfernung von Ofen und Pest zu gross ist, sollen die Weiber, 
welche die iGreburtshilfe als Wehemütter ausüben wollen, zuvor von dem 
(Jomitats-Chyrurgus, der vermöge der bestehenden Gesundheits- Vorschriften 
ohnehin ein Geburtshelfer seyn muss, * unterrichtet, und von dem Comi- 
tats-Physikus mit Beiziehung des Gomitats-Ghyrurgus über ihre Fähigkeit 
ordentlich geprüft, und nur wenn sie tauglich befunden worden, densel- 
ben ein von beiden unterschriebenes Zeugniss ausgefertiget uud die Gre- 
burtshilfe auszuüben erlaubet werden. » 

Um die Verbreitung der Lustseuche hintanzuhalten, möge der Comi- 
tats-Arzt dieser gewöhnlich geheimgehaltenen Krankheit nachspüren und 
sie nach Möglichkeit auszurotten suchen. 

Den Apothekern gegenüber hat er darauf zu achten, dass dieselben ord- 
nungsmässig geprüft und diplomirt seien. Femer hat er dafür Sorge zu 
tragen, dass in jeder Apotheke die Arzneien stets in erforderlicher Menge 
und Güte vorhanden seien und nach der vorgeschriebenen Taxe, ohne Be- 
vorteilung des Publicums veräussert werden. Um sich hie von zu über- 
zeugen, soll der Comitats-Physicus jährlich einmal — von Mitte Juli bis 
Ende October — in allen Apotheken seines Bezirkes eine Visitirung vor- 
nehmen. Constatirte Mängel sind an den Vicegespan zu melden. — Ebenso 

* A. h. Verordnung vom 10. April 1773 nnd 12. Mai 1785. Letztere hat fol- 
genden Wortlaut: fln Zukunft soll kein Wundarzt in einer Stadt, einem Maikte 
oder einem grösseren Dorfe dieses Königreichs angestellet werden, wenn er nicht ein 
2jengnis8 aufweisen kann, dass er auch aus der Hebanamenkuust gehörig ist geprüfet 
worden. Dieses kann mn so mehr von jedem Wundarzte gefordert werden, da dieser 
Unterricht sowohl an der Universität zu Pest, als in allen Universitäten uud Liceen 
der deutschen Erbländer bestehet • 



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56 UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNGEN JOSEFS DES H. 

hat er auch auf die zum Veräusßem von Giftwaaren berechtigten Spezerei- 
händler sein Augenmerk zu richten. 

«In Ansehung der Luftansteckung und anderer Gegenstände^ die Krank- 
heiten veranlassen» bestimmt die Amtsinstruction folgendermassen : «Wenn 
der Gomitatsarzt in seinem Bezirke Gegenstände bemerkt, welche Orts- 
krankheiten veranlassen, oder durch Ansteckung der Luft auf die Gesund- 
heit nachtheilige Wirkung haben könnten, z. B. grosse Pfützen, oder Schind- 
anger nahe an bewohnten Orten, oder an den Strassen hingeworfenes todtes 
Vieh oder Aeser, die nicht vorschriftsmässig eingescharret sind, ingleichen, 
dass die Leichen nicht tief genug unter die Erde gebracht werden und 
dergleichen, so hat er darüber, so wie auch über die allenfalls bemerkte 
Verunreinigung der Brunnen an das Comitats-Offizialat die Anzeige zu 
machen.» 

Um seinen Pflichten «in Ansehung des besondem Gesundheitsstandes 
einzelner Kranken» gerecht zu werden, hat er alles zu beobachten, wozu er 
sich in seinem Amtseid verpflichtet. «Die Armen hat er ohne Unterschied 
unentgeltlich zu besorgen, überhaupt aber an Kranke, denen er beisteht, 
bei ernstlicher Ahndung keine übertriebene Forderung zu machen, und da 
er von dem Staate eigends dazu besoldet wird, so ist er den Unvermögenden 
in ihren Krankheiten mit der nänüichen Sorgfalt und Mühe, wie dem Kel- 
chen beizustehen schuldig, und hat derselbe mit kostbaren Arzeneien nie- 
mand in unnöthige Kosten zu bringen.» «Wenn der Comitats-Arzt über 
Land gerufen wird, so muss demselben die Fuhre hin und zurück von denen, 
die seinen Besuch verlangen, unentgeltlich verschafft werden.» 

Die Pflichten des Comitatsarztes bezüglich der in gerichtlichen Fällen 
gemachten Aufträge bestimmt die Sanitätsordnung folgendermassen : «Wenn 
er zur Beschau in Sicherheitsfällen, als Todtschlägen, Verletzungen, und 
anderen Gewaltthätigkeiten gerufen wird, muss er nach der landesgericht- 
Hchen Vorschrift den Augenschein nehmen, und das ordentliche Besichti- 
gungszeugniss ausstellen. Eben das ist zu beobachten, wenn bei plötzlichen 
Todesfällen, oder bei dem Verdachte einer Vergiftung, und dergleichen, von 
der Obrigkeit die Besichtigung oder Zergliederung eines Körpers befohlen 
wurde, in welchen Fällen er mit der grössten Genauigkeit, die etwa sich 
zeigenden Merkmahle aufzuzeichnen, und das Erhobene an das Gericht ein- 
zuschicken hat.» 

Die Vielseitigkeit der Agenden des Comitatsphysikus macht es demnach 
erforderlich, dass er sich ohne Wissen und Bewilligung des Vicegespaug von 
seinem Aufenthaltsorte nicht entferne. 

Nebst dieser ziemlich erschöpfenden Amtsinstruction erschienen noch 
während der Kegierung Josefs sporadisch mehrere auf die Verhältnisse der 
Aerzte bezügliche Verordnungen. So z. B. am 21. März 1785 betreffs Einsen- 
dung ausführlicher, mit statistischen Daten belegter Krankheitsberichte, um 



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XJNGARN BETREFFENDE 8ANITÄT8VERORDNUNGEN JOSEFS DES H. 57 

diese für eine herauszugebende Zeitschrift tActa Medica Hungariae» verwer- 
ten zu können. 

Die Agenden der Chirurgen, die von denen der Medici scharf geschieden 
'waren, werden auch in ausführlicher Weise bestimmt. 

Die Anordnung vom Jahre 1770 betreffend die durch eine Universitäts- 
prüfung zu erhärtende Qualifioation der Wundärzte wird am 13. März 1786 
und 25. Juni 1788 bestätigt, mit dem Zusätze, dass diejenigen, die schon 
vor dem im Jahre 1 770 erlassenen Sanitätspatente durch einen Landes -Proto- 
medicus oder Sanitätsrat oder von einer Sanitätscommission gehörig geprüft 
worden sind, von diesem Examen enthoben werden. 

Am 31. Oxtober 1786 wird folgendes Rescript erlassen: tDie Wund- 
ärzte der Städte und Dörfer, denen es wegen ihres Hauswesens oder Alters 
zu beschwerlich wäre, den vorgeschriebenen zweijährigen Kurs der Chirurgie 
an der Universität zu vollenden, können auch eher zur strengen Prüfung 
gelassen, und woferne sie aus allen Theilen dieses Unterrichts hinlängliche 
Kenntnisse an den Tag legen, bestätiget werden.» 

Vom 12. Mai 1785 resp. 3. Jänner 1787 datirt die Verordnung, wonach 
die Wundärzte auch die Prüfung aus der Geburtshilfe resp. aus der Vieh- 
arzneikunde ablegen müssen. Um das Studium dieser Gegenstände auch den 
vor Errichtung der betreffenden Lehrkanzel an der Pester Universität ange- 
stellten Wundärzten zu ermöglichen, sollen — nach dem Intimat v. 8. Sept. 
1788 — aus jedem Comitate zwei Processual- Wundärzte abwechselnd je einer 
an die Pester Universität entsendet werden. 

Bei Besetzung der erledigten Wundarztstellen soll — Rescript vom 5. 
Juli 1787 — ohne Bücksicht darauf, ob die Betreffenden vom Civil- oder 
Militärstande sind, nur die Fähigkeit und Geschicklichkeit in Anbetracht 
kommen. 

Gleichzeitig mit der Amtsinstruction für die Aerzte wurde auch am 27. 
November 1787 eine Amtsunterweisung für die Chirurgen erlassen. 

Diese Instruction stützt sich grösstentheils auf die am 17. Septem- 
ber 1770 getroffenen Bestimmungen der Constitutio normalis, enthält sonst 
im Allgemeinen den auf die Aerzte bezüglichen Bestimmungen ähnliche 
Anordnungen. «Die Pflicht der Menschlichkeit und des Berufs, — heisst es 
im 11 . Punkte der Instruction — erstrecket sich bei einem Comitats-Chirur- 
gen auch bis auf die scheinbaren Todten. Zuweilen finden sich Ertrunkene, 
Erfrorne, aus Schwermuth, oft von betäubenden, schwefehchen, eingesperr- 
ten, faulenden Dünsten erstickte Menschen, oft sieht man todtscheinende 
Kinder auf die Welt kommen, oft erblickt man hypochondrische und hyste- 
rische Personen in einer dem Tode ähnlichen tiefen Ohnmacht hingesunken, 
alle diese Elende sind der Gegenstand der Sorgfalt eines rechtschaffenen 
Comitats-Chirurgen, und es ist Pflicht für ihn, sich mit einer vernünftigen 
Behandlung in solchen dringenden Fällen im voraus vertraut zu machen» 



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•>*^ UNG-\BN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNTJNOEN JOSEFS DES H. 

dass er im Falle der Not allezeit fertig sei, und wisse was er zu thun 
habe.t 

Bezüglich der Bader (Barbiere) wird am 30. Mai 1 786 folgende Bestim- 
mung getroffen : 

fEs liegt den Gespanschaftsärzten ob sorgfältig zu wachen, damit die 
Bartscherer ausser den minderen chirurgischen Operationen ihres Berufs,. 
sich nicht beikommen lassen, Heilungen innerer Krankheiten zu überneh- 
men, und, wenn sich dieselben nicht davon abbringen lassen, ist es der Aerzte 
Pflicht, sie bei dem Ortsgerichte anzugeben, welchem obliegt, solche Wider- 
spänstige in Schranken zu setzen, für begangene Fehltritte zu bestrafen, und 
sie zur Beachtung der Verordnung anzuhalten.» 

Im Rescripte vom 13. Juni 1786 werden die «gemeinschaftlichen Pflich- 
ten der Heil- und Wundärzte in den Gespanschaften» festgesetzt. tDiesfr 
mögen vereint auf die Beobachtung der in Sanitätssachen ergangenen Ver- 
ordnungen wachen, und alle Uebertretungen, die sie bemerken, der Gespan- 
schaft anzeigen » etc. 

Als vom Staate besoldete Beamte mögen sie den Armen unentgeltliche 
Hilfe angedeihen lassen, «von den übrigen Personen aber, für geleistete 
Pflege, nach Verhältniss ihres Vermögens, eine angemessene, doch niemals 
übertriebene Belohnung, bei schwerer Ahndung, abgenommen werde» (Re- 
script vom 17. August 1786.) 

Die notwendigen chirurgischen Instrumente hat das Comitat auf eigene- 
Kosten anzuschaffen und den Comitatschirurgen zu übergeben. (Rescr. vom 
4. Mai 1786.) 

Am 7. Dezember 1 786 wird das von Georg Stähly, Professor der Chi- 
rurgie an der Pester Universität (1783 — 1802) entworfene Verzeichniss jener 
Instrumente herausgegeben, «welche ein Comitats-Chyrurgus in jeder Grespan- 
schaft nothwendig haben muss.» Das Verzeichniss enthält Instrumente: 
«zu verschüdenem Gebrauche,» (wie Heftnadeln, Polypzangen, Zahnzangen^ 
Lanzetten, Scalpel, Troicarta zur Eröffnung der Luftröhre, Catheter, 
Bistouris, Aneurysmanadeln, Sonden, Kugelzieher etc.), «zur Trepanirung* 
(Trepanbogen , Perforations- und Exfoliativtrepan , Tirefond, Elevator^ 
Hebeisen etc.), t^zur Amputirung>> (wie Knöbel, Toumiquet, Arterien- 
Zangel, Bromfieldischer Hacken etc.), «für Gebahrend'e* (Kopfzange, 
Bessaria, Mutterkräntzel etc.), «zur Sectionn (Hirnschale -Brecher, Hirn- 
schale-Spachtel, Hammer, Blasrohr, Hamulie, Pincetten etc.) und gibt eia 
deutliches Bild von dem damaligen Stande der Chirurgie und dem Wir- 
kungskreise der Wundärzte. 

Auch die Regelung des Apothekerwesens ei freute sich unter der Regie- 
rung Josefs des H. einer weitgehendsten Berücksichtigung. Ausführliche 
Bestimmungen in Bezug auf die Qualifikation und Pflichten der Apotheker 
enthalten schon ältere Verordnungen, hauptsächlich die Apothekerordnung 



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ITNOARN BETREFFENDE SANITATßVERORDNUNGEN JOSEFS DES II. 



5» 



vom Jahre 1644.* Die im Normativ vom Jahre 1 770 enthaltenen Anordnun- 
gen ivon den Pflichten der Apotheker» wiederholen theilweise die Bestim- 
mungen der erwähnten Apothekerordnung. Bemerkenswert ist das Bescript 
Josefs des IL vom 23. Jänner 1 786, das in mehreren Punkten die Einrich- 
tung, Besorgung etc. der Apotheken regelt : Es heisst daselbst : «Damit künf- 
tig allen Fehlern und Betrügereien der Apotheker gehörig vorgebeuget wer- 
den könne, haben Se. Majestät beschlossen, dass 

Erstens : auf der Universität keine Kosten gesparet werden sollen, voll- 
kommene Apotheker zu bilden. 

Zweitens : Soll den Apothekern, welche durch kein ganzes Jahr sich 
an der Universität aufhalten können, sondern nur Privat-Collegien hören wol- 
len, der Zutritt dazu zur Sommerszeit frei sein, wo Gelegenheit ist, in 
dem zu Pest befindUchen botanischen Garten die Kräuterkenntniss zu 
erlangen. 

Drittens : Kein Apothekenkauf soll giltig sein, wenn nicht der Käufer 
vorher schon alle zur Ausübung der Apothekerkunst erforderlichen Wissen- 
schaften erlernet hat, und darüber sich gehörig hat prüfen lassen. Ebenso 
wenig wird ohne diese Prüfung ein Apotheker von einer Obrigkeit zum Princi- 
palen, oder von einer Witwe zum Provisor können aufgenommen werden» 
etc. «Es sind die Apotheker anzuhalten, zu desto genauerer Beobachtung 
der im Jahre 1779 publicirten pharmaceutischen Taxordnung den Preis der 
abgenommenen Medicamente auf das Recept zu setzen.»** «Es wird der 



'•• S. meine «Beiträge zur Gesch. d. Medizin in Ungarn» S. 42. 
** Es würde hier jedenfalls zu weit führen, die bezogene Arzneitaxe aucJi nur 
auszugsweise zu reproduziren. Ich will liier nur den Anhang der Taxe, der den 
Titel fPür verschiedene Apotecker- Arbeiten» führt, anführen. Die Taxe «für einen 
Umschlag (Cataplasma) zu kochen» beträgt 6 kr; «für einen Trank (Decoctum) 
*/2 Stande zu kochen» 6 kr.; «für einen Trank durch ein oder zwei Stunden 
zu kochen» 9 ki*; «für ein Seidel gemeine Molken oder Käsewasser •♦ (Serum 
Iactis)4kr. ; «für ein Seidel mit Eyerklar geläutei-tes Käsewasser» 10 kr.; «für 
eine Kemmilch (Emulsion) auszupressen» 3 kr.; «für einen Aulguss» (Infusion) 
3 kr.; «fttr ein Quintel Pillen zu formiren» 2 kr. «Fttr Gläser, Schachteln, Hafher- 
geschirre u. d. gl. kann wegen Verschiedenheit der Grösse und Materie nichts 
Gewisses bestimmet werden. » — Es sei hier nur noch bemerkt, dass eine selbstständige 
ungarische Arzneitaxe (ein iWerk des Pressburger Stadtphysikus Just. Job. Torkos)- 
für ganz Ungarn am 12. Juli 1745 sanctionirt und auch später — 15. Juli 1760 und 
30. März 1769 — trotz der Bestrebungen in Ungarn die Engersche österreichische Taxe 
vom J. 1765 einzuführen, bestätigt wurde. Später wurde aber die Pharmacopoea 
austriaca-provinciaüs 1774 5 mit einer neuen Arzueitaxe (vom 1. Jänner 1776 an 
giltig) auch in Ungarn anbefohlen, jedoch offiziell erst im Jahre 1786 eingeführt. 
In Folge des Abusus, dass in mancher Apotheke die Torkos'sche, in einer andern 
die Engel'sche Taxe massgebend war, wurde am 23. Jänner 1786 und 26. Juni 
1787 die allgemeine Einführung der Wiener Taxe angeoi-dnet. Linzbauer: Das Inter- 
nat. Sanitätswesen der ung. Kronländer. S. 29. 



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<y^ UNGARN BETREFFENDE SANITÄTS VERORDNUNGEN JOSEFS DES H. 

Unfug, dass die Aerzte von den Apothekern zum neuen Jahre Geschenke 
annehmen, hiermit gänzlich abgestellt, und sollen die betretenen Geber und 
Abnehmer zur empfindlichen Strafe gezogen werden.« 

Kontrakte zwischen einer Gemeinde und Apotheke wegen Ablieferung 
der Arzeneien sollen — der Bestimmung vom 23. April des Jahres 1786 
gemäss — nur in dem Falle bestätigt werden, «wenn sie schon vorder unter 
dem 21. Nov. des Jahres 1785 erlassenen Verordnung geschlossen worden 
sind» und «wenn das Publikum dabei gegen alle Be vorteilung gesichert ist, 
und dadurch der Gemeindecasse ein merklicher Vorteil erwächst.» In Zukunft 
soll aber die Abschliessung derartiger Kontrakte unter keinem Vorwande 
mehr zugelassen werden. 

Am 24. September 1787 wird auch die von dem k. ung. Statthalterei- 
Tat ausgearbeitete Apothekerordnung publicirt. 

Ein Intimat vom 5. August 1788 bestimmt, dass «von den Verzeich- 
nissen der Arzeneien, welche den armen ünterthanen abgereichet werden 
zum Nutzen des allerhöchsten Aerariums, 20 vom Hundert abzuziehen 
sind.» 

Auch das Geburtshilfewesen wird in mehreren Verordnungen geregelt, 
teils durch Bestätigung der im Sanitätsnorinativum vom Jahre 1770 enthal- 
tenen diesfälligen Bestimmungen, teils durch neue, entsprechendere Anord- 
nungen. So wird z. B. die Dislocirung der mit der Geburtshilfe vertrauten 
Personen — auf Grund einer Bestimmung vom J. 1770 — den Oomitats- 
behörden und den kgl. Kommissären übertragen (21. Dezember 1786.) 

Das dritte Hauptstück der Josefinischen Sanitätsverordnungen behan- 
-delt das Capitel der Krankheiten in gesundheits-polizeilicher Beziehung und 
gliedert sich in folgende Abschnitte: §. I. Vorsichten den Krankheiten vor- 
zubeugen. Hieher gehören : 1. Erhaltung gesunder Luft: «Vorschrift wegen 
Einrichtung der Grüften, Gottesäcker und Leichenbegängnisse etc.» «Von 
Austrocknung der Sümpfe.» — 2. Vorschriften in Ansehung der Gifte. — 
3. Andere der Gesundheit schädliche Dinge. — 4. Eröffnung und gerichtliche 
Untersuchung der Leichen. 

§. II. Von den Anordnungen, wenn auf der Stelle Hilfe geschafft wer- 
den soll. 

§. HI. Von den Verfügungen, damit das Uebel der Krankheiten nicht 
weiter sich verbreite. 

Bezüglich der Anlegung von Krypten wird mittels eines Rescriptes 
vom 22. August 1777 die bautechnische und hygienische Untersuchung der 
Umgebung angeordnet. In sanitätspolizeilicher Beziehung wird folgende Ver- 
fügung getroffen: «Wenn aus solchen Grüften durch Fenster, Spalten oder 
wie sonst immer, ausserhalb oder innerhalb der Kirche, böse Ausdünstun- 
gen sich drängen können, wonach genau zu forschen ist, sind alle diese 
Oeffnungen auf das sorgfältigste zu vermachen und stets wohl verschlossen 



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UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNGEN JOSEFS DES II. 61 

ZU halten, damit nie die bösen Dünste sieh durchdrängen können. » Aehn- 
liches wird auch betreffs der Anlegung von Friedhöfen bestimmt. Auf Grund 
eines Rescriptes vom 24. Juli 1788 werden alle in bewohnten Orten befind- 
lichen Grüfte aufgehoben, ebenso auch die in einer geschlossenen Kirche oder 
Capelle (1. Dec. 1788.) 

Am 27. März 1783 wird die Verordnung «wegen Leichenbegängnissen 
und Erdbestattungen der nichtunirten Griechen» erlassen; «Den nichtunir- 
ten Griechen ist erlaubt, dass sie ihre Todten nach dem von alten Zeiten 
herrührenden Gebrauche begraben, und die Grüften gebrauchen, wenn sie 
eine solche auf dem Gottesacker bei der Kirche haben ; doch werden fol- 
gende Fälle ausgenommen, nämlich, wenn einer an einer ansteckenden 
Krankheit oder Seuche gestorben ist, oder wenn gleich nach dem Tode die 
Leiche sehr aufschwillt, ein grässhches Ansehen erhält, eher als gewöhnlich 
in Fäulung übergeht und einen eckelhaften Gestank von sich gibt. In diesen 
Fällen müssen die Leichen gleich mit ungelöschtem Kalke belegt, und nur 
nachdem der Sarg wohl verschlossen worden ist, aus dem Hause nach der 
Grabstätte gebracht werden, und wofern dagegen gehandelt, und eine solche 
Leiche mit unbedecktem Gesichte nach der Kirche gebracht wird, so ver- 
lieren sämmtliche Einwohner des Orts sogleich die ihnen durch gegenwär- 
tiges Bescript ertheilte Erlaubniss, und werden künftig den wegen der Be- 
gräbnisse im Allgemeinen ertheilten Vorschriften in allen Punkten genau 
nachleben müssen.» 

Im Bescripte vom 19. Jänner 1789 wird auch thatsächlich die den 
griechischen Nichtunirten eingeräumte Begünstigung aufgehoben. 

Am 7. Oktober 1784 wird folgende Verfügung erlassen: «Da die Ge- 
wohnheit, die Todten im offenen Sarge zu Grabe zu bringen, noch an einigen 
Orten bestehet, so wird der Befehl, dass Todte, welche in Ansteckung dro- 
henden Krankheiten gestorben sind, nicht in offenen Särgen herumgetragen 
werden dürfen, hiermit erneuert, und sollen sich die Geistlichen der nicht- 
unirten Gemeinden angelegen seyn lassen, das ihrer Sorgfalt anvertraute 
Volk von dem noch herrschenden abergläubischen Vorurtheile wegen Blut- 
säuger, sogenannten Wampieren, dem es den Tod der Anverwandten zu- 
schreibt, endlich ganz abzubringen. » 

Bezüglich der Leichenbegängnisse und Beerdigungen der Juden wird 
am 7. Oktober 1788 nachfolgende Bestimmung getroffen: «Es haben Se. 
Majestät in Betrachtung dessen, dass bei den Juden gewöhnlich viele zahl- 
reiche Familien beisammen wohnen, unter denen ein 48 Stunden lang lie- 
gender Körper, wenn er zu faulen anfinge, leicht eine Ansteckung verur- 
sachen könne, als auch in der Bücksicht, dass am Sabath und anderen 
Festtagen ihnen die Beerdigung eines Verstorbenen vermöge Beligions- 
gesetzen verbothen ist, wesswegen der Todte bisweilen über die festgesetzte 
Zeit unbegraben bleiben müsste, die Beerdigung derselben vor Verlauf der 



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*2 



UNGARN BETREFt'ENDE HANITATS\^RORDNUNGEN JOSEFS DES II. 



festgesetzten 48 Stunden, in sonderheitlicb ausgewiesenen Fällen, jedoch 
unter den Bedingungen und Vorsichten zu gestatten geruhet, dass an Orten, 
wo nicht ein eigens abgesondertes Behältniss für die Verstorbenen ausge- 
wiesen werden kann, der Gomitats-Physikus, oder bei dessen Abwesenheit, 
der Bezirks- Wundarzt, oder endlich auch in dessen Ermanglung oder Abwe- 
senheit, der nächste für das offene Land bestätigte Wundarzt, zur Besichti- 
gung herbei gerufen, und nach desselben Erkenntniss in Hinsicht auf die 
aus der Natur der Ej:^nkheit, oder aus was immer für andern Ursachen 
überhandnehmende Fäulniss, so wie bei einfallendem Sabath, oder sonst den 
Juden heiligen Festtagen, der Beerdigungstermin abgekürzet werden soll. 

Doch versteht sich von selbst, dass alle Missbräuche einzuschränken, 
und nur damals der Gebrauch von dieser Erlaubniss zu machen sei, wenn 
wirkliche Gefahr der Ansteckung und sichtbare, unläugbare Zeichen der 
Fäulniss vorhanden sind, und über die Notwendigkeit einer schleunigen 
Beerdigung die schriftliche Bestätigung des Arztes oder Wundarztes bei der 
Obrigkeit eingelegt werden.» 

Betreffs der Veräusserung von Giftstoffen waren — nebst der im P. 5 
des Normativum vom Jahre 1770 enthaltenen Bestimmung («Vorsicht bei 
dem Verkauf gefährlicher Arzeueien, als Gift u. dgl.») — der bereits erwähnte 
Punkt in der Amtsinstruktion für die Comitatsärzte vom 27. November 1787 
massgebend.* 

In einem Intimatum vom 13. September 1785 wird allen Mautämtem 
zur Pflicht gemacht, «darauf zu wachen, dass die fremden Materialisten 
keine Gifte oder giftige Waaren einführen, und wenn sie bei Untersuchung 
ihrer Waaren dergleichen Gifte finden, sind ihnen solche abzunehmen und 
der Obrigkeit zu behändigen». 

Unter dem Titel «Andere der Gesundheit schädliche Dinge«» wird 
zuerst «Vermischung des Bleies mit den Zinn» angeführt. (17. Juli 1775. 
2. November 1784.) In letzterer Verordnung wird aufs AusdrückUchste be- 
tont, dass «alle diejenigen Gefösse, worin Speise, Trank oder Arzenei für 
Menschen zubereitet, aufbewahrt oder genossen wird, wie auch chyrurgische 
Instrumente unfehlbar aus reinem Zinne verfertigt und die Einführung der- 
gleichen aus vermischtem Zinne verfertigter Waaren keineswegs gestattet 
werden soll». 

Am 3. August 1782 wird der Verkauf der mit dem gesundheitsschäd- 
lichen Glasemail (vitirum aspergibile) belegten Waaren unter Androhung der 
Oonfiscirung derselben und einer Geldstrafe von 50 Beiohsthalem untersagt 
Ebenso wird auch (Bescript vom 6. Dec. 1784) der allgemeine Verkauf des 

* Die bieher gehörige Bestimmung vom Jahre 1773 (Constitutionis Normativ» 
'Bei Sanitatis Anni 1770 Explanatio. P.9. Zsoldos 1. c. S. 31, Keresztöri 1. c. S. 115> 
iviirde in Ungarn nicht kundgemacht. 



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IT^ÜARN BBTBEFFENDE KANITÄTSVERORDNl NGEX JOSEFS DES II. ^»^ 

Salpeters, und — 7. Sept. 1785 — der sogenannten Weisserde (terra albi- 
•cans) verboten. 

In Folge des Auftretens von Mutterkomvergiftungen im ßaranyaer 
-Comitate * nach dem Genüsse des vom sogenannten Mutterkorne gebackenen 
Brodes wird am 18. December 1786 das ausführliche «Gutachten der medi- 
zinischen Fakultät zu Wien über das in der Baranyaer Gespanschaft gewach- 
sene Aftergetreide allen Gespanschaften zur Wissenschaft mitgetheilt.» 
«Leute — sagt das Gutachten — die vom Mutterkorn gebackenes Brod 
essen, verfallen meistenteils in die sogenannte Kriebelkrankheit; sie fühlen 
Anfangs eine Ermattung und ein Kriebeln in den Fingerspitzen und Zehen, 
^ ob Ameisen darin wären ; es folgt Erbrechen, der Leib wird hart und 
■aufjgeblähet, es entstehen Zuckungen und Fraisen, und endlich folgt der 
Tod mit abwechselndem Frost und Hitze». «Uebrigens ist von diesem After- 
getreide weder für Menschen noch für irgend Vieh ein Gebrauch zu machen, 
fiondem es muss ganz vertilget, und nicht ins Wasser geworfen, weil die Er- 
fahrung lehret, dass ein solches Wasser Hunde, Schweine, Gänse, Enten etc. 
tödte». 

Die hygienische Fürsorge der Josefinischen Verordnungen geht auch 
«o weit, selbst das Heben allzugrosser Getreidegarben «mit einer strengen 
Ahndung gegen die Uebertreter» zu verbieten (20. December 1782), «weil 
bemerket worden ist, dass es auch den stärkesten Leuten schädlich wird, 
wenn sie zur Zeit der Ernte allzugrosse Garben auf die Wägen und von die- 
sen auf die Schober werfen». 

Interessant ist auch das Verbot bezüglich des Gebrauches des weib- 
lichen Mieders, das am 14. August 1783 publicirt wurde. Es heisst in dem- 
selben : «Da die Erfahrung lehret, dass der Gebrauch der weiblichen Schnür- 
brust, oder des gewöhnlich sogenannten Mieders, der Gesundheit, und 
besonders der Ausbildung des weiblichen Körpers sehr oft schädhch gewesen 
ist, im Gegenteile aber es nicht wenig zur Erlangung einer guten Leibes- 
beschaffenheit und zur Fruchtbarkeit der Weiber beiträgt, wenn der Gebrauch 
-der Schnürbrust unterbleibt, so wird hiermit festgesetzt, dass in Waisen- 
häusern, Klosterschulen imd allen andern zur Erziehung der Mädchen ge- 
widmeten öffentlichen Anstalten, der Gebrauch der Schnürbrust ganz unter- 
sagt seyn, und kein Mädchen in die Schule aufgenommen oder zugelassen 
werden soll, wenn sie diesem Gebrauch nicht entsagt.» 

Mit Verordnung vom 24. December 1783 wird die in alle in Ungarn 
gebräuchlichen Sprachen verfasste Abhandlung des Dekans der Wiener me- 

* Hirsch erwähnt das Auftreten der Ergotismus- Epidemie in Ungarn im 
Jahre 1786 in dem tChronologisohen Verzeichniss der Ergotismus-Epidemieen» 
(Handbuch der historisch -geogr. Pathologie 2. Th. S. 141) nicht. Derartige Epidemieen 
.grassirten übrigens schon im Mittelalter in Ungarn imd kommen in den Chroniken 
tmter der Bezeichnung • Heiliges Feuer, Set Antonsfeuer, pestis ignea» etc. vor. 



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ö* UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNGEN JOSEFS DES II. 

dizinischen Fakultät, Dr. Johann Michael Schosulan: «Ueber die Schädlich- 
keit der Schnürbrüste (Mieder)» an sämmtliche Behörden Ungarns verteilt. 

Hieran fügt sich noch ein Erlass vom 5. August 1784. Derselbe lautet 
folgendermassen : «Das Verboth der Schnürbrust leidet in den Fällen eine 
Ausnahme, wenn zur Erhaltung eines schadhaften Leibbaues der Grebrauch 
der Schnürbrust durch den Arzt selbst vorgeschrieben, und von demselben 
darüber das Zeugniss beigebracht vrird.»* 

Bezüglich der gerichtUchen Sektion der Leichen wird (20. März 1786) 
die Verfügung getroffen, dass dieselbe regelmässig 48 Stunden nach einge- 
tretenem Tode erfolge. 

Am 14. September 1786 wird die für die Geschichte des medizinischen 
Unterrichts in Ungarn bemerkenswerte Bestimmung erlassen, dass «in An- 
sehung der Zergliederung todter Körper bei dem anatomischen Unterrichte, 
da hierzu immer solche todte Körper erfordert werden, die durch die Fäulimg 
noch nicht zerstöret sind, so können an den Orten, wo Universitäten sind, 
den Lehrern der Anatomie und Chyrurgie, aus den Krankenhäusern todte 
Körper auch vor Verlauf der 48 Stunden ohne Anstand geliefert werden, 
weil nicht leicht zu befürchten ist, dass die in Krankenhäusern Verstorbenen 
zu frühe begraben, oder zur Anatomie abgegeben werden, da in diesen Häu- 
sern immer Aerzte und Chyrurgi vorhanden sind, welche die Kranken be- 
handeln, und aus der Art der Krankheit, und den vorhergegangenen Ur- 
sachen und Zufällen kennen müssen, ob der Körper wirklich entseelet sey 
oder nicht». 

Erhöhtes Interesse verdienen die Verordnungen, die die Leistung der 
ersten Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen zum Gegenstande haben, nicht 
nur deshalb, weil sie dafür sprechen, in welch hohem Maasse schon damals 
der Sinn für das Rettungswesen bei uns entwickelt war, sondern auch darum, 
weil sie uns zeigen, mit welchen Mitteln damals die erste Hilfe geleistet 
wurde. 

Schon Maria Theresia erliess am 1. Juli 1769 eine diesbezügliche all- 
gemeine Verordnung und setzt «ein Prämium von fünf und zwanzig Gulden 
auf die Erhaltung jedes Ertrunkenen, oder sonst erstickten Menschen». Am 
5. Feber 1779 wird eine ausführliche Instruktion über die Leistung der 
ersten Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen pubUcirt. Diese enthält folgende 
Kapitel: 1. «Unterricht, wie und durch welche Hülfsmittel Ertrunkene imd 

'*' Diesbezüglich war die Angabe Schostilans 1. c. §.34 massgebend : «Dass 
aber in manchen Krankheiten sonderlich der Beine einige Gattungen Mieder auch 
nützlich seyn, ist nicht zu leugnen, doch muss der Gebrauch und die Verfertigung 
solcher Maschinen nicht von Müttern, Erzieherinnen und Schneidern, sondern von 
Leib- und Wundärzten anbefohlen und bestimmt werden. Die Mieder, wenn ai& 
demnach nützlich seyn können, sind nur für eine gewisse Art Kranker, niemals aber 
für Gesunde.» 



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UNGAKN BETREFFENDE 8ANITÄTSVEB0BDMUMGBN JOSEFS DES II. ^^ 

Erbenkte am fäglicbsten hergestellet werden.» Die hier in Anwendung kom- 
menden Mittel sind a) die Eröffnung der Drosselader (vena jugularis) auf 
der einen oder andern Seite (• damit die Lunge und das Gehirn von dem an- 
gehäuften und stillstehenden Geblüthe befreiet, und dessen ordentlicher 
Lauf wieder hergestellet werde»); b) Entkleidung und Abtrooknung; der 
Verunglückte soll mit trockenen Kleidern, Decken, Kotzen bedeckt werden; 
c I Einleitung der künstlichen Atmung durch direkte Einblasung von Luft 
oder mit Hilfe eines Blasbalges u. s. w. — ü. Unterricht, wie von Kohlen- 
dunste erstickte Menschen gerettet werden sollen. Mittel : Die Entfernung 
des Verunglückten vom Thatorte und Ueberbringung auf die freie Luft, 
Aderlass, Bespritzungen mit kaltem Wasser und im Allgemeinen die Ein- 
leitung künstlicher Atmung. (Vor Verabreichung von Brechmitteln wird 
aufs Eindringlichste gewarnt.) — IIL Unterricht, wie allem Unglücke von 
dem in den Kellern gährenden Moste sowohl vorzukommen, als auch den 
Erstickten die nöthigen Hülfsmittel verschaffet werden sollen. — IV. Unter* 
rieht, was vor der Reinigung lange verschlossener Brunnen zu unternehmen 
und mit welchen Hülfsmitteln die darin erstickten Menschen zu retten 
seyn. — V. Unterricht von dem Sonnenstiche. Anknüpfend an diese Instruk- 
tion wird am 1. Feber 1781 das Bettungsverfabren beim Bisse wütender 
Hunde publicirt. Selbstverständlich im Oeiste der damaligen antirabischen 
Ansichten, beschränkte sich diese Instruktion beinahe nur auf Präventiv- 
massregeln, Symptomatologie und widmet der Therapie (Auswaschung mit 
Urin, lauem Salzwasser, Aufritzung mit einem spitzig-scharfen Instru- 
mente etc.) nur primitive Aufmerksamkeit. 

Am 31. Jänner 1783 werden die Behörden beauftragt, die Schrift des 
Protomedicus Störk «Von der Heilung des tollen Hundsbisses» allgemein 
bekannt zu machen. 

Am 3. Feber 1783 wird noch eine Supplement-Instruktion für die 
Giirurgen herausgegeben, die sich hauptsächUch mit dem zu befolgenden 
Heilverfahren befasst,* 

Der dritte Punkt des Capitels, das die Krankheiten umfasst, behandelt 
die Verfugungen, mittels welcher der Verbreitung der Krankheitsübel vor- 
zubeugen ist. Diese erstrecken sich auf die Massregeln zur Localisirung der 
Lustseuche, Lungensucht und endemischen Leiden (2. August 1783, 30. Jän- 
ner, 3. JuH 1784 und 26. September 1789; 19. September 1785; 21. März 
1785, 19. Juni 1787.) 

Wichtig ist die Verordnung vom 21. März 1785, «wie die medizini- 
schen Berichte über die Eigenschaft der an verschiedenen Orten des König- 
reichs beobachteten, besonders endemischen Krankheiten, alljährlich von 



^ Kereszturi 1. c. S. 171. 
Uoguiseh« B«tim XI. 1891. I. Heft. 



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66 UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSYER0RDNUN6EN JOSEFS DBS H. 

den Gespanschaftsärzten verfasst und an die Landesstelle * gesendet werden 
sollen, i Dieser Verordnung gemäss sollen nämlich die endemischen Krank- 
heiten, c welche bisher in den Tabellen namentlich angeführet wurden, häufig 
auch ausser der Tabelle umständlich und deutUch beschrieben werden. • Das 
statistische Material, nach angeführten Fragen geordnet, soll eine Art von 
Sammelforschung repräsentiren und für die Herausgabe eines literarischen 
Unternehmens «Acta Medica Hungaria» verwertet werden. (Die Herausgabe 
einer solchen Zeitschrift wurde wiederholt geplant, doch immer erfolglos. 
So auch im Jahre 1787, 1819, 1823, bis endlich im Jahre 1830 die erste 
ungarische med. Zeitschrift «Orvosi Tär» (Medizinisches Magazin) zu 
erscheinen begann.) 

Das vierte Gapitel der Sanitätsverordnungen umfasst das Arzneiwesen 
mit Bezug auf die unentgeltliche Verabreichung der Arzneimittel seitens der 
Landesverwaltung, auf den Verkauf ausserhalb der Apotheke, gesundheits- 
schädliche Mittel etc. 

BezügUch der kostenfreien Verabreichung von Arzneimitteln, bestimmt 
eine allerhöchste Entschliessung vom 12. Dezember 1780 Folgendes : «Wenn 
in irgend einem Bezirke die Gefahr der Krankheit stärker wird, sollten die 
nöthigen Untersuchungen durch Aerzte sogleich veranlasset, und für die 
armen Leute aus der Cassa domestica angeschafft, auch den Landleuten 
überhaupt, so gut es geschehen kann, mit Vorstellung der daraus erfolgen- 
den Gesundheit, die gewöhnliche Abneigung gegen Arzeneien benommen, 
und die Nothwendigkeit ihnen fühlbar gemacht werden, dass sie in Erkran- 
kungsfällen den nächsten Heil- oder Wundarzt, die ohnehin verpflichtet 
sind, den Unterthanen unentgeltlich beizuspringen, sogleich herbeirufen 
müssen.» 

Die Bestimmung der Constitutio rei sanitarise vom Jahre 1770, wonach 
«den Materialisten, Marktschreiern, Gewürzkrämem, Distillanten, Okulisten, 
Operateurs u. dgl. Leuten» die Herstellung und der Verkauf von Arznei- 
mitteln untersagt wird, wurde abermals bestätigt und auch auf die soge- 
nannten «Oelmänner» — denen bisher «der Handel mit Oel und Wasser 
in so weit, als diese unter die Klasse der Simplicia gehören» gestattet war — 
geltend gemacht (31. Jänner 1777), unter Androhung der Confiscirung ihrer 
Waaren und Abschiebung in die Heimat (20. März 1786).** 

Zur Hintanhaltung des Geheimmittelschwindels wird am 30. Jänner 
1787, «sämmtlichen Druckereien bei schwerer Ahndung verboten für 



* An den k. Stattbaltereirat. 
** Trotz dieses Verbotes wanderten — nocb bis zum Ausbrucbfe der ersten 
französiscben Bevolution — alljäbrlicb nabezu 300() solcber Oeknänner (Olejkari) 
bauptsäcbüch aus Oberungarn nacb Frankreicb, wo ibnen ibr Rosmarin wasser, das 
sogenannte Eau de la reine d'Hongrie, sebr teuer bezablt wurde. 



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UNGARN BETREFFENDE 8ÄNITATSVER0RDNÜNGEN JOSEFS DES H. 



67 



Quacksalber und dergleichen Leute, Zettel zu drucken, wodurch sie gegen 
Warzen, zum Haarwachsen, gegen Hühneraugen (Leichdome) an Fassen, 
Zahnschmezen, sowie gegen Wanzen, Mäuse etc. sogenannte Arcana anzu- 
kündigen und zu empfehlen suchen.» 

Die verbotenen Arzneimittel dürfen nur dann veräussert werden, wenn 
sie von einem «ordentlichen Medico» für brauchbar befunden worden sind 
(Bescript ddo 18. Jänner 1787). 

Vom wahren Sinne für das Gesundheitswesen zeugen die Verordnun- 
gen, die sich auf die Hebung des Bades Balatonfüred beziehen. Josef U. 
schenkte diesem, damals im eigentlichen Werden begriffenen Kurorte eine 
Aufmerksamkeit, der allein das Bad seine Entwicklung verdankte. Die 
Anordnungen, die sich auf Füred beziehen, haben einerseits den Zweck, 
seinem Mineralwasser Verbreitung zu verschaffen, andererseits aber den 
Kurort dem In- und Auslande zugänglich zu machen. Bezüglich der Versen- 
dung des Mineralwassers ins Ausland wird die Verfügung getroffen, dass die 
in Gegenwart des Brunnenarztes regelrecht zu füllenden Flaschen mit einem 
Siegel mit der Aufschrift : Föns Acidularum Fürediensis zu versehen sind. 
Versendungen ins Ausland dürfen nur im Frühjahr geschehen. Der Gebrauch 
des Wassers für eigene Person ist Jedermann gestattet. (Intimat ddo 
lo. November 1785.) — Essoll auf die Reinhaltung der Umgebung der 
Quellen geachtet und auch die Vermengung von Süsswasser mit dem Was- 
ser des Sauerbrunnens hintangehalten werden. (19. April 1784.) 

Laut eines Rescriptes vom 20. Feber 1786 «ist bei dem Füreder 
Brunnen ein Heilarzt mit 400 Gulden jährlichen Gehalts, ein Wundarzt mit 
200 Gulden und ein Apotheker mit 100 Gulden von der Herrschaft anzu- 
stellen, diese aber bezieht alle Einkünfte von der AnfüUung und Verkorkung 
der Flaschen.» 

«Der Arzt des Sauerbrunnens ist gehalten, den Armen und den Sol- 
daten, nach Inhalt des Amtsunterrichts vom 1. Nov. des J. 1785, unentgelt- 
lich Hülfe und Wartvmg zu widmen.» (^0. Feber 1786). 

«Die Kenntniss der landesüblichen Sprachen ist dem am Sauerbrunnen 
angestellten Wundärzte um so nötiger, als er, vermöge des Sanitätsnormals 
vom J. 1773 in Abwesenheit oder im Verhinderungsfalle des Leibarztes,* 
auch innere Krankheiten behandeln muss.» (Bescript ddo 6. März 1786.) 

Was die Verwaltung des Kurortes anbelangt, wird am 19. April 1784 
die Verfügung getroffen, dass «ein wohlhabender und in Ansehen stehender 
Beisitzer der Gerichtstafel die Kurzeit über die Stelle eines Polizei-Gommis- 
särs vertrete und nicht nur die Befolgung aller bisher ergangenen Polizei- 
und Verbesserungs- Anstalten eifrig besorge, sondern überhaupt alles, was 
-zur Beförderung der bereits getroffenen und noch sonst zu treffenden Mass- 

* Im Sinne tals Arzt für innere Leiden» zu verstehen. 

5* 



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68 



UNGARN BETREFFENDE SANITATSVERORDNÜNOEN JOSEFS DES H. 



regeln abzweckt, sie mögen die Sicherheit und Bequemlichkeit der Gäste- 
oder die Beinigkeit des Brunnens zum Gegenstand haben, als Oberaufseher 
über sieh nehme.» Es soll auch eine Wohnungstaxe festgesetzt und dieselbe^ 
im Mietkontrakt bestimmt werden. (19. April 1784.) 

Am 23. Mai 1786 wird die Zahl und Taxe der Wohnräumlichkeiten 
in Füred veröffentlicht. Es befanden sich «mit Ausschluss der 4 Speisesäle 
und des Billiardzimmers bei den 2 Sauerbrunnen und in den benachbarten 
Dörfern Fured, Aracs und in den Weingebirgen 170 Zimmer, 51 Küchen 
und für 319 Stück Pferde hinlängliche Stallungen. In den an dem Sauer- 
brunnen unmittelbar anliegenden Gebäuden sind 75 Zimmer, 7 Küchen,, 
welche 80 Pferde zu fassen hinlänglich sind, wie auch einige Wagen- 
schoppen.» 

Die Taxe der Zimmer wird folgendermassen festgesetzt: «Zimmer 
vom ersten Range werden um 30 Kreuzer, zwei andere jedes um 24 kr., die 
übrigen gemalenen Zimmer zu 18 kr., nicht gemalene um 15 kr., die 
hölzernen Unterdach-Zimmer eines um 9 kr., auf 24 Stunden gelassen.» 
(Intimat vom 20. Mai 1786). Am 19. April 1784 und 15. November 1785 wird 
die Errichtung von Gasthäusern angeordnet, «wo jeder Gast nach seinem 
Geschmacke und seinen Vermögensumständen, wie er will, gegen eine mas- 
sige, zum voraus bekannte Taxe, bewirtet werden kann.» 

«Die Speisen sollen gut, reinlich und so zubereitet, dass sie auch 
Personen von schwächerer Gesundheit gemessen können, in Totiser Thon- 
geschirren aufgetischet werden.» (23. Mai 1786.) Im Intimate vom 19. April 
1784 wird die Anlegung von Alleen am Ufer des Plattensees und den Stras- 
sen, die stricte Beobachtung der Reinlichkeit, die Gangbarmachung der 
Zufahrtsstrassen, bequeme Beförderung etc. anbefohlen. 

Diesen in jeder Hinsicht vorzüglichen Anordnungen verdankt der Kur- 
ort seinen fernem Aufschwung. 

Das fünfte Capitel der Stmitätsverfügungen betitelt sich : «Von Erhal- 
tung des allgemeinen Gesundheitsstandes in Bücksicht auf die angränzenden 
Länder.» 

Durch die Regelung des Gontumazwesens und Einführung eines 
Absperrungssystems kam Ungarn sozusagen in einen internationalen Sani- 
tätsverkehr. 

Die ersten Pestordnungen, wie z. B. jene vom Jahre 1506, 1521, 1551, 
1558, 1562 beschränken sich grösstenteils auf die interne Localisirung 
der Ansteckungsgefahr; erst im Jahre 1690 finden wir die Verfügung, dass 
wegen der in Ofen herrschenden Pest alle nach Wien Beisenden in der Stadt 
Pest eine vierwöchentliche Gontumaz zu halten haben.* Ebenso wurden inii 



Linzbaner Codex I. S. 335. 



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UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNÜNGEN JOSEFS DES U. ^^ 

Jahre 1691 an der unganscben Grenze Contumazanstalten errichtet.^ cQoa- 
rantän-Häuser» ordnet femer die von Kollonics^ischof von Baab^ verfasrte 
und für Ungarn bestimmte Pestordnung vom Jahre 1692 an.^ Am 20. No- 
vember und 27. Dezember 1709 wurde eine «Absperrungs-Norm für Ungarn 
festgesetzt und durch die königl. ungar. Hofkanzlei den Gomitaten des Lan- 
des mitgeteilt.^ «Ambulante» Contumazanstalten wurden 1712 in der Nähe 
Pressburgs errichtet^ wo die Deputirten des Beichstages sich einer Beinigimg 
unterziehen mussten.^ Diesbezügliche Verordnungen wurden noch am 
11. September und 24. November 1713 erlassen. In Folge des Auftretens 
•der Pest in der Türkei im Jahre 1726 wurde am 16. September anbefohlen, 
«in denjenigen Orthen, wo bis dato keine Gontumazhäuszer sind, solche also- 
gleich zu erbauen und in brauchbaren Stand zu setzen.»^ Am 3. Feber 
1734 wurde die Errichtung einer Contumazanstalt gegen Bosnien am Berge 
Oapella und in Sluin angeordnet.® 1738 wurden in Peterwardein imd Sza- 
lankemen Gontumazhäuser eingerichtet.^ Im Jahre 1741 wurden im Grenz- 
gebiete bleibende Contumazanstalten errichtet; ebenso im Jahre 1755, 1760 
(Vissö und Buskova-Poljana in der M&rmaros), 1769 (Borsa, Körösmezö 
und Vereczke), 1770 (Eom&mik und Gabolto gegen Polen und die Moldau.) 

Die Bestimmungen vom J. 1770 ordnen die Leitung derbleibenden 
Contumazanstalten an.^ 

Die in der Constitutio normalis vom Jahre 1770 enthaltenen diesbe- 
zügUchen Bestimmungen standen während der folgenden Pestjahre in voller 
'Giltigkeit. 

Die damals fungirenden Contumazstationen waren : Borsa (Com. Mar- 
maros), Mehadia, Zsuppanek, Pancsova (Temeser Banat), Banovcze, Semlin, 
Mitroviczn, Brod, Gradiska (Slavonien), Szluin, Badonovacz, Eosztanicza 
(Kroatien), in Siebenbürgen: Bothenthurm, Tömös, Terzburg, Buzan und 
Vulkan (gegen die Walachei), Bodna, Ojtos, Csik-Ghymes, Bizicske (gegen 
die Moldau). 

Die Verordnungen unterscheiden nach der Beschaffenheit der ein- 
laufenden Nachrichten in der Zeit der Contumaz 1. die kürzeste Dauer 
<21 Tage), 2. die mittlere Dauer (28 Tage), 3. die längste Dauer (42 Tage). 
«Obschon den Sanitätsobrigkeiten eingeräumet ist, mit Genehmigung der 
Xandesstelle, den Grad der vorgeschriebenen Contumazdauer nach Beschaf- 

^ linzbauer I. 8. 338. 
' Linzbauer I. S. 342. 
■ Lmzbauer I. 8. 391, 396. 

* Lmzbauer I. 8. 410. 

* Linzbauer 11. 8. 4. 

• Linzbauer 11. 8. 49. 
' Linzbauer EL 8. 98. 

• Linzbauer L 8. 821. 11. 8. 535. 



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70 UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNOEN J0ßEF8 DES II. 

fenheit der einzuholenden verlässlichen Nachrichten, den Umständen mit 
Behutsamkeit anzuschicken, die oftmahls von der Dringlichkeit sind, keine 
Anfragen zu gestatten, so wird ihnen doch hiermit ernstlich aufgetragen, 
hierin mit Klugheit vorzugehen, durch übermässige Strenge dem Wohlstande 
des gegenseitigen Handels und der freundschaftlichen Nachbarschaft, ohne 
gute Ursachen, nicht beschwerlich zu fallen. Jede Fristverlängerung aber 
sollen sie dann sogleich mit allen Umständen und Ursachen, durch die 
Landesstelle und ungarische Hofkanzlei uns anzeigen, den einmahl erhöhe- 
ten Termin aber, ohne vorläufig die Ursachen der Herabsetzung hinterbracht 
und weitere Verhaltungsbefehle zu haben, für sich allein nie mindern.» 

Zur Hintanhaltimg der Ansteckungsgefahr wurden Sanitätskordone 
aufgestellt. «Wenn nun das gefährliche Pestübel wirklich in den türkischen 
oder anderen angränzenden Landschaften ausgebrochen seyn sollte, so wird 
dieser Pestkordon, wo er noch nicht besteht, aufzustellen, oder wo er schon 
besteht, nach Massgebung der Umstände, dermassen zu verstärken seyn, 
dass die ausgesetzten Posten, davon einer den andern ohnehin allezeit, so 
viel möglich im Gesichte behalten, umso enger zusammengezogen, oder 
auch bei gefährlichster Dringlichkeit, nebst dem auswärtigen Kordon wohl 
gar ein zweiter formirt werde, um durch solche Mittel alle Zugänge aus 
den verdächtigen Gegenden auf das strengste zu beobachten.» 

•Es sollen die Kordonsposten, die allenfalls an der Gränze eines Orts 
ankommenden Personen sogleich zurück oder in die otfen stehende Kon- 
tumazstation weisen, im Falle der Weigerung aber, wenn die Ermahnung 
nichts verfinge, und eine Person mit Gewalt eindringen wollte, sie zu Folge 
des unter dem 25. August 1766 ergangenen, und überall kundgemachten 
Strafgesetzes an der Stelle todtzuschiessen keinen Anstand, überhaupt aber 
sich zur Eichtschnur nehmen, dass aus dem türkischen Gebiethe je und 
allezeit der Eintritt in die Erbländer auf keine andere Art, als durch die 
Kontumazstationen auf die vorgeschriebene Weise gestattet sei. » »Ohne Keini- 
gungsurkunde — Zeugniss über die mit Erfolg bestandene Quarantaine — 
soll kein Ankömmeling beherberget werden.» «Wider solche unvorsichtige 
Aufnehmer soll mit den empfindlichsten Strafen vorgegangen werden, die 
bei gefährlichen Umständen verschärfet, und bei der in dem angränzenden 
Gebiethe wirklich wüthenden Pest wohl gar bis zur Todesstrafe vergrössert 
werden sollen.» 

Dem Kontumazdirektor wird die Instandhaltimg des Kontumazgebäu- 
des, eine sorgfältige Absonderung der verdächtigen Menschen, Viehe und 
Waaren und die Beobachtung der Bequemlichkeit für die in Quarantaine 
befindlichen Personen zur Pflicht gemacht. 

Die königl. Statthalterei hat die Kontumazstationen alljährlich durch 
einen Arzt tmtersuchen zu lassen. 

Die die Station passirenden Personen, Fuhren, Waaren etc. sind aufs 



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URGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNGEN JOSEFS DES H. 'I 

sorgfaltigste ZU visitiren. «Falls sich in der Visitation bei einer Person wirk- 
liche Zeichen der Pest veroffenbarten, ist dieselbe ohne Ausnahme zu ent- 
lassen, und zu entfernen, auch im Weigerungsfalle mit Gewalt anzuhalten, 
sich sammt Vieh und Habseligkeiten zurück zu begeben.» «Wenn hingegen 
bei der vorgenommenen Untersuchung keine Anzeichen einer Ansteckung 
sich offenbaren, ist zu der vnrklichen Reinigung in den vorgeschriebeneu 
Zeitfristen nach folgenden Massregeln zu schreiten : 

Vor allem sind die Personen in abgesonderte Wohnungen zu bringen, 
und dann ist entweder durch sorgfältige Verschliessung oder allenfalls 
durch erforderliche Sanitätswächter, die nach Beschaffenheit der Umstände 
in genügsamer Anzahl den Kontumazpersonen beizugeben sind, dafür zu 
sorgen, dass keine Vermischung zwischen den Kontumazpersonen und 
Gesunden, oder zwischen Kontumazpersonen von verschiedenen Perioden 
erfolgen möge ; denn bei der mindesten Berührung würde, nicht nur ein 
Gesunder oder Unverdächtiger, wegen der vorgegangenen Berührung und 
des darauf gegründeten Verdachtes, die Kontumaz mitzumachen haben, 
sondern auch die bereits angefangene Kontumaz würde auf das neue anzu- 
fangen haben.» 

Der Kontumazdirektor soll auch für die Möglichkeit einer billigen und 
sorgfältigen Verpflegung der in Quarantaine befindlichen Personen sorgen. 

«Wenn die Kontumazpersonen Gelder und Briefschaften bei sich 
haben, muss das Geld mit warmem Wasser, und bei verdächtigen Zeiten 
mit Essig durch die mit den Kontumazpersonen ausgesetzten Eeinigungs- 
knechte gewaschen werden. Die Briefschaften aber sind bei guten Zeiten, 
blos mit dem gewöhnlichen Pestrauche auszurauchen, bei verdächtigen 
Umständen folglich erhöhter Kontumazfrist aber durch warmen Essig zu 
ziehen, und sodann erst abzugeben. » 

Wäsche soll sorgfältig gewaschen, Kleider gelüftet werden.* 

Die Kontumazprotokolle sind vorschriftsmässig zu führen, giftfangende 
Waaren (merces susceptibiles) von nicht giftfangenden abzusondern. Als 
giftfangende Waaren werden solche bezeichnet, «die fähig sind den EEauch 
einer ansteckenden Krankheit an sich zu ziehen, und wieder mitzutheilen», 
als nicht giftfangende, «welche einer solchen Ansteckung unfähig sind.» 
Unter den letztern werden angeführt: Alaun, Aloe, Antimon, Arsenik,. 
Blech, Butter, Borax, Calmus, Caffee, Corallen, Cremor Tartari, Datteln^ 
Diamanten, Eicheln, Esswaaren, Feigen, Fleisch, Fische, Getreide, Glas, 
Gummi, Holz, Honig, Ingwer, Kampfer, Käse, Limonen, Mandeln, Mar- 
mor, Metalle, Mehl, Gel, Opium, Porcellan, Perlen, Pech, Pfeffer, Quecksil- 

* Bezüglicli der Beinigung der Kleidung wurde den sog. Keinigungsknechteu 
die Beobachtung der in Chenot'B «Abhandlung von der Pestseuchet (Cap. IV. u. V.) 
enthaltenen Vorschriften zur Pflicht gemacht. (Rescr. vom 18. August 1785). 



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72 UNGARN BETREFFENDE SANITÄTSVERORDNUNGEN J08EP^ DES II. 

ber, Reise, Safran, Salz, Stärke, Spargel, Torf, Vitriol, Wein, Wachs, Zucker, 
Zimmt, 2iinn u. m. A. 

Diejenigen, die eine aosgebrocbene Pest verfaeimlicben, werden bei 
einreissender Gefabr mit dem Tode bestraft. 

Nach Ablauf der Kontumazdauer sind die Betreffenden nacb erfolgter 
Visitirung durch den Arzt mit einem Beinigungszeugnisse verseben zu 
entlassen. 

Der Direktor hat allmonatlich einen kurzen Bericht an die Statthai- 
terei einzusenden, 

Der Stationsarzt soll den Direktor in seinen Agenden unterstätzen, 
die in der Station befindlichen Personen unentgeltlich behandeln etc. Die 
Beinigungsknechte, Sanitätswächter haben in ihren Obliegenheiten mit der 
nötigen Vorsicht und Sacbkenntniss vorzugehen. 

Zur Erleichterung des Dienstes wird eine übereinstimmende «Beini- 
gungstaxordnungi festgesetzt. So wurde z. B. für die Beinigung von 
100 Pfund roher und gesponnener Baumwolle 15 kr., von 100 Pf. Flachs 
16 kr, von 100 Stück Hemden 10 kr, von einer Ochsen-, Pferde oder Kuh- 
haut Va, von einem Fuchsbalge ^/4, von einem Paar türkischer Stiefel 
(ocreae turcicae) ^4, von 100 Pf. Schafwolle 15, von einem Zentner Seide 25, 
von 100 Pfund Tabak 7Va, von Hausthieren 1 — 3 kr. gezahlt. 

Am 10. Jänner 1783 vrird die Verfügung erlassen, «wie wegen der 
im türkischen Gebiete herrschenden Pestseucbe Gewissheit zu erhalten ist.» 
«um Gewissheit zu erhalten, ob in den türkischen Provinzen, welche mit 
den k. k. Staaten gränzen, die Pest wirklich herrschet, und daher ein 
gegründetes Besorgniss einer Ansteckung vorhanden sei, ist mit der Bepublik 
Venedig, mit welcher vermöge Verträgen die Angelegenheiten des öffent- 
lichen Gesundheitsstandes gemeinschaftlich behandelt zu werden pflegten,* 
das Einverständniss getroffen, dass von jeder Seite erfahrne Aerzte abge- 
sandt werden sollen, welche sorgfältig zu erforschen haben, ob in den tür- 
kischen Ländern die Pest herrsche, und also ein zureichender Grund die 
strenge Kontumazverwahrung notwendig mache. Sie werden darüber 
genaue Berichte erstatten, nach deren Inhalt die nötigen Vorsichten zu 
ermessen sind.» 

Ein Bescript vom 14 Sept. 1786 verfügt Folgendes: «So noth wendig 
die Vorsicht gegen das Pestübel ist, so sorgfältig ist dahin stäter Bedacht zu 
nehmen, dasa man davon sogleich zuverlässige Nachrichten einziehe ; denn 
oft geschieht es, dass Kaufleute, die mit einem geringen Yfaarenvorrathe am 
den angränzenden Ländern ankommen, wenn sie wissen, dass bald ein gros- 

■^ S. diesbezüglich die a. h. Entschliessung vom 16. September 1726. ap. Linzbauer 
II. S. 3. Verfügungen Venedigs zur Hintanhaltung der Ansteckungsgefahr in Form 
Ton Eontumazanstalten und Quarantainen datiren schon vom 14. Jahrhundert. 



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UNGARN BETREFFENDE SANn'ÄT8VER0RDNUNöEN JOSEFS DES II. 



73 



serer Vorrath eben dieser Waare folgen soll, damit sie mit diesem die Kon- 
kurrenz vermeiden, Geiiichte von einer ausgehrochen en Pest ausstreuen ; es 
sollen daher, so lange das Uebel noch so weit entfernet ist, die Kontumaz- 
nmchen nicht vermehret, und die Ankömmlinge, nach gehöriger Reinigung 
mid Abwaschung, wenn sie ihre Kleider nicht mit sich nehmen wollen, nur 
durch drei Tage in der Kontumaz behalten werden ; aber auch diese Vorsicht 
hat nur so lange zu währen, bis sichere Nachrichten eingehen, und wenn 
vermöge derselben keine Gefahr obwaltet, ist die Kontumaz gänzlich auf- 
zuheben.» 

Zu den Josefinischen Sanitätsverordnungen gehören noch die Bestim- 
mungen «von den politischen Verbrechen, die dem Leben oder der Gesund- 
heit der Mitbürger Gefahr oder Schaden bringen.» Diese sind in dem «allge- 
meinen Gesetz über Verbrechen und derselben Bestrafung vom 13. Jänner 
1787» (2. Teil 3. Cap.) enthalten und zählen 10 Paragrafe (§. 19— §. 29). 
Nach §§19, 20 und 21 machen sich Private und auch Apotheker, «die 
•durch Verkauf einer Giftwaare ihren Nächsten Schaden zufügen oder auch 
nur einen entfernten Anlass zur Beschädigung gegeben haben, verbotene 
Arzneien verkaufen, oder dieselbe falsch zubereiten» eines politischen Ver- 
brechens schuldig und sind mit «hartem Gefängniss oder öffentlicher Arbeit» 
resp. («wenn des Verbrechers That nur die entfernte Gelegenheit zur Beschä- 
digung war») «mit zeitlichem strengem Gefängniss» zu bestrafen. 

«Wenn einem Kinde, oder einem Menschen, der sich selbst gegen 
<7efahr zu schützen nicht vermag, durch Ueberfahren, in das Wasser fallen, 
eigene Verletzung, oder sonst auf eine Art Tod und Verwundung zugefüget 
worden, welchen durch die schuldige Aufmerksamkeit desjenigen hätte aus- 
gewichen werden können, dem die Aufsicht über das Kind, oder einen 
«olchen Menschen aus natürlicher Pflicht, oder aus obrigkeitlichem Auf- 
trage oblag, so ist dessen Sorglosigkeit ein politisches Verbrechen» (§22). 

«Insgemein ist die Strafe dieses Verbrechens zeitliches gelindes Gefäng- 
niss Dasselbe muss aber, wenn Tod oder schwere Verwundung erfolget ist, 
nach dem eintretenden höheren Grade der Sorglosigkeit verschärfet wer- 
<ien» (§ 23). 

Durch schnelles Reiten oder Fahren verursachte Beschädigung oder 
Tödtung ist ebenso zu ahnden (§ 23). 

Eines politischen Verbrechens macht sich schuldig (§25) derjenige, 
<ler aus einer kontumazirten Provinz auf Umwegen ins Land kommt oder 
Waaren importirt ; h) der ohne vorgeschriebene Meldung den Kordon passirt ; 
€)der durch Angabe eines falschen Abgangsortes die Kontumazbehörde 
irreführt; d) der Passirscheine fälscht oder den Fälschern solcher Vorschub 
leistet; e) der sich eines auf fremden Namen ausgestellten Zeugnisses 
bedient;/) der eine derartige Handlung verheimlicht; g) der vor erfolgter 
Beinigung die Kontumazstation verlässt; h) der vor vollendeter Kontumaz 



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74 



UNGARN BETREFFENDE SANITATSVERORDNUNGEN JOSEFS DES H. 



mit gesunden Personen in Verkehr tritt ; i) eine gesunde Person, die mit 
den in Quarantaine befindlichen Personen ohne Erlaubniss der Kontumaz- 
behörde in Verkehr tritt. Ferner machen sich des politischen Verbrechens 
schuldig Beamte, die aj Personen und Waaren auf unerlaubten Wegen 
passiren lassen ; b) die falsche Gesundheitspässe ertheilen; c) die auf einen 
falschen oder unrechtmässig gebrauchten Gesundheitspass jemanden durch- 
lassen; dj&VLch der Unterbeamte, welcher von einer solchen unerlaubten 
Durchlassung in das Land, Entlassung, oder Entweichung aus der Kontumaz 
Wissenschaft hat, ohne sogleich die Anzeige zu machen. Endlich begeht 
auch ein politisches Verbrechen jeder, a) der Personen oder Waaren zu 
Umgehung der ausgezeichneten Wege, durch Rat, W^egweisung oder auf 
sonst immer eine W^eise behülflich ist ; b) wer fremde Personen oder Waaren 
aus verdächtigen Gegenden ohne das gehörige Gesundheitszeugniss und Pass 
übernimmt, frachtet, befördert ; c) wer in den dem Pestkordon nahe liegen- 
den Ortschaften fremde Personen oder Waaren ohne alles Gesundheits- 
zeugniss, oder ohne dass das Gesundheitszeugniss nach Vorschrift von der 
Obrigkeit recognoscirt worden, beherbergt. Unterstand gibt.» 

Solche Verbrecher sind dem Militärgerichte zu übergeben * «und von 
demselben allein nach den Gesetzen abzuurtheilen, die zur Sicherheit der 
Erbländer nach Verhältniss der Gefahr zu erlassen nöthigseyn wird.» (§ 26). 

Als Vergehen gegen die Sanitätsvorschriften wird noch betrachtet, 
a) «wenn todtes Vieh in einen Brunn, Bach, Fluss geworfen wird ; b) wenn 
bei dem in einer Viehseuche gefallenen Viehe die durch die Sanitätsgesetze 
bestimmten Vorsichten übertreten werden ; c) wenn jemand die an seinem 
Viehe entdeckten Zeichen der Wuth anzuzeigen unterlässt ; d) wenn an 
gangbaren Orten Fangeisen (laqueum ferreum) aufgestellt, oder Fanggruben 
gegraben werden» (§ !27). «Die Strafe dieses Verbrechens ist öffentliche 
Arbeit mit oder ohne Eisen, deren Dauer nach dem Verhältnisse des Scha- 
dens zu bestimmen, so durch seine Handlung entstanden ist.» (§ 28). 

Wenn wir die in das Sanitätswesen einschlägigen Verfügungen Josef 
des II. betrachten, drängt sich uns die Anerkennung und Bewunderung für 
den Schöpfer derselben auf. 

Wenn die Folgen auf diesem Gebiete auch seinen edlen Intentionen 
nicht vollkommen entsprachen, werden wir dennoch in Josef dem II. den 
eigentlichen Begenerator unseres Sanitätswesens betrachten müssen. Er war 
bestrebt das kostbare Gut der Gesellschaft mit allen ihm zu Gebote stehen- 
den Mitteln zu bewahren, das geistige und materielle Wohl der Bürger zu 
fördern. Die während seiner zehnjährigen selbständigen Eegierung geschaf- 
fenen Sanitätsverordnungen überraschen nicht nur durch ihre Zahl, son- 

"^^ Am 9. Feber 1776 wiirde nämlich die Leitung des Samtätswesens im Grenz- 
gebiete dem k. k. Militärstande übertragen« 



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BrDAPEST von HINDERTSIEBZIG JAHREN. 75 

dem auch durch ihren in jeder Hinsicht modernen Anstrich, durch ihre 
Vielseitigkeit und wissenschaftlich begründete Logik, so dass sie es wohl 
verdient hätten] — nicht nur des historischen Werts wegen — die Grundlage 
unseres heutigen, eingestandener Massen höchst mangelhaften Sanitäts- 
gesetzes zu bilden. 

Wien, Oktober 1890. Ion. Schwarz. 



BUDAPEST VOK HUNDERTSIEBZIG JAHREN. 

Aus einem Vortrage von Alad4r Ballagi. 

Ein arabisches Sprichwort sagt, dass da, wohin der Türke einmal seinen 
Fuss setzt, kein Gras wächst. Wenn das wahr ist, so trägt keineswegs der Islam 
die Schuld daran ; denn die Araber vermochten, wenn sie auch Bekenner des Islam 
waren, durch ihre civilisatorischen Schöpfungen in Bagdad, in Spanien und Nord- 
afrij£a die Welt in Erstaunen zu setzen. Bei den Türken scheint es mehr ein Fehler 
der Bace zu sein, dass sie keine Organisatoren sind. Thatsache ist, dass ihre lange 
Herrschaft auf die Städte Ofen und Pest eine ungemein verheerende Wirkung 
hatte. Ein trauriges Bild dieser Verwüstung entwirft uns der Kaschauer Bürger- 
meister Johannes Bocatius, der die beiden Städte im Jahre 1 605, ungefähr um die 
Mitte der Türkenperiode, besuchte. Ueberall sah er blos elende, fast ungedeckte 
Hütten, aus Lehmziegeln errichtete Häuser und mit Stroh verstopfte Fenster; 
auch die wenigen grösseren Gebäude waren verraucht und schmutzifr, die Kirchen 
wurden als Viehställe benützt, aus den Friedhöfen hatten die Türken die marmor- 
nen Grabmonumente auf die Strasse geschleppt und benützten sie als Sitzplätze, 
um ihre Barte in der Sonne trocknen zu lassen, oder als Verkaufsstände für ihre 
Waaren. Als der wackere Bürgermeister von Ofen nach Pest herüberkam, konnte 
er sich nicht enthalten auszurufen : «0, Pest, wie treffend ist dein Name, denn du 
bist eine wirkliche Pestilenz ! » 

Der aussergewöbnliche Verfall beider Städte, und besonders Ofens, wäre 
nur in dem Fall zu entschuldigen gewesen, wenn dieselben zur Zeit der Türken- 
herrschaft ihres hauptstädtischen Charakters verlustig geworden wären. Dem war 
aber nicht so ; denn auch während der Türkenzeit war Ofen die Hauptstadt ihrer 
ungarischen Besitzungen, Residenzstadt eines Beglerbegs, noch mehr : Ofen war 
der eigentUche Centralpunkt aller gegen die Christenheit gerichteten, grossmäch- 
tigen Kriegsopeititionen. Ungeheuere Geldsummen und Wert« waren da in Ver- 
kehr gesetzt, was bei jedem andern Volke, wenn sonst nichts, wenigstens Auf- 
blühen der Stadt auf ewige Zeit gesichert hätte. 

Ausser der Paschawirtschaft, welche um Vergangenheit imd Zukunft unbe- 
kümmert blos das Heute im Auge hatte, trugen zum Verfalle Ofens die in den 
1680-er Jahren sich öfter wiederholenden Belagerungen der Stadt viel bei. Als 
nach der letssten Belagerung 1686 die kaiserlichen Sieger in die Festung einzogen, 
fanden sie kein schützendes Dach unversehrt. 



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7« 



BUDAPEST VOR Hl NDERT8IEBZIO JAHREN. 



Während der 150 Jahre dauernden Türkenherrgchaft war die alte unga- 
risobe und deutsche Einwohnerschaft der beiden Städte fast verschwunden ; an 
ihre Stelle waren Baitzen, die man ihrer Beligion wegen Griechen nannte, Kroaten 
und Juden gekommen ; in der ersten Zeit nach der Wiedereroberung nahmen die 
Baitzen durch neue Ansiedler bedeutend zu ; die besseren Elemente derselben trie- 
ben Handel, die ärmeren brachen Steine in Steinbruch oder trugen Donauwasser 
nach der Festung, deren Wasserleitung durch die wiederholten Belagerungen zer- 
stört worden war. Die Kroaten hatten sich in grosser Menge in der heutigen 
Wasserstadt niedergelassen, so dass man diesen Stadtteil noch lange Kroatenstadt 
nannte, ja auch heute noch bewahrt das Andenken derselben die sogenannte 
Kroaten-Gasse, Die Deutschen, zumeist kaiserliche Soldaten, Beamte und Hand- 
werker, Hessen sich in grosser Anzahl in der Festung und in der nächsten Umge- 
bung derselben nieder, während sich in der Neustift sehr viele wallonische, italie- 
nische und spanische Soldaten aus dem kaiserlichen Heere ansiedelten. Auch von 
der früheren türkischen Einwohnerschaft waren ungefähr hundert Familien hier 
geblieben, die sich taufen Hessen und mit der christlichen Bevölkerung ver- 
schmolzen. 

Ofen war zu jener Zeit viel bedeutender, während Pest ein verwahrloster 
kleiner Flecken war. Noch im Jahre 1709 zählte das letztere nicht mehr als 
500 Einwohner, unter welchen es blos 16 Bürger mit einem für ihre Bedürfnisse 
genügenden Einkommen gab. Die Stadt zählte damals 319 Häuser, von welchen 
jedoch 151 vollständig leer standen. Ein Einkehr-Gasthaus und eine Bierbrauerei 
waren die einzigen halbwegs städtischen EtabHssements. 

Die Umgebung der heutigen Hauptstadt war eine unfruchtbare Haide. Der 
Froschteich, der weisse und der Binsenteich breiteten hier ihre schlammigen 
•Gewässer aus. Sümpfe und sandige Flächen umgaben die Hauptstadt in einem 
mehrere Meilen betragenden Umkreise. Die nächsten Ortschaften waren Palota, 
Föth, Mogyoröd, Peczel, Qyömrö, ÜllcJ, Öcsa, N^medi und Sziget-Szent-Miklös, 
welche ursprünglich von Ungarn bewohnt, aber nunmehr fast vollständig verödet 
waren. Um Ofen herum sah es noch wüster aus ; Tinnye, Tök, Päty und Bia waren 
die nächsten Ortschaften im Umkreise desselben. 

In der Umgebung von Pest wurden mit Ausnahme von Neupest alle grösse- 
ren Gemeinden unter der Begierung Karls HI. von den Vorfahren ihrer heutigen 
Bewohner besiedelt. Die bereits vorhandenen imgarischen und serbischen Ort- 
schaften wurden durch neue Zuzüge verstärkt. Um jene Zeit wurden in der Umge- 
bung der Hauptstadt slovakische Kolonisten in den Dörfern Csömör, Czinkota, 
Kerepes, Ecser und Maglöd angesiedelt, da sich aber die Colonisation durch Inlän- 
der als ungenügend erwies, so mussten zu diesem Zwecke Ausländer herbeigerufen 
werden. 

Die Hofkammer, in deren Bessort das Golonisirungswesen fiel, hatte es um 
Jene Zeit als Princip aufgestellt, dass alle Colonisten ausschHessHch Deutsche und 
römisch -kathoHsch sein müssen, daher kam es, dass sich in der Umgebung der 
Hauptstadt blos Franken, Schwaben, Baiem und Oesterreicher niederHessen. In 
Soroksär gibt es daher noch heute eine Frankengasse ; die heutige Schulgasse in 
Pest hiess früher Untere Baumgasse, während der heutige Sebastianiplatz und 



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BUDAPEST VOR HÜNDERT8IEBZIO JAHREN. 



77 



die Donangasse Obere Baiemgaase hiessen ; auch der Name des Schwabenberge» 
in Ofen und in Bogddny bildet eine Erinnerung an jene Zeit. 

Nicht blos die Hofkammer, sondern auch die Magnaten und Ordensgeistli- 
chen waren eifrigst beflissen, die Schwabencolonisation zu befördern. Herzoge 
Engen von Savojen besetzt in seiner lUczkeve-er Herrschaft mit schwäbischen 
Colonisten die Gemeinden Csepel, Becse, Cs^p, Budafok, welch* letztere Oemeinde^ 
von ihrem Besitzer Promontorium Eugenii benannt wurde. Die früheren Colonisten 
der Insel Csepel werden in bereits bestehende serbische Dörfer versetzt, woher die 
alten Einwohner von den neuen Ankömmlingen verdrängt wurden. 

In der Altofner Herrschaft; der Grafen Zichy wurden Budaörs, Budakeszi^ 
Solymär, B^käsmegyer, Bogd^y gegründet. Die Familie Szunyogh bringt Schwa- 
ben nach Hidegküt, Graf Josef Eszterhäzy nach Vörösviir, Graf Grassalkovich 
eolonisirt Soroksär, die Familie Vattay Nagy-KovÄcsi, der Wiener Benedictiner-,. 
benannt « schottischer t Orden besetzt Jen6 und Telki, die Ofher Clarissen-Schwe- 
stem colonisiren Boro8-Jen6 und Taksony. Zu gleicher Zeit wurden auch Harapzti, 
Klein-Turbal und Szent-Ivto von Schwaben besetzt. 

Dass solches Volk sich in der nächsten Nähe der Hauptstadt ansiedelte, 
daraus ergaben sich später bedeutende Folgen für die Sprachen^ge. Die ihren: 
Traditionen und ihrer Sprache treu anhänglichen deutschen Bewohner der Buda- 
pest umgebenden Ortschaften versahen von Zeit zu Zeit die Vorstädte mit 
deutschen Colonisten, bewirkten, dass der Markt vorläufig ein deutsches Ansehen 
bekam, und wurden, ohne es zu wollen, wahre Hemmschuhe für die einheitliche^ 
Entwicklung des Magyarentums. 

Von national ökonomischer Seite war es von besonderer Bedeutung, dass dio 
deutschen Colooisten fast ausschliesslich Ackerbautreibende waren, und kaum hie 
und da sich ein Industrieller befand. Das war zu jener Zeit ein wahrer Segen für 
die Cnltur des Ofner Gebirges und des Räkos. Ackersleute waren nötig, um aus den 
brachhegenden Gründen Aecker und Weingärten zu bilden. Unsere guten Schwa- 
ben gelüstete es nicht, den Pflug zu verlassen. Seit hundertsiebzig Jahren weiss 
man ausser Prof. Georg Volf, dem aus Gross-Turbal gebürtigen Hprachwissenschaft- 
lichen Schriftsteller, Niemanden, der von den Deutschen der Ofner Gebirgsgegend 
sich den Wissenschaften oder der Eimst gewidmet hätte. 

So sehr es angezeigt war, die Umgegend der Hauptstadt mit tüchtigen 
Ackersleuten zu besetzen, so nachteihg erwies es sich, dass auch die Hauptstadt 
solche Einwohner in grosser Anzahl erhielt. Denn das Emporblühen einer grossen 
Stadt wird nicht durch ackerbautreibende, sondern durch industrielle und handel- 
treibende Bewohner bewirkt. 

Mit der Einwanderung der ausländischen Deutschen, welche man hier unter 
der Gesammtbezeichnung Schwaben zusammenfasste, beginnt die Geschichte des 
modernen Budapest ; diese neuen Ankömmlinge drängten die hier vorgefundenen 
Bewohner teils hinaus, teils vei*schmolzen dieselben mit ihnen. Diese neuen 
Elemente waren intolerant und man erkannte auch hieraus, dass sie aus der 
Fremde gekommen waren, da in Ungarn die Intoleranz früher nie Boden gefunden 
hatte. Von ihrer Unduldsamkeit legt auch der Umstand Zeugniss ab, daas dio 
Griechisch-Nichtunirten erst im Jahre 1721 nach schweren Kämpfen in die Reihe- 



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78 



BUDAPEST VOR HÜNDEBTSIEBZIG JAHBEN. 



der Bürger aufgenommen wurden, dass nmn sie aber bereits im Jahre 1739 wieder 
aus derselben hinausstiess. In Bezug auf Protestanten und Griechen gab es ein 
städtisches Statut, welchem zufolge blos Diejenigen von ihnen innerhalb der 
Stadtmauern geduldet wurden, welche schon früher hier gewohnt hatten, während 
neue Ansiedler nicht mehr zugelassen wurden ; das Haus oder Grundstück eines 
KathoUken durfte an keinen Protestanten oder Griechen verkauft werden ; die 
Juden aber wurden noch imter Kaiser Leopold in der im Besitze der königlichen 
Kammer befindlichen Gemeinde Aitofen intemirt. 

Dagegen wurden den deutschen Katholiken von der Landesregierung Begün- 
stigungen zuteil, welche heute fast fabelhaft khngen. Es war ihnen seclisjäh- 
rige Steuerfreiheit versprochen worden, die Handwerker erhielten sogar eine 
solche auf fünfzehn Jahre. Ausserdem erhielten die neuen Einwohner eine grosse 
Anzahl sehr wichtiger Privilegien. Ln Jahre 1711 erhielten sie von der Kammer 
nicht blos Hausgründe, sondern auch ganze Häuser unentgeltUch, gegen die 
einzige Verpflichtung, dass sie den Grund im Verlaufe emer gewissen Zeit ein- 
zäunen und das Haus neu aufbauen oder wenigstens bewohnbar herstellen 
werden. 

Regierungsbeamte, Generale, KammeiTäte, später auch die Comitatsbeamten 
gelangten unentgelthch zu ungeheuren Grundstücken. Im Jahre 1715 erhielt der 
Hofkammerrat Johann Georg Haruckern das in der damaligen Herrengasse (heute 
Kecskemetergasse) gelegene Förster' sehe Haus sammt dazugehörigem Gnmde, 
welches seither, wenn auch in veränderter Form — da es im Jahre 1 853 vollstän- 
dig umgebaut wurde — unausgesetzt seiner Familie, das heisst den von der weib- 
üchen Linie derselben abstammenden Grafen Wenckheim, gehört. Die Famiüe 
Wenckheim ist demzufolge die älteste Realitäten besitzende Familie in der Haupt- 
stadt. Die grossen Städte des Alföld : Kecskemet, Koros, Jäszbei-eny etc. bauten 
hier zu jener Zeit grosse Häuser in der Fonn von Csärden, mit Einkehrwirtshäu- 
sern und riesigen Höfen. Die Bürgerschaft sah die Comitatsherren gerne in ihren 
Mauern und befreite ihre Häuser, wie z. B. dasjenige des Vicegespans des Pester 
Comitates Söter, an der Stelle des heutigen « Kronen »-Kaflfeehauses in der Waiz- 
nergrsse, des Grafen Grassalkovich in der Hatvanergasse etc. von allen Abgaben. 

Das neue Pest und Ofen nahm einen ungemein raschen Aufschwung in Folge 
der langen Friedensperiode, die nun eintrat. In Ofen erbaute der kaiserliche 
Architekt und Stadtrichter Venerio Ceresola im Jahre 1715 das Stadthaus ; in dem- 
selben Jahre wurde auch mit der Ausbesserung der Festungsmauern begonnen. 
Das während der Erstürmung zerstörte Weissenburger Thor erhob sich aus seinen 
rauchgeschwärzten Trümmern ; da-^ ehemalige Szombatthor wurde nach seiner 
Renovirung Wienerthor, das Sankt-Johannistlior Wasserthor genannt. Auch die 
alten ungarischen Gassenbezeichnungen gerieten in Vergessenheit; die ehemalige 
Italienergasse wurde Herrengasse genannt, die Sankt- Paulgasse (heutige Land- 
hausgasse) Beckengasse, und die Allerheiligengasse wurde der Paradeplatz ; aus 
der Goldschmiedgasse (heute Fortunagasse) wurde die Wienergasse ; nur die Gasse 
des heiligen Sigismund oder Judengasse wurde auch ferner alte Judengasse 
genannt, obwohl durch dieselbe unter Karl IH. Juden nur am Tage verkehren 
-durften und am Abend stets nach Altofen zurükkehren musst^n. 



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BUDAPEST VOR HUNDERTSIEBZIG JAHREN. 



79 



Weder die frühem Namen der Gassen, noch die der Stadtteile lebten in Ofen 
Je wieder auf ; hingegen dauern die 1711 erhaltenen Benennungen bis auf den 
heutigen Tag fort, zum Beweise dessen, dass in der Geschichte unserer Hauptstadt 
die statige Entwickelung und die Beständigkeit mit dem Jahre 1711 beginnt, 
d. h. nach Beendigung der Eäköczischen Bewegung, wo der ständige innere Fiie- 
den des Landes seinen Anfang nimmt. 

Pest, das heisst die heutige innere Stadt, war von einer Ringmauer umge- 
hen. Seine Basteien waren mit sieben Bondellen versehen, von welchen zwei nach 
dem Riikos, zwei auf die Donau gingen. Pest hatte drei grosse Tore : das Ofner-, 
s^ter Waizner-, das Erlauer-, später Hatvaner- und das Czegl6der-, später Kecs- 
kem^ter-Tor. 

Das Vorhandensein einer Pilast«rmaut sollte darauf schliessen lassen, dass 
die Stadt gepflastert war, allein der Umstand, dass es noch im Jahre 1801 blos 
drei vollständig gepflasterte Gassen in Pest gab, lässt keine hohe Meinung über 
das damalige Pflaster aufkommen ; von der Strassenreinigung geschieht im Jahre 
1 722 zuerst Erwähnung, in welchem sie sammt der Erhaltung der Gefangnisse 
und der Polizei auf 916 Gulden und 91 Vi Denare zu stehen kam. Freilich bestand 
die ganze Polizei damals aus einem städtischen Wachtmeister und drei Trabanten. 

Auch der städtische Beamtenkörper war noch sehr unanselmlich. Seine Mit- 
glieder hiessen Senatoren, an deren Spitze der Stadtrichter mit einer Jahresgage 
von 150 Gulden stand. Die sämmtlichen Gagen der städtischen Beamten und 
Diener behefen sich jährlich auf 3090 rheinische Gulden, allein ausserdem erhiel- 
ten mehrere derselben auch Deputate an Schweinen, Bier und Wein von der 
Stadt. Drei städtische Musikanten erhielten je eine Monatsgage von 1 Gulden und 
40 Denaren ; der Schulmeister, der gleichzeitig als Begenschori fungirte, erhielt 
monatlich 4 Gulden und 10 Denare ohne jedes Deputat. 

Das städtische Kanzleipersonal bestand blos aus zwei Kanzhsten und im 
Jahre 1 733 wurde ein junger Mann, der um eine solche Stelle competirte, mit dem 
Bemerken zurückgewiesen, dass man für einen dritten Kanzlist^n keine Ven^^en- 
dnng habe. Dass in der That in der städtischen Kanzlei Dicht zuviel zu thun sein 
musste, davon gibt der Umstand Zeugniss, dass der gesammte Papierverbrauch für 
das Jahr 1733 bei der Stadt 7 Ries betrug, was einen Betrag von 11 Gulden 
55 Denaren repräsentirte. 

Im Jahre 1737 betrug das gesammte Einkommen der Stadt 13,430 Gulden 
79*/ 4 Denare, ihre Ausgaben 13,656 Gulden 1*/ 4 Denar. Das städtische Einkommen 
wurde in sehr patriarchalischer Weise verwaltet, so zwar, dass der Stadtkämmerer, 
wie man den Kassier nannte, die Rechnungslegung über das Jahr 1722 dem 
Magistrate erst am 28. Januar des Jahres 1 728, also erst nach sechs Jahren unter- 
breitete. 

Die Stadt Pest war auf ein so kleines Einkommen beschiänkt, da ihr aus- 
gebreiteter Gnmdbesitz, der zumeist aus Sandflächen und Sümpfen bestand, bei- 
nahe gar kein Erträgniss abwarf. Der Gmndbesitz hatte zu jener Zeit, in Folge des 
Mangels an arbeitenden Händen, einen so geringen Wert, dass z. B. Graf 
Haruckem für gelieferten Proviant im Werte von 140,000 Gulden fast das ganze 
B^keser Comitat als Eigentum erhielt. 



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^» BUDAPEST VOR HUNDERTSIEBZIG JAHREN. 

Wohl besass die Stadt Pest auch viele Häuser imd Stadtgründe, allein auoh 
diese warfen ihr zusammen blos einen Pacht von 517 Golden jährlich ab. Wie 
hätte da auch ein grösseres Einkommen resiütiren sollen, wenn z. B. der bürger- 
liche Schustermeister Michael Pichler für das an der Ecke des Christophplatzes 
gelegene, 108 Quadratklafter umfassende Haus einen Jahreszins von 40 Denaren 
zahlte. Die Stadt besass auch achtzehn Mühlen auf der Donau, für welche sie 
zusammcD 36 Gulden als fArenda» von der Müller-Zunft erhielt. 

Aus solchen minimalen Einkommensbeträgen vermochte die Stadt ihr Aus- 
gaben-Budget von 13,00() Gulden nicht zu decken; ihre Haupt-Einnahmsquellen 
wflren das städtische Brauhans, welches ihr jährlich 2345 Gulden, und der Lücken- 
Zoll, der Pest und Ofen je 2746 Gulden 68 Denare trug. Der Brückenzoll war dom- 
znfolge die grösste Einnahmspost von Budapest. 

In der Türkenzeit befand sich die Brücke in der Gegend des heutigen Schwur- 
platzes und des jenseits der Donau hegenden Bruckbades, woher dasselbe noch 
heilte seinen Namen führt; im Jahre 1711 wurde die neue Schiffbiücke ausserhalb 
der Ringmauer, an der Ecke der grossen Brückgasse geschlagen, welche heute 
bekanntlich Deäkgaase heisst. 

Gleichzeitig mit den neuen Colonisten kommen auoh Mönchsorden in die 
Hauptstadt. Im Gefolge des christlichen Kriegsvolkes erscheint alsobald «die strei* 
ten de Kirche Gottes.» Die Jesuiten nehmen in Ofen die Marienkirche als wich- 
tigste Position in Besitz. Die hohe GeistUchkeit errichtet eine Hochschale mit 
einer Akademie, einem Seminar für Geistliche und einem Convict für adelige 
Jünglinge; zugleich wird auch dafür Sorge getragen, dass das Fortbestehen benann- 
ter Institute durch Fundationen, die sich auf hunderttausende belaufen, gesichert 
werde. Sämmtliche Pfarrer Ofens sind Jesuiten, mit Hilfe derer die Stadt am 
Bombenplatz die St. Annakirche erbaute, die der Wasserstadt als Pfarre diente» 
Die ältesten Ordensgeistlichen der Hauptstadt waren die Franziskaner. Während 
der Türkenzeit war es dieser Orden allein, der die Befriedigung der geistlichen 
Bedürfnisse der katholischen Einwohnerschaft besorgte. Nach Vertreibung der 
Türken erhielten die Fi'anziskaner in Ofen die Gamisonskirche, in deren Nähe 
sie ihr Kloster erbauten. Ebenfalls in der Festung etablirten sich die KarmeUter, 
der Orden der böhmischen Ritter mit dem roten Kreuze, sowie auch die von 
Pressburg hieher übersiedelten Klarissaschwestem, in deren Kloster gegenwärtige 
die Hilfsbeamten des Ministeriums des Innern placirt sind. In der Wasserstadt 
erbauen Kapuziner, Franziskaner aus Bosnien, Elisabethiner-Nonnen aus Wien,, 
sowie an der Ijandstrasse Augustiner-Mönche ihre Klöster. 

In Pest siedeln sich zuvörderst die ungarischen Pauliner auf dem Grunde, 
wo jetzt die Universität ist, an. Ihnen gegenüber, im Yersatzamtsgebäude, welches- 
später kleines Seminar hiess, placirten sich die Klarissen- Schwestern. Die Franzis- 
kaner und die Serviten etablii*ten sich da, wo sie jetzt bestehen ; die Dominikaner,, 
wo gegenwärtig das Kloster der englischen Fräulein steht. 

Das Unterrichtswesen war zu Ofen in den Händen der Jesuiten, anfänghoh 
auch in Pest. Hier aber treten an ihre Stelle bald die Piaristen, welche mit Hilfe 
der Stadt Pest das noch bestehende Institut enichten. 

Einer der wichtigsten Faktoren des raschen Aufschwunges unserer Haupt- 



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BUDAPEST VOR HUNDBRTSIEBZIG JAHREN. 81 

Stadt waren ausser ihrer centralen Lage auoh ihre von altersher berühmten Heil- 
quellen, welche von den Türken schon aus religiösen Gründen in gutem Stand erhal* 
ten wurden, und die bereits kurze Zeit nach der Wiedereroberung zahlreiche Fremde 
anlockten. Von diesen Bädern ist das älteste das bereits seit 400 Jahren bestehende^ 
Baitzenbad, das wahrscheinlich noch aus der Zeit des Königs Mathias stammt. 
Die einzigen segensreichen Spuren, welche die Türken in der Hauptstadt zurück- 
gelassen haben, sind einige durch sie gegründete Bäder. Türkische Statthalter in 
Ofen errichteten das Bruckbad im Jahre 1540, das Königsbad (1560), das aber 
seinen Namen erst im verflossenen Jahrhundert von seinem Eigentümer Franz 
König erhielt ; fast gleichzeitig mit dem Königsbade liese Sokoli Mustapha vom 
Jahre 1566 bis 1579 das Kaiserbad erbauen, das seinen heutigen Namen von Kai- 
ser Iieopold erhielt ; hiezu kam noch das < Jungfrauenbad i, welches heute, als am 
Fusse des Blocksberges gelegen, Blocks bad genannt wird. 

Der Reichtum an Heilquellen wäre allein schon genügend gewesen, dass hier 
eine grosse Stadt entstehe. In der That war derselbe zu allen Zeiten eine der 
Hauptnrsachen des grossen Fremdenzuflusses. Dieser letztere Umstand brachte 
es wieder mit sich, dass sowohl in Ofen als auoh in Pest von altersher die schönsten 
Hänser sich im Besitze von Gastwirten, Bierbrauern und Kaffeesiedem befanden. 
Die grössten Gasthäuser in Pest waren das Weisse Schiff, an dessen Stelle sich 
jetzt die Wienergasse hinzieht, in der Nähe befand sich das Weisse Lamm, femer 
das gräfliche Wirtshaus und das Gasthaus zum Weissen Ochsen, nächst dem Kecs- 
kem^ter Hause. 

Das erste KaffeehauR in Pest wurde Im Jahi-e 1714 eröffnet ; sein Eigentümer 
ist in den städtischen Eegistem als fCavesieder Blasius, ein Bacz Cath. Belig. » 
verzeichnet ; sein Kaffeehaus war ein solches von primitiver türkischer Einrich- 
tung. Ein nach ausländischer Mode fmit ein Pilliard» versehenes Kaffeehaus 
errichtete später der deutsche Bürger Johann Starck ; der erste Zuckerbäckerladen 
wurde im Jahre 1 734 von einem Itahener, Namens Franz Bellieno, eröffnet, der 
in den städtischen Registern als •Zschokoladimacher und allerhandt Wasserbren- 
ner» verzeichnet ist. 

Ausser den Bädern hat zum Aufblühen der Stadt am meisten das Militär 
beigetragen, da sie eine lange Periode hindurch der Centralpunkt der gegen die 
Türken unternommenen Operationen war. In Ofen in der Nähe der Festung, in 
Pest an der Stelle des der heutigen Universitätskirche gegenüber hegenden Eck- 
hauses werden Kanonengiessereien errichtet. Provianthäuser bestehen in Ofen 
an der Stelle, wo später das Volkstheater bestand, in Pest, wo jetzt der Sitz 
der Curie ist. Auf dem Grunde, wo heute der Wurmhof ist, befand sich ein Salz- 
amtsgebäude und an mehreren Punkten beider Städte sah man den Bauch aus 
militärischen Backöfen emporsteigen. In Ofen waren zwei Pulvertürme, deren 
einer 1723 in die Luft flog und die Umgebung des Stuhl weissenburger Thores 
zerstörte. In Altofen war eine Pulvermühle und ein Salpetermagazin. Mit einem 
Worte, beide Städte waren gleichsam ein militärisches Depot, als dessen noch 
bestehendes Denkmal das von Karl dem Dritten in Ofen erbaute Zeughaus bezeich- 
nend ist. 

Der erste monumentale Bau der Stadt Pest, der auch heute als solcher 

Ungnbeh« B«-nie, XI. 1891. I. Heft. 5 



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82 



DIE KINGA-SAGE. 



zählt, wurde ebenfalls in jener Zeit zn militärischen Zwecken vollendet. Die mas- 
siven Mauern der nach dem Monarchen benannten Karls- Kaserne wurden «.uf 
dem (rrunde der Serviten auf Kosten der Kaiserin, des Primas und der Bischofs 
1716 — 1727 nach den Plänen des italienischen Baumeisters Martinelli erbaut. Eine 
Zeit lang diente dasselbe als Invalidenhaus, später als Grenadier-Kaserne, wovon 
die anstossende Grenadiergasse benannt wurde. 

Mit einem Worte, seit 1715, wo Ofen und Pest zum Mittelpimkt der militä- 
rischen Vorkehrungen gegen die Türken wurde, waren beide Städte in raschem 
Aufschwung begriffen. Und hier zeigte sich der grosse Unterschied zwischen Tür- 
ken und westlicheuropäischer Einwohnerschaft. An den türkischen Bewohnern 
und ihrer Stadt verriet nichts die ungeheuren Schätze, die hier in Circulation 
gesetzt wurden, während die deutsche Bürgerschaft die günstige Gelegenheit zur 
Hebung ihrer materiellen Verhältnisse und ihrer Stadt benützt. 

Man behaupte daher nicht, dass die Bäder, die centrale Lage der Stadt, der 
hochwichtige Zug der Donau die zwei Städte dahin erhoben, wo sie sind. Denn 
nicht zunächst von solchen todten Dingen, sondern vor Allem von den den Bürgern 
innewohnenden lebendigen Kräften hängt das Aufblühen grosser Städte ab. Auch 
Budapest hat es in erster Reihe dem viel verspotteten prudens et circumspectus 
Bürgersinn zu verdanken, dass es in verhältnissmässig kurzer Zeit zu einer der 
hervorragendsten Städte Europa' s geworden. 



DIE KINGA-SAGE. 

Bekanntlich hat Momus, der schellenkappentragende lustige Rat des heim- 
gegangenen Olympes, bei der Stichprobe der Machtvollkommenheit der um die 
Schutzherrlichkeit über Athen werbenden Götter, als Vei*ti'auen geni essender 
Schiedsrichter, dem dazumal neu geschaffenen Hause nachgetragen, es tauge des- 
halb nichts, weil es bei böser Nachbarschaft nicht könne vom Flecke gerückt 
werden. Diese tiefsinnige Mythe, welche den privilegirten Schalksnarren der weiland 
Himmlischen ein grosses Wort gelassen aussprechen lässt, berechtig^; zu zwei 
wesentlich verschiedenen Schlussfolgerungen. Erstens, das«^ es weder in der Voll- 
versammlung der Götter jener Tage, noch in dem wetteifernden Concurrentenzirkel 
der nunmehr seligen Unsterblichen einen amerikanischen Ingenieur gegeben habe, 
der bei der Verschiebung eines auch mehrstöckigen Hauses ebensowenig Kopfzer- 
brechens bedurft hätte, wie der gewinnsüchtige Knabe, welcher seiner beim Spiele 
zurückgebhebenen Marmelkugel durch einen unbeachteten aber wohl berechneten 
Ruck seiner Fussspitze ganz kaltblütig den gewünschten Vorschub leistet. Zweitens 
aber — und nun auch Scherz bei Seite, lehrt aus dieser nicht unergötzlichen my- 
thologischen Episode tieferer, dem practischen Leben anzupassender Sinn, daas 
die Nachbarschaft — wie unter einzelnen Privaten so zwischen ganzen Völker- 
schaften — Verhältnisse zu gestalten vermöge, deren social zersetzender Natur 
kein durchgreifend wirkendes Heilmittel Einhalt zu thun vermöge. 

Zum segensreichen Glücke für die beiden, in weit ausgedehnten Grenzzügen 



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DIE KINOA-8AGE. ^ 

dch berührenden Beiche Polen und Ungarn, hatte das Nachbarschafteverhältniss 
beider Staaten jederzeit ein so freundschaftliches Gepräge nicht etwa zur trüge- 
rischen Schau getragen, sondern als zur vollen That bestehend vorgewiesen, dass 
es noch heutzutage sprichwörtlich heisst : 

«W^gier, Polak, dwa bratanki, 
«Jak do szabli tak do szklanki !i 

was in freierer Uebersetzung etwa dahin lauten würde : 

«Pol' und Ungar, Brüder sind es allzumal 
«Gelt' es Schwertesschärfe, gelt* es Zechpokal !• 

Diese beiderseitig volkstünüich gewordene Würdigung des freundnach- 
barhchen, treuen Zusammengehens im vielgestaltigen Wechsel von Freude 
imd Leid, entsprang zimächst — wir glauben keineswegs zu viel behaupten zu 
wollen — den historisch nachweisbaren Beziehimgen zwischen der magyarischen 
Zipser Grafschaft und dem polnischen, zur Krakauer Wojewodschaft gehörenden 
Sandecer Gelände. 

Bis tief hinab in die ersten Uranfange des magyarischen staatlichen Daseins 
reicht ja die traditionelle Kunde von der, spätere, friedhche Verbindungen an- 
bahnenden Berührung beider Völker. Schon Holgowice nächst Szlachtowa weiset 
nach allgemeinem Dafürhalten sowohl ungarischer wie polnischer Quellenkenner, 
anf hunnische, somit auf vormagyarische Siedlungen am nördlichen Karpatenhange, 
folglich auf Niederlassungen der jenseitigen Nachbarn im Umfange des nachträghch 
polnischen Krongebietes ^ hin, und historisch ist der, während eingebrochener 
Tatarennot, von Ungarn aus, unter dem Befehle des «adleräugigeni (Jeorg Tho- 
warski, dem Herrn von Tarkow am Tarcsal, zwischen Palota und Cobinow ge- 
leistete, nachdrückliche Beistand.' Dieser tapfere Degen war es aber auch, wel- 
cher über Befehl Andreas III., des letzten Sprossen des Mannsstammes der Ärpäden 
wider den, mittelst seines Anhanges die Ruhe des Reiches erschütternden Pseudo- 
bruder des Königs die Waffen ergriff und den Prätendenten glücklich zum Lande 
hinausdrängte, der nun flüchtig, bei Kinga, nach angeblich beigebrachten Beweisen 
der Vollberechtigung seiner verwandtschaftlichen Ansprüche, vorübergehend eine 
mildherzig zugestandene Zufluchtsstätte sich gewährt sah. * 

Bei diesem Ereignisse, das beide Länder berührt, angelangt, fragen wir 
weder nach den ferneren Geschicken des von seiner bisher eingeschlagenen Bahn 

^ Morawski: «Sandecozyzna» d. L «Das Sandezer Gelände.! Krakau 1863. 
8. p. 21. 

* Ideni: ibid. p. 164. 

• Szajnocha: «Szkice historj'czne » d. i. «Historißche Skizzen» Lemberg. 1854. 
p. 45. No 78, wo die Urkunde vom Datum Korczyn 2. März 1257 wörtlich ange- 
führt wird, kraffc welcher imter Andern von einer «Donatio terre Sandecensis usque ad 
metam Himgari» cum theloneo in Poprad* ausdrücklich die Bede ist. Szajnocha bemerkt 
ausdrückhch, diese Urkunde nach einer amtlich beglaubigten Copie zu bringen, 
<lie sich im Besitze des gräflich Ossolinskischen Nationalinstitutes zu Lemberg befindet 
and dem Frauenkloster in Altsandec entstammen soll. 

6* 



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84 DIE KINGA-SAGB. 

80 kläglich Verdrängten, auch lassen uns die frühzeitig nachweisbaren, durch lan- 
desfürstliche, beiderseits erteilte Freiheitsbriefe geförderten commerziellen Be- 
ziehungen zwischen diesen Teilen des Piasten- nnd Ärpädenreiches, bei welchen 
auch der Poprad, als bequeme Wasserstrasse seinen Teil beansprucht, deshalb 
unberührt, weil eben unser Augenmerk ausschhesslich nur auf die genannte 
Einga sich concentrirt, welche zum fesselnden Mittelpunkte der weit verbreiteten 
und um so schöneren Volkssage geworden ist, als in der letzteren Wahrheit und 
Dichtung nicht derart in einander aufgegangen sind, um nicht in belehrender 
Weise wahrnehmen zu können, wie die geschäftige Phantasie des Volkes Zettel 
und Einschlag des traditionell auf uns gekommenen Gewebes gesponnen und auf 
ihren Webestuhl gebracht hatte. 

Demgemäss gliedert sich auch die vorliegende Besprechung der Einga-Sage 
wie von selbst und ganz naturgemäss in drei von einander scharf geschiedene 
Teile. Wir meinen in den Wortlaut der Sage selbst, in die geschichtüch begründete 
Darstellung des zu dieser Sage den Anstoss gebenden factischen Thatbestandes und 
in die Darlegung der Umgestaltung des letzteren durch die «sancta simplicitasi 
des köhlergläubischen, wimdersüchtigen Volkes. 



Die Sage. 

Vor vielen hundert Jahren — so spricht der redselige Mund der Sage — 
gab es in Ungarn einen gar mächtigen König, reich gesegnet an den kostbarsten 
Schätzen aUer Art. Stadt imd Land steuerten Jahr aus Jahr ein immer wieder 
bei, seinen, in tiefen und festen Gewölbem hinter siebenfachen Schlössern imd 
Biegein liegenden Eronschatz in das Fabelhafte zu mehren. Er berühmte sich aber 
bei allem dem auch noch stolz, der Herrscher eines Beiches zu sein, in dessen 
weitem Umfange nicht allein hochbegabte Menschen, sondern auch die ge- 
heimnissvollen Tiefen der Berge seinen Diensten huldigen, indem letztere Ku- 
pfer, Silber, ja sogar Gold und — was allem Anderen vorgehe, das vielbegehrte, 
weil unentbehrliche Salz in unglaubhchen und unerschöpflichen Massen zur Ver- 
fügung stellen. Und dieser, mit Erdengütem aller Art so namenlos gesegnete Eönig 
von Ungarn hatte nur eine einzige Tochter, ein wahres Musterbild weiblicher 
Schönheit, zugleich auch von Gott begnadeter weibUcher Vollkommenheit, deren 
persönhcher Liebreiz viel gepriesen war, weit hinaus über des ausgedehnten Beiches 
Grenzen. Viele meinten, diese Prinzessin allein wiege des königHchen Vaters Beich- 
tümer, so gi'oss dieselben immerhin seien, vollständig auf und so meldeten sich 
frühzeitig der Freier viele, für welche Beides verlockend war, die Eönigstoohter 
uud ihr Malschatz. 

So jugendlich männhch schön, so ritterhch und ebenbürtig auch die sich 
meldenden Freier waren, Einga begünstigte lange Zeit keinen derselben und auch 
der könighche Vater schien nicht im entferntesten daran zu denken, von seinem 
vielbegehrten und viel umworbenen Einde sich zu trennen. Da sprachen eines. 



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DIE KINGA-SAOE. ^ 

'Tages die Oeeandten eines benachbarten polnischen Prinzen vor und verstanden 
68 nur zu gut, ihre Werbung in des Letzteren Namen so zur Geltung zu bringen, 
dass Vater und Tochter sich bestimmt fanden, auf den gestellten Antrag einzugehen. 
Es flogen nun Boten hin und her, die Bande, welche Neigung und Staatsklugheit 
zur Hand gegeben, fest zu knüpfen und endlich erschien auch der Auserwählte per- 
sönlich und übertraf im Erscheinen und Oebahren den ihm vorausgegangenen 
günstigen Ruf. So wurde denn zur Hochzeit gerüstet und der Tag derselben prunk- 
voll begangen. 

Als die Stunde schlug, wo das viel beneidete Paar in das eigene Heim ziehen 
sollte, fiel die Königstochter dem tiefgerührten Yater demütig zu Füssen, um 
seinen Abschiedssegen zu erflehen. Da bot ihr derselbe viel Geldes imd Goldes, 
damit sie als wohlthätige Spenderin hilfreicher Gaben die Herzen des Volkes ge- 
winne, dessen Landesmutter sie nunmehr geworden war. Sie aber meinte : c Lieber 
€ Vater I Gold und Geld verhelfen mir nicht zu der Liebe meines Volkes, das — 
«wie ich höre, beraubt ist der nothwendigsten, weil unentbehrlichsten Gottesgabe, 
«des Salzes. Dein Beich hat der gnädige Himmel damit so sehr gesegnet, dass der 
«Ueberfluss in fremde Länder fortgeführt wird, zu Wasser und zu Lande, der 
«Armen drückenden Bedarf zu stillen. Behalte daher dein Gold und dein Geld und 
«schenke mir als Brautschatz nur Einen Schacht deiner Marmaroscher Salzberg- 
« werke, damit ich. gläubigen Herzens auf Gott vertrauend, was er bergen mag, 
«hinüberleite nach der Heimat, als ein trostreiches, weil rettendes Geschenk für die 
notleidende Armut !» — 

Und innig bewegten Herzens beugte sich der König über sein vor ihm 
knieendes, engelmildes Kind, blickte tränenfeuchten Auges in dessen holdes An- 
gesicht schloss es in seine Arme, zog es an seine Brust heran, in welcher es wonnig 
hämmerte imd sprach, einen väterlichen Kuss auf die Lilienstime drückend, mit 
zitternder Stimme : «Gott sei mit Dir und gewähre Deinem barmherzigen Wollen 
seinen besten Segen, wie Dein Vater Dir in diesem Augenbhcke seinen besten Segen 
ertheilt, für alle Zeiten Deines Erdenwallens, in diesem Augenblicke, wo das 
Weh des Scheidens auf immer, so schwer auf uns Beiden lastet. • 

Und so zog Kinga, mit zahlreichem Gefolge, weit hin zu den unerschöpflichen 
Salzbergwerken der Marmarosch, barfuss und den Pilgerstab in der Hand, sie und 
ihre Begleitung, um des Himmels ersehnte Gnade sich zu sichern. An Ort und 
Stelle gelangt, befahl sie der Arbeiter vollen Zahl einen weiten Kreis um sich 
herum zu bilden imd fragte sie. welcher Schacht und welches Stollengebiet den 
ergiebigsten Bergsegen zu Tage fördere. Man zeigte ihr diesen und herantretend 
an dessen Tagesmündung, nahm sie denselben als väterliches Geschenk für sich 
als ausschliessüchen Eigenbesitz in Ansprach und ihren Ehering vom Finger strei- 
fend, warf sie denselben in die gähnende Tiefe, worauf sich der Boden sogleich 
über der bisherigen Oeffnung von selbst zusammenwölbte. Ein heiliger Schauer 
bemächtigte sich der, erstaunten Bückes diesem Wundervorgange Zusehenden und 
Alle fielen fromm in die Kniee, die Gnade des Himmels preisend, welche zu er- 
kennen gegeben, wie sehr Kinga's Begehren das Wohlgefallen desselbon er- 
rungen habe. 

Den Wanderstab zuerst an diese von Gott offenbar geheiligte Steile setzend 



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86 



DIE KINGA-SAGE. 



und mit ihm den onterirdischen Schatz gleichsam an ihrer Füsse Sparen fessehid^^ 
und nach sich ziehend, begann Einga die rauhe Fusspilgerechaft über das Oehänge 
der Karpaten, gegen Erakau, des jungen Gemahles fürstliche Residenz. Mit Einga 
zogen Einige der Marmaroscher Bergbaukundigen mit und sechs Meilen vor 
Erakau machte sie, gleichsam einer höheren Eingebung folgend, bei dem Dorfe 
Bochnia Halt und liess an dem Orte, dessen Schacht heute noch ihren Namen 
trägt, einschlagen. Und siehe, bereits in äusserst geringer Tiefe stiessen die mit 
Haue, Erampen und Schlägel arbeitenden Bergleute auf ein festes Salzgestein und 
als sie den ersten, freudig heraufgehobenen Block zerkleinerten, fanden sie den 
goldenen Ehenng wieder, den Einga vor ihren Augen, vor Wochen in den Mar- 
maroscher Schacht geworfen. 

Seit jenem Tage fördert man dort den reichsten Bergsegen fort und fort zu 
Tage, so dass an Stelle des ärmlichen Dorfes bald eine wohlhabende Stadt trat und 
unter derselben gleichfalls die Gassen sich kreuzen und Namen führen und in ge- 
räumige Plätze münden, wo die rastlos geschäftigen Hände des gewerkkundigen 
Enappen zu jeder Tages- und Nachtzeit, bereits Jahrhunderte hindurch unermüdet 
sich regen, um dem unendlich fruchtbaren Schosse des Bodens die unentbehrliche 
Würze für Arm und Reich zu entnehmen und selbst hinauszusenden in die Weiten, 
Kinga's Andenken in frommer, von Geschlecht auf Geschlecht forterbender Dank- 
barkeit zu segnen. 

Selbst aber fand sich Einga dem ehelichen Glücke nur zu bald entrückt und 
bezog, seit der Witwenschleier über ihres Hauptes Scheitel herabfloss, das Elarisse- 
rinnenkloster zu Altsandec, wo sie wenige Jahre darauf, im Rufe wunderthätiger 
Heiligkeit zur ewigen Ruhe ging, um noch in ihren sterbUchen Resten der Gegen- 
stand allseitiger Verehrung zu seiij. 

So die Sage, noch heute rings in der Umgegend und weit über dieselbe hin- 
aus fortiebend, wie sie der siebenzigjährige Schreiber dieser Zeilen in den Tagen, 
wo er in jenen Gegenden als lebensfroher Enabe sich herumgetummelt, beim pras- 
selnden Eaminfeuer langer Winterabende vielfach erzählen hörte und gläubig 
hinnahm. Mit heiliger Scheu betrachtete er sodann die rings den Elosterhof be- 
schattenden Lindenbäume, zu denen sich Einga's und ihres Gefolges in die Erde 
gesteckten Wanderstäbe sollten herausgewachsen haben und der nordösthch 
ausserhalb der Elostermauer sprudelnde Quell, den Kinga soll aus dem Boden ge- 
schlagen haben, wurde von dem, so manchen Schelmenstückes sich schuldig fühlen- 
den Wildfange weit umgangen. 

Will aber erörtert und klargelegt werden, wie dieser, kindermärchenhaft 
klingenden Tradition gegenüber 

n. 

Die Geschichte 

sich verhalten und selbst bewusststellen könne, so werden wir angesichts der mitt- 
lerweile thatsächlich vor sich gegangenen Heiligsprechung der uns beschäftigenden 
Eönigstochter, aus zweifachen Quellen schöpfen müssen, aus einer profanen und — 
so weit dies, bei aller Hochachtung für die «unsterblichen* Bollandisten und ihr- 



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DIE KINGA-SAGE. 87 

wissenschaftliches Wirken, mit timsichtiger Reserve geschehen kann — aus eccle- 
siafitischen. 

Die skeptisch kaltblütig und unbeirrt objectiv zu Werke gehende Profan- 
geschichte meldet über die Ereignisse, die wir in dem Sagenberichte sich um 
Einga gruppiren sehen, Folgendes : 

B61a, seines Namens der Vierte (1235 — 70), der Nachfolger Andreas 11. und 
Vorgänger Stephan's V., der Einundzwanzigste der ungarischen Königsreihe, be- 
sass mehrere Töchter, darunter Einga, nach latinisirender Benennung auch Cune- 
gnndis geheissen,^ die älteste war, und allem Anscheine nach 1224 das licht der 
Welt erblickt hatte.' Schon 1 239, somit in dem zarten Alter von fünfzehn Jahren, 
wurde sie mit dem, lediglich um drei Jahre älteren Boleslaw dem Schamhaften, 
dem Fürsten von Sandomir und des ausgedehnten Krakauer Geländes vermählt 
und brachte dem jugendlichen Ehegemahle den für jene sowie für unsere Zeit sehr 
namhaften Malschatz von Vierzigtausend Mark Silbers oder Vierthalb Millionen 
Gulden heutigen Geldes zu." 

Und König B^la that sich mit dieser grossartigen Aussteuer seiner allgemein 
gepriesenen und alle Herzen bezaubernden und nahezu von Jedermann fast ver- 
götterten Tochter schon deshalb keinesfalls wehe, weil dieser sogar in seinen 
dffenthchen Urkunden ganz rückhaltslos bekannte, an allerhand Schätzen, wie auch 
an Gold und Geld mehr als übergenug zu besitzen.* Dass aber Er, der mächtige 
Gebieter über ein weitgestrecktes, von der Natur verschwenderisch gesegnetes 
Beich, sein theures Kind, den — trotz aller Jugend — mit aussergewöhnlichen 
Vorzügen des Körpers, Geistes und Herzens bedachten Liebhng des Volkes und 
Sprossen eines alten und ruhmvollen Königsgeschlechtes, einem — vergleichs- 
weise — tief unter ihm stehenden Fürsten zur Ehe zu geben, gleich bei der dies- 
Mligen Werbung des Letzteren durch Klimunt den Castellan und Janusz den 
Wojewoden von Krakau sich entschloss: dazu hatten wohl zumeist gewichtige, das 
Wohl des eigenen Kelches im Auge behaltende Motive das Zünglein der Wagschale 
i^wischen «Ja oder Nein» zu Gunsten des Freiers niedergezogen. 

Keineswegs das geringste, wenn nicht sogar den entscheidenden Ausschlag 
veranlassende dieser Motive war wohl die seit einigen Jahren immer wieder auf- 

* «Kinga» und «Gunegundis» ist urkundlich beglaubigt In den «Acta Sancto- 
nim» der Boütmdisten, JuH V. 661 begegnet uns der erstere, wahrscheinlich als ein- 
heimiflch'nationaler und daher vorzuziehender Name. 

' Ueber das Jahr der Geburt Kinga's stossen wir auf divergirendes Dafürhal- 
ten. Bei ÜlugoHZ (VI. 663) wird 1205 genannt, und dann wieder 1234. Katona^ Hist 
crit V. 437 aber setzt, aller kritisch verfechtbaren WahrscheinUchkeit folgend, 1224 
an, welches Jahr auch bei den BoUandisten (1. c.) Au&iahme fand. (JuU V. 673.) 

* Nach DliigoHz Hist. VI. 663. Die Reduction auf den heutigen Geldwert voll- 
zog Szajnocha 1. c. p. 35 nota 7 nach Czackis Tabellen in dessen 1843 herausgegebe- 
nen Werken (I. p. 201.) 

* Siehe die betreffende Urkunde des Jahres 1238 bei Katona, Hist. crit. V. 822. 
c Verum, quum noe et nostros nee honoris ambitio, nee diuitiamm oupiditas, quse nobis 
divina gratia largiente abundanter stmt concessa, sed salus animarum ac apostoUcae 
sedis devota ad hsec exsequenda pro viribus, inducati etc. etc. 



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38 DIE KINOA-8AGE. 

tauchende, weit and breit Alles in beillosen Sohreoken versetzende, weil geglaubte, 
wie später leider auch verwirklichte Kunde von einem bevorstehenden Mongolen- 
oder TatareneinüaUe/ Für diesen gefurchteten, das Aufbot aller verfügbaren 
Widerstandsmittel beanspruchenden Fall, versprach diese Verbindung durch das 
Hinübergreifen verwandtschaftlicher nationaler Verhältnisse nach Botreussen' 
«ine Vormauer für Ungarn zu schaffen, geeignet, den Wogenschwall der heran- 
flutenden Gefahr so zu brechen, dass von der verheerenden Wirkung ihres An- 
sturmes Ungarn verschont bleibe. Der bedeutende, der Tochter mitgegebene Braut- 
schatz hätte somit in B^la's IV. Augen vorwaltend die Bestimmung gehabt, die 
namhaften Kosten der in erster Linie den Ländern der Stephanskrone zu Gute 
kommenden Büstungen decken zu helfen.* Und als der Feind 1241 thatsäohUch 
vor Sandomir und vor Krakau seine riesigen Schwärme sengen und brennen und 
rauben und morden Hess, da leistoten die Polen ehrenhaft das Möglichste, kämpften 
und bluteten, Hessen aber das teuere Leben am 13. Febmar * und im März ^ ver- 
gebUch. Ungarn war dem unwiderstehlich gewordenen Feinde durch die verhäng- 
nissvollen Niederlagen zugänghch geworden, der sich nicht allein durch die heutige 



^ «Gf. fRecueil de voyages et de memoires, publik par la soci^t^ de G^grapliie» 
Pariß 1839. V. p. 213 und 603. 

' Der von den Bewohnern von Botreussen den Tataren thateächlich geleis- 
tete, von aller Welt und voraus von dem Feinde selbst mit Staunen anerkannte 
und bewimderte Widerstand, wird bezeugt bei Schwandtner 88. rer. Hung. HL 
p. 601. 

* Zu dieser Vermutung berechtigen die Worte des Herzogs Boleslaus in der 
8ub Nota 3 hier bezogenen Urkunde. Sagt er doch darin: «Qu» (Cunegundis), impe- 
«rante Deo temporalis sufi&agii adminicula nobis tempore nostrse permaximse neoessi- 
«tatis prestitit copiose, ut ex his, quse subneotuntur, Uquebit luculenter. Cum enim 
«temxK)re malo, permittente Deo peccatisque nostris exigentibus, Tartari terrae nostraß 
«nobis subjectas mucrone crudeli depopulati fuissent, terramque subita et inopinate 
«debriassent (siel) profluvio sanguinis Ghristiani, demumque pereunte cultore omnia 
«deperiisse viderentur; nobis more principali ac magni&centia omnibus gratiosissima 
«imperare non liceret dumque nihil perfunctoriarum pecuniamm sub duro cordis 
«lapide et sitibundo et avaritise sestu in thesauris nostris lateret, magisque nobilis 
«militiae oohorte, ex insolitse largitatis, imo laudabilis prodigaUtatis innata generositate, 
«quam divitiarum cumulo stipati gauderemus, ac ob id consequenter ad notabilem 
«inopiam fuissemus devoluti ex eo, quod stipendia soUta militise nostrse imde solvere- 
«mus, penitus non inveniremus, et ex prsemissis ssapedicta venerabilis, gloriosa Domina 
«consors nostra charissima cemens nos plurimum anxiari in inefifiabili et infaUibili 
«glutino ferirdse charitatis, quo nostris affeotibus jugiter inhsesit, ooncitata, oompatiens 
«ex intimis, ssepediotas pecunias seu dotalitii per plures vices in pensionem stipendio- 
«rum jamdictorum, largiflue exhibnit» etc. etc. 

* Dlwjosz Hist Vn. p. 671. 

^ Dieses Datum erscheint nicht kritisch richtig ; doch würde die hierauf ein- 
gehende Beweislieferung zu weitläufig werden, um hier eingeschaltet Iverden zu kön- 
nen. Bemerken wiU ich nur, dass die «Dominica in albisi nicht, wie Szajnocha 1. o. 
p. 13. meint, der letzte Sonntag vor dem Palmsonntage, sondern der erste Sonntag 
nach Ostern ist. 



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DIE KINGA-SAGE. 89 

Bukowina/ sondern auch von Norden aus durch Mähren unaufgehalten dahin 
•ergoss ' und am Saj6 durch seinen sprichwörtlich gewordenen, furchtbaren c Ta- 
tarentanz t in den Blättern der ungarischen Geschichte blutig sich verewigte.^ 

Während dieser traurigen und folgenschweren Vorgänge scheint Herzog 
Boleslaw und Einga, dessen Gemahlin, in dem mährischen Gisterzienserkloster 
zu Welehrad vorübergehend eine sichere Zufluchtsstätte gefimden zu haben/ so- 
dann, nach des Feindes Wegziehen, in Ungarn,'^ schliessHch aber, dem Land- 
frieden wenig trauend, in dem, der ungarischen Grenze nahen, am rechten Ufer 
des Dunajec gelegenen festen Schlosse zu Neu-Sandec/ Von diesen Tagen an 
waren aber die Tataren in imverhältnissmässig kurzen Zeitzwischenräumen 
wieder vorsprechende Gtäate der Polen, bei denen der glühende Wunsch, um 
^inen warmen, der dauernden Erinneruug forderUchen Empfang nicht verlegen zu 
werden, es mit sich brachte, dass die ritterliche Jugend des Landes — bei sorgfaltig 
betriebener Unterweisung in flinker und nachdrückUcher Handhabung der ver- 
schiedenen Schutz- und Trutz wxffen — frühzeitig angeleitet wurde, wie später 
anderwärts gegen den auf einen Pfahl gesteckten, beweglichen Türkenkopf, so von 
nun an gegen ein derartiges Tatarenhaupt schiessen, rennen, hauen und stechen 
zu lernen. 

Gleichzeitig mit dem berührten Mongolen- oder Tatareneinfalle, weil nur 
mn Ein Decennium später, setzt die Geschichte die Eröffnung des Bochniaer Salz- 
bergwerkes. Nach dem Zeugnisse des polnischen, trotz aller Verdächtigungen bei 
der Ansetzung der kritischen Sonde höchst verlässlich erscheinenden Geschichts- 
schreibers Dlngosz,^ wurden schon seit unvordenklichen Zeiten die auf den Grün- 
den von Bochnia zu Tage tretenden, überreich quellenden Solenspenden zur Berei- 
tung von Koch- oder Sudsalz in Pfannen ^ benützt, während Wieliczka neben sol- 
cher Salzgewinnung seit langem bereits, aber in imzureichender Menge Salz zu 
Tage förderte, was aber nicht die Folge des spärlichen Bergsegens," wohl aber der 

^ Roger oarmen miserabüe, bei Schwandtner I. 302. Inter Busciam et Cuma- 
niam per Silvas trium diermn pervenit ad civitatem Budanam (Bodna), d. i. durch 
den Bukovinaer Wald und die Moldau, das damalige Eumanien. 

■ Boger 1. c. L 202. 

* Ideni ibid. p. 307 und Hist. Salonit bei Schwandtner: HI. 604: • Uni versa 
-exercitus Tartarorum multitudo velut qusedam chorea circumdedit omnia castra 
Üngaromm.! 

^* Dlugosz Hist. VIII. 675 sagt «in quodam claustro Cisterciensi», doch begabte 
Herzog Boleslaw später das Erlöster Welehrad mit dem Bezüge von 50 Blöcken Salz 
aus den Werken zu WieUczka. A. Wolny, Kirchliche Topographie Mährens VI. 444. 

* Szajnocha: 1. c. p. 20. 

* Ideni: ibid. 

' Dlugosz Hist. I. 14. 

^ Im mittelalterUohen Latein «caldar,» nach Du Gange Glossarium medise et 
Infimff latinitatis IH. 41 Caldarium, vas ex aere caldario, in quo aqua igni admovetur, 
^aldariae ad coquendum salem. 

' Der Name deutet eben auf den Salzreichtum hin. Urkundlich in ältester 
JSeit csal magnimi» genannt, weiset dies auf das Polnische: «wielet viel, also auch 
•auf wielka d. i. viel und gross hin. 



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IK) 



DIE KINGA-8AGE. 



schwerfälligen uDd mit imzulänglichen Kräften betriebenen Benützung oder Ans- 
beutiing dieser unerschöpflichen Ablagerung an fossilem Salze gewesen zu sein 
scheint. Und der Herzog Boleslaw selbst besagt in der Urkunde vom 6. Dezem- 
ber 1 279, womit er die Krakauer Cathedralkirche mit jährlichen 200 Mark Silbers 
ans den Erträgnissen des Bochniaer Salzbergwerkes bedenkt, ausdrückhch, dasselbe 
sei, was dessen Steinsalzschätze betreffe, während seiner Zeit aufgeschlossen 
worden/ Da<?egen verlegen die gleichzeitigen Aimalisten den Zeitpunkt des Er- 
schluspes übereinstimmend in das Jahr 1251.* 

Dass hiebei die Gemahlin des Herzogs Boleslaw von Sandorair und Krakau,. 
die ungarische Königstochter Eanga, in Person mitgewirkt habe, wird in den 
unverfönglichen histoiischen Quellen nirgends erwähnt und ihre Teilnahme 
an der Eröffnimg des Bochniaer Steinsalzbergwerkes kann vom historischen Stand- 
punkte aus nur dahin verstanden werden, dass zur entsprechenden Inbetrieb- 
setzimg der vielversprechenden Fundgrube, der bei den Rüstungen wider de 
Tataren glückücherweise nicht aufgebrauchte Rest der splendiden väterUchen Mit- 
gift zu weiterer praktischer Verwertung gebracht worden sei. 

Die schöne, den leichtfertigen Wunderglauben so gar naiv in Anspruch 
nehmende Legende von der Besitznahme eines Marmaroscher Schachtes durch die 
Selbstinvestitur des hineingeworfenen Ringes ' und somit selbstverständlich die 
weitere, sagenhafte Hei-überleitung des derart in das Eigentum übergegangenen? 
unterirdischen Reichtumes in das Krakauer Gelände, namentlich nach Bochnia, 
finden wir nur bei den Bollandisten — denen es ausgemachte Sache zu sein scheint,* 
wenngleich das nahezu vierhundert Jahre später (1629), d. i. vor Kinga's HeiUg- 
sprechung vorgenommene Zeugenverhör eben nur nach der Sage formulirte und 
von dem leichtgefangenen, starrgläubigen Volke festgehaltene, daher keineswegs 
zu unanfechtbarem historischen Rechte bestehende Daten liefern konnte. 

Ganz anders gestalten sich die Verhältnisse bei der Erörterung der Frage 
betreffs der Wahl des Witwensitzes Kinga's in einem Frauenkloster, wo sie als 
Nonne das Leben im Rufe der Heiligkeit beschlossen habe. Denn hiebei finden wir 
uns im Besitze mancher unanfechtbaren Zeugnisse für die Berechtigung zu posi- 
tiver Bejahung dieser Frage. Besitzen wir doch heute noch jenes kostbare Docu- 
ment, welches Kinga 1280, somit während ihres ersten Witwenjahres, in der Octave 

^ Nach einer amtlich beglaubigten Copie des Lemberger Osßolinßki'schen National- 
in stitutes. 

* Der nunmehr verstorbene BibUothekar des Lemberger Ossolinski'schen National- 
institutes, August Bielüwszki besass eine — gegenwärtig unbekannt wo? aufbewahrte 
Sammlung derartiger handschriftlicher Jahrbücher, in denen es übereinstimmend ver- 
lautet: MCCLI. sal durum (zum Unterschiede des Sudsalzes) in Bochnia repertum 
est, wobei von einigen Chronisten, in Bezug auf die geglaubte Tradition über die 
Hertiberleitimg des Salzstockes aus der Majmarosch hinzugefügt wird Mquod nunquam 
ante fuit.» 

^ Nach Du Cantje 1. c. HI. 1556; HI. 1523 und 1528 gab es eine Investitur 
per pileum, per terram et per annuliim. 

* A. a. O. wobei noch hinzugefügt wird : Et res qiiidem tunc acta locum magis; 
quam serium habere a circumstantibus visa est. 



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DIE KINGA-SAGE. ^I 

des Festes der Apostelförsten Peter und Panl ausgestellt hat, um das zu dem 
eigenen Witwensitze bestimmte, neu zu begründende Elarissinenkloster zu Alt- 
sandec zu stiften, nachdem diese Gründung und Stiftung die Genehmigung 
des Cardinaldiakones Mathias in Portion S. MarisB, als obersten Schutzherm der 
verschiedenen Franziskanerordensverbrüderungen und des Graner Franziskaner- 
ordensprovinziales Stephan erhalten hatte. Nicht mehr und nicht weniger als die 
Einkünfte von dreissig, in der Nähe von Altsandec, dem projectirten Kloster- 
standorte, sowohl an den beiderseitigen Ufern des Poprad wie des Dunajec ge- 
legenen Ortschaften sollten zur Aufrechterhaltung dieses frommen, sowohl zum 
eigenen, als des verewigten Gemahles Seelenheil zu errichtenden Gotteshauses 
dienen.* 

Zweitens wird ausdrücklich bezeugt, dass bei dem 1:287 wiederholten Ta- 
tareneinfalle das Altsandezer Elarissinenkloster zwar noch nicht vollendet gewesen 
sei, wohl aber die Stadt in einem adaptirten Privathause die zur Bevölkerung des 
Klosters bestimmten Nonnen unter Kinga^s Leitxmg beherbergt habe. Denn sie 
flüchten insgesammt vor der drohenden Gefahr in die karpathischen Vorgebirge der 
nahen ungarischen Grenze.' Hiezu wäre sodann drittens Kinga*s eigenes Zeugniss 
beizufügen.* 

Wird nun die Sage mit der Geschichte verglichen, resultirt wohl von selbst, was 

m. 

Die Volksphantasie 

mit ihrer gewohnten, das Wunderbare in die Thateachen verwebenden Geschäf- 
tigkeit, der Darstellung über die historisch begründete Bedeutung Kinga's 
hinzufügen zu müssen glaubte, damit das Wertbewusstsein des reichen Salzsegens^ 
der mit ihrem Erscheinen im Uerzogtume, gerade in Bochnia sicli erschloss und 
seit vielen Jahrhunderten unzähligen Tausenden zur Segensquelle geworden war, 
recht eindringlich an das köhlergläubische Herz pocbe, mitwirkend bei der belieb- 
ten, ahnungsvoll grübelnden und in diesem Grübeln schwelgenden Sucht, Irdisches 
und Ueberirdisches, d. i. Vorhandenes und sinnlich Fassbares mit dem Ueberirdi- 
schen, der einzelnen Menschen und ganzer Völker Geschicke bestimmenden, vor- 
bereitenden und in geregelte Bahnen leitenden — sollen wir sagen — wenn nicht 
fatalistischen so doch unbegreiflichen und unergründUchen höheren Mächten in 

* Die Urkunde in beglaubigter Abschrift in der Ossolinski'schen National- 
bibliothek zu Lemberg. Unter den, dem Kloster verschriebenen Ortschaften kommt 
auch das in der Zips liegende Pudlein vor. Es wäre der historischen Untersuchung 
jedenfiEÜLls wert, ob das sogenannte Sandecer Gelände, die terra Sandecensis im XIIL 
Jahrhunderte so weit in die Zips hineingereicht oder — wenn nicht — welche Bewandt- 
niss es habe, dass Kinga über Pudlein derartig zu verftlgen vermochte. 

» Dlugosz Hist VH. 847. 

* In den Urkunden bei Wagner^ Analecta tense Scepus. I. 195 und Supplem 
Analect. p. 305, worin es heisst ; Nos Cunegundis . . . sub Ordine S. Francisci divinis 
mancipata obsequiis. 



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"^2 DIE KINGA-SAGE. 

«ine plausible, dem Alltagsmenschen, der denkfaul, die Lebenserscheinungen sich 
zurechtlegt wie er kann, in plausible Wechselwirkung zu bringen. 

Wenngleich aber auch die heilige Einfalt an Dinge sich hängt, welche der 
Gebildete, der Wissende und Aufgeklärte belächelt, will diese Gefühls- imd Glau- 
benswelt nichtsdestoweniger achtungs- und schonungsvoU behandelt werden. Denn, 
welcher wahrhaft menschhch Denkende wollte die kindüche Einfalt trüben, wenn 
dieselbe selbstthätig nach den fruchtbaren Ursachen unverstandener oder auffallen- 
der Erscheinungen forscht, und weil sie entweder zu geistesarm oder geistig viel 
zu wenig geübt ist, die gewünschte Aufklärung sich selbst zu verschaffen, trotz 
aller leichtverständhchen Schaffnngskraft der Natur und der Menschenfindigkeit, 
im Glauben an ein Wunder und im Gefühle der Verehrung des Wunderthätigen 
volle Befriedigung findet ? - So hat denn auch hier die Phantasie des Volkes um 
die unau%eklärt gebliebene, wabrscheinUch zufällige Bloss legung des heute noch in 
sehr lohnendem Betriebe stehenden Bochniaer Steinsalzlagers, ganz unbefangen 
ihre goldenen Fäden gesponnen und so dicht verwoben, dass eine, fromme Ge- 
müter bestechende Wundermäre den Legendenkranz mit einer neuen Blüte 
bereichert, der sich um Kinga's verehrte PersönUchkeit unter den Fingern dank- 
barer Jahrhunderte sinnig und üppig herumgeschlungen hat. 

Die volksmündliche UeberHeferung von der Verschmähung aller anderen 
Mitgift, als der Einen, der Schenkung eines Marmarosclier Schachtes ; das Hinein- 
werfen des Ringes, der gerade der Brautring imd ja kein anderer gewesen sein 
musste, zum Zeichen der Besitzergreifung von dem erbetenen Geschenke ; die Her- 
überführung des gewonnenen Schatzes mittelst der eigenen, später zur breitästigen 
und ganze Bienencolonien beherbergenden Linde ; das Wiederfinden des in der 
Marmarosch in die Tiefe geworfenen Binges | bei der Zutageförderung und Zer- 
schlägenmg des ersten Salzstockes : diese — sagen wir Sonntagsgeburten der Volks- 
phantasie bethätigen zwar den im Volke heiss pulsirenden Geist, sind aber für den 
skeptischen, keine speciell ethnographischen Moment« verfolgenden Forscher leider 
nur leere Blüten. Wilhelm Schmidt. 



KÜRZE SrrZÜNGSBERIOHTE. 

— Ungarische Akademie der Wissenschaften. In der Sitzung der ersten 
Classe am 1 . Dezember hielt don ersten Vortrag das Ehrenmitglied Georg Joauno- 
vics unter dem Titel : JHe endlose Frage. Die endlose Frage ist der alte unerquick- 
liche Streit zwischen der Orthologie und Neologie. Von den drei Tribunen der 
letzteren, Franz Toldy, Johann Fogarasi und Moriz Ballagi, ist nur noch der Letzte 
auf dem Kampfplatze. Auf seine im Jahre 1884 und im Jänner d. J. gehaltenen 
Apologien des Neologismus antwortet suaviter in modo, sed fortiter in re der Vor- 
tragende, wobei er auf Grund eines reichea sprachgeschichtlichen Materials 
bestrebt war, einerseits die Absurditäten der sprachgeistwidrigen neologischen 
Bildungen, andererseits die Berechtigung der besonnenen, dem Sprachgeist fol- 
genden orthologischen Richtung des «Nyelvori darzulegen. 

Hierauf las das conespondirende Mitglied Bernhard Munkäcsi eine Abhand- 



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KURZE 8ITZUNGSBER CHTE. ^S- 

Ixmg von Josef Balassa über die Classification und Charakteristik der ungarischen 
Mundarten, Verfasser wirft einen kurzen historischen Rückblick auf die bisheri- 
gen Classificatoren der ungarischen Mundarten (Stefan Grdti, Adam Horväth^ 
Sigmund Simonyi) und untersucht dann, auf welcher Grundlage die ungarischen 
Mundarten classifizirt werden könnten. Für die Classification der Mundarten 
können folgende Umstände entscheidend sein : 1. Die Teilung des Volkes in Volks- 
stamme ; 2. die geographische Lage des ganzen Sprachgebiets und seiner einzelnen 
Teile, und vornehmlich 3. die Verbreitung der die einzelnen Gegenden charakte- 
risirenden Eigenheiten. Doch mancherlei Schwierigkeiten machen es unmöglich, 
einen dieser Umstände für sich zur Basis der Classification zu nehmen. Wenn die 
Classification richtig sein soll, müssen alle diese Umstände berücksichtigt werden. 
Auf dieser Grundlage teilt Verfasser das ungarische Sprachgebiet zuerst in 
einzelne grössere Mundartengebiete, deren Sprache nur hinsichtlich der wich- 
tigsten Eigenheiten übereinstimmt und damit auf gemeinsame Abstammung und 
Entwicklung hinweist. Innerhalb dieser Gebiete zieht er dann die aus den ver- 
schiedensten Gründen entstandenen Differenzen in Betracht, welche die einzelnen 
Mundarten hervorbringen. Er teilt das ganze imgarische Sprachgebiet in acht 
Mundartgebiete, welche er dann im Einzelnen charakterisirt und welche, je nach- 
dem ihre verschiedenen Teile einzelne Eigenheiten besser bewahrt oder weiter 
entwickelt haben, in mehrere besondere Mundarten zerfallen. 

— In der Sitzung der zweiten Classe am 9. Dezember hielt den ersten Vor- 
trag das ordentliche Mitglied Alexander Szilägyi. Vortragender legte sein soeben 
erschienenes Werk : Siebenbürgen und der Krieg im Nordosten 1648 — 1665, Briefe 
und Urkunden mit Einleitungen und Anmerkungen, herausgegeben von Alexander 
Szilägyi ; Band I. Budapest 1890, vor und gab einen kurzen Ueberblick des Inhalts 
desselben. Die mit diesem Bande begonnene Urkundensammlung bringt einige 
controverse Fragen der Geschichte jener Zeit zur Entscheidung und klärt einige 
dunkle Punkte derselben auf. Das Bild, welches Vortragender an der Hand der in 
dem vorgelegten Bande enthaltenen Briefe und Urkunden entwirft, ist reich an 
Details, welche für den Geschichtsforscher jener Zeit von Interesse sind. 

Hierauf las das correspondirende Mitglied Josef Jekelfalussy eine Abhand- 
lung des Gastes Julius Mandello über Währwngs- und Münzrecht, ein Capitel 
Ober die rechtliche Bedeutung des Währungswechsels vor. Den Ausgangspimkt der 
Untersuchung hat der rechtliche Begriff des Geldes zu bilden, resp. die Frage : 
Welches sind die rechtlich relevanten Functionen des (Jeldes? Der Verfasser 
entscheidet sich für die Auffiassung, dass blos die Function als gesetzliches 
Zahlungsmittel relevant sei, da alle anderen Functionen entweder wirtschaftlicher 
Natur sind, oder aus der Function als Zahlungsmittel hervorgehen. Der Verfasser 
unterscheidet drei Gebiete, in welchen das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel 
wirkt. 1. Ist das Valutageld das letzte zwangsweise Solutions- und Befriedigungs- 
mittel ; 2. ist dasselbe Gegenstand der Geld- Obligationen und 3. sind im Glelde 
als gesetzlichem Zahlungsmittel alle Zahlungen in den Staat zu leisten und bedient 
sich desselben der Staat bei seinen Zahlungen. Verfasser untersucht nun die Wir- 
kung des Währungswechsels bezüglich dieser drei Gebiete und findet, dass derselbe 
blos für die Geld-Obligation und die Zahlungen an den Staat (resp. des Staates) 



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"94 KURZE SITZUNGSBERICHTE. 

von Belang ist, weil es sich nur hiebei um fixe Beträge handelt, deren Umrech- 
nung aus der alten Valuta in die neue nötig erscheint. Dass der Staat diese 
Umrechnimg für seine eigenen Verhältnisse selbst vorzunehmen hat, wurde nie 
bezweifelt. Auch bezügüoh der Verbindlichkeiten von Privaten ist gewiss, dass 
dieselben nicht in der alten, sondern in der neuen Valuta zu erfüllen sind. Allein 
die Begründung dieses Satzes gibt zu wichtigen Verschiedenheiten in der Auffas- 
sung Anlass. Es gibt eine falsche privatrechtliche und eine richtige staatsrecht- 
liche Auffassung. Die erstere geht dahin, dass die Erfüllung der auf Silber lauten- 
den Verpflichtunfsren in Folge der Einführung der Goldwährung unmöglich wird, 
und dass daher die Hingabe von Gold an Silberstatt eine datio in solutum bildet. 
Demgegenüber sieht die staatsrechtliche Auffassung in der Erfüllung in Gold das 
wirkliche soldere der auf Valuta lautenden Obligationen. Wenn nun schon aus 
der letzteren, richtigen Auffiassung die Notwendigkeit einer staatlichen Bestim- 
mung des Valutaverhältnisses an und für sich folgt, wurde nichtsdestoweniger in der 
Literatur ein heftiger Streit geführt darüber, ob die Bestimmung des Valuta Verhält- 
nisses durch den Staat zu geschehen habe, oder ob dieselbe der Vereinbarung der Par- 
teien, respective dem Urteile des Richters zu überlassen sei. Die eben berührte Con- 
troverse geht von zwei Voraussetzungen aus : entweder davon, dass der Staat über- 
haupt absieht, eine Bestimmung zu treffen, oder davon, dass der Staat für seine 
eigenen Verbältnisse eine andere Norm trifft, als für die privatrechtlichen Ver- 
hältnisse. Im Sinne dieser Voraussetzungen gibt es vier Zeitpunkte, die für die 
Bestimmung der Verhältnisse der Valuten massgebend sein können, und zwar der 
Zeitpunkt 1. der Entstehung der Obligation, 2. des Währungswechsels, 3. der 
Erfüllung, 4. der Zahlung. Der Verfasser bespricht die Bedeutung dieser vier 
Bestimmungsmodalitäten, nachdem er die Ansichten von Godschmidt, Hartmann, 
Bekker, Behrend, Grünhut und Menger dargelegt hat. Im Gegensatze zur herr- 
schenden Auffassung, welche den Zeitpunkt des Währungswechsels für massgebend 
hält, erklärt er sich für den Zeitpunkt der Erfüllung, welcher allein einer streng 
privatrechtlichen Auffassung entsprechen könne. Allein die privatrechtliche Auf- 
fassung an und für sich hält Verfasser für verfehlt. Eine Betrachtimgsweise, die 
von der staatlichen Bestimmung abstrahirt, kann nur zur Aufstellung privatrecht- 
licher Analogien führen, nicht aber zur Auffindung eines materiellen Bechtssatzes. 
Hierauf untersucht der Verfasser den Inhalt der staatsrechtlichen Bestimmung 
der Relation und weist den wirtschaftlichen Charakter der Relationsbestimmung 
nach. Die Relation kann zwar wirtschaftUch zweckmässig gewählt werden und 
eine gerechte Lösung annähernd erstreben, allein dieselbe nicht vollkommen 
erreichen. Verfasser weist noch die Relativität der Bestimmungsarten (Tageskurs 
und Durchschnittsberechnungen) nach und gibt zum Schlüsse der Hoffnung 
Ausdruck, dass gleichzeitig mit der Valutaregulirung in Ungarn auch ein Münz- 
und Währungsrecht geschaffen werde, welches an die Stelle der spärlichen 
Bestimmungen unseres Staatsrechtes treten wird. 

Zum Schlüsse hielt Moriz Wosinszky (Pfarrer von Apar in der Fünfkirchner 
Diöcese), als Gast, einen archäologischen Vortrag über die älteste LeichenbestxU' 
^tmgsweise der Urzeit, bei welcher Arme und Beine der Leichen zurückgebogen und 
fest an den Körper gebunden wurden, wie dies an dem vom Vortragenden aus 



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KURZE SITZUNGSBERICHTE. 



95 



dem Lengyeler Gräberfeld herausgehobenen and im Nationalmuseum ausgestellten 
Exemplar sichtbar ist. Diese Bestattungsweise kommt von der paläolithischen bis 
zur Hallstädter Periode in ganz Europa vor ; in Ungarn ist sie bisher blos im Len- 
gyeler Gräberfeld im Comitat Tolna gefunden worden. Diese Sitte erfuhr im Laufe 
der Zeit verschiedene Modificationen, welche Vortragender in drei Hauptgruppen 
znsammenfasst. Die zusammengebogene Stellung der Leichen entspricht der Lage 
des Embryo im Mutterleibe. Man legte den todten Menschen in derselben Lage 
in den Mutterschoss der Erde, in welcher er aus dem Mutterleibe kommt, damit 
er gelegentlich der jenseitigen Wiedergeburt in der natürlichen Lage gefunden 
werde. Die an den verschiedenen derartigen Beatattungsfunden constatirten ver- 
«chiedenen Culturstufen bezeugen, dass sich diese Sitte in zwei verachiedenen 
Völkerwanderungsrichtungen von Asien her nach Europa verbreitet hat. 

— In der Plenarsitzung am 1 5. Dezember las Professor Julius König eine 
Denkrede auf das ord. Mitglied Eugen Ihmyady, Die Denkrede feiert in würdiger 
Weise das Andenken des vor Jahresfrist dahingeschiedenen ungarischen Mathema- 
tikers. Eugen Himyady hat auf dem grossen internationalen Gebiete seiner Wis- 
senschaft Hervorragendes geschaffen, ja er ist in einem Kapitel derselben der Erste 
gewesen. Er hat sich aber nicht allein um die grosse gemeinsame Wissenschaft bedeu- 
tende Verdienste erworben, sondern auch um die Förderung der nationalen Cultur, 
indem der für die Gegenwart überaus günstige Unterschied, welchen der Stand 
der mathematischen Wissenschaften in Ungarn im Jahre 1890, verglichen mit 
demjenigen vom Jahre 1865 zeigt, grossenteils Hunyady's Verdienst ist. Als 
Hunyady im Jahre 1865 vom Aiislande heimkehrend seine wissenscheftliche Thä- 
tigkeit in der Hauptstadt begann, existirte eine mathematische Fachwissenschaft 
in Ungarn nicht. Die Arbeit eines Jahrhunderts, in welchem die Mathematik eine 
in der Geschichte der Wissenschaften beispiellose Entwicklung gewonnen hatte, 
war hier nachzaholen. Hunyady, welcher am il8. April 1838 in Pest geboren wurde, 
erreichte nicht die natürliche Grenze des menschlichen Lebens, aber sein Leben war 
doch ein ganzes Leben, seine Arbeit eine ganze Mannesarbeit. Er hat seiner Wis- 
senschaft eine neue Heimat und seiner Heimat eine neue Wissenschaft erworben. 
Deshalb wird in der Geschichte der imgarischen Wissenschaft sein Andenken ein 
ewigdauemdes sein. 

Die Mitteilung der laufenden Angelegenheiten eröffnet der Generalsecretär 
Koloman Szily mit der Meldung von dem am 10. September in Kalkutta erfolgten 
Ableben des auswärtigen Mitgliedes Atkinson, dessen Andenken die HI. Classe in 
einer Denkrede feiern wird. Hierauf beantragt der Generalsecretär, dass dem aus- 
wärtigen Mitgliede Dr. Alfred Ameth, k. u. k. Hof- und Staatsarchivar in Wien, 
der die Schätze des Hof- und Staatsarchivs den ungarischen Forschern geöffnet und 
hiedurch, um die Entwicklung der ungarischen Geschichtsforschung sich grosse 
Verdienste erworben hat, anlässlich seines am 27. Dezember in Wien zu feiernden 
fünfzigjährigen Dienstjubiläums seitens der Akademie« eine Glückwunsch- Adresse 
zugesandt werde. Wird zustimmend angenommen. — Eine Zuschrift des Unter- 
richtsminist^rs, welche das Gutachten der Akademie in der Frage der von der königl. 
italienischen Regierung angeregten Feststellung eines einheitlichen Zerusmeridians 
und einer einheitlichen Zeitzählung ansucht, wird der HI. Classe zugewiesen. — 



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öö mXdoheniuche. 

Das Anstichen desselben Ministeriums um ein Gutachten über das Bittgesuch de» 
königlich griechischen Generalconsuls Paul Haris um Einführung der neugriechi- 
schen Aussprache in den Mittelschulen wird der I. Classe zugewiesen. — Die 
n. Classe empfiehlt folgende drei Anträge der archäologischen Commission zur 
Annahme : f. Die Akademie möge die von der Legislative für archäologische 
Publicationen bewilligten 5000 fi. zur Hälfte auf Publicationen über vaterländische 
Baudenkmäler und zur Hälffce auf andere Publicationen verwenden ; 2. die Aka- 
demie möge die Dotation der archäologischen (Kommission von 6000 auf 7000 fl. 
erhöhen ; 3. die Akademie möge beim Unterrichtsminister die Erlaubniss der 
Benützung der Zeichnungen der Landescommission für Kunstdenkmäler durch 
die archäologische Commission auswirken. Die IT. Classe bittet zugleich auf Antrag 
der archäologischen Commission um Bestätigimg der Wahl der folgenden Com- 
missionsmitglieder : Sigmund Bubics, Bischof von Kaschau, Dr. Julius Forster, 
Kamill Fittier, Stefan Möller, Ludwig Rauscher, Friedrich Schulek und Emericb 
Steindl. Wird zustimmend angenommen. 



MÄDCHENRACHE. 

Frei nach Alexander Endrödi. 

Die Sultanstochter ruht allein Der schwarzen Hüter wilder Tross 

Am Rosenstrauch, im Myrthenhain, Vor Wuth und Eifer überfloss ; 

Da stürzt heran ein Jüngling und — Sie führen bald den Jüngling vor — 

Küsst ihren Mund. armer Thor ! 

Vor Scham und Aerger purpurrot, Das Antlitz blass, aus edlem Blut, 

Klagt sie dem Vater ihre Not : Im Auge Leid und Liebesglut, 

«Ein Fremdling that's . o Schmach, Er blickt sie an so traurig-kühn, 

Und ist entflohn li [o Hohn, Mit stillem Glühn. 

Kaum war der Frevler angeklagt, cDer hier ist's ! i ruft der Häscher rauh, 

Bogann auf ihn die Menschenjagd. t Sein Haar ist schwarz, sein Eaftan blau I» 

Die Sultanstochter ruft mit Dräun : Der And're murrt : fFür solche Schuld 

«Er soll's bereun I • Giebt's keine Huld !• 

«Durchforscht nach ihm die Palmenau, Der Sultan selbst im Zorn entbrannt, 

Sein Haar ist schwarz, sein Kaftan blau 1 1 Legt drohend an das Schwert die Hand : 

Die Sultanstochter zürnend spricht: «Zum Tode geht des Jünglings Bahn, 

« Verschont ihn nicht 1 1 Hat er's gethan I 

Mein gold'nes Kind, bezeuge mir, 
Beging die Tollheit dieser hier?i — 
Die Sultanstochter leise spricht : 
«Er war es nicht N 

Stefan Rönat. 



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GRAF MORITZ BENYOYSZKY ALS GEOfiRAPHISCHER 

FORSCHER. 



Im laufenden Jahre wird es ein Jahrhundert sein, seit Nicholson das 
berühmte Buch über die Heldenthaten, Beisen und Eroberungen des kühnen 
und unternehmenden ungarischen Grafen Moritz Benyovszky herausgegeben 
hat.^ Das Buch schildert des Grafen kurzes, jedoch umso thatenreicheres 
Leben. Er wurde im Jahre 1746 geboren,** durchkämpfte als junger Mann 
den ganzen polnischen Krieg und wurde von den Bussen gefangen genommen, 
die ihn nach Sibirien verbannten. Er durchreiste Europa und Asien, bis er 
endlich den Ort seiner Verbannung, Kamtschatka, erreichte. Mit seinen 
Genossen knüpfte er gar bald einen Bund zu seiner Befreiung; der Umstand, 
dass sich die Tochter des Gouverneurs in ihn verliebte, erleichterte seine 
Flucht Eines Tages brach der langsam vorbereitete Aufstand los, der Gou- 
verneur und die Garnison wurde niedergemetzelt, Benyovszky entfloh und 
bestieg ein gebrechliches Fahrzeug. Fünf Monate hindurch trieb er sich auf 
dem Meere herum, bis er endlich Macao erreichte, von wo er nach Europa 
gelangte. Dann trat er in französische Dienste und begab sich nach Mada- 
gaskar um dort französische Colonien zu gründen. Jedoch die Eingeborenen 
gewannen ihn lieb und wählten ihn zu ihrem Fürsten. Benyovszky nahm 
an ihren Kämpfen Theil, nachdem er aber den Frieden gesichert hatte und 
da er von den französischen Gouverneuren der Isle de France schmählich 
betrogen worden war, kehrte er nach Europa zurück, um das Protektorat 
irgend eines Staates für sein Volk zu gewinnen. Allein die Franzosen wollten 
nur von Colonien, aber nichts von Verbündeten hören, England und Deutsch- 
land waren anderwärts beschäftigt, und so war das Resultat aller seiner 

* Memoirs and Travels of Mauritius Augustus Count de Benyovszky, Written 
by liimself. Translated from the Original manuscript. In two volumes. London, Robin- 
son, 1790. Benyovszky schrieb das Originalmanuscript französisch. 

-'^ Benyovszky wurde nach Nicholson, dem ersten Herausgeber der Memoiren, 
1741 geboren, wie aber J6kai in seiner Biographie erwähnt, ist das Geburtsjahr 
Benyovszky's nach dem, vom Seelsorger zu Verbö ausgefertigten authentischen 
Taufschein nicht 1741, sondern 1746. J6kai M., Benyovszl^ ^letrajza. Budapest, 
1888, L, 11. 

ünguiMb« Beyne. XT. 1891. U. Heft 7 



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^8 GRAF MORITZ BENY0V8ZKY ALS OEOGRAPHTSCHER FORSCHER. 

Bemühungen das^ dass ihn ein amerikanischer Kaufmann an die Spitze 
seiner Frivatuntemebmungen stellte. Benyovszky erreichte Madagaskar, 
wurde aber von den Franzosen angegriffen und am 23. Mai 1786 getödtet. 

Die erste englische Ausgabe von Benyovszky's Beisebericht erschien 
1790 und schuf eine ganze Literatur ; ^ sie wurde von Nicholson veranstaltet, 
der zu dem Werke eine Einleitung schrieb, in der er die Verlässlichkeit der 
Angaben Benyovszky's kritisch untersuchte. Auf die Frage, ob Benyovszky 
die geschilderte Reise überhaupt unternommen habe, oder nicht, — denn 
selbst dies wurde in Zweifel gezogen, — antwortete er mit einem entschie- 
denen Ja. Die Resultate seiner Kritik fasst Nicholson in folgendem zu- 
sammen: «So lange als Benyovszky 's Daten auf ihn selbst Bezug haben, 
müssen wir seine Behauptungen für authentisch halten ; der grösste Theil 
derselben kann jedoch auch durch Nebenargumente gestützt werden. Die 
Theilnahme an den polnischen Unruhen bezieht sich auf jüngstverflossene 
Ereignisse ; die Mehrzahl der von ihm genannten Persönlichkeiten sind von 
hohem Rang und leben noch heute. Ja sogar bezüglich seiner Continentreise 
durch das asiatische Russland und im Nordosten der alten Welt sind wir 
nicht mehr ganz ohne Kenntnisse. Wenn wir aber die Lage der Inseln und 
Ufer des Meeres zwischen Asien und Amerika untersuchen, müssen wir 
gestehen, dass wir grossen Schwierigkeiten begegnen.» ^ 

Unzuverlässig ist der Theil des Benyovszky'schen Reiseberichtes, der 
sich auf die Strecke von Kamtschatka bis Macao bezieht und hauptsächlich 
dieser Theil seines Journals war der Stein des Anstosses und die Ursache 
des Zweifels an der Authenticität seiner Behauptungen ; diesem Theil seines 
Tagebuches gegenüber müssen wir daher die volle Schärfe der Kritik ob- 
walten lassen. Es ist leicht begreiflich, dass sich dieser Schärfe der Kritik 
weder Nicholson, noch ein anderer Geograph seiner Zeit bedienen konnte» 
denn jene Gegenden waren zu der Zeit noch eine terra incognita ; erst die 
Russificirung Sibiriens, dann die Eröffnung des nordamerikanischen Eisen- 
bahnnetzes — beides Ereignisse unseres Jahrhunderts — waren die mäch- 
tigen Faktoren, denen wir die genaue Kenntniss der Geographie, Natur- 
und Volkskunde jener Gegenden verdanken. Die Kritiker mussteu sich 
Benyovszky's Reisebericht gegenüber passiv verhalten, daher stammt der 
grosse Unterschied in der Behandlung, die diesem Theile seines Werkes zu 
Theil wurde. Es war nur recht und billig, als Nicholson schrieb ^ : «jenem 
Theil des Werkes gegenüber, der mit anderen Daten nicht zu vergleichen 



^ In der ungarischen Literatur erschienen 1888 drei Werke über Benyovszky. 
die Uebersetzung seiner Memoiren von Jokai, die Biograplüe von Jokai und eine 
Jugendschrift von W. Radö. 

• Engüflohe Ausgabe I. Bd. III. S. 

» L. 0. IV. S. 



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GRAF MOBITZ BBKYOVSZKY ALS OBOORAPHTSCHBR POR80HBR. ^ 

war, . . . suchte ich keine anderen Beweise, da sie anderen Entdeckungen 
gleich gestellt werden dürfen, in deren Verlässlichkeit wir solange keinen 
Zweifel setzen, bis dieselben durch neuere Forschungen entweder gestützt, 
oder widerlegt werden, t Dem gegenüber ist die Böswilligkeit des deutschen 
Verlegers Ebeling kaum zu erklären, der zu dem Kapitel, in dem Benyovszky 
die Entdeckungsreisen im Osten von Kamtschatka zusammenstellt, bemerkt : 
«einige gänzlich überflüssige Sachen haben wir in der deutschen üeber- 
setzung doch weggelassen», wo doch die Vergleichung des englischen Ori- 
ginaltextes und der deutschen Uebersetzung beweist, dass Ebeling nicht ein 
Wort weggelassen hat.^ Diesen verschiedenen Ansichten gegenüber hat 
unser Jahrhundert unsere geographischen Kenntnisse mit zahkeichen neuen 
Daten bereichert, und die Uebereinstimmung dieser mit den Angaben 
Benyovszky's ist das einzige Mittel, dessen wir uns bei Beurtheilung seines 
Berichtes bedienen können, auf Grund dessen wir im Stande sein werden, 
die Verlässlichkeit jenes Theiles seiner Beschreibung zu beurtheilen, der 
durch historische Dokumente nicht gestützt werden kann. Obwohl Benyovszky 
seine Memoiren in einer fremden Sprache geschrieben hat, obwohl sich mit 
den von ihm bereisten Gebieten hauptsächlich die ausländischen Literaturen 
beschäftigen, hat sich doch in neuerer Zeit Niemand gefunden, der die 
Authenticität, aber auch die Verdienste Benyovszky's festzustellen versucht 
hätte. Müssen wir auch mit Bedauern sehen, dass die grössten Geographen 
und Forscher unserer Zeit, Nordenskiöld ^ und Beclus,^ den Grafen 
Benyovszky rücksichtslos ignorieren, so glauben wir doch, dass die folgenden 
Zeilen, deren Zweck es ist, den strittigen Theil der Keise von Kamtschatka 
bis Macao kritisch zu beleuchten, jedermann überzeugen werden, dass das 
in dem stillschweigenden Uebergehen des ungarischen Grafen inbegriffene 
ürtheil der genannten Gelehrten ein unbegründetes ist. 

Unsere Aufgabe beginnt mit der Beurtheilung der durch Benyovszky 
gestifteten Unruhen und der Flucht aus Kamtschatka. Es ist unbestreitbar, 
dass die städtischen Archive des europäischen oder asiatischen Bussland 
diesbezüglich amtliche Urkunden enthalten müssen, dieselben sind jedoch 
bis heute nicht bekannt und so können wir uns noch nicht auf historische 
Dokumente berufen.* Wir kennen trotzdem drei verschiedene Beschrei- 
bungen dieser Begebenheit, die aus dem letzten Decennium des 18. Jahr- 
hunderts stammen; zuerst Benyovszky's Beschreibung, die in seinen 
Memoiren enthalten ist, dann die Schilderung eines gewissen Stefanow, die 
auch heute noch seht wenig bekannt ist, endlich die Darstellung des fran- 

* EbeUngs Ausgabe der BenyovsEkyschen Memoiren. I. Bd., 287. S. i 
' Die Umsegelung Asiens und Europas. II. Bd. 

' Nouvelle Geographie Universelle. VII. Bd. 

* Thallöczy schreibt an M. R&th "/? 1887: «In Pans, Moskau, ' Finme finden 
sich wohl viele Daten zur Biographie Benyovszky's, mit der ich mich beschäftigte.» 



7* 



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lö^ ORAP MORITZ BBKYOVSZKY ALB OROORAPHrsCHBR FORSCHER. 

eösiscben Gonsnls Lesseps. Hieran schliesst sieb noch die BeecbreibuDg 
Gocbrane's vom Beginne unseres Jabrbunderts. 

Nacb Benyovszky's Beschreibung brach der Aufstand in den ersten 
Tagen des Mai aus, als das Wetter schon mild war und die gefrorene See 
bereits auftbaute ; die Festung wurde niedergebrannt, der Gouverneur Nilow 
ermordet, die Aufständischen, an ihrer Spitze Benyovszky, bemächtigten sich 
des Schiffes «St. -Peter und St. -Paul» und verliessen am 11. Mai 1771 
Kamtschatka. 

Benyovszky's Schilderung wird durch Lesseps vollkommen bestätigt, 
ja sogar ergänzt. Lesseps begleitete im Auftrage seiner Begierung La Perouse 
und De Laugle auf deren Beise um die Welt. 1787 landeten sie in Kamt- 
schatka und da sie infolge der unfreundlichen Witterung gezwungen 
waren dort längere Zeit zu verweilen, hatten sie Gelegenheit, die nach der 
Bevolution eingetretenen Veränderungen zu studieren und über Benyovszky 
Daten zu sammeln. Lesseps fasst dieselben in folgendem zusammen: «Wir 
wissen, dass Benyovszky 1769 während der polnischen Bevolution in den 
Diensten der Conföderirten kämpfte, er wurde seiner Unerschrockenheit 
wegen an die Spitze eines Heeres zusammengetrommelter Ausländer oder 
eher Bäuber, — wie auch er einer war, — gestellt ... er vernichtete alles, 
was er in seinem Wege fand. Die Bussen ergriffen ihn . . . verbannten ihn 
nach Sibirien. Kaum schmolz jedoch der Schnee, so erschien er an der Spitze 
von Conspiratoren, auf die er seinen Einfluss auszubreiten wusste, in Bol- 
scheretzk. Er attaquirte die Garnison, beraubte sie ihrer Waffen, ermordete 
den Gouverneur Nilow eigenhändig. Im Hafen ankerte ein Schiff; Benyovszky 
bemächtigte sich desselben ; ein Blick genügte, um Alles erzittern und'ibm 
unterthan zu machen. Er zwang die Kamtschadalen zur Beschaffung von 
Lebensmitteln, begnügte sich jedoch nicht mit diesem Opfer, sondern opferte 
sogar ihre Wohnungen der Baubwuth seiner Genossen und bot selbst Bei- 
spiele des Eidbruches und wilder Grausamkeit. Endlich segelte er mit seinen 
Genossen davon, wie man sagt nach China. Der Fluch der Kamtschadalen 
folgte ihnen.» * 

Zwei Thatsachen finden wir in dieser Beschreibung, die mit Benyovszky's 
Schilderung nicht übereinstimmen : nicht Benyovszky, sondern sein Gefährte 
Panow ermordete Nilow, und hierin schenken wir Benyovszky's Worten mehr 
Glauben, als jenen der Kamtschadalen, die dieser Scene überhaupt nicht 
beiwohnten. Wir kennen Benyovszky's humane, edle Gesinnungsweise und 
halten es für unwahrscheinlich, dass er in die Plünderungen eingewilligt 
habe ; es ist unleugbar, dass die Kamtschadalen im Kampfe viel zu leiden 
hatten, und wir finden es erklärlich, dass Benyovszky's Abreise vom Fluch 

* Journal historique du Voyage de Lesseps. Paris, 1790. I., 154. — Mitgeteilt 
auch in der Ebeling^schen Ausgabe. 



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GRAF MORITZ BBNYOVßZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. 101 

der KamtBobadalen begleitet war; derselbe Umstand erklärt jedoch anch^ 
dass das Volk m seiner Erbitterung die Thatsachen, deren Folgen es zu 
ertragen batte^ in übertriebenem Masse entstellte. 

Unsere dritte Schilderung stammt von Stefanow, einem von denen, die 
den Grafen von Kamtschatka bis Macao begleiteten und ihm mit ihrer fort- 
währenden Unzufriedenheit viel Ungemach bereiteten. Stefanow gelangte 
von Macao nach Batavia und schrieb dort seine Erlebnisse aus dem Gedächt- 
niss nieder. Er starb in grossem Elend, seine Beschreibung gelangte in die 
Hände des Pfarrers von Batavia, Metzlaers, welcher dieselbe in hollän- 
dischem Auszuge in einer Amsterdamer Wochenschrift herausgab, der es 
dann das Journal encyclopedique im November 1789 entnahm. Stefanow 
schildert den Aufstand und die Flucht folgendermassen : 

«Der Gouverneur von Bolscheretzk behandelte im Frühjahr die Gefan- 
genen mit imgewohnter Grausamkeit. Stefanow zettelte daher eine Ver- 
schwörung an, in die er 32 Gefangene einbezog, was genügend schien, um 
die für sie gefährlichen Personen zu entwaffnen. Ihr Unternehmen ward 
dadurch erleichtert, dass der Ort ausser von drei Kanonen und sechs Sol- 
daten durch nichts geschützt war. Am 18. April führten sie den Plan aus. 
Die Verschworenen bemächtigten sich vor Allem der Zaarkassen, versahen 
sich dann mit Lebensmitteln, entwaffneten die Wachmannschaft, zogen auf 
dem Festland bis Tscbekawka, 40 Werst von Bolscha, wo sie Anfangs Mai an- 
kamen. Ihr Schiff, das hier vor Anker lag, musste zuvörderst aus dem Eis 
befreit werden, denn obwohl die Ufer Kamtschatkas oft auch schon früher, 
z. B. Anfangs April, eisfrei sind, bedeckte den Ankerplatz doch Eis, da die 
hohen Gebirge den Hafen bis Mitte Juni von den Strahlen der Sonne ab- 
schliessen. Nach 11 Tagen war das Schiff reisebereit, und am V2. Mai segelte 
es ab . . . zusammen waren 70 Mann an Bord.» * 

Stefanow's Schilderung widerspricht in einzelnen Punkten jener 
Benyovszky's ; wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Stefanow seine Reise 
nur aus dem Gedächtniss niederschrieb, Benyovszky hingegen regelmässig 
Journal führte. Tbeils der persönliche Hass gegen Benyovszky, theils die 
Hoffnung, sich durch seine Beisebeschreibung zu nützen, erklären den Um- 
stand, dass Stefanow die Person Benyovszky's ganz in den Hintergrund stellt 
und — der Wahrheit entgegen — sich selbst an die Spitze der Bewegung 
gestellt zu haben behauptet. Der Graf gibt an, in der Festung hätten sich 
12 Soldaten und 21 Kanonen befunden, und der Hetman sei im Stande 
gewesen, ein Heer von 7 — 800 Mann zusammenzustellen ; kein Zweifel, dass 
sich diese Zahlen nicht genau fixieren lassen, doch wenn es auch möglich 
ist, dass Benyovszky's Daten übertreiben, so ist doch gewiss, dass Stefanow's 
Schilderung unrichtig ist, denn einer so geringen Kriegsmacht gegenüber 

* EbeUng's Ausgabe, IL Bd. p. 285« 



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102 GRAF MORITZ BBNYOVSZKY ALS GBOGRÖPHIBCHER FORSCHER. 

dürften sich kaum so heftige Kämpfe entwickelt haben^ die sich noch Jahr- 
zehnte hindurch in der Erinnerung der Eamtschadalen behaupteten. Da Stefa- 
now seine Schilderung russisch geschrieben^ entspricht sein 18. April unserem 
29., während Benyovszky den £26. April angibt. Der Unterschied kann nur 
auf Stefanow's Irrthum zurückgeführt werden, da Benyovszky seine Erlebnisse 
von Tag zu Tag angibt. Benyovszky erwähnt nirgends, dass er genöthigt 
gewesen sei, sein Schiff aus dem Eise zu befreien, er erwähnt nur, dass dem 
Schiffe eine Eistafel den Weg versperrte, die jedoch durch einen Kanonen- 
schuss zertrümmert wurde. Eigenthümlich ist es, dass Stefanow den 18. April 
dem gregorianischen Kalender gemäss angibt, während er den Tag der Ab- 
reise (12. Mai), der mit Benyovszky 's Angabe übereinstimmt, nach unserer 
Zeitrechnung bezeichnet ; der Fehler dürfte vom Uebersetzer Metzlaer her- 
rühren. Nach Stefanow waren auf dem Schiffe 70 Personen, nach Benyovszky 
06, deren Namen er auch anführt ; der Irrthum ist daher wahrscheinlich 
auf Stefanow's Seite. 

Gochrane, unser vierter Autor schreibt: «In Bolscheretzk hörte ich 
wunderbare Dinge vom bekannten Benyovszky, der von hier, nachdem seine 
Verschwörung gelungen, nach Kanton geflohen war. Eine alte Dame, die 
später meine Schwägerin wurde, kannte ihn noch, ihre Aeusserungen jedoch 
lauteten nicht günstig . . • Die Kamtschadalen halten Benyovszky noch jetzt 
für ihren Fluch.»* Ich glaube, diese persönliche Bekanntschaft ist der 
sicherste Beweis dessen, dass Benyovszky wirklich in Kamtschatka gewesen. 

Am II. Mai 1771, einem Mittwoch, verliess Benyovszky Kamtschatka, 
den Schauplatz so vieler Leiden und Kämpfe. Er übernahm das Gommando 
des Schiffes, das — die Mündung des Flusses Bolscha verlassend — sich 
nach Süden wandte, um das Gap Lopatka zu umfahren und längs der 
Kurilen dem Stillen Ocean zuzusteuern. Der Weg von Bolscha zum Cap 
Lopatka dauerte zwei Tage, war ruhig, der Himmel jedoch fortwährend 
bewölkt, und vom Ufer nichts zu sehen. Am 1 3. Mai sahen sie das Felsen- 
Cap Alayd gen Westen, das nördlichste Glied der Kurilen-Kette, welches 
noch heute den Namen Alaid oder Araid, nach Cook Arugan, führt. 

Am 14, Mai umfuhr Benyovszky *s Schiff das Cap Lopatka und 
segelte zwischen den zwei nördlichsten Inseln der Kurilen in den Stillen 
Ocean, Hier irrte es vier Tage umher; das Wetter war nebelig, trübe, 
es gab Schnee, Begen, Stürme und grosse Fluth, die Richtung des 
Schiffes wurde nicht notirt. Sie mochten nicht fern vom Lande sein, denn 
schwimmendes Gras umfasste öfters ihr Schiff und sie sahen auch Adler 
umherfliegen. Am fünften Tage (19. Mai) erreichten sie die Behring-Insel, 



* Capt. J. D. Gochrane, Fussreise durch Busshind und die Blbirische Tartarey. 
nach Kamtschatka. Wien, 1826, p. 140 und 196. 



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GRAF MORITZ BENYOVHZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. ^03 

sie mussten daher vom Gap Lopatka nach NO. gesegelt sein und etwa 
75 Meilen zurückgelegt haben. 

Benyovszky verbrachte mit seinen Genossen fünf Tage auf der Insel 
und benutzte die Zeit sehr gut. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass die 
Insel kaum von Eingeborenen bewohnt sei, ankerte er in einer Bucht, die 
nach ihm Moritz-Bucht benannt wurde, Hess am Ufer Hütten errichten, 
ordnete die Beinigung des Verdeckes und die Ventilation der Lebensmittel 
an, Hess Brod backen, Fische einsalzen, schaffte durch Jagd Fleisch und 
Leberthran, liess Holz hacken und setzte Alles in Bewegung, um die Fort- 
setzung seiner Reise zu sichern. Hier traf er auch Spuren anderer Bei- 
sender; er fand die durch Feter Kreniczin, den nach GaUfomien ausge- 
sandten Beisenden errichteten — in Europa bis dahin unbekannten — 
fünf Gedenkkreuze, was gleichfalls ein Beweis der Glaubwürdigkeit seines 
Berichtes ist. 

Unterdessen brach unter der Mannschaft eine Revolte aus, Stefanow 
zeigte eine Verschwörung an, die strenge Bestrafung erheischte. Der Gerichts- 
stuhl der Gesellschaft verurteilte die drei Verschwörer, allein auf die Insel 
ausgesetzt zu werden. Benyovszky gab sich damit zufrieden, und so wurden 
die drei, Ismailoff, Parentschin und seine Frau die ersten Golonisten der 
Behring-Insel. Ismailoff war vom Glücke begünstigt, nach sieben Jahren 
fand ihn Cook auf der Insel Unalaska und schreibt Folgendes von ihm : * 
«Am 14. October Abends, als ich mit Herrn Weber in der Nähe des Dorfes 
Sanagandha war, sah ich einen Russen landen, der^ wie ich später erfuhr, 
eine der hervorragendsten Persönlichkeiten war. Sein Name ist Erasim 
Gregorioff Sin Ismailoff. Er kam auf einem Kahn, den drei Männer trieben, 
und den ausserdem 20— 30 Nachen begleiteten.... Ismailoff scheint ein 
intelligenter Mann zu sein, der bedeutende Erfahrungen hat ; ich bedaure 
daher, dass ich mit ihm nur durch Zeichen verkehren konnte.» Hieraus ist 
ersichtUch, dass Ismailoff auf Unalaska überfuhr und dort das Haupt einer 
Colonie wurde. 

Die Behring-Insel liegt nach den neuesten Angaben, die Nordenskjöld 
zusammenstellte, unter 54^ 40' und 55 ^ 25' nördl. Breite, und somit ist 
Benyovszky's Bestimmung — 55° 15' — vollkommen richtig. Die östliche 
Länge beträgt 166® 40' Gr.; Benyovszky schreibt nur: ihre geographische 
LÄnge schätze ich auf S'' von Bolscha, — was mit jenen Daten gleichfalls fast 
genau übereinstimmt. ** 

Wir finden jedoch in Benyovszky's Beschreibung einige auf die 
Behring-Insel Bezug habende Daten, die einigen Verdacht erwecken können. 

* Cook's ßäinmtliche Beißen und Entdeckungen um die Welt. Wien, Bauer 
1803, Bd. UI., p. 411. 

*'^' Nordenskiöld, 1. c. 



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104 qbJlF MORITZ BENYOV8ZKT ALS GEOGRAPraSCHER FORSCHER. 

Denselben zum Teile zu zerstreuen ist aber nicbt allzuscbwer. Benyovszky 
schreibt in seinem Tagebuch^ dass er hier Holz habe schlagen lassen ; dem 
gegenüber wissen wir, dass auf der Insel Bäume weder zu Zeiten 
Stellers^ des ersten Beschreibers der Insel^ noch zu Nordenskjöld's Zeit 
wuchsen. Kjellmann, Nordenskjöld's Begleiter^ schreibt von der Flora der 
Insel: lÄn dem langsam ansteigenden Ufer sind zwei Zonen, eine äussere, 
ohne jedwede Flora, und eine innere mit Heracleum sibiricum, Angelica 
archangelica, Ammailenia peploides, Elymus mollis etc. genau zu unter- 
scheiden.»* Es scheint, dass Benyovszky's Brennholz auch solchem Jung- 
wald entstammte. 

Benyovszky hebt von den Tieren nur die Seeotter hervor, denn er 
bekam 150 Otterfelle von dem auf der Insel wohnenden Ochotin. Ein merk- 
würdiges Tier der Insel war der Eisfuchs, der in unglaublichen Massen 
auf der Insel lebte, von den Pelzjägern aber so sehr ausgerottet wurde, dass 
Nordenskjöld kein Exemplar desselben finden konnte. Benyovszky erwähnt 
den Eisfuchs nicht» was jedenfalls sonderbar ist, da er seit 1771 noch nicht 
gänzlich ausgerottet sein konnte. Viel natürUcher ist, dass Benyovszky die 
heute schon gänzlich ausgestorbene Steller'sche Seekuh, die von 1768 an 
nur selten gefunden wurde, nicbt erwähnt, sowie es uns auch nicht wundem 
darf, dass er der Seebären nicht Erwähnung thut, die ja doch nur Ende 
Mai oder Anfangs Juni das Ufer aufsuchen, zu welcher Zeit Benyovszky die 
Insel schon verlassen hatte. ** 

Ich wiD nur noch zwei Thatsachen von Benyovszkys Aufenthalt auf 
der Behring-Insel erwähnen, und dies ist der Unterschied, welcher sich 
zwischen Ochotins erstem Brief vom :24. Janar 1771 und der Bemerkung 
Benyovszky *s in seinem Brief vom 20. Mai ergibt : tals ich den Brief genauer 
untersuchte, fand ich, dass die Schrift noch ganz frisch gewesen.» Entweder 
stammt daher der Brief nicht vom 24. Januar, oder ist Benyovszky's Bemer- 
kung irrig ; welchen Zweck so Benyovszky, wie Ochotin mit der Fälschung 
des Datums verfolgen wollte, ist uns unerfindlich. 

Die Behring-Insel war zu Stellers Zeit von Menschen noch nicht 
bewohnt ; auch Benyovszky fand auf derselben keine Bewohner, und obwohl 
•wir nicht wissen, wann die Insel bevölkert wurde, so können wir doch auf 
Grund von Benyovszky's Bemerkungen annehmen, dass dies nach 1771 
geschah. Benyovszky hinterliess auf der Insel ein Gedenkkreuz und verliess 
am 25. Mai 1771 die Insel, um dem Wunsche seiner Gefährten gemäss 
Amerika aufzusuchen. 

Benyovszky hatte schon während seiner Grefangenschaft in Kam- 
tschatka Gelegenheit, die Schriften der Kanzlei zu studieren; unter diesen 

* Ejellmann, Nordenskjöld, 1. c. IX. Bd. Beschreibung der Behring-Insel. 
♦* S. Nordenskjöld über die Behring-Insel; op. cit., Bd. IL 



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GRAF MORITZ BENY0V8ZKY ALS OEOORAPHIßCHER FORSCHER. 105 

Schriften fanden sich zahlreiche Beisebenchte, die Benyovszky eingehend 
studierte und excerpirte. In einem Capitel seines Werkes, das aus diesen 
Berichten zusammengestellt ist, gibt er eine historische Skizze jener Beisen, 
die östlich von Kamtschatka unternommen wurden. An die Schilderung 
jener 17 Beisen können wir nur wenige Bemerkungen knüpfen; nur Einer 
fehlte in der Beihe ihrer Unternehmer, Deschnew, der erste Erforscher der 
Behring- Strasse, der die Strasse 1648 durchschifft und den Weg von 
Nischni-Kolimsk nach Anadir zurückgelegt hatte. Da Deschnew's Beise- 
ergebnisse zu jener Zeit noch sehr wenig bekannt waren, selbst Feter dem 
Qrossen nicht, der ihn ausgesandt hatte, so ist es nicht zu verwundern, dass 
auch Benyovszky nichts von ihm wusste ; hatte ja auch Behring selbst keine 
Eenntniss davon, von dem wir übrigens auch nicht wissen, wie weit er auf 
seiner ersten Beise vorgedrungen war. * 

Die Erforschung dieser G^enden Sibiriens kam erst damals auf die 
Tagesordnung, als das Innere desselben bereits genügend bekannt war. Die 
in Benyovszky's Geschichte aufgezählten Beisenden lieferten zur Kenntniss 
des Behring- Meeres, der Aleuten und des nordwestlichen Teiles Amerikas 
reiches Material, und er selbst kannte die Gestalt tmd Grösse des Behring- 
Meeres sehr gut, obwohl als erste verlässliche Quelle Cooks Beise betrachtet 
wird, die sich über die Behring-Strasse hinaus erstreckte. 

«Noch nach Gook's Beise waren Sachalin, Jeso, die Kurilen und deren 
Meere zum grössten Teil unbekannt. La Perouse war der erste, der die Ufer- 
linien dieser Inseln bestimmte, der Sachalin als Insel erkannte und die 
Verbindung der Meere von Japan und Ochotzk durch die Enge von Sachalin 
feststellte. Hiemit war der letzte, bis dahin noch unbekannte Teil der Küsten 
Sibiriens festgestellt, und die späteren Forschungen mussten sich nur auf 
die Fixirung der Details beschränken.» 

So schreibt der grosse Geograph Beclus ** und wir müssen mit Be- 
dauern bemerken, dass auch er, der so viele Beisende von kleinerer Bedeu- 
tung kennt, Benyovszky's Verdienste nicht anerkennt. Ueberblicken wir in 
Kürze die Geschichte der Entdeckung Sachalins und lesen wir Benyovszky's 
Beschreibung der Insel, so müssen wir zu der Ueberzeugung gelangen, in wie 



* Einen Teil dieser Beisen finden wir auf Reclus' Karte (Nouv. Geogr. Univ. 
VI., t. V.) — Aeltere Quellen: 1. Müller's Sammlung Russischer Geschichte, Peters- 
burg, 1732; auch französisch imter dem Titel: Voyages et D^couvertes fiutes par 
les Busses & C. Amsterdam 1766. — ± Neue Nachrichten von den neuentdeck- 
ten Inseln in der See zwischen Asia und Amerika von J. L. S. Schulze, Ham- 
burg, 1776. — 3. William Ooxe's Account of the Russians Discoveries between Asia 
and America. London, 1780. — 4. Pallas, Nachricht von den russischen Entde- 
kungen in dem Meere zwischen Asia imd Amerika. Aus dem Russischen übersetzt 
in 0. E. R Büsching's Magazin 16. B. 935—286. 

** Nouyelle Geographie Universelle, Bd. VL, p. 582. 



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106 GRAF MORITZ BBNYÖVSZKT ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. 

ungerechter Weise die Geographen des Auslandes Benyovszky's Verdienste 
geschmälert haben. 

Der Holländer Martin Gents de Vries war der erste, der 1643 im 
Geduld-Hafen der Insel vor Anker ging, das Festland aber für die Insel 
Jeso hielt. Auch auf Cooks im Jahre 1784 in London erschienener Karte 
findet sich nur eine kleine Insel an der Mündung des Amur. Somit consta- 
tirte er 1787 — nach Reclus — sechzehn Jahre nach Benyovszky's Reise 
die gegenwärtige Gestalt und Grösse der Insel ; doch auch später war man 
noch der Meinung, die Insel hänge mit dem Gontinent zusammen. 1797 
bereiste Broughton das westliche, 1805 Krusenstem das nördliche 
Ufer, doch ohne diese Meinung zu ändern, sowie sich denn auch diese 
Ansicht bis in die Mitte unseres Jahrhunderts aufrecht erhalten hat, obwohl 
einige Jahre nach Krusensterns Beise der japanische Gelehrte Mamia Rinso 
von der Tataren-Bucht zwischen der Insel und dem Festand zur Amurmün- 
dung gesegelt war. Die gelehrte Welt nahm erst nach Nevelskoi's 1849 — 52 
ausgeführten genauen Aufnahmen Kenntniss davon, dass Sachalin eine Insel 
sei, die durch die Mamio Binso genannte Strasse vom Festlande getrennt ist ; 
die Strasse selbst friert im Winter zu, so dass man von der Insel mittelst 
Schlitten ins Mandschu-Beich gelangen kann. 

Aus alldem ist ersichtlich, dass die Geographen von Anbeginn an 
zwei Fragen nicht zu beantworten vermochten : ob Sachalin eine Insel sei, 
und wenn ja, von welcher Grösse sie sei? Benyovszky, dessen Werk 1790 
erschien, war der erste, der auf Grund des in der Kanzlei zu Kamtschatka 
gesammelten Materials genau und positiv behauptete (32. Cap. der engli- 
schen Ausgabe), dass Sachalin keine Halbinsel, sondern eine Insel ist, und 
er bestimmte deren Grösse viel genauer als alle anderen späteren Beschreiber 
der Insel bis 1840 d. h. bis Nevelskoi, dem man dies als ein Verdienst 
anrechnet. In Benyovszky's Beschreibung der Insel Sachalin findet sich nur 
eine Angabe, die von denen der übrigen Forscher abweicht ; Benyovszky 
schreibt nämlich, die Insel habe gute Buchten. Dem gegenüber schreibt 
lieclus: «Die 2000 Km. lange Küste Sachalins weist keinen einzigen Hafen 
auf, in dem Schiffe gefahrlos ankern könnten.» Beclus' Behauptung ist 
jedenfalls richtig, wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Benyovszky 
seine Daten nicht aus Autopsie schöpfte, und dass sich Heclus' Behauptung 
nicht auf jene kleinen Segelboote bezieht, mit denen die Bussen die Insel 
zuerst aufsuchten. 

Benyovszky's Reise auf dem Behring- Meere haben bisher nur sehr 
Wenige eingehender verfolgt, die meisten begnügten sich mit jenen kurzen 
Bemerkungen, die der englische Herausgeber Nicholson im Vorworte 
gemacht und in denen er drei Punkte der Reisen Benyovszky's erwähnt: er 
ging von der Behring-Insel aus, berührte die Glerke-Inseln und verliess bei 
der Insel Unemak das Behring-Meer, um in den Stillen Ocean zu segeln. 



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GRAF MORITZ BBNY0V8ZKY ALS aEOGRAPHlSCHER FORSCHER. 107 

Diese kurze Skizze entspricht wohl der Wahrheit^ genügt jedoch nichts um 
die Authenticität der Angaben des abenteuerlichen Grafen zu bestätigen. 

Es ist gewiss keine leichte Sache^ Benyovszky's lieiseroute von Tag zu 
Tag zu verfolgen, da aber Benyovszky während seiner Gefangenschaft sich 
viele Kenntnisse erwarb^ ist dies auf Grund seines Tagebuches nicht unmög- 
lich. Während seiner Irrfahrt auf dem Behring- Meer erwähnt er wohl selten 
die Bichttmg seiner Fahrt und die zurückgelegten Distanzen, doch macht 
er einige Bemerkungen, auf deren Grund die Eichtung seiner Fahrt den 
Umständen angemessen mit ziemlicher Genauigkeit bestimmt werden kann. 

Am 28. Mai 1771 erblickte Benyovszky ein Kap, das er - obwohl es 
mit den Angaben der Karte nicht übereinstimmte — für das Gap Apaka- 
zana hielt, und dessen Lage er astronomisch 59^ nördl. Breite und 
13^ 20' östlicher Länge von Bolscha bestimmte. Dies ist der erste Fixpunkt 
seiner Fahrt. Benyovszky's Breitenbestimmungen sind annähernd genau, 
seine Fehler machen selten einen Grad aus ; weniger genau sind die Längen- 
bestimmungen, doch betragen die Abweichungen — wie schon Nicholson 
bemerkt hat — ziemlich constant 5^ und finden ihre Ursache in der 
östlichen Declination der Magnetnadel. Unter dem 60^ nördlicher Breite 
weist das asiatische Festland kein bedeutenderes Gap auf, einen Grad 
gegen Norden ist das Pakatschinskoi Gap, eben so weit gegen Süden 
das Gap Oljutorskij; nachdem aber letzteres nur 14^, das erste hin- 
gegen 18® von Bolscha entfernt ist, was mit Benyovszky's (von Nicholson corri- 
girten) Angaben übereinstimmt, so können wir das Gap Apakazana mit dem 
Gap Fakatschin umsomehr für identisch halten, als auch der Name hiefür 
spricht, und die Fahrt bis hieher ebenso lange dauerte, als von hier zum 
Gap Lopatka, der Südspitze Kamtschatkas, was der geographischen Lage 
vollkommen entspricht. * 

Der nächste Punkt, dessen Lage wir ziemlich genau bestimmen 
können, wurde von Benyovszky am 4. Juni erreicht. Es ist eine Insel, deren 
Bewohner, die Benyovszky auf zwei Booten aufsuchten, den Tschuktschen 
ähnlich sind, jedoch von Benyovszky nicht so genannt werden. Die zwei 
Inwohner verstanden das Korjakische des gräflichen Steuermannes, waren 
jedoch auch keine Korjaken. Von ihnen erfuhr Benyovszky, dass die Insel 
nur 14 Meilen von Tschukotzkoinsk entfernt sei, welche Daten auf die Insel 
Glerke oder St. Lorenz hinweisen. Die Lage der Insel bestimmte Benyovszky 
astronomisch für 65° 30' nördl. Breite und 25° 30' östl. Länge von Bolscha; 
nach unseren jetzigen Karten liegt sie unter 63° 30' nördl. Breite und 170° 
östl. Länge, was 34° von Bolscha entspricht. 

Die St Lorenz-Insel wurde von Behring 1741 entdeckt; später, 1791, 

* Whymper, Alaska, Beisen und Erlebnisse un hohen Norden. Braunschweig 
S. die Karte. 



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108 GRAF MORITZ BENYOVSZKY ALS GBOGRAPHIßCHER FORSCHER. 

landete auch Billing auf der Insel, fand dort Spuren von Menschen, konnte 
jedoch keine Eingeborenen zu Gesicht bekommen. Nach Nordenskjöld war 
der erste europäische Besucher der Insel, der mit den Eingeborenen ver- 
kehrte, Otto Eotzebue, im Jahre 1816.* Nordenskjöld, der Benyovszky nicht 
zu kennen scheint, muss hier berichtigt werden, denn es war entschieden 
Benyovszky, der mit den Eingebornen zuerst verkehrte und über sie genaue 
Angaben lieferte. 

Viel schwieriger ist es, Benyovszky's Beise vom Gap Apakazana bis 
zur Insel Si Lorenz festzustellen ; er erreichte die Insel am 5. Juni, seine 
Fahrt dauerte daher eine volle Woche, da aber die Entfernung in gerader 
Linie bequem in 3 — i Tagen hätte zurückgelegt werden können, so ist es 
evident, dass das Schiff genötbigt war, grosse Umwege zu machen, oder dass 
es durch die Eisverhältnisse im Vordringen gehindert worden war. Das Schiff 
musste der Eisverhältnisse w^en sehr viel leiden, und dies mochte die Be- 
mannung bewogen haben, auf die nördliche Durchfahrt zwischen Asien und 
Amerika zu verzichten und Amerika, das heisst dem ersten civilisirten 
Lande, zuzusteuern. 

Vom Gap Apakazana verfolgte das Schiff eine Zeit lang die Küste, 
änderte aber auf Wunsch der Mannschaft die Bichtung und wendete sich 
gegen Westen ; noch am 30. Mai sah Benyovszky die Küsten Kamtschatkas, 
doch schon am 31. verschwanden dieselben und er entfernte sich in öst- 
licher Bichtung segelnd vom Gontinent. Wir kennen die Tiefenverhältnisse 
des Behring- Meeres und können daher constatiren, dass Benyovszky sich 
den mittleren, tieferen Teilen des Meerbeckens zuwendete, denn nur dort 
konnte er jene bedeutenden Tiefen (68 Faden) beobachten, deren er Erwäh- 
nung thut. Das Behring-Meer ist im Allgemeinen nicht tief; die Uferbil- 
dung und die Tiefe des Meeres geben uns Beweise an die Hand, die dafür 
sprechen, dass Asien und Amerika in dieser Breite einst in Verbindung 
waren; auch die Tschuktschen wissen, wie Nordenskjöld, Whymper und 
EUiot angeben, dass die zwei Erdtheile unter den Wellen des Meeres zusam- 
menhängen, ja sie behaupten sogar, eine Landenge habe dieselben einst 
verbunden und dieselbe sei — wie sie Neumann erzählten — nur infolge 
eines heftigen Kampfes zwischen einem Helden und dnem Eisbären in die 
Tiefe versunken. Die bedeutendste Tiefe in der Behring-Slarasse beträgt 
58 M. ; die mittlere Tiefe erreicht jedoch weder an der asiatischen, noch an 
der amerikanischen Küste 40 M. und der eigentliche Ocean mit seinen 
Wirbeln, Strömungen und berghohen Wellen reicht gegen Norden nicht 
über die Aleuten hinaus, an deren Felsklippen die Wut des Meeres bricht.** 

Audi ein anderer Umstand spricht dafür, dass Benyovszky sich dem 

* IJordenßkjöld, 1. c, IL Bd. 
** Elliot: Alasca, an arotic province. 



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ÖRAP MORITZ BENT0V8ZKY ALS OBOaRAPHIBCHER FOBSOHBB. ^09 

Gentrum des Bebring-Meeres sngewendet habe ; er scbreibt, dass nacbdem 
sich das Scbi£f yom Ufer entfernt hatte, das Eis ihm keinerlei Hindemisse 
mehr in den Weg gelegt habe ; er schrieb das der Luftströmmig zu, doch 
wissen wir, dass die Bichtung der Eisberge nicht von den Winden, sondern 
von den Meeresströmungen bestimmt wird. Die Küsten Asiens werden von 
einem kalten Meeresstrom bespült, der die durch die Behring-Strasse 
hindurchgedrungenen Eisberge gegen Süden führt ; über den verhältniss- 
massig schmalen Streifen dieser Strömung hinaus erwärmt sich das Wasser 
des Behring- Meeres unter Einäu»9 der heissen Strömungen und ist daher 
zumeist eislos; wenn daher Benyovszky am 1. Juni keinem Eise begegnete, 
so ist dies ein Beweis dafür, dass er sich ausserhalb des Bereiches der 
üferströmiuig befand.* 

An diesem Tage erblickte er im NO. ein Gap, im SO. eine Insel ; es 
unterliegt keinem Zweifel, dass dies nicht Uferinseln waren, sondern Inseln 
des Behring-Meeres. Das Gap kann wohl nichts anders gewesen sein, als 
die südlichste Spitze der Insel St. Lorenz. Die Insel im SO. musste eine 
Insel der Mathew-Gruppe gewesen sein; Benyovszky's Freunde von der 
Si Lorenz-Insel behaupteten von dieser Ghruppe, dass dieselbe aus 4 Inseln 
gebildet werde, deren südlichste die grösste sei. Diese Beschreibung kann 
nur auf zwei Inselgruppen des Behring- Meeres bezogen werden, entspricht 
aber keiner ganz: in der Mathew-Gruppe sind nur drei Inseln, doch ist die 
südliche die grösste; die Prybilow-Ghruppe hingegen besteht aus vier Inseln, 
unter diesen ist aber die nördlichste die grösste. Benyovszky konnte nicht 
nach den Prybilow-Inseln gelangt sein, denn der grosse Umweg gegen Süden 
hätte mehr Zeit erfordert, auch wären die Windrichtungen dieser Fahrt nicht 
günstig gewesen ; wir müssen daher annehmen, er habe nach NO. fahrend 
die Mathew-Gruppe gesehen, und sei bezüglich der Zahl der Inseln von den 
Tschuktschen ungenau unterrichtet worden.** 

Nachdem Benyovszky zwischen den Mathew- und St Lorenz-Inseln 
durchgefahren, entdeckte er im Osten ein Gap, das — wie er später von den 
Bewohnern der Insel St. Lorenz erfuhr — die äusserste Spitze des grossen 
Alaksina-Beiches bildete; seiner Angabe nach zieht sich vor dem Gap ein 
Bifif hin, über dem das Eis ungeheuer fluthet. Dies Gap kann nach Nicholson 
nur Point Shallow Water sein, das heute Gap Bomanzow genannt wird. 
Von hier erreichte Benyovszky's Schiff die Insel St. Lorenz, den nörd- 
lichsten Punkt seiner Beise. Von hier schiffte er durch das Behring-Meer 
in NS-Bichtung bis zur Kette der Aleuten; das Meer war eisfrei, eine Zeit 
lang verfolgte das Schiff die Küsten Amerikas, wendete sich aber später 
nach Süden. 



* Andree, AÜas. 
** EUiot, op. oit 



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11^^ GRAF MORITZ BE^OVSZKT ALS OBOORAPHISCHER FOftSCflB». 

Bevor wir auf die Aleuten übergehen, müftsen wir noch einige Bemer- 
kungen über jene Teile der Memoiren machen, die sich nach der bis- 
herigen Meinung auf die Behring-Strasse beziehen. Benyovszky bestimmte 
die kürzeste Überfuhr zwischen Alaska und den Aleuten vom Behring-Meer 
in den StiUen Ocean; und indem er hierüber de dto 9. Juni schreibt,^ bringt 
er seine Entdeckung mit der Behring-Strasse auf eine Art in Verbindung, 
die die durch die falschen Aufnahmen der russischen Karte verursachte 
Verwirrung leicht erkennen lässt. Es lässt sich nicht leugnen, dass Benyov- 
szky*s Aeusserungen sich auch auf die Behring-Strasse beziehen, obwohl er 
sich hierüber nirgends präcis ausspricht; doch lässt sich durchaus nicht 
behaupten, Benyovszky habe die Strasse durchsegelt, wie es einzelne 
deutsche Herausgeber, z. B. Ebeling gewaltsam thun, um die Verlässlichkeit 
der Angaben zu erschüttern. 

Die Küstenlinie Nord- Amerikas, die Benyovszky's Schiff befuhr und 
an die sich die Kette der Aleuten anschliesst, gehört zu Alaska, dem nord- 
westlichsten Teil Amerikas, jener grossen Halbinsel, deren politische Grenze 
genau mit dem 14f.^ ö. L. zusammenfällt. Das Land Alaska teilt sich in 
drei Bezirke,^ deren jeder in klimatischer, floristischer und physischer 
Beziehung gänzlich verschieden ist. Der nördlichste führt nach dem Haupt- 
flusse den Namen Jukon-District; seinen westlichen Ufern entlang segelte 
Benyovszky. Den zweiten District, den Sitka-District, der den SO. Alaskas 
bildet, berührte Benyovszky bei der Insel Kadiak. Den dritten Bezirk bilden 
die Aleuten mit der südwestlichen Halbinsel Alaska*s; Benyovszky hat 
diesen Bezirk nicht nur in vielen Teilen bereist, sondern auch in einem 
separaten Kapitel eingehend geschildert.^ 

Eine kurze Bemerkung Benyovszky's, das Schiflf sei an den Ufern 
Jukons von Treibholz umgeben gewesen, erweckt unser Interesse. So son- 
derbar diese Bemerkung für diesen öden und pflanzenlosen Teil der Polar- 
gegend klingt, ist sie doch nicht unerklärlich. Fast alle Teile des Jukon- 
Districts sind mit Holz reich gesegnet; auch die Küsten des Eismeeres 
erhalten von den Flüssen angeschwemmtes Holz in grosser Menge, es kann 
daher ein Schiflf ohne Schwierigkeit auf Treibholz stossen. 

Im Kapitel über die Aleuten beschreibt Benyovszky zwölf Inseln, die 
ich hier nur in Kürze anführe : 

N. B. .Länge v. BolichH 

1. Insel Baru 59° 23°13' 

2. • Ala-GiffcBcha 58° 25°33' 

3. • Kadik 54°30' 33°16' 

4. Fucbsen-Insel 53°45' 31°28' 



* Memoü'en, Bd. L, p. 281. 

' A. Molitor: Alaska, Földr. Közlem^nyek, Budapest 1881, p. 345, 

* Cap. XXXIV. des Bd. I. der englischen Ausgabe. 



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GRAF MORITZ BENY0V8ZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. Hl 







N. B. 


Länge ▼. Bolacha. 


5. 


Insel Amsnd 


53° 


29°14' 


6. 


» ürumißir 


52*>35' 


28°15' 


7. 


3 Bieber-Insel 


58« 


26^55' 


8. 


Euh-Insel 


61°35' 


24°45' 


9. 


Behring-Insel 


55°45' 


8^30' 


10. 


Kupfer-Insel 


54°45' 


9^50 


11. 


Insel Kusma 


48^46' 


23° 


12. 


Perlen-Insel 


47^32' 


24°18' 



Obwohl BenyoYSzky diese Inseln als zu den Alenten gehörig beschreibt 
and auch ihre Lage genau zu bestimmen bestrebt ist, wozu er ausser seinen 
Erfahrungen auch das Material des Archives von Kamtschatka verwendet, 
so können wir doch die angeführten Inseln — ein-zwei ausgenommen — 
auf den gegenwärtigen Karten nicht ausfindig machen. Die erste und Haupt- 
ursache dieses Umstandes bildet die Ungenauigkeit seiner astronomischen 
Aufnahmen, deren Fehler umso grösser wird, je mehr er sich gegen 0. wendet. 
Nach BenyovBzky's Angabe liegt die Behring-Insel unter 54*^45' n. Er. und 
8^ 30' ö. L. von Bolscha, die Kadik-Insel unter 54^30' n. Br. und 33^18' ö. L. 
von Bolscha. Die Längenbestimmung der Behring-Insel ist ziemlich genau. 
Die Kadiak-Insel ist zweifelsohne mit der Insel Kadjak oder Kadik identisch. 
Jene ist die westlichste, diese die östlichste Aleuten-Insel, nach Benyovszky 
ist der Längenunterschied zwischen diesen beiden Inseln 20^46', wogegen 
er thatsächlich das Doppelte, nämlich 42^ beträgt. 

Auch in den Breitenangaben finden wir ähnliche Abweichungen. 
Die südUchste (Perlen) -Insel verlegt Benyovszky unter 47^32' n. Br., die 
nördlichste, auf der noch Menschen leben (Baru), auf 59° n. Br., der 
Unterschied würde also 11 ^/a° betragen; thatsächlich existirt aber zwischen 
dem 40 und 51° n. Br. unter der geogr. Länge der Aleuten keinerlei Insel, 
sowie auch zwischen dem 58 und 60° nicht, infolge dessen sich die Distanz 
von llVa° auf höchstens 7° reducirt, der Irrtum daher 4° beträgt. 

Aus den früheren Ausführungen ersahen wir, wie schön Benyovszky's 
Erfahrungen mit unseren gegenwärtigen Kenntnissen übereinstimmen, und 
wie weit sich auf Grund seiner Angaben die Boute seiner Fahrt bestimmen 
lässt ; es muss uns daher die fehlerhafte Beschreibung der Aleuten über- 
raschen und wir müssen unwillkürlich die Frage stellen, worin wir den 
Grund dieser Thatsache zu suchen haben? Wir finden den Grund in 
Benyovszky's Bescheidenheit. Er hatte die Daten über die AJeuten zu- 
sammengestellt, noch ehe er sie besucht hatte. Nachdem er sie nun besucht 
hatte, meinte er keine Ursache zu haben, an den Daten der Kanzlei in 
Kamtschatka zu zweifeln, er nahm daher die alten Bestimmungen als 
richtig an und war mehr darauf bedacht, in der Beschreibung der Inseln 
Neues zu bieten. Was er aus eigener Erfahrung über die Aleuten mitteilt, 
ist daher zur Festsetzung seiner Beise von viel grösserem Gewicht. 



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Hd ORAF MORITZ BENY0V8ZKT ALS OBOGRÄPHISOHBR FOBSOHfift. 

Uns damit zu beschäftigen, die Lage der von Benyovszky beschrie- 
benen zwölf Inseln auf unseren Karten festzusetzen, wäre vergebliche 
Arbeit: wir würden über die Behring-, Kupfer- und Kadiak-Insel kaum 
hinausgelangen; es lässt sich auch annäherungsweise nicht bestimmen, 
welches Gap an der Westküste Alaskas das Gap Baru sein soll ; die Ala- 
und Otter- Insel dürften — ihrer Entfernung nach — den Prybilow-Inseln 
entsprechen, einer nördlichen Gruppe der Aleuten ; die Amsud-Insel dürfte 
ihrem Namen nach mit Amsitka identisch sein ; die Fuchsen-Insel ist eine 
der heutigen Fuchsen-Inseln ; in die Bestimmung der Kuzma und Perlen- 
Inseln wollen wir uns gar nicht einlassen ; endlich dürfte Urumsir und die 
Kuh-Insel zwischen Amsud- und der Kupfer-Insel zu suchen sein. 

Hingegen können wir mit voller Genauigkeit die Insel festsetzen, an 
der Benyovszky zuerst landete. Benyovszky nennt ihren Namen nicht, er- 
zählt jedoch., dass seine Leute einen Ausflug ins Innere der Insel unter- 
nahmen, wo sie 4 Meilen entfernt ein Dorf mit 14 Häusern vorfanden ; die 
Insel musste daher entschieden einen grösseren Durchmesser als 4 Meilen 
haben. Kutznezow, der an der Spitze der Excursionisten stand, erzählt, 
dass die Bewohner bei ihrem AnbUcke davon liefen, eine alte Frau jedoch 
mit einigen Kindern dort blieb, dass ihre Gesichtsfarbe sehr dunkel war, die 
Stirn mit verschiedenen Figuren geschmückt, die Ohrlappen durchbohrt 
waren. Sie sprach weder korjakisch, noch tsohuktschisch ; in ihrer Hütte 
fand man Pfeile, Speere und Kleider aus Vogelfedern. All dies spricht dafür, 
dass es sich hier um Indianer handelte. Nehmen wir noch dazu in Betracht, 
dass Benyovszky von einem Ganal zwischen einer Insel und dem amerika- 
nischen Festlande spricht, so können wir behaupten, dass Benyovszky am 
7. Juni auf der Insel Unimak, dem ersten Gliede der Aleutischen Inselkette 
gelandet hatte. 

Es existieren nur wenige photographische Aufnahmen von dieser 
Gegend, noch weniger von den Aleuten ; Gegenden, die durch mehrere Pho* 
tographen aufgenommen wurden, existieren fast gar nicht ; in letzterem Falle 
stimmten die Aufnahmen selten überein, da dieselben zumeist von verschie- 
denen Standpunkten herrühren. Zwischen der Insel Unimak und Alaska 
führt ein schmaler, jedoch tiefer Kanal, der den Namen des berühmten ßei- 
senden Krenitzin führt. Dieser Kanal ist für die Schiflffahrt insoweit von 
Bedeutung, als durch denselben der kürzeste Weg von den westlichen Häfen 
Amerikas in die Behring-See führt. Von bedeutend grosserem Interesse ist 
diese Gegend für den Maler; auf der Insel Unimark erhebt sich der 8935' 
hohe Sisaldin, dessen kahle Spitze, von einer zweiten flankirt, schon von 
bedeutender Entfernung sichtbar ist. Als Benyovszky am 9. Juni 1779 den 
Unimak-Kanal {».ssirte, erregte dieser Berg so sehr sein Interesse, dass er 
ihn nicht nur beschrieb, sondern auch abzeichnete. Die Beschreibung ist 
nur kurz, jedoch sehr charakteristisch; «um 10 Uhr erblickten wir ein 



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GRAF MORITZ BENY0V8ZKY ALS GBOGRAPHISOHSB FOR80HEB. H^ 

zweites Kap, dessen Endpunkt dnrch einen znckerhntfönnigen Berg kennt- 
lich ist.» Etwa 100 Jahre später zeichnete auch EUiot den Kanal, obwohl 
von grösserer Entfernung, jedoch von derselben Richtung, und beide Abbil- 
dungen stimmen so sehr überein, dass kein Zweifel bezüglich der Identität 
des auf denselben dargestellten Berges sein kann ; es ist daher constatirt, 
dass Benyovszky durch die Unimak-Strasse den stillen Ocean erreicht habe ; 
Photographie und Zeichnung haben hier ein interessantes geographisches 
Problem zur endgiltigen Lösung gebracht* 

Am 10. Juni verliess Benyovszky den Unimak-Eanal und damit das 
Behring-Meer. Hier ändert sich das Bild der Gegend vollständig; das Schiflf 
schwebt auf dem stillen Ocean, und dieser ist nicht so rauh : «wir hatten einen 
sehr angenehmen Tag — schreibt er in seinen Memoiren — den ersten 
guten Tag, seit wir ; Kamtschatka verUessen.» Das Eis hinderte das Schiff 
nicht mehr; die Tiefe des Meeres schwankt zwischen 45 und 76 Faden, was 
unseren gegenwärtigen Kenntnissen vollkommen entspricht; die Omis wird 
reicher, das Klima milder; Benyovszky wird einiger Inseln gewahr und 
landet endlich nach einer gefahrvollen Fahrt von einer Woche am 19. Juni 
auf Kadik. Noch eine Woche treibt er sich auf den Aleuten herum, beschreibt 
die Insel ürumisir — die wir nicht auffinden können — sehr interessant, 
berährt nach Westen fahrend noch einige Inseln und verlässt endlich die 
Aleuten. Nach einer achttägigen Fahrt landet er auf einer Insel, auf welcher 
Kusnetzow «den Chinesen ähnliche» Bewohner trifft, die ihm einen Sonnen- 
schirm und eine Pfeife schickten. Der Schirm war aus mit Oel gebeiztem 
Papier gemacht und mit chinesischen und japanischen Figuren geschmückt. 
Die Pfeife war aus irgend einem weissen Metall angefertigt, der Tabaksack 
aus gesticktem Atlas. Benyovszky entnahm aus Kusnetzow's Beschreibung, 
dass er sich auf den Kurilen befand ; nach einer Irrfahrt von zwei Mopaten 
hatte er sie erreicht und hier traf er zuerst die Produkte der japanischen In- 
dustrie und Kunst. 

Benyovszky beschreibt die Kurilen in einem separaten Kapitel, als 
dessen Quellen er Spanberg, Walton, Irtisen, Smitevskoi, Sind und Zomi 
nennt ; er setzt die Zahl der Inseln auf 28 und nennt 22 mit Namen, gibt 
ihre astronomische Lage an und bietet eine kurze, jedoch charakteristische 
Beschreibung derselben. Wir können mit Befriedigung constatiren, dass 
Benyovszky zu seiner Zeit der gründlichste Kenner der Kurilen war, und 
wenn wir auch einen Teil der Namen heute nicht finden, können wir doch 
die GUeder der Kette mit ziemlicher Genauigkeit zusammenstellen. 

Die durch die Kurilen gebildete, zum Teile submarine Bergkette hat 
sich in einer Ausdehnung von 650 Km. mit bewunderungswürdig regel- 
mässiger Structur ausgebildet. Sie wird vom südlichsten Teil Kamtsohatkals, 

* Elliot, op. cit. ♦ 

üngmxiiche Berae, XI. 1891. IL Heft g 



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114- GRAF M0RIT2 BENYOVSZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. 

von Lopatka oder Omoplate nur durch einen 13 Km. breiten und 18 M. 
tiefen Kanal getrennt, dort beginnen die «Tausend Inseln,» — wie die 
Japaner die Kurilen mit dem Wort Kissima nennen — mit der vulkanischen 
Masse des Sumku (bei Benyovszky Sumassu), der gen Westen auf die Insel 
Araido (Benyovszky's Alayd) blickt, während sich im Süden die bergige Insel 
Paramuschir (bei Benyovszky Poromusur) an ihn knüpft und Kamtschatka 
eigentlich mit dieser Insel endet ; der Kanal ist nämlich sehr seicht, während 
im S. von Paramuschir der stille Ocean und das Ochotzkische Meer durch 
einen ziemlich breiten Kanal mit einander communicieren, und die sich an 
einander schliessenden Inseln, Onnekotan, Haramukotan, Siaskotan, Matua- 
Bakna, Simussir etc. nur die über das Meer herausragenden Spitzen der 
submarinen Bergkette sind. Da die Kurilen bisher nur teilweise, u. z. in 
Bezug auf SchifiFfahrt und Fischerei untersucht wurden, bilden sie heute 
einen noch viel weniger bekannten Complex als die Aleuten. Wir wissen, 
dass die Vulkane Kamtschatkas mit den feuerspeienden Kegeln Jeso's durch 
die Vulkane der Kurilen verbunden sind, aber gänzlich unbekannt ist uns 
auch heute die Zahl der thätigen Vulkane, ja wir kennen sogar die Namen 
der Inseln nicht ; die Benennungen sind nicht einheitlich und manche Insel 
kommt auf den Karten unter verschiedener Benennung vor. Nach Milne 
sind auf den Kurilen 52 Vulkane; nach der Zusammenstellung Alexis 
Perrey's waren seit der Entdeckung der Inseln wenigstens 13 in Thätigkeit.* 

Am 16. Juli erreichte Benyovszky's Schiff eine Insel, auf der er fast 
eine Woche verweilte. Am nördlichen Teil der Insel fand Benyovszky einen 
sehr günstigen Hafen, in den sich ein Bach ergoss, der die dürstende Mann- 
schaft mit vorzügUchem Wasser versah ; auf der Insel fand Benyovszky viel 
Schweine und Ziegen, sowie prächtige Obstgattungen, die er aber nur in 
gekochtem Zustande zu geniessen vermochte. Er nannte die Insel — nach 
dem guten Trinkwasser — Wasser-Insel, ein Name, der sich in der Geo- 
graphie nicht erhalten hat. Benyovszky erwähnt von den Obstgattungen 
Aepfel, Kokusnüsse, Ananas, Marillen u. A. Er fand femer Markasit und 
Zinnober und seine Leute hofften reiche Goldminen und Diamanten zu 
finden. Dies bot die Veranlassung zu einem Aufstande, an dessen Spitze der 
unzufriedene Stefanow stand, und Benyovszky konnte sich der Folgen des 
Aufstandes nur so erwehren, dass er versprach, von Japan Weiber zu holen 
und dann auf die reiche Insel zurückzukehren. 

Benyovszky zählt die Wasser-Insel nicht unter die Kurilen, sondern 
verlegt sie unter 32° nördl. Breite und 355*^ 8' Länge von Bolscha. Hier 
suchen wir vergebens nach einer Insel, und wir dürfen die Ortsbestimmung 
nicht für richtig halten. Wenn wir aber in Betracht ziehen, dass Benyovszky 
früher auf einer Insel landete, wo er schon japanischen Einfluss fand, femer 

* Bein J. J.» Japan. Leipzig, 1881, I. Bd. 



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GRAF MORITZ BENYOVSZKY ALB GEOGRAPHISCHER FORSCHER. U«^ 

dass er zur Jeso-Gruppe nur grosse Inseln rechnet, unter dieselben aber die 
Wasser- Insel nicht zählt, endlich dass er nach Süden reiste und die Ostufer 
Japans befuhr, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir unter der Wasser- 
Insel eine südliche Kurilen-Insel etwa unter 42® 47' nördl. Breite ver- 
muten. 

Am 21. Juli verliess Benyovszky die Wasser- Insel und erreichte nach 
einer Irrfahrt von acht Tagen Japan, wo er im Hafen von Usilpaskar lan- 
dete. Aus unseren Karten lässt sich die Lage dieses Hafens nicht bestimmen, 
wir glauben jedoch nicht zu irren, wenn wir ihn auf die nördliche Hälfte 
des Ostufers der grössten japanischen Insel verlegen. In dieser Woche war 
also Benyovszky den Ufern Jesos entlang gesegelt, die er in einem beson- 
deren Capitel auch beschreibt, obwohl er nicht erwähnt, sie gesehen zu 
haben. 

Die grösste Wichtigkeit Jesos bilden das aussterbende Volk der Aino, 
auf das wir die Aufmerksamkeit aus dem Grunde lenken wollen, weil 
Benyovszky dasselbe wenigstens aus Beschreibungen (Manuscripten, nicht 
Büchern) gekannt hat. Er erwähnte schon bei Beschreibung der 20-ten Ku- 
rilen-Insel Marikan : «Sie wird von bärtigen Kurilen bewohnt, die die Russen 
Mahuati nennen.» Das Epitheton «bärtig» ist so charakteristisch, dass es 
sich nur auf die Aino beziehen kann. 

Schon die ältesten japanischen Bücher und UeberUeferungen erwähnen 
unter den Namen Jebisch, Jebbsis, Jemissi, Mosin oder Maojin eines uralten 
wilden Volkes^ der «östUchen Barbaren», deren Name «langhaarige Men- 
schen» bedeutet; dies Volk bewohnte den nördlichen Teil der grossen Insel 
und bildete die Ahnen der Aino. Im Namen Maojin erkennen wir Benyov- 
ßzky's Mahutin. Obwohl kein directer Beweis für die Verwandtschaft der Japa- 
nesen mit dem wilden Barbarenvolk spricht, müssen wir, wenn zwischen 
beiden Völkern Verwandtschaft existirt, dieselbe auf die seit Jahrhunderten 
vorhandene Kreuzung zurückführen. Wenn heute im Norden der grossen 
Insel keine Aino wohnen, dürfen wir nicht glauben, es wären alle durch 
die erobernden Japaner des XV. Jahrhunderts vernichtet worden, denn 
unter dem Namen Adsma Jebisch haben sie sich mit den civilisirten Völkern 
des Nordens vermischt, und wir erkennen noch heute die äusseren Zeichen 
dieser Verwandtschaft, sowie wir dort die SteinwafFen der Aino in grosser 
Menge vorfinden. Im nördlichen Teil Hondo's haben namentUch die Frauen, 
die Erhalter der Rassensymptome, viel vom Typus der Aino bewahrt. Auch 
die japanischen Bewohner der Insel Ogasima, die von den Bewegungen der 
Givilisation fast ganz abgeschnitten sind, ähneln den Nachkommen der 
Kurilen in grossem Maasse ; ja auch in den Bewohnern der Ebenen Jeddos 
circulirt Aino-Blut. Heute leben die Aino fast ungemischt auf Jeso, den Süd- 
Kurilen und der Insel Sachalin; die Volkszählung von 1873 ergab auf Jeso 
12,281 Seelen^ und so dürfte die Totalsumme der ganzen Basse nicht über 

8* 



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116 GRAF MORITZ BBNYOVSZKT ALS ÖEOGRAPHISOHBR P0R8CHBXR. 

20>000 betragen. In früheren Zeiten nannte man sie allgemein «haarige 
Kurilen», nach den Inseln die sie bewohnten; so nannten sie Sibold Em- 
senstem, Golownin und Benyovszky, die ersten, die jene Gegenden 
erforschten.^ 

Mit der Ankunft Benyovszky's auf Japan wird die Analyse seiner Reise 
bedeutend leichter; ausser einigen Namen, die zu einer Gontroverse Veran- 
lassung gaben, hat er von dort nichts Neues mitgebracht. Am 3. August 
verUess er den Hafen Usilpatkar und segelte an den üfem Japans gen Süden; 
er entfernte sich nicht weit vom Ufer, denn die Tiefe des Meeres überschritt 
nirgends 20 Faden, während einige Tagereisen gegen Osten der stille Ocean 
schon eine ungeheure Tiefe erreicht. Am 5. August erklärt Benyovszky 
bereits bestimmt, dass er sich westUch vom Königreich Idso befinde ; das 
dem Stillen Ocean zugewendete Ufer der Insel Hondo besteht nämlich aus 
zwei Abschnitten, deren einer von N. nach S., der andere nach SW. streicht; 
am Knie, welcher das Ufer hier bildet, liegt das Königreich Isodo (heute 
Jesso), und wenn sich Benyovszky im Westen desselben befand, musste er 
das Knie bereits überschritten haben. Dem entspricht auch, dass Benyovszky 
am 5. August in Misaki landete, das am westlichen Ufer der den Hafen von 
Tokio abschliessenden Halbinsel lag ; von hier sandte er einen Brief an den 
in Nangasaki lebenden Vorsteher der holländischen Faktorei.^ 

Am 11. August erreichte Benyovszky den Hafen Tosa auf der Insel 
Xicoco. Die Insel führt noch heute den Namen Schikoku und die grosse Bucht 
sowie der Bezirk am Südufer Toshin-nada. Die Hauptstadt der Insel heisst 
jedoch nicht Tosa, sondern Kotschi ; Benyovszky erwähnt nur den Hafen, 
die Stadt nicht. ^ 

Von Tosa ausgehend, umschiffte Benyovszky am 12. August das «Kap,» 
das kein anderes sein kann, als die Südspitze der Insel Schikoku, IsasakL 
Von hier erreichte er Tags darauf Takasima, dessen Name vielerlei Ausdeu- 
tungen erlaubt. Wo lag Takasima? Diese Frage zu beantworten ist schwie- 
riger als die Lösung jeder anderen. Benyovszky erwähnt ausser Takasima 
noch zwei Namen, die Insel Ximo und Nangasaki; beide sind separate Inseln. 
Die Lage Takasimas lässt sich folgendermassen bestimmen : Tosa liegt nach 
Benyovszky 32^ 15' Breite und 350'' 16' Länge, Takasima unter 30'' 0' Breite 
und 328 '^ 0' Länge. Wir müssten zuerst constatieren, dass sich in die Grad- 
angabe Tosa's ein Druckfehler eingeschlichen hat; es liegt nicht unter 350 '', 
sondern 330° westl. Länge. Zwischen Tosa und Takasima bleibt daher ein 
Unterschied von 2^^ 16'. Auf unseren heutigen Karten von Japan finden 



^ Dr. A. Török : Die Aiuos. Budapest! Szemle 1889, März und April. 
•In der Jokai'schen ung. Uebersetzung fehlt Benyovszky's Ankunft in Misaki, 
sowie sein Brief nach Nangasaki. Warum, ist uns nicht bekannt. 
»Rein 1. o. I. 11, 14, 19, 59, 92, 112, 545 und 595. 



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GRAF MORITZ BBNYOV8ZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. 117 

wir 2^/4^ westlich und lä^A südlich von Tosa den südöstlichen Teil der 
grossen Insel Eiusiu, deren höchste Spitze Takasima heisst. Soviel ergibt 
sich aus der Vergleichung der astronomischen Bestimmungen^ dem jedoch 
widersprechen alle übrigen Thatsachen. 

« Grehen wir von der Erklärung des Namens Takasima aus, so wird die 
Frage noch verwickelter ; wir finden in Japan nicht weniger als 3 Takaschima : 
eine Stadt an der NO-Spitze Schikokus, der genannte Berg, und die erste 
grosse Insel südlich von Eiusiu, die Takasima und auch Tanega genannt 
wird. Benyovszky's Daten sind keineswegs auf die Stadt Takaschima zu be- 
ziehen, viel mehr auf Tanega, das thatsäcblich unter demselben Längengrad 
liegt wie Takaschima und auch in seiner Breite nur 20' von Benyovszky's 
Bestimmung abweicht. Obwohl die astronomische Ortsbestimmung die An- 
nahme erschwert, Benyovszky habe nicht auf Eiuschiu, sondern auf Tanega 
gelandet, spricht doch der Umstand dafür, dass Kiuschiu auch Shimo genannt 
wird, daher wir Benyovszky 's «Bewohner der Insel Ximo» für die Bewohner 
Kiuschius halten müssen. Dem widerspricht jedoch Benyovszky's Angabe, 
Nangasaki und Shimo seien besondere Inseln ; verstehen wir unter Shimo 
Kiuschiu, so ist dies nicht möglich, denn Nangasaki hegt auf der Insel Eiusiu 
und bildet nur eine Halbinsel derselben. Wir haben keinerlei weitere Auf- 
zeichnungen darüber, was Benyovszky über die Bewohner Ximos sagt : sie 
seien «gottlose Bestien» ; in diesem Kufe stehen die Bewohner der westlich 
von Süd-Eiuschiu gelegenen Koschiki-Inseln, deren eine Shimo-Eoschiki 
heisst ; es ist daher auch die Möglichkeit vorhanden, dass sich der Name 
Ximo eben auf Schimo-Eoschiki beziehe. 

Alles zusammengefasst halten wir es für wahrscheinlich, dass Be- 
nyovszky sich nur in der Breitenbestimmung um 20' geirrt, und that- 
säcblich auf Tanega gelandet sei, und unter der Insel mit den bestialischen 
Bewohnern Schimo-Eoschiki, unter Nangasaki aber ganz Kiuschiu zu ver- 
stehen sei. 

Benyovszky's Schiff warf hierauf auf Üsmai-Lygon, einer der Liukiu- 
(Iiequeja)-Inseln Anker. Diese Insel auf unseren Earten aufzufinden, ist 
uns nicht möglich. Benyovszky's astronomische Bestimmungen sind falsch, 
die Daten jedoch, die er über diese Insel mitteilt, sind von so grosser 
Bedeutung, dass wir dieselben als eine der wichtigsten Quellen für die 
Liukiu-Inseln betrachten müssen ; was Benyovszky über Usmay-Lyon mit- 
teilt, bezieht sich auf den nördlichen Teil der ganzen Liukiu-Gruppe 
und seine Mitteilungen über das Beich der «durchsichtigen Eorallen» sind 
die ersten, die nach Europa gelangt sind ; die Mitteilungen des chinesischen 
Gelehrten Supao-Euang, den Eaiser Eanghi schon 1719 zur Erforschung 
der Biukiu-Inseln aussandte, gelangten erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts 

'■^ Forcade, Annales de la Propagation de la foi, 1846, jul. 7. 



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118 GRAF MORITZ BENTOVSZKY ALS GEOGRAPHISCHER FORSCHER. 

nach Europa, daher gebührt das Prioritätsrecht nicht — wie Keclus be- 
hauptet — ihnen, sondern Benyovszky.* 

Benyovszky schreibt von den Bewohnern der Insel, sie verstünden 
nicht japanisch. Dies ist vollkommen zutrefifend, obwohl die Biukiu-Sprache 
mit der japanischen verwandt und auch die Schrift dieselbe ist.^ Später 
bemerkt Benyovszky noch : tdie Häuptlinge der Inselbewohner sprechen 
die Sprache der Mandarine», d. h. chinesisch, was umso wahrscheinlicher 
ist, als die Biukiu-Sprache viel chinesische Worte enthält, die infolge histo- 
rischer Berührung, wie auch bei Uebemahme der Schriftweise in die Sprache 
übergegangen sind. Benyovszky schreibt über die damahgen politischen 
Verhältnisse der Bewohner Liukiu's: cdies Volk lebt ganz unabhängig von 
China und Japan.» Da Liukiu zwischen China und Japan liegt, kämpften 
die beiden Staaten fortwährend um dasselbe. Thatsache ist, dass es bald 
Japan, bald China unterworfen war, insofeme als es einigen Tribut zahlen 
musste ; übrigens war das Volk unabhängig und frei. Wohl gab es Zeiten, 
wo Liukiu beiden Kaiserreichen Tribut schuldete, der grösste Reichtum der 
Insel aber verschwand auch damals nicht.^ Erst 1874 änderten sich diese 
Verhältnisse, als Japan die Inseln eroberte, ihrer Könige beraubte und sie 
in einfache japanische Bezirke einteilte. 

Von der friedlichen Natur des Volkes, die Supao-kuang, Broughton, 
Matwell, Basil Hall, Graviore, Beechey, Belcher, Perry und Andere hervor- 
hoben, schrieb Benyovszky: «die Bewohner sind sehr tugendhaft, . . . massig, 
frei ... die Naivität ihrer Antworten lässt auf ihre ehrliche und unschul- 
dige Natur schliessen .... Ich gestand ihrem Führer Nikolaus, dass ich 
fürchte, ihren Frieden zu stören; er aber beruhigte mich, denn meine 
Leute könnten auch mit den Mädchen sprechen, nur die Frauen, die sie 
übrigens auch an ihren Schleiern erkennen könnten, mögen sie schonen.» 
Ergreifend ist die warme, aufrichtige Freundschaft, mit der die Insel- 
bewohner Benyovszky empfiengen, und die am letzten Tage auch in einem 
Vertrage Ausdruck fand. 

Von den Liukiu-Inseln schiffte Benyovszky auf Formosa. Hier kämpfte 
er einen ganzen Krieg und verhalf einem Häuptling zum Siege ; über Land 
und Leute schreibt er aber um so weniger. Und dies ist umso leichter ver- 
ständhch, als Formosa für ihn keine Bedeutung hatte. Seine Seele durch- 
drang der innige Wunsch, einen europäischen Hafen zu erreichen, um 
Freiheit zu erlangen und sich für seine grossen colonisatorischen Unter- 
nehmungen vorzubereiten, deren Idee im Laufe seiner Beise zur Beife 



' Leon de Bosny, Introduction ä TEtude de la langue japonaise. 

' Serrurier, De Live-Kive Archipel. 

' Reclus, Nouv. G^og. Univ. VII. Bd. p. 731. — Gaubil, LettreB ödifiantee, 

Bd. xxm. 



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ORAP STEFAN SZEOHBNYl's BRIEFSr. H^ 

gelangt war, und zu deren Verwirklichung ihn die mühevollste Vorschule 
befähigt hatte. Er war gewiss einer der glückUchsten Menschen, als er am 
^1. September das Fort Macao erblickte. 

Und hiemit endet der abenteuerlichste Teil von Benyovszky's Reisen 
und ganzem Lebens, welche bisher zugleich für den am wenigsten bekannten 
Teil seines Leben galt. Wir versuchten nachzuweisen, welchen Wert 
Benyovszky's Beobachtungen, seine ßeiseergebnisse und Forschungen be- 
sitzen, und wenngleich dieser Werth von der Höhe der modernen geogra- 
phischen Wissenschaft betrachtet nicht so gross ist, als der einer Expedition 
von Cook, La Perouse u. A., so genügt er doch, um die Authenticität der 
Reisen Benyovszky's festzustellen und ihm die Anerkennung der Nachwelt 
zu sichern, anderseits um ihm in vielen Fragen die Priorität zu erobern, die 
spätere streng kritische Forscher, ein Nordenskjöld, Reclus und Andere, so 
leicht Anderen zugeschrieben hatten. Dem strengen Urteil der Nachwelt 
gegenüber kann nur die Constatirung der Wahrheit die Glaubwürdigkeit 
der Berichte Benyovszky*s retten und dies zu erreichen, war das Ziel 
meiner Zeilen. Dr. Johann Janeö. 



GRAF STEFAN SZfiCHENYrS BRIEFE. 

L 

Stefan Szechenyi war eine so vollendete, in sich gefestete Persönlich- 
keit, dass jede geringste Emanation derselben in Wort, Schrift und That den 
charakteristischen Stempel trägt. Die von Bela Majläth mit dankenswerter 
Unterstützung der Ungarischen Akademie herausgegebenen Briefe* gewähren 
einen durchaus interessanten Einblick in den Werdegang dieses providen- 
tiellen Mannes, rücken ihn uns menschlich näher und geben uns ein getreues 
Bild von den zahllosen äusseren und inneren Kämpfen, gewissermassen 
Geburtswehen, unter denen die erstaunlichen Leistungen des Grafen das 
Licht der Welt erblickten. Diese Briefe sind keine Meisterwerke des Styls, 
sie sind, ob ungarisch, deutsch, lateinisch, englisch oder französisch verfasst, 
mit, wir möchten sagen, aristokratischer Nachlässigkeit geschrieben. Und 
doch sind sie gerade in dieser Gestalt am wertvollsten, weil sie uns den 
echten, ungeschminkten Menschen zeigen, der selbst ohne den geringsten 
Aufputz seine ganze Nation überragte, ihr Führer in die Welt positiven 
Schaffens war. 

Niemals konnten die Briefe des grossen Patrioten besser wirken, als 

* Gr6f Szechenyi Istv&n levelei. A Magyar T. Akad^mia megbiz484b61 össze- 
gyüjtötte Majlath B^la. II. kötet. Budapest, Atbena^um. 729 Seiten, 



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120 GRAF STEFAN SZ^HENYl's BRIBFE. 

eben jetzt. Krasser Materialismus zersetzt alle unsere Kreise^ der Hass gegen 
die Phrase hat auch den berechtigten Ideahsmus hinweggeschwemmt. Die 
Gesellschaft ist atomisirt. Wie wohlthuend ist es daher^ wieder einmal das 
volle Fener der Vaterlandsliebe zu verspüren, einer Liebe, die heute kaum 
mehr als rhetorischer Aufputz zu verwenden ist. Bei Szechenyi lodert dies 
Gemeingefühl noch mit voller Jugendkraft, sonnengleich. Es ist unmöglich, 
dass beim Lesen dieser Briefe, welche sich alle immer wieder um das Götter- 
bild des Vaterlandes und seine zukünftige Grösse und Glorie drehen, nicht 
auch in uns die alte Glut unter der Asche wieder aufflamme. So wirkt ein 
grosser Geist, ein grosses Herz auch nach dem Tode, sein Vermächtniss lebt 
in uns immer neu auf. Zur rechten Zeit hat die Ungarische Akademie die 
Herausgabe der Szechenyi'schen Schriften begonnen * und namentlich die 
Briefe sind es, welche ungeahntes Licht über viele Perioden der Wirksam- 
keit Szechenyi*s verbreiten. Während Kossuth, die Personifikation der unga- 
rischen Freiheits- und Unabhängigkeitsidee, noch lebt, erscheint uns der 
Geist Szechenyis, seines grossen Gegners, fortwährend in seinen neuedirten 
Schriften, als ob die Genies der Vergangenheit, welche das heutige Ungarn 
begründeten, noch immer Wache stehen wollten über dem geliebten Volke 
und Vaterlande. Doch während aus Kossuth nur die erhabene, aber starre 
Negation spricht, weht uns aus jeder Zeile Szechenyi*s ein positiver, schaf- 
fender Hauch entgegen. Aus einer Wüste war eine Gulturwelt zu gestalten. 
Das von Sz6chenyi so 'sehr geliebte Vaterland war eine Einöde, ein Wirrsal 
schlechtester Administration, verrotteter Privilegien, Denk- und Wirkfaul- 
heit. Sz^henyi musste für Alle denken, reden, schreiben, agitiren, Geld 
hergeben, conspiriren, Pläne entwerfen, ausführen. Er war damals Alles in 
Allem, Ungarns Vorsehung auf jedem Gebiete. Was heute ein vielgliedriges 
Ministerium denkt und schafft, das war damals in ihm, dem Privaten, ver- 
einigt. Und unermüdlich, rastlos sehen wir ihn kämpfen, entwerfen, orga- 
nisiren, schaffen. Auf alle Widerstände und Kränkungen ist er vorbereitet, 
die Bomirtheit seiner Mitlebenden weckt oft den Humor in ihm. Er geht 
auf sein Ziel los, unbeirrt, wie eineJSomnambule. Und alles gelingt endlich : 
die Wettrennen, die Akademie, die Donau-Dampfschifffahrt, die Ketten- 
brücke, und Vieles sollte später gelingen, was er mit Seherblick geahnt : die 
Sprengung des Eisernen Thores^ die Verschönerung Budapests und Anderes 
mehr, als ob er der Prophet seiner Nation gewesen wäre. 

Kehren wir zu den Schriften, insbesondere zu diesen Briefen Szöchenyi's 
zurück, als eines Mannes, der neben der Liebe zum irdischen Weibe noch eine 
andere, höhere Liebe kannte, zu einer höheren, erhabeneren Braut, deren 

♦ Bisher sind erschienen : I. Naplöi (Tagebücher), 11. Besz^dei (Reden), beide 
herausgegeben, eingeleitet und kommentirt von Anton Zichy, HI. Levelei (Briefe), 
von denen jetzt schon der zweite Band vorliegt. 



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GRAF STEFAN SZ^HBNTl's BRIEFE. 121 

Züge ihm vorschwebten^ von seiner mutwilligen Jugendzeit, bis zu seinem 
düsteren Grabe in der Geistesnacht I Diese Braut, Hungaria, war die Leuchte 
seiner Seele, an ihrer Flamme entzündete sich, bei ihrem Erlöschen brach 
sein Herz. 

Wir haben den ersten Band dieser Briefe bei dem seinerzeitigen Er- 
scheinen gewürdigt, dieselben gaben uns Aufschluss über die Erziehung und 
die ersten Gemütsregungen des jungen Grafen und lehrten ims ihn als 
nachdenkenden, mit sich oft entzweiten Charakter kennen. Die ersten dieser 
Jugendbriefe lassen nichts weniger als die zukünftige Grösse ahnen. Der 
schlichte, natürliche Mensch spricht aus ihnen. Doch sehr bald meldet sich 
der praktische Sinn ; das Gasino, die Wettrennen, die Akademie, die Schiff- 
fahrt und das Eiserne Thor beschäftigen den thatendurstigen Mann. Er geht 
mit nüchternem Urteil von den thatsächlichen Bedürfhissen des Landes 
aus und stiftet und gründet stets das, wonach das dringendste Verlangen 
ist. Er ist kein Doctrinär, sondern ihn peinigen die actuellen Erfordernisse 
und er scheut weder Opfer noch Mühe, um das Nothwendige herbeizu- 
schaffen. Es ist ein eminent praktischer Kopf, der sich ein weitaussehendes 
Programm von der Regenerirung des Landes entworfen hat und Schritt für 
Schritt unaufhaltsam an dessen VerwirkUchung arbeitet. 

Der uns vorliegende zweite Band dieser Briefe beginnt mit einigen 
interessanten Nummern aus dem Jahre 1S^27, In einer Eingabe an das Pester 
Comitat erbietet sich Graf Szechenyi zur Errichtung einer Actien- Dampf- 
mühle, nicht damit Ungarn eine solche Anstalt besitze, sondern damit das 
Beispiel zur allgemeinen Einführung der Dampfmüllerei und zur Ablösung 
des Getreidehandels durch den Mehlhandel gegeben werde. Die nächst- 
folgenden Briefe zeigen die rastlose Sorge Szechenyi*s für die Inscenirung 
des von ihm geplanten National-Gasinos. Er wendet sich an Sartory, als 
den Obmann des Pester Handelsstandes, um ihn, sowie den Handelsstand 
zum Eintritt in das im Herbste zu gründende Gasino einzuladen. Mit einer 
noch heute nachahmenswerten Höflichkeit und Herzlichkeit ist dieser Brief 
des Aristokraten an die Corporation der Handelsleute geschrieben, t Wir haben 
den guten Willen, dem Lande zu dienen,» — äussert er — tSie haben die 
Mittel, reichen wir uns die Hände ! . . . Sie kennen die Grundsätze, die wir 
bisher aufgestellt haben: • Welch immer für eine Geburt und Stand — 
wa^ immer für Glaube, was immer für politische Meinung, Alleseins I Nur 
gesittete Lebensart, gleiche Rechte, gleiche Zahlung / Kein Einzelner ent- 
scheidet, der allgemeine Wunsch und die Mehrheit allein bestimmt.» 

Im Jahre 1830 sehen wir Szechenyi an seinem Lieblingswerke, an der 
Begulirung der unteren Donau thätig. Schon im vorigen Bande war eine 
grosse Anzahl von Briefen veröffentlicht, aus denen hervorging, wie rastlos 
Graf Szechenyi beim Palatin, bei der Wiener Regierung, bei den Finanz- 
grossen die Sache des Donauhandels und der damit verbundenen Institu- 



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122 GRAF STEFAN SZÄCHENYl's BRIEFE. 

tionen betrieb. In dem oben erwähnten Briefe vom 17. Juli 1830 sehen wir 
Szechenyi zum ersten Mal die untere Donau bis Sistow bereisen. Die Keise 
sollte ihm schlecht genug bekommen : ein furchtbares Fieber mit hochgra- 
digem Asthma verbunden überfiel ihn und er glaubte schon sein letztes 
Stündlein gekommen. Und da schreibt er an den mit ihm reisenden Grafen 
Johann Waldstein in Selbstmordgedanken ob der erlittenen Qualen und in 
nächster Erwartung des Todes folgende Zeilen, die auch Max Falk in seinem 
Buche über Szechenyi veröffentlicht hat und die charakteristisch genug 
lauten : «Nur drei Mittel gibt es, um Ungarn zu heben : Nationalität, Ver- 
kehr und Handelsverbindungen mit anderen Nationen. Dies lege ich Euch 
ans Herz : hebet die Nationalität nach Euren Fähigkeiten und erziehet sie 
zu echtem Adel. Hebet den Verkehr in unseier Hauptstadt Budapest! Thut 
Alles, damit Budapest aufhöre ein blinder Sack zu sein und darum eröffnet 
die Donau dem Handel und der Schifffahrt !• 

Zwischen den Briefen, welche sich mit grossen Angelegenheiten be- 
schäftigen, erscheint wohl mitunter auch einer, der uns so recht in das Herz 
Szechenyi's blicken lässt. Da ist ein Brief an einen Unbekannten, der, wie 
zahllose Andere, ihn um eine Gefälligkeit angegangen haben mochte. In der 
Antwort beklagt sich der Graf, er sei so sehr mit Anfragen und Bitten über- 
häuft, dass er nicht einmal mit Hilfe eines Secretärs, und wenn der Tag 
achtundvierzig Stunden hätte, auf Alles nach den Kegeln der Höflichkeit 
antworten könnte. Viel weniger könnte er Jedermann helfen ; wollte er so 
höflich und gutherzig sein, wie es die Leute verlangen, so würde er keine 
Zeit haben, sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu befassen, und wäre 
bald selbst so arm, wie die Petenten, die sich schaarenweise an ihn wenden. 
Trotzdem er es sich also zum Princip hatte machen müssen, die meisten 
derartigen Briefe unbeantwortet zu lassen, macht er doch mit unserem Un- 
bekannten eine Ausnahme, indem er ihm nicht nur ein Erwiderungsschreiben, 
sondern auch noch die wahrscheinlich erbetenen — 5000 fl. schickt. 

Es folgt nun vom Jahre 1833 an eine grosse Zahl von Briefen, 
welche sich mit der zuerst von Stefan Szechenyi inscenirten Sprengung des 
Eisernen Thores beschäftigen. Am 23. Juli 1833 schreibt er an die Berg- 
werksdirection in Semlin, dass er, von der «allerhöchsten Regierung» nut 
dem Auftrag der Kegulirung des Eisernen Thores betraut, um Ingenieure 
und «geschickte Bergleute, die mit Felsensprengungen vertraut sind,» bitten 
müsse. Im Sommer desselben Jahres erblicken wir schon den genialen In- 
genieur Paul Väsärhelyi an der Arbeit. Wir sehen, wie Szechenyi sich vor 
dem Wissen und Können des simpeln Mannes beugt und Alles thut, um ihm 
seine Stellung sowohl politisch wie materiell zu erleichtem. Szechenyi leitet 
aus der Feme das grosse Werk mit dem ganzen Aufwände seiner Diplomatie 
und mit rastlosem Feuereifer. 

In welchen geringfügigen Dimensionen und mit wie bescheidenen 



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GRAF STEFAN 8ZECHENYI S BRIEFE. 



123 



Mitteln damals gearbeitet wurde, davon sollen zwei kleine Briefe Szechenyi's 
an den Palatin Erzherzog Josef Kunde geben. 

L 
Ew. k.k. Hoheit! 
Durchlauchtigster Herr Erzherzog! 
An den Wegen längs der Donau von Plavischevitza abwärts wurde nach 
Bericht des dirigirenden Ingenieurs von Väsärhelyi den vergangenen Winter mit 
grossem Erfolge gearbeitet. 

Die Gelder sind aber erschöpft, weswegen ich mir die Freiheit nehme Ew. 
kaiserl. Hoheit in aller Unterthänigkeit zu bitten : Erstens fünftausend Oulden 
C.'M. direct an den obbenannten Ingenieur Yäsärhelyi in Ofen, — fünfzehntaasend 
Gulden C.-M. hingegen an den Ingenieur Wolfram in Orsova gnädigst zahlbar 
anweisen zu lassen, über welche Summen ich, sowie ich de dato 27. Februar 1 835 
meine Schlussrechnung für das Jahr 1834 eingab, seinerzeit Rechenschaft geben 
werde. 

Ich lege mich Ew. kaiserl. Hoheit mit dem Gefühle der tiefsten Ehrerbietimg 
zu Füssen und nenne mich mit dem Gefühle der allertiefsten Ehrfurcht 

Ew. kais. Hoheit 
ganz unterthänigster Diener 
Stefan Graf Sz^chenyi. 
Preesburg, 5. März 1835. 

n. 

Ew. k.k. Hoheit! 
Durchlauchtigster Erzherzog ! 
Soeben erhalte ich des dirigirenden Ingenieurs Yäsärhelyi Bericht, dass die 
anter ihm stehenden Arbeiten mit gutem Erfolge gehen, die Geldmittel aber wieder 
erschöpft sind, weshalb ich Ew. k. k. Hoheit bitte, gleich !20,000 Gulden C.-M. — 
dass ich nicht sobald wieder lästig fallen dürfe — an das Orsovaer Dreissigst-Amt 
zahlbar anzuweisen geruhen zu wollen, der ich mich Allerhöchstdenselben zu Füs- 
sen lege und mich mit der tiefsten Ehrfurcht nenne Ew. k. k. Hoheit 
Pressburg, 17. Mai 1835. 

unterthänigster Diener 
Stefan Graf Sz^chenyi. 

Während der Beschäftigung mit der grossen Donau- Afifaire hat Graf 
Szechenyi Zeit, einen Agenten abzufertigen, der unbefugterweise eine Inter- 
ventionsgebühr für eine nicht vollzogene Vermittlung verlangte, und wendet 
sich dann mit Eifer der Angelegenheit der Budapester Stadtverschönerung 
zu. Wieder schreibt er einen sehr höflichen und herzlichen Brief an den 
Stadtmagistrat um Ueberlassung eines Grundstückes von 235 Joch für den 
Wettrennplatz. Er schliesst die Eingabe mit den charakteristischen Worten : 
«Ich wäre glücklich, wenn ich dem löblichen Magistrat und allen meinen 
Mitbürgern einen neuen Beweis geben könnte, mit welcher religiösen Ge- 
wissenhaftigkeit ich jenes Schwures eingedenk bin, den ich leistete, als ich 
das Glück hatte, zum Bürger der löblichen Stadt Pest erwählt zu werden 



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124 GRAF STEFAN SZEOHBNYl's BRIEFE. 

und dessen tiefsten Sinn ich so auffasste : Alles, was in meiner Kraft liegt, 
zur Entmcklung, Verschönerung und somit zum Aufblühen der Stadt und 
zum Gedeihen und Glück ihrer Einwohner beitragen zu müssen.» 

Wie sehr Szechenyi mit dem Gedanken der Verschönerung Pests immer 
beschäftigt war, beweise folgender, an den Palatin Erzherzog Josef gerichteter 
Brief vom 28. Juni 1835: 

Ew. k. k. Hoheit, durchlauchtigster Erzherzog l 

In aller Unterthänigkeit nehme ich mir die Freiheit Ew. k. k. Hoheit hier 
beigebogen zwei Pläne zu überreiclien, die in einigem Zusammenhange stehen. Der 
eine stellt ausschliesslich den Grundriss des Unterbaues für den Eiranich dar ; der 
andere hingegen den Grundriss mehrerer schon stehenden Häuser der Stadt Pest 
und jener Stellen, wo — meinem unterthänigsten Vorschlag gemäss — das Theater, 
das Dreissigstamt, und im Einklang mit diesem letzteren der Kranich anzubrin- 
gen wäre. 

Man kann sehr oft, einem alten Sprichwort gemäss, mit einem Stein mehrere 
Würfe machen, und hier scheint der Fall in der That einzutreffen, denn sollte der 
von mir vorgeschlagene Plan von Ew. k. k. Hoheit huldreichst genehmigt werden, 
so wird : 

1 . ein Schritt vorwärts gethan, um die zwischen den beiden Städten Ofen und 
Pest stehenden Donau-Ufer zu reguliren. 

2. ein Iheissigstamt wird erbaut, das schon seiner LokaUtät zufolge weit 
passender sein wird, als das jetzige, und durch dessen zweckmässige Anordnung 
ohne Zweifel den Anfordenmgen der jetzigen Zeiten und Bedürfnisse weit naher 
gebracht werden könnte als das jetzige ist 

3. Anstatt des jetzigen Dreissigstamtes entstünde in Mitte von so vielen 
schönen Häusern gleichfEills ein schönes Haus, wohin — besonders den Josef- 
Ftatz berücksichtigend — das heutige Dreissigstgebäude wirklich nicht mehr sehr 
zu passen scheint. 

4. Es würde für ein ungarisches Theater ein Terrain angewiesen werden 
können, auf welchem mit der Zeit und nach Umständen ein solches Theater erbaut 
werden könnte. Und dies wäre eine (}abe, welche die Dankbarkeit der ganzen Nation 
aufs bestimmteste zur Folge hätte. 

Es handelt sich, die Sache zu beginnen, die wohl nicht anders, als bei der 
Erbauung des Dreissigstamtes ihren AnfiEmg nehmen kann. Diesen Bau wünschte 
ich aber auf eigene Kosten unter folgenden Berücksichtigungen zu übernehmen 
und je ehestens zu beginnen. 

a) Es werde von Seite der kön. img. Hofkammer mir ein Plan vorgelegt, 
nach welchem das neue Dreissigstamt — auf dem Grunde vor dem Kardetter- und 
Varga' sehen Hause erbaut werden sollte. 

h) Die kön. ung. Hofkammer wolle die Summe aussprechen, für welche sie 
das jetzige Dreissigstamt — nach gänzlicher Vollendung des neuen Dreissigst- 
amtes — mir überlassen würde, — und ich werde 

c) je nach dem kostbaren oder minder kostbaren Gebäu, das die kön. 

ung. Hofkammer in dem neu zu erbauenden Dreissigstamte zu haben wünscht, 



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ORAF STEFAN 8Z]£0HENTI*S BKIEPB. ^^^ 

meine Bereohnimg einreiohen, ans der sich die Balance ergeben wird, welche 
Summe ich von Seite der kön. nng. Hofkammer, zu meiner Schadloshaltung, mit 
Klligkeit anzusprechen hätte. 

d) Da indess das Wort Billigkeit nicht hinlänglich definirt ist, so erkläre ich 
hiemit, dass ich nach rechtlicher Schätzung des jetzigen Dreissigstamtes und dem 
authentischen Eostenüberschlag des neu zu erbauenden zufrieden sein werde, wenn 
ich das ausgelegte Qeid k 4 Perzent verzinset werde haben, sollte diese Summe 
noch so bedeutend sein, — was ich hoffe ; denn es wäre schade — wenn man nur 
halbwegs die Entwickelung der Stadt Pesth vor den Augen hat — an den Ufern 
der Donau ein mesquines Dreissigstamt aufzubauen ; wie ich meinerseits, an die 
Stelle des jetzigen Dreissigstamtes, auch ein nobles Gebäude aufzuführen gedenke. 

Die Ursache, die mich bewog, Ew. k. Hoheit den soeben auseinandergesetzten 
Vorschlag zu unterbreiten, beruhet beiläufig auf Folgendem : 

1. Wttnsche ich meinerseits, so viel es in meinen Kräften stehet, zur Ver- 
schönerung der Stadt Pesth beizutragen, wo ich bereits so lange lebte, und wo ich 
wahrscheinlich mein Leben beschUessen werde. 

2. Qlaube ich die mir zu Gebote stehenden Gelder auf keine schlechte Hypo- 
theke zu steUen, wenn ich solche in Pesther Häuser investire, — und dass diese 
Sicherheit die geringere Beute in Gleichgewicht setzt, die überdies mit der Zeit 
höchst wahrscheinlich wachsen dürfte. 

3. Fühle ich mich einigermassen verpflichtet, auf Höchstdero Gnade bauend* 
eine passende Stelle zur Erbauung eines ungarischen Theaters auszumitteln, da 
ich — wie Ew. k. Hoheit bewusst — in der Congregation des Pesther Comitats 
den Bau eines Theaters auf der Eerepescher Strasse hinderte. Auch ist seit der Zeit 
das Auge des Publikums auf mich gerichtet, und ich würde viel in der allgemeinen 
Achtung verlieren, wenn ich in dieser Angelegenheit nichts gethan, als nur gehin- 
dert haben würde ; weshalb ich auch jene Opfer, die mit der Erbauung zweier gros- 
sen, nur 4 Prozent tragenden Gebäude verbunden sind, zu bringen bereit bin. 



n. 

In den Jahren 1835 — 40 concentriren sich für den anermädlich thä- 
tigen Nationaltribunen die wichtigsten Angelegenheiten : die erste ständige 
Brücke zwischen Pest und Ofen, die allmälige Schaffung einer Donau- 
Dampfschifffahrt, in Verbindung damit die Stromregulirung^ endlich die 
Errichtung des ersten ständigen Nationaltheaters in Pest. 

Es ist doch traumhaft, zu denken^ dass vor kaum mehr als einem 
halben Säcnlum Pest und Ofen zwei ganz getrennte Welten, Ofen ein Dorf 
und Pest eine armselige Handelsfactorei war, dass damals der grosse, länder- 
verbindende Strom noch jungfräulich, ohne das Eheband einer stabilen 
Brücke, ohne mit dem reichsten Getreidesegen auf schnellsegelnden Schiffs- 
coloBsen belastet zu sein, dahinbrauste, eine zweck- und ziellose Naturkraft, 
die der Ungar so wenig zu benützen wusste, wie so vieles Andere, was in 
dem Schoss seiner JErde sich barg, und wie er es auch heute noch lange nicht 



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126 GRAF STEFAN SZÄOHENYI*S BBIBPB. 

genug auszubeuten weiss. Es ist traumhaft zu denken^ dass die heute so 
riesig entwickelte, nach allen Himmelsrichtungen unabsehbar ausgreifende 
Stadt durch das Handelsstandsgebäude und durch das Hatvaner Thor be- 
grenzt war, und dass Szechenyi vor der heute so schön aufblühenden Eere- 
peserstrasse einen wahren Ekel besass und so lange er konnte, gegen die 
Benützung des Grassalkovich 'sehen Grundes zu einem Theaterbau an- 
kämpfte. Und selbst innerhalb dieses engbegrenzten städtischen Gemein- 
wesens war noch keine Spur von monumentalen Baulichkeiten, von com- 
munaler Sorgfalt in allen Fragen der Gesundheit und des Wohllebens. Und 
wie gestaltete sich dies Alles nun unter der rastlosen Energie und dem 
Schönheitssinn Szechenyi's ! Man kann nicht dankbar genug das Andenken 
dieses Mannes hüten, der Pest eine Akademie, ein Casino, die wundervolle 
Kettenbrücke, den Donauhafen und die Schiflfswerfte gab und endlich auch 
zur Errichtung des ersten ständigen ungarischen Theaters in Pest beitrug. 
Und dieser Aufstieg der Budapester Stadtschönheit aus den Wellen der 
Donau begann erst gestern, vor kaum mehr als einem halben Säculum ! 
Welcher Traum ! 

Lehrreich ist aber der soeben veröffentlichte Briefwechsel Stefan Sze- 
chenyi's schon darum, weil er uns, wir mögen von der Kraft des Genies 
halten so viel wir wollen, doch wiederum nur beweist, dass nach den Griechen 
odie Götter vor alles Gute den Schweiss gesetzt haben.» Man glaube ja nicht, 
dass dem Grafen Szechenyi Alles mühelos gelang ! Nein, wir sehen es un- 
widerleglich vor uns, dass er gekämpft und gerungen, gefürchtet, gehofft, 
gebetet und gearbeitet hat, wie der gewöhnUchste Sterbliche, der alle seine 
Sehnen anspannen muss, um das tägliche Brot zu verdienen. Nur in den 
Zielen, in den Gedanken war Szechenyi genial, in der Ausführung war er 
ein so tapferer, unverdrossener Arbeiter, wie jeder Andere. Wenn dieser 
Briefwechsel keine andere Wirkung haben sollte, als unsere für das öffent- 
liche Wohl wirkenden Kräfte anzufeuern und sie in ihrem oft dornenvollen 
Wirken, auf den häufig unentwirrbaren Wegen des Schicksals in ihrer Mission 
zu bestärken, so wäre Wohlthat genug damit geübt. Etappe für Etappe legt 
sich das Wirken des grossen Reformators vor uns aus und wir ziehen die 
heilsame Nutzanwendung daraus, dass die grössten Entfernungen am sicher- 
sten durch die kleinsten Schritte zurückgelegt werden. 

Es ist geradezu rührend, die vielen Einladungsbriefe zu lesen, welche 
Szechenyi höchst eigenhändig an eine Anzahl von Casino- Mitgliedem 
schreibt, deren Beitrag abgelaufen ist, und die er zu einer erneuerten Bei- 
tragsleistung für weitere sechs Jahre auffordert. An Jeden, selbst an ihm 
Unbekannte, schreibt er ganz besonders, er variirt seinen Styl und gibt jeder 
Epistel eine neue Dosis von aus dem Herzen kommender Beredsamkeit. 
Als echter Reformator gebietet er über alle Tonarten, er bittet, schmeichelt, 
malt goldene Berge, lobt das Geschehene, feuert zum Zukünftigen an, packt 



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ORAF Sl-BPAN SZ^jÄOHENYl's BRIEFE. 127 

Jeden bei seiner persönlichen Schwäche. Es liegt etwas unendlich Liebens- 
würdiges in diesen Briefen, die ein grosser Mann schreibt um einer kleinen, 
aber ihm liebgewordenen Aufgabe willen. Auch sein Factotum Tasner, dem 
er allerlei Kosenamen : «Old Tasnert etc. gibt, und dem er gewöhnlich in 
einem humoristischen, aus allen Sprachen zusammengesetzten Kauderwelsch 
schreibt, belehrt er darüber, dass wenn man die Leute für seine Zwecke 
gewinnen wolle, man Jeden solo fassen und die schablonenhaften Girculare 
vermeiden müsse. 

Doch das Gasino war eine nebensächliche, wenn auch ihm sehr lieb- 
gewordene Angelegenheit neben der grossen A£faire der stabilen Donaubrücke 
zwischen Pest und Ofen. Man weiss, einen wie grossartigen politischen 
Hintergrund Szechenyi der Brückenfrage gab. Obzwar ein echter Aristokrat, 
war der Graf doch ein glühender Feind des Feudalismus, in welchem er das 
Grab der nationalen Wohlfahrt sah. Ein materielles Aufblähen des Landes, 
eine moderne Volkswirtschaft war nur möglich, wenn das Feudalsystem, 
wenn die Privilegien gebrochen wurden. Wie traumhaft, dass in Ungarn vor 
kaum mehr als fünfzig Jahren das Steuerzahlen als entehrend für den Edel- 
mann, nur gut für die bäuerliche und bürgerliche Canaille betrachtet wurde. 
Durch den Brückenzoll sollte der ungarische Adel zum ersten Mal an die 
Gleichheit der Tragung der Staatskosten gewöhnt werden ! 

Mit unsäglichen Mühen kam Szechenyi in dieser Frage vorwärts. Erst 
die Stände, dann die Magnatentafel, die Wiener Begierung gewinnen und 
mit den zwei Municipien Pest und Ofen sich herumschlagen, so viele Leute 
unter einen Hut bringen — dazu gehörte wahrlich ein prophetischer Mut. 
Weit mehr noch als heute war der Ungar damals gegen jeden Fortschritt 
verstockt, der ihm förmlich aufgezwungen werden musste ; weit mehr noch 
als heute scheute man vor jeder Neuerung zurück; weit ärger noch als heute 
hauste der Gantönligeist und das Philistertum in Stadt und Land. Ganz ab- 
scheuhch waren die Verkehrsverhältnisse in Pest und Ofen. Man sollte 
meinen, dass ein Stadtmagistrat mit Freuden die Gelegenheit ergriffen hätte, 
die Misere einer Schiffbrücke über den grossen Strom zu beseitigen. Die 
heutige Generation der Hauptstadt, welche drei wunderbare stabile 
Brücken besitzt und noch eine vierte und fünfte begehrt, wird sich kaum 
mehr eine Vorstellung von der Jänunerlichkeit einer Schiffbrückenverbin- 
dung machen können. Man muss nach Gran oder Komorn gehen, um zu 
ermessen, wie entsetzlich tödtend der Winter, der eine Schiffbrücke unmög- 
lich macht, auf Handel und Verkehr wirkt. Die ganzen Uferstädte liegen da 
im Winterschlaf. Es ist demnach kaum zu fassen, dass gerade Magistrat 
und Bepräsentanz der Stadt Pest sich aus allen Kräften gegen die Beseiti- 
gung der Schiffbrücke sträubten. Mit Ofen war Szechen}^ bald fertig, der 
Widerstand von Pest war aber kaum zu besiegen. Zahllos sind die Klagen, 
welche Szechenyi ausstösst, er verwünscht die Stadt und sich, er verzweifelt 



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1^^ GRAF STEFAN SzioHENTl's BRIEFE. 

und hofft wieder, flucht wie ein Besessener — kurzum^ die Bräckenangele- 
genheit, welche zehn Jahre später die Ideen Szechenyi's zum glänzendsten 
Siege führen, Pest in die Beihe der sehenswürdigen Städte einführen sollte, 
hat dem genialen Seher viele Jahre der Buhe geraubt und ihn zum Spiel- 
ball der Bomirtheit und philisterhaften Bosheit gemacht. 

Merkwürdig, dass dieser Mann, den man gern zum psychiatrischen 
Gegenstände machen möchte und der doch nach diesen Briefen so logisch 
dachte und handelte, dass, wenn dies Wahnsinn heissen sollte^ man sofort 
die banale Gesundheit des Gehirns dagegen eintauschen möchte^ merk- 
würdig ist es, sagen wir, dass dieser Mann in den tüchtigsten Arbeitsjahren 
von 1835 — 1 840 auch einen geradezu ausgelassenen Humor besass, der sich 
in dem burschikosen Ton so vieler seiner Briefe äussert. Er schien sich 
recht wohl zu fühlen im Kämpfen, Bingen, Arbeiten. Es war dies auch die 
glücklichste, die Wonnezeit seines Lebens. Er, der sich so lange gegen das 
Ehejoch gesträubt, er, der Tasner mutwillig vor der Heirat und vor dem 
Verlassen des Junggesellenstandes warnt, er ist der Gefongene Amors ge- 
worden, er hat den treuesten Altar der Liebe in der Zeit errichtet, da er die 
Gräfin Zichy heimführte. Dithyrambisches Jauchzen hört man aus den 
Zeilen dieser Briefe heraus. Die Bösen standen der lorberbekränzten Stime 
so wohl ! 

Die Ehe macht den Grafen Sz^chenyi nicht müssig, sie stachelt viel- 
mehr seine Kräfte. Mehr als je macht ihm die Errichtung und Vervoll- 
kommnung der Donau- Dampf schiff fahrt, die aus so winzigen Anfängen 
entstand, zu schaffen. Die Sprengungen am Eisernen Thor nehmen seine 
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und sein diplomatischer Verkehr mit 
Wien, Ofen, Belgrad, Constantinopel lässt uns seine Gewandtheit, Vielsei- 
tigkeit und sein praktisches Wirken bewundem. 

Zwischen den grossen politischen und commerziellen Plänen vergisst 
Szechenyi der Musen niemals. Er, der die Akademie mit Verschenkung eines 
ganzen Jahreseinkommens gegründet, freut sich der ersten Talentproben 
auf dem Gebiete der Malerei, begrüsst Barabäs und ist beglückt, ungarische 
Architekten und Baumeister beim Bau des ersten ständigen ungarischen 
Theaters in Pest verwenden zu können. 

Mit richtigem Blicke hatte Sz6chenyi in dem Gultus der Musen eine 
wichtige nationale Mission erkannt. Er war es, der die ersten Schritte beim 
Landtag, beim Comitat, beim Erzherzog Josef that, um in Pest, das bisher 
nur der deutschen Muse ein stattliches Heim geboten hatte, ein Centrum 
ungarischer Kunst zu schaffen. Nur Klausenburg hatte damals schon ein 
stabiles, für jene Zeiten ziemlich stattliches Gebäude. Die Hauptstadt sollte 
nach fünfzehn Jahren erst nachhinken. Nach Szechenyi*s Idee sollte das 
Nationaltheater an das Donau- Ufer gebaut werden. Er hatte demnach den- 
selben Gedankengang, der in viel späterer Zeit die Verlegung des Parla- 



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GEAP STEFAN BZ6cHJSfrn'B BBIBFß. ^^ 

mentspalastes vor die QijiaiBtufen zur Folge hatte. Szechenyi erwirkte, daas 
der Paiatin Josef zu Zwecken eines Theaters einen Grund am Donau-Ufer, 
ungefähr wo heute der Eötvös-Platz ssu finden ist, und zwar einen freiste- 
henden Grund von etwa 700 Quadratklalter Umfang anwies. Szechenyi 
selbst subskribirte 10.000 Gulden unter der Bedingung, dass das Theater 
auf diesen Grund gebaut werde, den er nach der damaligen Lage und Ent- 
wicklung der Stadt für den passendsten hielt. Viel Unmut fiösate ihm 
jedoch der Verlauf dieser Angelegenheit ein. Stadt und Gomitat suchten 
ihm die Initiative zu entwinden, Grassalkovich schenkte den heutigen Grund 
vor dem Hatvaner Thor, das Land votirte 400.000 Gulden für den Bau und 
Szechenyi, der in Paris die umfassendsten Planstudien hatte vornehmen 
lassen, blieb mit seinen Absichten allein. Fürder sehen wir Szechenyi sich 
nicht mehr um das Theater kümmern, aber unstreitig gebührt ihm das 
Verdienst der Initiative auch hierin und sein durchdringender Seherblick 
wurde glänzend gerechtfertigt durch die ausserordentUch bedeutsame, ja 
nahezu entscheidende Bolle, welche unser Nationaltheater in der Geschichte 
Budapests, sowie der gesammten ungarischen Gultur gespielt hat. 



HL 

In der letzten Hälfte des vorliegenden Bandes seiner Briefe sehen wir 
Szechenyi vorzugsweise mit der Finanzirung der Kettenbrücke beschäftigt. 
Wie langsam gingen damals alle ungarischen Angelegenheiten ! Am 23. Sep- 
tember 1836 schreibt Szechenyi an den Weg- und Brückenbau-Commissär 
Friedrich Schnirch: • Nach unsäglicher Mühe von Yier Jahren ist es mir 
gelungen, ein Gesetz zu erhalten, nach welchem auf der zu erbauenden 
Brücke Jedermann zu zahlen habe. Hiedurch sind wir quasi in einer sicheren 
Revenue von 200,000 fl. C.-M. Man sollte also glauben, dass man ohne Wei- 
teres anfangen sollte etc. Weit gefehlt ! Es muss noch und noch und noch 
abgedroschen werden.» 

Nun, und zum Dreschen hatte wahrlich Szechenyi Mut und Geduld 
genug. Dauerte es doch abermals drei Jahre, bis er die Finanzirung der 
Brücke durch Baron Georg Sina gesichert hatte. 

Die Briefe an Georg Sina sind die piece de resistance der zweiten 
Hälfte dieses Bandes. Viel wichtige Erkennungszeichen für den Charakter 
und die Handlungsweise des Grafen Szechenyi finden sich darin. Zuerst 
klopft unser Patriot schüchtern bei Baron Sina an. Schon der erste Brief, in 
welchem der ungarische Patriot sein Lieblingsproject dem Wiener Finanz- 
potentaten anträgt, ist bezeichnend genug. Er lautet : 



üngariselM Bama, XI. 1891. 11. Heft. 



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130 GRAF STEFAN SZÄOHENYI*S BRIEFfi. 

Czenk, 18. Oktober 1836. 

Mein sehr hochgeachteter Freund I 

«Hier beigebogen sende ich Ihnen ein Schreiben, das Sie die Güte haben 
wollen einstweilen zu beherzigen, bis mir das Vergnügen werden wird, mich Ihnen 
persönlich vorzustellen, wenn ich sodann über ADes nähere Auskunft zu geben mir 
vorbehalte. Ich bitte um nichts, als dass Sie dem in Frage stehenden Gegenstand 
etwas Zeit gewinnen und ihn mit kaüem Blut prüfen inögen, 

Untersuclien kostet nichts — und es dürfte sich zeigen, dass während Millio- 
nen und Millionen in England und auf dem Kontinent unzweckmässig und unfrucht- 
bringend zersplittert werden — der Bau einer Brücke zwischen Ofen und Pest eine 
der nützlichsten Unternehmungen wäre, die man nur ergreifen könnte ; und zwar : 
nützlich für den Staat im höheren Sinne, weil durch dessen Bau das Princip des 
gleichförmigen Zahlens auf Strassen und Communicationen aller Ai-t in Ungarn auf 
immer begründet wäre, ohne dem dieses Land sich nie entwickeln kann ; aber auch 
nützlich für den immediaten Handel des Landes und die Verbindung der beiden 
Städte, — und endlich tivarzugsweise nützlich ßlr die Unternehmer,* 

Ich gedenke gegen den 24. d. in Wien einzutreffen, wann ich dann nicht 
säumen werde, an Ihre Thüre anzuklopfen.* 

Artiger und zugleich gescbäftsmässiger hat wohl noch kein Graf einer 
Finanzmacht geschrieben. Bald vereinigt sich Szechenyi mit Kappel, Koväcs 
und Tüköry, um Sina direct und ausdrücklich zu ersuchen, sich an die 
Spitze der Brückenbau-Unternehmung zu stellen. Es ist gewiss, dass der 
Baron durchaus nicht so hitzig dreingehen wollte. Wenigstens kommt Sze- 
chenyi in einem Brief an Sina vom 15. Jänner 1837 abermals, und zwar 
sehr dringend auf diesen Gegenstand zurück. Obzwar Sina ihm schon münd- 
lich die Durchführung der Angelegenheit zugesagt hatte, wünscht Szechenjd 
doch durchaus eine «an alle Viere gerichtete baldmöglichste geneigte Ant- 
wort». Charakteristisch ist folgende Stelle dieses urgirenden Briefes: 

•Sie beschuldigen mich, dass ich mich nicht fest an Sie gehalten, sondern 
auch in die Arme Anderer, wie der Freiherm v. Eskeles, Pereira und Herrn Ulimann 
geworfen hätte. Sie thuen mir aber Unrecht; denn vor allen anderen braucht das in 
Frage stehende Unternehmen — welches auf guter, gesunder Grundlage basirt 
ist — durchaus keines so ängstlichen Anbietens, imd sodann, weil Niemand besser 
weiss, als ich, wie vom Ziel führend jeder Concurs und jede Aemulation bei Unter- 
nehmen v<m so grossem Belange, wie das in Frage stehende, zu sein pflegt Wenn 
ich aber als- Vorsitzer der Landes-Subdeputation von Leuten wie Baron Eskeles, 
Pereira etc. angegangen werde, was soll ich thun ? sie geradezu rebutiren 9 ich, der 
ich durchaus keine Vollmacht dazu habe, nnd die Verantwortung solches willkür- 
lichen Verfahrens in einer Sache nie auf mich nehmen wollt«, über welche einzig 
und allein die reichstägige Deputation zu entscheiden hat. Setzen Sie sich in meine 
Lage, und urteilen Sie über mich gerecht ; vor allen anderen aber lassen Sie mich 
nicht in diesem paralitischen Zustande, in welchen Sie mich versetzt haben !• 



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GRAF STEFAN SZÄCHBNYl's BBIBFE. 131 

Szechenyi schreibt aber noch an demselben Tage an den Grafen Anton 
Mailäth nach Wien : Sina nehme eine zweideutige, schwankende Stellung 
ein und Mailäth sollte allen Einfluss auf den Baron aufbieten^ damit dieser 
endlich «losschiesse und sich als Unternehmer mit dem Erzherzog Palatin 
und der Begnikolar-Deputation in Verbindung setzet. Es scheint jedoch^ 
dass Baron Sina zu jenen Zauderern in Geschäftssachen gehörte, die vor 
lauter Aengstlichkeit, vor lauter Sucht nach Garantien und Furcht vor 
möglichem Verlust lange zu keinem Entschluss kommen können. So that 
zwar Baron Sina, wozu ihm Graf Szechenyi geraten hatte, er wendete sich 
mit einer Eingabe an den Erzherzog Palatin, dieser aber war von dem Ton 
der Eingabe durchaus nicht erbaut und äusserte sich zu Szechenyi, dieselbe 
wäre weder schwarz noch weiss, und es solle ihm Leid thun, wenn er Sina, 
den er sonst schätze, die Unternehmung nicht übertragen könne. Nun gerät 
Szechenyi ins Feuer und bombardirt Sina mit Concepten, Calculationen, 
Batschlägen, er beschwört ihn, der Goncurrenz bei diesem brillanten Ge- 
schäfte nicht Zeit zu lassen und ihn, den Grafen Szechenyi nicht zu^blamiren. 
Zum Ueberfluss trägt ihm Graf Szechenyi noch sein ganzes flottes Vermögen 
von 300,000 fl. als Einlage zum Brückenbau an. 

Endlich, nach wiederholten Urgenzen, liess sich Baron Sina herbei, 
eine bestimmte Erklärung abzugeben. Am 13. April 1837 bestätigt Szechenyi 
den Erhalt der «im Ganzen vortrefflichen Eingabe.» Am 25. April gedenkt 
er Baron Sina in Wien aufzusuchen, um ihm «einige kleine Bemerkungen 
mündlich vorzutragen, i 

Nun ist also Sina der erklärte Mann Sz^chenyi*s und dieser beweist 
fortan der Goncurrenz gegenüber, dass er seinem Geschäftsgenossen 
unter allen Umständen treu bleiben will. Man lese nur, was er schon am 
11. Juni 1837 an den Erzherzog Palatin schreibt: 

«Herrn Wodianers « Gross! landlungshäusen sind heute durch eine neue Ein- 
gabe an das Tageslicht gekommen. Diese werde ich Ew. k. k. Hoheit Morgen, so 
bald sie dictirt ist, einzusenden die Ehre haben. Bis dahin nehme ich mir die Frei- 
heit, Ew. k. k. Hoheit die Unterzeichneten hier anzuführen : 

Woilianer Samuel ^s fia. Magyari Imre. 

Ulimann Möricz maga nev^ben. Bobitsek Jözsef. 

Ugyanaz Bär6 Dietrich Jözsef nev^ben. HegedÜa Zsigmond. 

Grof ötäray Albert. 

Bärö Orczy György. 

Bärö ßedl Imre. 

Premsperger Päl. 

Jeder Unbefangene und Gutmeinende würde leicht einsehen, dass lüer nur 
• Hindern* das lAmmgswort ist. Da indessen mit vieler Befangenheit und vielem 
bösen Willen zu kämpfen ißt, so wäre meine Meinung, anjetzt nichts Anderes zu 
thun, als um Sina nicid abzuschrecken, ihm auf eine gute Art beiläufig so viel 
zukommen zu lassen : « Scheuen Sie eine solche Goncurrenz nicht, lassen Sie Ihre 

9* 



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132 GRAF STBFAK SZ^CHENYI^S BRIEFE. 

Pläne je eher verfertigen, und rechnen Sie auf Billigkeit.! Ob ich nun in der Depu- 
tation 80 viel zu Wegen bringen kann, bin ich nicht sicher, bitte also Ew. k. k» 
Hoheit unterthänigßt •helfen Höchstdieselben mir Schwachen.^ 

Baron Sina legt sich morgen um 10 Uhr Früh Sr. k. k. Hoheit dem Erzherzog 
selbst zu Füssen. Ein solches Wort i Lassen Sie Ihre Leute aus England und 
Amerika ohne weiters kommen, setzen Sie sich über alle Concurrenten hinaus, und 
überreichen Sie ihre Pläne baldmöglichst ohne Scheu, und bauen Sie auf den Recht- 
sinn einer allerhöchsten Eegierung» würde auf jeden Fall alles retten. 

Ich fürchte unbescheiden zu sein, Ew. k. k. Hoheit Höchstdero kostbare 
Zeit auch jetzt in Anspruch zu nehmen. Höchstdero unversiegbare Güte hat mich 
aber verdorben, und meine Absicht, ich kann es mit Selbstgefühl sagen, ist nicht 
unedel. Ew. k. k. Hoheit ganz unterthänigster Diener 

Graf Stephan Sz^chenyi. 

So eben bemerke ich, dass ich auf bereits beschriebenes Papier diese Zeilen 
setzte. Bitte tausendmal um Vergebung.» 

Der Erzherzog erwies sich als feste Stütze Sz^chenyi's. Am nächsten 
Tage schreibt dieser an Ersteren : tNach der heutigen Audienz, die Baron 
Sina bei Ew. k. k. Hoheit hatte und von der er erfreut, ermutigt und ge- 
stählt zurückkehrte, bin ich des Gelingens aller Vorarbeiten sicher. • 

Sz^chenyi war es, dank seiner Energie und Schlauheit, noch mehr 
aber durch die Treue des Erzherzogs gelungen, die Concurrenz aus dem 
Felde zu schlagen. Höchst realistisch klingen die fröhlichen Zeilen, welche 
der Graf hierüber an Sina schreibt : 

iihre Angelegenheit steht so gut wie möglich. Wir hätten Wodianer et Co. 
oder eigentlich Stäray, Ullmann et Co. ganz vor den Kopf schlagen können, ich 
wollte es aber nicht, denn ich fürchte mich ganz erbärmlich vor Beaktionen. Jetzt 
haben wir sie beseitigt, und unsere Opposition ganz gelähmt. Graf Stäray — da er 
das Ganze nicht zerfallen machen konnte — stimmt jetzt ein anderes Lied an, über 
welches ÜUmann et Wodianer heulen möchten ; er (Stäray) spielt nämlich den Zufrie- 
denen, den Retter des Vaterlandes. tWir haben unsem Zweck erreicht, unsere. 
Rolle ist ausgespielt, sagt er, wir haben die Deputation in ihre Schranken gewiesen, 
sonst hätte sie ohne Bedingniss Alles dem Baron Sina zugesagt.» Ullmann et 
Wodianer scheinen aber mit dieser politischen Demonstration nichts weniger wie 
zufrieden, und werden gewiss einen Chef suchen. Ich wunderte mich nicht, wenn 
Rothschild dennoch in dieses Unternehmen entrirte. Es wäre unangenehm. Zeit- 
gewinn ist alles, denn am Ende ist das Ganze in den Händen des Erzherzogs, und 
dieser ist ganz für Sie. Wenn er auch nur so lange lebt, als ich wüni^che ! In den 
Ausschuss werde ich ausser Kappel, Tüköry imd Eoväcs, noch Andrässy, PoUak, 
und wenn der Erzherzog erlaubt, Väsärhelyi hineinnehmen, um alles vorzuberei- 
ten. Nun werde ich nächstens die Antwort aufsetzen, die Sie der Deputation geben 
müssen, um sich gegen Eins und das Andere zu verwahren, denn tqui tacet, con- 
sentire videtur». 

Sz6chenyi ist jetzt wieder bei bestem Humor. Am 20. Juni schreibt er 
an den BaroU; dieser möge seinen mündlichen Auftrag, wonach er die Kosten 



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GBAF STEFAN BZ^CHENTl's BREBFE. 133 

der Vorarbeiten a fond perdu zu tragen erkläre, in einigen an den Präses 
der Begnicolar-Deputation gerichteten Zeilen wiederholen, da er, Szechenyi, 
ja sterben könne und dann hätte die Deputation nichts in Händen. Und am 
nächsten Tage erklärt er seinem «sehr geachteten Freunde» den Bescbluss 
der Begnicolar-Deputation folgendermassen : 

•Es freuet mich täglich mehr, mit Ihnen zu thun zu haben, da ich aus Allem 
Hure Umsicht und Ihren praktischen Scharfsinn hervorleuchten sehe, ohne welche, 
man mag sagen, was man will, weder Kleines, noch Grosses gelingt, da Patriotis- 
mus, Seelengrösse etc. allein keineswegs auslangen. 

Eines begreife ich nicht, wie Sie das nämlich verstehen zu müssen glauben, 
was (^ie Beicbs-Deputation Ihnen und den Wodianem sagte. 

Diesen sagt sie : «Wenn Eure Pläne und Bedingungen die besten sind, so 
habt Ihr den Vorzug •. 

Ihnen aber: cWenn Ihre Pläne und Bedingungen ebenso gut sind, wie die 
andern, so haben Sie den Vorzug •. 

Sehen Sie durch diese Aussage nicht die ganze Sache bereits in Ihren Hän- 
den? Ja; sie gehört Ihnen, wenn Sie NB. bei Zeiten zugreifen und sich in Besitz 
setzen, was die Hauptsache ist ; die Begierung ist für Sie, der Erzherzog ist für Sie, 
die Deputation ist für Sie ; und endUch sind Sie der Mann der Vorsehung, der 
seine Mission vollenden, und somit imter Andern auch die Pesther Brücke bauen 
muss. Also vorwärts/ 

Ebenso wie es unmöglich ist, zu viel Umsicht zu haben, so muss man ande- 
rerseits auch dreiuzuhauen verstehen, wie Sie 's gewohnt sind, also noch einmal 
« Vorwärts/ 9 und erfreuen Sie mich bald mit einigen vollgewichtigen Zeilen •. 

In ebendemselben Briefe hat Szechenyi Zeit, den Baron an die ihm 
versprochenen tausend Ziganen zu erinnern. Da Baron Sina in grossen wie 
in kleinen Dingen ein schlechtes Gedächtniss zu haben schien, so erinnert 
ihn Szechenji kurz darauf sowohl an die schriftliche Erklärung, als auch an 
die tausend Zigarren, von welchen er mit nächstem Schiff Hundert zuge- 
sendet haben will, um seine entzündete Leber zu erfreuen. 

Sina hatte also die Vorarbeiten zugesprochen erhalten und die Ver- 
sicherung bekommen, dass er unter gleichen Bedingungen der Bevorzugte 
sein werde. Die Goncnrrenzpartei ruhte aber durchaus nicht und suchte sich 
durch Bothschild zu verstärken. Szechenyi erwies sich auch fernerhin als 
guter Geschäftsmann und treuer Bundesgenosse. Er rät Sina, die Actien- 
gesellschaft möglichst rasch zu formiren. Einen dirigirenden Ausschuss hatte 
Szechenyi in Pest bereits gebildet. Als leitender Ingenieur für die Vor- 
arbeiten, dem auch der Brückenbau übertragen werden sollte, fungirte der 
Engländer Gark. Sz^henyi verlangt, Sina solle zwei Kaufleute herunter- 
schicken, um die Preise der Materialien zu erheben, damit Clark einen 
approximativen Eostenvoranschlag machen könne, auch sei mit Clark selbst 
bald ein bindender Vertrag zu schliessen. Der Graf bittet Sina, vor der Grösse 
der Vorauslagen nicht zu erschrecken, da sich dieselben bei der Grösse des 



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134 GRAF STEFAN SZ^CHENYl's BRIEFE. 

Unternehmens leicht einbringen Hessen. Und nun hören wir Szechenyi einen 
Ausspruch thun, welcher beweist, dass er in alle Unternehmerkniffe bereits 
eingeweiht genug ivar. Er schreibt nämlich als Nachschrift an den wahr- 
scheinlich sehr engherzigen Baron Sina : «Die Vorauslagen gewähren übri- 
gens einen grossen, wiewohl indirecten Vortheil, und zwar — dies bleibe 
aber unter uns ! — dass sie viel Aufsehens machen, nicht controlirt werden 
können, folglich in dem Finaltractate mit der Beichsdeputation man sie als 
eine sehr grosse Last anführen kann.» 

Etwas vorsichtiger drückt sich Szechenyi aus, indem er Sina die Bil- 
dung einer Actiengesellschaft dringend empfiehlt. «Welche Motive mich in- 
dessen bewegen, diese Ansicht zu haben, kann ich unmöglich dem Papier 
anvertrauen ; ich muss sie mündlich darstellen, und zwar an Sie selbst oder 
an Jemanden, der Ihr vollstes Vertrauen besitzt und der auch die Einleitung 
solcher Angelegenheiten practisch versteht!» 

Baron Sina scheint nunmehr volles Vertrauen zum Grafen Szechenyi 
gefasst zu haben. Wenigstens schreibt dieser am 10. September 1837 an 
Erstem: «Sie haben mich zwar in einem Ihrer Briefe auf das Schmeichel- 
hafteste mit Ihrem grössten Vertrauen beehrt und mir eine grosse Vollmacht 
eingeräumt, es handelt sich nun aber um den Teil des Unternehmens, der 
kaufmännisch zu berücksichtigen kommt und da gestehe ich mich viel zu 
wenig competent, um allein ohne Gontrole dastehen zu wollen.» Die 
schlimmen Folgen des innigen Attachements des Grafen an Sina sollten 
nicht ausbleiben; am 8. November 1837 schreibt er: «Meine Stellung ist als 
Mitglied der Landesdeputation sehr schwierig, ich bekomme von allen Seiten 
Insinuationen der niedrigsten Art: ich hätte mich an Sie verkauft, um 
tüchtig Geld zu machen, was mit meiner Stellung als eines der Hauptmit- 
glieder der Landesdeputation incompatibel sei. Man sieht aus Allem, wie 
sehr die Juden durch ihre 100 Kamificationen emsig gewesen sind, Sie und 
mich in ein verdächtiges Licht zu setzen.» Am Schlüsse desselben Briefes 
bittet Szechenyi den Baron: «seine Briefe und Alles, was er an ihn sage, 
auf das Scrupulöseste geheim zu halten /» 

Die Concurrenzpartei, mit Wodianer an der Spitze, hatte sich inzwi- 
schen verstärkt und Graf Szechenyi musste wieder einmal Alles aufbieten, 
um seinem Freunde Sina das Brückenbaugeschäft zu retten. 

IV. 

Die auf die Kettenbrücke bezüglichen Briefe des Grafen Szechenyi 
nehmen noch fortwährend unser Interesse in Anspruch, da sie uns von der 
Zähigkeit, Principientreue und geschäftlichen Umsicht des grossen Ungars 
einen ziemlich deutlichen Begriff geben. Wie oben erwähnt, hatte Graf 
Szechenyi dem Baron Sina gegenüber sich verpflichtet, ihm den Bau zu 



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GBAP STEFAN SZECHENTl's BRIEFE. 135 

sichern, während eine von Wodianer geführte Gruppe dagegen conourrirte. 
Beide Parteien Hessen Pläne von der Brücke anfertigen, Sina durch Olark, 
Wodianer durch Rennie. Im Verfolg des Briefwechsels mit Sina vertieft sich 
Szechenyi auch in die Eisenbahnprojecte (Wien Raab-Ofen) des Ersteren. 

Am 16. August 1837 schreibt Sz6chenyi an Sina bezüglich der Ketten- 
brücke : 

iDie Kanone ist losgebrannt, die Sclüacht beginnt, ganz Europa wird näch- 
stens davon reden. Ihr Name steht obenan, vergessen Sie das nicht, hochgeachteter 
Freimd! (Vielen Dank für die Zigarren! Wenn auch nur jene, die kommen, ebenso 
gut sind, wie die Sie mir sandten. Auch hierin wussten Sie das Beste zu finden. 
Ich, der ich ganz Europa ausforschte, fand sie nicht !)> 

Am 17. November schon schreibt er an Ebendenselben: 
•Soviel können Sie einstweilen als sicher annehmen, dass Sie auf jeden Fall 
auf das EhrmroUste und beinahe so sicher, wie 2x2=4, als Sieger aus diesem 
Kampfe hervorgehen werden. Es ist aber die aüergrösste Umsicht notwendig, und 
nicht als ob Gefahr wäre, dass das Geschäft in Wodianer' s Hände übergeht, son- 
dern weil wirkliche Gefahr droht, dass Wodianer u. Cie. Alles aufbieten werden, 
eher das Ganze zerfallen zu machen, als Ihnen den Bau zu überlassen. Ob ihnen 
nun dies gelingt, weiss ich nicht imd werde idas Meinige thun», um es zu hindern. 
Zu besorgen bleibt es dennoch in grösstem Maasse, denn, wie Sie wissen, ein Narr 
kann oft mehr verderben, als hundert Weise zurecht richten. Und wie erst i bos- 
hafte Narren !• 

Eben von Wodianer schreibt er am 24. December : 

•Ich hätte in ihm nicht so viel Energie und Ausdauer vermutet und man wird 
viel aufbieten müssen, um sie zu besiegen, denn sie haben, wenn wir ims nicht 
betrügen wollen, die Mehrheit der Stimmen für sich. Der Erzherzog wird aber den 
Ausschlag geben. • 

Wie eingehend Graf Szechenyi sich mit seinen Projecten befasste, be- 
weist folgender Fragebogen, den er an den Baron richtet : 

•Welche Arenda bezahlt der Arendator der Taborbrücke (Schiffbrücke) ? 
Nach welchem Tarif zieht er die Brückenmaut? Zahlen Regiei-ungsleute auch Maut 
oder zahlt die Regierung ein Pauschale? Wessen Eigenthum ist die Kettenbrücke 
in Böhmen? Wer baute sie? Was kostete sie? Nach welchem Tarif wird darauf 
bezahlt? Wie lange dauert die stipulirte Zahlung ? Ewig oder auf bestimmte Zeit- 
frist ? Was hat die Regierung dazu gegeben? Oder zahlt die Regierung auch?» 

In einem zwei Tage später datirten Briefe fragt Szechenyi den Baron, 
ob er etwas in Hinsicht der Preise des Granits und des Holzes gesammelt ? 

Der strenge Winter von 1837/38 hatte zur Folge, dass man diei Not- 
wendigkeit einer starken Brücke, aber nur auf zwei Pfeilern, einsehen lernte 
und somit das Project Clark's an Beliebtheit gewann : 

«Wodianer und Co. machen lange Gesichter. Sie sind aber sehr gewandt und 
stets auf den Beinen, so dass ich sie imm^r fürchte und gegen sie all unser Geschütz 



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136 GRAF STEFAN SZl^ENTl's BRIEPE. 

aufsuföhren anrate. — — — Eb ist gegen meine Gewohnheit, die Bärenhaut 
früher zu verkaufen, als sie vollkommen ausgegerbt ist, denn die zu frühen Sieges- 
FaDfaren pflegen gar oft in Klagetönen den Ueberwindem zu enden. So viel aber 
menschlicher Weise prognostizirt werden kann, so können Sie von Ihrem Siege 
bereits sicher sein.» 

Man sollte es nicht glauben^ dass die Stadt Pest nicht aufhörte, den 
Brückenbau zu hintertreiben. Wir citiren folgende charakteristischen Stellen 
aus Szechenyi*s Brief vom 12. Jänner 1838 : 

•Einige Stimmen haben sich bereits verlauten lassen: •Die Stadt würde 
gegen jede AH Brücke protestiretiy und bis zu S. M, dem Kaisergeken, da sie wegen 
einer Theorie nicht ihre Habe aufs Spiel gesetzt haben wollten.» Ich ignorire dies 
zu Schein ganz, thun Sie einstweilen dasselbe. Wir müssen aber machen. Clark 
annoncirt mir ein Paquet, das er durch Sie an mich sendet. Es ist 'Fliee darin, und 
vielleicht einige Zeichnungen. Ich bitte Sie, es aus den Klauen der Maut zu ret- 
ten, und mir ehebaldigst übersenden zu lassen, da ich — besonders nach dem 
Thee — wirklich schon lechze. Bei dieser Gelegenheit bringe ich die guten, dicken 
und leichten Cigarros dellos amicos in Ihr Gedächtniss, von denen Sie mir bereits, 
ich glaube 100 sendeten — wovon ich übermorgen die allerletzte rauchen werde, 
1000 Stück aber bringen zu lassen mir gütigst versprachen ! 

Ich höre, oder lese vielmehr in den Zeitungen, dass Sie Ihr Eisenbahn-Privi- 
legium für die Strecke von Wien, über Baden ? Neustadt ( ?) Oedenburg ( ? ?) nach 
Raab bereits erhalten haben. Ich hoffe, d<iss Sie auf mich doch nicht ganz vergessen, 
und mir einige Stück Aktien um den Emissions-Preis zukommen lassen werden,* 

Am 1. Februar 1838 teilt Szechenyi seinem Freunde Baron Sina mit : 

•Heute ist grosse Conferenz bei Gr. StAray, der vor einigen Tagen angekom- 
men ist imd bei dem sich alle lUre Widersacher vereinigen werden. Sie aber sollten 
Wodianer abtrünnig machen. Er ist ein Kaufmann, er will gewinnen, sein Spiel 
ist somit zu begreifen und zu verzeihen. Die St. et Co. sollten aber eine Lehre 
bekonmien, die man ihnen unmögUch besser geben könnte, als wenn man W. ver- 
möchte, sie in Stich zu lassen, denn dann wären sie wirklich in einer lächerlichen 
Szene, da W, der mizige praktische Kopf unter ihnen ist, » 

Im März sollte die Beichsdeputation über die vorgelegten Concurrenz- 
pläne von Sina und Wodianer entscheiden. Szechenyi schreibt an Sina : 
«Präsidirt Graf Batthyäny, so wäre es wohl rätlich, ihn bei Zeiten für Sie 
zu stimmen, wie nicht minder den Protonotär Vegh, der die Feder führt 
und auf den natürlich sehr viel ankommt. • 

Bald darauf gelingt es Szechenyi, die Fusion zwischen Wodianer und 
Sina zu Stande zu bringen, was ihn sehr erfreut, weil er Wodianer für die 
Seele der Gegenpartei hält. Inzwischen hat Baron Sina seinen Prospect von 
der Wien-Baaber Eisenbahn lanzirt nnd Szechenyi ins Gomite gewählt. In- 
teressant ist folgende Gewissensfrage, welche Szechenyi am 9. März 1838 an 
Sina richtet : 



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GRAF STEFAN aZÄCHENYl's BRIBFK. 137 

«In Hinsicht der zu vertheilenden Aktien der Baab-Wiener Eisenbahn, 
erkiube ich mir eine Anfrage an Sie zu machen : Dürfen and sollen die Mitglieder 
jener Deput., deren Einer ich zu sein die Ehre habe, von jenen 2500 Stück Aktien, 
die Sie für Ungarn bestimmen, frei und ungehindert schöpfen? Es ist eine kitzliche 
Sache. Geschieht keine starke Nachfrage, dann könnte ich z. B., um den Weg zu 
zeigen, um das Beispiel zu geben, für 50.000 oder 100.000 fl. unterfertigen, werden 
sie aber gesucht, dann kann ich, den man ohnehin im Yei dacht eines interessirten 
Menschen zu haben anfängt, weil er noch keinen Sequester auf dem Bücken hat, 
höchstens 5 bis 10 Stück Aktien quasi zum Kosten nehmen. Nun haben sich aber 
bereits zwei hiesige Grosshändler mit m/260 bei mir vorgemerkt, so dass ich es bei 
der nächsten Zusammenkunft melden werde müssen ; ich aber möchte, als einer der 
ersten Besitzer im Oedenburger Komitat, wenigstens für m/50 in diesem Geschäft 
interessirt sein. Wie ist das, ohne mich ab Mitglied dieser Deput. zu kompromitti- 
ren — zu erzielen? Hierüber wollen^Sie mir ein geneigtes Wörtchen sagen.! 

Die im März 1838 eingetretene Ueberschwemmung von Pest machte 
allen Brückenprojecten vorläufig ein Ende, welche Graf Szechenyi nunmehr 
sieben Jahre lang mit Bienenfieiss betrieben. Der von der üeberscbwemmung 
datirte Brief ist zu charakteristisch, als dass wir ihn nicht reproduciren 
sollten: 

•Pesth ist für den AugenbUck, man kann sagen, t zerstört.^ Jede Beschrei- 
bung, die man Ihnen bis jetzt gegeben hat von den Verheerungen, kann nur schwacli 
fein. Wie sich das Ganze entwickeln, ob gänzHches Versinken, Vegetiren oder ein 
kräftigeres Aufblühen eintreten wird, ist zu erwarten. Ihre seelenvolle Gabe hat 
Wunder gewirkt ; und nie war eine mehr zu seiner Zeit gespendet, denn sie glänzte 
nicht nur als ein edles, nachahmenswertes Beispiel, sondern erhob vor allem die 
Gemüter, und diese im Allgemeinen zu erheben, war eine noch weit grössere 
Wohlthat, als hie und da ein sieches Leben zu fristen oder einstweilen leere Mägen 
zu füllen. 

Plews and Stater, die während dieser Katastrophe mehrere Tage im Jäger- 
hom gefangen waren und nichts mehr zu leben hatten, brachte ich mit einem 
Boot zu mir. Sie können Ihnen keine Details über das Elend gegeben haben, da sie 
dessen weites Feld, nämUoh in den Vorstädten, nicht sahen. 

Ich wurde durch körperliche Anstrengung ganz erschöpft. Vorgestern war ich 
mit meiner unglücksehgen Leber wieder ausnehmend leidend. Seit gestern stehe 
ich neuerdings — obschon schwach — auf den Beinen. Heute Morgens schiffte ich 
meine Frau mit 8 Kindern und 12 Dienern aller Gattung auf den Ärpäd ein, um 
sie über Gönyö nach Zinkendorf zu senden. Seitdem sie weg sind, bin ich in mei- 
nem Innern weniger bange und gedenke nun vorläufig hier zu bleiben, da ich es 
für einen Mann, der hier etabHrt ist, wirkUch für schimpflich halten würde, diesen 
Ort jetzt zu verlassen. Der Erzherzog trifft alle Anstalten selbst, ist für jeden sicht- 
bar und voller Energie. Wir sollten Ptsth nickt sinken lassen. Eine Anleihe von ein 
paar Millionen an die Stadt könnte das Ganze repariren. Die Stadt könnte eine 
gute Hypotheke sein. Denn die Stadt würde allen industriösen Inwohnern ihre 
Häuser aufbauen, und von ihnen allmählig zurückzahlen lassen. Das Prinzip 



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1^ GRAF STEFAN SZ^CHENYI'b BRIEFE. 

wäre gilt, nur müsste die Application gut geschehen. Eine Kommission von ehrli- 
dien LeiUeti sollte das Ganze manipnliren ; und könnte ich das letzte Mitglied dieser 
Kommission sein, so schätzte ich mich glücklich. Ein Oeschenk war jetzt aasserst 
wohlthnend; nun wäre aber eine Anleihe an der Tages-Ordnnng.» 

Die Anstrengungen, welchen sich Graf 8z6chenyi bei der Pester Ueber- 
schwemmung unterzog, hatten eine schwere Krankheit zur Folge, eine 
Affection der Leber, des Magens und der Gedärme, mit starkem Fieber unter- 
mischt. Der Graf hatte unsäglich viel zu leiden, die Gelbsucht entstellte ihn 
und Gallergüsse störten den ganzen Organismus. Er machte Testament. 
Dabei war er bei vollem Bewusstaein und gibt in den Briefen an Tasner die 
umständlichsten Beschreibungen seiner Krankheit und von dem dagegen 
angewendeten Verfahren. In den Briefen an Tasner enthüllt sich überhaupt 
der Privatcharakter Szechenyi's, den wir als sehr guten Wirth und als sehr 
misstrauischen Geschäftsmann kennen lernen. 

Im September des Jahres 1838 ist Stefan Szechenyi endlich soweit 
genesen, dass er sich wieder seinem Kettenbrückenproject zuwenden kann. 
Einen geradezu exaltirten Brief schreibt er am 3. September an den flrzher- 
zog Stefan : 

•Ew. k. k. Hoheit, durchlauchtigster Erzherzog! 

Indem ich die Ehre habe Ew. k. Hoheit die Eingaben des Barons Sina im 
Drucke hiemit zu tibersenden, rufe ich laut auf « Victoria. • Alles gehet vortrefflich; 
und wem haben wir es zu verdanken ? Höchstdero verehiimgswürdigem Vater, der 
mit gewohnter Weisheit den ganzen Gegenstand, — ohne viele Kraftäusserung, 
aber nur ebenso viel, als nötig war — in ein solches Gleis zu bringen wiisste, 
dass derselbe nun — ausser es käme ein unberechenbarer feindseliger Komet 
inzwischen — bestimmt zu seiner vollkommenen Entwicklung gelangen wird. Auch 
diesmal hat der Löwe, wie bisher bei jeder schwierigen Stellung, der Maus aus dem 
Netze geholfen ! Ach Gott, dass es der Maus nur gegeben wäre, ihre Dankbarkeit zum 
Löwen auf irgend eine recht erprobliche Art an den Tag zu legen ft 

Ebenso schreibt er am 11. September an den Erzherzog Josef: 
t Gottlob wir sind endlich glücklich mit dem Baron Sina übereingekommen, 
und zwar mit der Annahme des von ihm vorgeschlagenen Tarifs und 97 priv. Jahre- 
Es bleibt nun nichts Anderes übrig, als den Vertrag zu entwerfen, zu concertiren 
und zu unterschreiben. • 

Bei der Abfassung des Vertrages hat Graf Szechenyi an Baron Sina die 
dringende Bitte zu richten, er möge an den Punktationen der Begnicolar- 
Deputation weder etwas ändern, noch etwas hinzufügen, sonst wäre «die 
Sache verloren.» «Sie denken nicht, welches Aufsehen das Ganze hier erregt, 
und wieviel feindliche Kräfte sich gegen uns und die Brücke überhaupt 
erhoben» und sehr charakteristisch ist der Bat, den er dem Baron Sina 
bezüglich «der Uebertragbarkeit des Privilegiums» gibt. Er möge ja nicht 
die leiseste Erwähnung davon machen, «zu was aber auch? Es versteht sich 



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GRAF STEFAN SZÄCHENTl's BRIEFE. l'^9 

ja von selbst .... und geben Sie alle Ihre Actien weg .... so haben Sie ja 
das Ganze an Andere übertragen !» 

Wir fürchten nicht, unsere Leser zu langweilen, indem wir ihnen noch 
einige Geschäßsbriefe des genialen Grafen vorlegen, da diese grosse Erschei- 
nung unseres öffentlichen Lebens von dieser in alle Kleinigkeiten eindrin- 
genden practischen Seite noch nicht genügend bekannt ist. Es scheint fast, 
als ob Graf Sz6chenyi bei der Brückenbau-Unternehmung selbst stark 
betheiligt gewesen wäre. Man vmrdige folgende Epistel an Baron Sina vom 
20. October 1838: 

«Hochwohlgebomer Freiherr, Sehr geachteter Frennd! 

Ihr Schreiben vom 19-ten 1. M. beantwortend, eile icli Ihnen zu sagen, daaa 
mir Clark durchaus keine speziellen Uebersobläge oder Dimensionen über das 
nöthige Holz etc. für die Brücke von Pesth übergeben oder eingesendet hat, dass 
aber alles das noch zu gewärtigen kommt. 

Einstweilen kann indessen zu Yorausberechnungen und um die nötigen 
Lieferanten zu finden, jene Spezifikation dienen, die er Ihnen gab, die Sie in Hän- 
den haben müssen, und die den in Frage stehenden Bedarf — wie ich mir es auf- 
zeichnete — folgendermaesen angibt : 

3333 Blöcke von bestem Granit, jeder 5 Fuss lang, 5 Fuss breit und 15 bis 
18 oder 20 Zoll dick. 

3333 Blöcke von Csobdnkaer oder andei-em guten Stein. 5 Fuss lang, 2Vi Fuss 
breit, und von 15, 18 bis !20 Zoll dick. 

6666. 

9999. 

Sodann 

1200 piles 60' lang 15" quadrat (von Ende zu Ende.) 
Eichen 

1200 43' lang 15" quadrat, 
240 20' lang etc. 

Da für den Augenblick nichts zu thun ist, als sich cumzusehem, imd alles 
üebrige noch einige Wochen Zeit hat, so wollen Sie mir erlauben, dass ich mich 
über alles dies höchstens die ersten Tage November in Wien expektoriren dürfe. 

Gut wäre es, wenn Sie einstweilen jene Bittschrift aufsetzen Hessen, die Sie, 
wegen der Magazine und der freien Einfuhr des Eisens, an die Begierung einzu- 
reichen haben, und die im völligen Einklang mit der lateinischen Bepräsentation 
der Deputation an Se. Majestät sein muss, in deren Besitz Sie sind und ich nicht bin. 

Für dieses Jahr ist nichts Anderes zu thun, aber dies muss gethan werden, als : 

1. Mit der allerhöchsten Begierung in's Beine zu kommen. 

2. Die Ordres geben, dass das nötige Holz den kommenden Winter in Slavo- 
nien geschlagen werde. 

3. Sich vorläufig über das nötige Quantum Stein zu assekniiren, imd viel- 
leicht, wenn die Genehmigung einer allerhöchsten Begierung noch Mhzeitig genug 
erfolgen sollte, 

4. Die Ordres an Clark wegen der Verfertigung des Eisens in England geben. » 



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^^ GRAF STEFAN SZlScHENYl'ß BMEFB. 

Aehnliche Briefe im Bauunternehmerstyl finden sich noch mehrere. 
Auch etwas vom Bankier steckt in Szechenyi. Am 28. October schreibt er an 
den Baron : «Ich höre, unsere Begierung wird wieder eine Anleihe nego- 
ciiren. Da Sie dabei gewiss die Persona prima spielen, so bitte ich Sie, 
vergessen Sie mich nicht I» 

Nun kam noch ein allerletzter, harter Prüfstein für das Eettenbrücken- 
project, welchem Szechenyi eine so grosse socialpohtische Bedeutung in 
Folge der beabsichtigten Besteuerung des Adels beilegte. Es hiess, dass 
Metternich den zwischen Sina und dem Landtag bereits abgeschlossenen 
Gontract abändern und dadurch die ganze Sache wieder in Frage stellen 
wolle. Man beachte nun den Ton, in welchem Graf Szechenyi an den all- 
mächtigen Staatskanzler schreibt (9. December 1838) : 

«Ew. Durchlaucht! 

Ew. Durchlancbt haben sich in Hinsicht der zwischen Ofen und Pest zu 
erbauenden Brücke gegen mich stets so zu äussern geruht, dass Hochdieselben ganz 
für die Sache sind, nur hätte sie nicht ausschUesslich von einzelnen, sondern im 
engsten Zusammenhang mit einer allerhöchsten Begierung ausgehen sollen. — Ew. 
Durchlaucht sind also für die Sache, billigen indessen die Form nicht. Da nun 
meine Person der eigentliche Urheber dieses ganzen Glegenstandesist, so verspreche 
ich hiemit, dass ich nie wieder einen Gegenstand dieser Art in Diskussion bringen 
will, ohne darüber die Billigung einer allerhöchsten Regierung früher einzuholen; 
bitte aber zugleich für diesmal die Sache der Form nicht aufzuopfern. So aber, wie 
sich die Gerüchte verbreiten, scheint sie in grosser Gefahr zu sein, da, wie man 
sagt, jener Kontrakt, den die Beichsdeputation in der fraglichen Angelegenheit 
mit dem Baron Sina scbloss, von S. M. nur conditionatim sanktionirt, oder gar bis 
zum künftigen Landtag verschoben werden soll. Ist das der Fall, so Mt das Ganze, 
was seit sieben Jahren mit unsägUcher Mühe und nicht geringerem Glück ganz 
nahe zu einer Konklusion gebracht wurde, wieder in Nichts zusammen und wird 
zur Folge haben, dass der ungarische Adel sich nie wieder dazu bequemen wird, 
freiwillig und gesetzlich — was doch etwas wert ist — selbst den ersten Schritt 
zu thun, um sich der allgemeinen Last zu unterwerfen und dass den unausbleibH- 
eben Gesetzen der Beaktion gemäss, — soUte die vollkommene Sanktion S. M. 
nicht erfolgen — gerade Jene zu seiner Zeit am meisten gegen die Begierung 
schreien werden, dass diese nicht einmal da einen Schritt vorwärts thun will, wo 
sich der Adel zum Zahlen selbst anträgt, die jetzt Alles auibieten, um das bereits 
gebrachte Gesetz zu vereiteln, was sie auch, ich stehe dafür — denn ich kenne das 
Terrain zu gut — erreichen werden, wenn Ew. D. zugeben, dass der besagte Kon- 
trakt noch einmal an die Beichs-Deputation zurückgesendet werde — was natür- 
Ucher Weise geschehen muss, wenn S. M. den Kontrakt nicht allsogleich zur Effek- 
tuirung zu befördern geruhen — oder wenn die ganze Sache gar auf den kommen- 
den Landtag postponirt wird, dessen Folgen nicht abzusehen sind. 

Das Gesetz wurde nach allen Formen gebracht, S. M. sanktionirte es, die 
Beichs-Deputation hat laut Gesetzes eine illimitirte Vollmacht erhalten ; bewirken 
£. D. demnach, dass S. M. die Effektuirung des Gesetzes Wort für Wort nach dem besag- 



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ORAF STEFAN SZÖOHBNYI'b BRIEFE. 1*^ 

ten Kontrakt ohne Verzug befehle — so ist die Sache konkhidirt. E. D. ! Die Sache 
ist för Ungarn von -einer unendlichen Wichtigkeit — denn dieser Schritt, der bereite 
als klares Gesetz da stehet — wird ohne den geringsten Konklusionen allmälig das 
nach sich ziehen, dass der ung. Adel ein allen Lasten des Landes Teil nehme.» 
loh habe personlich gar keinen Vorteil dabei, im Gegenteil werde ich, als Urheber 
der Sache nnd Mitglied der Beichs-Deputation, dem allermeisten Odium ausgesetzt 
sein. Ich bin aber überzeugt, dass das Gelingen des in Frage stehenden Gegenstan- 
des, in jeder Hinsicht, so viel wesentliche Vorteile für Ungarn nach sich ziehen 
wird, dass ich jede Zensur meiner Person und meiner Absichten gern ertrage. Und 
diese meine Ueberzeugung ist so gross, dass sie mich auch zur Absendung dieser 
Zeilen bewegt und mir fühlen macht, dass E. D. meine ehrhch und gut gemeinte 
Absicht nicht missdeuten, mich Höchstdero WohlwoUen auch femer erfreuen 
lassen und von dem gesagten nach Hochdero Weisheit Gebrauch machen werden, 
der ich mich — «mir auf jeden Fall die Hände waschend» — mit der imbegr&nz- 
testen Hochachtung und aufrichtigsten Ehrerbietung nenne Ew. Durchlaucht gehor- 
samsten Diener etc.» 

Doch nicht genug mit diesem demütigen Briefe an Mettemich, er 
schreibt am nächsten Tage an Baron Sina, er möge «alle Minen springen 
lassen, zum Erzherzog Ludwig, zu Mettemich, zu Kolowrat gehen und möge 
ihnen vorhalten 1 . dass der Palatin bereits seine Unterschrift gegeben, 2. 
dass Graf Sz^cbenyi bereits 70.000 fl. ausgegeben, 3. dass die Absicht mit 
der Besteuerung des Adels sonst für lange vereitelt würde, 4. dass Graf 
Szechenyi bereits Contracte für Holz und Stein abgeschlossen hätte und man 
ihn nicht sitzen lassen dürfe, 5. dass Europa den Kopf über die Wiener 
Eegierung schütteln würde.» Graf Szechenyi schreibt und hetzt, wie ein 
echter Agitator. Baron Sina soUe nichts, ^auch die kleinsten Hilfsmittel 
nicht unversucht lassen.» Ihm selbst geht es «miserabel, aber die Hetze thue 
ihm wohl. Es mache ihm viel Spass. Je mehr darunter und darüber, desto 
besser.» 

IndesB die Hetze wurde immer ärger und Graf Szechenyi konnte seine 
Gkklle nicht mehr zurückhalten und erhob sich zu dem Mute, seihst den 
Reichskanzler anzugreif eUy wovon der folgende Brief, am 14. December 1838 
an Erzherzog Josef gerichtet, ein für immer denkwürdiges Zeugniss ablegt : 

«Ew. k. k. Hoheit, Durchlauchtigster Erzhensogf 
Indem ich Ew. k. Hoheit das letzte Schreiben des Barons Sina, welches ich 
gestern spät Abends bekam, hier beigebogen zu unterbreiten die Ehre habe, erlaube 
ich mir zugleich, die Ansicht Sr. Durchlaucht des F. Mettemich, wie er sich kürz- 
lich in seinem Salon äusserte, E. k. H. hier ganz imterthänigst mitzuteilen. Se. D. 
findet, dass das, was durch den Bau der Brücke gewonnen wird, die Opfer nicht 
wert wäre, die das Land bringen soll. Die anderen Feinde der Brücke in Wien 
führen hingegen als Hauptargument — damit die Sache bis auf den Landtag post- 

ponirt werde, das an, dass sie unpopulär sei. Man muss gestehen zwei 

gehaltvolle Argumente fürwahr, um ein klares Gesetz nicht zu erfüllen, weil es nicht 



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1^^ GRAF STEFAN SZ^CHBNYl's BRIEFE. 

SO viel nützen soll, als es kostet, und weil es unpopulär ist ! In den Theiss-Oegen- 
den wollen hingegen Einige, wie die Herren Szombathelyi, Elauzäl, Beötby, Noväk 
etc. (die sich sammt und sonders gegen die Brücke prononciren, weil sie dies 
populär halten und es somit für klüger erachten, sich dagegen zu äussern, um es 
mit ihren etwaigen Wählern nicht zu verderben) in dem 29. Gesetzartikel 1832/6 
das finden, dass die Deputation gar nicht das Recht hatte, mit B. Sina abzusohlies- 
sen, sondern erst die Ratifikation des Landtages hätte einholen sollen ; sie behaup- 
ten demnach, die Deputation habe ihre Vollmacht überschritten : da doch der Eon- 
trakt für das Land weit vorteilhafter ist, als es die Grenzen des Gesetzes erlauben 
würden. Ueberdies behaupten sie : B. Sina hätte eine volle Garantie gewähren sollen, 
nach 97 Jahren die Brücke dem Lande im besten Zustande zu übergeben; repräsen- 
tiren werden sie indessen nicht, ausser wenn sie nun hören sollten, dass man dies 
in Wien quasi verlangt und erwartet I Eine Karrikatur ist bereits auch auf dem 
Tapet — wo die Deputat, durch Aktien gehetzt — in einem Thermometer darge- 
stellt mit dem Tarif imd den Jahren immer höher steigt, bis meine Person die ent- 
setzlichen 97 Jahre ausspricht. — Korcher, hiesiger Magistratsrat, mit dem Fiska- 
len Sigmund Hegedüs hat berechnet, dass Baron Sina 50.000,000 fl. K.-M. durch 
die Brücke gewinnt I Graf Josef Esterhäzy in Wien findet das am härtesten, dass 
nach der Erbauung der Brücke kein Mensch ein Schiff auf der Donau wird haben 
dürfen, und dass B. Sina nur die Hälfte der Aktien für Ungarn bestimmte ! ? etc. 

Alles dies ist albernes Zeug, ohne Zweifel, und man sieht, dass die Leute 
nicht nur von der Sache nichts verstehen, sondern nicht einmal, die so reden, das 
Gesetz, noch den Kontrakt gelesen haben. Wenn man sich aber an das Sprichwort 
erinnert, dass viele Gänse einen Wolfen tödten, dann wird einem doch bange und 
wahrUch nicht mehr um die Brücke und alles das, was damit verbunden ist, son- 
dern — ich muss es offen heraussagen — unter einer solchen Regierung Gut und 
Leben zu haben, die sich auch nur einen Augenblick durch derlei Gewäsch von der 
strengen Vollziehimg des Gesetzes abhalten lässt ! — Ich bin sehr leidenschaftlich, 
E. k. H., ich weiss es, und habe meine Sympathien und Antipathien, wie ein 
Anderer, ich will es eingestehen ; aber abgesehen von jeder Persönlichkeit, muss 
ich bekennen, ^7ide ich es für unser Land ein grosses Ungliwk, dass solclw VerhäU- 
yiisse obwalten, wo der Kanzler ein Separat- Votum über das geben kann, was E, k. 
IL mit Höchstdero Handschrift und Insiegd bekräftigen,* 

In einem weiteren Briefe an Baron Sina vom 14. December treibt er 
diesen zu ruheloser Thätigkeit an, nennt ihm eine Anzahl Intriganten und 
Feinde, auf welche man Acht haben müsse und schreibt sogar, auf Wunsch 
des Palatins, an Se. Majestät. Zum Schluss äussert er sich gegen Baron Sina 
folgendermassen : 

•Jetzt bitte ich Sie um Folgendes: «Geben Sie auf Ferdinand Pälffy recht 
Acht.i Dieses Männlein soll sicliilie Füsse ungeheuer ablaufen, um die Sache zu 
zertrümmern. Sie haben ihn ja in Händen. Sodann soll man im Salon von Fürst 
Mettemich sehr gegen die Brücke schwätzen, Fürstin Melanie besonders, und blos 
aus Unkenntnias der Saclie etc. Die sollten Sie auch nicht negligiren. Nagy Päl läuft 
sich auch ab, um zu schaden, und ist ein verdammt zäher kecker Intrigant, auch 



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(SHUF STEFAN SZ^HBNYT^S BRIKFBS. 14^ 

diesen bitte ich wo möglich im Zaum zu halten. E. H. Ludwig imd 6r. Eolowrat 
Bind — wenn ich mich nicht irre — ganz für sie gestimmt. Können Sie, so senden 
Sie mir das Votum separatum von Pälfiy per extensum oder wenigstens in der 
Essenz, damit ich es dem Erzherzog mitteile, der — wie ich weiss — es sehr gerne 
haben möchte. 

Es war übrigens voraus zu sehen, dass Wir Adelige in Ungarn einen horren- 
den Lärm schlagen würden, wenn es einmal ad firactionem panis kommen wird, 
dass wir die Jungferachaft (des Nicht Zahlens) verlieren würden. 

Hier verbreitet sich auch das Gerücht, Eskeles hätte sich angetragen, gerade 
dasselbe zu leisten, was Sie, aber mit 50 privat Jahren ! Was ist an dieser Sache?! 

So sehen wir den Grafen Szechenyi nun schon im achten Jahre für 
sein Brückenproject kämpfen. Und noch sollte es kein Ende nehmen. Als er 
die allerhöchste Sanction schon erhalten zu haben glaubte, meldete sich ein 
neuer Concurrent — das Wiener Haus Arnstein u. Eskdes, verbunden mit 
Graf Sztäray, Ullmann und Consorten. Am 6. März 1839 schreibt der Graf 
an seinen Baron : 

•Hochwohlgebomer Freiherr, Sehr geachteter Freimdl 

Ihrem Schreiben vom 3-ten zu Folge — das ich gestern bekam — konnte 
ich erst heute spät (nach dem Abgang der Post) mich Sr. Hoheit vorstellen. Ich 
kann Ihnen in Kürze nur das sagen, dass nach dem unumwimdeneu Ausspruch S. 
k. H. in so ferne die Entscheidung der fraglichen Angelegenheit, wie Sie mir berich- 
ten, wirklich herabgesendet und Höchstdemselben übertragen werden wird, dieselbe 
als apodictisch und auf der Stelle zu Ihren Gunsten beendigt angesehen werden 
kann, und wir somit die Siegesposatme ohne alle Eücksicht in die Ohren von Sztäray, 
Ulimann et C. ertönen lassen können, denn S. k. H. wird — wie er erklärte und 
mir auch erlaubte, Ihnen dies mitzuteilen, — die ganze Angelegenheit höchstens 
3 Tage bei sich behalten, und mit solchen 48-Pfündem auftreten, Äie Eskeles und 
Konsorten gewiss nicht anticipirten und die selbst M. Ullmann ^üfetzen* machen 
dürften. Indessen glaubt der E. H. zuversichtlich, dass die Sache nicht zu ihm 
komme, sondern in der grossen Conferenz, auch ohne sein Zuthim, zu Ihren Gunsten 
entscliieden sein wird. Gott gebe es ! Da gestehe ich aber, bin ich nicht Höchst- 
seiner Meinung, und fürchte, dass es dort auf jeden Fall ein Hackerl haben oder 
lange liegen bleiben dürfte ; während die Sache als concludirt zu betrachten ist, 
kommt sie hierher. Ich bitte Sie, — vergeben Sie mir den Ausdruck — ■ schlafen 
Sie ja nicht ein, • oder vielmehr : lassen Sie sich durch nichts einschläfern, bis Sie 
den Eontrakt auch von der Begierung genehmiget nicht im Sack haben. Unsere 
Antagonisten sind wie der Teufel, «sonder Buh und sonder Bast.i 

Während dieser «Hetze» um die Kettenbrücke, um welche als Bewerber 
zum Schluss noch Baron Pereira auftritt, hat Graf Szechenyi Zeit, sich mit 
dem Grafen Moriz Sändor über Wettrennen und Pferdezucht auszusprechen, 
für das Casino zu agitiren, an der Gründung der Walzmühle teilzunehmen 
und den Baron Sina für Lonyay um 20.000 fl. anzupumpen. «Er ersucht 
Sie, ihm diese Summe auf sechs Monate zu leihen ; er kann Ihnen viel 



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J 



t44 GRAF STEFAN BZiOHENYI^B BRIBPE. 

nützen. Sicherheit iRt da, ich glaube, Sie sollten ihm diese Gefälligkeit thnn.t 
Am 8. April 1839 erinnert Szechenyi den Baron wieder, ihn bei der nächst- 
kommenden Anleihe von 30,000.000 fl. zu betheiligen, «mit einer kleinen 
Summe — versteht sich, um den Emissionspreis. • 

In einem Briefe an Eillias wegen der zu gründenden Walzmühl-Actien- 
Gesellschaft beharrt Szechenyi auf der Notwendigkdt, dass das gründende 
Haus die Hälfte der Actien übernehmen müsse, denn nur darin sähen Alle 
die Garantie des Gelingens. Hiebei macht Szechenyi folgenden denkwürdigen 
Ausspruch : «Ich habe das Glück, dass jede meiner kleinen Entreprisen bis 
jetzt mit Erfolg gekrönt wurde. Ich habe aber auch nichts begonnen, was ich 
früher nicht combinirt hätte; denn ich halte es geradezu /ür ein Verbrechen^ 
in einem Lande, wie Ungarn, wo noch Alles zu erschaffen ist, so etwas zu 
unternehmen, was nicht höchst wahrscheinlich gelingt; indem eine moderne 
Buine auf lange Zeit das Publikum abschreckt und die nützlichsten, die 
bestcombinirten Unternehmungen schon im Keime erstickt.» Graf Szechenyi 
selbst zeichnet 10.000 fl. und gibt weitaussehende Ansichten über die 
Zukunft des ungarischen Mehlhandels zum Besten. 

Endlich — endlich — am 16. Mai 1839 kann Graf Sz6chenyi an Baron 
Sina über die endgiltige Annahme des Brückenprojectes schreiben : «Endlich 
brachte mir Ihr Schreiben die lang erwünschte Nachricht Gott Lob ! Das 
Warten hat mich aber beinahe müde gemacht I » Szechenyi ist mm wieder 
frisch und munter, er gibt dem Baron Sina Batschläge, wie weitere Zuge- 
ständnisse von Landtag und Begierung zu erlangen seien, und vertieft sich 
in die näheren Details des Baues. 

Nun kommt es aber auch zur Abrechnung zwischen dem Grafen 
Szechenyi und dem Baron Sina. Szechenyi schreibt am I.August 1839, 
dass er sich zwar vor drei Jahren angetragen habe, 300.000 fl. zum Brücken- 
bau zu zeichnen und ihm Sina wirklich für 1 50.000 fl. Actien offen gelassen 
habe, die er nun mit Gewinn weiter geben könne, er jetzt aber Gründe habe, 
von diesem Geschäfte abzustehen, er daher den Baron aus dem Worte lasse. 
Hierauf antwortet Baron Sina in einem sehr charakteristischen Briefe : 

«Hochgebomer Graf, Sehr geehrter Freund I Ich antwortete auf Ihr Schrei- 
ben vom 1 -ten August 1839 deshalb nicht früher, weil ich unmöglich glauben konnte, 
da88 Sie sich einem Unternehmen im vollen Emnt entziehen wollten, welches Sie 
zuerst in Anregimg brachten, und zu dessen Gelingen Sie so viel beitrugen. Da Sie 
indessen auf Ihr Ansinnen durchaus bestehen, imd mich um eine Antwort so oft 
angegangen sind, so muss ich Ihnen geradezu erklären, dass ich den Bau der Ofen- 
Pester Brücke nie unternommen haben würde, wenn Sie mich dazu nicht überredet 
und sich mir angetragen hätten, auch in finanzieller Hinsicht die Cliancen des Ver- 
lustes sowohl, als des etwaigen Gewinnes mit mir tragen zu wollen. Nachdem nun 
das schwierigste der Arbeit erst zu vollenden sein wird, und ohne Ihnen schmei- 
cheln zu wollen, es im Interesse des ganzen Unternehmens liegt, dass Sie an selbe 



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äLOSSEN ZUR BULOARISG^EN ZAREN -OENEALOaiB. 



Ii5 



anch in finanzieller Hineicht gebunden sein sollen : so werden Sie es mir nicht übel 
deuten, wenn ich Ihren Antrag nicht annehmen kann, und femer darauf beharre, 
dass Sie ad vires von 150.000 fl. E.-M. in dem fraglichen Bau beteiligt bleiben* 
Mit vorzüghcher Hochachtung verharre ich, Hochgebomer Graf, Wien den 3-ten 
Februar 1840. Ihr gehorsamster Diener und Freund Georg Freiherr v. Sina.» 

Der vorliegende Band endigt mit dem Jahre 1839 und wir scheiden 
mit der mannigfachsten Belehrung von demselben. Die Herausgabe dieser 
Briefe, welchen bislang noch keine rechte Würdigung zuteil geworden ist, 
wird sich immer mehr als höchst werthvoUer Beitrag zur Culturgeschichte 
Ungarns und zur Charakteristik des Regenerators unseres Landes heraus- 
stellen. Man wird sich an dem Feuereifer, an der Zähigkeit, an der Umsicht 
und Geschäftskenntniss Szechenyi's, dessen Gehirn vollkommen gesund war 
trotz aller Leberkrankheit, ein Beispiel nehmen können, man wird aber auch 
bescheiden werden im Hinblick auf die fürchterlichen Kämpfe, welche noch 
vor 50 Jahren wegen einzelner bedeutender Neuerungen, wie Kettenbrücke, 
Nationaltheater, Dampf mahlen, Donau-Dampfscbifffahrt und ähnlicher 
Institutionen, bestanden werden mussten. Die gütige Vorsehung hat Ungarn 
sehr viel Zeit zur Einholung seiner Culturversäumnisse gelassen. Heute geht 
zwar schon Vieles in raschem, beinahe zu raschem Tempo, aber wer weiss 
es, ob nicht die Zeit unser teuerstes Gut ist, mit welchem wir in vielen 
Dingen weit sparsamer umgehen sollten, damit der ungarische Staat noch 
vor dem Sturm unter sicheres Dach gebracht werde ? Ad. Silbbrstein. 



GLOSSEN ZUR BÜIXMRTSCHEN ZAREN-GENEALOöTE. 

(Sohluss.) 

16. Der Despot Jakob Svetslav. 

Im Wenzerschen «Codex Arpadianus continuatus» XH. pag. 8, Nr. 3 
stossen wir auf eine Urkunde ddo. 10. Dezember 1270, mittelst welcher König 
Stefan V. von Ungarn den Ban Ponych mit den Gütern des treulosen 
Nikolaus, des Sohnes des Obergespans Arnold beschenkt Unter Ponych's 
Verdiensten wird in der Urkunde Folgendes angeführt : « Porro mm Zvetis- 
laus Bulgarorum Imperator, carissimus gener noster, 
tunc nostre Majestati opposüus, terram nostram de Zeurina miserabfliter 
deuastasset, nos injuriam nostram hujusmodi propulsantes, ctun ad Bulga- 
riam congregato exercitu venissemus, dictus Ponych Banus ibidem incepte 
fidelitatis ardore äagrans castrumP/^^/2. Bulgarorum obtinuit expugnando.» 

Um diese merkwürdige Stelle zu erläutern und den «gener«> (Zve- 

üngmrlwhe Berae, XL 1891. 11. Heft. ^q 



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Ii6 GLOSSEN ZUR BULaARIßOHEN ZAREN -GENEAIiOÖIE. 

tislaus^ Imperator der Bulgaren) Stefans V. kritiscb-genealogisch zu wür- 
digen, müssen wir etwas tiefer in die Vergangenheit greifen. 

Die Beziehungen des ungarischen Hofes zu Bulgarien hatten durch 
den im Jahre 1237 erfolgten Tod der ungarischen Prinzessin Maria, der Gattin 
des Bulgarenzaren Johann Asßn ü. durchaus nicht aufgehört; selbst 
der Umstand, dass Maria's Söhne kinderlos gestorben, änderte an diesen 
Beziehungen nichts ; wir finden, dass teils durch die eheliche Allianz, teils 
durch die Anregung des päpstlichen Stuhles ein manchmal stärker, manch- 
mal schwächer sich manifestirendes Bestreben der ungarischen Könige auf- 
tauchte, sich in die Angelegenheiten Bulgariens zu mengen und sich daselbst 
eine Fräponderanz zu schaffen. 

Dieses den regierenden Kreisen und einzelnen mächtigeren Boljaren 
sicherlich nicht genehme Streben des imgarischen Hofes war jedenfalls der 
Anlass zu jenen in den letzten Jahren B^las lY. so häufig erfolgten Guerilla- 
kämpfen zwischen Ungarn und Bulgarien, die wir ebensowenig politisch wie 
strategisch kennen und von denen uns nur die Urkunden einige Kunde 
geben. Mir sind ausser der schon citirten noch folgende diesbezügliche docu- 
mentarische Daten bekannt : 

1. In einer seinem Oberstallmeister Dionysius (aus dem Geschlechte 
Tomaj) 1235 ausgestellten Donationsurkunde ^ spricht Bela lY. von einem 
vor 1235 erfolgten Feldzuge in Bulgarien. Dionysius ist gelegentlich eines 
Ausfalles der von den Ungarn belagerten Besatzung des bulgarischen Castells 
Widin (= Budung) mit derselben ins Handgemenge gerathen und hat sie, 
ohne verwundet zu werden, in das Castell zurückgedrängt. Während des- 
selben Feldzuges wurde Dionysius auch gegen die Truppen des Prinzen 
Alexander, des Bruders des Bulgarenzaren, der durch seine Guerillakämpfe 
häufig das Gebiet der zerstreuten Ungarn verwüstet und den "^ Obergespan 
der Szekler gefangen genommen hatte, geschickt. 

2. 1260 schenkt Stefan V. dem Torda, Sohne des Györ« das imZalaer 
Comitate gelegene Grundstück Cheusy. «Quod idem Torda de nostro man- 
dato in acie domini sui in Bulgariam proficiscens ibidem exhibuit laudis 
merita recolende obponens se pro alüs exercitu Bulgarorum pro honore 
regio fortune casibus se committere non formidans.» 

3. 1262 ^ belohnt ß61a IV. den Merse und dessen Bruder Nicolaus, 
die Söhne des Benedikt, weil Merse «fidelis juvenis noster» sowohl in Bulga- 
rien, als gelegentlich anderer Expeditionen des Königs demselben grosse 
Dienste geleistet ; speziell ist während des bulgarischen Feldzuges Nicolaus 
im Gefechte «circa coronam nostrse regise maiestatis fideliter dimicando» 

' Fejör, Cod. diplom. IV. 1. 21—27. 
« Hazai okmÄnyt&r VI. 105/68. 
• Fej^r IV. 3, 60. 



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aLÖSSEK ZUB BULGARISOHBN ZAKBN-GBNEALOOIB . 



U? 



gefallen und hat Merse trotz seiner lebensgefährlichen Verletzungen tapfer 
fortgekämpft. 

4. 1263 ^ schenkt Stefan Y. dem Grafen Jakob de Pank einige zum 
Schlosse üng gehörige Besitzungen für seine Verdienste «specialiter quando 
habuimus pugnam in regno Bulgarie sitbtus civitatem Budun nuncupatam.* 

5. 1264, am 13. April* schenkt Bela IV. dem Meister Lorenz, Judex 
Aul» und Obergespan des Wieselburger Comitats, einige im Comitate 
Baranya gelegene Güter und begründet diese Donation unter Anderm 
folgendermassen : «als schliesslich der Uebermut der Bulgaren zur Zeit 
des zwischen uns^ dem Könige von Böhmen und dem Herzoge von Oester- 
reich und Steiermark geführten Krieges unser Severiner Banat feindlich 
verwüstet und die meisten unserer Barone die Verteidigung dieses Ba- 
nates nicht übernehmen wollten, trotzdem wir dieselben hierzu öfters 
aufgefordert, war es der mehrerwähnte Lorenz, der, nachdem wir ihm 
das genannte Banat übergaben, das Bulgarenheer besiegte, dessen Baub 
und Beute abnahm und einige Bulgaren längs des Donauufers auf- 
hängen Hess, und so durch Niederschlagen ihrer bösen Pläne das genannte 
Banat in seinen früheren guten Stand brachte und unserer Majestät zurück- 
gewann. ...» 

6. 1269* werden die Brüder Gosztony belohnt. Es heissthier: «In 
Anbetracht der Treue und der verdienstvollen Leistungen Nicolaus' und 
Michsels, der Söhne Nicolaus' von Gosztun, die sie sich in Bulgarien vor den 
Augen unserer Majestät im vorzüglichen Kampfe unter unserer Fahne 
lobenswert errungen, indem sie namentlich unter der Fahne unseres Taver- 
nicus Aegydius, unter mannigfachen Wechseln und Todesgefahr unsere 
bulgarischen schismatischen Feinde ganz bis zum Schlosse Turnow 
(= Tmova) auf unseren Befehl zu verfolgen, zu plündern und einzufangen 
nicht zögerten, sondern nach Art des brüllenden Löwen die Spuren des 
Feindes verfolgend, zu unserem, des Reiches und der Krone Glücke das 
feindliche Gebiet zerstörten und die gefesselten Gefangenen uns zu- 
führten. ...» 

7. 1270^ erfolgt Stefans V. Donation an den Oberstallmeister Bainald, 
den Ahn der Bozgonyi. Es heisst: «Als wir noch zu Lebzeiten unseres 
Vaters (Bela IV.) das Herzogtum Steiermark innehatten, zeichnete sich 
Meister Reynoldus mit seiner tüchtigen und bewaffneten Familie in unserem 
Heere, welches wir unter der Anführung noch anderer Barone nach Grie- 
chenland geschickt, vor den Augen Aller gelegentlich des Angriffes und der Ver- 

' Hazai okmÄnytÄr VL 116/78. 
» Fej4r IV. 3, 196. 
» Fej^r IV. 3, 525. 
* Wenzel. XII, 12. 

10* 



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I4f8 GLOSSEN ZUR BULOAMSCHEN ZAREN -OENEALOGlti. 

Wüstung des griechischen Reiches als tapferer Soldat aus. Nachdem er aus 
diesem Feldzuge glücklich zurückgekehrt, hat der genannte Meister Bey- 
nold nachträglich fünfmal, zweimal unter unserer persönlichen und drei- 
mal unter der Anführung anderer unserer Barone an den Feldzügen in Bul- 
garien Teil genommen, und indem er sich nicht scheute den mannigfachen 
Eriegsgeschicken die Stirne zubieten, lobenswerte Erfolge errungen » 

8. 1273 ^ schenkt Ladislaus IV. dem Nicolaus, dem Sohne Buda's, die 
Besitzung Magyar- Rokolan im ZalaerComitate und führt unter den Verdiensten 
des Beschenkten Folgendes an : «als dieser Nicolaus zur Verteidigung der 
königUchen Krone, damals als unser Vater sein Heer gegen die Bulgaren 
entbot, mit seinem Bruder Caslou, der Todesgefahr Trotz bietend, vor dem 
Schlosse Budun (= Widdin) unter Anrufung des Namens Christi, sich 
mächtig auf die feindlichen Schaaren stürzte, einige derselben mit seinem 
Schwerte tödtete, andere siegreich in die Flucht schlug oder gefangen 
nahm ...» 

9. 1274 ^ beschenkt Ladislaus IV. den Peter v. CsÄk dafür, dass «cum 
idem carissimus Pater noster in Bulgariam pro pulsandis injuriis confinii 
regni sui insultum faceret, idem Magister Petrus ut leo fortissimus, cuius et 
insigna gessit in vexiUo, postposito timore mortis imminentis in adversa 
Bulgarorum acie militans, victoriam magnificam reportavit. » 

10. 1278 am 1. September^ schenkt Ladislaus IV. dem Grafen Peter, 
dem Sohne Dorogs (aus dem Geschlechte Gutkeled) die Besitzung Szekelyhid 
und führt unter des Beschenkten Verdiensten an: «qui (Peter) in quadam 
expedicione predicti gloriosi Regis Stephani patris nostri sub Budum, rela- 
tionibus veridicis, fertur letale vulnus dimicando cum hostibus excepisse . . ■ 

11. 1279 am 21. Juni* sagt Ladislaus IV. von den Söhnen Kilian's 
V. Saagh, Amanus und Uz: «quia tempore Domini Stephani Illustris Regis 
gloriosse recordationis, parentis nostri charissimi, tunc cum suam ad juris- 
dictionem, potestatem seu Regnum Bulgarin subjugavit. ...» 

Durch die Heirat des jungen Bulgarenzaren Michael Asön (Sohnes 
Asßn's n.) mit der Tochter Rostislavs, Bans von Macsö, Schwiegersohnes 
B61a's IV. — um 1255 — nahmen — wie wir wissen — die Beziehungen 
des ungarischen Hofes zu Bulgarien eine festere Gestalt an. Rostislav ver- 
mittelte im Frühjahre 1257 einen Frieden zwischen seinem Schwiegersohne 
und dem Kaiser Theodor II. von Nikaea, und als nach Michaelas Ermor- 
dung Rostislav, die Ehe seiner Tochter mit Eoloman II. nicht billigend, mit 
einer Armee gegen Tirnova zog, musste Eoloman die Flucht ergreifen und 
wurde auf derselben getödtet. 

^ Hazai oklev^lt4r 67/59. 

* Fej^r V. 2. 174/5. 
^ Wenzel IX. 196. 

* Fej^r VII. 2. 73. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 



149 



Wie wir oben gesehen^ unterliegt es keinem Zweifel, dass sich 
Rostislav durch diesen Sieg zum Herrn der Situation in Bulgarien empor- 
geschwungen, dass er sich urkundlich Imperator Bulgarorum genannt 
und dass selbst bulgarische Truppen auf ungarischer Seite gegen Ottokar 
von Böhmen kämpfen mussten. Der kräftigste Ausdruck seiner Oberherr- 
schaft aber war, dass er den Mytzes, den Schwager des ermordeten Zaren 
Michael zum Könige der Bulgaren unter seiner und — da er selbst auch 
ungarischer Vasall war — ungarischer Oberhoheit einsetzte. Dass aber 
Bostislav seine Erfolge in Bulgarien dem Eingreifen ungarischer Truppen 
zu verdanken hatte, ist selbstverständlich. 

Da Mytzes 1258/9 durch Konstantin verdrängt wurde, ward eine kräf- 
tigere Unterstützung desselben seitens Ungarns notwendig ; hierzu gesellte 
sich noch das Abwehren der, in Folge dieser Einmischung der Ungarn, die 
ungarischen Grenzen verwüstenden Bulgaren, unter denen wir aber nicht 
ausschliesslich die Truppen des Zaren Konstantin zu verstehen haben, son- 
dern die Unterthanen und Söldner auch mancher einzelner bulgarischer 
Dynasten, die im Trüben fischen wollten. Diese Periode ist es nun, in der 
.sich der jüngere König Stefan zu wiederholten Malen in bulgarischen Feld- 
zügen thätig erwies. Laut der Urkunde 7) geschah es zweimal imter seiner 
persönlichen Anführung, dreimal unter jener seiner Generale. Zum ersten 
Male befehligte er persönlich das Heer vor Widin (Urkunde Nr. 4). Das 
zweite Mal nahm er persönlich Teil an jenem Feldzuge, in dem sich die 
Brüder Gosztony auszeichneten (Urkunde Nr. 6), und drang bis Timova 
vor. Dass sich Mytzes in den gebirgigen Gegenden Bulgariens längere Zeit 
gegen seinen Gegner halten konnte, hatte er offenbar Stefans Unterstützung 
zu verdanken, und da dieser — wie es urkundlich festgestellt ist * — selbst 
Widin eingenommen, so is es leicht erklärlich, dass sein Ansehen in Bul- 
garien dem eines Oberherrn in Nichts nachgestanden haben mag, was übri- 
gens Liadislaus IV. in der Urkunde Nr. 1 1 genug deutlich bestätigt. 

Der neuerlich erfolgte Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Stefan 
und seinem Vater hatte zur Folge, dass Konstantin den von Stefan nicht 
mehr unterstützten Mytzes 1265 in die Flucht jagte; — wie wir wissen, zog 
Mytzes zuletzt an den griechischen Hof. 

Die Urkunde vom 10. Dezember 1270 zeigt nun, dass trotz der Flucht 
des Mytzes die ungarisch-bulgarischen Feindseligkeiten nicht aufgehört 
hatten ; sie deutet einen Feldzug Stefans, resp. des Bans Ponych, zur Vertei- 



* lieber die Einnahme Widins aussein sich die Chronisten folgendermAssen : 
KSzat IV. 13: «Dieser (Stefan V.) brachte auch die Stadt Budun unter seine 

Herrschaft, und zwang, so lange er lebte, den Herrn der Bulgai*en zum Gehorsam.» 
Turöczi n. 77 : *«qui . . prseterea Budam oivitatem Bulgarorum expugnavit et 

Bulgaros superavit, Eegem eorum sibi compulit deservire,! 



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150 GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN- GENEALOGIE. 

digUDg des von den Bulgaren verwüsteten Severiner Banates an^ welcher 
Feldzug etwa zwischen die Jahre 1267 — 1269 fällt; die Urkunde zeigt aber 
auch; dass damals der Feind der Ungarn nicht Zar Konstantin, sondern 
•Zuetislaus Imperator Bulgarorumi gewesen, der vordem 10. Dezember 1270 
sich der Majestät Stefans entgegengestellt, am 10. Dezember 1270 aber als 
«gener» Stefans der allergetreueste Schützling Ungarns geworden. 

Wer ist dieser «Zuetislaus, Imperator Bulgarorum», was haben wir 
von seiner genealogischen Verknüpfung mit der Familie Stefans V. zu hal- 
ten ? Im Jahre 1262 kommt der Name dieses Mannes — Jakob Svetslav's — 
zum ersten Male vor. Damals sandte er dem Kiever Erzbischofe Kyrill III. 
eine Abschrift des Nomokanons, wobei er seine Abstammung in dem Begleit- 
schreiben folgendermassen angibt : «Vseja ruskyja zemli, blagoderzavnago 
rodia mojego, ich ie otrasl i korön az bych svjatych ot*c mojich.» * Er nennt 
sich also einen Nachkommen russischer Fürsten, und da der Name Svjae- 
toslav bei den Burikiden oft genug vorkommt, mag auch er (vielleicht nur 
von mütterlicher Seite) dieser Familie entsprossen sein. 

Während der Begierung Konstantins treffen wir ihn als selbständigen 
Despoten in den Balkangegenden (Jire6ek meint: f vielleicht im Western, 
unsere Urkunde ddo. 10. Dezember 1270 gibt durch Anführung Plevna's 
näheren Aufechluss) und ist er den Byzantinern als «Sphenthostlabosi 
bekannt. Dieser mächtige Boljar hatte wahrscheinlich die Jahre 1260 — 1270 
dazu benützt, um sich auf Kosten des Mytzes und Konstantins ein Gebiet 
zu erwerben, über welches er als selbständiger Souverain^ quasi als Nebenzar 
des regierenden Zaren von Bulgarien herrschen wollte. Durch Verheiratung 
mit einer ihrem Namen nach unbekannten Tochter des Kaisers Theodor U. 
von Nikaea ** kam Svetslav in äusserst vornehme Verwandtschaft Die 



* Vostokov, Beschreibung der Codices der Bumjancover Bibliothek (russisch), 
ßt-Petersburg 1842, pag. 290. 

*'•' Theodor 11. war 1258 gestorben und hatte ausser der an Konstantin ver- 
mählten Irene und der veruiälilten Maria noch drei Töchter hinterlassen. Michael 
Palaiologos heeilte sich dieselhen an nicht allzu vornehme imd mächtige Männer zu 
vermälilen, um ihnen dadurch jede Lust und MögUclikeit zur Geltendmachung ihrer 
Ansprüche auf ihres Vaters Erbschaft abzuschneiden. Theodor's Töchter sind also 
folgendermassen vereheUcht: 

a) Maria | vor 1265, Gem. September 1256 Nikephor I., nachmaliger Despot 
von Epiros (reg. seit 1271 f 1296.) 

b) Irene f 1270, vermählt 1258 mit Konstantin von Bulgarien. 

c) Anonyma, vermählt mit dem Despoten Jakob Svetslav. 

d) Theodora, verm. mit Mathias von Valainoourt. 

e) Eudokia, vermählt mit Wilhelm Peter (Balbo), Grafen von VentimigHa. 
Aus dieser Ehe stammten die Laskaris in der Grafschaft Nizza. Man leitet die Venti- 
miglia von Konrad ab, dem vierten Sohne des Markgrafen (und Kaisers) Berengar 
von Ivrea und der Gisela, der Tochter Boso's von Toskana. Das Haus spaltete sich in 



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GLOSBEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 151 

älteste Schwester seiner Gattin war seit 1256 an den Kronprinzen von 
Epiros^ die zweite seit 1258 an den regierenden Zaren Konstantin von Bul- 
garien vermählt und — was die Hauptsache gewesen sein musste — als 
Tochter der Helene von Bulgarien war seine (jattin eine Enkelin der unga- 
rischen Königstochter Marie. * 

Durch seine Erfolge übermütig geworden, und stolz auf die vor- 
nehme Verschwägerung, mag ihm vielleicht das Entgegenkommen des noch 
stolzeren Stefan nicht so entsprochen haben, wie er es erwartet hatte. Die 
Urkunde Stefans vom 10. Dezember 1270 beweist, dass zwischen 1267/69 
Svetslav es war, der das Severiner Banat mit seinen Kaubzügen heim- 
suchte. — Von den Ungarn geschlagen, vom Zaren Konstantin und wahr- 
scheinlich auch vom griechischen Hofe keine Sympathien erhoffend, fand er 
es zur Sicherung seines Besitzes und seiner Herrschaft angezeigt, sich an 
Stefan V. von Ungarn anzuschliessen und sich ganz und gar unter unga- 
rische Aegide zu begeben. Dies ist sicherlich die Genesis des «genert und 
des «Imperator Bulgarorum.» 

Im Geiste der damaligen Zeit konnte man sich ein politisches Schutz- 
und Trutzbündniss ohne eheliche Allianz nicht einmal vorstellen ; Stefan V. 
verlobte daher eine seiner Töchter dem Despoten Jakob Svetslav, und daher 
ist es erklärlich, dass er seinen Schwiegersohn zum Imperator Bulgarorum 
avanciren liess ; der Imperator Bulgarorum war noch lange kein Imperator 
GermaniflB, und dann war ja das Ganze nur ein Schachzug gegen den Zaren 
Konstantin von Bulgarien. Der ehelichen Allianz ging aber auch eine zwi- 
schen Stefan und Svetslav abgeschlossene Militärconvention voraus. 1270 
belohnt nämlich Stefan ** die Brüder Peter und Jakob, Söhne Samsons aus 
dem DorfeGerend, für ihre militärischen Verdienste, die sie sich u. A. während 
jener Expedition erworben, die Stefan unter Commando der Wojwoden 



mehrere Zweige ab. Wilhelm Peters Mutter soll eine Balbo gewesen sein. Er konmit 
1278 und 1285 in einem zwischen seinem jüngeren Bruder Peter und Karl I. von 
Anjou geschlossenen Vertrage vor. Kurz vor der Vertreibung Balduins II. aus Kon- 
stantinopel befand er sich in dieser Stadt und daher rührt seine Bekanntschaft mit 
Michael Palaiologos, der die Eudokia Laskara ihm vermählte. 

Walirscheinlioh sind sämmtliche drei Schwestern gleichzeitig und bald nach 
Michaels Tronbesteigung vermälilt worden. K^ri (Hist. Byz. 101 ) setzt die Vermählung 
der Anonyma mit «Sventistlavus, dem Herrn einer gebirgigen Landschaft in Bul- 
garien» auf 1262. Die Angabe des Mor^ri'schen und Zedler'schen Lexikons (unter 
Berufung des Letzteren auf AkropoUta, Spondanus, Ducange etc.), dass der Gemahl 
dieser unbekannten Prinzessin ein bulgarischer Herr Namens Wenzel sei, ist dahin 
zu erklären, dass das griechische cSphenthosthlabos» von diesen Autoren für einen 
gracisirten Wenzel gehalten wurde. 

* Vgl. meine Stammtafel der Aseniden in dem oben zitirten ungarischen 
Werke. 

** Hazai okmanytar VI. 166, 



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152 GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

Nicolaus und Ladislaus zur Unterstützung Zuetislaus' gegeti die Griechen 
abgeschickt. Bezüglich der Zeit dieser ehelichen Allianz ist Folgen- 
des zu bemerken. Aus der Fassung der Urkunde ist allerdings nicht zu 
entnehmen, ob Svetslav vor oder nach dem Feldzuge Ponych's der gener 
Stefans geworden ; mir scheint jedoch das Letztere fast unwiderleglich, denn 
das ftunc nostrse Majestati oppositust scheint darauf hinzudeuten, dass 
8tefan damit sagen will, es sei Svetslav vor dem Feldzuge noch nicht sein 
gener gewesen ; er will mit diesem Passus gewissermassen erklärlich machen, 
wie so es komme, dass er seinen einstigen Gegner jetzt als carissimus gener 
noster bezeichnet. Svetslav's erste Gattin, die nikäische Eaiserstochter, dürfte 
zur Zeit dieses Verlöbnisses wohl nicht mehr gelebt haben; übrigens 
wäre sie selbst in diesem Falle kein Hindemiss zum Abschlüsse der neuen 
Allianz gewesen, da ja fast jeder serbische, bulgarische Herrscher, wenn sich 
ihm eine vornehmere oder vorteilhaftere Gattin in Aussicht stellte, seine 
erste Gemahlin nach Belieben verstiess. Zar Konstantin ging ja hier mit dem 
Beispiele voran, als er zur Zeit seiner Tronbesteigung seine erste Gattin 
verstiess, um Theodor's II. Tochter zu heiraten. 

Ob nun unter «gener» wirklich ein Schwiegersohn Stephans V. zu verste- 
hen sei, scheint mir heute nur im bejahenden Sinne beantwortet werden zu 
können. Es ist allerdings wahr, dass die Arpäden manchmal von einem gener 
sprechen, der nicht die Tochter desjenigen zur Gattin hat, der die Urkunde 
ausstellt, und dass unter « gener » oft nur ein Gemahl einer Ärpäden-Frinzessin 
überhaupt verstanden wird; insolange aber nicht der Nachweis geliefert 
wird, dass Svetslav eine Andere als Stephan 's Tochter erhalten, müssen wir 
in diesem gener Stephan's den Verlobten oder Gemahl seiner Tochter er- 
kennen. Uebrigens ist in der Beihe der uns aus jener Zeit bekannten unga- 
rischen Prinzessinen keine einzige vorhanden, auf welche dieses Verhältniss 
mit Svetslav anderswie passen würde. 

Welche von Stephan's Töchtern Ende 1270 mit Svetslav verlobt oder 
vermählt gewesen, lässt sich nicht bestimmen. — Katharina war damals 
schon mit Stephan Dragutin von Serbien, Maria mit Karl von Neapel ver- 
mählt. Sollte es die nachmalige Nonne Elisabeth gewesen sein ? Ich glaube 
nicht, weil sie 1. schon 1270 urkundlich als im Kloster anwesend angeführt 
wird und weil 2. schon im nächsten Jahre Svetslav im Friedensvertrage 
zwischen Stephan V. und Ottokar von Böhmen* do. 3. Juli 1271 nur mehr 
als «Svetislaus Imperator Bulgarorum» ohne den Zusatz « gener • vorkommt, 
wo hingegen Stephan Dragutin, Andronikos Palaiologos und Andere als 
Schwiegersöhne und Verschwägerte Stephan's V. genannt werden. Da nun 
das freundschaftliche Verhältniss zwischen Stephan und Svetslav, wie wir 
aus dem Friedens-Instrumente ersehen, nicht aufgehört hat, deutet die Ab- 

ir V. 1. 124^-126. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 153 

Wesenheit des Wortes «gener» höchstwahrscheinlich an, dass Svetslav's Ver- 
lobte (oder Gattin) zwischen dem lO.December 1270 und 3. Juli 1271 gestor- 
ben sein muss ^ und dass demzufolge zwischen Maria und Elisabeth noch 
eine Tochter Stephan's einzuschalten sei. 

In einem Schreiben des Bischofs von Olmütz, Bruno von Schauen- 
bürg, an Papst Gregor X. do. 1272*, kommt folgende Stelle vor: «Due 
filie Begis Ungarie Buthenis, qui sunt scismatici, desponsati» fuerunt. Soror 
juvenis hujus Begis Yathatio est tradita, Ecclesie inimico». Unter den an 
Bussen vermählten Königstöchtern haben wir Bela's lY. Töchter Anna und 
Konstanze zu verstehen. — Die Bedeutung der dem kirchenfeindlichen 
f Vathatius» übergebenen Prinzessin ist schwerer zu klären. Sicher ist, dass 
unter der Schwester des jungen Königs eine Tochter Stephan's V. zu ver- 
stehen sein muss. Nun hat aber den Namen • Vatatzes» (= Vathatius des Bi- 
schofs Bruno) meines Wissens nur der am 30. Oktober 1254 gestorbene 
Kaiser von Nikaea, Johann (lH.) Dukas geführt, während sein Sohn Theo- 
dor II. und sein Enkel Johann IV. den Namen Laskaris vorzogen; Letzterer — 
bereits am 25. December 1261 geblendet und in Dakibyza eingekerkert — 
scheint überhaupt nicht vermählt gewesen zu sein. 

Ich glaube nun, dass sich Bruno's Angabe einzig und allein auf Anna, 
die Schwester des jungen Königs Ladislaus IV. (Tochter Stephan's V) bezieht, 
welche 1272 als Gemahlin des griechischen Kronprinzen Andronikos, Sohnes 
des Kaisers Michael Palaiologos, sich am Hofe zu Konstantinopel befunden. 
Michael oder sein Sohn dürften entweder auch den Namen Vatatzes geführt 
haben, oder hat ihn der Bischof, als bezeichnend für einen der abendlän- 
dischen Kirche feindlichen Fürsten, wie ein solcher Johann III. gewesen, 
den Palaiologen eigenmächtig beigelegt. Sollte aber meine Annahme sich 
nicht bestätigen, so hätten wir es hier mit einer auf der Stammtafel der 
Ärpäden noch nicht untergebrachten Tochter Stephan's V. zu thun, die mög- 
licherweise auch mit dem Despoten Svetslav in Verbindung zu bringen 



wäre. 



8 



Nach Pachymeres hatte unser Despot ein tragisches Ende gefunden. 
Konstantin's Gemahlin Maria Kantakuzena, die während der Krankheit ihres 
Gatten die Begierung in ihren Händen hatte und die Zukunft ihres unmün- 

* Es wäre denn, dass die Verlobung noch vor dem 3. Jtdi 1271 mit gegenseitiger 
Uebereinstimmung und ohne Schädigung des freundschaftlichen Verhältnisses gelöst 
worden wäre. 

« Wenzel IV. 10/6. 

^ Engers Vermutung, dass Svetslav sich deshalb an den ungarischen Hof 
angelehnt, weil Stefans Tochter Anna 1271 an den griechischen Tronfolger vennählt 
worden, wird durch unsere Urkvmde widerlegt, da Svetslav schon 1270 Stefans 
cgeneri war. Eher mochte die Annäherung Konstantins an Kaiser Michael 1270 
(Vermähltmg mit des Kaisers Nichte) hier mitgewirkt haben. 



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154 GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 

digen Sohnes Michael gegen alle Eventualitäten sichern wollte, fürchtete, der 
mächtige Svetslav könnte dem Prinzen einmal hindernd in den Weg treten. 
Um den Despoten einzuschläfern, bot sie ihm das Thronfolgerecht an, wenn 
er sich von ihr als jüngerer, zweiter Sohn adoptiren lassen wolle. Der alte 
Mann machte sich so lächerUch, dass er sich in Timova vor dem Altare, 
beim Scheine vieler Kerzen, durch Umschlagung des Mantels der jungen 
Zarin in den jüngeren Bruder des sechsjährigen Michael verwandeln liess. 
Kaum durch den Titel « Sohn der Königin der Bulgaren, als zweiter nach 
dem Knaben Michael» eingeschläfert, liess die ränkevolle Zarin ihn und 
seinen Anhang heimUch aus dem Wege räumen. 

Von etwaigen Nachkommen Svetslav's haben wir keine Kunde. 

17. Die Terterijden. 

Johann AsSn m. war noch kaum auf dem Trone, als Kaiser Michael die 
Wahrnehmung machte, dass sein SchützUng nicht der Mann sei, die Krone 
für die Dauer zu behaupten ; somit musste dafür Sorge getragen werden, den 
Leiter der mächtigsten und einflussreichsten Partei in Bulgarien auf des 
schwachen Zaren Seite zu bringen. Dieser Parteichef war Gborg Terterij. * 

Seine Abstammung ist unbekannt ; wir wissen nur, dass sein Vater ein 
Kumane, seine Mutter mit den vornehmsten bulgarischen Familien ver- 
wandt gewesen. Die Lockungen des Hofes und eine ihm von griechischer 
Seite offerirte eheliche Verbindung mit einer Prinzessin thaten das Ihre, um 
den Mächtigen an den Hof zu ketten; zudem erhielt er den Despotentitel. 

Alles dies half aber der griechischen Politik dennoch nicht. — Der todt- 
geglaubte Ivajlo erschien plötzlich vor Tirnova und schlug zweimal die ihm 
entgegengestellten griechischen Truppen ; der ehrgeizige Terterij fand jetzt 
mehr als je Gelegenheit seinen Einfluss zur Erlangung der Krone geltend 
zu machen, und als Johann Äsen schmählich die Flucht ergriffen, ward 
Georg I. Ende 1280 zum Zaren gekrönt. Selbstverständlich verfolgte der 
neue Zar eine griechenfeindliche Politik. Er verbündete sich mit den 
Gegnern des griechischen Hofes : Karl von Anjou-Neapel und Johann Fürsten 
von Neopatrae. 1284 schloss er indess mit Kaiser Andronikos IL Frieden. 
1285 brachen Nogaj's Tataren in Bulgarien ein und Terterij konnte nur 
durch Aufopferung einer seiner Töchter seinen Tron behaupten ; doch nicht 
lange dauerte seine Sicherheit. Durch die fortgesetzten Drohungen des Ta- 
tarenkhans eingeschüchtert, floh er zum Kaiser, um diesen zu Hilfe zu ru- 
fen ; in der Nähe von Adrianopel hielt er sich so lange auf, bis ihn die Grie- 
chen in Haft nahmen. Auf die Kunde seiner Flucht setzte der Khan (um 

* So Bchreibt diesen Namen Jirecek nach den Worten des Pomenik : Terterija 
starago. Bei den Byzantinern heisst er TipteprJ^. Der Papst nennt ihn cEönig Oeoig.i 



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OLOBSEN ZXJB BUL6ABIS0HEN ZABEN-OENEAL06IE. 



155 



1292) in der Person des Smiltzes (siehe 18.) einen neuen Zaren ein. Als aber 
des Georg Sohn Svetslav in der Folge znm Throne gelangte und (um 1298) 
mit Griechenland Frieden schloss, befand sich unter den beiderseits aus- 
gewechselten Gefangenen auch Georg I. Dieser erhielt nun wohl seine Frei- 
heit, nicht aber den Tron ; sein Sohn wies ihm eine anständige Apanage 
an, dass er den liest seiner Tage vergnügt und sorgenlos verleben könne. 
Wann und wo er gestorben, ist unbekannt. 

Georg's erste Gemahlin war eine Bulgarin, des Namens Maria. ^ Engels 
Angabe, sie sei eine Schwester des Boljaren Eltimeres gewesen, ist falsch, da 
wir heute Eltimir als Georges Bruder kennen. Als nun Georg 1 280 sich dem 
griechischen Hofe anschloss, verstiess er Maria mit ihrem ältesten Sohne 
und überlieferte sie dem Kaiser, der sie in Nikaea bewachen liess. 

Als nach Georg's Krönung die bulgarische Geistlichkeit die Zurück- 
berufung der Verstossenen urgirte, benützte er 1284 einen Frieden mit 
Andronik 11., um seine verstossene Gemahlin zurückzufordern, was ihm auch 
gelang ; seitdem sind die Schicksale dieser Zarin Maria unbekannt. 

Georg's zweite Gemahlin war eine Schwester des Zaren Johann 
As^n KL, gleichfalls Maria genannt. Sie wurde ihm 1280 vermählt, um ihn 
in das Interesse Johann Asän's und des kaiserlichen Hofes zu ziehen. — 
1284 sah er sich genötigt, um seine Geistlichkeit zu versöhnen, die Prin- 
zessin Maria nach Konstantinopel zurückzusenden. ^ Was weiter mit ihr ge* 
schah, ist unbekannt. 

Von Georg's Kindern kennen wir: 1. Zar Theodor Svetslav. 2. Voj- 
slav. 3. und 4. zwei, ihrem Namen nach unbekannte Töchter. Vojslav er- 
richtete nach dem Tode seines Neffen Georg n. ein unabhängiges Fürsten- 
tum im oberen Tundiatale mit der Residenz auf der Burg Kopsis. ^ Sein 
Gebiet umfasste vier Städtchen, seine Armee zählte 3000 Mann. ^ Im Bunde 
mit Andronikos dem Jüngeren belagerte er 4 Monate vergeblich Philippopel. 
Als Michael II. zum Zaren der Bulgaren gewählt worden, wollte er den 
Fürsten Vojslav unterwerfen. Er widerstand dem Angriffe ein ganzes Jahr, 
bis ihn die Unzufriedenheit seiner Unterthanen und der Mangel an Zufuhr 
im Frühjahre 1324 zur Flucht nach Konstantinopel nöthigten. Seine 
Familienverhältnisse sind unbekannt. 

Georg's ältere Tochter (geboren von semer bulgarischen Gattin) ist ein 
Opfer der Politik geworden. Als 1285 sich Nogaj's Tataren auf Bulgarien 
warfen, wusste sich Georg ihrer nicht anders zu erwehren, als dass er seine 



* Synodik (Pomenik) : «Maria, Gattin des Zaren Terter des Aelteren.« 

* Pachymeres ed. Bonn ü. 57. 

' Eantakozenos I. 172 ed. Bonn. 

* Durch Huldigung erhielt er vom griechiechen Hofe die Erlaubniss sich «Des- 
pot von Mysien» zu nennen. 



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156 GLOSSEN ZUR BULGARI8CHBN ZAREN -GENEALOGIE. 

Tochter dem Öoki, Sohne des Nogaj, vermählte. Wie wir wissen, schützte ihn 
dies aber doch nicht vor dem Verderben. Öoki (auch Czakas) * zog nach dem 
1293 erfolgten Tode seines Vaters abermals nach Bulgarien^ um daselbst, als 
Georg's Schwiegersohn, sich zum Zaren erklären zu lassen. Um seine Herr- 
schaft populär zu machen, nahm er den Bruder seiner Gattin, Svetslav, zum 
Mitregenten an. Kaum hatte aber Svetslav durch eine reiche Heirat sich ein 
Ansehen verschafft, Hess er Coki meuchlings ergreifen und im Gefängnisse 
erdrosseln (1:295). Des Ermordeten Kopf schickte er in die Krim zu dessen 
Feinden. Coki's Kinder aus der Ehe mit der Terterijdentochter sind unbekannt 
Auch was mit Coki's Witwe geschehen, wissen wir nicht ; aber es ist mehr 
als gewiss, dass sie sich nach ihres Gatten Ermordung an den Hof ihres 
Bruders begeben, weil wir sie in einer Action ihres Bruders aus dem Jahre 
1308 erwähnt finden. 

Die im Jahre 1302 in griechische Dienste getretenen Catalonier hatten 
sich nämlich, als ihnen die Griechen ihren Sold nicht zahlen wollten, von 
denselben losgesagt und auf eigene Faust eine autonome Körperschaft ge- 
bildet, die für Geld für Jeden und gegen Jeden zu haben war. 1308 knüpfte 
nun Svetslav mit einem der Chefs dieser Catalonier, genannt Boccaforte (bei 
Engel Eomofortus), Unterhandlungen an, um diese Schaaren zu einer Expe- 
dition gegen Byzanz zu gewinnen. Um Boccaforte's Zustimmung zu er- 
werben, schlug er demselben eine Heirat mit seiner Schwester, der Witwe 
6oki*s vor, doch führten die Verhandlungen nicht zu dem gewünschten Re- 
sultate. ** 

Georg's jüngere Tochter — Engel nennt sie Kotanicza — (geboren 
um li281 von der AsSniden-Prinzessin) war zweimal vermählt: 

a) 1296 mit dem Könige Stephan Urosch H. von Serbien. Bald nach 
der Heirat fand es aber Stefan Urosch geraten, sich mit dem griechischen 
Hofe zu liiren. Kaiser Andronikos H. der den häufigen Einfällen des ser- 
bischen Königs in griechisches Gebiet ein Ende bereiten wollte, bot dem- 
selben eine Falaiologentochter an und verfocht die Meinung, dass die Ehe 
mit der Bulgarin keine gesetzliche sei, weil zur Zeit ihrer Schliessung Ste- 
fan Urosch' erste (verstossene) Gemahlin noch am Leben gewesen. Da 
diese jetzt gestorben, sei der Serbenkönig erst Witwer geworden und dürfe 
er erst jetzt eine zweite Ehe eingehen. Stefan Urosch, der es in Sachen 
der Abwechslung des «ewig Weiblichen» nicht zu strenge nahm, verstiess 
nun 1298 die Bulgarin und lieferte sie dem Kaiser aus. 

b) Kaiser Andronikos 11. fürchtete, es könne Zar Svetslav die seiner 
Schwester angethane Schmach rächen wollen, und beeilte sich, die Sache 

* Bei Hammer auch Coke, Cuke. 

='^* Paohymeres II. 600—603, 606. Nach Engel 438 hat Svetslav seine verwit- 
wet« Schwester dem Bomofortus zur Gemahlin gegeben. 



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atiOSSEI^ ZÜK BtJLOAlUSCHBK 2ARE^-OENEALOOIE. 1-^>7 

irgendwie auszugleichen. Das beste Mittel hierzu glaubte er in einer Standes- 
massigen Verheiratung der Yerstossenen zu finden. 

Demetrius Angelos (auch Michael Dukas Eutrules)^ Sohn des Despoten 
Michael 11. von Epiros und der Theodora Petralipha, war in erster Ehe mit 
Anna, Tochter des ELaisers Michael VIII. (der einstigen Braut Milutins) ver- 
mählt gewesen. Witwer geworden, warf er seine Augen auf die in Griechen- 
land intemirte Tochter Terterij's. Andronikos IL kam die Sache sehr er- 
wünscht, und er negocürte mit möglichster Raschheit die Vermählung des 
Paares 1301. Diesmal war der Umstand, dass der Gemahl der Yerstossenen 
noch am Leben gewesen, kein Ehehindemiss I 

Michael führte den Titel eines Despoten von Fatras, den er gelegent- 
lich seiner Vermählung mit Anna erhalten ; diesen Titel erhielt nun Svetslav's 
Schwester. Diese hatte ihrem Gatten bereits mehrere (ihrem Namen nach un- 
bekannte) Kinder geboren, als es 1305 dem Kaiser schien, Michael habe 
grössere Aspirationen, als sich mit der Despoten- Würde zu begnügen. Am 
13. März dieses Jahres liess er ihn sammt seiner Gemahlin und seinen Kin- 
dern ohne Weiteres verhaften und seitdem spricht die Chronik nichts mehr 
von diesem Schwager Svetslav's. Die Zurücksetzung seiner Schwester be- 
schwor aber einen Krieg zwischen Bulgarien und Byzanz. 

Der Zar Theodor Svetslav. 

Aeltester Sohn Georg's I. aus dessen erster Ehe mit der bulgarischen 
Maria. Als diese 1280 Verstössen und nach Griechenland geschickt wurde, 
musste sie auch ihren Sohn Svetslav mit sich nehmen. Als sie 1284 wieder 
zu ihrem Gatten zurückgelangte, blieb Svetslav noch ferner in Griechenland, 
bis sich der Kaiser durch den bulgarischen Patriarchen Joachim zur Frei- 
lassung des Prinzen bewegen liess. 

Als der Tatare Öoki nach der Entsetzung des Zaren Smiltzes sich 
selbst zum Herrn der Bulgaren aufwarf, glaubte er in der Erhebung seines 
Schwagers Svetslav zum Mitregenten ein Mittel zum Populärmaehen seiner 
Herrschaft gefunden zu haben. — Er hatte sich aber verrechnet. Svetslav 
liess den Schwager aus dem Wege räumen und bestieg 1295 als t Befreier 
des Vaterlandes» den Tron. 

Die erste Hälfte seiner Regierung war mit Streitigkeiten gegen Byzanz 
ausgefüllt, die zweite verfloss in Frieden. Er starb 1322. Er war zweimal 
vermählt 

Noch zur Zeit als er in Nikaea sich als Geissei befand, benützte sein 
Vater den Tod des Kaisers Michael VTQ. (1282) und den Regierungsantritt 
Andronikos' H., um durch ein Bündniss mit Johann I. (Angelos Komnenos 
Dukas), Fürsten von Neopatrae, die Befreiung Svetslav's zu erwirken ; eine 
Vermählung des Prinzen mit Johann*s Tochter sollte das Bündniss krönen. 



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^^ aiiOSSBN ZUR BÜLOARI80HBN ZARBN-OBNBALOGHt. 

Als nun Andronikos II., durch diese Allianz eingeschüchtert, mit Georg Ter- 
terij seine freundschaftlichen Beziehungen erneuerte, gab Letzterer auch 
sein Verhältniss zu Johann Angelos auf; er entsagte nicht nur dem Schutz- 
und Trutzbündnisse, sondern lieferte auch dessen Tochter, die ihm als Braut 
Svetslav's anvertraut war, dem Kaiser aus. 

Johannas von Neopatrae uns bekannte Töchter sind folgende : 

a ) Johanna, Gem. um 1276 Stephan Urosch 11. von Serbien, Verstössen, 

b) Helene, Gem. 1. Wilhelm I. (de la Boche), Herzog von Athen, 

2. Hugo von Brienne, reg. 1291—1296, 

c) Tochter, Gem. Andronikos Tarcboniata, Gross-Connetable, Neffe des 
Kaisers Michael Vm., t 1283 (?) 

d) Tochter, (?) 

Ob Svetslav's Verlobte eine dieser gewesen oder ob sie (wie z. B. Mor^ri 
u. A. annehmen) eine fünfte Tochter Johann 's war, ist nicht festgestellt. 

Svetslav war durch die Wirren nach der Flucht seines Vaters ganz 
arm geworden ; er suchte und fand eine reiche Gattin. Ein gewisser Mankus 
hatte eine Tochter, deren Taufpathin des Khans Nogaj Gemahlin Euphro- 
syne (natürliche Tochter Michael's VÜI.) gewesen. Pachymeres nennt die- 
selbe Enkone, der Pomenik nennt sie : Zarin Euphroeina, Gattin des Zaren 
Svjatislav, welchen Namen sie nach ihrer Taufpathin erhielt. Der Vormund 
dieser Euphrosyne, der reiche Kaufmann Pantoleon, hatte das Mädchen zu 
seiner Erbin eingesetzt und Svetslav's Bewerbung um deren Hand angenom- 
men. Von dieser Zarin wissen wir sonst gar nichts; sie ist sicherlich vor 1320 
gestorben. Im Jahre 1320 vermählte sich Svetslav zum zweiten Male. Diesmal 
warf er seine Augen, um mit dem griechischen Hofe in näheren Gonnex zu 
treten, auf eine byzantinische Prinzessin und so erhielt er Theodora Pa- 
laiologa zur Gemahlin. Sie war die Tochter des am 12. October 1320 gestor- 
benen Kronprinzen Michael und Enkelin des Kaisers Andronikos II. Witwe 
geworden, heiratete sie um 1323 den Bulgaren- Zaren Michael H. (s. 19a). 

Svetslav hatte aus erster Ehe einen einzigen Sohn, der ihm als Oeorg 
Tertmj IL folgte. * Er starb nach einem gegen Byzanz imtemommenen 
Feldzuge schon im Jahre 1323. Er war der letzte regierende Terterijde. 

Zu den Terterijden gehört noch der 



Despot Eltimir. 

Dieser war der Bruder des Zaren Georg I. und hatte sich zum 
Despoten von Krun (um Karnobad) emporgeschwungen. Als 1298 die Grie- 



* In einem für ihn 1322 geschriebenen, im Ghilandarkloster befindlichen 
Evangelium heisst es: cvelikyj oar Georgije, syn velikago carja Theodora SvetslaTat 
(der grosse Zar Georg, Sohn des grossen Zaren Theodor Svetslay). 



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<)L0S8EN ZÜB BULOABI80HEK ZABBN'GBNEALOGIJS. ^^^ 

eben den Michael, den Sohn Konstantin 's, mit griechischen Truppen nach 
Bulgarien sandten, um Syetslav anzugreifen, vertrat Eltimir seines Neffen 
Interessen so gut, dass er den Sebastokrator Badoslay schlug und blendete. 
Um 1306 unterstützte Eltimir seinen Neffen neuerdings und es gelang ihnen 
die Städte Diampolis, Ancbialos, Mesembria und SozopoUa zu erobern ; um 
1309 gelang es indess den griechischen Intriguen, Onkel und Neffen zu ent- 
zweien. Bei dieser Gelegenheit wurde Eltimir durch die Griechen aus seinem 
Besitze verjagt. Um sein Land zurückzuerhalten, söhnte er sich wieder mit 
Svetslav aus und schüchterte dadurch den Kaiser ein. Da er aber einige von 
Svetslav für seine Unterstützung erhaltene Städte dem Kaiser zurückgab, 
befeindete ihn Svetslav 1308 aufs Neue. Eltimir 's fernere Geschichte kennen 
wir nicht. Seine Gemahlin war eine Tochter des Zaren Smilec. Ob dieses Paar 
Kinder gehabt, wissen wir nicht. 

18. Zar Smilec (Smiltzos). 

Nach Georges I. Flucht setzte Khan Nogaj um 1292 den Boljaren 
Smilec auf den Tron Bulgariens. 

Smilec's Eltern sind unbekannt. Seine Güter lagen an der Topolnica, 
wo noch jetzt bei dem Dorfe Akydzi zwischen Tatar-Pazardzik und Ichtiman 
die Ruinen des «Smilcev-Monastir» zu sehen sind, welches Kloster nach einer 
dort befindlichen Inschrift der «Knez Smilec» 1286 in den Tagen des Zaren 
Georg I. erbaute.* Sein Zarentum war von nur sehr kurzer Dauer. Nach Nogaj 's 
Tode (f 1293) zog dessen Sohn Öoki nach Bulgarien und setzte Smilec ab. 
Seitdem wird dieser Zar nicht mehr erwähnt. Er dürfte gleichzeitig mit 
Coki aus dem Wege geräumt worden sein (um 1295). 

Seine Gattin spielte in der Diplomatie der Höfe von Byzanz und Bul- 
garien eine grosse Bolle. 

Ihr Vatf^r war Prinz Konstantin, Sohn des Kaisers Michael VIII. Er 
starb am 5. Mai 1306. Seine Gemahlin war eine Tochter des Protovestiars 
Johann Baoulis. Die Angabe Jener, welche des Smilec Gattin für äne En- 
kelin Andronikos' IL (nach dessen Sohne Konstantin) halten, ist deshalb 
nicht stichhältig, weil diese Prinzessin, als Tochter Konstantins und Enkelin 
Andronikos' IL, in den 90er Jahren des 13. Jahrhunderts und ersten Jahren 
des 14. Jahrhunderts noch keine verheiratete Tochter haben konnte. Nun ist 
Michael, der äheste Sohn Andronikos' IL erst 1277 geboren und Smilec^ 
Gattin um die oben erwähnte Zeit bereits Schwiegermutter. 

Diese Palaiologa wurde 1305 von Andronikos ü. benützt, um den 
Eltimir, ihren Schwiegersohn mit Svetslav zu entzweien und für Griechen- 



* Jiredek 283. 



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IßO GLOSSEN ZUR BULGARI8CHBN ZAREN -GEKBALOOHÖ. 

land zu gewinnen. Die Mission gelang auf kurze Zeit, bis Eltimir 1307 seine 
Schwiegermutter nach Konstantinopel zurückschickte. 
Von Smilec kennen wir nur zwei Töchter: 

1. eine 1293 an den Serben -Prinzen Stefan (Urosch Decsanski) und 

2. eine an Eltimir, den Bruder des Zaren Georg Terterij I. vermählte 
Tochter. 

Zur Familie Smilec's gehören noch seine zwei Bruder: 

a) Badoslav. 

Dieser war unter Andronikos II. Sebastokrator in Thessalonich und 
wurde 1298 mit einer griechischen Armee gegen Svetslav nach Bulgarien 
geschickt. Im Kampfe gegen Eltimir wurde er geschlagen und geblendet. 

/>> Vojslav (Bossilas). 

Dieser jüngste Bruder des Smilec stand gleichfalls in griechischen 
Militärdiensten und kämpfte 1306 gegen Svetslav. Er blieb aber seiner bul- 
garischen Abstammung eingedenk und entliess sämmthche bulgarische 
Kriegsgefangene des Mannschaftsstandes, wodurch es den Bulgaren gelang, 
die Griechen zu schlagen. 

Weder Radoslav's noch Vojslav's Familienverhältnisse sind bekannt. 
Engel ist mit Bezug auf Radoslav sehr confus und gibt ihm eine Schwester 
Eltimir's zur (Jattin, ohne dies aber plausibel zu machen. 

19. Die jüngeren äismaniden. 

Zu des Zaren Georg Terterij I. Zeiten sass in Vidin und in ganz West- 
bulgarien ein unabhängiger Fürst des Namens Simian, der, gleich den Ter- 
terijden, dem in Bulgarien eingewanderten kumanischen Adel verwandt 
war.* Wir wissen von ihm, dass er um 1292 einen Einfall ins Serbische 
that und plündernd bis Ipek vordrang. Als König Milutin dann Vidin be- 
setzte, floh Sisman über die Donau in das Severiner Banat nach Ungarn, 
erhielt jedoch im Frieden seine Länder zurück. Sein Todesjahr ist unbe- 
kannt. 

Dass er 1292 schon einen Sohn gehabt, beweist, dass er damals ent- 
weder verwitwet war oder seine Gattin verstiess, denn in dem Frieden dieses 
Jahres vermählte er sich mit der Tochter des Dragos, eines serbischen Va- 
sallen. Namen und Chronologie seiner beiden Gattinnen sind unbekannt. 
Nach Engel war Michaels IL Mutter eine Rumänin. Von seinen Kindern 
kennen wir zwei Söhne : Michael und Belaur und eine Tochter Kerata. 



* Jü-e^ek 282. 



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GliOSSBN ZUR BÜLÖARISCHfiN ZAREN-GENEALOGIE. i^l 

a) Zar Michael n. 

Sohn äiöman's aus erster Ehe ; folgte seinem Vater als Despot von 
Bulgarien und Herr von Widin. Als solcher schloss er mit Venedig Freund- 
schaftsverträge. Nach Georg Terterij's IL Tode erwählten ihn die Boljaren 
zum Zaren Bulgariens (1323). 

Seine Regierung verstrich unter Kriegen gegen Griechenland und Ser- 
bien. In dem Streite zwischen Kaiser Andronikos 11. und dessen gleich- 
namigem Enkel schlug sich Michael anfangs auf des Enkels Seite, später auf 
jene des Kaisers. 

Die Spannung mit Serbien führte zur Entscheidungsschlacht zwischen 
Bulgarien und Serbien, in welcher Michael am 28. Juni 1330 (an" einem 
Samstage) aufs Haupt geschlagen wurde. Sein Schlachtross strauchelte, er 
stürzte zu Boden, erlitt schwere Verletzungen und wurde von einigen nach- 
setzenden Serben getödtet ; seine Leiche hob man auf ein Pferd und brachte 
sie vor den siegenden Serbenkönig Stefan Urosch IE.* Auf Bitten der bulga- 
rischen Grossen wurde die Leiche in dem Kloster von Nagori6in bestattet. 

Michael hatte zwei Göttinnen : 

1. Im Friedensschlüsse 1292 hatte der junge Michael, gleichzeitig mit 
seinem Vater, eine serbische Gattin erhalten. Sie hiess Anna (Neda) und 
war des Königs Milutin natürliche Tochter. Als aber Michael sich 1324 mit 
dem byzantinischen Hofe versöhnte, verstiess er Anna mit deren Kin- 
dern. Diese Verstossung war die Ursache jener zwischen ihm und dem 
serbischen Hofe ausgebrochenen Spannung, die ihm 1330 Tron und Leben 
kostete. 2. 1324 hatte man eben am griechischen Hofe eine Kriegserklärung 
an Michael beschlossen, um die durch denselben verursachte Verwüstung 
Oberthrakiens zu rächen, als zwei seiner Boljaren, Grud und PanSe am kai- 
serUchen Hoflager erschienen und die Meldung brachten, Michael habe die 
Serbin sammt ihren Kindern Verstössen und sich mit Theodora, der Witwe 
des Zaren Svetslav vermählt. Die Nachricht erregte natürlicherweise freu- 
dige Bewegung am kaiserlichen Hofe und es wurde sofort zwischen Beiden 
Friede geschlossen. Diese Ehe hatte zur Folge, dass sich Michael seinem 
Schwager, dem jüngeren Andronikos, gegen dessen Grossvater anschloss. 

Theodora wurde nach MichaeFs Tode zur eiligen Flucht nach Griechen- 
land genötigt. Theodora's Kinder, die sie auf ihrer Flucht nach Griechen- 
land mitnahm, sind unbekannt. Von Micha^Fs Kindern erster Ehe kennen 
wir Sisman und Johann. 



'^ So erzählt den Sachverhalt sein Zeitgenosse, der serbische Erzbischof 
Daniel (f 1338). Nach den Byzantinern Kantakuzenos und Nikephoros wäre, er erst 
nach einigen Tagen in der Gefangenschaft seinen Wunden erlegen. 

TTngarUehe Bevoe, XL 1891. II. Heft. l\ 



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)^S GLOSSEN ZUB BULOARISOHEN ZARBK-OENBALOOIfi. 

Siiman (auch Stefan)^ wurde durch seinen siegreichen Oheim Stefan 
Urosch in. 1330 zum Zaren erhoben. 

Seine Herrschaft war aber yon nicht langer Dauer. Kaiser Andronikos 
hatte, um Theodora's Vertreibung zu rächen, einige bulgarische Städte er- 
obert, weshalb gegen Siäman und seine Mutter eine (jährung ausbrach. 
Anna floh nach Serbien, Sisman zu den Tataren (FrühUng 1331); unter- 
dessen bestieg ein Anderer den Zarentron. Der Ex-Zar begab sich nun 
nach Eonstantinopel und als sich ihm hier keinerlei Aussichten boten, ^ ging 
er nach Italien, wo er sich unter dem Namen Ludwig an den Hof der Anjous 
in Neapel begab. Wir stossen auf ihn urkundlich am IS. Jänner 1338^ in 
einem Schreiben des Königs Robert yon Neapel, welches folgenden Passus 
enthält : «Quatenus Spectabili Lodoyco filio Incliti Imperatoris Bulgarie nepoti 
nostro carissimo ad nos pridem venienti, quem in comitiva nostra providimus 
moraturum, uncias auri X. ponderis generalis mense quoUbet in principio 
mensis, qutts ei pro expensis suis et familie sue mense quolibet usque ad be- 
neplacitum providimus exhiberi de quacunque pecunia .... solvere et ex- 
hibere curetis . . . . » 1 363 geriet er in Siena gelegentlich eines Gefechtes 
sammt einem bulgarischen Bischöfe in Gefangenschaft und starb 1373^ zu 
Neapel. Seine Gemahlin war eine natürliche Tochter des Prinzen Philipp I. 
von Tarent aus dem Hause Anjou. * 

Johann floh mit seiner Mutter 1331 nach Serbien. Seine Spur verliert 
sich. Nach Engel starb er in Bagusa. 

bj Belaur. 

Dieser hatte während Michaers Abwesenheit (zur Zeit des Serben - 
krieges 1330) mit anderen Boljaren die Regierung geleitet. Auf die Nachricht 
von dem Tode seines Bruders schickte er dem siegreichen Stefan Urosch 
bis Izvor eine Gesandtschaft entgegen und unterwarf sich demselben. Eine 



^ Bei Daniel: Stefan, bei Eantakuzenos; AiSman. Stefan ist der Name fleiuei« 
mütterlichen, Sisman der seines väterlichen Grossyaters. 

* Zar Alexander verlangte Sommer 1341 vom Reichsverweser Johann Kantakiize- 
nos die Ausliefenmg ^iämans und drohte im Weigerungsfalle mit Krieg. Kantaknzen gab 
zur Antwort, er werde den Sisman die Donau aufwärts nach Widin (wo er noch 
eine mächtige Partei erhoffen durfte) mit einigen Kriegsschiffen senden und ausser- 
dem ein türkisches Mietsheer in Bulgarien einmarschieren lassen. Alexander beeilte 
sich nun in Folge dieser Antwort, fi-iedliche Saiten anzuschlagen. 

" Diplom, eml. az Anjoukorböl I. 300. 

* Mm-alt n. Ü9f). 

" Luccari hält diesen Schwiegersohn Philipps für einen Schwindler des Namens 
Nikolaus Sapina, Sohn eines ragusanisclieii Krämers. Zai- Johann SiSnian III. soll ihn 
durch seinen (Sapiua's) Kanzler oder durch seine Konkubine Dunava haben vemften 
lassen (1372). 



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atiOBSBli ZUB BULGARiaOHBN ZABBN-dHNEALOOl^. ^^^ 

Zeitlang befehdete Belaur seinen Neffen^ den Zaren Alexander, dann hören 
wir nichts mehr von ihm. Seine Familienverhältnisse sind anbekannt. 

c) Zar Johann Alezander Äsen. ^ 

Nach äiäman'sIL Vertreibung wählten die Bulgaren 1331 den Johann 
Alexander zum Zaren, der sich nach seiner Tronbesteigung den Namen Äsen 
beifügte. Wie wir wissen, hatte Zar Michael IL eine Schwester Kerata. Diese 
war an einen bulgarischen Despoten, genannt Stracimir vermählt und führte 
als Nonne den Namen Theophania.^ 

Hieraus dürfen wir also schliessen, dass sie nach ihrem Gatten Stra- 
cimir gestorben. Dies ist aber auch Alles, was wir über die Chronologie dieses 
Paares wissen. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne und zwei Töchter: Zar 
Alexander, Johann As^n, Helene und eine Anonyma. 

Alexander's Regierungsantritt inaugurirte eine Goalition Bulgariens, 
Serbiens und der Walachei gegen Ungarn und Byzanz. 1333 besiegte er die 
Griechen. 1341 mischte er sich in die Tron- Aspirationen Johann Eanta- 
kuzen's. Unter ihm begannen schon die Türken ihre Arme nach Bulgarien 
auszustrecken. Sein Tod fällt wahrscheinlich ins Frühjahr 1365;^ seine 
Leiche wurde in dem Marienkloster zu Stenimachos beigesetzt. 

Er war zweimal vermählt. 

a) Mit Theodora, Tochter des Rumänenfürsten Ivanko Bassaraba. Nach 
Jire^ek war er zur Zeit seiner Tronbesteigung (1331) schon mit ihr vermählt. 
Nach ihrer Yerstossung ging sie in ein Kloster, wo sie ihre Tage als Nonne 
Theophana beschloss. 

h) Einmal nahm ein schönes Weib, eine Jüdin, bei Alexander 
Audienz. Der Zar verliebte sich in sie, sie nahm das Christentum an 
und wurde ihm als tneu erleuchtete Zarin» angetraut. Das Datum der 
Trauung ist unbekannt. Ebensowenig kennen wir die Eltern und den Ge- 
burtsnamen dieser Zarin. Als Christin führte sie den Namen Theodora. Der 
Pomenik erwähnt sie folgendermassen : t Zarin Theodora, (Jattin des Zaren 
Alexander Johann, stammend aus hebräischer Familie, nahm das Christen- 
tum an, hielt die rechtgläubige wahre Religion, gründete viele Kirchen, baute 
viele Klöster auf . . .• Ihre sonstige Geschichte ist unbekannt 

d) Alexander^R Geschwister. 

1. Johann Äsen nKomnenos*, Alexander's Bnider, war als Schwager 
des Serbenkönigs Duschan dessen Statthalter in ValonaundKanina. Er starb 

* DasR er diesen Namen geführt, ist nrknndlich bewiesen. 

* Der Pomenik nennt sie: «Despotin Kerata, Mntter des Zaren Alexander 
Johann, als Nonne Theophana.» 

* So naoh Jirecek. Nach Luccari V,^i(\ nach Orbini 1353, nach einer rmnä- 
nischen Chronik 1371, nach manchen Anderen 1356. Engel acceptirt 1353. 

11* 



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164 



aLOSSBN ZUR BULGARISGHEN ZARBN-GENBAIiOOlB. 



1356. Seine Gemahlin war Anna, die letzte Despina von Epiros, die ihren 
ersten Gemahl durch Gift ans dem Wege geräumt.* 

2. Helene, vermählt 1330 — 1331 an den Serbenkönig Stefan Duäan 
(s.mein oben zitirtes ungarisches Werk), f als Nonne EUsabeth. 

3. Anonyma, erwähnt von Nikephorlll. 148 und Kantakuzen. 1356 — 
1357 verlangte der Despot von Epiros, Nikephoros IL, der Sohn Johann'sIL 
und der Anna, die Schwester Alexander's ; wir irren wohl nicht, wenn wir 
in dieser Anonyma die von Nikephor Geworbene erkennen. Nikephor's Gkittin 
war übrigens seit 1340 Maria, die Tochter des Kaisers Johann Kantakuzenos. 
Nikephor starb 1358. 

e) Alezander's Kinder. 

Aus erster Ehe : 

1. Michael Äsen. Erstgeborener Sohn seines Vaters, seit 1337 zu 
dessen Mitregenten erklärt ; er starb frühzeitig und soll von seiner Stief- 
mutter vergiftet worden sein, eine Angabe, die sich nicht beweisen lässt. 
Gelegentlich des zwischen seinem Vater und dem Kaiser Andronikos IIL 
1337 geschlossenen Friedens wurde er im Sinne einer von Alexander schon 
vordem ausgesprochenen Absicht mit des Kaisers Tochter Maria vermählt. 
Sie war die Tochter von Andronikos' zweiter Gemahlin Anna (Johanna) von 
Savoyen. Die Hochzeit wurde 8 Tage lang in Adrianopel gefeiert. 

2. Johann Äsen (IV.) figurirt um 1355 neben seinem Vater auf dem 
Concil zu Tirnova. Von ihm besitzen wir eine Urkunde do. 1347; auch er- 
wähnt ihn eine griechische Inschrift in Mesembria. Auch er starb vor 
seinem Vater. 

3. Johann Stracimir. Diesem gab Alexander die Landschaft Widin, 
um dort als selbstständiger Zar zu regieren (s. f). 

Aus zweiter Ehe : 

1. Zar (Johann) l^isman IIL (s. g). 

2. Maria. Diese heisst im Pomenik «Bazilissa, Tochter des Zaren 
Alexander Johann •, Nikephor in. 557 nennt sie Maria; Rakovski (Asßn 101, 
ap. Jire6ek 321) nennt sie Kyratza. Sie ist 1346 geboren und wurde 1355 
mit dem im selben Jahre geborenen Prinzen Andronikos, dem Sohne de^ 
Kaisers Johann Palaiologos vermählt.** Dieser suchte, gestützt auf seine bul- 
garischen Verwandten zu wiederholten Malen seinen Vater zu stürzen. Eine 



* Jirecek 300. Diese Anna kann nach meinem Dafürhalten nur die Gemahlin 
des epirotisclien DeRpoten Johann IT. ans dem Hanse Orsini sein, der von 1323 — 1335 
regierte. Anna war die Tochter des Andronikos Angelos, eines Sohnes des nns 
bekannten Michael (Deinetrins) Kntrnles. Andronikos war Protovestiar und starb 1326. 
** Vertrag vom 17. August 1355 ap. Miklosich und Müller, Acta patr. I. 
Bakovski Asdn 101. 



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GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN- GENEALOGIE. 165 

Zeitlang hatte er den Kaisertron als Andronikos IV. inne und starb am 
28. Juni 1385. Seine Witwe Eyratza kommt noch 1390 vor. 

Ausser diesen Kindern kennen wir noch folgende Töchter Alexander's, 
ohne jedoch zu wissen, von welcher seiner Gattinnen sie geboren wurden. 

1. ThamaTf nach dem Pomenik (ap. Wenzel) Maria Kerata; nach 
jenem bei Bakovski (AsSn 52) Eyra Thamar. 

Als Zar Johann Sisman (das Jahr ist unbekannt) vom türkischen 
Sultan Murad I. hart bedrängt wurde, gab er demselben seine Schwester 
Thamar zur Gattin. Da das Ereigniss in die Begierungszeit Sisman's, also 
nach dem Tode Alexander's, fällt und der Sultan wohl kein Gelüste nach einem 
älteren Mädchen gehegt haben dürfte, können wir getrost Thamar ah Toch- 
ter der zweiten Gattin Alexander's, betrachten. — Der Pomenik ap. Bakovski 
gedenkt ihrer folgendermassen : «Der Kyra Thamar, der Tochter des grossen 
Zaren Johannes Alexander, der grossen Frau, welche dem grossen Amir 
Amurat für das bulgarische Volk gegeben wurde, und als seine Gtemahlin 
sowohl den christlichen Glauben bewahrte, als auch ihr Volk rettete, gut 
und fromm lebte und im Frieden verschied, — es sei ihr ein ewiges An- 
denken». Die Erinnerung an sie lebt noch heute fort in dem bulgarischen 

Volksliede : 

•Gar Morat Mari dumaäe : 

Maruljo, bela Bulgarko !» 

Die «weisse Bulgarin» Mara, so wird in demselben erzählt, habe sich 
von Murad die Sophienkirche und Galata in Konstantinopel, die üzun- 
carsia in Adrianopel, die weissen Städte am Meere und die Burgen längs 
der Donau erbeten. Murad jedoch habe ihr statt der Sophienkirche eine 
Moschee voll Silberleuchter angeboten. Sie aber wollte keine Moschee und 
wies das Anerbieten mit den Worten zurück: «Teuer ist mir mein Glaube, 
eine weisse Kadina (türkische Frau) mag ich nicht werden.» * 

2. Descislava. Von dieser Prinzessin kennen wir nur den Namen 

(Pomenik). 

f) Johann Straöimir. 

Auf seinen Münzen heisst er «Ivan Stracimir blagovemyj car Blgarom.» 
Er regierte als selbstständiger Zar in Widin. Im Sommer 1365 eroberte 
Ludwig I. von Ungarn Widin, nahm Stracimir sammt dessen Gemahlin 
gefangen und hielt ihn vier Jahre lang auf der Burg Gumnik in Kroatien 
gefangen. 1369 setzte sich Stracimir mit Hilfe seines Bruders und Schwagers 
wieder in Widin's Besitz. 1388 musste auch er sich der Türkenherrschaft 
ergeben. 1396 ergab er sich dem Könige Sigmund von Ungarn, als dieser an 
der Spitze eines gewaltigen Heeres gegen Gross- Nikopolis zog. Sigmund's 
Niederlage führte auch Stracimir's Ende herbei. Wir besitzen hierüber nur 

* Jirecek 326. 



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(1^ GLOSSEN ZUR BULGARISCHEN ZAREN-GENEALOGIE. 

eine kurze Notiz in den serbischen Annalen ^ : «Im Jahre 6906 (1398) führte 
Zar Bajazit den Zaren Stracimir aus Bdyn heraus. • 

Stracimir's Gemahlin war die Tochter des walachischen Wojwoden 
Alexander und dessen Gemahlin Klara. '^ 

Aus dieser Ehe kennen wir zwei Kinder : 

a) Konstantin, Mitregent seines Vaters ^ floh nach der türkischen In- 
vasion erpt nach Ungarn, später nach Serbien, wo er — vom Serbenfürsten 
Stefan Lazarevics beweint — am 16. September 1422 (zu Belgrad) starb. 

b) Dai'othea (Doroslava), vermählt um 1376 — 1378 mit dem Könige 
Stefan Tvrtko I. von Bosnien * Sie starb vor 1382. 

g) Zar (Johann) Sisman IIL 

Sohn Alexander's aus aweiter Ehe. Obgleich er viel jünger als Stracimir 
war, bestimmte ihn Alexander dennoch zum Tronfolger. Nach dem Tode 
seines Vaters folgte er (mit dem Sitze in Timova) als Herr des Mittellandes 
Bulgariens. Den Anfang seiner Regierung eröfifnete er mit Gefangennahme 
des Kaisers Johann Palaiologos, musste ihn aber auf die bewaffnete Inter- 
vention Amadeus' VI. von Savoyen bald wieder freigeben. Gleich darauf be- 
gannen die Keibungen mit den Türken und Ungarn. 1388 zogen die Türken 
von Adrianopel auf und rückten gegen Norden. Timova ergab sich nach kur- 
zem Widerstände. Sisman schloss sich in Gross-Nikopolis ein, musste aber 
mit dem persönlich heranrückenden Sultan Murad Frieden schhessen. Als er 
aber nach Murad's Abzüge noch einmal verzweifelten Widerstand leisten 
wollte, belagerte ihn der Grossvezier Ali Pascha zum zweiten Male in Niko- 
polis. Der unglückliche Zar soll mit Frau und Kindern dem Grossvezier zu 
Füssen gefallen sein und um Gnade beim Sultan gebeten haben. Sie wurde 

^ äafarik, Pam&tky 74 ap. Jirecek 356. 

'^ Nach einem päpstlichen Schreiben an die Wojwodin Klara ap. Theiner Mon. 
Hung. II. 95, 98 do. 19. Jänner 1370 und nach einem ChrysobiiUon des Woj- 
woden Mirca, stellt sich der Stammbaum Alexandei-s folgendermassen dar: 

Wojwode Alexander 
Gem. 1. N. N. 2. Klara, katholiaoh. 

I. Wladislav (Vlajko), Johann Badul. 2. Toohter 2. Ancha' 

orientaUsch. i 1370 kathoUsoh. 1370 orientalisch, 

STl^^i löhi^ Jöhi^ ^"^^^ W*IS?n°^' '"^^"^ ^'^'^•• 

Gem. Zar Urosch V. Dan. Mirca. ^^^ ^^^*^ 

Yon Serbien. 

^ Joasaph, MetropoUt von Widin (ap. Golubinski 224-) nennt ihn cMladyj oar» 
(= junger Zar). 

* Ducange spricht von zwei Töchtern Stracimir's, nennt aber nur die eine 
Dorothea. 

• 1370 war VlkaÄin König von Serbien. Nach einer Urkunde do 1370 ap. Miklosloh 
180 heisst seine Gattin fKralica Kyr. Aldnat. Nach Ljubic wäre Ancha des Zaren Urosoh 
Frau gewesen. 



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GL08SBN ZUR BULGARISCHEN ZAREN -GENEALOGIE. 1Ö7 

ihm gewährt und er blieb vorläufig (1388) noch auf seinem Trone. Am 17. 
Juli 1393 wurde Timova schliesslich dennoch von den Türken erstürmt Sis- 
man*8 Schicksal, der damals von Tirnova abwesend war, ist in Dunkel gehüllt. 

Nach türkischen Berichten habe er, in ein Todtenhemd gekleidet, um 
Gnade gebeten, sei zu Philippopel eingekerkert, nach einer Version hin- 
gerichtet, nach der anderen am Leben gelassen worden. Nach dem Zeit- 
genossen Bchiltberger wäre er mit seinem Sohne von Bajezid gefangen wor- 
den und im Gefängnisse gestorben. Kussische Quellen bestätigen die Ge- 
fangennahme ; eine rumänische Chronik sagt, dass Bajezid den Sisman, 
Herrn der Bulgaren, im Jahre 6903 gefangen genommen und getödtet habe. 
Nach bulgarischen Sagen fand er jedoch seinenTod auf dem Schlachtfelde. * 

Sisman^s Gemahlinen waren : 

1. Maria, Tochter der Descislava. Die Fassung des Pomenik, der di^se 
Zarin Maria erwähnt, lässt nicht deutlich verstehen, ob Maria oder ihre 
Mutter «in Engelgestalt t den Namen Debora geführt. 

!2. Despinay eine Tochter des Fürsten Lazar I. von Serbien. 

Von Sisman's Kindern kennen wir folgende ; 

1. Alexander. Nahm, um sein Leben zu retten, den Islam an, und 
wurde Statthalter in Klein- Asien. Durch Sultan Mohammed I. erhielt er als 
Lohn für die Beaiegung des Teilfursten D^uneid die Verwaltung Smyma's. 
1418 wurde er gegen des Fanatikers und Beformators Mahmud Bedreddin 
Anhänger ausgesandt, um sie zu bezwingen, er fand aber mit seiner ganzen 
Armee in den stylarischen Schluchten seinen Tod unter den Schwertern der 
fanatischen Bebellen. 

:2. Fruzin floh zu König Sigmund von Ungarn, bei dem er Schutz und 
Unterstützung fand. Engel 465 teilt eine Urkunde Sigmund 's mit, die fol- 
genden auf Fruzin bezüglichen Passus enthält : « Attentis et in animo nostrse 
considerationis sedula meditatione pensitatis fidelitatibus et fidelium servi- 
tiarum digne attoUendorum meritis et synceris complacentiis fidelis nostri 
dilecti, Magnifici Fruschin, filii quondam Susman Imperatoris Bulgarorum, 
quibus idem in nonnuUis nostris et regnorum nostrorum arduis expeditioni- 
bus, sicuti prosperis, ita etiam adversis, contra Turcas aliosque Grucis Chri- 
sti et nostros inimicos laboribus sudorosis, plerumque pro nostri regü honoris 
exaltatione et incremento viriliter infudantem seque et bona sua diversis 
fortuna' casibus, summo alacrique fidelitatis fervore studuit, et ipsum in 
antea non haesitamus velle complacere. Cupientes itaque pramissorum Me- 
ritorum suorum contemplatione sibi nostrse Majestatis benevolentiam osten- 
dere favorosam quandam possessionem nostram N. vocatam in Gomitatu 
Tbemessiensi sitam cum Gastello in eadem habito, cunctisque villis, seu 
possessionibus ad eandem pertinentibus, ipsiusque et earundem utilitatibus 

* VgL Jirecek 350, 351, 352. 



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168 DIE FRANZ JOSEF-BRÜCKE BEI PRESSBÜRG. 

et pertinentiis quibuslibet, quovis nominis vocabulo vöcitatur ad ipsum et 
easdem de jure spectantibus eidem Frusyn pro deBcensu duximus daudum 
et concedendum, imo damus donamus et conferimus prsesentium per tenorem 
possidere, tenere pariter et habere. Salvo jure alieno. Harum nostrarum 
vigore et testimonio literarum mediante. Datum in Feldwar partium uostra- 
riun Transsilvanarum.» Leider gibt Engel nicht das Datum der Urkunde. 

In der altserbischen Biographie des Fürsten Stefan Lazarevics, die 
einen Augenzeugen zum Verfasser hat*, heisst es, dass um 1405 sich die 
Städte Bulgariens, über Aufwiegelung der Söhne der bulgarischen Zaren, 
gegen die Türken empörten, doch gelang es dem Sultan Soliman, die- 
selben zu bezwingen. Im Sinne des uns bisher Bekannten können unter 
diesen Söhnen der bulgarischen Zaren nur die beiden Vettern Konstantin 
und Fruzin gemeint sein. 

3. Kerata. 

4. Herrin Maria, «rechtgläubige Zarin, Tochter des grossen Zaren 
Jobann Sisman» («Kyr Maria»). Dr. Moriz Wertner. 



DIE FßANZ JÜSEF-BKÜCKE BEI PEESSBÜßG. 

Am vorletzten Tage des abgelaufenen Jahres hat die feierliche Erö&ung 
der neuen ständigen Donaubrücke bei Pressburg in Anwesenheit Sr. Majestät des 
Königs und der Spitzen der Regierung stattgefunden. Im Folgenden geben wir 
zunächst in kurzer Uebersicht die Vorgeschichte der neuen stabilen Brücke, die 
den Namen Franz -Josef-Brücke führt. 

Schon im Jahre 1838, als es sich um die Herstellung der Eisenbahn von 
Wien nach Raab handelte, beabsichtigte man, dieselbe über Pressburg zu führen t 
es fanden auch bezügUch der Herstellung einer sowohl von der Bahn, als auch 
von gewölmUohen Fuhrwerken zu benützenden Brücke Verhandlungen statt ; die- 
selben führten aber nicht zum Ziele und die erwähnte Eisenbahn wurde vom 
rechten Ufer über Brück an der Leitha geführt. 

Im Jahre 187:2 projectirte die Waagtalbahn für ihre Linie Pressburg- 
Oedenburg eine nächst der Tuchfabrik auszuführende Brücke über die Donau. 
Lange Verhandlimgen führten wohl zu bestimmten Entschlüssen, aber trotzdem 
blieb die Brücke unausgebaut, weil inzwischen die Gesellschaft in grosse finan- 
zielle Bedrängniss geriet imd auf den Ausbau der Linie Pressbiu-g-Oedenburg 
verzichten musste. 

Nun versuchte es die Stadt, eine Brücke für den Landverkelir aus eigener 
Initiative zu Stande zu bringen ; durch den Wiener Ingenieur Frey wmde im 
Jahre 1880 ein Project. für eine Strassenbrücke vorgelegt. Die Stadtrepräsentanz 
beschloss die Durohführimg dieses Projects, wenn der Staat die den Betrag von 

* Konstantin, den Philosophen, einen Bulgaren aus Eostenec. 



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DIB FRANZ JOSEF- BRÜCKE BEI PRESSBURG. 169 

600,000 fl. übersteigenden Baukosten decken würde ; die Begiening lehnte aber 
diese Zumutung ab und es blieb wieder beim Alten. 

Im Jahre 1887 hatte der k. und k. FML. Dunst die Vorkonzession für eine 
Localbahn von Pressburg nach Oedenburg erhalten und er suchte die Bahnbrücke 
mit einer stabilen Communication für gewöhnliches Fuhrwerk zu verbinden. Allein 
auch Herr v. Dunst musste auf die Durchführung seines Planes verzichten, da die 
Capitalisten, welche das Geld für die Bahn und die Brücke hergeben sollten, au 
den Staat solche Anfordeiomgen stellten, denen derselbe nicht entsprochen wollte 
Inzwischen hatte der damalige Communications-Minister Gabriel v. Baross die 
Angelegenheit gründlich kennen gelernt und er beschloss, im Falle die königliche 
Freistadt Pressburg auf ihr Mautrecht zu Gunsten des imgarischen Staates Ver- 
zicht leiste, den erforderlichen Grund und Boden für die Brücke und die Zufahrts- 
rampen unentgeltlich zu überlassen und die Brücke auf Staatskosten auszubauen. 
Dem Entschlüsse folgte auch sofort dieThat. Es wurden zwei inländische Brücken- 
bau-Unternehmungen, nämlich die Firma Gregersen in Budapest und der Inge- 
nieur und Unternehmer Franz Julius Cathry, zur Einreichung von Projecten und 
Offerten aufjgefordert, femer mit der königl. Freistadt Pressburg in dem obigen 
Sinne ein definitives Abkommen getroffen. Im Oktober 1888 wurde Cathry 's Offert 
angenommen. 

Gathiy hatte bereits im März 1889 die Vorbereitungen für den Bau im 
grossen Masstabe begonnen. Am 12. August wurde der erste Caisson in die Finten 
der Donau versenkt, am 20. das Sclüff, welches die Dampfmaschinen und Luft- 
pressen trug, die nunmehr Monate hindurch den tief unter dem Wasserspiegel 
schaffenden Arbeitern die Luft zum Atlimen zuzuführen und das Wasser aus der 
Arbeitskammer zu verdrängen hatten, durch den Abt und Stadtpfarrer Bimely 
eingesegnet Von da ab wurde Tag und Nacht ununterbrochen über und unter dem 
Wasser bis zu Weihnachten fortgearbeitet; am 1. Jänner 1890 waren die Wider- 
lager an beiden Ufern, dann zwei Strompfeiler auf der Auseite und ein Strom- 
pfeiler auf der Stadtseite fertig fundirt imd bis über den gewöhnlichen Wasser- 
stand heraufgereutet, überdies der grösste Teil des Bedarfes an Bausteinen bei- 
gestellt. In den folgenden Monaten ging die Arbeit flott von Statten. An&ngs Juli 
wurde die Pilotirung für das Genist der grossen Mittelöffnung begonnen, doch 
wurde ein rasches Vorwärtskommen durch den fortwährenden hohen Wasserstand 
und die grosse Geschwindigkeit des Wassers wesentlich verhindert. Um diese Zeit 
ging das Programm des Unternehmers dahin, die Brücke sammt allen Neben- 
arbeiten bis Ende October zu vollenden. Der alte Danubius war aber mit einer 
so raschen und glatten Bezwingung seiner bisher unbeschränkt ausgeübten Macht 
nicht einverstanden ; während es in Ungarn grösstenteils heiter und trocken war, 
regnete es in den Monaten Juli und August in Oberösterreich und Tirol ohne 
Unterlass ; die Nebenflüsse der Donau wurden zu reissenden Strömen und führten 
der Donau grosse Wassermassen zu, so dass sie die für die Sommermonate ausser- 
gewöhnliche Höhe von 4 bis 4Vs Meter erreichte. Dabei hatte der Strom eine Ge- 
schwindigkeit von i — 4V» Meter per Sekunde erreicht. — Das Montirungsgerüst 
der grossen Mittelö&ung der neuen Brücke hatte bis jetzt dem ungeheuren 
Wasserstande widerstanden, obwohl die Montirung eben bei Eintritt des Hooh- 



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170 DIB FRANZ- JOBEF-BRÜOKE BEI PRBSSBURG, 

waesers, Ende August, begonnen worden war und nur das verhältnissmässig geringe 
Gewicht von 1 300 Meterzentner Eisen dasselbe beschwerte. Nun erreichte der 
Wasserspiegel die unerhörte Höhe von 5*/i Meter ; da beobachteten die Ingenieure, 
dass die ursprünglich in vollkommen gerader Linie auf dem Gerüste znsammen- 
gefalzte Eisenconstruction eine kleine Ausbiegung stromabwärts zeigte ; es konnte 
dies nur von einem Nachgeben oder Verschieben des Gerüstes stammen und man 
verbuchte der Bewegung, welche von Stunde zu Stunde stärker wurde, durch Ver- 
ankerungen und Belastung mit Steinen entgegenzutreten ; allein der Strom wollte 
sein Opfer haben und erhielt es auch. Am 7. September, 5 Uhr Früh gab das 
Gerüst bei einem Wasserstande von 6 M. 25 Cm. über Null dem ungeheuren Drucke 
nach und versank sanmat den darauf bereits montirten Eisenteilen im Gewichte 
von 180,000 Kilogramm in den Fluten des brausenden Stromes! — Ein Schrei 
des Entsetzens drang durch die ganze Stadt, man glaubte nun, die VoUendimg 
der Brücke sei wieder auf viele Monate hinausgerückt; Unternehmer Cathry 
hatte aber bereits vor Eintritt der nicht mehr abzuwendenden Katastrophe die 
Folgen derselben ins Auge gefasst, sich das Holz für die Wiederanlegnng des 
Gerüstes sichergestellt und war entschlossen, auf die Wiederverwendung der ins 
Wasser gestürzten Eisenteile zu verzichten. Am 8. September wendete er sich 
persönlich an den Handelsminister Baross und bat um dessen Unterstützung, 
damit die staatlichen Eisenwerke in möglichst kurzer Zeit den Ersatz für die 
vom Wasser verschlungenen Brückenteile liefern ; diese Unterstützung wurde ihm 
auch zuteil. 

Inzwischen trat der bis zur Höhe von 6 M. 75 Gm. angeschwollene Strom 
nur sehr langsam in sein normales Bett zurück, so dass erst Anfangs October bei 
noch sehr hohem Wasserstande mit dem Schlagen der Joche begonnen werden 
konnte ; das Gerüst wurde aber dennoch in etwa drei Wochen hergestellt ; Ende 
October begann man neuerdings mit dem Aufbringen und Zusammenstellen der 
Eisenconstruction. Gegen den 20. November war man damit soweit vorgerückt, 
dass sich die Brückenträger schon selbst zu tragen vermochten und daher ein all- 
fällig eintretender Eisstoss nicht mehr gefahrlich werden konnte. Unterdessen 
waren auch sämmtUche übrigen Arbeiten sowohl an der Brücke selbst als auch bei 
den Zufahrtsrampen soweit vorgeschritten, dass man für die gänzliche Vollendung 
einen bestimmten Tag in Aussicht nehmen und für den 22. Dezember die Vor- 
nahme des technisch-poHtischen Augenscheines ansetzen konnte. Am 9. Dezember 
begannen unter der Leitung des Sectionsrathes ^ltet6 die Probebelastungen und 
dauerten fast ununterbrochen bis zum 20. Dezember, weil jede OefiEnung für sich, 
und zwar unter zwei Voraussetzungen — Belastung des Fahrweges allein und 
gleichzeitige Belastung des Fahrweges und des Gehsteges — geprüft werden musste. 
Die Resultate der Probebelastung waren aussergewöhnlich günstige und lieferten 
ein glänzendes Zeugniss sowohl für die richtige Protection als für die exacte Aus- 
fülirung der ganzen Eisenconstruction. Am 22. Dezember fand der Augenschein 
statt, bei welchem protokollarisch ausgesprochen wurde, dass die Brücke und 
sämmtliche Nebenarbeiten vollendet und anstandslos dem öffentlichen Verkehre 
übergeben werden können. 

Der neue Donauübergang bei Fressburg besteht aus drei Teilen und.ewar : 



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DIE FRANZ JOSEF^BBÜOEE BEI PKBS6BÜRG. 



171 



aus der Pressborger Zufohrterainpe, aus der eigentlichen Donaabrücke, aus der 
Abfahrtsrampe in der Au und der Ligeter Strasse. Die Länge der Pressburger 
Rampe beträgt l!20 Meter, jene der Brücke selbst zwischen Parapet- Anfang und 
Parapet-Ende 465 Meter, die Länge der Ligeter Rampe und Sti-asse 820 Meter, 
daher die ganze Baulänge 1405 Meter. Beide Rampen haben eine Breite von 
13 Meter. Die linksufrige Rampe ist mit eisernen, die rechtsufrige, sowie die Ligeter 
Strasse mit harthölzemen Geländern versehen. 

Die Donaubrücke ist in ihrem Unterbaue derart angelegt, dass auf den Pfei- 
lern ausser der gegenwärtig bereits hergestellten Fahrbahn für gewöhnhches Fuhr- 
werk und dem Gehwege für Fussgänger auch noch eine zweite Brückenconstruction 
zur Legung eines Eisenbahngeleises Platz findet. Es bestehen ^ Widerlager, 1 Ufer- 
pfeiler auf der Pressburger Seite, 5 Strompfeiler und 7 vollständig von einander 
getrennte Brückenconstructionen aus Eisen. Die ganze Länge der Eisenconstruc- 
tion misst 460*4 Meter. Als Unterlage für die Eisenconstruction dienen Granit- 
quadem, welche durchwegs 70 Cm. hoch, 1*20 bis 1*50 breit und 1'60 bis 180 M. 
lang sind imd von welchen die grössten Stücke ein Gewicht von 50 bis 60 Meter- 
zentner haben. Zum gesammten Brückemmterbau und für die Uferschutzbauten 
wurden folgende Materialquantitäten verbraucht: Etwa 16,000 Kubikmeter Bruch- 
steine aus den Granitbrüchen von Pressburg, Earlsdorf, Berg- und Wolfsthal, circa 
1460 Kubikmeter Quader- und Haokelsteine aus denselben Brüchen, circa 1289 
Kubikmeter Qiiader- imd Hackelsteine aus den Steinbrüchen von Theben- 
Neudorf, circa 1350 Kubikmeter Quadern von Neuhaus-Mauthhausen, circa 
13,000 Meterzentner Romancement von Sattel-Neudorf, circa 1200 Meterzentner 
Portlandcement von diversen Fabriken. 

Die neue Brücke ist auch von grosser strategischer Bedeutung. Die wich- 
tigste Donaustrecke für unsere Monarchie ist jene zwischen Wien-Budapest, denn 
sie bildet die Centralbasis für jede Operation, und die letzte Verteidigungslinie 
in jedem Kriege. Als nächster stabiler Donauübergang abwärt« von Wien besitzt 
Pressburg vermöge seiner Nähe zu Wien (zwei Märsche) imd den daraus bei der 
Verteidigung der Donau resultirenden innigen Wechselbeziehungen zum Gentnim 
der Monarchie eine in allen Kriegsfallen hervorragende mihtänsche Bedeutung. 
Die Lage des Punktes bringt es mit sich, dass Pressburg alle wichtigen, aus dem 
March- und Waagtale zur Donau, und alle zwischen der Donau und dem Neu- 
siedler-See führenden Communicationen vereinigt, beziehungsweise beherrscht. 
Jeder von Norden oder Süden her der Donau sich nähernde Gegner wird ange- 
sichts der im befestigten Lager bei Wien stehenden eigenen Armee schon durch 
den Zug der Communicationen auf den Uebergangsversuch bei Pressburg hinge- 
wiesen (so 1805, 1809 und 1866). Es ist klar, dass der neue stabile Uebergang in 
der Basis befestigt werden muss, um die Verbindung mit dem Hinterlande auf- 
rechtzuerhalten, hauptsächlich aber, um sich da den Uferwechsel auch im An- 
gesichte des Feindes sichern zu können. Ein befestigtes Pressburg ist als Eisen- 
bahn-, Wasser- und Landstrassen-Knotenpunkt berufen, in allen Kriegsfallen eine 
hervorragende Rolle zu spielen. 

Die Herstellung der neuen Brücke hat zu einer interessanten Gelegenheits- 
schrift Veranlassung gegeben, in welcher Dr. Johann Kiräly die Geschichte des 



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172 DIB FRANZ JOSEF-BRÜCKE BEI PRESSBURG. 

Pressburger Maut- und Urfalirrechtes behandelt. * Diese interessante Schrift, ein 
Product Üeissiger und intelligenter Quellenforschungen, gibt sich lediglich als 
eine Chronik, in welcher Alles, was auf die Entwicklung des Pressburger Brücken- 
wesens Bezug hat, verzeichnet ist. Aber die Schrift ist bei all ihrer Anspruchs- 
losigkeit weit mehr, als sie selbst scheinen will. Sie stellt sich dar als ein Sttick 
nationaler Geschichte, als ein Bild von acht Jahrhunderten ungarischen Lebens, 
aus der Pressburger Vogelperspective betrachtet. Das ürfahr- und Mautrecht in 
der altehrwürdigen Stadtgemeinde Pressburg steht im Mittelpunkte des Werkes 
als fixer Punkt im reichbewegten Wandel der Ereignisse. Und wir sehen an diesem 
Pimkte eine Epoche imi die andere vorüberrauschen : die Ai-päden-Zeit, in welcher 
der Grund zu der tausendjährigen Institution des Pressburger ürfahrs gelegt 
worden ist ; die Aera der Anjous, welche diese Institution zu raschem Aufblähen 
gebracht Imt; das Jahrhundert der Könige aus gemischten Häusern, *in welchem 
die kluge und patriotische Bürgerschaft von Pressburg dieser Stadt zu hohem An- 
sehen verholfen und ihre Donaubrücke gewissermassen zu einem geschichtlichen 
Factor erhoben hat ; die Habsburgische Epoche endlich, in der die Stadt Pressburg 
und ihre Brücke in drei grossen Kriegen (in dem Feldzuge gegen die Türken, in 
den napoleonischen Kriegen und in den 1866er Kämpfen) eine bedeutende strate- 
gische Bolle gespielt. 

Das Pressburger ürfahr ist so alt wie das ungarische Königtum. König 
Stefan der Heilige hat in seiner Urkunde betreffend die Stiftung der Martinsberger 
Abtei schon im Jahre 1001 das Donau-Urfahr bei Pressburg als Beneficium diesem 
Stifte verliehen. Später teilten sich in diese Einkünfte der Graf von Pressburg und 
die Piliser Abtei, sowie das Graner Erzbistum, welch' letzterem ein Zehntel des 
gesammten Einkommens zugesprochen war. Wahrscheinlich befand sich die 
Ueberfuhr in diesen Zeiten unterhalb des Sclilossberges in der heutigen Press- 
burger Theresienstadt, wie dies aus einer Urkunde des Königs B61a lY. aus dem 
Jahre 1 254 hervorgeht, durch welche dem Abte Johannes von Pills das Eigen- 
tumsrecht auf den von demselben erbauten Wasserturm in Vepricz (Wödritz) 
zugesichert wird. Was diesen Wasserturm betrifft, so mag er wohl ein Vorwerk 
des befestigten Schlosses gewesen sein, doch weist ja schon seine Benennung 
darauf hin, dass er in irgend einem Zusammenhange mit dem Ürfahr gestanden 
sein muss. Im Jahre 1 306 schenkte der Erzbischof von Gran seinen Anteil vom 
Einkommen aus dem Pressburger Maut- und Urfahrrecht dem Domprobste und 
dem Capitel zu Pressburg, um deren schwache Dotation zu erhöhen. Bald nach- 
her treten aber merkwürdigerweise auch Privatpersonen als Inhaber von Anteilen 
an den Ürfahr- und Mautgerechtsamen auf. So verkauft im Jahre 1 37 1 Elisabeth 
Barthö yhren Anteil an der Wödritzer Maut an einen sichern Slaginkauf. Vier 
Jahre später vermacht • Hanns der PoUe, Purger zu Pressburg t, seinem Sohne 
Andreas ^sein Ürfahr an dem Türmt ; und der Bürger t Jakob der Patzhan» setzt 
die Set. Martinskirche , im Jahre 1381 zum Erben eines Teiles seines Urfahrs ein. 
Desgleichen testirt Thomas Frank 1419 seine fünf Urfahrteile der Set. Lorenz- 

* A pozsonyi nagy-dunai viim- ^8 'r^yjog törtöuete. Irta dr. Kir41y J4no8. 
Fozsony, 1S90 Heckenast G. utöda. Auch in deutscher Sprache. 



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t>m FRAi^Z JOgBF-BRÜOK>^ BEI PRB88BURO. 1^^ 

kirohe» welche ausserhalb des Stadtweichbildes lag, ein Filial der Dompfarre bil- 
dete und stets einen Domherrn des Pressburger Capitels zum Pfarrer hatte. Die 
Schatzkammer dieser Kirche war eine so reichhaltige, dass man sie 1484 in einem 
besondem Anbau unterbringen musste. Die Kirche selbst wurde im Jahre 1529, 
als die Türken nahten, vorsichtshalber demolirt und ihren Schatz Hess die Stadt 
zu Verteidigungszwecken einschmelzen. Wie waren nun Privatpersonen in den 
Besitz einzelner Teile des Urfiahr- und Mautrechtes gelangt ? Der Verfasser findet 
eine plausible Antwort auf diese Frage. Er spricht die Vermutimg aus, dass die 
ursprunghchen Eigentümer dieser Gerechtsame die letztere verpfändet hatten : 
eine Annahme, welche ^unterstützt wird durch die Thatsache, dass in jener Zeit 
die Piliser Abtei sowohl wie der König selbst sich in beständigen Oeldnöten 
befunden haben. Musste doch König Sigismund tals Vormund des Landest die 
Stadt Pressbarg selbst im Jahre 1 385 an seine Schwäger Jodochus und Procopius 
verpfänden, um eine Wegzehrung für seine Fahrt nach Böhmen zu haben ; aller- 
dings hat er dieses Pfand vier Jahre später getreulich wieder ausgelöst. Dans der 
König auch kleinere Beträge zu pumpen genötigt war, erhellt aus dem von Stefan 
Bakovszky festgestellten Umstände, dass Sigismund von den Pressburger Bürgern 
148, dann 150 Qulden, ja einmal sogar die Summe von 32 bölunischen Groschen 
sich ausgeliehen hat. Unter solchen Verhältnissen ist wohl anzunehmen, dass 
manche Urüahrteile im Wege der Verpfändung in die Hände einzelner Bürger 
geraten seien. 

Bis an das Ende des XTV. Jahrhunderts war die Art imd Weise der Besor- 
gung der Donau-Ueberfuhr bei Pressburg ganz imd gar dem Beheben der Bechts- 
inhaber und ihrer Pächter überlassen. Dass es dabei recht patriarchaHsch herging, 
lässt sich wohl denken ; sicherUch sind die Schiffe zumeist morsch, ist der Verkehr 
über die Donau stets ein langsamer und ein lebensgefälirlicher gewesen. Erst durch 
König Sigismund griff hier die Staatsgewalt reformirend ein, offenbar aus mihtä- 
rischen Motiven, unter den Eindrücken des drohenden Türkenkrieges. So ordnete 
der König im Jahre 1396 an, dass behufs Beschleunigimg des Verkehrs an beiden 
Ufern je drei Schiffe stets verfügbar sein mussten ; und sechs Jahre später gab er 
sogar, um den Verkehr zu fördern, das Ueberfuhrsrecht jedem Pressburger Bürger 
hei. Doch all das scheint wenig genützt zu haben ; nach wie vor mochte 
der Verkehr ein langsamer und unregelmässiger sein, denn König Sigismund sah 
sich vei*anlasst, in Pressburg auf eigene Kosten eine Brücke zu bauen ; diese iiihte 
auf Jochbäumen imd auf Schiffen, doch ist sie offenbar sehr nachlässig gebaut 
gewesen, denn bald darauf wurde sie unpraktikabel. Im Jahre 1439 schenkte König 
Albert diese Brücke der Stadt Preesburg gegen die Veri)flichtung, dieselbe her- 
richten zu lassen und sie in Stand zu erhalten. Von da ab ist Pressburg fast nie 
ohne Brücke gewesen ; — ifast nie», denn Treibeis imd Hochwasser zerstörten 
gar oft die Pressburger Donaubrücke so gründhch, dass dieselbe wohl ein dutzend- 
mal und darüber vom Grund auf neuerrichtet werden musste, wie dies aus zahl- 
reichen Urkunden des städtischen Kammeramtes hervorgeht Der Umstand, dass 
den Pressburger Bürgern zugleich mit der Brückensohenkung die Mautfreiheit 
im ganzen Comitate verliehen wurde, hat in der Folge zu manchem scharfen Con- 
flicte mit den Oligarohen auf Kittsee geführt. Die Pressburger Kaufleute, die nach 



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174 



DIE FRANZ JOgBF-BRÜOKB BBI PRASSBÜtUl. 



Hamburg zogen, wurden von den Burgbauptleuten auf Kittsee genötigt, ihren 
Weg statt über das tOerinn» an Kitsee vorbei zu nehmen; hier wurden sie dann 
von den Hauptleuten angeMlen, zur Mautzahlung genötigt und im Weigeninge- 
falle tüchtig geplündert. Zu Beginn des XV. Jahrhunderts zeichnete sich beson- 
ders der Burghauptmann Heinrich Slandersperger durch solche Raubritter-Excesse 
aus, ßo zwar, dass König Sigismund im Jahre 1416 aus Paris und im Jahre 1418 
aus Padua ihn brieflich ermahnen musste, seine Umtriebe einzustellen ; als dies 
nichts half, setzte der König den Pressburger Obergespan Peter v. Kappler als 
Commissarius mit königlichen Gewalten ein, um der Baubwirtschaft des Ölig- 
archen von Kittsee zu steuern. Nahezu durch zwei Jahrhunderte währte dar 
Kampf der Pressburger Bürgerschaft ge^ren diese Brandschatzungen und Ueber- 
gnffe, in welchen später merkwürdigerweise sich gerade die Nachfahren des ober- 
wähnten Peter v. Kappler am imrühmlichsten hervorthaten. 

Im Frühjahre 1440 litt die Pressburger Brücke manchen schweren Schaden 
durch die Treibhölzer, welche der Eisstoss wider ihre Jochbäume geführt hatte. 
Die ehrsame Stadtgemeinde entsandte demnach den Ratsherrn Peter Jungetl zu 
der in Komom weilenden Königin- Witwe Elisabeth, um von ihr einen Beitrag zu 
den Kosten der Instandsetzung zu heischen. Die Königin empfing Herrn Jungetl 
sehr gnädiglioh und sagte ihm einen Beitrag von hundert Ooldgulden zu. Aller- 
dings wai' der würdige Batsherr nicht mit leerer Hand vor das Antlitz der Koni- 
gin getreten, vielmehr hatte er als Huldigungs- Angebinde seiner Mitbürger ein 
Fässchen kostbaren Weines mitgenommen, wie dies m den Kammeraoten gewis- 
senhaft verzeichnet steht in den Worten : lAm Erichtag vor Tiburtii und Vale- 
riani der Königin ein lagl malvasia gebn durch Jungetl. » Herr Jungetl muss aber 
bei dieser Gelegenheit für seine Pressburger Landsleute auch noch manches Andere 
solUzitirt haben, denn am Tage nach seiner Audienz bei der Königin schreibt er 
an die Herren vom Rate einen Brief, worin er dringend bittet, dass die Stadt den 
Küchenmeistern des Kanzlers Johann und des Grafen Ulrich Czilley je einen Gentner 
Oel, Feigen und Häring und «ein guets lagl wein, der suess sy> schicke, damit 
diesen Herren lein besunder wohlgevallen erczaigt sei». Bald nachher erschien 
auch die Königin selbst mit ihrem neugeborenen und als Säugling gekrönten Sohne 
Ladislaus in Pressburg, wo sie einige Zeit verweilte ; sie hatte in dem ehemals 
Spindler' sehen Hause in der Yenturgasse ihr Absteigquartier. Die Stadt gab der 
ankommenden Königin zu Ehren ein Festessen, wie dies bezeugt wird durch die 
folgende Anmerkung der Kammeracten : fitem am Sambstag vor St. Veitstag kam 
unsere gnedige Fraw die Kunigin ; haben wir gebn zu Obendessen mancherley 
ding, als man das hernach geschrieben fint. » In den folgenden zwei Jahren fand 
die Königin sich wiederholt in Pressburg und in der Umgegend dieser Stadt ein ; 
wie denn überhaupt ein Band wechselneitiger Vorliebe die Pressburger und «ihre» 
Königin mit einander verknüpfte. Um auf die Brücke zurückzukommen, so scheint 
sie in den letzten Jahren der Königin Elisabeth vollständig zugrunde gegangen 
zu sein; denn König Ladislaus V. ordnet 1453 ihren Wiederaufbau an und sta- 
tuirt, wohl mit Rücksicht auf die hohen Instandhaltungskosten, die Mautpflicbt 
auch für Edelleute. Dies ist wohl als der erste Eingriff in die Privilegien des unga- 
rischen Adels anzusehen ; und wenn der Landtag damals sich nicht stürmisch 



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hm PRAKZ JOJSEF-BRUGKE BBI PR^SBURG. 1?5 

dagegen auflehnte, so nnterliess er solohes wohl nur in der Erwägung, dass diese 
Bestimmung in der Praxis sich werde umgehen lassen, eine Annahme, die sich ja 
auch nachmals als eine gerechtfertigte erwies. Bald darauf kam der König auch 
persönlich nach Pressburg ; da die Brücke noch nicht stand, wurde die üeberfuhr 
auf sechs Schiffen bewirkt. Die Pressburger verehrten bei dieser Gelegenheit tdem 
genadigsten herm Kunig Laszla» Kirschen als Erfrischung. Der Wiederaufbau der 
Brücke ist aber erst unter Mathias I. erfolgt, in dessen Auftrag Ernst Johann Graf 
von Sohl die Sache betrieben hat. Bis zum Ende des XV. Jahrhunderts wurde die 
Brücke wiederholt durch Treibeis beschädigt, durch Hochwasser fortgerissen und 
jedesmal wieder aufgebaut, so dass die Stadt und ihr Säckel ihre liebe Not damit 
liatten. Aber auch das Strassenwesen in Preesburg scheint damals sich nicht des 
besten Zustandes erfreut zu haben ; denn in den städtischen Kammeracten findet 
sich eine Notiz darüber, dass der Wagen des iKunigs Wlaslai eines Nachts im 
tiefen Wege stecken geblieben sei und dass man aus dem Rathause iden Fass- 
zieher mit seinen Helfemt hinausgeschickt habe, um den Wagen wieder flottzu- 
machen. 

In den Kämpfen der Gegenkönige Ferdinand von Habsburg und Johann 
von Zäpolya spielten die Stadt Preesburg und ilire Brücke eine bedeutsame Bolle. 
Zunächst fand die Wahl Ferdinand's zum König von Ungarn auf dem in der Press- 
burger Franziskanerkirche abgehaltenen Landtag statt. Doch hatte Ferdinand noch 
manchen harten Strauss zu bestehen, ehe er den ihm angebotenen Tron besteigen 
durfte. Es galt vorerst, den Nebenbuhler Johann von Zdpolya aus dem Felde zu 
schlagen, ihm seine zahlreichen Parteigänger abwendig zu machen und das von den 
Schrecknissen des Bürgerkrieges heimgesuchte Land zu pazifiziren. Pressburg ist 
dem König Ferdinand in diesen Kämpfen eine wichtige Position gewesen und leicht 
begreift es sich, dass der König aus strategischen Gründen die baldigste Wieder- 
herstellung der Pressburger Brücke betrieb. Auch gingen die bezüglichen Arbeiten 
recht flott von Statten, so zwar, dass die Brücke schon binnen Jahr und Tag — 
wieder vom Hochwasser fortgerissen werden konnte. Beschädigt und wieder aus- 
gebessert, zugninde gegangen und wieder aufgebaut, unterlag diese Brücke den 
mannigfachsten Wandlungen, welche die Zuversicht in ihre Stärke nicht eben zu 
fordern geeignet waren. So ist es denn durchaus nicht zu verwundem, dass die 
Könige, wenn sie die Stadt passirten, es vorzogen, auf Schiffen über die Donau zu 
setzen ; und femer, dass bei besonders festlichen Anlässen jedesmal auch beson- 
dere Brücken aufgeführt worden sind. So gab es 1578 eine besondere Landtags- 
Schiffbrücke, welche das Staatsärar hatte errichten lassen und für welche die Stadt 
Pressburg lediglich drei ungarische Dolmetsche beizustellen hatte. Im Jahre 1 563 
aber wurde speziell zur Krönung Maximilian' s eine Krönungsbrücke gebaut. Nim 
geboten aber wieder strategische Kücksichten die Errichtung einer starkem Brücke 
bei Pressburg ; die Türkenkriege standen in Sicht und der Hofkriegsrat in Wien 
begehrte nachdrücklich den Aufbau einer Schiffbrücke. Der Pressburger Stadtrat 
fürchtete für seine Mauteinkünfte und schrieb an den König, dass dieser wohl 
eine Brücke bauen, aber die Mautverwaltung an niemand Andern ab an die 
Stadtgemeinde verpachten dürfe, worauf der Delegirte des Kriegsrates, Herr 
von Sprinzenstein, replicirte, er sei bereit, dem König fünf feste Brücken zu bauen, 



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176 



DIB FRANZ JOSEF-BRÜCKE BEI PRBSSBÜR6. 



wenn ihm die Mauteinkünffce der Pressburger Brücke überlassen werden. Inzwi- 
schen wurden die durchziehenden Truppen mittelst einer Anzahl von Schiffen 
über die Donau geführt. Die Brücke aber wurde erst erbaut, als der nächste Land- 
tag zum Behufe der Königswahl nach Pressburg einberufen worden war. 

Von da ab wiederholt sich dAs altgewohnte Spiel. Es werden wiederholt 
Schiffbrücken erbaut, durch das Treibeis zerstört, um dann abermals errichtet und 
durch die Hochflut fortgerissen zu werden. Erst vom Jahre 1676 datirt eine grös- 
sere Dauerhaftigkeit im Pressburger Brückenwesen. Das System der fliegenden 
Brücken wird eingeführt und bewährt sich besser als die bisherigen Schiffbrücken. 
In den mannigfaclien Wechselfallen der Türkenkriege wird aber auch die fliegende 
Brücke wiederholt abgetragen und niedergebi-annt. Auch scheint die Instandhal- 
tung der Brücke zu Beginn des XVlU. Jahrhunderts bereits erheblich höhere 
Kosten als bis dahin gefordert zu haben, denn als Karl lEE. die ärari«che Brücke 
der Stadtgemeinde zum Geschenk machte, da protestirte der Magistrat gegen diese 
Danaergabe mit dem Bedeuten, dass die Instandhaltung jährlich 2500 fl. und 
darüber erheische. Im Jahre 1722 drängt sich dem Landtage bereits die Erkennt- 
niss auf, dass eine stabile Brücke bei Pressburg aus wirtschaftlichen wie aus stra- 
tegischen Gründen gleich notwendig sei. Freihch scheint in diesem Jahrhundert 
auch die Rentabilität der Brücke sich in bedeutendem Maasse gesteigert zu haben, 
denn im Jahre 1791 nahm der Pressbnrger Arzt Dr. Johann Szluha das Maut- 
recht der Brücke gegen einen jährlichen Pachtschilling von 10,750 fl. auf sechs 
Jahre in Pacht. Bei dem Anbruche des XIX. Jahrhunderts verschlugen sich die 
letzten Wellenringe der napoleonischen Kriege liieher und die Pressburger Donau- 
brücke pah am 10. Dezember 1805 den Marschall Davoust mit sechs Regi- 
mentern Fnsstruppen imd zwei Regimentern Reiterei nach dem Weichbilde der 
Stadt ziehen, um die durch den Waffenstillstand vereinbarte Demarkationslinie zu 
besetzen. In Pressburg wurde auch am 27. Dezember zwischen Talleyrand einer- 
seits und den Feldmarschall- Lieutenants Fürst Johann Lichtenstein und Graf 
Ignaz Gyulai andererseits der definitive Friede abgeschlossen. Nicht so glimpflich 
kam die Stadt Pressburg im Frühjahre 1809 davon. Nach der Schlacht von Aspem 
warf sich Davoust mit 14,009 Mann auf Audoi-f und als diese Position sich ihm 
nicht ergeben wollte, liess er am 3. Juni Pressburg selbst bombardiren. Die Be- 
schiessung währte von 10 Uhr Vormittags bis 1 Uhr Nachmittags, während wel- 
cher Zeit der Verkehr auf der fliegenden Brücke ungestört fortbelrieben wurde. 
Vom ti6. bis 28. Jimi wurde in drei aufeinander folgenden Nächten das Bombar- 
dement fortgesetzt, ohne dass die Audoi-fer Schanzen aufgegeben wurden. Bis zum 
Abschluss des Wiener Friedens 1 809 war die Gemarkung von Pressburg beständig 
von französischen Besatzungstruppen und von mehr minder heftigen Scharmützeln 
heimgesucht. Nach dem Friedensschlüsse berief Franz I. nach Pressburg den 
Landtag ein und ordnete zugleich in Anerkennung der patriotischen Verdienste 
dieser Stadt die Emchtung einer grossen ständigen Schiffbrücke durch die in 
Pressburg gamisonirenden Pionniertruppen an. Diese nach der Kaiserin und Kö- 
nigin Karolina genannte Brücke wurde am 29. Dezember 1 825 unter grosser 
Feierlichkeit dem Verkehr übergeben ; sie war aus 32 Schiffen zusammengesetzt 
und mass in der Länge 148 Klafter, in der Breite 24 Klafter. In das Erbe dieser 



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MITTELALTBRLICHE GRABDENKMÄLER AUS UNGARN. 



IW 



Schiffbrücke tritt nun die neue, mit allen Emmgenschaften der modernen Technik 
auegeetattete Eisenbahnbrücke, welche am 30. Dezember 1890 durch Se. Majestät 
den König persönlich eröffnet worden ist. 



MinELAIiTERIJCHE GRABDENKMÄLER AUS UNGARN 

VI. Grabstein des Andreas Scolari. XV. Jahrhundert. 

Der Grabstein des Bischofs Scolari ist unstreitig das interessanteste 
unter den wenigen alten Monumenten, welche im Dome von Grosswardein 
uns bis zur Gegenwart erhalten geblieben sind. Das Materiale, aus welchem 
derselbe verfertigt ist, ist grauer Sandstein, seine Höbe 2 M. 0*7 Gm., die 
Breite aber 79 Gm., was also eine bei Grabsteinen ganz ungewohnte 
Schmalheit zu bedeuten hat, welche auch dem minder geübten Auge sofort 
auffällt. 

Abgesehen von einem in schräglinker Bichtung laufenden Bruche, 
welcher oben beim linksseitigen Schriftenrande beginnt und sich über 
einen Teil des Polsters sowie über den Hals bis zur rechten Schulter der 
das Figurenfeld belegenden Gestalt zieht, abgesehen femer von der 
starken Beschädigung des Gesichtes derselben Figur, welche das erstere 
vollkommen unkenntlich gemacht und auch ein vorderes Stück der Mitra 
etwas in Mitleidenschaft gezogen hat, — ist dieser Denkstein sammt seiner 
durchwegs lesbaren Inschrift wohlerhalten zu nennen. 

Diese letztere, in ausnehmend regelmässigen und zierlichen Minus- 
keln, aus den vier Seiten des beiderseits mit dünnen Leisten eingefassten 
schmalen Schriftenrandes herausgemeisselt, beginnt linksseitig oben und 
lautet : 

iHic jacet reverendus in Christo pater dominus Andreas Floren- 
tius hujus ecclesie Yaradiensis pontifex venerandus deo ac gentibus hung| 
arie dilectus qui obüt X° VIII die mensis januarii VII hora noctis anno do- 
raini M«"" CCCCX| XVI hie honorifice sepultus.» 

Das glatte Figurenfeld wird von der liegenden und zugleich stehenden 
Gestalt des in pontificalibus dargestellten Bischofs Andreas Scolari vollstän- 
dig ausgefüllt. Das Haupt, mit beiderseits bis zu den Ohrläppchen reichenden, 
rundgeschnittenen Haaren, ist mit einer hohen Mitra bedeckt, deren Spitze 
bis zur Mitte des Schriftenrandes hinaufreicht, und ruht auf einem mit einer 
Schnur eingefassten Polster, dessen vier Ecken mit eben so vielen Quasten 
besteckt erscheinen. Die mit Handschuhen versehenen Hände erscheinen 
(wie dies bei Veratorbenen der Brauch) nach vorne abwärts, über die Mitte 
des Körpers, in Form ein^s Andreaskrt-uzes gelegt ; die mit einer breiten 

Ungwineh« Bevae, XL 1891. IC. Heft. XS 



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178 MITTB!LAI.TERUCHE ORABDEKKMÄLER AUS UNÖARN. 

Bordare und vorne mit einem Passionskreuze verzierte Gasula aber, mit 
hohem weiten Halskragen, sowie darunter die Tunicella und dann die bis 
zn den (sichtbaren) Fassspitzen abfallende, reiche Alba amhüUen die Ge- 
stalt des unter diesem Grabsteine ruhenden Prälaten. Sichtbar machen sich 
auch die beiden schmalen Enden des Manipulus, sowie unten die befranste 
Stola. Links vom Bischöfe befindet sich gerade aufgerichtet und die untere 
Leiste des oberen Schriftenrandes etwas überragend, das Pedum oder der 
Hirtenstab, dessen einwärts gekehrte, schneckenartige Windung mit zierli- 
chem künstlichen Laubwerke besteckt erscheint und um dessen Stiel, einige 
Spannen weiter unten, das Sudarium, von einem Krönlein überhöbt, 
mehrfach gewunden ist und mit den Enden nach abwärts hängt. 

Noch haben wir Eines unerwähnt gelassen : es ist dies die — wohl 
nicht gelungene — Gestalt des Hundes (als Symbol der Treue), auf welcher 
die Fussflächen des Bischofes ruhen. Wir werden über diese Sitte ver- 
gangener Jahrhunderte, wo Personen die in ganzer Gestalt auf Grabsteinen 
dargestellt erscheinen, Tiere, in gleicher Verwendung wie hier, beigegeben 
wurden, noch später Gelegenheit finden, eingehender zu sprechen. 

Wir können unser Augenmerk demnach dem Wappenschilde des An- 
dreas Scolari zuwenden. Dieses befindet sich, die scharfe^ halbrunde 
Dreieckform seiner Zeit aufweisend, in einer Höhe mit dem Eniee der 
Gestalt, aufrecht, sowie den rechten Schriftenrand berührend und zeigt 
drei Schrägbalken. 

Es stimmt dieses Wappen vollkommen überein mit demjenigen des 
Pipo de Ozora,* Grafen von Temes, eines Florentiners aus vornehmem 
Geschlechte, welcher zu König Sigismund's Zeiten eine hervorragende 
Bolle in unserem Vaterlande gespielt, — dessen eigentlicher Name aber 
Philipp Scolari gewesen und welcher der ältere Bruder des vorstehenden 
Bischofs Andreas war. 

Erst nach seiner Vermälung mit Barbara Ozoray, mit welcher er 
auch die Burg Ozora erhalten hatte, nahm er den Namen dieses (uralten, 
nunmehr ebenfalls schon lange erloschenen) Geschlechtes auf, unter 
welchem derselbe vornehmlich in der Geschichte bekannt ist. 

Domherr Vincenz von Bunyitay, der gelehrte Verfasser des Werkes : 
«Nagyvaradi püspökseg törtenete»,** welcher uns diesen Grabstein (der 
auch sein eigenes vorzügliches Buch ziert) mit grösster Liberalität zur Ver- 
fügung gestellt hat, führt eben dortselbst (I. 243) noch ein anderes Wap- 



* Siehe : B. A. B. Pesth 9432 etc. D. O. woselbst dieses Wappen completer, wie 
folgt erscheint: Schild, wie das Grabstein wappen des Bischofes Scolari. - Kleinod: 
Armloser, mit einem Oberkleide versehener wachsender Männemimpf. — Vergl. audi 
Siebmacher, Der Adel v. Ungarn, XX. 

'•'* Geschichte des Grosswardeiner Bisthums, I, 243. 



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GRABSTEIN DES ANDREAS SCOLARI. 



12* 



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i80 



MITTELALTERLICHE GRABDENKMALER AÜB üNÖARK. 



pen des Andreas Scolari auf, das sich jedoch nur allein auf die Person des- 
selben und auf seine Würde als Bischof bezieht.^ 

Derselbe Andreas Scolari, welcher von Einigen (nach seinem eben 
hier genannten Bruder) magyarisirt auch als «Ozorai» genannt erscheint, 
nahm von 1409 bis 1426 den Bischofstuhl von Grosswardein ein, nachdem 
er bereits früher Bischof von Agram gewesen war. Er war ein GänstUng 
des Königs Sigismund, den er auch zum Goncile nach Gonstanz begleitete 
und an dessen Seite er bis zur Beendigung desselben verblieb. Er starb, 
wie wir auch aus der Legende ersehen, in der Nacht des 18. Januar, im 
Jahre 1426.« 

Vn. Familiengrabstein der Berzeviczy. XV. Jahrhundert. 

Es muss insbesondere den ungarischen Heraldiker mit Freude und 
Genugthuung erfüllen, wenn er in die Lage versetzt wird constatiren zu 
können, dass das eine oder das andere heimatliche Geschlechtswappen 
durch viele Jahrhunderte hindurch bis auf die jüngste Zeit in seiner 
ürfom unverändert beibehalten und von der zersetzenden Wirkung der 
Zeit, welche sich insbesondere auch in unserem nationalen Wappenwesen 
so fühlbar gemacht hat, — in keiner Weise beleckt wurde. Wir können 
nämlich die Thatsache nicht wegläugnen, dass das Festhalten an dem 
ererbten Blason, welches speciell beim guten alten Adel deutscher sowie 
lateinischer Zunge fast zur Regel geworden, bei uns leider nur zu 
den selteneren Fällen gezählt zu werden hat, — wenn wir es auch zurück- 
weisen müssen, was gewisse heraldische Vielwisser (Nichtwisser) zu 
behaupten für gut befunden haben : dass von einer intacten Beibehaltung 
des Urwappens seit geraumer Zeit bei uns überhaupt nicht mehr gespro- 
chen werden kann, weil unsere alten Geschlechter ihre Blasons (mit Sanc- 
tion des Landesherrn oder aber willkürlich) wiederholt schon verändert 
haben. Diesen Ausfluss der völligen Nichtorientirtheit lassen diese Herrn 
aber zugleicl^ auch als Beweis dafür gelten, dass unserem nationalen Wap- 
penwesen, schon von sehr alten Zeiten her, nicht die geringste Wichtigkeit 
beigelegt worden war. 

Schlagende Gegenbeweise wurden nach der einen wie nach der 
anderen Richtung hin, in verschiedenen wissenschaftlichen Organen*, von 
Seite unserer neuen Schule schon zur Genüge erbracht und werden auch in 
diesen Blättern noch geliefert werden. Wenden wir uns daher einem jener 



^ Es zeigt dieses andere Wappen einen aus der obern linken Schihierecke 
ragenden, gebogenen Arm, welcher einen Kmmmstab hält. 

« Siehe auch: Nagyvaradi pflspöks^g tört^nete T. 232—243 und III. 110—112. 
» Siehe : Tnrul und Archseologiai ]6rtesit6. Jahrgänge 1887—1889. 



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MITTELALTERLICHE GRABDENKMÄLER AUS UNGARN. 1^1 

Wappen zu, welches, als zur oben hervorgehobenen Kategorie gehörig, 
stets unverändert geblieben ist und seit einem halben Jahrtausende sich 
typisch zu erhalten gewusst hat 

Es gehört dasselbe dem bekannten und vornehmen Geschlechte der 
Berzeviczy de Berzevicze und Eakas-Lomnicz an und findet sich auf 
einem wohlerhaltenen 190 Gm. hohen und 114 Gm. breiten Grabsteine aus 
rotem Marmor vor, welcher in der Kirche von Berzevicze im S&roser 
Gomitate [und nicht in Kis-Szeben (Zeeben) wie Bömer im Arch. 6rt. VII. 
4. 1887 Oktoberheft, irrtümlich angibt], — in der westlich gelegenen Fa^ade 
unter dem Thurme senkrecht in der Mauer eingefügt erscheint. Die an 
Gapiiälstelle beginnende, beiderseits mit einem massig verflachten Bande 
versehene Legende, welche alle vier Seiten des Schriftenrandes ausfällt und 
in regelmässigen Minuskeln aus dem Steine herausgemeisselt erscheint, 
lautet wie folgt : 

.Sßpulfura • magntfttt 

uiri • bomi ♦ pcfri • I;erm • b • bttiomtt 

lecottnitoi • rglm • magri • ntt 

non • comüia • acepus ac • fuDrum 

(Lies : Sepultura magnifici viri domini petri herinici (oder henrici) de 
brezovice tavernicorum regalium magistri nee non comitis scepusiensis 
ac suorum.) 

Aus dem letzten Worte der vorstehenden Inschrift ersehen wir, dass 
dieses Monument als Familien-Grabstein anzusehen ist und aus diesem 
Grunde finden wir auch keine Jahreszahl dort vor. 

Wenn wir jedoch in Betracht ziehen, dass Peter Berzeviczy, dessen 
Namen wir auf dem Epitaphe verzeichnet finden, zwischen den Jahren 1432 
und 1433 mit Tod abging, sowie anderseits, dass in derselben gemeinsamen 
Buhestätte (wie es zweifellos erscheint) auch die irdischen Ueberreste von 
Peters Vater bestattet worden sein dürften, so werden wir unwillkürlich 
zu der Annahme gedrängt, dass das fragliche Monument vor den Jahren 
1432 — 33 verfertigt worden sein dürfte, u. z. auf Veranlassung des erwähn- 
ten Peter selbst noch zu seinen Lebzeiten. 

Bomer hat zweifellos auch hier nicht das Bichtige getroffen, indem er 
gelegentlich der Auslegung der Legende (siehe: Arch. l^tt. wie oben), 
einen fHermann» (bezw. einen «Peter Hermann») vorführte, ganz abgese- 
hen davon, dass es uns bisher, auf Grabsteinen des XV. Jahrhundertes, 
noch niemals vorgekommen ist, dass auf solchen einer und derselben Person 
zwei Taufnamen beigegeben worden wären ; abgesehen auch femer davon, 
dass derselbe Feter, welchen unser Grabstein deckt, urkundlich nie anders 



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184 MITTBI^ALTERLICHE GRABDENKMÄtER AUS UNGARN. 

als eben nur einfach als «Peter» aufgeführt erscheint. Wohl ist es aber ande- 
rerseits aus Urkunden ganz wohl bekannt, dass wieder dieser Peter ein 
Sohn des Heinrich Berzeviczy aus seiner Ehe mit Helene Derencsenyi 
gewesen ist. 

Indem wir es uns für den Schluss vorbehalten, noch einige Worte 
über das Leben und Wirken des vermeintlichen Erbauers dieser Berzeviczy- 
Gruft zu verlautbaren, schreiten wir zur Blasonirung des Wappens, welche 
wie folgt zu lauten haben wird: In Blau ein aufspringender weisser (?) 
Bock. — Kleinod : Der Bock wachsend. — Decken : blau- weiss ? — Der 
Drachenorden.* 

Der ausführende Künstler hat sich hier jedenfalls bemüht, in den vor- 
geschriebenen Grenzen zu bleiben. Das Figurenfeld ist für das Wappen, so- 
wie der Schriftenrand für die Legende ausgenützt worden, ohne dass 
gegenseitig etwas «erborgt» worden wäre. So soll es sein, und deshalb 
berührt die ganze Vorstellung das Auge auch sofort in angenehmer 
Weise. Nicht minder gefallig präsentirt sich das Wappen als solches, 
mit welchem auch die Gesetze der Baumausfüllung in Bezug auf das 
Figurenfeld vollkommen richtig eingehalten wurden. Die Form des 
nach rechts geneigten Dreieckschildes ist regelrecht ; an dem Stechhelme 
und an seiner Placirung nichts auszustellen. Die Helmdecke, welche (ana- 
log wie bei Tornay) als Fortsetzung des Felles der wachsenden Schild- 
figur (des Bockes) sich nach aufwärts schwingt, ist ebenfalls schön, obwohl 
nicht mehr so einfach wie diejenige des Tornay- Wappens, Sie beginnt zwar 
mit den gewöhnUchen Zadd- lungen, nimmt aber dann, obwohl gleichfalls 
nur einen Ast bildend, in Folge der tiefen, blätterartigen Einschnitte, einen 
bereits decorativen Charakter an. 

Lobend muss hervorgehoben werden die Stylisirung sowie die Art 
und Weise der Placirung des den Schild umgebenden, feuerspeienden ge- 
flügelten Drachens, — dieses alten Kitteroniens, welcher hier als Ehren- 
zeichen (und keineswegs als Schildhalter) fungirt und über welchen wir 
gelegenthch der weiter unten folgenden Besprechung des Johann Perenyi- 
schen Grabsteines eingehend berichten werden. 

Betrachten wir dieKcs fabelhafte Tier näher, wie es hier reproducirt 
erscheint, so ist es jedenfalls die höchst gelungene Position des vom 



* Die Edelleiite Berzeviczy de Berzevicze führen gegenwärtig (wie bereits seit 
dem Jahre 16] 9 und mutmasslich schon früher) den Bock auf einem kleinen golde- 
nen Krönlein, gegen eine spitze Felsengruppe anspringend. — Dies sind unbedeu- 
tende Zuthaten, welche dem llaupttypus keinen Eintrag machen. Der Book ist bei 
den adehgen Linien des genannten Geschlechtes weiss, bei der dem gänzlichen 
Erlöschen sich nähernden freiherrlichen Linie, — schwarz. Die Decken sind gegen- 
wärtig schwarz -golden und blau-sübem, sonst Alles, wie hier oben blasonirt. 



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>iA*tifr)^^**fM* 




FAMILIBNORABSTBIN DEB BBBZBYIOZY. 



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184- MITTELALTERLICHE GRABDENKMÄLER AUS UNGARN. 

Schwaiusende umschlungenen aufwärtsstrebenden Kopfes (sammt Hals), 
was die Aufmerksamkeit sofort erregt. Auch dies geschah im Uebrigen 
Yomehmlich deshalb^ um keinen leeren Baum zwischen Schild und Helm 
entstehen zu lassen, welcher jedenfalls sich orgeben hätte, da es schon 
ursprünglich in der Absicht gelegen zu haben scheint, die Helmdecke 
nicht zweiBSÜg darzustellen. 

Was nun den Bock betrifft (welcher sich hier auch als Heimkleinod 
wiederholt), so ist dieses Wappentier, wie es sich im gestürzten Schilde 
(ganz richtig nach der Achse gerichtet) zeigt, zwar nicht als heraldisch 
incorrect zu qualificiren, hätte aber jedenfalls gefälliger ausgeführt werden 
können. Der Leib ist nämlich zu dick, insbesondere der Unterleib, der Hals zu 
lang, die Beine nicht genug schmal, die Homer endlich ohne Knorpeln und 
zu Beginn viel zu wenig aufgebogen ; sie sollen die Stirnseite überragen, 
nicht aber eine eben verlaufende gerade Linie mit dieser bilden. Der Bock 
des Schildes ist mit einem Worte zu plump und ohne jeden heraldischen 
Schwung, was bei einem Producte jener guten Zeit, in welcher der Ber- 
zeviczy-Grabstein verfertigt wurde, sowie in Ansehung der im Grossen hier 
vollkommen gelungenen sonstigen Ausführung, überrascht. Das gleiche gilt 
von der Kleinodfigur, deren Körperformen jedoch bereits etwas gefälliger 
erscheinen. Es ist hier der rechte Yorderfuss sammt E^aue verzeichnet. 

Dass endlich in der Heraldik jeder Bock einen Steinbock zu bedeuten 
hat, sollte zur Genüge bekannt sein. — Deshalb glaubten wir auch die 
Berechtigung zu haben, auf das Fehlen der Hömerknorpeln aufmerksam 
machen zu dürfen. 

Wir haben die beiden Eltern des Peter Berzeviczy bereits nam- 
haft gemacht. Er selbst hatte eine wissenschaftliche Erziehung erhal- 
ten und kam bereits in jungen Jabren an den Hof des Königs Sigis- 
mund, woselbst er auch den wichtigeren Beratungen beigezogen wurde. 
Insbesondere nahm er auch lebhaften Anteil an den Bündnissbesprechungen 
der ungarinchen und polnischen Stände. Wiederholt sehen wir ihn ferner, 
mit verschiedenen Missionen betraut, an den Hof des Königs von Polen 
eilen. Später in türkische Gefangenschaft geraten, wird er aus derselben 
befreit und übernimmt endlich die Würde eines Oberst- Schatzmeisters, 
welche er bis zu seinem Ableben behält, das, wie schon früher berich- 
tet, in den Jahren 143:2 oder 1433 erfolgte. Er war auch Obergespan 
der Zips. Gsergheö und Csoma. 

* Hier brechen wir die Fortsetzung dieser Studie ab, da inzwischen das voll- 
ständige Werk unter dein Titel Alte Grahdenkmälrr aiis Ungarn von Geza Csergheö 
und Josef Csoma. 122 S. mit 25 Illustrationen im Verlage von Friedr. Kilian in 
Budapest erschienen ist. D. B^d. 



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JOHANN DANIBLIK. ^^5 



JOHANN DANIELIK.* 

Danielik erblickte das Licht der Welt in einer romantischen Gegend unse- 
res Vaterlandes, am Fasse der von unseren Dichtem besungenen Muränyer Burg, 
in Mur&ny-Älja im Gömörer Komitat am 20. Mai 1817. Sein Vater war ein wissen- 
schaftlich gebildeter, seiner vorzüglichen Kenntniss der lateinischen Sprache 
wegen in der ganzen Gegend bekannter SicherheitsCommissär, welcher in seinem 
Sohne frühzeitig die Liebe zur Wissenschaft und Lektüre erweckte. Demzufolge 
ragte der talentirte Jünghng denn immer unter seinen Mitschülern hervor. Als 
Bosenauer Gleriker auszeichnungsweise in das Pester Seminar gesandt, erwarb er 
hier noch als Studirender das philosophische Doctordiplom, und da er hierselbst 
auch durch seine kirchenliterarischen Erstlingsarbeiten Aufmerksamkeit erregte, 
wurde er nach Beendigimg seines Studienkurses, noch vor seiner Priesterweihe, 
1839 am Rosenauer Lyceum Professor der Philosophie und ungarischen Literatur 
und einige Jahre später Professor der Bibelstudien an der theologischen Facultät. 

1848 in die Bedaction des Blattes «Religio 6s Nevel^s» berufen, traf er in 
der Hauptstadt in den stürmischen Märztagen ein, von starken katholischen 
Grundsätzen inspirirt, allen revolutionären Ideen abhold. Da dies der Wiener 
Regierung nicht verborgen blieb, wurde Danielik von ihr zu grossen Diensten in 
den antimagyarischen Bewegungen ausersehen ; schon am 1. Oktober 1849 wurde 
er zum Mitglied des Erlauer Domcapitels ernannt. 

Einer der um Csengery's «Pesti Hirlapt geschaarten Gentralisten, Baron 
Sigmund Eemöny, suchte Danielik, dessen grosse Bildung und Befähigung er 
erkannte, der nationalen Sache zu gewinnen. Und dies gelang ihm dermassen, dass 
Danielik alsbald seine politische Gesinnimg teilte, welche das Blatfc • Religio», 
dessen Eigentümer und Redacteur er 1849 wurde, in solchen Ausdrücken zu 
Tage treten liess, dass die Polizei dasselbe 1851 in Beschlag nahm und Danielik 
selbst zu zweimonatlicher Haft verurteilte. Im Herbste des folgenden Jalires 
indessen konnte dieser auf Intervention des Fürstprimas Scitovszky, unter den 
Glückwünschen des ungarischen kathohschen Lesepublikmns, die Redaction seines 
Blattes wieder aufnehmen. 

Ein wichtiges Moment seines Lebenslaufes ist seine im Sommer 1853 er- 
folgte Wahl zum Vicepräsidenten der Set. Stefan-Gesellschaft. In diesem seinem 
Wirkungskreise konnte er unseren Uterarischen und nationalen Interessen grosse 
Dienste leisten und er leistete sie auch ; denn jene Gesellschaft war damals das 
einzige Feld, auf welchem sich unser Ungartum und Schriftstellertum, wiewohl 
unter Controle, mit einiger Freiheit bewegen durfte. Er wusste hier mit grosser 
Geschickhchkeit — man darf sagen — die sämmtlichen kathohschen, kirchlichen 
und weltlichen NotabiUtäten des Landes in den Verband des Vereins, ja selbst in 
den Ausschuss desselben einen Franz Deäk, Baron Josef Eötvös, Graf Georg 

'*' Aus Josef SzYor^nyi*B in der Januar-Plenarsitzung der ungar. Akademie der 
Wissenschaften gelesenen Denkrede. 



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186 



JOHANN DANIBLIK. 



E4rolyi, Paul Somssich, Baron Ladislans Wenckheim, und unsere ei-sten belehr- 
ten : Franz Toldy, Dr. Johann 6rdy u. A. hineinzuziehen, welche nicht allein 
die Sitzungen des Vei-eins besuchten, sondern dort regelmässig berieten, debat- 
tirten und Commissions-Präsidien tibemahmen, während unsere Grelehrten ihre 
Arbeiten mit Vergnügen dem Verein zur Pubhcation Überhessen. Diese seine 
Thätigkeit wird allezeit ein glänzendes Blatt in den Annalen des Vereins bilden, 
denn er leistete damit den Uterarischen und nationalen Interessen gerade in der 
kritischesten Zeit grosse Dienste, deren Wert er noch dadurch erhöhte, dass er, 
zur Unterstützung unserer auf literariscben Verdienst angewiesenen zahlreichen 
guten Schriftsteller, die in riesigen Dimensionen geplante • Allgemeine ungarische 
Encyklopädiei begann imd deren olme Unterschied des Glaubens gewählten 
Mitarbeitern durch glänzende Honorirung einen sicheren Erwerb verschaffte. Er 
initiirte auch die ferneren grossen Publicationen des Vereins: Cäsar Cantu's 
«Weltgeschichte», das «Leben der HeiUgen» u. s. w. und stimmte durch diesen 
Thateifer und beträchtlichen Erfolg mehrere hohe geistüche und weltliche Herren 
zu bedeutenden Opfern. 

Nachdem er 1857 die Bedaction seines Blattes «Beligioi in andere Hände 
gegeben, konnte er das von Baron Sigmund Eemeny redigirte «Pesti Naplö» 
häufiger mit seinen Artikeln au£9uchen. Diese erregten alsbald grosses Aufsehen, 
so dass Baron Eemeny bezüglich des Verfassers derselben wiederholt massenhaften 
Interpellationen ausgesetzt war. Seine Leitartikel «Ueber die PoUtik der Zukunft», 
in welchen er die Stellung unseres Landes gegenüber den Agitationen Preussens 
constatirte, hatten eine so ausserordentliche Wirkung, dass sich daraus ein wirk- 
licher diplomatischer Krieg zu entwickeln begann. Bismarck wütete, unsere 
Minister erschraken imd die ausländische Presse beschäftigte sich damit noch 
anhaltender, als mit Franz Deäk's berühmter « Oster-Epistel ». In Anbetracht sei- 
ner um dieselbe Zeit erschienenen Abhandlungen und selbständigen Werke 
(«Der Geist der Geschichte», «Golombus» u. s. w.) wählte ihn die Ungarische 
Akademie der Wissenschaften 1858 zu ihrem EhrenmitgHed. 

Am Ausgang der fünfziger Jahre keimte in seinem Geiste ein grosser und 
weitgreifender Plan : der Plan der Errichtung einer auf Liegenschaften zu grün- 
denden Bodencreditbank, in welche der ungarische hohe Clerus mit seinen sämmt- 
lichen Besitztümern eintreten soUto, und zwar so, dass zwischen den Kirchen- 
gütem und der geplanten Bank als nationalem Geldinstitut ein so enger Verband 
organisirt werden sollte, dass in Folge desselben eventuell, wann immer diese 
Güter angegriffen würden, die ganze Nation dagegen, als gegen eine Gefährdimg 
ihres eigenen Interesses, zu protestiren gezwungen sein müsste. Da indessen der 
Plan auf unüberwindhche Hindernisse stiess, gab er den Versuch der Ausführung 
desselben vorläufig auf und spann seine Entwürfe in Betreff eines anderen, viel 
umfangreicheren Unternehmens weiter. Er hatte die grandiose Absicht, eine 
Bundesvereinigung der Kirchengüter der sämmtlichen katholischen Staaten 
Europas zu dem Zwecke zu bewerkstelligen, um vermittelst Erhöhung der Ein- 
künfte des katholischen Vermögens die grossen Aufgaben und Institutionen der 
Weltkirche zu fördern. Er schickte sich an, die von Langrand-Dumoncean geleite- 
ten belgischen katholischen Banken für seinen Plan zu gewinnen. Zu diesem 



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JOHANN DANIEUK. 187 

Zwecke nahm er einen auf vier Monate nach Deutschland, Frankreich, Spanien, 
ItaHen, Belgien und Holland lautenden Beisepass heraus und trat, iu Wien auch 
vom König und mehreren hohen Persönlichkeiten empfangen, seine Reise an. 
Langrand trat seinen grossen Bestrebungen bereitwillig bei, und zwar mit dem 
Versprechen, dass er mit den Wohlthaten der dem Plane gemäss zu errichtenden 
neuen katholischen Banken in erster Linie die volkswirtschaftliche Entwicklung 
Oesterreichs und Ungarns ins Werk setzen werde. Zu grossem Vorteile gereichte 
der Angelegenheit die eben in diese 2ieit fallende Erhöhung des AnseheuH und 
Einflusses Daniehk's, welcher Anfangs 1861 mit dem Titel eines Wahlbischofs 
von Pristina zum Mitgliede des könighohen Stattlialtereiraten ernannt wurde. 

Im Frühling desselben Jahres constituirte er den auch heute segensreich 
wirkenden Set. Ladislaus- Verein, dem er als katholisch-patriotische Aufgabe : die 
Subvention der Schulen und Kirchen der Moldauer, Biikowinaer u. a. Csängö- 
Magyaren, die Konservirung der vaterländischen alten Kirchengebäude imd end- 
lich die Förderung der grossen Aufgaben des HeiUgen Stuhles vorsteckte. Ferner 
bildete den Gegenstand seiner Sorge vomehmhch die Sache der politischen Erlö- 
sung unseres Vaterlandes. Er stand von 186:2 angefangen in Angelegenheit des 
•Ausgleichs» in Briefwechsel mit dem Kanzler Grafen ForgÄch, in häufiger 
Berührung mit Franz Deäk, und gar mancher hochgestellte und einflussreiche 
Mann stand unter seiner pohtischen Leitung und sozusagen Vormundschaft. 
Damals entstand auch sein sogenannter «Politischer Programmentwurf», welcher, 
die definitive Regelung der öffentlichen Angelegenheiten im Wege der Vertretung 
Bämmtlicher Völker der Monarchie entwickelnd, den Zweck verfolgt, vor Allem 
die Einheitsansprüche der Monarchie vollständig zu befriedigen, jedoch sämmt- 
liehe Rechte Ungarns zu sichern ; feiner sämmthche aus den früheren Gesetz- 
gebungen noch an der Oberfläche befindhehen Fragmente miteinander in Einklang 
zu bringen, die definitive Gestaltung — insofern sie keine Retraction erfordert - 
ohne jegUches Compromiss des Herrschers zu bewerkstelligen, und endlich durch 
all dies die volle und sichere Hoffnung auf Bildung einer siegreichen Partei zu 
bieten. Und dieser, grosse Vorteile verheissende Programmentwiirf wurde auch 
an competenter Stelle vorgelegt ; da jedoch der auf anderer Grundlage einberufene 
«Reichsrat» damals bereits tagte, konnte derselbe nicht mehr verhandelt werden. 

Inmitten dieser seiner gross angelegten Thätigkeit reifte zugleich seine, 
vereint mit den belgischen Geldinstituten Anfangs 1 864 zu beginnende Operation. 
Als ersten Schritt beschloss er die persönliche Ueberreichung einer an den Heili- 
gen Vater zu richtenden Bittschrift, in welcher er die Zustimmung und den Segen 
Pills' IX. zur katholischen Unternehmung Langrand erbitten wollte. Und diese 
seine Mission wurde durch den Nuntius in Wien und in Brüssel und durch 
mehrere hochgestellte belgische und französische Kathohken nicht blos gutge- 
heissen, sondern auch urgirt. Er überreichte die Bittschrift am 13. April 1864, 
worauf die zustimmende Antwort und der Segen des Papstes noch in demselben 
Monat an Langrand gelangte. Der bittstellende ungarische Bischof wurde in Rom 
mit grossen Ehren empfangen ; die «Accademia dei Quiriti» wählte ihn zu ihrem 
Mitgliede und die vatikanischen Notabilitäten wetteiferten, ihn auszuzeichnen. 

In Folge der Wirkung dieses ersten Erfolges kamen die den Interessen der 



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188 JOHANN DANIBLIK. 

belgisclien Bank und in Verbindung damit des Heiligen Stuhles günstigen 
Momente zu rascher Entwicklung. Die Bank begann in unserem Vaterlande am 
1. Mai 1864 durch den Ankauf von vier Herrschaften (180,000 Joch) Fuss zu fas- 
sen. Danielik aber förderte in Born, durch seine geräusclilos fortgeführten Nego- 
ziationen, die Frage eines zu Gunsten der römischen Curie bei den belgischen 
katholischen Banken imter den günstigsten Bedingungen abzuschhessenden Anle- 
hens bis hart an die Grenze des Vollzuges. 

Und als Jedermann in Anbetracht seiner, Europa, ja die ganze katholische 
Welt berührenden Thätigkeit, dieser seiner gewaltigen morahschen Wirkung und 
politischen Bedeutung eine nahe bevorstehende, glanzvolle Zukunft weissagte, 
wurde seine Laufbahn Anfangs 1865 ganz unerwartet abgebrochen. Er geriet in 
materielle Wirren. Die belgische Bank und zahlreiche Notabihtäten beeilten sich 
vergebens, dem nahenden Uebel zuvorzukommen. Er selbst wandte sich noch 
einem grossen rettenden Gedanken zu. Er fasste im Bunde mit dem berühmten 
Wiener Ingenieur Heinrich Bessel den Plan, die in der Nähe Boms über 33,000 
Quadrat-Eatastraljoch ausgedehnten, Malaria erzeugenden tPontinischen Sümpfe» 
auszutrocknen und in berieselbares Wiesenland umzugestalten. Der Plan, die 
Vermessung und der Kostenvoranschlag (2,700.000 fl.), all dies war am ± Novem- 
ber 1865 fertig, — aber zu spät; denn der Anfang des verhängnissvollen 
Endes war bereits da. Nachdem er auf sein eigenes Ansuchen von seiner Statthai- 
tereiratswürde unter Verleihung des Hofratstitels enthoben worden, zog er sich von 
seiner öffenthchen Stellung zurück. 

Das Jahr 1 865 beschloss er noch imter grosser politischer Thätigkeit in der 
Hauptstadt. Er nahm lebhaften Anteil an dem Werke des c Ausgleichest und 
anderen schwebenden Fragen jener Zeit Ihm gebührt der Löwenanteil an dem 
Zustandekommen des zu Gunsten der Pest-Leopoldstädter imd der O&ier Festungs- 
kirche geplanten iKirchenunterstützungs -Vereins», in dessen constituirender Ver- 
sammlung, im Ofner Bathaussaale am 23. Jänner 1865, seine durch Wissenschaft- 
lichkeit und Vortrag gleichmässig glänzende, begeisternde Bede eine grosse Wir- 
kung hervorrief. Endlich zog er sich Mitte Dezember desselben Jahres nach Erlau, 
einige Monate nachher aber zu seinem Freunde, dem damaligen Probst von Jäszö 
zurück. Hier verfasste er sein grosses Werk : tDie Prämonstratenser» (515 Seiten), 
welches die Kritik mit ungeteiltem Lob begrüsste. In derselben Zeit schrieb er 
auch im tPesti Naplö» wirkungsvolle Artikel «Ueber die Begelung der Eomitatei 
und andere zeitgemässe Fragen ; nach dem Ausgleich aber nahm er vereint mit 
Baron Sigmund Eem^ny kräftigen Anteil an dem Kampfe gegen die ihr Haupt 
erhebende Beaction, welche besonders in ihrem «Der 14. April 1849» betitelten 
geheimen Blatte gegen die Deäk-Partei einen wahren Feldzug eröffnete und den 
Parteiführer selbst, in anonymen Briefen, wiederholt mit dem Tode bedrohte. 

Von 1871 an, als Baron Sigmund Kem^ny durch seine Erkrankung gänzlich 
von der Politik abgezogen wurde, zog sich auch Daniolik immer mehr zurück 
imd erschien nur noch im cEgri Egyhdzmegyei Közlöny» (Erlauer Diözesan- 
Zeitschrift), im tUj magyar Sion» (Neues ungarisches Sion), in der «Budapesti 
Szemle» (Budapester Bevue) und endlich, als Direktor des juridischen LyoeimiB, 
in einigen rechtswissenschaftlichen Studienheften auf dem Felde der Literatur. 



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JOHANN DANIELIS. lÖ* 

Als ihn 1883 sein Erzbisohof zu seinem eigenen Stellvertreter ernannte, lebte er 
beinahe ausschliesslich nur noch diesem seinem Wirkungskreise. Sein letztes 
öffentliches Auftreten fand am 26. März 1 885 im Magnatenhause statt, wo er in 
einer glänzenden Bede für das Becht der Einberufung der Titular-Bisohöfe in das 
Oberhaus eintrat. 

Am Anfang des folgenden Jahres 1886 begann sich bei ihm ein Gehimlei- 
den zu zeigen. Es drohte ihm dasselbe traurige Ende, welches seinen Freimd, den 
Baron Sigmund Eemöny traf, — sein glänzender Geist verdunkelte sich allmälig. 
Er beschloss seine Tage am 23. Jänner 1 888 in Erlau bereits als ein Lebendigtod- 
ter. Sein Oberhirt, der Erzbischof Dr. Josef Samassa, würdigte sein Hinscheiden 
in seiner Diöcese unter besonderer Hervorhebung seiner erspriesslichen und 
ruhmreichen Thätigkeit auf dem Gebiete der kirchheben Literatur. Seine Schö- 
pfungen sowohl auf dem Utoraiischen, als auch auf dem Felde der Wolilthätigkeit 
werden ihm ein langes Andenken sichern. Jene sind zahlreiche selbstständige 
Werke, Abhandlungen, Beden, Bücheranzeigen, Kritiken u. s. w. Auf literarischem 
Gebiete zeigte er den edlen Zug, ausgezeichnete junge Kräfte zu fördern. Viele 
unserer Schriftsteller hatten ihr literarisches und sonstiges Emporkommen seiner 
Aneiferung, seinen Batschlägen und Unterstützungen zu verdanken. 

Als Mensch war er von lebhaftem Temperament, menschenfreundhch, opfer- 
willig, ein grosses Herz, ein grosser Geist. Weil er aber seinen Lebenspfad nicht 
ohne Verirrungen zu wandeln verstand : wurde auch ihm der Welt Lohn zuteil. 
Viele bekrittelten seine Vergangenheit, auch Solche, die weder Hterarische Werke 
von dauerndem Werte imd einen Set. Ladislaus -Verein, noch andere, auf Jahr- 
hunderte hinaus wirkende Denkmäler der Wohlthätigkeit liinterlassen haben. 
In Verbindung mit seinen materiellen Wirren wurden am meisten seine sogenann- 
ten «lucullischen Gelage» erwälmt. Nun, er liebte, in Gemeinschaft mit seinem 
Freunde Baron Sigmimd Kem^ny, die lustige Gesellschaft ; darum empfingen sie 
an ihrer Tafel lieber öfter einzelne, als auf einmal viele ihrer Freimde. Und dann 
bedeuteten ihre Gastmähler keine Schwelgerei, sondern gehörten zur politischen 
und socialen Bewegung. Dort wurden viele gute Ideen und Pläne gezeitigt ; und 
daneben bewies er bei solchen Gelegenheiten des Oefteren seine Güte gar manchen 
in bedrängter Lage befindlichen Schriftstellern, welche derlei Unterstützung von 
ihm in anderer Form weder gebeten, noch angenommen haben würden. Seine 
materiellen Verlegenheiten müssen weit mehr auf Bechnung seiner grossen Her- 
zensgüte, seiner Spenden, der Verlagskosten seiner sieben Jahre hindurch mit 
einem jährHchen Deficit von 3 — 4000 fl. redigirten Zeitschrift tBeligio» und 
endlich seiner mehrmaligen, grossen Beisen gesetzt werden. Glücklicherweise 
kann ihm kein Lebender des Gesagten wegen ein schweres Wort in das Grab 
nachsenden. 

Als sich die Nachricht von seinem Hinscheiden verbreitete, erregte sie in 
Vielen Bührung über das Erlöschen des glänzenden Geistes des einst eine euro- 
päische Bolle spielenden, im Lande hochangesehenen Mannes. Nur Diejenigen, die 
seinen ruhelosen Geist in der Vergangenheit und seinen traurigen Verfall in sei- 
nen letzten zwei Jahren kannten und sahen, konnten, versölmt, seinem Geiste die 
•Bohei wünschen, deren er nicht in grossem Maasse teilhaft wurde, bis er end- 



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^^ KURZfe SITZUNOSBfiRiCHTi:. 

lieh die Zeit mit der stillen Ewigkeit verbinden konnte. Nicht allein seine Kirche, 
sondern auch die literarische und wissenschaftliche Welt konnte in ihm mit Recht 
einen ihrer grossen Todten betrauern, nebst jenen Vielen, die in dem Dahinge- 
scliiedenen ihren Wohlthäter liebten und denen er — wiewohl dahingegangen — 
lange im Gedächtniss gegenwärtig nnd lebendig bleiben wird. 



KURZE srrZTINGSBERTCHTE. 

— ungarische Akademie der Wissenschaften. In der Sitsung der ersten 
Classe am 5. Jänner las das c. M. Bemliard Munkiicsi eine Abhandlung des c. M. 
Sigmund Simonyi über Die Sprachneuerung und die Fremdartigkeiten (A nyelv- 
ujitäs ^s az idegenszeWis^gek). Verfasser gibt der Ansicht Ausdruck, dass der 
principielle Streit über die Sprachneuerung — selbst wenn er im Stande wäre, noch 
etwas Neues zu produciren — heute kaum mehr einen Zweck hat, sondern dass es 
unsere Aufgabe ist, einerseits jene fehlerhaften Ausdrücke zu verfolgen, welche 
sich noch nicht ganz eingewurzelt haben, und andererseits uns eingehender mit 
der Geschichte der Sprachneuerung imd unserer neueren Literatursprache zu 
beschäftigen. Zu diesem Zwecke arbeitet Verfasser an einem Kazinczy- Wörterbuch 
und legt auf Gi-und seiner zu diesem Zwecke gemachten Studien eine ausführliche 
Abhandlung über die fremdartigen Ausdrücke Kazinczy's vor. 

Hierauf legte Dr. G6za N^methy als Gast sein Werk Cato8 Weisheitsspräcke 
vor, welches demnächst als Publication der klassisch-philologischen Commission 
der Ungarischen Akademie erscheinen soll. Vortragender bietet in demselben von 
dem unter dem Titel «Catonis disticha moralia» aus dem III. oder IV. Jahrhun- 
dert nach Chr. stammenden Lehrgedicht, welches beinahe bis zur jüngsten Zeit 
eines der verbreitetsten Schulbücher in ganz Europa gewesen ist, eine metrische 
ungarische Uebersetzung nebst einer kritischen Textausgabe auf Grund der ältesten 
und besten Handschrift, des Veroneser Codex. In einer längeren Einleitung 
spricht er über den Charakter und die Entetehungszeit des Werkes und führt 
schliesslich in möglichster Vollständigkeit die zahlreichen ungarländischen 
Uebersetzungen und Editionen desselben auf. Demzufolge wird das Werk nicht 
allein für die klassischen Philologen von Interesse sein, sondern auch zur unga- 
rischen Literaturgeschichte und Bibliographie zahlreiche neue Beiträge liefern. 

— In der Sitzung der zweiten Classe am 12. Jänner las das correspondi- 
rende Mitglied Josef Jekelfalussy über Die Rolle der Eisenbahnen in unserem 
Staatshauslialte. Diesen Vortrag teilen wir im nächsten Hefte vollständig mit. — 
Hierauf hielt das correspondirende Mitglied Gabriel Tögläs einen Vortrag Ethno- 
grajihische Verhältnisse und administrative Organisation des dacisciten Berg- 
baues der Römer, Der Vortrag bildet den zweiten Teil der Studien des Vortra- 
genden über den dacischen Goldbergbau der Römer. Das einleitende Capitel wirft 
einen Rückblick auf die volkswirtschaftliche und rechtsgeschichtliche Entwicklung 
des Bergbaues. Das zweite Capitel schildert Trajan's planmässiges Vorgehen bei 
der Besiedelung des Bergbangebietes, welches sich vornehmlich darin äusserte, 



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RÜRZB SITZUNGSBERICHTE. 



i91 



daas er die Goldberge mit den aasgezeicbnetsten Bergbauem jener Zeit, mit Dal- 
maten und Pimsten bevölkerte. Ausser diesen haben die Inschriften das Anden- 
ken vieler syrischen, pannonischen, griechischen Geschäftslente und Golonisten 
erhalten, sowie auch die massenhafte Anwesenheit von Daciem constatirt. Und 
eben diese Vielartigkeit der Sitten, Bacencharaktere und Religionen verhinderte 
eine engere Verschmelzung der dacischen Volkselemente. Der Bergbau indessen 
erfreute sich dabei einer schönen Blüte und Trajan liess die Bergwerke foi das kaiser- 
liche Aerar durch kaiserUche Beamte verwalten. Das dritte Capitel behandelt das 
Personal der Bergbauverwaltung und des Polizeidienstes. Es weist nach, dass die 
administrative Organisation des römischen Goldbergbaues in Dacien eine 
höchst vollkommene gewesen und unter der Leitung des Procurator aurari- 
arum stand. 

— In der Plenarsitzung am 26. Januar wurden — nachdem Emerich Pauer 
Josef Szvor^nyi's Denkrede auf Johann Danielik (s. oben) verlesen und der Präsi- 
dent Baron Boland Eötvös dem Andenken des dahingeschiedenen Fürntprimas 
Johann Simor, der auch Mitglied des Directionsrates der ungar. Akademie der 
Wissenschaften gewesen, einen warmen Nachruf gewidmet hatte — folgende lau- 
fende Angelegenheiten erledigt. 

Der Unterrichtsminister teilt mit, dass die von Theodor Duka der Akademie 
geschenkten zwei Buddha-Götzen am 13. November in Calcutta eingeschifft wur- 
den und über Triest hiehergelangen werden. — Der Unterrichtsminister übersen- 
det den Entwurf des neuen Stiftungsbriefes der Fek^shAzy Stiftung zur Begut- 
achtung. Wird an die L Olasse gewiesen. — Der Unterrichtsminister übei*sendet 
ein alphabetisches Verzeichniss der von den nichtmagyarischen Bewohnern des 
Landes am meisten gebrauchten Taufnamen mit der Bitte um Angabe der ent- 
sprechenden ungarischen Taufnamen. Wird der I. Classe zugewiesen. — Der 
Honv^dminister meldet, dass er wieder 100 Exemplare der «Eriegsgeschichtlichen 
Mitteilungen i für die Honv^dtruppen und Commanden bestellt habe. Dient zur 
Kenntniss. — Die königlich Dänische Akademie meldet, dass sie die auf die astro- 
nomische Expedition HelFs bezügHchen Daten in den dänischen Archiven mit 
Vergnügen sammeln werde und übersendet zugleich die Begesten der im Staats- 
arclüv gefundenen Acten. Wird der III. Classe zugewiesen. — Das auswärtige 
Mitglied Alfred Ameth dankt für die anlässlich seines Dienstjubiläums erhaltene 
Olückwunschadresse der Akademie. Dient zur Kenntniss. — Die II. Classe unter- 
breitet die Antworten der Historischen und Archäologischen Commission auf die 
an die Akademie gerichteten Fragen in Betreff der liistorischen, ethnographischen 
nnd archäologischen Anhaltspunkte für das die Landnahme durch Herzog Arpiid 
darstellende Plafondgemälde, welches Michael Munkäcsy für das neue Psrlaments- 
gebäude anfertigen soll. Wird der Parlamentsbau-Commission zugestellt werden. — 
Die n. Classe befürwortet die Bitte der Historischen Commission, Dr. Rudolf 
Yin die Herstellung einer kritischen Ausgabe der Hauptquellen der ältesten unga- 
rischen Geschichte (der Werke der Kaiser Leo und Constantinus Porphyrogenitus) 
zu ermöghchen. Der Unterrichtsminister soll ersucht werden, Dr. Rudolf Väri 
durch Verleihung eines Staatsstipendiums die Vergleichimg der alten Handschrif- 
ten in Neapel, Rom, Florenz, Mailand, Paris u. s. w. möglich zu machen. — Die 



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JÖ2 KURZE 8ITZTJNGSBBRI0HTE. 

I. Classe unterbreitet den Prospect der von der literarhistorischen CommisBion 
unter Bedaotion des corre8i>ondirenden MitgHedes Aladär Ballagi herauszugeben- 
den Vierteljahrsschrift «Irodalomtört^neti Közlem^nyeki (Literarhistorische Mittei- 
lungen). Dient zur Kenntniss. — Für die Christian Lukäcs-Preisaufgabe (mathe- 
matische oder mathematisch-physikalische Monographie) sind bis 31. Dezember 
fünf Concurrenzwerke eingelaufen. Werden der III. Classe zugewiesen. — Bei der 
Akademiecasse wurden die Legate von Samuel Jdszay (2000 fl.) und Alexander 
Than (500 Ü.) und die Stiftung der Stadt Dobschau (5000 fl.) eingezahlt. — Den 
Schluss machte die Vorlage der eingelangten Geschenk- und Tauschwerke. 

Nach der Gesammtsitzung fand eine geschlossene Sitzung statt, in welcher 
das diesjährige Budget der Akademie festgestellt wurde. 

Die Einnahmen erscheinen mit 1 52,000 fl. prähminirt, und zwar : Stiftungs- 
zinsen 9000 fl., aus Forderungen 3000 fl., Wertpapiere 51,000 fl., aus anderen 
Realitäten 3500 fl., Zinsertiägniss 39,000 fl., Bücherverkauf 6000 fl., zurückzuzah- 
lende Vorschüsse lOOOfl., Landesdotation für historische und literaturgeschichtliche 
Zwecke 15,000 fl., für Veröffentlichimg von Kunstdenkmälem 5000 fl., für naturwis- 
senschaftliche Foi-schungen 5000 fl., für klassisch-philologische Zwecke 1500 fl., für 
die Bibliothek 5000 fl. imd zur freien Verfügung der Akademie 8500 fl. Im vergange- 
nen Jahr betrugen die Einnahmen 1 46,000 fl. Die Ausgaben für das laufende Jahr sind 
mit 1 50,000 fl. in Vorschlag gebracht. Die bedeutenderen Posten derselben sind : Die 
I. Classe und deren Ausschüsse 16,500 fl., die II. Classe 29,500 fl., die UI. Classe 
16,500 fl. ; zur Unteretützung der Büchereditions-Unternehmungen 3000 fl., für 
die Edition der Werke des Grafen Stefan Sz^clienyi 1500 fl., für die Edition der 
Briefe Kazinczy's 2000 fl., für Preise 5000 fl., Subvention der iBudapesti Szemle» 
5000 fl., Pi'ännmerationen auf die «Ungarische Revue» und auf die «Naturwissen- 
schaftlichen Berichte » 30(X)fl., für dieBibhothek 7000 fl., Personalgebühren 28,650fl., 
Heizung, Beleuchtung u. s. w. 9500 fl.. zur Ausschmückung des Prunksaales 700 fl. 
Gegen das Vorjahr werden an Interessen 424- fl. 94 kr., nach den Realitäten 65 fl. 
32 kr. ; aus dem Bücherverkauf 527 fl. 22 kr. mehr, hingegen nach Wertpapieren 
109 fl. 60 kr., an Hauszins 807 fl. 62 kr. weniger eingenommen, so dass das Ein- 
nahmeplus nur 100 fl. ausmacht. Aus dem Büchereditions-Untemehmen nimmt 
die Akademie ebenfalls um 3569 fl. 84 kr. mehr ein als sie ausgibt ; dieser Betrag 
wird zur teilweisen Deckimg des Deficits der früheren Cyclen verwendet, so dass 
dieses Unternehmen nunmehr keiner Subvention bedarf. Mehrausgaben kommen 
vor bei den Posten : Personalbezüge (645 fl. 22 kr.), allgemeine Auslagen (1 026 fl. 29 
kr.), Preise (2708fl.), BibHothek (526 fl. 27 kr.), auf Gebäude (3499 fl. 24 kr.), verschie- 
dene Ausgaben (1098 fl. 54 kr.) ; hingegen sind die Ausgaben geringer bei Steuern 
(82 fl.), Ausschmückung des Pninksaales (600 fl.), alten Gebühren (111 fl.) und 
bei den Werken Sz^chenyi's (356 fl.). Das Ausgabenplus beträgt 7413 fl. 86 kr., 
welches aus dem Einnahmeplus der nächsten Jahre gedeckt werden muss. Das 
Vermögen der Akademie betnigEnde 1889 2.269,978 fl. 66 kr., am Ende des vori- 
gen Jahres aber 2.299,194 fl. 60 kr., dasselbe hat daher um 29,215 fl. 94 kr. zuge- 
nommen. In diesem Vermögen sind der Akademiepalast, das Akademiezinshaus, 
die Bibliothek und das Inventar im Werte von einer Million aufgenommen. Die 
Plenarsitzung nalun das Budget unverändert an. 



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UNGARNS INDUSTEIE. HANDEL UND VERKEHE IM JAHRE 1889. 



Ein stattlicher Qaartband von 861 Seiten berichtet über die amtliche 
Thätigkeü des kön. ung. Handelsminisiers im JaÄreiSSP. Schon dieser 
äusserliche Umfang des Berichtes flösst Bespect ein ; noch mehr erhöht 
wird aber die Achtung vor der unermüdlichen, vielseitigen Wirksamkeit 
unseres Handelsministers^ Sr. Excellenz des Herrn Gabriel Baboss 
DE Belüs, wenn wir den Inhalt dieses Quartanten einer aufmerksamen 
Prüfung unterziehen. Trotz der nahezu besorgnisserregenden Fülle mnd 
Mannigfaltigkeit der amtlichen Agenden, womit dieses Ministerium bedacht 
ist, erfüllt den Leser dieses Berichtes allenthalben das Gefühl der Befriedi- 
gung über die allenthalben zu Tage tretende Einsicht, Sachkenntniss und 
Sorgfalt, mit welcher dieses ebenso weitläufige als höchst wichtige Bessort 
geführt wird. Die glückliche und mit zielbewusster Zuversicht leitende Hand 
des jetzigen Handelsministers ist übrigens auch aus jeder Zeile dieses Be- 
richtes erkennbar, der ebenso durch den Beichtum seiner Daten und durch 
mannigfache Anregungen in volkswirtschaftlicher Hinsicht als durch die 
Anordnung und Klarheit in der Darstellung befriedigt. 

Minister Baboss gehört zu den schöpferischen Naturen ; sein gestal- 
tender Geist begnügt sich keineswegs mit dem Fortschreiten im alten 
Geleise ; er sucht und findet neue Formen, deckt frische Quellen des Fort- 
schrittes auf, bricht neue Bahnen und zwingt durch seine wohlerwogenen, 
dann aber auch mit Kühnheit und Energie in Angriff genommenen und 
durchgeführten Beformen selbst den Gegnern die Achtung und Anerkennung 
ab. Die Neuerungen im Personen- und Frachtentarif der ungarischen Staats- 
bahnen haben den Namen und Kuhm des Ministers weit über die Grenzen 
des Landes getragen. Aber auch in den andern Zweigen seines Amtes ent- 
faltete Herr v. Babohs eine nimmerruhende, lebenweckende Thätigkeit, wor- 
über im Nachfolgenden auf Grund des vorliegenden ministeriellen Berichts 
für das Jahr 1889 das Wichtigste in möglichster Kürze mitgeteilt 
werden soU. 

Das mittelst Gesetzartikel XVIII vom Jahre 1889 neu organisirte 
ungarische Handels-Ministerium umfasst folgende Zweige amtlicher Thätig- 

ünguiMlM B«TiM, ZI. 1891. m. Heft. 13 



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194 UNGABNS INDUSTRIE, HANDEL UND VBRKEHB IM JAHRE 1889. 

keit : I. Strassen, Brücken und öffentliche Bauten. II. Post, Telegraphen und 
Telephon. IIL Die königl. Fostsparcasse. IV. Industrie und Binnenhandel 
V. AuBsenhandel, Zoll und Seeschiffahrt. VI. Ejisenbahnen und Binnen- 
schiffahrt. Vn. Landesstatistik. VIII. Beamtenbildungs-Institute. Von dieser 
Reihenfolge etwas abweichend wollen wir uns mit den wichtigsten Daten 
von allgemeinem Interesse bekannt machen, wobei wir in diesem ersten 
Artikel uns mit den Verzweigungen der Industrie und des Handels, in einem 
zweiten Artikel aber mit den verschiedenen Verkehrsanstalten befassen 
werden. 

In Bezug auf Industrie und Binnenhandel betrachtet Minister Baross 
als leitendes Frincip seiner Thätigkeit vor Allem die richtige Handhabung 
der Industrie- Verwaltung. Den Rahmen und die geeignete Grundlage hiefür 
hat das neue Gewerbegesetz (G.-ArtXVII: 1884) geschaffen. Demzufolge 
bildet der Minister das oberste Aufsichts- und Entscheidungsforum in 
gewerblichen Angelegenheiten. Die pünktliche EUnhaltung und Anwendung 
der Bestimmungen des Gewerbegesetzes gibt zugleich den erforderlichen 
Schutz und die Sicherheit für gesunde und auf solider Basis ruhende 
Industrie-Bestrebungen. Dabei war der Minister bemüht, einerseits den Un- 
ternehmungsgeist nicht durch unbegründete Vexationen und Einschrän- 
kungen behelligen, anderseits die berechtigte und heilsame Goncurrenz 
nicht in Schwindel ausarten zu lassen. 

Diese mehr negative, beaufsichtigende und abwehrende Thätigkeit fand 
ihre entsprechende Ergänzung in den positiven Massregeln zur Unter- 
stützung und Förderung unserer Industrie. Jene Unterstützung meint der 
Herr Minister aber nicht in dem Sinne, als ob der Staat selber auf das 
Gebiet der industriellen Thätigkeit treten sollte, um dadurch etwa die Privat- 
concurrenz anzuspornen, sondern er erblickte diese Förderung vielmehr in 
anderen, systematischen und zielbewussten Massnahmen der Regierung. 
Anregung, Aufmunterung, wohlwollende Unterstützung, unablässige Auf- 
merksamkeit und Verfolgung der wirtschaftlichen Regungen, nötige Sorg- 
falt hinsichtlich der gewerblichen Interessen, Entwickelung und Verbesse- 
rung der geistigen Ausbildung d^ Arbeiter sowie unablässige Beobachtung, 
Prüfung und Verwertung der Gestaltungen und Erscheinungen des prakti- 
schen Lebens — das sind ebensoviele Mittel der Staatsge^calt zur Entwicke- 
lung und Förderung der Industrie, welche, zur richtigen Zeit benützt und 
angewendet, gar bald zu dauerndem Erfolg führen. Der Minister hat deshalb 
seine positive Mitwirkung zur Hebung der Industrie nur dort eingesetzt, wo 
es die Notwendigkeit geboten hatte und ein concreter Erfolg erreichbar war. 

Es ist ein gutes Wort, das der «Berichti hierbei ausspricht: «Bei der 
Industrie sind vor Allem eine von Illusionen freie praktische Tüchtigkeit, 
sowie ein unermüdlicher Fleiss notwendig.! 

Die Thätigkeit der Regierung hinsichtlich der Industrie erstreckte sich 



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UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND YBRKEHR IM JAHRE 1889. 1^5 

zunächst auf die • Induslrieverwaltung » (Gewerbegenossenschaften, Industrie- 
gesellschaften, Lehrlingsschulen, Bauführer-, Steinmetz- etc. Prüfungen, 
Fabriksinspection) ; dann auf die t^Entmckelung der Industrie» (Klein- 
gewerbe, Fabriks- und Hausindustrie, Lehrwerkstätten, Handels- und Ge- 
^erbekammem, Ausstellungs- Angelegenheiten) ; femer auf 91 Merkantile 
Angelegenheiten» (die Börse, kaufmännische Firmen, Jahr- und Wochen- 
märkte, Hausierwesen, Maass und Gewicht, Pfandleih- Anstalten) und end- 
lich auf •Indtistrieüe Privilegien und Schutzmarken». 

Nach Aufhebung der alten Zünfte (durch G.-Art. Vm vom Jahre 1872) 
haben sich auf Grund des neuen Gewerbe-Gesetzes (G.-Art. XVH vom Jahre 
1884) Gewerbe- Genossenschaften gebildet, deren gegenwärtig 844 im Lande 
vorhanden sind. Mit diesen Genossenschaften sind 135 Unterstützungs- 
Gassen mit einem Stammcapital von 149,215 fl. 90 kr. für kranke oder 
erwerbsunfähige Gewerbetreibende verbunden. Manchen Orts betreiben 
diese Gassen auch gemeinsamen Ankauf des Bohmaterials für ihre Mit- 
glieder. Für die Gehilfen oder Arbeiter bestehen dermalen blos 54 Hilfs- 
cassen mit einem Vermögen von 104,802 fl. 16 kr. 

Die im Gewerbegesetz vorgesetzten Gewerbe- Cor porationen, welche 
über die Angehörigen des Gewerbes die Aufsicht und die Gontrole fähren 
und zugleich in mancher Beziehung auch behördliche, namentlich friedens- 
richterliche Functionen besorgen, haben sich nur in der Hauptstadt Buda- 
pest nach einzelnen Industriezweigen oder Industriegruppen gestaltet, wäh- 
rend in den übrigen Städten und Gemeinden in der Begel sämmtliche 
Gewerbetreibende zu einer Corporation verbunden sind. Solcher Gewerbe- 
Corporationen zählt man gegenwärtig im Lande 189; von diesen haben 
62 Hilfscassen für ihre Mitglieder mit einem Vermögen von 70,002 fl. 
05 kr. ; für die Gehilfen bestehen 88 Unterstützungs-Cassen mit 186,606 fl. 
86 kr. Die Gonstituirung und die entsprechende Wirksamkeit der Gewerbe- 
(Jorporationen stossen noch immer auf beträchtliche Hindemisse im Schosse 
der Gewerbetreibenden selbst. 

Wenig Erfreuliches zeigen die Lehrlingsschulen, obgleich der Fort- 
schritt hierin seit 1884 ebenfalls ein augenfälliger ist. Damals bestanden 
im Lande (angeblich) nur 19 Lehrlingsschulen, von denen sieben auf die 
Hauptstadt entfielen. Gegenwärtig gibt es deren 309, von denen 20 niedere 
Handelsschulen sind. Wie mangelhaft aber die Zahl, die innere Einrichtung 
und der Besuch dieser Schulen ist, lehrt schon das dne Factum, dass selbst 
in der Hauptstadt, wo Staat und Municipium scharfe Aufsicht ausüben, von 
9765 Lehrlingen nicht weniger als 3869 Lehrlinge, somit weit über ein 
Dritte], die Lehrlingsschulen nicht besuchen. Der energischen Thätigkeit des 
Handels- und des Unterrichts-Ministers sowie der untergeordneten Behörden 
in Comitat und Stadt bleibt auf diesem Gebiete noch ein grosses Stück 
Arbeit zu thun übrig ; da namentlich zahlreiche Industrielle sich um die 

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196 UNGABNB INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 1889. 

geistige AusbilduDg ihrer Lehrlinge gar nicht bekämmem und deshalb auch 
dem Abschlüsse eines ordentlichen Lehrlings Vertrages gerne ausweichen. 

Die Institution der staatlichen Fabriks-Inspection hat in Ungarn noch 
keine entsprechende Organisirung erhalten, obwohl der jetzige Handels- 
Minister auch in dieser Bichtung bereits die erforderlichen Einleitungen 
getroffen hai Im Jahre 1889 wurden 555 Fabriken durch staatliche Organe 
inspicirt, wobei in 301 Fällen das Ministerium zur Abstellung der wahr- 
genommenen Mängel und Ordnungswidrigkeiten einschreiten musste. Unter 
Einem liess der Minister das Muster einer Arbeitsordnung ausarbeiten und 
in den betreffenden Fabrikslocalitäten öffentlich anschlagen. Die gesetzlich 
vorgeschriebenen Arbeiterlisten fehlen noch immer in vielen Fabriken. In 
den im Jahre 1889 inspicirten 555 Fabriken gab es 626 Dampfmotoren mit 
37,481 Pferdekraft, 214 Wassermotoren mit 4523 Pferdekraft und 26 Luft- 
druckmotoren mit 155 Pferdekraft; ohne Motoren waren 103 Fabriks- 
anlagen. Die Zahl der Arbeiter war 41,336; der Lehrlinge 1619; der Tag- 
löhner 5887; zusammen: 48,842 Arbeiter, von denen 35,673 (75 o/o) dem 
männlichen und 13,169 (25 o/o) dem iWeibUchen Geschlechte angehörten. 
Erwachsene waren : 44,333 ; von 14—16 Jahren : 3459 ; von 12 — 14 Jahren: 
101 1 ; unter zwölf Jahren : 39. Die meisten männlichen Arbeiter gab es bei 
der Eisen- uud Metall-Industrie, die meisten Arbeiterinen bei der Tabak- 
fabrikation. Die Arbeitsbücher mangeln leider noch vielenorts, am meisten 
sträuben sich dagegen die Ziegelfabrikanten, welche ihre beschäftigten 
Arbeiter gerne nur als Taglöhner bezeichnen wollen. 

Die Arbeitszeü in den ungarischen Fabriken dauert gewöhnlich 8 bis 
12 Stunden, je nach den verschiedenen Industriezweigen; eine fünf zehn- 
stündige Arbeitszeit wurde nur an einem Orte vorgefunden. In einigen 
Dampfmühlen Siebenbürgens wechselt 24 Stunden Arbeit mit 24 Stunden 
Buhe; eine längere Arbeitszeit als 12 Stunden findet man bei der Sprit-, 
Hefe- und Glas-Industrie, wo aber die Arbeit nicht ununterbrochen, sondern 
mit mehrstündigen Pausen betrieben wird. Die tägliche Arbeitspause dauert 
in den meisten Fabriken 2, in anderen nur IVa Stunden. Die Stnckarbeiter 
sind an keine Stundenzeit gebunden. Nachtarbeit findet hauptsächlich in 
Eisen- und Metallfabriken, in Mühlen und Spiritus-Fabriken derart statt, 
dass in der Begel morgens und abends 6 Uhr der Schichtwechsel eintritt 
Eine Hauptaufgabe der Fabriks-Inspectoren besteht darüber zu wachen, damit 
jugendliche Arbeiter nicht des Nachts übermässig beschäftigt werden. 
Interessant ist es, dass im Jahre 1889 Zwistigkeiten zwischen Arbeitgebern 
und Arbeitern in den ungarischen Fabriken kaum vorgekommen sind und 
damals kein einziger Arbeiterstrike stattgefunden hat. Eine besondere Sorg- 
falt müssen die Inspectoren auch den gesetzlich vorgeschriebenen Vorkeh- 
rungen zur Sicherung des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter zu- 
wenden. 



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ÜKOARKS IKBÜSnofi, BAKDEL tlKD VISRKfifilt IM JABfifi 18^. 1^7 

Gegenüber der auch in Ungarn rasch zunehmenden Fabrika-Industrie 
hat das Kleingewerbe einen wachsend schwierigen Stand und man macht die 
betrnbende Wahrnehmung, dass gewisse^ bisher handwerksmässig betrie- 
bene Gewerbe in manchen Landesteilen gänzlich verschwunden sind. Der 
Herr Handelsminister erachtet diesen Niedergang des Kleingewerbes für 
keine naturgemässe Erscheinung. Er findet die Ursachen dieses Verfalles 
vor Allem in dem Mangel an Betriebscapital, resp. an Credit, wodurch auch 
die Anschaffung der heute unentbehrlichen Hilfs- Maschinen verhindert wird. 
Daraus folgt femer die Verteuerung der Kleingewerbe- Production. Nichts- 
destoweniger steht diesem Gewerbe noch ein breites Terrain zu Gebote, auf 
welchem es eine lebensfähige, ja lohnende Thätigkeit entwickeln kann. Der 
Minister ist bemüht, das Kleingewerbe bei Bestellungen für den Staat zu 
berücksichtigen, er begünstigt die Bildung von Creditverbänden, Productiv- 
Genossenschaften etc. 

Mit Ende des Jahres 1889 gab es in Ungarn 1132 grössere Industrie- 
Anlagen und 267 landwirtschaftliche Spiritusbrennereien, somit insgesammt 
1400 Etablissements. Kroatien-Slavonien zählte damals 117 Fabriken, 
somit die Länder der ungarischen Krone zusammen 1516 ; doch bieten diese 
Zahlen noch keinen vollständigen Ausweis. Im Jahre 1889 allein vermehrte 
sich die Zahl der Fabriken um 151 mit einem Anlagecapital von über 
20 Milhonen Gulden und einem Arbeiterstand von mehr als 10,000 Seelen ; — 
jedenfalls ein deutlicher Beweis wachsender Unternehmungslust und erstar- 
kender Gapitalskraft in Ungarn. Dass hiezu auch der G.-A. XLIV vom Jahre 
1881 über die staatlichen Begünstigungen der einheimischen Industrie 
Vieles beigetragen hat, wird durch Thatsachen bewiesen. 

Ausser der Heilung des Uebels beim Kleingewerbe und nebst der Ent- 
wickelung der Grossindustrie befasste sich der Handelsminister noch in 
hervorragender Weise mit der Unterstützung und Beförderung der Haus- 
industrie, welche unter unseren Verhältnissen eine ausserordentliche Wich- 
tigkeit hat. Sieht man von der Deckung der häuslichen Bedürfnisse ab, so 
werden ausserdem die verschiedensten Zweige der gewerblichen Produotion 
durch hausindustrielle Arbeit betrieben. Hieher gehören : Hanf-, Flachs- und 
WoUespinnerei und Weberei, Spitzenerzeugung, Teppichweberei, Ausnähen 
und Stickerei, Korb-, Binsen-, Stroh- und Weidenflechterei, Kürschnerei 
und Hutmacherei^ Erzeugung von Holzgefässen und häusHchen Gerät- 
schaften, Kinderspielwaaren, Möbeltischlerei, Töpferei, Schwammarbeiten, 
Siebflechten, Holzschachteln- und Brettererzeugung, Bürsten- und Besen- 
binderei — Alles das sind Beschäftigungen, welche in Ungarn von der 
Hausindustrie getrieben werden. Es gibt Gegenden, in denen dieser Betrieb 
geradezu eine Lebensfrage für die Bewohner bildet und schon deshalb eine 
besondere Aufmerksamkeit und Berücksichtigung verdient. Dies gilt nament- 
lich von jenen Landesteilen, wie z. B. von Gebirgsgegenden Siebenbürgens 



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198 UNGARNS INDtSTftrt:, fiAKDfcL ÜNt) VteRKfiHR Ilf JaBRK 1880. 

und Obemngams, wo es weder eine Fabriks-Indnstrie noch eine ausgiebige 
Landwirtschaft gibt und die Bevölkerung aus Mangel an Erwerbsquellen 
zur Auswanderung nach Bumänien oder Amerika genötigt ist. Allein auch 
in Gegenden mit landwirtschaftlicher Production hat die Haus-Industrie 
grossen Wert, weil sie in den arbeitsfreien Wintermonaten eine angemessene 
und lohnende Beschäftigung bietet und dadurch zu fortgesetzter Arbeitsam- 
keit und Sparsamkeit gewöhnt. Nicht minder werden durch die Haus- 
industrie die tauglichen Arbeitskräfte für die Grossindustrie vorgebildet. 

Leider entbehrt trotz dieser mehrseitigen grossen Bedeutung die Haus- 
industrie in Ungarn noch immer (mit wenig Ausnahmen) der erforderlichen 
Beachtung sowie der entsprechenden Organisation. Bei uns werden bei- 
spielsweise die Erzeugnisse der Hausindustrie noch immer von den Erzeu- 
gern selbst durch monatelanges Hausiren im Lande und ausserhalb des- 
selben in Umsatz gebracht. Eine solche Hausindustrie ist nach des Mini- 
sters Ansicht nicht lebensfähig ; es sei unvermeidlich notwendig, dass die 
Hausindustrie mit Unternehmern in Verbindung stehe, die dem armen 
Volke das Bohmaterial liefern, eventuell Vorschüsse leisten und die fertigen 
Waaren gegen einen anständigen Preis übernehmen. Dabei 3teht allerdings 
zu besorgen, dass die Hausindustriellen auf diesem Wege gar leicht in die 
völlige wirtschaftliche und persönliche Abhängigkeit, ja in die Schuld- 
knechtschaft des l)etreffenden Unternehmers und Arbeitgebers verfallen. 

Zur Hebung der Hausindustrie ist in erster Reihe die verbesserte Vor- 
bildung der Hausindustriellen vonnöten. Der Handelsminister hat deshalb 
den bestehenden Lehrwerkstätten seine besondere Aufmerksamkeit zuge- 
wendet und ist bemüht, dieselben nicht nur zu erhalten und weiter zu ent- 
wickeln, sondern sie nach Thunlichkeit auch zu vermehren. Im Jahre 1889 
gab es zehn solcher Lehrwerkstätte^, welche teils vom Staate, teils von 
einzelnen eifrigen Interessenten erhalten wurden. 

In das Ressort des Handelsministers gehören auch die gewerblichen 
Fachschulen y welche in zwei Gruppen zerfallen: in solohe, welche vor 
Allem fachmännisch gebildete Industriearbeiter, insbesondere Werkführer 
vorzubilden haben, und in solche, welche zwar auch gewerbliche Arbeiter 
heranbilden, aber zunächst zur Entwicklung der Hausindustrie beru- 
fen sind. 

Zur ersten Gruppe gehören : die staatlich subventionirte mechanische 
Lehrwerkstätte in Budapest, die mittlere Maschinen-Industrieschule in 
Easchau, die Lehrcurse für Maschinenführer und Dampfkesselheizer in 
Budapest und Elausenburg, die Lehrwerkstätten für Bau-^ Holz- und Eisen- 
industrie in Klausenburg, die Strick- und Webeschule in Easchau, die Eunst- 
webeschule in Käsmark, die Lehrwerkstätte für Eunstschnitzerei in Ho- 
monna, der Lehrcurs, resp. die Fabrik zur Erzeugung von Einderspielwaaren 
in Bartfeld und M.-Väsärhely und der Schuhmacher-LehrcursinHermannstadi 



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tmOAims iKDtSntm» StAKD^i und VEltKCHU IM JAfitlS I8dd. I9ft 

Zur zweiten Gruppe gehören : die Lelnrwerkatatten für Spitzen-Erzeu- 
gung in Eremnitz, für Weberei in Gsikszereda und Sz6kely-Eeresztur, für 
Tuchweberei in Heitau, für Teppichweberei in Gross-Becskerek ; dann die 
Frauen-Indüstrie-Schulen inBudapest, Elausenburg und Szepsi-Szentgyörgy, 
endlich die Lehrwerkstätte für die Erzeugung von Einder-Spielwaaren in 
Gyergyö-Szent-MiklÖB, Hermannstadt und Szel-Akna. 

Alle diese Anstalten sind jedoch nur spärlich dotirt, entfalten aber 
nichtsdestoweniger auch bisher schon eine erfreuliche Wirksamkeii 

Die Institution der Handels- und Gewerbekammern besitzt eine wichtige 
volkswirtschaftliche Bedeutung, indem diese Kammern einerseits die entspre- 
chend organisirte Interessen-Vertretung des einheimischen Gewerbes und 
Handels bilden, andererseits die Regierung in ihren volkswirtschaftlichen Ver- 
fügungen durch vertrauenswürdige, auf praktische Erfahrung gegründete Mit- 
wirkung unterstützen sollen. Der Herr Handelsminister v. Baboss hatte bei 
üebemahme seines Bessorts angesichts der zahlreich aufgetauchten Klagen 
über die Handels- und Gewerbekammem für den 5. Oktober 1889 eine fach- 
männische Gomroission zur Beratung einer Reihe von Beformfragen hin- 
sichtUch dieser Handels- und Gewerbekammem einberufen. Auf Grund der 
Resultate dieser Beratungen verfügte sodann der Minister eine teilweise 
Reform dieser Institution, namentUch in dreifacher Beziehung : a) Ver- 
mehrung der Kammern und entsprechendere Einteilung der Kammer- 
bezirke ; b) Zuweisung jenes Wirkungskreises und Einflusses, welcher den 
Kammern als begutachtenden Oorporationen in Gewerbe- und Handels- 
angelegenheiten gebührt ; c) Gkirantie der Berücksichtigung der von den 
Kammern erstatteten Gutachten und Berichte. 

Auf dem Gebiete des Königreiches Ungarn bestanden zu Ende des 
Jahres 1889 fünfzehn Handels- und Gewerbekammem, und zwar : 

1. Arad mit den Gomitaten Arad, B^kes, Gsanäd und Hunyad und der 
königlichen Freistadt Arad ; 

2. Kronstadt (Brassö) mit den Oomitaten Kronstadt (Brassö), Osik, 
Udvarhely, Gross-Kokeln (Nagy-KüküUö), Hermannstadt (Szeben), Fogaras 
und H&omsz^k. 

3. Budapest mit der Landeshauptstadt Budapest, mit den Komitaten 
Pest-Pilis-Solt-Klein-Kumanien, Gran(Esztergom),Stuhlweis8enburg (Feh^r)^ 
Neograd, Heves, JazygienGross-Kumanien-Szolnok, Osongräd, Bäcs-Bodrog 
und Sohl (Zolyom), mit den königlichen Freistädten Stuhlweissenburg, Sze- 
gedin, Neusatz, Maria-Theresiopel und Zombor und den Municipalstädten 
Baja, Hödmezö-Väsärhely und Kecskem^t. 

4. Debreczin mit den Komitaten Hajdü, Bereg, ügocsa, Marmaros, 
Bihar, Szabolcs, Szatmär und Szilägy, mit den königlichen Freistadten 
Debreczin und Szatmär-N^meti und der Municipalstadt Grosswardein ; 

5. Essegg mit den Oomitaten Veröcze, Pozsega und Syrmien, mit den 



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200 TTNOABNS INDÜ8TRIB, HAKDfiL UND VEBRBHB IM JAHBB 188d. 

königücben Freistadten Essegg und Pozsega und mit den (ehemaligen) Grenz- 
distrikten von Gradiska, Brood und Peterwardein ; 

6. Finme mit dem Gebiete der Stadt Fiume ; 

7. Eascbau mit den Comitaten Abauj-Toma, Liptau, Säros, Zipa, üng 
und Zemplin und mit der königlichen Freistadt Eascbau ; 

8. Elausenburg für die Gomitate Unterweissenburg, Bistritz-Naszod, 
Elein-Eokeki (Eis-Eüküllö), Eolozs, Maros-Torda, Szolnok-Doboka und 
Torda-Aranyos und für die königlicben Freistädte Elausenburg und Maros- 
VÄsÄrbely. 

9. Miskolcz für die Comitate Borsod und Gömör-Eis Hont ; 

10. Fünfkircben für die Gomitate Baranya^ Somogy und Tolna sowie 
für die königlicbe Freistadt Fünfkircben ; 

11. Pressburg für die Eomitate Pressburg (Pozsony), Neutra (Nyitra), 
Trencsin, Ärva, Turocz, Hont, Bars und Eomom, und für die königl. Frei- 
städte Eomorn, Sobemnitz-B^labänya und Pressburg ; 

12. Oedenburg für die Comitate Oedenburg (Sopron), Eisenburg (Vas), 
Zala, Raab (Györ) und Wieselburg (Moson) und für die königlicben Frei- 
städte Oedenburg und Baab ; 

13. Temesvär für die Gomitate Temes, Erassö-Szöreny und Torontäl, 
für die königlicbe Freistadt Temesvär und für die Municipalstädte Panosova 
und Werscbetz ; 

14. Agram für die Gomitate Agram (Tt&gt&h), Warasdin, Ereuz (Eörös) 
und Belovär und für die (früheren) Grenzdistrikte Banal und Ogulin-Sluin, 
mit Ausnahme des Bezirkes Bründl ; 

15. Zengg für das Gomitat Fiume, für den ehemaligen Grenzdistrikt 
ljika-Oto6a2 und für den Bründler Bezirk. 

Die Gesammtkosten dieser Eammern beliefen sich im Jahre 1889 auf 
180.346 fl. 

Vom 1. Jänner 1891 an ist die Anzahl dieser Eammern auf SO erhöbt, 
also um fünf vermehrt worden und zwar haben die neuen Eammern ihre 
Sitze : in Neusohl (Beszerczebänya) für die Gomitate Ärva, Bars, Hont, Lip- 
tau, Neograd und Sohl mit der königlichen Freistadt Schemnitz-Belab&nya; 
in Baab mit den Gomitaten Gran, Baab, Eomom und Veszprim und der 
königlichen Freistadt Baab ; in Maros- Väs^hely mit den Gomitaten Gsik, 
Häromszek, Maros-Torda und üdvarhely und mit der königlichen Freistadt 
Maros-Väsärhely ; in Grosswardein für das Gomitat Bibar und die Municipal- 
stadt Grosswardein ; endlich in Szegedin für die Gomitate Bäcs-Bodrog und 
Gsongr&d sowie für die Städte Baja, Hödmezö-V&särbely, Maria-Theresiopel 
(Szabadka), Szegedin, Neusatz (Ujvid^k) und Zombor. 

Nach dieser Ausscheidung ändern sich mehrfach auch die bisherigen, 
weiter oben angeführten Territorien der älteren Eammern. 

Eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmet der Handelsminister den 



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ÜKÖARN8 INDUSTRIE, HANDEL UND VKBKEHB IM JaHBC 1889. ^1 

öffentlichen Lieferungen für staatliche Zwecke, wobei er bestrebt ist, der 
eiobeimischen Prodaction den ihr gebührenden Anteil zu gewinnen nnd zn 
sichern, ohne jedoch die verschiedenen Prodnctionskreise, Industrie- und 
Gewerbezweige in einseitiger, monopolistischer Weise zu begünstigen. Ganz 
richtig erscheint auch des Ministers Anschauung, dass eine Fabrik oder eine 
(Jewerbsgruppe sich nicht bloss für ärarische Lieferungen einrichten solle. Die 
Bildung von Verbänden Kleingewerbetreibender zur Uebemahme und Be- 
sorgung solcher Lieferungen, namentlich unter Aufsicht der Gewerbe-Gor- 
porationen, begegnet mit Recht der Förderung von Seiten des Ministers. 

Unter den Angelegenheiten des Handels steht in erster Linie die 
Waartn- und Effecten-Börse in Budapest^ welche sich aus der schon in der 
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bestandenen Pester Getreidehalle ent- 
wickelt und ihre erste festgestellte Organisation im Jahre 1 864 erhalten hat 
Ihre gegenwärtige Verfassung regeln die vom Handelsminister im Jahre 1888 
bestätigten Statuten auf Grund einer weitgehenden Autonomie. Die Oberauf- 
sicht über das Institut gebührt dem Handelsminister ; die Aufgabe der Börse 
besteht in der Erleichterung und Begulirung des kaufmännischen Verkehrs 
in allen Arten von Waaren, Wertpapieren, Wechseln, Münzen und Edel- 
metallen. Der Besuch und die Mitgliedschaft der Börse ist sehr erleichtert. 
Zur Leitung der gesammten Börse-Angelegenhaiten besteht ein von den 
Mitgliedern auf drei Jahre gewählter Börsenrat. Dieser verfügt über alle 
Vermögens- und Verwaltung^ngelegenheiten der Börse, er bestimmt die 
Geschäfts-Usancen, entscheidet über die Börsenwerte und die ofßciellen Gurs- 
notirungen, ernennt die beeidigten Börsensensale, setzt alle Taxen und Ge- 
bühren fest u. s. w. Eines der wesentlichsten Rechte dieser Selbstverwaltung 
besteht in der Gerichtsbarkeit des Börsenrates in Börsen- und Merkantil- 
Streitsachen« Keine Börse auf dem Gontinente besitzt eine Autonomie von 
solchem Umfange, die Regierung ist bei der Budapester Börse bloss durch 
zwei Gommissäre vertreten. 

Im Jahre 1889 zählte die Börse 951 ordentliche Mitglieder und 162 
Börsenbesucher; die Zahl der beeidigten Sensale oder Agenten betrug 166. 
An der Getreide-Börse fand ein Verkehr von 13,188.300 Meterzentner statt, 
womit jedoch keineswegs der gesammte Geschäftsverkehr der Börse in dieser 
Richtung bezeichnet wird. Eine vertrauenswürdige Statistik über Zahl und 
Umfang dieses Verkehres ist überhaupt noch nicht vorhanden. Das Börsen- 
gericht hatte in 1764 Fällen zu entscheiden, von denen 711 Fälle appellirt 
wurden. 

Nur im Vorbeigehen bemerken wir, dass im Jahre 1889 im Lande ins- 
gesammt 4561 Handelsfirmen improtocollirt worden sind und wenden unsere 
Aufmerksamkeit sofort den Wochen- und Jahrmärkten zu. 

Auf dem Gebiete der Länder der ungarischen Krone werden in 1600 
Gemeinden Jahrmärkte abgehalten, und zwar in der Regel jährlich 2 — 4, 



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^^ ÜKGABNS iKDtTSTRIE, HANDEL UND VERKEHK IM JAHEB 1880. 

dooh gibt es auch Gemeinden^ welche die Berechtigung zu 6 — 8 Jahrmärkten 
besitzen. Ebenso verschieden ist auch die Dauer dieser Märkte ; die meisten 
dauern blos einen Tag, dann gibt es aber auch Märkte von 2—4 Tagen, ja 
in grösseren Städten dauert der Markt 8 -14 Tage. Die Jahrmärkte sind 
entweder allgemeine oder Vieh- Märkte, letztere bei mehrtägigen Märkten 
in der Regel nach Viehgattungen abwechselnd. 

Gegen die übermässige Vermehrung der Märkte haben die gewerb- 
lichen Kreise, namentlich die Handels- und Gewerbekammem, Einsprache 
erhoben. Auch haben die Märkte in Folge der erleichterten und vermehrten 
Gommunicationsmittel an ihrer früheren Bedeutung vieles verloren ; aber die 
Abhaltung dieser Märkte kann dennoch, insbesondere für kleinere, abgele- 
genere Orte nicht entbehrt werden und es bilden namentlich die Viehmärkte 
für einen grossen Teil unserer Bevölkerung ein dringendes Bedürfniss. 

Noch weit nötiger als die Jahrmärkte sind die Wochenmärkte, deren Zu- 
nahme um so weniger beanstandet werden kann, je zahlreicher selbst in 
kleineren Gemeinden jene Familien werden, die ihre Lebensbedürfnisse sieh 
nicht selbst erzeugen können, wie z. B. Beamte, Militärpersonen, Industrielle, 
Fabriksarbeiter u. dgl. Die engherzige Bestimmung des Gewerbegesetzes vom 
Jahre 1884, der zufolge die Wochenmärkte von fremden Handwerkern nicht 
beschickt werden durften, wurde im Jahre 1887 teilweise modificirt. Die 
nach dem G. A. VE v. J. 1888 verschärften strengen Veterinär-Massregeln 
haben namentlich kleinere Gemeinden veranlasst, ihrem Marktrechte zu 
entsagen oder dessen Ausübung mindestens zu suspendiren, da sie den 
erhöhten gesetzlichen Vorschriften nicht entsprechen konnten. 

Einen Gegenstand stetiger Klage der Gewerbetreibenden in Stadt und 
Land bildet das Hamiertvesen, welches gemäss dem mit Oesterreich geschlos- 
senen Zoll und Handelsbündnisse in der ganzen Monarchie nach gleichen 
Grundsätzen geregelt ist. Doch sowohl damit, wie mit dem GimentirungS' 
wesen können wir uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen und wenden 
deshalb den königlich ungarischen Pf andleihanstaUen in Budapest die Auf- 
merksamkeit zu. 

Die Institution eines königlich ungarischen Pfandhauses verdankt ihre 
Entstehung der Kaiserin-Königin Maria Theresia, mittelst deren Entschlies- 
sung vom 1. Juli 1773 die erste Anstalt dieser Art in Ungarn tzur Unter- 
stützung der hilfsbedürftigen armen Volksclassen und zur Verhinderung des 
Wuchers» zu Fressburg ins Leben gerufen wurde. Dieses Pfandhaus dauerte 
bis zum Jahre 1855. 

Nach dem Muster des Pressburger Institutes wurde von Kaiser Josef EL 
am 6. Juni 1787 das • königlich privilegirte ungarische Pfandhaus» in Ofen 
errichtet, zu dessen Gunsten der Kaiser unter dem 28. Juni d. J. den Ankauf 
und die Adaptirung eines Hauses um 13.962 fl. 51 kr. anordnete und das 
Umsatzcapital der Anstalt auf 6000 fl. bestimmte. Ausserdem sollte das 



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tJKOARNS INDUSTRIE, HAKDEL ÜKD VERKBHn IM JAHBE 1889. 203 

Institut für seine Bedürfnisse vom königlich ungarischen Statthaltereirate 
Darlehen zu 3Vs% Verzinsung erhalten. Das Institut nahm bald einen 
bedeutenden Aufischwung und wurde nach der Entscheidung des Statthal- 
tereirates vom Jahre 1801 auf die Pester Seite der ungarischen Hauptstadt 
verlegt^ wo es in seinem noch gegenwärtig innehabenden Gebäude in der 
inneren Stadt am 1. Januar 1803 seine Thätigkeit eröffnete. Die monat- 
lichen Versteigerungen dar nichtzurückgelösten Pfand-Objecte begannen am 
1. Oktober 1788 und fanden seitdem in jedem Monate statt. 

Das königlich ungarische Leihhaus in Budapest hat innerhalb der 
letzten zwei Decennien hinsichtlich der Verpfändungen eine bedeutende 
Zunahme, in Bezug auf die hiefür erhaltenen Beträge aber eine beträchtliche 
Abnahme aufzuweisen. Während z. B. bis zum Jahre 1876 die Verpfän- 
dungen von 321,701 auf 439,800 Fälle und die Pfandsummen dort 2.672,624, 
hier 3,401.631 fl. betrugen; ist seither zwar die Zahl der Verpfändungen 
erheblich grösser geworden (im Jahre 1889 betrug sie 550,520), dagegen 
aber die Höhe der ausbezahlten Beträge continuirlich gesunken; im Jahre 
1889 steht sie nur auf 2.476,405 fl., also niedriger als im Jahre 1871, da sie 
2.672,624 fl. gewesen. 

Ein erfreuliches Moment zeigen die erfolgten Auslösungen der Pfand- 
Objecte. Während nämUch bis zum Jahre 1 876 die Höhe der Auslösungs- 
summe stets hinter der Grösse der ausbezahlten Pf^dbeträge zurückgeblieben 
war, machen seither die zurückgezahlten Summen in der Regel mehr aus als 
die geborgten Beträge. Im Jahre 1889 wurden 541,219 Pfandstücke um 
2,488.323 fl. ausgelöst. Die Bestanzen bewegen sich in Bezug auf die Objecte 
in aufsteigender Linie, hinsichtlich des Geldwertes zeigen sie mit einigen 
Variationen im Grossen und Ganzen abnehmende Tendenz. 

Im Jahre 1876 war z. B. die restliche Stückzahl 246,837 mit einem 
belehnten Werte von 2.255,863 fl., im Jahre 1889 hatte erst^re 251.121 
Stücke, letzterer 1.389,660 fl. 

Bei der Gründung des königlich ungarischen Leihhauses hatte dasselbe 
einen Zinsfuss von lOVe^/o, der bis zum Jahre 1840 aufrechterhalten blieb. 
In diesem Jahre wurde derselbe auf 9^Va7®/o herabgesetzt, dagegen im Jahre 
1874 (in Folge der Krisis vom Jahre 1873) auf 12®/o erhöht und erst im 
Jahre 1879 wieder auf 10 Percent reducirt. Dieser Zinsfuss ist auch heute 
noch in Geltung. An Zinsen flössen im Jahre 1889 im Budapester könig- 
lichen Leihhause 159,598 fl. 78 kr. ein. 

Das zum Umsatz erforderliche Oapital entiehnt das Leihhaus teils 
einzelnen Geldinstituten, teils von Privaten zu verschiedenem Zinsfusse. 
Im Jahre 1889 hatte die Anstalt auf solche Weise 982.304 fl. 94 Vs kr. auf- 
genommen und an Zinsen 54,099 fl. 34 kr. gezahlt. 

Ausser dem innerstädtischen königl. Leihhause besteht in Buda- 
pest noch eine Filiale desselben in der Vorstadt Theresienstadt. 



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^^ UK0ARN8 INDUSTRIE, BaKDBL XJKD VBRKEHE IM JAHfiE iSSd. 

Diese Zweiganstalt wurde am 1. Juni 1881 im eigenen neuen Oebäude 
eröffnet; sie ist in Bezug auf den Pfandverkehr selbständig, hat jedoch kein 
eigenes Vermögen, denn ihre Einkünfte kommen alle auf Bechnung des 
innerstädtischen Hauptinstituts. Desgleichen untersteht sie derselben 
Direotion. Ihr Geschäftsverkehr ist ein bedeutender; denn im Jahre 1889 
war die Zahl der Verpfandungen 276,000 Stück mit einem Capital von 
1.224,768 fl. und die Zahl der Auslösungen 259,720 Stück mit einem Be- 
trage von 1.212,707 fl. An Bestanzen zählte man 122,488 Stück mit 
624,091 fl. Capital. An Zinsenerträgniss ergaben sich 65,739 fl. 83 kr. 

Im Jahre 1889 wurden in beiden Anstalten 83,240 Pfandobjecte ver- 
steigert. Die Institute hatten darauf eine Forderung von 339,303 fl. 71 kr.; 
das Licitations-Ergebniss war 463,840 fl. 81 kr., so dass nach Befriedigung 
der Instituts-Forderungen noch 124,537 fl. 10 kr. zu Gunsten der Parteien 
übrig blieben. Was innerhalb drei Jahren nicht in Empfang genommen wird, 
verfällt der Gasse des Leihhauses. 

Für die königl. ung. Pfandleihanstalten wirken drei Vermittlungs- 
Institute, welche dann wieder Pfandsammei-Geschäfte in verschiedenen 
Teilen der Stadt errichten. Solcher Sammelgeschäfte zählte man im Jahre 
1889 insgesammt 78. 

Die nach G.-Ari XIV: 1881 geschaffenen Privatleih-Anstalten unter- 
stehen gleichfalls dem Handelsminister, dessen Hauptbestreben darauf 
gerichtet ist, die Leihgebühren nach den jeweiligen Localverhältnissen zu 
ermässigen, damit das verpfändende, zumeist arme Publicum nicht über- 
mässig belastet werde. 

Der Schutz der industriellen Erfindungen wurde in Oesterreich zuerst 
im Jahre 1810 durch ein Statut geregelt; diesem folgte hauptsächlich unter 
Einfluss des französischen Privilegien- Gesetzes am 8. Dezember 1820 ein 
kaiserliches Patent, welches durch die ung. Hofkanzlei im Wege des kön. ung. 
Statthaltereirates unter dem 21. August 1821 allen Municipalbehörden zur 
Damachachtung zugestellt wurde. Die Municipien empfingen dieses Patent 
mit grossem Missfallen und dasselbe bildete auf dem Landtage von 1825/27 
eines der Landes-Gravamina. Die weiteren österr. Gesetze und Verordnungen 
in Angelegenheit der Industrie-Privilegien fanden zwar in Siebenbürgen und 
in der Militärgrenze Einführung ; im eigentlichen Ungarn beschäftigte sich 
erst G.-Art. 66 vom Jahre 1840 mit den Privilegien, dieses Gesetz kam jedoch 
kaum zur Geltung. Im Jahre 1 852 regelte ein kaiserliches Patent die industriel- 
len Privilegien und diese Verordnung blieb bis zimi Jahre 1867 in Kraft. 

Erst der G.-A. XVI vom Jahre 1867 ordnete in Ungarn die Privile- 
girung der gewerblichen Erfindungen. Darnach stehen diese Erfindungen 
nach gleichen Grundsätzen in beiden Beichshälften unter gesetzlichem 
Schutze; diese Bestimmung wurde dann auch in den Jahren 1878 und 1881 
bei Ernouerung des Zoll- und Handelsbündnisses beibehalten ; nur in Betreff 



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ÜNÖABNS INDUB131IB, HANDEL UND VBRKEHB IM JAHRE 1889. 205 

der Gebührenverteilang zwiscfaen Ungarn und Oesterreich fanden einige 
Abänderungen stau Uebrigens erbeiscbt die zeitgemäase Begelung der 
Patentsachen eine entsprechende Beform des betr. Gesetzes, worüber zwi- 
schen den beiderseitigen Regierungen die Verbandlungen bereits im 
Zuge sind. 

Im Jahre 1889 wurden insgesammt 3481 Patente erteilt; davon ent- 
fielen auf ungarische Staatsangehörige 261 (7*469 o/o), auf Oesterreicher 
1265 (36-340 o/o) und auf Ausländer 1956 (56191 o/o)- 

Die Zoll' und HandeU- Angelegenheiten stehen mit den übrigen Fac- 
toren und Entwicklungen der Handels- Politik im unmittelbaren, wechsel- 
seitigen organischen Zusammenhang, weshalb bei der amtlichen Erledigung 
der hieher gehörigen Agenden der leitende Minister seine Aufmerksamkeit 
auf die Anforderungen des praktischen Lebens überhaupt und insbesondere 
jener Bichtung zuwenden musste, welche unter objectiver Berücksichtigung 
unserer volkswirtschaftlichen und staatlichen Lage und der durch die gegen- 
wärtigen europäischen Wirtschaftsverhältnisse geschaffenen Situation der 
Befriedigung des praktischen Lebens am meisten zu entsprechen schien. 
Das Hauptbesfreben des Handelsministers war indessen dahin bemüht, 
die drnckenden Folgen der jetzt herrschenden, absperrenden Schutzzoll- 
Politik möglichst zu oompensiren oder mindestens abzuschwächen und zur 
Erleichterung und Beförderung sowohl des Binnen- wie des Aussenhandels 
alle zur Verfügung stehenden Mittel und jede sich darbietende (jelegenheit 
zu rechter Zeit und mit gehöriger Vorsicht und Energie zu benützen. 

Hinsichtlich der Zoll- Angelegenheiten steht für das Jahr 1889 an 
erster SteUe die nach G.-Art XXIV vom Jahre 1887 mit dem 31. Dezember 
1889 vorgeschriebene Auflassung der Freihäfen von Triest und Fiume. Da 
jedoch die Vorarbeiten hinsichtlich Triests bis zu dem obigen Termine nicht 
beendigt waren, so wurde der Aufhebungs-Termin bis zum 1. Juli 1891 
verlängert 

Den an Getreidemangel leidenden dalmatinischen und Quamero- 
Inseln wurde gestattet, jährlich höchstens 80,0(X) Q. Mais und 20,000 Q. 
Weizen und Hirse zollfrei einzuführen. Einer ähnlichen Vergünstigung 
erfreuten sich im Jahre 1889 auch die südtirolischen Gemeinden Casotto 
und Pedemonte. 

Die sonstigen Detail Verfügungen in Zoll- Angelegenheiten können wir 
an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. 

In Bezug auf die Hebung und Beförderung des Aussenhandels kommt 
die Initiative und Ausbreitung zunächst der Privatthätigkeit zu ; die Begie- 
rung kann hierin kaum etwas anderes thun, als die der Entwickelung im 
Wege stehenden Hindernisse hinwegzuräumen und auf die Interessenten 
aneif^md einzuwirken. Dabei legte der Minister ein besonderes Gewicht 
darauf, die Ooncurrenzfähigkeit unseres Handels zu erleichtem, die auf- 



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206 UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 1889. 

täucfaenden Schwierigkeiten möglichst zu bewältigen und zur Eroberung und 
Sicherung des uns nahegelegenen Marktes in den orientalischen Ländern 
das Interesse und die zielbewusste Bewegung in den weiteren Kreisen unserer 
Industriellen zu wecken und wach zu erhalten. 

Hierher gehört die Errichtung des Handels- Museums inBudapest, 
welches im Jahre 1885 entstanden ist und seither durch Minister Baross 
eine bedeutsame Erweiterung erfahren hat. Ziel und Aufgabe dieses Mu- 
seums ist : a) Bekanntmachung aller jener Waaren- Artikel, welche in Ungarn 
concurrenzfähig erzeugt werden und deshalb auf Export rechnen können ; 

b) Bekanntmachung aller jener Handels-Artikel, welche im Aaslande, 
namentlich im Orient in grösserem Maasse consumirt werden, um so den 
inländischen Erzeugern und Händlern die nötigen Fingerzeige zu bieten ; 

c) möglichste Orientirung der Producenten über jene Bedürfnisse des ein- 
beimischen und des fremden Consums, an dessen Deckung wir Teil nehmen 
können. 

An dieser permanenten Ausstellung im Handels-Museum nahmen im 
Jahre 1887 671, im Jahre 1888 750, im Jahre 1889 746 Aussteller Anteil. 
Ausserdem finden jährlich periodische Obst-, Honig- und Eäse-Ausstel- 
lungen statt. Das Budapester Handels-Museum hat in Salonichi und in Belgrad 
seine Vertreter und in Serajewo soll eine Filiale desselben errichtet werden. 

Um die Wirksamkeit des Instituts zu erhöhen, hat Minister Baross 
bei Gelegenheit der neuesten Organisation dieses Handels-Museums dasselbe 
mit dem Handels-Ministerium in nähere Verbindung gebracht und zur Lei- 
tung und Ueberwachung eine Aufsichts-Gommission bestellt, an welcher 
ausser einigen Mitgliedern aus dem Schosse des Ministeriums noch eine 
Anzahl ernannter Vertreter des Handels- und Gewerbestandes teilnehmen. 
Die Hauptthätigkeit richtet das Institut auf die Hebung, Belebung und För- 
derung des ungarischen Exporthandels in den Balkanstaaten. Dazu dienen 
nicht blos die schon erwähnten Vertretungen und Musterlager des Museums 
in Belgrad und Salonichi sowie die Filial- Anstalt in Serajewo, sondern 
auch besondere reisende Handels-Agenten und an verschiedenen wichti- 
geren Handelsplätzen zu bestellende Berichterstatter und Gorrespondenten. 
Denselben Zweck der Aufklärung und Orientirung hat auch die im Handels- 
Museum errichtete bosnisch-herzegowinische Abteilung und das mit einer 
Fachbibliothek verbundene merkantilische Auskunfts-Bureau. Ungemein 
erschwert wird diese Action des Ministers durch die oft fast unglaubliche 
Scheu, ünerfahrenheit und vollständige Unorientirtheit unserer Geschäfts- 
leute in Sachen des Aussenhandels. Es soll durch das Handels-Museum die 
Selbstthätigkeit der Interessenten keineswegs geschmälert oder gar beseitigt 
werden ; die Aufgabe des Museums besteht nur in der Anregung, Beförde- 
rung und Unterstützung der Handels-Unternehmungen Einzelner und 
ganzer Gesellschaften und Vereine. 



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UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 1889. 207 

Ein besonderes Angenmerk wendet Minister Baross der «Bückerobe- 
rang des griechischen Marktes für den nngarischen Export» zm Deshalb 
soll Fiume mit den vornehmsten Häfen Griechenlands in nnmittelbaren 
Verkehr gesetzt werden. 

Ebenso ist der Minister bestrebt, die Hindemisse des ungarisclhen 
Wein- Exports zu bewältigen. Der Minister hat zu diesem Zwecke Sachver- 
ständige zum Studium der Weinconsum-Verhältnisse namentlich in der 
Schweiz entsendet und sodann deren Berichte einer Fach-Enquete zur Be- 
gutachtung und Beurteilung vorgelegt. Hauptsache sei, dass dem auslän- 
dischen Gonsumenten das ungarische Product in seiner gesicherten Reinheit 
und Unver&lschtheit bekannt und leicht zugänglich gemacht werde. 

Von grosser Wichtigkeit für Ungarns Aussenhandel sind ferner die 
Beziehungen zum deiUschen Reiche, und da kommt für das Jahr 1 889 nament- 
lich das Verbot der Einfuhr von Schweinen dahin in Betracht. Den aus- 
dauernden Bemühungen des Ministers Baross und seines GoUegen, des 
Ackerbau-Ministers, ist es gelungen, den deutschen Beichskanzler zu be- 
stimmen, dass er dieses Einfuhrverbot für Transporte lebender Schweine 
aus Steinbruch mindestens für eine Anzahl bestimmter Einfuhrsplätze er- 
heblich gemildert hat. Die Schweineausfnhr Ungarns bewegte sich in den 
Jahren 1882 und 1889 zwischen 542,099 (1888) und 778,119 (1887) Stück 
und den Geldwerten von 31.119,840 (1888) und 44.377,760 fl. Im Jahre 
1889 wurden exportirt 601,502 Stück im Werte von 37.831,591 fl. 

Auch die von Frankreich her drohende Gefahr einer empfindlichen 
Einschränkung, ja Verhinderung unseres Exportes von Schafen und Schaf- 
fleisch wurde glücklich überwunden; im Allgemeinen litt jedoch der ge- 
sammte Vieh-Export an Bindvieh, Schafen^ Ziegen und Schweinen der 
österreichisch-ungarischen Monarchie im Jahre 1889 erheblich durch die 
ausgebrochene Maul- und Klauenseuche. 

Ungünstig beeinflusst wird Ungarns Spiritus-Export durch das seit 1887 
in der Schweiz eingeführte Sprit-Monopol und dann durch die drückende 
Goncurrenz der deutschen Branntwein -Production. Zu mehrfachen Klagen 
gab das serbische Zollamt in Belgrad Anlass, namentlich deshalb, weil es 
von jedem Marktbesucher aus Semlin bei Uebertretung der Grenze von dem 
einzelnen Stück Vieh einen Gesundheitspass mit einer Stempelmarke von 
einem Dinar abforderte. Mit Bussland gab es im Jahre 1889 Schwierigkeiten 
wegen der Einfuhr von Weinreben, Weintrauben, Obst und Gemüse ; mit der 
Türkei hinsichtlich der Einfuhr von Bum u. a. m. 

Indem wir auf die im Jahre 1889 mit fremden Staaten geschlossenen 
handelspolitischen Verträge und Uebereinkommen^ welche sich jedoch haupt- 
sächlich auf die Begelung der Patentsteuerfrage in der Türkei, in Aegypten 
und in Bulgarien beziehen, sowie auch auf die ohnehin einer gründlichen 
Beform unterliegenden Oonsular- Angelegenheiten hier des Näheren nicht 



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208 



UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 1889. 



eingeben, geben wir nur nocb die wicbtigsten statistiBcben Daten mit Bezug 
auf den ungariscben AusBenbandel in den Jahren von 1885 — 1889. 
Damacb betrag die Eivjvhr im Jahre in Tausenden von 



Meterzentnern 



Stack 



Geldwert 









(Tatuenden von Golden) 


im Jahre 1885 


15,419 


307 


448,889 


< • 1886 


13,527 


236 


416.237 


. . 1887 


13,913 


220 


434,504 


. . 1888 


15,283 


274 


446,631 


• < 1889 


16,438 


267 


459,478 



Die Ausfuhr dagegen war: 





Heteizentoer 


Stock 


Geldwert 
(TauBenden von 


im Jahre 1885 


29,923 


48,831 


396,148 


. • 1886 


29,682 


32,298 


417,846 


. . 1887 


31,769 


41,206 


402,528 


. • 1888 


36,976 


52,081 


444,383 


. . 1889 


34,479 


63,346 


460,563 



Jahre 



Der Gesammtverkehr in Tausenden von Gulden betrug somit im 



1886 


845,037 


1886 


834,083 


1887 


837,032 


1888 


891,014 


1889 


920,041 



Die Einfuhr zeigt sich nur in den zwei Jahren 1886 und 1889 activ^ 
dort mit 1,609, hier mit 1,085 Tausend Gulden. 

Ungarns Aussenhandel befindet sich sowohl hinsichtlich seines 
Umfanges wie seiner Richtung im Ganzen in fortschreitender Entwickelung. 
Die hauptsächlichsten Import- Artikel sind: Textil-Producte, Baum- und 
Schafwoll-, Leinen-, Flachs-, Jute- und Seidenwaaren und Bekleidungs- 
stücke; diese Gruppen allein betrugen im Jahre 1889 die Summe von 
195.550^000 fi. Ausserdem werden in grösseren Mengen eingeführt: Leder 
und Lederwaaren, Holz-, Eisen- und Möbelwaaren, wissenschaftliche und 
musikalische Instrumente, Uhren, Getränke, Schlacht- und Zugvieh, Zucker, 
Uterarische und Kunstgegenstände, Petroleum, Steinkohle u. a. Der 
Getreide-Import hat seit dem Zollkriege mit Bumänien erheblich abge- 
nommen. 



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UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 18S9. 



209 



Ausfuhrproducte sind vor Allem Getreide, Hülsenfrüchte, Mehl u. s. w. 
Ungefähr die Hälfte des ungarischen Exports gehört dieser Gruppe an. 
Hierauf folgen: Schlacht- und Zugthiere, Holz, Kohle, Torf, Wolle 
und WoUwaaren, Mineralien, Getränke, Gemüse, Obst, thierische Pro- 
ducte u. s. w. 

Der Haupthandelsverkehr Ungarns findet selbstverständlich mit dem 
benachbarten Oesterreich statt, das bei der Einfuhr mit 80— 86Vo, bei der 
Ausfuhr mit 69 — 74®/o beteiligt ist. Das deutsche Beich liefert Ungarn in 
bedeutender Menge BaumwoUwaaren, Frankreich hauptsächlich Seiden- 
fabrikate. Deutschland ist ein guter Abnehmer des ungarischen Schlacht- 
viehes, namentlich der Schweine (Jahresausfuhr 1889: 93,378 Stück); da- 
gegen haben wir seit 1882 für unser Mehl den deutschen Markt fast gänzlich 
verloren ; ebenso ist unser Mehl-Export nach der Schweiz zurückgegangen 
und in En^nd stationär geblieben. Von unseren südlichen Nachbarn ist das 
Königreich Serbien mit seinen wichtigsten Export- Artikeln (hauptsächlich 
Schweine, Ochsen, gedörrte Pflaumen, Wein) nahezu ausschliesslich auf 
Ungarn und Oesterreich angewiesen ; die Einfuhr von dort betrug im Jahre 
1889 schon 17*9 Millionen Gulden; im Jahre 1884 erst 1 1*4 Millionen Gulden. 
Hinsichtlich Rumäniens ist der Zollkrieg bei der Einfuhr weit fühlbarer als 
bei unserer Ausfuhr. Eine günstige Entwickelung nimmt der Handelsverkehr 
mit Bosnien-Herzegowina, wohin unser Export von 2.882,000 fl. (1884) auf 
4.905,000 fl. im Jahre 1 889 gestiegen ist. Auch mit Bulgarien und Ost- 
rumelien zeigt unsere Ausfuhr eine zunehmende Tendenz. 

Einen erfreulichen Aufschwang hat in den letzten Jahren Ungarns 
maritimer Handelsverkehr genommen. Angesichts der europäischen Schutz- 
zollpolitik und der hohen Eisenbahntarife musste man zur Gewinnung und 
Behauptung eines unabhängigen und wohlfeilen Ezportweges vor Allem den 
Verkehr zur See pflegen. Diesem Zwecke dienten alle jene Vorkehrungen des 
Handelsministers, welche im Interesse der Förderung des Handelsverkehres 
mit Fiume getroffen wurden. Diese Vorkehrungen bezogen sich aber nicht 
blos auf die Erleichterungen in der Zufuhr, sondern auch auf die Hebung 
des See- Verkehres selbst, um so Eisenbahn und Schifffahrt in gehörigen 
Zusammenhang und in üebereinstimmung zu bringen. Andererseits wurden 
die Verkehrsmittel zur See vermehrt, neue überseeische Verbindungen ange- 
knüpft und neue Handelslinien eingeführt. Ebenso regelte der Handels- 
minister die amtliche Behandlung der Marine-Angelegenheiten in zweck- 
dienlicherer Weise. 

Auf die Anführung von Details müssen wir an dieser Stelle verzichten 
und begnügen uns mit der Angabe einiger Hauptziffem, welche den unge- 
meinen Aufschwung des Seeverkehrs des ungarischen Haupthafens von 
Fiume klar beweisen. Es war nämlich in Fiume an Geldwert 

UngwiMhe Banie, XI. 1891. lU. Hell. 14 



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210 



UNGARNS INDUSTRIE, HANDEL UND VERKEHR IM JAHRE 1889. 



im Jahre 1880 
1881 

1882 
1883 
1884 
1885 
1886 
1887 
1888 
1889 



die Einfuhr 
7.851,655 fl 
12.179,211 
14.828,127 
21.712,293 
23.224,335 
21.882,325 
20.8il,027 
20.719,611 
23.723,477 
26.202,627 



die Ausfuhr 
13.362,498 fl. 
22.323,810 
29.149,865 
43.011,562 
44.950,026 
54.333,479 
54.931,288 
54.459,675 
68.204,551 
62.319,470 



zusammen 
27.214,153 fl 
34.503,021 
43.977,992 
64.723,855 
68.174,361 
76.772,315 
75.772,315 
75.179,286 
91.928,028 
88.522,097 



Während dieses Decenniums hat also die Einfuhr um 18.350,972 fl. 
oder 221.80/0, die Ausfuhr um 42.956,972 fl. oder 211-8o/o, der Gesammt- 
verkehr um 61.307,944 fl. an Geldwert zugenommen. 

Vom Einfuhrswert entfielen im Jahre 1889 auf Schiffe unter öster- 
reichisch-ungarischer Flagge 44.1 o/o > auf sämmtliche fremde Flaggen aber 
55.90/0. Beim Export war die österreichisch-ungarische Flagge mit 42.9 0/0, 
die fremden Flaggen jedoch mit 57.1 0/0, beteiligt. Im Vergleich mit dem 
Jahr 1888 zeigen diese Verhältnisszahlen für unsere Flagge eine Besserung 
mit 5.70/0. 

Eine Staatssubvention genossen: 1. die ungarische Seeschiffahrts- 
Gesellschaft cAdria»; 2. der • österreichisch-ungarische Lloyd»; 3. dasFiuma- 
ner Dampfschiffahrts-Ünternehmen tSwerljuga & Comp.t; 4. das Dampf- 
schiffahrts-Untemehmen «Erajacz & Comp.» in Zengg und 5. der Unter- 
nehmer Leopold Schwarz in Agram. Den Hauptexport aus Fiume unter- 
hält die Actiengesellschaft lAdria» mit zehn eigenen Dampfern zu 8847 
Tonnengehalt. Ausserdem steht die Gesellschaft mit englischen Bhedem 
in festem Vertragsverhältnis behufs Lieferung von Export-Schiffen. Im Jahre 
1889 unternahm die GeseUschaft 272 Fahrten und zwar 156 für Export 
und 116 für Import. Der Gesammtverkehr umfasste 279,489 Tonnen und 
21,161 Kubikmeter. Die Hauptrichtung unseres Exports zur See geht nach 
dem Westen und darin liegt die grosse Bedeutung der ungarischen See- 
sohiffahrts-GeseUschaft «Adria.» 

Der Schiffsverkehr Fiumes im Jahre 1889 betrug: angekommen 
5,158 Schiffe (2948 Dampf- und 2,210 Segelschiffe) mit 814,632 Tonnen- 
gehalt (davon 114,270 Tonnen leer); ausgelaufen 5145Schiffe( 2932 Dampfer 
und 2213 Segler) mit 825,948 Tonnen (davon 115,599 Tonnen leer). Gegen 
1888 war die Zahl der Dampfer um 462, der Tonnen um 113,785 grösser; 
dagegen die Zahl der Segler um 425, der Tonnen um 28,533 geringer; so 
dass insgesammt der Schiffsverkehr sich blos um 37 Fahrzeuge mit 85,253 
Tonnengehalt erhöht hatte. 

Gegenüber jenem von Fiume ist der Schiffsverkehr der übrigen Seehäfen 



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UNGARNS INDUSTRIE, HANDBL UND VERKEHR IM JAHKB 1889. 211 

an der ungarisch-kroatischen Küste ein zanaeist wenig bedeutender. Es 
verkehrten im Jahre 1889 in den H&fen : 





Angekommen : 


Aosgelanfan: 




beladen 


leer 


beladen leer 


Buccari 


426 


80 


362 121 


Portorö _. 


1141 


45 


1182 8 


Girqaenizza 


911 


51 


857 101 


NoTi 


482 


151 


219 412 


Selze 


620 


206 


313 513 


Zongg 


762 


103 


786 54 


San Giorgio 


58 


73 


95 38 


Stinizza 


5 


89 


42 — 


Jablanacz 


76 


19 


18 77 


Garlopago 


173 


5 


156 22 


Zasammen 


4654 


770 


3830 1346 



Bescheiden wie dieser Schiffsverkehr in den zehn ungarisch-kroati- 
schen Küstenplätzen^ ist selbstverständlich auch der hierdurch vermittelte 
Güterumsatz. Die meisten der ein- und auslaufenden Schiffe sind nur 
Küsten- und Lokalfahrer und die grosse Anzahl der leer verkehrenden 
Fahrzeuge beweist deutlich die Geringfügigkeit des hier betriebenen 
Handels. 

Ueberhaupt (und darauf weist auch der Minister nachdrücklich hin) 
hemmt einen kräftigeren Aufschwung unseres Handelsverkehrs zur See 
der Mangel an einheimischen Gapitalien sowie die geringe Initiative, der 
schwache Unternehmungsgeist und der fehlende merkantilische Blick, 
welcher über die engen Grenzen des unmittelbaren Verkehrs hinausreichend 
die Verhältnisse, Bedingnisse und Fördemisse überseeischer Handelsbezie- 
hungen aufzufassen, zu würdigen, zu pflegen und zu erweitem vermag. 
Möge hierin das voranleuchtende Beispiel des ung. Handelsministers G. v. 
Baross in den zunächst interessirten Kreisen die gewünschte frachtbare 
Nachfolge finden ! 

Prof. Dr. J. H. Sohwiokbb. 



14* 



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212 BEZIEHUNGEN DES KÖNIGS MATHIAS COBVINUS ZU WIENER- NEUSTADT 



BEZIEHUNGEN DES KÖNIGS MATHIAS CORVINUS ZU WIENER- 
NEUSTADT UND DER CORVINUS-BEGHER. 



Nicht lange nach dem Antritt seiner Regierung trat Mathias Corvinus 
in Beziehungen zu der österreichischen Grenzfestung Wiener-Neustadt. Die 
Bürger dieser Stadt besassen zahlreiche Weingärten auf ungarischem Gebiete, 
insbesondere in der Oedenburger Gespanschaft, und zwar in solcher Aus- 
dehnung, dass schon Herzog Albrecht III. (1378) eine Beschränkung dieses 
Besitzes in fremdem Lande geraten fand. Diese Weinberge waren es auch, 
welche den ersten Befehl (sowie die meisten folgenden) des Königs Mathias 
zu Gunsten von Wiener-Neustadt veranlassten. Derselbe erfloss zu Oeden- 
burg am 20. Juli 1463* und bedeutete den Dreissigsteinnehmern, von den 
Neustädtem für ihre auf dem ungarischen Boden gebauten Weine keinen 
Dreissigst mehr einzuheben, wie zuvor imberechtigter Weise geschehen 
sei ; denn die Weinberge der Bürger von Wiener-Neustadt in Ungarn seien 
von dieser Abgabe zufolge eines Privilegiums von König Ludwig (dem 
Grossen) befreit. An demselben Tage ergeht auch an den Bischof von Raab 
die Weisung, dass er von den Neustädtern für ihre ungarischen Bauweine 
keine anderen Abgaben zu erheben habe, als von seinen inländischen Unter- 
thanen. Da diese beiden Erlässe schon am nächsten Tage nach dem end- 
giltigen Abschluss des Friedens zu Oedenburg zwischen Kaiser Friedrich III. 
und König Mathias ausgefertigt wurden, so liegt die Vermutung nahe, dftös 
der Kaiser selbst bei den Unterhandlungen, die bereits 1462 begonnen 
hatten, die Sicherung der Rechte seiner Unterthanen in Ungarn, die durch 
den vorausgegangenen Krieg gefährdet waren, in die Hand genommen habe. 
Bei dem nächsten Erlass des Ungarkönigs für Wiener-Neustadt ist dies aus- 
drücklich hervorgehoben: am 14. November 1468 trägt nämlich König 
Mathias von Ofen aus den ZoUeinnehmem auf, den Bürgern von Wiener- 
Neustadt, wenn sie ihre auf ungarischem Boden gebauten Weine abführen, 
keine Abgaben abzuverlangen, wie es geschehen sei; nur die von den 
genannten Bürgern in Ungarn gekauften Weine sollen der Besteuerung 
unterliegen. Er gestatte jenes aus Ehrfurcht und aus Gefälligkeit (ob respec- 

* Es findet sich im hiesigen Archiv wohl auch ein angeblicher Befehl des 
Königs Mathias Dienstag nach Lukas 1458 in einer Abschrift aus der Mitte des 17. 
Jahrhunderts. Die erste Vergleichung ergibt sofort, dass derselbe identisch ist mit dem 
Befehle vom 20. Oktober 1478. 



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ÜltD t)teB CORVn^S-BfeCHÄÄ. 213 

tum et complacentiam) gegen den Kaiser, der sieb für Wiener-Neustadt ver- 
wendet habe. Kaiser Friedrich residirte ja in dieser Stadt, und man konnte 
sich daher gleich direct an ihn wenden. Zehn Jahre später, am 20. October 
1478, abermals nach Beendigung eines Krieges mit Kaiser Friedrich EI., 
ergeht von Ofen aus neuerdings ein königlicher Befehl an den Hauptmann, 
Bürgermeister, Eichter und die Geschwornen zu Oedenburg, welcher darauf 
hinweist, dass in der vergangenen Weinernte abermals manche Weine von 
Wiener-Neustädter Bürgern angehalten wurden, und der den Auftrag gibt, 
dies fürder hintanzubalten. 



n. 



Das letzte Jahrzehent der Regierung des Königs Mathias ist von wie- 
derholten Kämpfen gegen Oesterreich ausgefällt ; in diese Zeit fallt auch die 
zweimalige Belagerung von Wiener-Neustadt 1486 und 1487 und die Ein- 
nahme der Stadt im letzterwähnten Jahre zufolge eines Vertrages. Da näm- 
lich trotz der wiederholten Zuschriften und Versprechungen des Kaisers 
und seines Sohnes, des römischen Kaisers Maximilian, der Entsatz nicht 
eintraf, und Wiener- Neustadt in Hungersnot geriet, so traf der Ungarkönig 
mit der Stadt, vertreten durch ihren kaiserlichen Hauptmann Hans Wül- 
fenstorflfer, durch Bernhard von Westernach, Karl Augspurger, Balthasar 
Hagen, Siegmund Wienberger, Hans Kunigsfelder, sowie durch ihren Bür- 
germeist-er Jacob Kelbel, ihren Stadtrichter Wolfgang Färstenberger und 
den Rat, am St. Peter- und Paulstage die Vereinbarung, dass die Stadt nach 
Ablauf von sieben Wochen sich ihm ergeben solle, falls es während dieser 
Zeit nicht dem römischen Kaiser oder seinem Sohne gelinge, mit 3000 
Wehrhaften den ungarischen Cordon zu durchbrechen, und ohne Unter- 
stützung von Seite der Belagerten in die Stadt zu dringen. Der Besatzung 
und ihrem Hauptmann und wer von Geistlichen oder Weltlichen mit ihnen 
gehen wolle, wird freier Abzug mit Wehr und Waffen gestattet; doch sollen 
sie, was des Kaisers sei, weder mit sich wegführen, noch vergraben, ver- 
mauern oder sonst verbergen. Die Gerechtsame der Stadt verspricht der 
König in ganzem Umfange zu belassen ; und was den Bürgern oder der 
Geistlichkeit in Wiener-Neustadt Schadens an ihren Häusern, Weinbergen, 
Wiesen, Aeckem oder anderem liegenden Besitze in diesem Kriege zugefügt, 
oder was anderen gegeben worden seif das solle ihnen wieder zurückersetzt 
werden. Auch wolle er sie mit ihrem Gesuche bezüglich des Ungelds und 
bezüglich der Juden fgnediglich bedennckhen». Der Status quo solle von 
deb Belagerten und von den Belagerern streng eingehalten werden. 

Die Frist lief am 17. August ab, ohne dass das gehoffte Entsatzheer 
sich zeigte, und so kam die Stadt in den Besitz des Mathias Gorvinus, und die 



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il4r BEZIEHUNGEN DBS KÖNIGS MATHIAS CORVINUS ZU WlENER-NEUSTABf 

Bewohner mossten ihm sofort huldigen und schwören. Boeheim * erzählt 
nach Bonfin sehr ausführlich die darauf folgenden Feierlichkeiten, darunter 
ein Faradegefecht auf der Haide. Etwa zwei kleine Wegstunden nördlich 
von Wiener-Neustadt, in der Nähe des Dorfes Sobnau, ist ein derzeit viel- 
leicht noch 2 M. hoher künstlicher Hügel auf dieser Haide, der nach der 
Aussage des dortigen Grundbesitzers früher etwa doppelt so hoch war, in 
dessen Innerem sich Quadern vorfanden und noch vorfinden sollen. Diese 
Erhöhung heisst noch jetzt Eönigshügel und würde sich zu einer Ueber- 
blickung des Steinfeldes besonders eignen. Allerdings lässt sich ein Zusam- 
menhang mit Mathias Corvinus und seiner Anwesenheit in Niederösterreich 
nicht weiter nachweisen, und von den über diesen Hügel gehenden Sagen, 
die übrigens sämmtlich unhaltbar sind, erinnert keine an die fragliche Zeit 

m. 

Nun handelte es sich darum, die in den üebergabsbedingungen gege- 
benen Zusagen zu erfüllen. Mathias Corvinus zeigte, dass es ihm Ernst mit 
denselben gewesen war : er wollte jedesfalls die Burger von Wiener-Neu- 
stadt, das ihm einen wichtigen Stützpunkt an dem Westufer der Leitba bil- 
dete, für sich und seine Herrschaft gewinnen. Daher bestätigte er schon am 
7. September 1487 alle Privilegien der Stadt, die sie je erhalten hatte. Wohl 
konnte man nicht darauf rechnen, dass die Unterthanen des ungarischen 
Königs in den Erblanden des Kaisers der Mautfreiheit, einer der ältesten 
Begünstigungen von Wiener-Neustadt, hinfür werden geniessen können; 
dafür wird den Neustädtem diese Freiheit in allen, von Mathias beherrschten 
Landen — das Privilegium nennt Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien — 
für alle Zeiten gewährleistet ; auch werden ihnen alle Bechte zugestanden, 
deren die freien Städte seiner Lande teilhaftig sind. Und falls etwa ein 
Erlass seiner Vorgänger auf dem Trone hiemit im Widerspruch stände, so 
solle derselbe den Neustädtern kein • schaden, abpruch oder Verletzung 
bringen.» 

Mathias gieng aber noch weiter. Schon vier Tage später (am 11. Sep- 
tember) vergünstigte er den Bürgern der Stadt, dass sie von dem Wein- 
gulden frei blieben, der für jeden fDreiling» Wein bei der bevorstehenden 
Lese eingehoben werden sollte ; und zwar, i damit Sy aus dem verderben 
darein Sy gesetzt, widerumb zu aufnemen komen», damit sie die Türme, 
Mauern, Stadtwehren, die, wie der König selbst in der vorerwähnten Bestä- 
tigung aller Privilegien sich ausdrückt, mit ciain zerrüttet und verwüstet 
waren, wieder aufbauen können». Am 3. October trägt er dann allen unga- 

* Ferdinand Carl Boebeims Chronik von Wiener-Neustadt, herausgegeben von 
Wendelin Boeheim. I. Band. S. 150 tL 



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ÜKD DER CORViKüS-BfiCHBR. 215 

rifichen Beamten, Bebörden und ünterthanen auf, die Neust&dter wegen 
ihrer Weinberge nirgends und in keiner Weise zu belästigen. Am 6. Juni 
des folgenden Jahres ei^eht an den Vicegespan des Oedenburger Gomitats 
Benedict von «Eysfalwd» und die Geschworenen wieder eine Weisung zu 
Gunsten der Neustädter : trotzdem die Bewohner von Wiener-Neustadt gleich 
denen von Ofen von jeder Zahlung von Steuern (tributi seu thelonii) durch 
seine Huld befreit seien^ werden sie doch an manchen Orten des Gomitats 
hiezu verhalten, worüber sich jene beschwert hätten. Von dieser Bedrängung 
sei unbedingt abzustehen. Am 13. Dezember 1488 wird Wiener-Neustadt 
neuerdings ein wichtiges Privilegium verliehen. König Mathias statuirt, dass 
die Bürger der Stadt nirgends mit Leib oder Gut wegen irgend einer Fropess- 
sache angehalten werden dürfen. Wer eine Forderung an einen der Neu- 
städter habe, müsse sich an den Bürgermeister, Richter und Bat ihrer Stadt 
wenden ; alle anderweitig über Leib oder Gut derselben geBchöpfte^ Urteile 
haben nicht Kraft noch Geltung. 

üebergehend auf die Gutmachung der Verluste^ welche Neustädter 
Bürger durch den letzten Krieg erlitten haben, kommen wir zunächst auf 
jene Häuser, welche durch die Belagerung der Stadt zerstört worden waren. 
Aach in dieser Richtung that Mathias Gorvinus das Seinige, um die Nea- 
anterworfenen für sich zu gewinnen. Schon am 4. September 1487 wurde 
Leopold von Wehing auf Befehl des Königs für ein Haus in der Neun- 
kirchnerstrasse an Gewähr geschrieben ; am 16. September wurde dem Bür- 
germeister der Ststdt, Jacob Kelbel, für seine drei abgebrochenen (kleinen) 
Häuser und «von Gnadenwegen» das Haus des Wilhelm von Auersperg 
überlassen. Am 13. März 1489 ergeht dann von Wien aus eine Zuschrift 
des Königs an den Rat von Wiener-Neustadt : es sei sein Wille, dass die 
Mitbürger der Stadt, deren Häuser in den Vorstädten i^gebrochen wurden, 
und die jetzt keine Unterkunft haben, jene Häuser und Gärten erhalten 
sollen, die ihnen auf königlichen Befehl sein Kämmerer und Burggraf i Jan 
Tartzay» ausgezeigt habe. Darauf hin werden am 18. März drei, am 19. März 
vier Bürger, am 20. März eine Bürgersfrau mit ihren Kindern und am 
5. Mai ein Bürger an Gewähr für die zugewiesenen Häuser geschrieben. 

Am 3. März war der Stadtgemeinde selbst ein Haus verliehen worden : 
auch sie hatte Verluste in den Vorstädten erlitten. Einige weitere An- 
schreibungen am 6. und am 15. Mai veranlasste der königliche Stadthaupt- 
mann «Fogam Fetter». Die betrefifenden Häuser rührten grösstenteils von 
Männern her, die mit dem kaiserlichen Hof in Verbindung standen, so z. B. 
von Georg von Herberstein, Pfleger zu Stixenstein, von dem Truchsess Ritter 
Heinrieh Himelberger; und es kam bei diesem Wechsel der Stadt noch der 
Umstand zu gute, dass Freihäuser, die von den Lasten der Gemeinde aus- 
genommen waren, ihrer Sonderstellung entkleidet wurden. Auch die Ver- 
leihungen des Ungarkönigs an sein eigenes Hofgesinde verwandelten eine 



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21 ö BEZrBHUNGEN DBS KÖNIGS MATHIAS OORVINÜS Zu WIENER-NEüSTADf 

Anzahl Freihäuser in mitleidende Häuser, die ins Gewäbrbnch eingelegt 
wurden, und gereichten so der Stadt zum Vorteil. So wird am 25. Sep- 
tember 1487 der königliche Schatzmeister «Bischof Urban zuErlacb» für 
ein ehemaliges Freihaus als Besitzer im Gewährbuch angeschrieben, für 
ein zweites ebenderselbe mit seinen Brüdern Blasius und Hans von 
« Nagluche t. Am 16. October desselben Jahres weist das Gewährbuch die 
Anschreibung des königlichen Secretärs Lucas Snitzer für das Freihaus des 
•Gastelwartert, dann des königlichen Secretärs Nicolaus von Fuechau für 
jenes des Grafen von Mantfort aus, wofür der Befehl am 11. September 
ergangen war. An dem gleichen Tage, 16. October, kommt der königliche 
Hauptmann Jacob Zeckler mit seinen Brüdern Nicolaus, Hans und Bene- 
dict in Gewähr und Besitz des Freihauses, das dem Siegmund von Niedem- 
thor gehört hatte (Befehl des Königs vom 15. October), und eben so wird 
am 29. April 1488 der Hauptmann «Lassla Graf zu Eanyscha» an Gewähr 
für ein Freihaus geschrieben, das dem Jacob von Emau gehört hatte. Fs 
bleibt einzig die Eintragung des Hans Biedrer, königlichen Barbiers, von 
11. August 1489, die ein Bürgerhaus betraf. 

Was die Bemerkung in dem Vertrag anbelangt, der König werde der 
Stadt wegen des Ungelds (vielleicht wegen Pachtung dieser Abgabe) und 
wegen der Juden (vielleicht zum Zwecke der Einschränkung derselben) 
gedenken, so können wir diesbezüglich nichts constatiren. 

IV. 

Mathias Corvinus soll überdies der Stadt Wiener-Neustadt sein eigenes 
Bildniss und einen silbernen, vergoldeten Focal geschenkt haben. * 

Bezüglich des ersten Stückes muss, abgesehen von allen berechtigten 
Bedenken gegen das hohe Alter dieses Oelgemäldes auf Leinwand, das im 
Museum von Wiener-Neustadt sich befindet, insbesondere betont werden, 
dass die Schenkung des eigenen Conterfeis an neugewonnene ünterthanen, 
deren Treue gegen die angestammte Dynastie der Eroberer selber rühmt, 
gar nicht grossköniglich erscheint. Daher wollen wir dieses Geschenk nicht 
weiter in Betracht ziehen. Was jedoch die Schenkung des erwähnten PocaJs 
anbetrifft, so verdient dieser Punkt einer eingehenderen Berücksichtigung, 
schon wegen des Kunstwertes des Objectes. Der Pocal ist allgemein unter 
der Bezeichnung iCorvinusbechert bekannt. Und die Meinung, dass er von 
dem Eroberer Mathias Corvinus an die Gemeinde Wiener-Neustadt gekom- 
men sei, lässt sich etwas zurückverfolgen. So wird bei den Vorkehrungen 
für das Friedensfest vom 3. October 1797 gesagt, dass bei der Tafel die 
Gesundheit Sr. Majestät des Kaisers «aus dem grossen Silber- und vergol- 

* Siehe Boeheim, Chronik, L Bd. 8. 153. 



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UND bfiH CORVlNüS-BECäßB. 5*1 1^ 

deten Focal, welcher als ein Geschenk des Königs Mathias Corvinus in dem 
Stadtarchive aufbewahrt wird», getrunken werden soll. Ebenso heisst es bei 
dem Feste, welches zur Geburt des nachherigen Kaisers Josef U. gefeiert 
wurde, * dass die Gesundheiten der fürstlichen Hoheiten «aus dem von dem 
Hungar : König Mathias Corvinus der Statt Neustatt wegen dem Allerdurch- 
lauchtigsten Erzhausz von Oesterreich vnverbrüchlich erzeigten Treu und 
Tapfrer gegen wöhr annoch im Jahr 1462 zum ewigen andenkhen Verehrten 
Kostbahren groszen Silber und Vergolten Pöcal, dessen Deckl eine Crone 
darstellet, worinnen dessen Portrait und Jahreszahl zusehen, getrunkhen 
worden.» Hier erhalten wir zugleich Einblick in die Meinungen, die man 
sich über die Formen an dem Focale damals schon gebildet hatte. 

Wenn sich eine Belegstelle auch nicht weiter nachweisen lässt, so ist 
doch so viel sicher, dass man im vorigen Jahrhundert ein Trinkgefäss von 
solchen Dimensionen, das mehr als drei Liter fasst, nicht mehr «Corvinus- 
becher» genannt hätte, wie ja die angezogenen Notizen zeigen. Und bei dem 
Umstände, dass derartige Zusammensetzungen kaum ein Bestimmungswort 
abstossen, um ein anderes anzunehmen, kann die Sache viel weiter hinauf 
als belegt angesehen werden, gewiss bis in die Zeit so grosser «Becher». 
Ueber die Abnahme der Grösse der Becher schon im XVI. und noch mehr 
im XVn. Jahrhundert können wir uns hier als zu weit ab führend, nicht 
einlassen. 

Und nun wollen wir an die Frage herantreten, ob wirklich Mathias 
Corvinus den Bürgern von Wiener-Neustadt den Becher geschenkt haben 
kann. Wir sind hier natürlich bei dem Mangel schriftlicher Anhaltspunkte 
auf blosse Vermutungen angewiesen und kommen im günstigsten Falle zu 
einer Wahrscheinlichkeit. Zu diesem Zwecke wird es notwendig, eine kurze 
Beschreibung des Pocals mit allen seinen Schrift- und Wappenzeichen 
voranzuschicken. 

Der Corvinusbecher ist ein grosser, etwa 80 Cm. hoher Silber-Pocal 
mit Deckel, stark vergoldet, voll reich aufgesetzter Ornamentik aus vergol- 
detem Silberblech und mit verschiedenfarbigem Drahtemail. ** Der Fuss 
hebt dreiteilig an, indem die Basis einen Sechspass von 17 Cm. Durch- 
messer bildet, zieht sich sofort ein, zuerst concav, dann vertical aufsteigend, 
und wird in diesem letzteren Teile etwa 1*5 Cm. breit durch ein breites 
Emailband bedeckt, das auf dem hellblauen Grunde an einer fortlaufend 
gewundenen Draht-Banke grüne fünfblättrige Blütenkelche mit rotem stark 
hervortretenden, etwas gebogenen Griffel und kleine längliche (grüne) 
Blätter trägt. 



* RaisprotokoU 741, Pol. 73. 

** Auf die einzelnen zahlreichen Abbildungen des Corvinus-Bechers braucht 
wohl nicht verwiesen zu werden. 



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4l8 BEZIEHUNGEN DES KÖNIGS MATÖIAÖ CÖRVimJS ZU WlENteB-NEÜSTAl)t 

Von den sechs Winkeln der Basis legen sich Distelblätter an das Ejmail 
herauf. Oberhalb dieses Bandes verengt sich der Fuss durch sechs Bund- 
buckel in Form von Eugelsegmenten^ über welche von innen ausgehend eine 
schmale, steile Erhöhung nach beiden Seiten fort- und hinablauft, zu dem 
eigentlichen Ständer. Zwischen diesen Buckeln und an deren innem Enden 
sind zwei Beihen, also zwölf, kleine Drachengestalten nach Art der gothi- 
sehen Wasserspeier aufgenietet. Der Ständer ist 14*5 Gm. hoch, anfänglich 
ebenfalls sechsseitig und in gleicher Weise emaillirt, wie früher angedeutet ; 
er geht sodann in die Kreisform über, innerhalb welcher er einfach durch 
blaues Email bedeckt ist, und wird unmittelbar unter dem Wulst, der das 
Bindeglied mit dem eigentlichen Focalleib bildet, durch ein zweimaliges 
abwärts fallendes und sich erweiterndes Distelomament eingefasst, das den 
Knauf des Ständers vertritt. Das obere dieser Blattomamente zeigt vier 
Kletten und bildet so den Uebergang aus dem dreiteiligen in den vierteiligen 
Bhythmus, welcher den Becher selbst beherrscht. Der eigentliche Focal 
beginnt mit zweimal acht Buckeln und verengt sich im Verlaufe derselben 
etwas. Die unteren sind gehalten und verziert wie jene am Fusse, die oberen 
verflachen sich allmählich nach aufwärts und laufen zu einer Spitze zu, so 
dass von der Guppa des Bechers acht gleiche Buckel zwischen dieselben ein- 
laufen. Mit diesen beginnt die Ausweitung des Leibes, die sich in acht neuen 
Buckeln über den letzterwähnten kräftig fortsetzt und abschliesst. In den 
Vertiefungen zwischen den Buckeln dieser vier Reihen der eigentlichen 
Focalhöhlung sind selbstredend wieder Ornamente sichtbar. Bei den zwei 
unteren und der ersten oberen Reihe begegnen wir den früher erwähnten 
Drachengestalten; zwischen die acht obersten Buckel fallen Distelblätter 
herab, die über diesen an einem mehrfachen gedrehten Silberdraht sich um 
die Cuppa ziehen und den ornamentirten Becher von jenem Rande trennen, 
der den Deckel aufnimmt. Die oberste Buckelreihe ist durch eine Emaillirung 
auf eigenem Grunde überdeckt, zwischen welcher die vergoldete Fläche 
glänzend hervorblickt. Dieses Email zeigt in der Mitte jedes Buckels einen 
grösseren Blütenkelch mit fünf Blättern und mit sehr starkem Griffel, rings 
um denselben kleinere ähnlich gestaltete Blüten und Blätter. Der Kelch der 
grossen Mittelblumen hat, wie es scheint, dunkelblaues Email, das Centrum 
ist entweder blaugrün mit rotem Griffel oder rot mit blaugrünem Griffel ; die 
Kelche der kleineren Blumen sind dunkelgrün oder blaugrün, der Griffel rot, 
die Blätter der Pflanze selbst (natürlich) grün. 

Der Deckel des Pocals, der in der That eine Krone bildet, ist zu unterst 
zwischen zwei mehrfachen Silberdrähten wieder von einem 1*5 Cm. breiten 
Emailband umgeben, gleich jenem am Fusse, nur sind die Blätter des Blüten- 
kelches rot, die Griffel blau. Mitten in diesem Email sind überdies im 
ganzen Umfange sechs Blüten eingesetzt, bestehend aus je sechs schmalen 
am Ende etwas gefaserten Blättern von SUberblech, vergoldet. Von diesem 



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Xn^D DiSR CÖRVnJtJS-BECfifeR. ^lö 

Bande erhebt sich abermals ein Distelomament^ die Krone^ ringsum sechzehn 
grössere und dazwischen sechzehn kleinere Ereuzformen bildend ; inmitten 
der letzteren begegnen wir je einem Blumenkelch aus Silberblech mit sechs 
Blättern und äberstarkem Pistill. Von da schliesst sich der Deckel durch 
zweimal acht Buckel mit denselben steilen Falten- Erhöhungen wie früher 
rasch, wie der Fuss zu einem Stengel zusammen, die Vertiefungen zwischen 
den Buckeln gleichfalls mit zwei Drachenreihen ausfüllend. Der schlank auf- 
schiessende kreisförmige Stengel 23 Cm. hoch, wird durch einen breit vor- 
tretenden Wulst in zwei Hälften geteilt und durch einen eben solchen oben 
abgeschlossen. Er ist einfarbig dunkelblau emaillirt. Die bekannten Distel- 
omamente umkleiden die untere Hälfte, nach abwärts fallend, umfassen 
sechsstrahlig von unten und von oben den Mittelwulst und breiten sich vor 
der oberen Hälfte nach der Bildung von drei Kletten über die ünterfläche 
des zweiten abschliessenden polsterartigen Wulstes aus, denselben in sechs 
Zweigen tragend, so dass in dem obersten Teile das Eunstgebilde zu dem 
dreiteiligen Rhythmus des Fusses zurückkehrt. Die Oberfläche dieses Polsters 
bedeckt ein Stern mit zehn Strahlen, auf welchem ein Bitter mit blossem 
Haupte kniet. Stern und Ritter möchten wir auf ihre Originalität nicht zu 
strenge prüfen. Die Rittergestalt hält in ihrer Rechten schief aufwärts ein 
gestieltes Herz, auf dessen einer Seite wir die Jahreszahl 1. ^ 6. 2. erblicken, 
während die andere halbgestielte Seite rechts (heraldisch) das AEIOV und 
den Doppelaar des Kaisers, links den Schriftzug M und den Raben mit dem 
Ring im Schnabel zeigt. Noch bleibt des länglichen, nach unten in einem 
geschweiften Bogen endigendes Schildes zu erwähnen, der im Innern an dem 
Scheitel des Deckels sich vorfindet. Dieser Schild in kreisförmigem Medaillon 
trägt eine bartlose Heiligengestalt (bis zur Brust), mit goldenem Haar und 
Heiligenschein ; das Gewand und der Schildgrund sind von rotem Email.* 
Ueberdies hat der unterste Rand des Deckels innen die Zeichen FI in der 




nebenstehenden Form. |^^B Diese Zeichen kehren in der gleichen Weise an 



der Innenseite des Fusses wieder, wo wir auch nicht weit hievon entfernt eine 

Andeutung über das Silbergewicht des Bechers finden : MR XIII %ül XI.** 

Mit der Erwähnung eines Z, das in nebenstehender Form am äusser- 



^ Der Annahme, dass hier das Porträt des Königs Mathias vorliege, wie die 
Noüz von 1741 meint (s. o.), fehlt jede Begründung, und der Heiligenschein spricht 
dagegen. 

** Verfasser sieht sich genötigt nach genauer Untersuchung der betrefifenden 
Zeichen sich diesbezüglich der Meinung Boeheims (Chronik I. S. 154) und Dr. Ho- 
mers (Arch. Ert. 1869) anzuschliessen, im Gegensatz zu einer früher abgegebenen 
(Correspondenzblatt des Vereins f. siebenb. Landeskxmde 1889, Nr. 2). 



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i^ 



BEZIEHUNGEN DES KÖNIGS MATHIAS COEVINUS ZU WIENEB-NÄUSTAbT 



sten Uande des Fusses eingeschlagen ist^ sind die Schriftzeichen 
auf dem Corvinus-Becher erschöpft; die im Ratsprotocolle von 1741 
(s. o.) erwähnte Jahreszahl im Innern des Deckels findet sich nicht* 
Am Schlüsse der Beschreibung müssen wir noch bemerken, dass der 
Becher mannigfach schadhaft ist. So fehlen sämmtliche Drachengestalten 
an der unteren Hälfte des Pocalleibes, so ist das blaue Email (an der oberen 
Hälfte des Ständers, an dem ganzen Stengel der Krone, in den Kelchblättern 
der grossen Blumen, an den Buckeln der Cuppa) zum allergrössten Teile ver- 
schwunden. Die übrigen Emailfarben haben sich besser gehalten, sind jedoch 
auch nicht schadlos. Das gestielte Herz ist ganz neu, eine Arbeit des Gold- 
schmiedes F. Beger, doch versicherte dieser dem Verfasser dieser Zeilen, 
dass er die Zeichen genau so gemacht habe, wie sie auf dem alten Herzen 
gewesen seien. Soweit die Ziffern der Jahreszahl ein Urteil zulassen, kann 
man diese Aussage im grossen Ganzen als verlässlich ansehen.* 



Nun zur Deutung. — Die Buchstaben und Wappenzeichen auf dem 
Herzen sprechen für sich selbst. Nach denselben muss der Becher in Berüh- 
rung stehen mit einer Action, welche den Kaiser Friedrich IH. und den 
König Mathias Gorvinus zugleich betrifft. Schon die Deckelkrone weist auf 
derartiges hin. Und für diese Action gibt uns die Jahreszahl 1462 den Fin- 
gerzeig. In diesem Jahre endeten nämlich die Feindseligkeiten der beiden 
Fürsten. Am 4. März 1459 hatte Friedrich HI. die von einer Gegenpartei des 
Mathias ausgegangene Wahl zum König von Ungarn angenommen ; die St. 
Stefanskrone war noch in seiner Hand. Es handelte sich somit bei den 
Friedensverhandlungen des erwähnten Jahres in der That um hochwichtige 
Angelegenheiten: um den Verzicht Friedrichs HI. auf den ungarischen 
Tron, um die Herausgabe der Krone, auch um die Nachfolge in Ungarn, 
für welche ja das Haus Habsburg alte Erbeinigungen besass. Ein dauernder 
Friede sollte fortan zwischen beiden Fürsten herrschen ; und es lässt sich 
wohl denken, dass man den Friedensschluss durch ein Versöhnungsfest 
feiern und den Umtrunk halten wollte, zu welchem Zwecke nur ein neuer 
prächtiger Becher dienen konnte. Wir wollen wenigstens vorübergehend 
auch auf die Pflanzensymbolik aufmerksam machen, die in dem ganzen 
Zierat des Bechers zu liegen scheint, und die im Mittelalter keine geringe 
Bolle spielt. 

Die fünfblättrigen Blüten kelche der Emailbänder sind vielleicht 
durch Nachbildungen des Jelänger-jclieber (Solanum dulcamara) oder des 



* Wir können wohl in gleicher Weise annehmen, dass etwaige frühere Kepa- 
raturen an dem Becher die Zeichen nicht geändert haben werden. 



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UND DEB CORVINÜ8-BECHBR. 221 

Johanneskrautes (Hypericnm perforatum) entstanden. Beide sollten gegen 
Zauberei und Anfechung schützen, weshalb sich die weite Verbreitung der 
Floren erklären würde. Die Kletten versinnbilden die Anhänglichkeit; ; zwi- 
schen alle anderen Blumen und Ornamente hinein legt sich beherrschend 
die männliche Tüchtigkeit der Distel. Manche Formen sind wohl allgemein ; 
einzelne scheinen jedoch speciell dem Becher angehörig und verdienen wohl 
Beachtung. Insbesondere aber predigt der heilige Evangelist Johannes, als 
welcher am ehesten jene Figur im Innern des Deckels aufzufassen ist, den 
Vertragschliessenden die Liebe. 

Die vorausgegangenen Erwägungen als richtig angenommen, gelangen 
wir zu dem weiteren Ergebnisse, dass einer der beiden genannten Herrscher 
die Anfertigung des Pokals veranlasst habe. Dieser Auftraggeber aber ist mit 
Wahrscheinlichkeit an dem Kunstgegenstande genannt : er findet sich auch 
bei Kunstwerken jeder anderen Art aus jener Zeit viel regelmässiger verewigt 
als der Künstler. Erinnern wir uns denn des F I im Innern des Deckels und 
des Fusses vollkommen an richtiger Stelle, so können wir diese Buchstaben 
nur Fridericus Imperator lesen. Dass der Kaiser, der höchste aller weltlichen 
Fürsten, als Auftraggeber erscheinen werde, war im voraus zu vermuten. 
Man kann nicht einwenden, dass Kaiser Friedrich ein karger Mann war, der 
eine solche Ausgabe schwerlich gemacht hätte. Ihn auch bei aussergewöhn- 
lichen Anlässen, wie bei dem vorliegenden, eines Aufschwunges für unfähig 
halten, hiesse ihn vollständig zum Filz stempeln, und das war er wahrhaftig 
nicht. Ueberdies war für die Auslieferung der ungarischen Königskrone ein 
hohes Lösegeld in Aussicht gestellt, so dass auch die immerwährende Geld- 
verlegenheit Friedrichs HE. hier wegfällt. Ist der Versöhnungspocal auf 
Gebot des Kaisers gefertigt, so ist beinahe selbstverständlich, dass derselbe 
in der Besidenz Wiener Neustadt entstanden ist, wo sich damals das Gold- 
schmiedhandwerk einer hohen Entwicklung erfreute, wo von mehreren Mei- 
stern dieses Handwerkes (z. B. Heinrich Maierhirsch, Wolfgang Nachschuss) 
durch vereinzelte Urkunden direct bewiesen werden kann, dass sie für den 
Kaiser gearbeitet haben. Es bleibt wirklich an dem Becher noch ein Zeichen 
für den Künstler übrig, wieder an richtiger Stelle, jenes Z nämlich an dem 
äusseren Bande des Fusses. Bei der Aufsuchung des Namens müssen wir uns 
vergegenwärtigen, dass die Technik des Pocals mit ungarischen Schulen jener 
Tage, und zwar nach Dr. J. Hampel * mit der oberungarischen und der Press- 
burger Schule eine grössere Gemeinsamkeit hat. Der Forderung, eine solche 
herzustellen, entspricht einzig der Goldschmied Wolfgang Zulinger, und zwar 
in folgender Weise : Seit dem Jahre 1431 wird in Wiener Neustadt ziemlich 



* Siehe dessen eingebendes interessantes Büchlein t Das mittelalterliohQ Draht- 
email.» Dort sind auch einzelne Details der Ornamentik des Corvinus-Beohers abge- 
büdet (S. 23.) 



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222 BEZIEHUNGEN DES KÖNIGS MATHIAS CORVINUS ZU WIENER- NEUSTADT 

oft ein Goldschmied Siegmund Wallach * genannt, der hier nach und nach 
eine hochangesehene Stellung erreichte, ein bedeutendes Vermögen besass 
und zu Anfang des Jahres 1450 starb. 

Schon sein Name lässt auf eine rumänische Abkunft schliessen. Durch 
eine Sippschaftsweisung seiner Geschwisterkinder, veranlasst durch die Erb- 
schaft nach Siegmund's Tode, wird dies auch bestätigt : er bat nämlich diese 
Verwandten in Langenau, Gimpolung in der Walachei, nicht weit von der 
Grenze Siebenbürgens, und mehrere Zeugen sagen aus, dass daselbst die 
Verwandtschaftsverhältnisse des verstorbenen Wiener Neustädter Meisters 
hinreichend bekannt seien. Es mag sich Siegmund auf die Wanderschaft 
begeben, daselbst die ungarischen Werkstätten kennen gelernt und sich end- 
lich in Wiener Neustadt dauernd niedergelassen haben. Seine erste Frau war 
Elisabeth, und ihre Schwester Ghristina war ebenfalls mit einem Kunst- 
handwerker Hans Schwertfeger vermählt, dessen Sohn Wolfgang das Gold- 
schmiedhandwerk erlernt. Es liegt nahe zu glauben, dass dies bei dem 
Gemahl seiner Tante geschah. Obwohl nun zufallig der Familienname dieses 
Wolfgang nie an einer solchen Stelle genannt wird, aus welcher sich dessen 
Verwandtschaft unmittelbar festsetzen liesse, und obwohl in der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht wemger als vier Goldschmiede mit dem 
Namen Wolfgang in Wiener Neustadt erwähnt werden, so lässt sich doch 
durch Verfolgung aller einschlägigen Notizen mit Sicherheit aussprechen, dass 
der Neffe Elisabeth's nur Wolfgang Zulinger sein kann.** Auf dem gleichen 
Wege lässt sich erweisen, dass Wolfgang Zulinger mit der Witwe Anna, der 
zweiten Frau des Siegmund Wallach, sich verheiratete. Das kann als ein 
Mitbeweis dafür dienen, dass er in der Werkstätte Siegmund*s sein Hand- 
werk erlernt hat. Wolfgang Zulinger war schon 1457 Kirchmeister, zu wel- 
chem Amte man gern tüchtige Goldschmiede nahm : auch Siegmund Wal- 
lach war viele Jahre Kirchmeister von Zemendorf, einem Vororte von 
Wiener Neustadt gewesen. 

VI. 

Die Friedensverhandlungen zwischen Friedrich m. und Mathias 
gingen nicht so rasch von statten, als vielleicht zu hoffen gewesen war ; die 
Ungarn wollten dem getroffenen Vergleiche ihre Zustimmung nicht geben. 
So verrauchte die Begeisterung, und ak der Friede, erst am 19. Juli 1463, 
zu Oedenburg abgeschlossen wurde, fand der Frachtpocal vielleicht nicht 



* Siehe hierüber den Artikel des Verfassers «Siebenbürger in Wiener Neu- 
stadt . . . .• in dem Gorrespondenzblatt des Vereines für siebenbtlrgisohe Landes- 
kunde 1889, Nr. 2. 

** Siehe den citirten Artikel des Verfassers. 



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UND DER CORVINHö-BECHER. 22.^ 

einmal die ihm zugedachte Verwendung — war ja der Kaiser schon wieder 
durch andere Sorgen in Anspruch genommen. Mochte man sich desselben 
indees bedient haben oder nicht, jedesfalls kam der Pocal in die Burg zu 
Wiener Neustadt und blieb daselbst. Und als Mathias Gorvinus im Jahre 1487 
Herr der Ststdt wurde^ musste auch der Becher in seine Oewalt kommen. 
Wenn der König denselben — etwa bei der Huldigung — den Bürgern über- 
gab^ so konnte er auf die vereinigten Embleme, auf die einstens abgeschlos- 
sene dauernde Versöhnung hinweisen^ gemäss welcher ja nach dem Tode 
des Mathias (ohne Erben) die Dynastie der Habsburger auf dem ungarischen 
Trone folgen sollte; lauter Momente, welche etwas zur Gewinnung der 
Bürger von Wiener Neustadt für seine Herrschaft beitragen konnten. Und 
damit wäre die Bezeichnung «Corvinus-Becher» erklärt. 

vn. 

Was die Halskrause, das Barret, den Sattel und das Reitzeug des 
Königs betrifft, die sich gleichfalls im Museum von Wiener Neustadt befin- 
den, so sind diese erst im vorigen Jahrhundert dorthin gekommen.* Sie sol- 
len an einem ßeiterstandbilde gewesen sein, mit dem der siegreiche Ungar- 
könig die Kirche der Burg in Wiener Neustadt geziert habe. Dies wäre 
zugleich die letzte Beziehung, die Mathias zu Wiener Neustadt gehabt -und 
zu einer dauernden gemacht hätte. Vor der Frage, wie man das Standbild 
beinahe drei Jahrhunderte in der Burg zu Wiener Neustadt stehen lassen 
konnte^ eilischt unsere Aufgabe. Dr. Jos. Mater. 



DER URSPRUNG DES AR6IRUS-MÄRCHENS. 

Ea ist wohl keine seltene Erscheinung, dass poetische Producte des 
einen Volkes zu einem anderen hinwandem, dort durch den Zusammen- 
stoss and die Berührung verwandter Bildungselemente die ursprüngliche 
Form verlieren, umgebildet, verschmolzen werden, oder, wenn keine ver- 
wandten Bildungselemente vorhanden sind, der entlehnte Stoff unverändert 
bis in die untersten Volksschichten dringt. Und bei Völkern, welche seit 
Jahrhunderten auf derselben Erdscholle zusammen wohnen, wie Ungarn 
und Rumänen, ist ein gegenseitiger Einfluss, ja ein direktes Entlehnen 
poetischer Producte, besonders der Volkspoesie, etwas fast Selbstverständli- 
ches. Wenn dann der Literarhistoriker daran geht, eigenes und fremdes 

* Boeheim, Chronik I. S. 153. 



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224 DER ÜB8PRÜNG DES ARGIRÜ8-MÄRCHBN8. 

Gut ZU unterscheiden, so stösst er oft auf Partien^ die er mit einem Frage- 
zeichen versehen muss, — die Literaturgeschichte hat eben auch ihre Pro- 
bleme. Ein solches Problem nun bildet auch die Geschichte des Argirus, 
welche heute ein gemeinsames Eigentum des rumänischen und ungarischen 
Volkes ist. Welches hat vom andern entlehnt ? 

In ungarischer Sprache erschien die Geschichte des tArgirus» von 
Albert Gergei am Anfange des XVIII. Jahrhunderts im Druck; in rumäni- 
scher Sprache dagegen erst am Anfange unseres Jahrhunderts von loan 
Barac, und zwar unstreitig nach Gergei bearbeitet. Nach diesen Thatsachen 
schien die Frage^ wie die Geschichte des «Argirus» bei den Rumänen popu- 
lär wurde, eigentlich von selbst gelöst: durch Barac's Bearbeitung des 
Gergei*schen Stoflfes. 

Ganz andere Schwierigkeiten dagegen bot die Frage, woher Gergei 
den Stofif genommen hat ? Er selbst gibt an, denselben einer italienischen 
Chronik entlehnt zu haben, wenigstens kann man seine Worte so verste- 
hen, denn er sagt in der dritten Strophe: «Wo die Burg des Argirus war, 
weiss ich nicht, in der Chronik aber lese ich, dass sie im Feenlande gelten 
seL» Welcher Art nun die Chroniken waren, die er las, gibt er in der 
ersten Strophe an, er wo sagt : «üeber das Feenland habe ich Vieles in den 
itaUenischen Chroniken gelesen, die ich ins Ungarische übersetzt habe.» 
Aus diesen Aeusserungen könnte man ohne Weiteres schliessen^ dass auch die 
Geschichte des «Argirus» aus einer italienischen Chronik stamme. Da man aber 
diese Chronik bis heute nicht finden konnte, so hegt man mit Becht Zweifel 
an der Richtigkeit der Aussagen Gergei's. Die Frage über die Quelle des 
Argirus in der ungarischen Literatur ist somit unentschieden, und ich 
glaube, sie wird so lange unentschieden bleiben, als man die Geschichte 
des «Argirus» nicht näher ins Auge fasst, wie dieselbe im Munde des rumä- 
nischen Volkes lebt ; aus einem Vergleiche zwischen dem rumänischen und 
ungarischen Stofife dürfte man eher die Quelle dieses Märchens entdecken, 
als durch das Suchen nach einer italienischen Chronik. — Wir wollen im 
folgenden diesen Versuch anstellen. 

Im Jahre 1856 erschien in Berlin ein Buch von Josef Haltrich: 
«Deutsche Volksmärchen aus dem Sacbsenlande in Siebenbürgen.» In der 
Einleitung äussert sich Haltrich auch über die rumänische Volkspoesie wie 
folgt: «Es ist doch merkwürdig, dass sich kein Rumäne gefunden hat, die 
epische Volkspoesie zu sammeln und die grossen geistigen Schätze, die in 
der rumänischen Volkspoesie verborgen sind, ans TagesUcht zu fördern und 
sie vom wissenschaftlichen Standpunkte zu erläutern. » Nun, gesammelt hat 
man sie wohl, aber sie vom wissenschaftlichen Standpunkte zu erläutern, 
das ist schwieriger, und zwar aus folgenden Gründen : Wer sich nur flüch- 
tig mit der epischen Voikspoesie der Rumänen befasst hat, der muss unbe- 
dingt Eines wahrgenommen haben: dass die epische Volkspoesie der 



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DER URSPRUNG DES ARGIRUS-MÄROHBNS. 225 

Bumänen, aIso die Märchen, Erzählungeiii Balladen, besonders aber die 
sogenannten «Colinde,» d. h. Weihnachtslieder, einen eigentümlichen, 
dunklen, mystischen Gharakterzng an sich tragen. Schon die Namen der 
einzelnen Helden klingen höchst merkwürdig, z. B. «Serean und Diorean», 
«Fata din Daphin» (das Mädchen aus Daphin), «ImperatulDaphin» (Kaiser 
Daphin), «Delia Damian», «Beana Sandiana» oder «Beana Gosandiana», 
•Argir» etc. Man wusste schlechterdings nicht, was man mit diesen exoti- 
schen Namen anfangen solle, woher sie stammen, was sie bedeuten ? Und 
vielleicht wäre man auch heute in Bezug auf Vieles im Unklaren, wenn 
nicht, so zu sagen, das Volk selbst den Gelehrten Aufschluss in diesem Punkt 
ertheilt hätte. Diese Märchen und Erzählungen haben nämlich die Eigen- 
tümlichkeit, dass sie ausserordentlich viele Varianten aufweisen, so dass 
z. B. unter den 190 Märchen, die Dr. Atanasie Marienescu gesammelt hat, 
kaum 80 selbstständig sind ; die übrigen sind alle Varianten der einen oder 
der anderen Erzählung. Diese Varianten liefern sozusagen den Schlüssel 
zum Qeheimniss, denn wo in der eigentlichen Erzählung vieles dunkel und 
unverständlich ist, darüber erteilen die Varianten oft vollständigen Auf- 
schluss. So wurde es mögUch, mittelst dieser Varianten das constitutive 
Element der rumänischen Volksmärchen festzustellen. Dieses Element ist 
die griechisch-römmhe Mythe. Nicht nur die Bumänen, auch Fremde haben 
dieses erkannt. Die Brüder Arthur und Albert Schott haben im Jahre 1845 
in Stuttgart ein Werk eben drucken lassen: a Walachische Volksmärchen.» 
In der Einleitung heisst es: «Die uralten Dichtungen eines Volkes, dessen 
Schicksal eng verknüpft ist mit dem Schicksal der Brüder in Italien, .... 
finden Widerhall in den Traditionen über die Götter des Altertums.» In 
diesem Punkt, kann man sagen, ist heute jede Discussion ausgeschlossen, 
nur über die Frage können die Meinungen auseinander gehen, welche 
Bolle des Helden in der Mythologie der Bolle des Helden im Märchen 
entspricht und umgekehrt, also nicht die mythischen Elemente erst con- 
statiren , sondern diese Elemente richtig anwenden, das ist die Aufgabe. 
Und auf diesem Gebiete hat sich, meines Wissens, Dr. Atanasie Marienescu 
vor Allen das meiste Verdienst erworben.* 

Unter den zahlreichen Märchen, die bis jetzt bei den Bumänen gesam- 
melt wurden, bildet die Geschichte des Argirus und der Helena den Glanz- 
punkt, was auch daraus zu ersehen ist, dass man von dieser Geschichte bis 
jetzt nicht weniger alz !21 Varianten kennt, die im Munde aller Bumänen 
leben : in Ungarn, Bukowina, Bumänien, Macedonien. In allen diesen Va- 
rianten heisst die Heldin Bena oder Jana, mit dem Beinamen Gosandiana 
oder Sandiana, der Held dagegen Argir oder Fet frumos oder Petrus. Wie 
eine und dieselbe Person unter verschiedenen Namen vorkommen kann und 

* Siehe die diesbezügliohen Publikationen in der AWina, 1870 — TL 
Ungarische Bem«, XL 1891. HL HofL ]5 



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22b DER UB8PBXJKO DER AROIRUS-MABCHENS. 

was dieselben bedeuten, werden wir später sehen. Vorerst ist es notwendig, 
den Inhalt dieses Märchens, wenn auch nur in allgemeinen Zügen kennen 
zu lernen, und zwar in der Gestalt, wie Gergei und Barac uns dasselbe 
überliefert haben, da wir von ihnen aus unsere weiteren Untersuchungen 
anstellen wollen. 

Argir ist der jüngste Sohn eines mächtige Königs, Namens Adeton. Im 
Feenlande steht sein Reich. Dieser König bekommt plötzlich in seinem Garten 
ein seltsames Wunder zu sehen : einen Apfelbaum, der am Tage blüht, in der 
Nacht schon goldene Früchte trägt, die aber mit dem Morgengraaen jedesmal 
spurlos verschwinden. Erbost, dass er die Aepfel nie zu Gesicht bekommen kann, 
lässt er eines Abends Wächter anstellen, um den Bäuber zu ertappen. Wie erstaunt 
er aber, als er am andern Morgen die Wächter alle schlafend findet. Zur Bede 
gestellt, antworten sie, dass gegen Morgen ein Wind gekommen sei, so sanft und 
berückend, dass sie alle todesähnlich eingeschlummert wären. — Nun lässt der 
König einen Hofwahrsager holen, der ihm das Geheimniss entdecken soll. Der 
Zauberer verkündet, dass nur des Königs 8ohn in diese Sache licht bringen könne, 
er solle unter dem Baume Wache halten. Dieses geschieht ; des Königs ältester 
Sohn steht Wächter, aber am Morgen findet man ibn ebenfalls schlafend. Dasselbe 
geschieht mit dem zweiten Sohn. Schon hat der König, ergrimmt, den Zauberer 
köpfen lassen, als Argir, der jüngste Sohn, sich die Erlaubniss erbittet, auch sein 
Glück zu versuchen. Mit Widerstreben geht der König auf seinen Wunsch ein und 
Argir begibt sich in den Garten. Er sieht den Baum grünen, Knospen treiben, 
sieht, wie die Aepfel schon spriessen, grösser und immer grösser, dann dunkel- 
rot werden — als plötzlich sechs Pfauen herbeifliegen, zuletzt ein siebenter, der 
sich zu Argir's Haupt niederlässt. Dieser streckt hastig die Hand nach ihm ans, 
erfasst ihn, während die anderen sechs davonfliegen. Plötzlich schüttelt der Pfau 
sein Gefieder, ahmt Menschenstimme nach — und vor dem erschreckten Argir 
steht ein wunderschönes Mädchen, dessen goldene Haare bis zu den Füssen herab- 
wallen. Das Mädchen erzählt nun, dass sie den Baum in den Garten gepflanzt 
habe, Argir zu Liebe, und dass sie aus ihrem fernen Lande gekommen sei, sich 
ihm zum Geschenke zu geben. Unter süssen Worten schlafen sie ein. 

Die Königin Mutter indess, vor Begierde brennend, das Besultat ihres 
Sohnes zu erfahren, schickt schon am frühen Morgen eine Dienerin in den Garten, 
um ihr Nachricht zu bringen. Als die Dienerin die goldenen Haare des schlafen- 
den Mädchens sieht, schneidet sie hastig ein Büschel ab und läuft damit athemlos 
zur Königin. Unterdessen erwacht die Fee und als sie ihr Haar verunziert sieht, 
bricht sie in Wehklagen aus ; umsonst sucht sie Argir zu besänftigen, sie kann die 
Schande nicht vergessen und ist fest entschlossen, ihn wieder zu verlassen. Da 
alle Torstellungen vergebUch sind, bittet Argir schUesslich, sie möge ihm ange- 
ben, wo ihre Burg hege, denn er will sie daselbst aufsuchen. Doch sie spricht: 

«Was auch nützt dir's, wenn ich*s sage? 
Da kein Mensch es anzufangen 
Wüsste, dorthin zu gelangen. 
Denn du wirst der Schwarzburg wegen, 



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DEi; URSPRUNG DEH ARGIRUS-MÄRGHENS. ^^7 

Die gen MiUernaoht gelegen, 
Magst da dich auch no'ob so plagen, 
Jedermann vergeblich fragen ; 
Sollst den Ort du auch ergründen, 
Eine Sprache dir ihn künden, 
Jeder wüsst' es dort, gelingen 
Kann dir's nicht, zu mir zu dringen.!* 

Und damit schwingt sie sich von der SteUe. Argir zieht nun in die Welt 
hinaus, seine Braut aufzusuchen. (Bei Gei-gei geben ihm seine Eltern einen Diener 
mit, bei Barac lassen sie ihm ein mutiges Pferd satteln ; so zieht er vom Haus.) 

lieber Berg und Tal wandernd, gelangt er nach vielen Drangsalen in eine 
Wildniss, wo ein Biese haust, ein einäugiges Menschen -Ungeheuer. Bei diesem 
erkundigt sich Argir nach der Schwarzburg. Der Biese erwidert, er habe nie davon 
gehört, doch solle er bis Morgen warten, es kämen zu ihm die Zwerge, einer unter 
ihnen müsse ihm sicherlich Auskunft; erteilen können. Bei Oergei erwartet der 
Riese nicht die Zwerge, sondern die Feen, und als diese keine Auskunft erteilen 
können, erscheint zuletzt ein hinkender Zwerg, der schon von Weitem ruft, er 
wisse, wo die Schwarzburg sei. Auf das GeheisQ des Biesen begleitet der Zwerg den 
Eönigssohn dahin ; an der Grenze des Feenlandes trennen sie sich. Argir und sein 
Diener nehmen zuerst Quartier bei einer alten Frau, um hier nähere Erkundi- 
gungen einzuziehen. Die AHe erzählt nun, dass in der Nähe ein ZauWrgarten 
liege, darin sich jeden Tag die Königin der Feen ergehe. Argir ahnt sogleich, dass 
er am Ziele sei. Schon ist er nahe daran, die Jungfrau wieder zu sehen, als durch 
den Verrat des Dieners und der Alten die beiden Liebenden für unbestimmte Zeit 
von einander wieder getrennt werden. Nachdem Argir den Diener und die Alte' 
wegen ihrer Treulosigkeit mit dem Tode bestraft hat, zieht er aufs Nene in die 
Welt hinaus. Obwohl er bereits Länder imd Meere hinter sich zurückgelassen hat,' 
scheint ihn diesmal das Glück verlassen zu haben. Schon will er verzweiflungs-* 
voll Hand an sich legen, als plötzhch furchtbares Gebrüll an sein Ohr dringt. 
Näher in die Bichtimg eilend, gewahrt er drei scheussliche Dämonen, die mit ein- 
ander in wutentbranntem Tone z^iken. Voll Mut tritt Argir zu ihnen und fragt 
sie nach der Ursache ihres Streites. 

f Wisse, dass wir Brüder sind. 
Die des Vaters Erbschaft teilen 
Und aus diesem Grund uns keilen f 
Gegenstände sind es drei, f 

i > Die vorhanden sind, und fcei 

Sollst du deine Meinung sagen. 
Wem dieselben zuzuschlagen ? ^ . . 
Eine Schleuder, ein Paar Schuh 
Macht das Erbe, und dazu 
Eine Peitsche derb und schUohj; ; 



* Aus dem Bumanischen des Barac von L. Vj Fischer. 



15* 



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^^ DEB UB8PBUNG DES ARGIBUS-MÄBCHENS. 

Wenn man dreimal knallt und spricht : 
ccHip, Hopf trag' mich rasch dahin, 
Wo ich weile jetzt im Sinn !• • 
Ist man mit Gedankenschnelle 
Fliegend schon an Ort and Stelle ! . . . 
Unserm mittlem Bruder doch 
Ward dabei die Qabe noch, 
Dass er den herunterziehen 
Kann, der fliegend will entfliehen, 
Was uns andere ärgern thut! — 
Fälle nun dein ürtheil gut f • 

Argir besinnt sich nicht lange und spricht : 

•Geht auf drei verschiedene Seiten, 
Wer zuerst zurück dann kehrt, 
Der sei auch des Erbes wert !i 

Jeder läuft ohne Weile davon. Und Argir nimmt sofort die Schleuder um, 
zieht die Schuhe an, knallt dreimal mit der Peitsche und spricht : 

cHip, hopl bei der Liebsten mein. 
Bei der Spröden möcht' ich sein !• 

Und mit Gedankenschnelle fliegt er davon. Als die geprellten Dämonen 
zurückkehren, führen sie aufs neue Streit, besonders der mittlere Dämon sieht 
sich arg bedrängt von seinen beiden Brüdern, da er eigentlich an dem Unglück 
Schuld sei. Nur dadurch entgeht er dem Tode, dass er verspricht, mittelst seiner 
Qabe den Bäuber aus dem Fluge herabzuziehen. Dies geschieht, und Argir fällt aus 
den Lüften auf ein Gebirge, dessen Spitze bis zum Himmel emporzusteigen 
scheint Er entschliesst sich, hinaufsuklettem. Unter grossen Beschwerlichkeiten 
erklimmt er die Höhe, und was er hier sieht, erfüllt ihn mit Staunen und Bewun- 
derung, — eine Burg, deren Zinnen weithin in die Feme winken, mit Mauem und 
prachtvollen Gärten umgeben. Es ist der Palast der Feenkönigin. Während er 
sich derselben nähert, kommt eine Fee des Weges gegangen. Wie sie den Jüng- 
ling erblickt, läuft sie zurück, um Argir bei der Königin anzumelden. Die Königin 
jedoch hält dies für eine Neckerei und gibt der Fee einen Streich auf die Wange ; 
einer zweiten und dritten Fee, die mit derselben Meldung eintreten, ergeht es 
nicht besser ; endlich erscheint Argir selbst, und jauchzend stürzen die Liebenden 
einander in die Arme. — Mit grossem Aufwand und Pomp wird nun Hochzeit 
gefeiert. Da, mitten in der Fröhlichkeit und Lustbarkeit, versetzt Argir seiner 
Braut drei Streiche auf die Wange. Beschämt fragt diese nach der Ursache und 
Argir erwidert: 

•Was musst' Allee ich ertragen. 

Was für Schrecken, was für Plagen, 

Dass ich könnt' zu dir gelangen. 

Da ich hieher eilte, sahen 

Mich drei holde Jungfraun nahen, 

Die dir froh die Botschaft brachten. 



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DBR tJBSPRtmO DBS AfiOlBUS-MÄBOHflKS. tl9 

Doch da sagteet mit Yeraohten, 
Soleher Lüge glaubst du nicht, 
Schlugst dabei sie ins Oesieht. — 
Um zu mahnen dich daran, 
Und dich aus dem Zauberbann 
Zu entreissen für das Leben, 
Musst' ich dir die Streiche geben.» 

Die Braut verzeiht ihm, und von nun an trübt kein Schatten mehr ihr 
Glück. 

Dies ist in Kurzem der Inhalt 

Ich glaube, in dieser Gestalt, wie uns Gergei und Barac die Geschichte 
überliefert haben, wird schwerlich Jemand irgend welche mythische Ele- 
mente erblicken können. Wie kam man trotzdem zu dieser Ueberzetigung? 
Das Volk selbst spriclit es aus. 

In den sechziger Jahren hat Atanasie Marienescn eine Sammlung rumä- 
nischer Yolksballaden veranstaltet, in welcher sich eine Ballade befindet, die 
auch in der Alhina 1868 gedruckt erschienen ist, unter dem Titel: t Sonne 
und Mondi oder t Jana Cosandiana». Es wird darin erzahlt, dass sich die 
Sonne einst in den Mond verliebt habe und ihn zu seinem Weibe machen 
wollte. Der Mond, «Jana Cosandiana» genannt, wollte durchaus nicht ein- 
willigen, da sie ja Geschwister und himmlische Körper wären. Die Sonne 
wollte seine Schwester mit Gewalt entführen, da stürzte sich der Mond in 
das Meer, die Sonne ihm nach, und seit dieser Zeit sinken Sonne und Mond 
in das Meer hinab, steigen aus demselben empor und jagen am Himmel 
einander nach. Also dieselbe Idee, die wir auch bei Ovid in seinem L Buche 
der Metamorphosen finden. Was aber die Ausführung anbelangt, gehört diese 
Ballade zu dem Schönsten, was rumänische Volkspoesie hervorgebracht hat. 
Als dieselbe publicirt wurde, musste es selbstverständlich sogleich auffallen, 
dass hier der Mond unter dem Namen «Jana» mit dem Beinamen «Cosan- 
diana» vorkommt, also unter denselben Namen, unter welchen man Argir's 
Braut in den Volksmärchen kennt. 

Es fragt sich nun, woher hat das Volk diese Benennung für 4en 
Mond ? — Wenn wir die Mythologie aufschlagen, so sehen wir, dass bei den 
Bömem der Mond thatsächlich auch «Dea Jana» oder blos «Jana» genannt 
wurde, auch war er die leibUche Schwester des Sonnengottes «Janus». 
Varro I. 37, sagt : «Nunquam rure audisti octavo Janam et crescentem et 
contra senescentem.»* Aus «Dea Jana» wurde später «Dijana» (Diana) als 
Name des Mondes. Durch die Berührung mit dem griechischen Cultus wurde 
später Diana nicht mehr als Mond-, sondern als Jagdgöttin gefeiert ; für den 

* 8. At. Marienesou : Esplicativm lal Argir si Ilina Cosamditma in der 
Albma, 1871. 



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-^ Dfift tJl»PIlÜK6 DfiS ABGmüS-MÄROHliNd. 

Mond hingegen wurde bei den Bömem allmälig der Name tLuna» gebräuch- 
lich, und im Rumänischen kommt der Mond nur unter diesem Namen vor. 
Der ältere Name dagegen (fJana») hat sich, wie wir aus der oben ange- 
führten Ballade sehen, als alte Tradition in der rumänischen Volkspoesie 
bis heute erhalten. 

Aber auch der Name « Diana ■ zur Bezeichnung des Mondes kommt 
im Bumänischen vor. Wir haben dafür einen eklatanten Beweis, unter den 
yahireibhen Varianten des Argirus finden sich einige/ in welchen Argir's 
Braut Ilona den Beinamen fSandianat führt. Dieses Wort ist entschieden 
aus tSänt und Diana zusammengesetzt;' «Sani» ist das lateinische «San- 
ctus», denn wir haben im Bumänischen : «San-Pfetru» (heiliger Petrus), «San- 
Giorgiu» (heiliger Georg), tSan-Mihaiut (heiliger Michael) u. s. w., und 
San-Diana (Sandiana) muss ohne Zweifel «heilige Diana» heissen. Nun sind 
San-Petru, Sän-Giorgiu, San-Mihaiu u. s. w. bestimmte, von der Kirche 
eingesetzte Feiertage, zum Andenken an diese Heiligen. Wie ist es mit Sän- 
Diana ? Dies ist ebenfalls ein Fieiertag, der auf den '24. Juni fällt. Aber 
wem zu Ehren ? Wir werden sehen. 

«Sandiana» nennt man im Bumänischen dine gelbe, wohlriechende 
Blume, welche besonders auf Waldwiesen wächst, deutsch : «da^s Labkraut» 
oder «Waldmeister» genannt. Am Vorabend des 24. Juni nun windet das 
Volk Kränze ans diesen Blumen, welche dann , in d^t Abenddämmerung, 
nachdem die Sonne schon untergegangen ist, auf das Hausdach hinauf- 
geworfen werden. Am nächsten Morgen, bevor noch die Sonne aufgeht, 
werden die Kränze einer genauen Besichtigung unterzogen, wobei das Volk 
allerlei Betrachtungen für das betreffende Jahr anstellt Die Jugend dagegen 
schmückt sich mit diesen Blumen, ja selbst das Zugvieh wird damit bekränzt 
Der Name «San diana» nun, dann der Umstand, dass die Kränze nach 
Sonnenuntergang auf das Dach hinaufgeworfen und vor Sonnenaufgang 
besichtigt werden, beweisen deutlich, dass diese Blumen einstens der Diana 
als Mondgöttin geweiht waren, und dass wir es hier mit Beminiscenzen des 
alten heidnischen Gultus zu thun haben, — Die christliche Kirche hat dann 
auf diesen Tag die Geburt Joh^nnis des Täufers gesetzt Dass dies nur will- 
kürlich geschehen ist, leuchtet ein : es ist eben der übliche Vorgang, den 
die Kirche in den ersten Jahrhunderten stets befolgt hat, wenn es sich darum 
handelte, den heidnischen Gultus zu verdränged. So ist fast alles, was wir beim 
Volke mit dem Namen «Aberglaube» bezeichnen, bekanntlich nichts anderes, 
als Beminiscenzen des alten heidnischen Gultus. Wit haben demnach nicht nur 
in der Volkspoesie, sondern auch in den Sitten und Gebräuchen des rumä- 
. nischen Volkes Beweise dafür, dass unter «Jana» und «Sandiana» der Mond 
zu verstehen sei. 

Nun kommt Argir's Braut in den Varianten auch unter dem Namen 
«Ilena Gosändiana» vor. Il^na ist hier identisch mit der Helena aus der 



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T>mt, ÜRSPlttlKG DfiS ARGIBU8-MÄR0HBK8. ^1 

Mythologie, welche ebenfalls als Mondgöttin gefeiert wurde ; sie hatte a,uf 
dem Berge Therapne einen Opferaltar. (Ovid, Meth. XII.) Durch die Berüh- 
mng mit dem römischen Gultus geschah dann eine gewisse Amalgamisi- 
mng : beide Namen blieben aufrecht zur Bezeichnung des einen Begriffes, 
des Mondes, nämlich Il^na d. h. Helena, und Jana oder Sandiana, und 
fanden ihre Weitererhaltung in der Poesie, in den Sitten und Gebräuchen 
des rumänischen Volkes. Bezüglich des Namens «Gosandiana» ist man bis 
heute zu keiner endgiltigen Deutung gelangt. In der letzten Silbe jedoch ist 
Diana deutlich zu erkennen. Wie dem auch sein mag, aus dem bisher Ge- 
sagten ist ohne Zweifel zu ersehen, dass unter «Jana Gosanidianai oder 
•Ilena Sandianat der Mond zu verstehen sei. Nun ist es leicht zu erraten, 
wer Argirus sein soll. 

Zuerst gelangen wir auf Grund jener Ballade zu dem Schlüsse, dass 
Argirus die Sonne sein müsse. Aber auch der Name sagt dieses. Der Sonnen- 
gott Apollo hatte auch den Beinamen «Argirotoxos», also Träger eines gol- 
denen Bogens, und wie uns Hesiod versichert, stammt diese Benennung 
von den leuchtenden Strahlen der Sonne, die Pfeilen verglichen wurden. 
Nun nehme man einmal die Varianten zur Hand und man wird sehen, dass 
Argirus stets mit Bogen und Köcher bewaffnet erscheint, so als er in dem 
Garten Wache hält, so als er auszieht, seine Braut aufzufinden. Gewiss ist diese 
etymologische Deduction nicht hinreichend genug, um uns diesbezüglich 
volle Ueberzeugung zu gewähren. Und da nehmen wir wieder zu den Va- 
rianten unsere Zuflucht. Wie bereits erwähnt, zieht Argirus bei Barac zu 
Pferd in die Welt hinaus. In anderen Varianten wird nun dieses Pferd näher 
beschrieben. So wählt sich Argirus für seine Wanderung ein Pferd aus, wel- 
ches mit Feuer gefüttert wird. Dies erinnert an die vier Pferde des Apollo, 
von denen das eine Pyrois (Feuerpferd), das zweite Aethon (der Leuchtende), 
das dritte Eos (der Dämmernde), das vierte Phlegon (d^r Sprühende) genannt 
wird. Also alle sind mit dem Feuer in Verbindung gebracht, weil eben die 
Sonne, nach der Anschauung der Alten, auf einem Feuerwagen mit vier 
Feuerpferden dahinfährt. Daher lässt auch Argirus sein Pferd mit Feuer 
füttern. In einer anderen Variante heisst es, dass dieses Pferd von sieben 
Jungfrauen gepflegt wird. Dies erinnert an die sieben Hören, welche nach 
der Mythe die Pferde Apollo 's ein- und ausspannten. In einer anderen heisst 
es, dass der Palast der Helena auf einer Insel im Meere gelegen sei, von 
wo sie auf einem zweispännigen Wagen ausfuhr. Dies erinnert an die An- 
schauung der Alten, womach alle Gestirne in das Meer hinabsinken und 
aus dem Meer emporsteigen, hier aber speziell an die obenerwähnte Ballade. 
Der zweispännige Wagen dagegen erinnert an die Anschauung der Bömer, 
dass nämlich der Mond auf einem zweispännigen Wagen fahre. tLunae biga 
datur semper, solique quadriga.» Nach einer anderen Variante trifft Argirus 
auf seiner Wanderung einen Greis an, der über einen Schwann Bienen 



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^32 D£^ ÜBSPBÜKG Dfi8 A^GIBUB-BCÄBCHEKS. 

gebietet. Diese Bienen schickt der Greis aus, um die Burg der Helena aufzu- 
finden. Nur eine unter ihnen, die als die letste zurückgekehrt ist, hat die 
Burg aufgefunden. Hier ist der Greis, nach der Anschauung der Alten, die 
Personification der Nacht; die Bienen, über die er gebietet, sind die Sterne.* 
Die Biene, die als die letzte zurückkehrt, ist der Morgenstern, denn während 
die anderen Sterne beim ersten Sonnenstrahl sich in das Meer stürzen, hat 
der Morgenstern allein den Mut, der Sonne ins Angesicht zu sehen, er weiss 
folglich am besten, wohin sich der Mond versteckt hai (Ovid. Met. ü. erkl. von 
B. Suchier). Wir sehen also, dass diese Varianten sich durchaus nicht auf 
Aeusserlichkeiten, sondern auf sehr wesentliche Momente beziehen. Sie allein 
geben uns vollständigen Aufschluss über den Ursprung und die Bedeutung 
unserer Erzählung, sie allein bestätigen auch unsere Behauptung, dass unter 
Argirus die Sonne zu verstehen sei. 

Nun kommt in einigen Varianten statt Argirus der Name Petrus vor. 
Es ist schwer, die Ursache anzugeben. Indess eine Andeutung zur Lösung 
dieser Frage finden wir in einem rumänischen Weihnachtsliede, betitelt : 
«Der Reiche und der Arme».** Dieses Lied ist in Allem identisch mit der 
Mythe von Philemon und Baucis. Zeus pflegte sich nämlich unter allerlei 
Gestalten zu verbergen, um die Menschen besser belauschen zu können. So 
suchte er einst in Gesellschaft seines Sohnes Hermes eine Gegend Phry- 
giens auf. Beide hatten sich als Pilger verkleidet, die eines Obdachs bedurf- 
ten. Ueberall fanden sie die Türen der Reichen verschlossen; nur ein 
frommes Ehepaar, Philemon und Baucis, gewährte den Unbekannten 
herzUche GastfreundHchaft, trotz der eigenen Armut, die es drückte. Die 
beiden Gatten wurden demzufolge, als die Götter von ihnen Abschied 
nahmen, für den Beweis ihrer Nächstenliebe in einen glückUcheren Zustand 
versetzt, die reichen Nachbarn dagegen, welche den Zorn der Himmlischen 
gegen sich heraufbeschworen hatten, büssten unter einer sofort über sie 
hereinbrechenden Wasserfluth. Ganz dieselbe Geschichte wird nun in dem 
erwähnten Weihnachtsliede von dem Reichen und dem Armen wieder- 
gegeben. Die Namen aber sind unter dem Einflüsse des Christentums durch 
andere ersetzt. Statt Zeus figurirt Christus, statt Hermes — Petrus. Warum 
gerade Petrus ? Wahrscheinlich, weil Petrus unter den Aposteln als der 
unzertrennlichste und intimste Freund an der Seite Christi erscheint ; er 
hat sich sozusagen zu einer zweiten Person nach Christus emporgeschwun- 
gen, zum Apollo neben Zeus. 

Dass diese Deduction nicht allzu gewagt ist, beweist folgender Um- 
stand. In einer Variante aus der Bukovina heisst es, dass Petrus im Meere 

* S. Nork, Mytholoffie aus den VoUmnärchen,— Friedreich, SifmhoHk imd Mytho- 
logie der Natur. 

** S. ColindSi Nr. 23, von At. Marieneson. 



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DER ÜRÖPittmO DB8 AftÖIRÜa-MARCHBNS. ^33 

von einem Fische geboren wurde. Wir treffen hier deutlich wieder auf jene 
Anschauung, wonach die Sonne und alle Gestirne aus dem Meere ent- 
stehen. Ovid, Met. V. sagt: «Venus sub pisce latuit», Venus war in Gestalt 
des Fisches verborgen, d. h. Venus wurde aus dem Elemente des Baches, 
aus dem Wasser geboren. Petrus ist demnach identisch mit Apollo, mit der 
Sonne, mit Argirus, ist eine lAchtgoUheit, die nach der Mythe alle aus dem 
Meere geboren werden. 

Endlich treffen wir in den meisten Varianten statt Argirus den Namen 
«Fet frumos» an. «Fet» ist das lateinische «Fetus» (das Erzeugte), im Ru- 
mänischen speziell auf das Kind bezogen, «frumos» heisst «schön», dem- 
nach «Fet frumos» das schöne Kind. Dieser «Fet frumos» i^t die wichtigste 
und interessanteste Gestalt in der rumänischen Volkspoesie. Mit äbematür- 
lichen Kräften geboren, besiegt er Biesen, Drachen und andere Ungeheuer, 
und befreit die Mensohhdt von ihnen. Die gefährlichsten und hidsbreche«- 
rischsten Aufgaben, die man ihm stellt, weiss er geschickt zu lösen. Und 
wenn wir seine Thaten näher ins Auge fassen, so werden wir nicht eine 
einzige finden, die nicht ihren Ursprung in der griechisch-römischen Mythe 
hätte. Als Beweis mögen hier einige der auffallendsten angeführt werden. 
So wird dem «Fet frumos» einmal die Aufgabe gestellt, er solle Wasser 
bringen von dort, wo zwei gewaltige Felsen auf- und zuklappen. «Fet fru- 
mos» begibt sich zuerst zur heiligen Venus — «santa Vinere», um sich 
Bat zu holen. Die «santa Vinere» belehrt ihn, zuerst einen Vogel durch- 
fliegen zu lassen. «Fet frumos» befolgt ihren Bat, und während die Felsen 
nach dem Zusammenklappen beim Durchfliegen des Vogels wieder aus- 
einandergehen, schöpft «Fet frumos» Wasser und schwingt sich auf sein 
geflügeltes Boss. Die Klippen rennen sogleich gegen einander, doch konnten 
sie nur noch die Hinterfnsse des Pferdes erreichen. — Wer erinnert sich 
hier nicht an die Argonauten und die Symplegaden? Auch die Argonauten 
lassen zuerst eine Taube durchfliegen, auch ihnen wird der Hinterteil des 
Schiffes zertrümmert. 

Auch die Art und Weise, wie «Fet frumos» zu dem geflügelten Pferde 
gelangt, ist echt mythisch. «Fet frumos» soll einst von einem Einsiedler 
einen Halfter als Geschenk bekommen haben. Wenn er den Halfter einmal 
schüttelte, erschien sofort ein geflügeltes Boss, das sich ihm zu Diensten 
stellte. — Dies erinnert an den Halfter, den Athene dem Korinthischen 
Sonnenhelden Bellerophon schenkte; das geflügelte Boss aber an den 
Pegasus, der nur von Bellerophon gebändigt werden konnte, auf dem dieser 
dann gegen Ungeheuer kämpfte, die er gewöhnlich aus den Lüften mit einem 
Bogenschuss eilegte. Pegasus, der nach dem Schwertstreiche des Perseus 
aus dem Haupte der Medusa entsprungen war, erhielt später bekanntlich 
seine besondere Bedeutung als Musenross. 

Ein andermal soll sich «Fet frumos» am Hofe eines Königs gerühmt 



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i^ f>fim ÜftÖPRtmo DfiS ABGIRÜS-MABOHEKS. 

haben^ er sei im Stande; die goldenen Haare der «S6na CJösändiaüat m 
rauben. Der König nimn(it ihn beim Wort, und iFet frumos» geht an die 
Aasführung, die sehr gefährlich war, denn bis zur «Ilena Goaandiana» musste 
man das Grebiet eines neunköpfigen Ungeheuers passiren. Doch «Fet ftumos» 
nimmt Pfeil und Bogen, schüttelt seinen Halfter, das Pferd erscheint, er 
schwingt sich auf dasselbe und während das Ungeheuer mit furchtbarem 
Gebrüll auf sie losstürzt, schwingt sich das Pferd in die Lüfte und tFet 
frumos» sendet dem Ungeheuer einen Pfeil durch's Herz. HieY haben wir 
einen Teil der Geschichte des Perseus, Dieser hat sich vor dem König Poly- 
dektes ebenfalls gerühmt, er sei im Stande, das Haupt der Medusa zu holen. 
Der König nimmt ihn beim Wort und Perseus muss sein Versprechen erfüllen. 
Der andere Teil ist wiederum mit der Geschichte des Bellerophon verwebt. 

Wie diese Yerwebung möglich wurde und warum in den rumänischen 
Volksmärchen fast ein und dersiBlbe Held die Thaten verrichtet, die in der 
Mythe von verschiedenen Personen ausgeführt erscheinen, ist leicht erklärlich. 
Die meisten mythischen Namen verdunkelten sich nämlich im Verlaufe der 
Jahrhunderte, auch wurden sie direct durch christhche Namen verdrängt, bis 
sie sich in nebelhafter Feme verloren. Die Fabeln und Märchen jedoch blieben 
in der Erinnerung des Volkes und diejenigen, welche eine gewisse Aehn- 
lichkeit mit einander hatten, wurden nun Einer Person zugeschrieben, die 
mittelst Abstraction vom Volke gebildet wurde: diese Person ist tFet frumos», 
der als das Ideal eines Jünghnges, wie «U^na Ciosandiana» als das Ideal einer 
Jungfrau beim rumänischen Volke erscheint. Nun können wir uns auch leicht 
erklären, woher die zahlreichen Varianten stammen. Jene mythischen Ele- 
mente, ihr Sinn und Zusammenhang, ihre ursprüngUche Bedeutung ent- 
schwand dem Volke nach und nach, die Fabeln und Sagen aber, das Material, 
vererbte sich von Generation zu Generation und lieferte Stoff zu den mannig- 
faltigsten Gombinationen. Solche Combinationen finden sich schon im Alter- 
tum und nicht nur von der Volksphantasie, sondern auch von einzelnen 
Dichtern ausgeführt. Was sind Ovid's Methamorphosen anders, als eine 
Sammlung von Fabeln und Sagen aus der griechisch-römischen Mythologie, 
die sich auf die Verwandlungen von Menschen in Tiere, Bäume, Steine, 
Wasser, Feuer u. s. w. beziehen, und die Ovid dichterisch zu einem Ganssen 
zu gestalten suchte ? AUe diese Fabeln und Sagen lebten auch im Munde des 
Volkes, bildeten einen Teil seines Glaubens und hatten ihren Grund in der 
frühesten Beobachtung der Verwandlungen und Veränderungen in der Natur. 

Und so werden wir sehen, dass auch die Geschichte deo. Argirus aus 
mythischen Elementen zusammengesetzt ist, die ursprüngUch gar nicht zu 
einander gehörten, und die nur die Volksphantasie zu einem Ganzen auf- 
gebaut hat. Ich meine die goldenen Aepfel und die sieben Pfauen, und die 
Motive mit den Flügelschuhen, der Peitsche und dem Mantel. Woher stam- 
men sie ? Hören wir, was uns die Mythologie erzählt. Zuerst über die gol- 



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•deDen Aepfel. Als Zeus und Hera Hochzeit feierten, brachten alle Götter ihre 
Geschenke dar. Gaia, die Mutter der Erde, Hess den goldenen Baum wachseh, 
der am Ende der Welt neben Okeanos steht und von den sieben Hesperiden 
bewacht wird. Bezüglich der anderen drei Motive erzählt uns die Mythologie : 
•Als Perseus in seinem schwärmerischen Ehrgeiz jenes Versprechen abgab, 
das Haupt der Medusa zu holen, hatte er sich unbewusst in eine Gefahr 
gestürzt, die so furchtbar war, dass er sie ohne götthche Mitwirkung nicht 
zu überwinden vermfocht hätte. Die allen Helden geneigte Athene geleitete 
ihn daher zu einem Nymphengeschlechte, das von Zeus mit der Themis 
erzeugt war. Von diesen Nymphen erhielt Perseus die nötigen Gegenstande, 
die er zur Besiegung der Medusa brauchte, nämlich ein Paar Flügelschuhe, 
•einen unsichtbar machenden Helm oder eine Nebelkappe und einen Schnapp- 
sack. Ich glailbe, hiemit haben wir die Quelle aller jener Elemente, aus 
denen unsere Geschichte zusammengesetzt ist, festgestellt : Mythisch ist die 
Geschichte an sich selbst, und ihren eigentlichen Kern haben wir in jener 
bereits erwähnten Ballade kennen gelernt; mythisch sind die Namen Argi- 
rus, d. h. Sonne und Helena, d. h. Mond, mythisch sind die goldenen Aepfel 
und mythisch sind die letzterwähnten drei Motive. Nachdem wir so die Basis, 
auf welcher eigentlich unsere Geschichte ruht, festgestellt haben, wollen wir 
nunmehr an . die Beantwortung der Frage gehen, woher Gergei diese Ge- 
schichte entlehnt hat. 

Untersuchen wir zunächst folgende Frage: hat sich diese Geschichte 
unter dem rumänischen Volke durch Barac's Bearbeitung des Öergei'schen 
Stoffes verbreitet, oder nicht ? Ist es einmal constatirt, dass nicht Barac sie 
unter die Rumänen gebracht hat, nun, so hat es auch Gergei nicht gethan, 
denn Gergei's und Barac's Dichtung ist eins. 

Nehmen wir an, Barac's üebersetzung hätte den denkbar grössten 
Erfolg unter den Rumänen in Ungarn gehabt. Aber da fragen wir uns, wie 
ist diese Erzählung zu den Bukovinem, zu den Rumänen in der Moldau und 
Walachei, zu den Macedo-Rumänen gedrungen? Sollte E|arac's Dichtung 
dies Wunder bewirkt haben? Femer, da die rumänischen Volksmärchen 
erwiesenermassen als mythische Erinnerungen von Generation zu Generation 
sich fortgeerbt haben, sollte allein die Geschichte des Argirus mit ihrem 
mythischen Inhalt aus einer nicht auffindbaren italienischen Chronik durch 
Vermittlung einer ungarischen Eunstdichtung unter die Rumänen gedrungen 
sein und sich daselbst den ersten Platz errungen, ja eine Menge Varianten 
hervorgebracht haben? Warum hat das ungarische Volk keine Varianten 
hervorgebracht? Und wie ist es zu erklären, dass auch diese Varianten lauter 
mythische Elemente in sich fassen ? Vor Allem, wie ist es zu erklären, dass 
man in dieser Oeschichte, welche die Rumänen nur am dem Anfange unseres 
Jahrhunderts haben sollen, jene uralten Namen für den Mond : «Sandiana» 
und cJana» wiederfindet? Sollte dies ein Zufall sein? 



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Wir Beben, auf diesem Weg stossen wir auf lauter Unmöglichkeiten. 
Aber nocb viele andere Fragen, die bier aufgeworfen werden müssen, lassen 
sieb bei dieser Annahme soblecbterdings nicht erklaren« So wird bei Barac 
Argir*8 Braut stets Helena genannt; Oergei dagegen erwähnt mit keiner 
Silbe, wie sie beisst, er nennt sie blos «tünd^r le&ny» (tFeenmädebeni). 
Nun ist es sehr wichtig, dass auch bei ungarischen Schriftstellern Argims mit 
Helena in Verbindung gebracht wird. So finden wir in «DMalus templomat 
(DaBdalus* Tempel) von Gyöngyössi folgende Stelle : «Auch Argirus erging es 
so mit der Fee Helene, t^ Es fragt sich nun, woher weiss Gyöngyössi, dass 
Argirus mit der Helena in Verbindung zu bringen sei? Von Gergei? Schwer- 
lich I Denn Gergei's Argirus ist 1763 erschienen ; einer älteren Ausgabe aus 
1749 wird blos Erwähnung gethan. «D^dalus temploma» aber erschien 1727. 
Allerdings spricht Otroköcsy schon im Jahre 1693 von Gergei's Argirus, aber 
der Helena wird nirgends Erwähnung gethan. Demnach müssen wir Gyön- 
gyössi's Quelle anderwärts suchen. Vorläufig führen wir noch eine andere 
Stelle aus der ungarischen Literatur an, bevor wir irgend einen Scbluss 
ziehen. In einem Gedichte von Abraham Barcsay heisst es : 

Megbocsdss, }6 n^näm, ^n ki Däciäban 
Születtem, Ilona tündSr orszdgdban — 
Ämbiir sz6p olähnäk hordoztak pölyAban ** 

Auf Grund dieser Stellen fragen wir uns nun, ist es möglich, dass 
Jemand das Land Siebenbürgen «Helene's Feenlandt nenne auf Grund des 
Gergei'scheu Gedichtes, in welchem mit keiner Silbe weder das Wort Sieben- 
bürgen noch Helene vorkommt, aber auch sonst kein anderes Wort existirt, 
aus welchem man diesen Scbluss ziehen könnte ? — Ist es möglich, dass 
Jemand Argir's Braut Helene nenne auf Grund des Gergei'schen Gedichtes, 
in welchem dieser Name gar nicht vorkommt? Nein, Gergei's Dichtung gibt 
weder in der einen noch in der anderen Beziehung Veranlassung dazu. Wo 
ist also die Quelle zu suchen ? Etwa unter dem ungarischen Volke, welches 
nur die Gergei'scbe Dichtung kennt, oder unter dem rumänischen Volke, 
wo die Geschichte des Argirus und der Helena in massenhaften Varianten 
lebt, wo jede schöne weibliche Person in seinen Märchen den Namen Helena 
führt und wo diese Helena zu einem nationalen Typus geworden ist ? Ich 
glaube, Barcsay spricht deutlich genug : Rumänische Frauen, die ihn als 
Kind auf ihren Armen getragen, haben ihm diese und ähnliche Geschichten 
von der schönen Uena erzählt, und wie er, werden hunderte und tausende 
Ungarn gewesen sein, die auf diesem Wege oder durch täglichen Umgang 



"^ Siehe Gustav Heiniich, Argirus in Budapesti Szemle pro Angnst 1890. 
** D. h. Verzeih' giite Tante, ich, der ich in Dacien, im Feenlande der lidme^ 
geboren bin — obwohl mich schöne Rumäninnen in den Windehi getragen. .... 



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DER UBSPBÜNO DES ABOIBT78-MÄBOHEM6. ^^7 

mit Bumänen solche Feengeschichten gehört haben. Nun finden wir es begreife 
lieh, wenn Otroköcsy sagt : tN41unk Tünderorsz^ alatt rendesen Erdtiyt 
ertik».* Aber wir finden jetzt auch begreiflich, warum Barac in seiner Dich- 
tung das ergänzt, was (rergei unterlassen hat : als Barac nämUch den unga- 
rischen Text las, erinnerte er sich sogleich, wie diese Geschichte im Munde 
des rumänischen Volkes lebt, und sd setzte er den Namen Helena ein. Dass 
er sich trotzdem fest an Gergei klammert, hat seinen guten Grund. Barac 
wollte diese Geschichte, die im Volke in Prosagestalt lebt, in Verse und 
Beime umsetzen, und so nahm er sich Gergei's Dichtung zum Muster, denn 
Barac spielt als Dichter eine ziemlich untergeordnete Bolle. 

Indess weichen sie auch wesentlich von einander ab. Und gerade in 
jenen Punkten, in denen sie von einander abweichen, erkennen wir ihre 
gemeinsame Quelle. Eine kurze Analyse des Gedichtes wird das Gesagte 



Gergei erzählt, dass der Biese den Argirus aufigefordert hätte, bis 
Morgen zu bleiben, es kämen die Feen, die müssten über die Schwarzbuig 
Auskunft erteilen können. Die Feen kommen — aber keine kann Bescheid 
geben. Da sei ein hinkender Zwerg gekommen, der habe Argirus nach der 
Schwarzburg hingeleitei Nun fragen wir uns, ist es möglich, dass die Feen 
den Aufenthalt ihrer Königin nicht wissen sollten, denn Gergei nennt Argir's 
Braut ausdrücklich die t Königin der Feen» ?! Und dann, wie kommt der 
Zwerg in die Geschichte hinein, denn wenn der Biese die Absicht gehabt 
hätte» auch die Zwerge zu sich zu citiren, so hätte er sie alle dtirt, nicht 
nur den einen, und noch dazu den hinkenden, von dem am allerwenigsten 
etwas SU erwarten war?! Wenn wir die rumänischen Varianten zur Hand 
nehmen, so erklärt sich die Bache. In einigen derselben erscheinen nämlich 
nur die Feen, und diese erteilen auch Auskunft, weil eben von ihrer Königin 
die Bede ist. In anderen erscheinen nur die Zwerge, und der letzte, der hin- 
kend herankommt, weiss Bescheid. Gergei hat nun beide Varianten gekannt 
und hat von beiden etwas genommen, ohne den Widerspruch zu bemerken. 
Barac ist vorsichtiger in diesem Punkt, bei ihm erscheinein nur die Zwerge, 
und ohne Zweifel hat er sie aus einer Variante entnommen, denn sonst 
sehen wir wahrlich keinen Grund, warum er gerade in diesem Punkt hätte 
von Gergei abweichen sollen. Ferner spricht Barac von sieben Pfauen, Gergei 
dagegen von sieben Schwänen; bei Barac ist der Aufenthalt Argir*s beim 
Biesen mit einigen Episoden verbunden, Gergei übergeht diese gänzlich. 
Auch hier sehen wir keinen Grund, warum Barac von Gergei hätte abweichen 
sollen, wenn nicht die Varianten ihn dazu getrieben hätten, denn in den* 
selben wird thatsächlich bald von Pfauen, bald von Schwänen, bald von 



* Siehe G. Heinrich, a. a. 0. (cBei uns versteht man unter dem Feenhmde in 
der Begel Siebenbürgen. •) 



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2^ DER URSPRUNG DES AROIRUS-MÄRCHBNS. 

Tauben und bald — von Sternen gesprochen, ein Beweis mehr, dass diese 
Geschichte unter den Bumänen vor Barac existirt hat, und diese Existenz 
kann es doch unmöglich dem Gergei verdanken, da (}ergei erst dureh Barac. 
in's Bumänische äbersetzt wurde. 

Dagegen ist dem Barac an einer anderen Stelle ein Lapsus widerfahren. 
Er erzählt nämlich, dass Argirus zu Pferd ausgezogen sei, ohne irgend eine 
Begleitung. Im Verlaufe der Erzählung scheint er dies vergessen zu haben, 
denn wir hören nichts mehr von dem Pferde. Diese Stelle ist lehrreich, denn 
sie zeigt uns zugleich, wie unsere Geschichte aus verschiedenen Elementen 
zusammengesetzt ist. Wir haben nämlich Varianten, wo Argirus zu Pferde 
auszieht. In diesen aber fehlt consequent die Greschichte mit den drei Wun- 
derdingen. Selbstverständlich^ denn in diesem Falle sind sie unbrauchbar; 
das Pferd hat Flügel, wird mit Feuer gefüttert, ist ühernatürUch und weiss 
somit wo die Schwarzburg liegt, nur ist der Weg dahin mit Gefahren ver- 
bunden, und diese Gefahren besiegt AVgirus eben mit seinem Wunderpferde. 
In anderen Varianten, wie bei Gergei, fehlt das Pferd, aber da treten die drei 
Wunderdinge in die Composition ein, denn anders könnte Argir zu seiner 
Braut nicht gelangen. Sowohl das Wunderpferd als auch die drei Wunder- 
dinge gehören, wie wir gesehen haben, verschiedenen Mythenkreisen an. Das 
Volk aber, das sich an den ursprünglichen Sinn und Zusammenhang dieser 
Sagen nicht mehr erinnern konnte, hat nun diese Elemente in geschickter 
Weise zu den verschiedenartigsten Varianten verwendet Es ist vielleicht 
nicht uninteressant, hier über die Entstehungsweise solcher Varianten etwas 
anzuführen. Der Ort, wo solche Varianten entstehen, ist gewöhnlich die 
Spinnstube. In jeder Gemeinde existiren während des Winters mehrere der- 
selben. Spinnen und Märchen erzählen bilden daselbst zwei fast unzertrenn- 
liche Begriffe. Das Märchenerzählen geht folgendermassen vor sich : Jemand 
beginnt mit einem Märchen. Nach einer kurzen Weile wird der Name irgend 
einer der anwesenden Personen aufgerufen oder man wirft ihr irgend ein 
Zeichen zu. Diese muss sogleich in der Erzählung fortfahren. Wenn sie 
glaubt, genug erzählt zu haben, wirft sie das Zeichen einer dritten Person zu 
u. s. w. Auf diese Weise dauert ein einziges Märchen oft stundenlang. Dasa 
dabei die verschiedenartigsten Stoffe unter einander gemengt werden, ist 
selbstverständlich. Ja, man betrachtet es als ein Zeichen des Scharfsinnes 
und der Geistesgegenwart, wenn die aufgeforderte Person an die begonnene 
Erzählung sogleich irgend einen verwandten Stoff anknüpfen kann. Es lässt 
sich somit leicht erklären, woher die zahlreichen Varianten stammen. Aber 
wir haben hier zugleich einen Fingerzeig, wie rumänische Märchen auch 
unter die anderen mitwohnenden Nationen dringen konnten. In Gemeinden 
von gemischter Bevölkerung nämlich hat die Spinnstube oft einen inter- 
nationalen Charakter, der Ungar besucht sie ebenso wie der Sachse. Wir 
brauchen uns demnach nicht mehr zu wundem, wenn in der Samnüung 



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DBB ÜB8PBUNO DBS AlCGIBUß-lCABCHENS. ^^^ 

sächsischer Volksmärchen von Halbrioh nicht weniger als fünfzehn Stücke 
für rumänisch erkannt wurden.* 

Sowohl Gergei als auch Barac haben mehrere Varianten des « Argirus» 
gekannt, aber sie schlecht angewendet, wie wir gesehen haben, denn sonst 
hätten sie solche Compositionsfehler nicht begehen können, und dass beson- 
ders Barac mehrere derselben gut gekannt hat, beweist folgender Umstand. 
Barac's Dichtung ist um Vieles länger und breiter als die Gergei's. Dieses 
Plus fallt entschieden auf die Ausschmückung in der Erzählung. Und diese 
ist sehr schön : einfach, leichtdahinfliessend, hie und da schalkhaft — eine 
echte volkstümliche Darstellung. Manche Partien finden sich wörtlich in 
den Varianten wieder. Nun lese man von demselben Dichter beispielsweise 
iDie Zerstörung Jerusalem *si in neun Gesängen. Man glaubt einen Menschen 
vor sich zu sehen, der in einen lehmigen Boden gesunken ist und nun aus 
demselben sich herauszuarbeiten sucht, — so schwerfä,llig und unbeholfen 
ist er an manchen Stellen. Natürlich, hier konnte er nicht aus dem Volks- 
munde hören, wie man erzählen und beschreiben soll. 

Auch die drei Wunderdinge sind in unserer Erzählung von der Volks- 
phantasie der Grundidee entsprechend umgeändert worden. In der Mythe 
hat jedes Ding seinen besonderen Zweck, ebenso in den einzelnen Varianten. 
Die Kappe macht unsichtbar, die Schuhe verleihen Flugkraft, die Peitsche 
oder Schleuder verwandelt nach Wunsch jeden Gegenstand sogleich in Stein. 
In unserer Erzählung haben alle drei Gegenstände eine und dieselbe Kraß : 
die Weiterbeförderung im Fluge an den gewünschten Ort. Und dies ent- 
spricht vollkommen der -Grundidee in der Erzählung : Argirus wünscht sich 
nichts anders, als die Burg seiner Braut aufzufinden. Diese drei Motive 
bekommen in den Varianten nur dann ihre specielle Kraft, wenn Argunis mit 
Ungeheuern su kämpfen hat 

Und eben auch dieser Umstand, dass diese verschiedenartigsten Va- 
rianten unter den Bumänen vor Barac existirten, lassen keinen Zweifel dar- 
über, dass Gergei den Stoff zu dieser Geschichte aus dem Bumänischen ent- 
lehnt hat. Diese Behauptung haben wir bisher blos auf Deductionen basirt. 
Nun finden sich auch im ungarischen Texte einige Ausdrücke, die entschieden 
zu dieser Annahme hindrängen. Dort, wo Gergei von den drei Wunderdingen 
spricht, gebraucht er zur Bezeichnung der Flugelschuhe den Ausdruck 
«bocskort. Da nun das ungarische Volk den «bocskort nicht trägt, so muss 
Gergei in der Quelle, aus der er geschöpft hat, Ursache gefunden haben, 
diesen Ausdruck zu wählen. Und die Ursache kann nur darin liegen, dass 
Gergei aus einer rumänischen Quelle geschöpft hat, denn das rumänische 
Volk hat nur den t bocskor» und in seinen Märchen tragen sogar die Königs- 
si^me und Prinzen den «bocskort. Man beachte nur, wie diese drei Wunder- 

* Siehe Doi fiU ootofeU von At. Marienescu in der AUma, 1871. 



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240 



DER URSPRUNG DBS ARGIRUS-MARCHENS. 



dinge bei anderen Völkern vorkommen. Der Türke z. R spricht von Turban, 
Pantoffeln und Teppich ; die Motive sind also vorhanden, aber bei der Gon- 
cretisirung wurden sie sozusagen nationalisiri Koch deutlicher spricht eine 
andere Stelle im ungarischen Texte. Es heisst daselbst : tMonda a sz^p 
leäny: t^r^ir^y szerelmem!» («Sprach das schöne Mädchen: Argire, mein 
Liebster !•) Wie wir sehen, ist «Argire» der Vocativ. Aber in welcher Sprache? 
In der ungarischen nicht ! In der italienischen ? Auch nicht, denn im Italie- 
nischen gibt es keinen Vocativ, es müsste also der Nominativ sein. Aber da 
fragen wir uns, warum gebraucht Gergei diese Form des Nomiilativs nicht 
auch an anderen Stellen? er wendet fünfundzwanzigmal den Ausdruck 
«Argirusi an, warum gebraucht er gerade hier diese Form des Nominativs? 
Indess der Nominativ kann es auch nicht sein, denn dieser müsste von 
Argirus, nach dem Geiste deir italienischen Sprache, «Argiro» lauten. Es ist 
eben weder eine italienische, noch eine ungarische Form, es ist der reine 
rumänische Vocativ, der von «Argirus» nicht anders als «Argire» lauten darf, 
und Gergei hat diese Form benützt, weil er sie so gehört hat und weil sie 
ihm in das Versmass passte. 

Wie steht es aber mit den eigenen Aussagen Gtergei's, dass er nämlich 
diese Geschichte aus dem Italienischen übersetzt habe? Wir haben gesehen, 
dass die diesbezügliche Stelle dunkel genug ist. Doch geben wir zu, Gergei 
habe thatsächlich sagen wollen, er habe die Geschichte des Argirus einer 
italienischen Chronik entnommen, wie gestaltet sich dann die Sache? Wir 
müssen in diesem Falle folgende Frage untersuchen : hat Gergei Ursache 
gehabt, statt der rumänischen Quelle eine itaUenische anzugeben? Auf diese 
Frage können wir mit einem entschiedenen «Ja» antworten. Wir dürfen 
dabei nicht etwa an politische, sondern an rein literarische Beweggründe 
denken. Seit die Ereuzzüge die Völker des Occidents und Orients in nähere 
Berührung mit einander brachten, begann auch der Geist orientalischer 
Volkspoesie nach Europa zu strömen. Diese Strömung hatte im XV. und 
XVL Jahrhunderte ihren Höhepunkt erreicht und die Vermittlung stellte 
Italien her, so dass dieses Land die eigentliche Heimat der Feenmärchen in 
Europa wurde.* Alles, was in diesem Grenre poetisch bearbeitet und erzeugt 
wurde, mochte es woher immer stammen, führte man auf Italien zurück. 
Aus einer italienischen Chronik geschöpft zu haben, war das beste Empfeh- 
lungsschreiben, das man einem derartigen poetischen Froduote in die Welt 
mitgeben konnte — gerade so, wie man in Deutschland im XVIH. Jahr- 
hunderte sogar die urgermanische Geschichte Siegfried's für französisch aus- 
gab, um ihr die grösstmögliche Verbreitung zu verschaffen. Nun wissen wir 
allerdings nicht genau, wer Gergei war, wann und wo er gelebt hat Die all- 
gemein acceptirte Ansicht jedoch ist die, dass er ein Siebenbürger war und 

* Siehe Gustav Heinrich, a. a. O. 



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DIE GBTKEIDB-VEBSORGUNG OSTERKEICH- UNGARNS UND DEUTSCHLANDS. 



2U 



dass sein Leben in das XVI. Jahrhundert fallt, also in jene Zeit, wo die 
obenerwähnte Manie so mächtig war, dass er nur dem herrschenden Zeit- 
geiste folgte, wenn er die Geschichte des Argirus für italienisch ausgab. Um 
dann diese seine Aussage halbwegs glaubwürdig zu machen, bediente er sich 
auch in der Darstellung solcher Ausdrücke, die auf Italien hinweisen, wie 
Cypressen, Orangen, Lorbeer u. s. w. Dass es sich hier aber nur um einen 
ganz unschuldigen und zeitgemässen Kunstgriff handelt, und dass Gergei 
aus einer rumänischen Quelle geschöpft hat, ersieht man auch daraus, dass 
dieses Märchen unter den Magyaren in Ungarn bei Weitem nicht so ver- 
breitet und volkstümlich ist, als unter den Magyaren in Siebenbürgen, weil 
sie eben hier in grösserem Gontacte mit den Rumänen leben, als im eigent- 
lichen Ungarn. 

Auf Grund dieser äusseren und inneren Kriterien glaube ich entschie- 
den annehmen zu dürfen, dass Gergei den Stoff zur Geschichte des Argirus 
aus dem Bumänischen entlehnt hat. Georg Popp.^ 



DIE GETREIDMEESOKGÜNG ÖSTERREICH-UNGARNS UND 

DEUTSCHLANDS. 
Aus dem (^esiohtspmikte des abzuachliessenden Handels- und ZoUvertrages.^ 

Der Finanzminister Busslands befasste sich in einer vor kurzer Zeit 
erschienenen sehr interessanten Publication,^ in welcher er die Stellung 
Busslands auf dem internationalen Getreidemarkte untersucht, auch mit 
der wichtigen Frage, ob die Agrar- Zölle, mit welchen Deutschland und, 
dessen Beispiel folgend, die meisten europäischen Staaten ihre Agricultur 
vor der Concurrenz der im grossen Maasse Getreide producirenden Staaten 

^ VgL zu diesem Artikel den Auszug aus einem Vortrage Gustav Heinrich 's 
über Argirus in dieser Ungarischen Revue IX., 1889, S. 46 — Die obige Darstellung 
wird unstreitig dazu beitragen, das Dunkel zu lüften, welches auf der Frage nach dem 
Ursprünge dieses Märchens lastet, denn — hei aller Anerkennung für die Umsicht 
und den Schar&lnn des Verfassers — darf doch behauptet werden, dass seine Folge- 
rungen über die Grenze der Wahrscheinlichkeit nicht hinausreichen. D. Red* 

* Diese Abhandlung wurde noch im vergangenen Herbst geschrieben und 
erschien im Dezember-Heft der imgar. Nationalökonomischen Revue. Was seitdem 
geschah, dient zur Rechtfertigung der hier entwickelten Ideen. Die Frage ist jedoch 
bisher noch nicht gelöst, demnach diese Abhandlung auch jetzt noch zeitgemäfi& 

D.Bed. 

* Ein weitläufiger Auszug hie von ist im April-Heft vom Jahre 1890 des durch 
den französischen Ackerbau-Minister herausgegebenen « Bulletin • enthalten. 

UagftTtooh» BeriM, XI. 1891. m. Heft. IQ 

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242 DIE GETREIDB-VBRBOROÜNG 

schützen, eigeDtlich durch die Producenten der Export- Länder oder durch 
die Consumenten jener Staa.ten getragen werden, in welchen die Schutzzölle 
in Anwendung stehen? 

Diese Frage ist für Bussland von grosser Wichtigkeit, denn wenn es 
wahr wäre, womit man die (Getreide-Zölle zu begründen pflegt, dass die- 
selben nämlich ohnehin durch die ausländischen IVoducenten bezahlt wer- 
den, würde Bussland nur in dem einen Jahre 1888 an Deutschland 12*5 
MilUonen, an Frankreich 11*8 Millionen« an Italien aber 15 Millionen Me- 
tallrubel Tribut entrichtet haben. 

Das Ajüom der Schutzzölle wäre — nach dieser Quelle — richtig, 
wenn die Production der importirenden Staaten die zur Ernährung der 
Bevölkerung erforderliche Menge an Getreide decken würde; denn es könnte 
in diesem Falle fremdes Getreide nur dann auf die inländiscl^en Märkte 
gelangen, wenn die ausländischen Exporteure ihr Getreide um den ganzen 
Zollbetrag billiger als die Local- Marktpreise anbieten würden. In jenen 
Staaten, in welchen Schutzzölle bestehen, ist aber der Bedarf factisch 
grösser als das Angebot, was notwendigerweise das Steigen der Preise ver- 
ursacht, wodurch der Zollertrag so ziemlich ausgeglichen wird. 

In der schon erwähnten Quelle ist ein Vergleich aufgestellt zwischen 
den Preisen des russischen Getreides auf den Märkten jener Staaten, welche 
sich durch Zölle nicht schützen und den Marktpreisen derjenigen Staaten, 
wo Schutzzölle bestehen, und das Endresultat dieser Parallele ist, dass der 
grösate Teil der Getreidezölle nicht die fremden Producenten, sondern die 
inländischen Consumenten belastet. Gleichzeitig wird die Behauptung auf- 
gestellt, dass, in welchem Maasse die Nachfrage in jenen Staaten, deren 
Production den inneren Gonsum zu decken nicht im Stande ist — zunimmt, ein 
umso grösserer Teil an Zollabgaben auf dieselben ei^t&llt, die Getreide 
exportirenden Länder hingegen von den, ihren Export belastenden Tribut 
in demselben Maasse befreit werden. 

Diese Schlussfolgerung bestätigen auch andere, auf gleichen Grund- 
lagen aufgestellte Studien und es steht gegenwärtig schon fast ganz 
ausser Zweifel, dass, wenn auch von den deutschen Agrar-ZöUen für die 
deutschen Landwirte einiger Nutzen sich ergab, dieselben für die ganze 
Volkswirtschaft der deutschen Nation nur mit Schaden verbunden waren. 
Deutschland beging daher auch aus dem Gesichtspunkte der eigenen Inter- 
essen einen grossen Fehler, als es mit den Agrar-Zöllen, welche das Land 
vor der Concurrenz der im riesenhaften Maasse Getreide billig produzie- 
renden Staaten zu schützen berufen waren, nicht nur diese von den Märkten 
ausschloss, sondern auch jene Staa^n, welche weder durch die Menge noch 
die Billigkeit ihrer Production gefährliche Gonourrenten der deutschen Agri- 
eultur waren. 

Wir wollen uns keinen Becriminationen hingeben ; die gewonnenen 



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Ö8TBRREIC5H-UNGARN8 UND DEUTSCHLANDS. 2i3 

Erfahrungen jedoeh müssen in der Zukunft nach Möglichkeit nützlich ver- 
wertet werden. Diese Erfahrungen sind eben gegenwärtig von grösstem 
Nutzen, da Deutschland mit der bisherigen engherzigen Wirtschafts-Politik 
zu brechen und mit der österreichisch-ungarischen Monarchie einen neuen 
Zollvertrag zu schliessen beflissen ist. 

Die Verhandlungen zwischen der ungarischen und österreichischen, 
sowie der deutschen Regierung haben thatsächlich begonnen^ und man 
kann dem Abschlüsse derselben mit Aussicht auf Erfolg entgegensehen. 
Ein sehr günstiger Umstand ist vor allem jene Aufrichtigkeit und Innigkeit 
des politischen Bündnisses, welche so den Völkern der Monarchie wie 
den Bewohnern Deutschlands bereits ins Blut übergegangen ist. Dieser 
Umstand führt die Regierungen der verbündeten Staaten mit der Kraft der 
logischen Notwendigkeit dem Abschlüsse eines wirtschaftlichen Bündnisses 
entgegen. Ein derartiger Factor ist femer die Solidarität der Interessen 
beider Staaten der österreichisch-ungarischen Monarchie, welche der unga- 
rische Handelsminister^ als er sich unlängst im Parlament äusserte, so 
beBttmnl» so überzeugend und mit so viel staatsmännischer Weisheit betont 
hai Die SoUdarität der Interessen wird es nicht gestatten, dass das in Aus- 
sicht genonunene wirtMhaftliche Bündniss mit Deutschland aus kleinlicher 
Eifersüchtelei oder Selbstsucht SchifiTbruch leide. Wahrscheinlich aber werden 
es die deutschen Landwirte auch begreifen — in dieser Beziehung kann 
oberwähnte russische Publication als überzeugendster Beweis dienen — 
dasB ihre eigenen Interessen es nicht erheischen, dass die österreichischen 
und nngarischen Producenten von den Märkten Deutschlands femgehalten 
werden; 

Es ist kaum glaublich, dass Deutschland mit der bisherigen SchutzzoU- 
Teüdenz so bald brechen werde, um den Principien des Freihandels zu hul- 
digen. Jene Staaten, welche Bohproducte im grossen Maasse erzeugen, sind 
gegenwärtig viel mehr zu befürchten, als vor der Epoche der Schutzzölle, 
da dieselben eben hiedurch angeeifert, ihre Production billiger und reich- 
licher gestalteten, die Beförderungsmittel erstaunlich entwickelten, und die 
Transportkosten auf ein Minimum reduoirten. Wie könnten einer derartig 
verstärkten Goncurrenz die Landwirte jener Staaten, bei welchen Schutz- 
zölle in Anwendung stehen. Trotz bieten, da die Klagen dieser Glasse im 
Qrunde genommen schon früher gerechtfertigt waren, obzwar dieselben 
unleugbar eiidgermassen übertrieben wurden ? 

Die deutschen Märkte beherrscht gegenwärtig das russische Getreide ; 
in dem freien Verkehr des Jahres 1889 entstammten von Weizen 58*9 <>/o, 
von Roggen 88-2 o/o, von Hafer 92*5 o/o, von Gerste 48-0 o/o aus Russland; 
von den wichtigeren Getreidegattungen war die nordamerikanische Waare 
nur bei dem Mais im Uebergewicht; den zweiten Platz nahm aber 
Bxsxk hier Bussland ein. Dieses Uebergewicht Würde Bussland auch nach 

16* 



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244 DIE OETBEIDE-YER80ROUNO 

Abechaffung der Zölle beibehalten^ sogar vielleicht noch steigern, und es 
würden die deutschen Landwirte eben den im grössten Maasse und am bil- 
ligsten producirenden Concurrenten schutzlos gegenüberstehen, lieber die 
Productionskosten liegen keine verlässlichen Daten vor, können auch natur- 
gemäss nicht vorhanden sein, es stehen aber mehr oder weniger annähernde 
Schätzungen zur Verfügung^ und die schon mehrmals erwähnte rus- 
sische Quelle stellt auch einen Vergleich zwischen den Productions- 
kosten des nordamerikanischen, des ostindischen und russischen Weizens 
auf und gelangt, auch die Transportkosten in Anbetracht genommen, zu 
der Schlussfolgerung, dass der Weizen dem russischen Producenten auf dem 
Markt in London per Pud (1 Pud =16 Kilogramm) um 2 Kopeken billiger 
zu stehen kommt, als dem ostindischen, und um 8 Kopeken billiger, als 
dem nordamerikanischen Producenten. 

Für die deutschen Producenten ist daher der Schutz vor Bussland eine 
Lebensfrage; wenn jedoch die allgemeinen Interessen des Reiches nicht 
geopfert werden sollen, ist es notwendig, mit solchen Staaten in 2jollverband 
zu treten, deren Productions* Verhältnisse, obzwar dieselben über einen 
Ueberschuss an Getreide verfügen, nicht stark von jenen Deutschlands 
abweichen. 

In dieser Hinsicht kommt in erster Reihe die österreichisch-ungarische 
Monarchie in Betracht Viele behaupten, dass die Monarchie nur noch kurze 
Zeit hindurch unter die Getreide exportirenden Staaten gereiht werden 
kann, und dass der Zeitpunkt nicht mehr ferne ist, in welchem die Produc- 
tion nicht einmal den inneren Bedarf zu decken im Stande sein werde. 
Die Daten über den Waarenverkehr des gemeinsamen Zollgebietes recht- 
fertigen diese Behauptung nicht Es ist zwar wahr, dass sich die Ver- 
kehrsbilanz vom Roggen meistenteils, vom Mais aber ständig passiv gestal- 
tet, von den übrigen Getreidegattungen jedoch und unter diesen von dem 
Hauptproduot Ungarns, vom Weizen, nimmt die Exportfahigkeit der Mon- 
archie (besonders wenn auch der Mehlexport in Betracht genommen wird), 
nicht nur nicht ab, sondern es steigt dieselbe, und es gelangten besonders 
während der letzten Jahre neuerlich grosse Mengen auf die Weltmärkte. 

Was speziell die Export&higkeit Ungarns betrifft, so sprach Karl 
Keleti in seinem ausgezeichneten Werke über die Pariser Weltausstellung 
vom Jahre 1878 die Ansicht aus, wir müssten ims mit der Idee befreunden, 
dass die zweifelhaft ruhmvolle Rolle, zu Folge welcher wir uns als einen 
Hauptverpfleger Europas und als einen par excellence Getreide-Export-Staat 
betrachteten, in der nächsten Zukunft aufhören werde. Die früheren Ergeb- 
nisse der Production Ungarns, welche damals die amtliche Statistik schon 
über 10 — 11 Jahre constatirte, in Betracht genommen, konnte diese Behaup- 
tung mit Recht aufgestellt werden ; denn wahrlich, wenn auch Ungarn in 
den siebziger Jahren Brotfrüchte exportirte, so war dies nur so möglich, dass 



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OSTBBREIOH-tmÖAfiKS tT^) DfitJl^&LAKDS. 245 

das Volk das zum Verkaufe bestimmte Material dem eigenen Munde entzog, 
und es konnten diejenigen, die an der Zukunft der Industrie Ungarns niobt 
zweifelten, getrost bebaupten^ dass die Bevölkerung nur ein wenig mebr 
Abwecbslung in ibrer Bescbäftigung und im Einklänge biemit nur ein wenig 
mebr Woblstand und Woblbabenbeit benötigt^ um aucb die Production der 
günstigeren Jabre selbst consumiren zu können. Seitdem macbte aber die 
Agrioultur Ungarns, Dank der intellectueÜen und moraliscben Kraft der 
Bevölkerung, riesenbafte Fortscbritte. Dies ist am deutlicbsten ersicbtlicb, 
wenn ein Vergleicb aufgestellt wird zwischen der Production der unlängst 
verflossenen Zeit. Im Jabre 1868, welcbes als ein sebr reicblicbes betrachtet 
wurde, betrug die Weizen-Ernte Ungarns 29*56 Millionen Hectoliter, im 
Jabre 1889 hingegen, als nicht nur unter den Froducenten sondern auch in 
Handelskreisen überall im ganzen Lande wegen der Missemte Klagen laut 
wurden, betrug die Weizen-Ernte 32'96 Millionen Hectoliter. In den ver- 
gangenen Jahrzehnten wurde es schon als eine günstige Ernte betrachtet, 
wenn die Production 30 Millionen Hectoliter nahe kam ; die günstigen Fech- 
Bungen der letzteren Jahre producirten sogar mebr als 50 Millionen Hecto- 
Kter. 

Sämmtliche Brotfrüchte in Betracht genommen, wurden in Ungarn 
allein produdrt : 

Im Dnrchscbnitte der Jahre 1869—73 31*78 Millionen Hect. 

• € € • 1874—78 39-61 • • 

« • • • 1879—83 47-22 t t 

« € • € 1884— 88. _. ... 60-70 t « 

Die Menge der Brotfrüchte sank zwar im Jahre 1889 zu Folge der 
misslicben Ernte auf 4f8'00 Millionen Hectoliter, es übertrifft jedoch diese 
Menge noch immer mit Ausnahme des letzteren, alle fünfjährigen Durch- 
schnitte früherer Jahre; die Abnahme ersetzt übrigens reichlich die Ernte 
des Jahres 1889 von 75*87 Millionen Hectolitem. Es sei hier bemerkt, dass 
diese Daten nur die Ernte-Ergebnisse des im strengeren Sinne des Wortes 
genommenen Ungarns repräsentiren ; Kroatien- Slavonien producirt ausser- 
dem noch jährlich beiläufig 1*89 Millionen Hectoliter Weizen, 1*19 Millionen 
Hectoliter Boggen und 811,000 Hectoliter Halbfrucht, insgesammt daher 
3*89 Millionen Hectoliter Brotfrüchte. Der Mais wurde weder bei Ungarn 
noch bei Eroatien-Slavonien in Bechnung genommen ; dieses Product spielt 
aber in vielen Gtegenden eine wichtige Bolle in dem Gonsum der Bevölkerung. 

Mne derartige Menge consumirt das Land nicht, nicht einmal, wenn 
der Brotoonsum Ghross-Britanniens als Bichtschnur angenommen wird, und 
es können noch immer bedeutende Mengen für den österreichischen oder für 
den übrigen ausländischen Ck>nsum exportirt werden. 

Der Export Ungaras wird weder zu Folge natürlicher Zunahme der 



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^ blE OBTIÜälDfi-Vk&SO&äüMÖ 

Bevölkerung, noch in Folge der eventuellen gunstigeren Gestaltung des bA" 
gemeinen Wohlstandes abnehmen, da die Production die Grenzen ihrer Ent- 
wickelunggfahigkeit bei Weitem noch nicht erreicht hat; die sich fortwährend 
rationeller entwickelnde Gultur wird, wenn auch nicht von Jahr zu Jahr — 
die Agricultur ist stets von der wechselhaften Launenhaftigkeit der Witte- 
rung abhängig — so doch im Durchschnitte mehrerer Jahre noch lange Zeit 
hindurch die durchschnittliche Production steigern. 

Grosse Ersparnisse können noch ohne Einschränkung des Consums 
erreicht werden bei der Aussaat Heutzutage geht noch sehr viel Aussaat in 
Verlust. Drill- Maschinen stehen nur bei den Gross-Grundbesitiem in An- 
wendung, in der Classe der mittleren Grundbesitzer bloe bei sehr wenigen, bei 
den Elein-Grundbesitzem überhaupt nicht. Die Säemaschinen, bei welchen 
übrigens die Erspamiss nur sehr unbedeutend ist, stehen in noch geringerem 
Maasse in Verwendung ; bei den Mittel- und Eleingrundbesitzem ist der 
Anbau mit der Hand gebrauchlich. Es stehen viele Beispiele zur Verfügung, 
dass bei einem Eleingrundbesitz 140—150 Liter Weizen auf ein ungarisches 
Joch (1200 U Klafter) angebaut werden ; dies entspricht 324—327 Litern 
per Hectar ; wogegen in Deutschland vom Winterweizen durchschnittheh 
auf einen Hectar 170 — 172 Liter gerechnet werden« Die Weizenfläche 
Ungarns beträgt jährlich beiläufig 3 Millionen Hectare und es wird auf einem 
bedeutenden Teil dieser Fläche die Aussaat maasslos verschwendet. Wenn 
aber auch diejuittleren Besitzer die Drill-Maschinen benützen werden, ja 
sogar die Eleingrundbesitzer mit einander vereint diese ausserordentlich 
nützliche Maschine beschaffen werden, so wird eine beträchtliche Menge 
Getreide für den Consum oder Export erspart werden können ; diese Menge 
bleibt stets gleich, so unter günstigen als auch unter ungunstigen Verhält- 
nissen, da die Aussaat auch nach einer Missemte erforderlich ist, und soll die 
zukünftige Ernte nicht schon im voraus vereitelt werden, so ist ebensoviel 
Saatkorn notwendig, als nach einer günstigen Ernte. 

Wenn wir den Netto-Getreide-Export Ungarns seit dem Jahre 1882 (als 
die neue Waarenverkehrsstatistik ins Leben trat) betrachten, ergibt 8i<^, 
dass die jährliche durchschnittliche Ausfuhr (nach Abrechnung der impor- 
tirten Mengen) von Weizen 5*3 Millionen, von Boggen 1*31 Millionen, von 
Gerste 2*64 Millionen, vom Hafer 0*91 Millionen, von Mais 0*78 Millionen 
und von Mehl 3*64 Millionen Metercentner betrug; im Jahre 1888 hingegen, 
als das meiste exportirt wurde, zeigen sich folgende Ergebnisse. Weizen 
7*89 Millionen, Mehl 4*65 Millionen, Boggen 1*65 Million^, Gterste 3*65 Mil- 
lionen, Hafer 905 Tausend und Mais 1*06 Millionen Metercentner; das Mehl 
auf Weizen umgerechnet, betrug allein der Weizen-Export dieses Jahres 
13*95 Millionen Metercentner. Der Export des laufenden Jahres (1890) wird 
wahrscheinlich auch noch diese kolossale Menge übertreffen. 

Den überwiegenden Teil der Getreide- Ausfuhr Ungarns nimmt jedoch 



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OSTEBBBICÄ-tJNGAKNB tlND D)SÜT8CmiA^D8. 



U^l 



der Gonsum Oesterreiohs in Anspmch ; bei dem Zollbändniss mit Deutsch- 
land kann daher nur der Uebeirflusa des ganzen dsterreichisoh-ungarischen 
Zollgebietes in Betracht kommen. Nach dem Durchschnitte von 10 Jahren 
gestaltet sich die jährliche Mehrausfuhr der österreichisch-ungarischen Mon- 
archie von den wichtigeren Getreide-Gattungen und von Mehl folgeüder- 
massen: 

Weizen ... _ 1.222 Tausend Meter-Centner 

Roggen (— ) 407 

Gerste 2.695 

Malz 959 

Hafer 363 

Mais (--) 1.363 

Mehl 1.419 

Das Mehl auf Weizen, das Malz aber auf Gerste umgerechnet, betrug 
der Ueberfluss an Weizen 3*19 Millionen, an Gerste hingegen 3*91 li^ionen 
Meter-Centner. Bei diesen beiden wichtigen Getreide-Gattungen ze^ sich 
daher ein sehr bedeutender Ueberfluss, beim Hafer hingegen nur mehr ein 
massiger, vom Boggen jedoch und besonders von Mais weist die Waaren- 
Bilanz einen grossen Abgang auf. 

Um die Exportfähigkeit der Monarchie beurteilen zu können, musste 
der Durchschnitt mehrerer Jahre in Betracht genommen werden, damit sich 
in diesen die durch günstige und missliche Ernten verursachten extremen 
Ergebnisse ausgleichen. Während der zehn Jahre, deren Durchschnitt mit- 
geteilt ist, gelangten bei dem Gtotreide-Verkehr auch derartige Momente zur 
Geltang, welche nicht mit dem Wanken der jährlichen Production, sondern 
mit anderen Ursachen im Zusammenhange stehen. So war die Monarchie 
während der letzteren Jahre bei Weitem nicht auf eine so grosse Menge von 
Mais angewiesen, wie in früheren Jahren, die Mehreinfuhr betrug hievon 
im Jahre 1888 nur mehr 385,000 Meter-Centoer, im Jahre 1889 hingegen 
74,000 Meter-Centner. Die nahmhafte Einfuhr von Mds sank seit dem Zoll- 
kriege mit Bumänien, jedoch nicht nur aus diesem Grunde, sondern auch 
in Folge Einschränkung der Branntwein-Production, hauptsächlich der 
industriellen Branntwein-Production. Als nämlich der Branntwein-Etport 
in Abnahme begriffen war und als bei dem inneren Gonsum auf Kosten der 
industriellen Branntweinbrennereien die grösstenteils Elrdäpfel aufarbeiten- 
den wirtschaftliehen Branntweinbrennereien immer mehr Terrain eroberten, 
musste notwendigerweise der Consum von Mais abnehmen und wir halten es 
kaum für möglich, dass wenn auch der Zollkrieg mit Bumänien aufhört, 
neuerdings solche Mengen Mais eingeführt werden wie früher. 

Die Ein- und Ausfuhr Deutschlands (in und aus dem freien Verkehr) 
gestaltet sich, ebenfalls nach dem Durchschnitte der zehn Jahre 1 880— 1889, 
fcd^ndermassen : 



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ä48 



DIE GETBKTDB-VERSORGtKÖ 





Einfohrin 


Angfohr in 


MehreinfnliT 




Metar-Centeern 


Meter-Oentnein 


in Meter-Centeern 




4,923 Tausend 


438Taaaend 


4,485 Tausend 


Boggen 


7,347 . 


86 € 


7,261 . 


Gerate.. 


3,353 . 


622 € 


2,730 . 


Ma]ü 


... ... 606 « 


63 € 


545 « 


Hafer .. 


2,232 . 


201 f 


2,031 < 


Mais 


2,171 € 


f 


2,171 € 


Mehl .. 


439 . 


1,182 • 


— < 



Deutschland bat daher nur aus dem Mehl eine Mehrausfuhr von 
742,000 Meter-Centner; diese Menge auf Weizen umgerechnet* und von 
dem Bedarf an Weizen in Abrechnung gebracht, sinkt der Netto-Bedarf an 
Weizen auf 3*58 Millionen Meter- Centner, der Bedarf an Gerste stieg hin- 
gegen nach Umrechnung des Malzes auf Gerste auf 3*43 Millionen Meter- 
Centner. 

Wenn nun zwischen dem üeberfluss der Monarchie und zwischen dem 
Bedarf Deutschlands ein Vergleich aufgestellt wird, zeigt sich im Durch- 
schnitte der zehn Jahre ein jährlicher Abgang: 

beim Weizen von ... ... 0*48 Millionen Meter-Gentner 

• Boggen € 7*67 t t 

i Mais « ... 3*53 < « 

• Hafer • ... 1*67 t t 
hingegen bei der Gerste ein Üeberfluss von 484,000 Meter-Zentnern. 

Diese Daten beweisen unzweifelhaft, dass im Falle einer Zollvereini- 
gung die Monarchie und Deutschland zu den auf Getreide-Einfuhr ange- 
wiesenen Ländern gehören würden. Dies wäre für Ungarn gewiss nur ein 
Vorteil, da die volkswirtschaftlichen Verhältnisse Ungarns mit dem Auf- 
blähen der Agrioultur dermassen eng verbunden sind, dass selbe mit dieser 
sich entwickeln oder ungünstiger gestalten ; die bedeutende Zunahme der 
Preise würde einen allgemeinen Aufschwung bedeuten ; jedoch wäre es für 
die in Zollverband tretenden Staaten im allgemeinen gar nicht wünschens- 
wert, wenn nebst dem Steigen der Localpreise der Getreide-Gattungen die 
im grossen Maasse Getreide producirenden Staaten auch fernerhin mit meh- 
reren Millionen Meter-Centnern Getreide das Zollgebiet überfluten würden 
und hiedurch die Zollgebühren den einheimischen Consumenten zu Lasten 
fallen würden. Zwar ist es unleugbar, dass für die Consumenten Deutsch- 
lands auch dieser Zustand einen Fortschritt bedeuten würde, da nämlich die 



* Die deutsche landwirtschaftliohe Statistik nimmt 100 Kilogramm Weizen fär 
SQ Kilogramm Mehl; es wurde bei der Umrechnung dieses Verhältniss angenommen 
{abweichend von dem bei der Ausfuhr Oesterreich-Üngams in Anwendung stehenden 
Verhältnisse, welches den Productionsdaten der Budapester Mühlen entnommen wurde. 



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OSTERRBIOH-imOABKS UKD DftÜtSOfiLANDÖ. ^ 

GoDsnmenteD Dentscblands in demselben Maasse von den sie belastenden 
QetreidezöUen befreit würden, in welcbem Grade die Getreide-Einfohr die 
znr Verfügung stehenden üeberflüsse der österreichisch-ungarischen Mon- 
archie yermindem würde. 

In neuerer Zeit tauchte die Nachricht auf, und es besitzt dieselbe nicht 
wenig Wahrscheinlichkeit, dass das mit Deutschland abzuschliessende Zoll- 
bündniss auch auf Italien ausgedehnt wird. Verwirklicht sich diese Nach- 
richt, so wird dieselbe all jenen Freude verursachen, denen das wirtschaft- 
liche Fortkommen der in Verband tretenden Völker am Herzen liegt. Denn 
es würde auf einem so grossen wirtschaftlichen Gebiete, als jenes der zu 
Stande kommenden neuen wirtschaftlichen Trippelallianz, der unbeschrankte 
richtigerweise mit weniger Hindernissen belastete Verkehr auf die vollstän- 
dige Entwiokelung und Geltendmachung der wirtschaftlichen Kräfte die gün- 
stigste Wirkung ausüben. Was jedoch die Versorgung der betreffenden 
Staaten mit Getreide anbelangt, wäre hiezu in diesem Falle die eigene Pro- 
duction des Zollverbandes noch weniger im Stande. Italien ist von Weizen 
auf einen sehr grossen Import angewiesen ; im Durchschnitte von 10 Jahren 
(1880—1889) betrug die Mebreinfuhr 4*93 Millionen Meter-Gentner. In der 
ersten Hälfte des Deoenniums war die Mehreinfuhr noch massig, seit dem 
Jahre 1884 jedoch erreichte dieselbe immense Dimensionen und repräsen- 
tirte die Mehreinfuhr im Jahre 1886 7*11 Millionen, im Jahre 1886 9*29 Mil- 
lionen, im Jahre 1887 10*11 Millionen, im Jahre 1888 6*67 Millionen und 
im Jahre 1889 8*72 Millionen Meter Centner. Wenn die Mebreinfuhr von 
Mehl (346,000 Meter-Centner) auf Weizen umgerechnet wird, so beträgt 
der gesammte vom Auslande zu deckende Weizenbedarf Italiens 5*28 Mil- 
lionen Meter- Gentner. Von den übrigen Getreide- Gattungen ist der zu 
deckende Bedarf ein viel geringerer, vom Mais durchschnittlich nur 29,000^ 
vom Hafer 19,000, von Gerste nur 6000 Meter Centner; Italiens Bedarf an 
Boggen ist ein sehr geringer, in der Waarenverkehrötatistik ist die Ein- und 
Ausfuhr dieser Getreide-Gattung nicht einmal separat ausgewiesen. 

Wenn nun auch Italien zu dem ZoUbündniss gerechnet wird, so ändern 
sich die oben angeführten Zahlen insofeme, dass der durchschnittliche jähr- 
Uche Bedarf an Weizen, welcher vom Auslande zu decken ist, von 480,000 
Meter Gentnem auf 5*76 Millionen Meter-Centner steigt 

Wenn uns, wie schon früher erwähnt, egoistische Gesichtspunkte 
leiten würden, könnten wir uns über eine derartige Gestaltung der Verhält- 
nisse niur freuen, weil es eben Ungarns, als des Landes von Bohproducten, 
Interesse ist, dass auf den Märkten der verbündeten Staaten eine je grössere 
Nachfrage auftrete, und dass hiedurch die Preise sich je höher gestalten 
mögen. Die Stabilität des wirtschaftlichen üebereinkommens jedoch, ja sogar 
dessen Zustandekommen kann nur von der billigen Befriedigung aller Inter- 
essen erhofft werden. Wären vielleicht Deutschland und die Consumenten 



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^ t>lB aSTBfilD»-7ttB8ÖBOÜK<;t 

Oesterreicbs befriedigt^ wenn die Lage aufrechterhalten bliebe, gegen welche 
in Deutschland eine so grosse Unzufriedenheit herrscht, und welcher der 
Getreide-Ueberfluss Ungarns nur Linderung, aber nicht Abhilfe zu bieten 
im Stande wäre ? 

Unter diesen Yerhältnissen ist nur eine richtige Losung erdenklich, 
dass nämlich der Zollverband sich auch auf andere Staaten, welche zur 
Deckung des oben ausgewiesenen Abganges einen hinlänglichen Ueberfluss 
an Getreide besitzen, erstreckt wird. 

An Bussland ist natürlich nicht zu denken» teils wegen der Verschlos- 
senheit dieses Staates, den es vergebliche Mühe wäre, in eine bessere Rich- 
tung zu lenken; teils wegen der Billigkeit und immensen Menge der russi« 
sehen Getreide- Production, wodurch eben — wenn üb^haupt der Schutz 
vor den im grossen Maasse producirenden Staaten berechtigt ist — in erster 
Beihe die Agrarzölle begründet wird. An aussereuropäisehe Staaten ist eben- 
falls nicht zu denken. Es wären daher allein die Balkan-Länder berufen, in 
der Kette der wirtschaftlich verbündeten mitteleuropäischen Staaten die 
fehlenden Glieder zu ersetzen. Obzwar auch diese Länder billiger prodnciren, 
als Deutschland und als Ungarn, so gleicht die höhere Intelligenz, das 
grössere Capital, mit einem Worte die höhere Entwickehmg d^ Agricultur 
ziemlich jene Vorzüge aus, welche den Balkan-Ländern der billigere Boden, 
die billigere Arbeitskraft und die extensivere Landwirtschaft zusichert. 

Von diesen Ländern könnten hauptsächlich Rumänien und Bulgarien 
in Betracht kommen. Griechenland ist selbst ein Import-Staat; die Türkei 
hingegen müsste wegen der Eigentümlichkeit ihrer Interessen und Verbind* 
lichkeiten ausser Acht gelassen werden. Serbien würde naturgemäss auch 
zu diesem Verbände gehören, obzwar auch auf diesen Staat derzeit kein 
grosses Gewicht gelegt werden kann, da hier die Netto- Weizen- Ausfuhr im 
Durchschnitte von fünf Jahren kaum 350,000 Meter-Gentner betrug, die 
Ausfuhr von den übrigen Getreide-Gattungen hing^en ganz unbedeu- 
tend war. 

Desto wichtiger ist die Rolle Rumäniens und Bulgariens. Das neue Bul- 
garien, welches mit seiner grossen Energie und politischen Reife die gerechte 
Bewunderung der civilisirten Welt eroberte — macht in wirtschaftlicher Hin- 
sicht rapide Fortschritte. Das Umsichgreifen der Landwirtschaft bekundet 
am deutlichsten die fortwährende Zunahme der bebauten Flächen. Das 
Weizengebiet stieg nämlich während der Jahre 1881 — 1888 von 249,000 
Hectaren auf 401,000, das Roggengebiet von 61,000 auf 94,000, das Gerste- 
gebiet aber von 299,000 auf 357,000 Hectare ; der Hafer und Mais zeigt 
keine derartige Entwickehmg : ersterer stieg von 91,000 Hectaren auf 93,000, 
lelzterer von 90,000 Hectaren auf ebensoviel ; — eine grosse Zunahme zeigt 
aber der Weinbau und die Tabakproduction : das Gebiet und die Production 
verdoppelte sich bei dem Weinbau und verdreifachte sich fast bei dem Tabak. 



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O8TEBilMl0&-UllGABH8 Ültb bEDTBCfitAKD^. 



tei 



Auch die produoirte Getreidemenge nahm im grossen Maasse zu und es 
gewann in Folge dessen auch die Ausfuhr einen grossen Aufsdiwung. Im 
Jahre 1882 betrug die Weizen-Ausfuhr nur 740,000 Meter-Gentner, im 
Jahre 1889 hingegen schon 3.215,000 Meter-Centoer'; während derselben 
Zeit stieg die Boggen-Ausfuhr von 220,000 auf 527,000, die Hafer- Ausfuhr 
von 20,000 auf 93,000, die Mais- Ausfuhr von 696,000 auf 778,000 Meter- 
Geutner. Während letzterer Jahre hatte Bulgarien sogar schon eine Ausfuhr 
von Mehl beiläufig 40 bis 50,000 Mjöter-Gefitner. Die Ausfuhr von Gerste 
zeigt einen Verfall; dieselbe sank ?on 431,000 auf 287,000 Meter-Gentn^. 
In dieser Bntwickelung Bulgariens spielt unzweifelhaft auch die Vereinigung 
mit Ostnunelien eine Bolle. Seit der Vereinigung betrug tlie Ausfuhr im> 
Durchschnitte von vier Jahren u. z. : 

Weizen^ — 2*33 MiUionen Meter-Gentner 

Epggen 0*32 

Gerste Q19 

Hafer 0O3 

Mais ... ^ 0-61 

Mehl 0-04 

Da aber Bulgarien keine beachtenswerte Getreide-Einfuhr besitzt, 
können diese Mengen als Netto- Ausfuhr betrachtet werden« — Die Ausfuhr 
Rumäniens ist noch viel grösser; dieselbe betrug im Durchschnitte der 
JTahre 1879-^1888: 



Weizen 
Roggen 
Gerste 
Hafer .. 
Mais 
Mehl .. 



4*14 Millionen Meter-Gentner 

0-94 

2-20 

0*31 

614 

0O9 



Wenn wir diese Ergebnisse mit dem früher ausgewiesenen unbedeckten 
Getreidebedarf der österreichisch-ungarischen Monarchie, Deutschlands und 
Italiens vergleichen, ergibt sich, dass auf dem ganzen Gebiete, welches wir 
uns in einem ZoUbändniss vereint denken, der Ueberfluss bei der Gerste 3 37 
Millionen, bei dem Mais 3'32 Millionen, bei dem Weizen 1*22 Millionen Hecto- 
liter betragen würde, hingegen zeigt sich ein unbedeckter Abgang beim Bog- 
gen von 6*38 Millionen und beim Hafer von 1*25 MilUonen Meter-Gentner, 
den Ueberfluss und den Abgang separat addirt: 7*91 Millionen Meter-Gentner 
üeberfluss und 7*63 Millionen Meter-Gentner Abgang, was sich gänzlich aus- 
gleicht. Wir wollen natürlich nicht behaupten, dass der Bedarf an Boggen 
mit Gerste oder Mais gedeckt werden könnte ; Thatsiche ist es aber, dass 
sieh die Production bis zu einem gewissen Grade dem Bedarf anbequemt 
und dass sich die Aufmerksamkeit der Landwirte jener Getreide-Gattung 
zuwendet, welche einträglicher ist, die EinträgUchkeit aber bestimmt in 



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erster Reihe der Bedarf. Dass auch unter diesen Umständen Boggen impor* 
tirt wurde^ ist unzweifelhaft ; dies wäre jedoch kein Uebel, dem gegenüber 
bleibt uns der Export von Qerste und Mehl. — Es wäre ein grosser Pehlar, 
eben wegen dieser beiden Waaren-Artikel die Handelsverbindung mit Eng- 
land abzubrechen ; dies würde sich in einzelnen günstigen Jahren bei einem 
grösseren üeberflusse als jener der Durohschnittsjahre ernstlich rächen. 

Der Weizen der Balkan-Länder dürfte nicht ohne jedweden Gegen- 
dienst zollfrei oder bei ermässigtem Zoll auf das Gebiet des Zollverbandes 
eingeführt werden. Entweder müssten diese Staaten gänzlich in den Zoll- 
verband einbezogen werden^ oder es müssten für die Industrie- Artikel der im 
2jollverbande stehenden Staaten thunlichst niedrige Zollsätze gesichert wer- 
den, — viel massigere als allen übrigen Staaten gegenüber bestehen. Die 
Balkan-Länder, entschiedene Länder der Bohproducte, würden sehr viel 
gewinnen, wenn deren Getreide auf nahen, sicheren und hinsichtlich der 
Preise günstigen Märkten zum Verkaufe gelangen würde und dieselben nicht 
gezwungen wären, die unsicheren Märkte Englands, wo die Goncurrenz der 
ganzen Welt zusammenwirkt, um die Preise herabzudrücken — aufzusuchen ; 
es würde aber auch Deutschland, ebenso Oesterreich, ja sogar Ungarn 
gewinnen, wenn die Balkan-Länder als vor der westeuropäischen Goncur- 
renz gesicherter Absatzort für die Industrie-Artikel der erwähnten Staaten 
erworben werden könnten. Dies wäre ein sehr grosser Erfolg. Es würde sich 
verwirklichen, — wovon so lange Zeit hindurch geträumt wurde und was 
der Handelsminister Ungarns mit entschlossenem Willen und selbstbewusster 
Thatkraft zu verwirklichen bestrebt ist — die Eroberung der Märkte des 
Ostens. Es wäre dies eine Eroberung, bei welcher sich alle Parteien für Si^er 
betrachten könnten, denn es würde hiedurch weder die wirtschaftliche noch 
die politische Unabhängigkeit der Balkan-Länder Abbruch erleiden. Und den- 
noch würde dieses Handelsbündniss neben den wirtschaftlichen Vorteilen auch 
zur unschätzbaren Quelle der politischen Vorteile. Die Völker des Balkans mit 
ihren wirtschaftlichen Interessen dem Westen angewiesen und angereiht, wür- 
den sich unter wohlthuender Wirkung der westlichen Givilisation frei und 
stark entwickeln -— zum Vorteil der ganzen civilisirten Welt; die Grenzen des 
östlichen Barbarentums würden durch den Westen zurückgedrängt werden. 
Und Ungarn, diese grosse Landstrasse zwischen Ost und West, welches Land 
nur durch die umwälzende Wirkung der türkischen Eroberungen dieser Bolle 
verlustig wurde, würde seine frühere Mission neuerdings aufnehmen, um der- 
selben mit viel grösserer Fähigkeit zu entsprechen. Auf den Eisenbahnen 
Ungarns würden sich die Bohproducte des Ostens und die Industrie- Artikel 
des Westens kreuzen, eine reichliche Verzinsung des in den Eisenbahnen an- 
gelegten Gapitales von vielen Hundert Millionen zusichernd; die Waaren- 
Artikel würden auf den Märkten Ungarns zum Auslande gelangen, die grossen 
Handelsgeschäfte würden die mit lebhaftem Blute gefüllten Adern des Ver- 



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ÖSTEBBBICH-UNaARNS UND DEl/TSGHIiANDB. ^^ 

kebree in regere Girculation bringen. Und andererseits würde diese lebbafte 
GtfUinmg auf die Landwirtscbaft von aufinuntemder^ auf die Industrie von 
anspornender Wirkung sein. Es könnte in der nächsten Nacbbarscbaft der 
östlicben Märkte, in dem gebirgigen Siebenbürgen, die Industrie aufblühen, 
und die entstehenden Fabriksmittelpunkte würden zu wirklichen Schutz- 
mauem der gefährdeten ungarischen Nationalität. Dr. Julius v. Vabqha. 



XLIV. JAHRESVERSAMMLUNG DER KISFALIJDY- 
GESELLSCHAFT. 

Diese älteste und hervorragendste belletristische Gesellschaft Ungarns hielt 
ihre diesjährige Jahresversammlung am 8. Februar im Palaste der Ungar. Akademie 
der Wissenschaften, in Gegenwart eines ebenso zahlreichen als distinguirteu Pub- 
likums. Der Präsident Paul Gyulai eröffnete die Versammlang mit der folgenden 
Bede, deren wesentlicher Gegenstand die EntivuMung der ungarischen Beredsam^ 

keit ist: 

Geehrte Versammlung ! 

Das Arbeitsfeld unserer Gesellschaft ist die Aesthetik und das Gesammtgebiet 
der redenden Künste, also auch die Redekunst. Sie hat auch in dieser Hinsicht 
gethan, was in ihren Kräften stand. Sie hat die rhetorischen Werke des Aristoteles 
und des Anaximens in unsere Sprache übersetzt und Preisau|gaben aus dem Bereiche 
der Bedekunst ausgeschrieben. Ich gehe also nur von den Traditionen der Gesell« 
Schaft aus, wenn ich die ungarische poUtische Beredsamkeit zum Gegenstande 
'meiner Betrachtung mache, einen flüchtigen BUck auf ihre jüngste Vergangenheit 
werfe und einige Ideen in Bezug auf ihre Gegenwart ausspreche. Dazu bestimmt 
auch einigermassen auch die Pietät. Denn auch zwei MitgUeder unserer Gesell- 
Schaft haben an der Begründung der neueren ungarischen politischen Beredsam- 
keit lebhaften Anteil genommen : Paul Szemere, dessen sämmtliche Werke die 
Gesellschaft jüngst herausgegeben hat, und Franz Kölcsej, dessen hundertste 
Geburtstagswende wir im August des vorigen Jahres gefeiert haben. 

Paul Szemere war kein Bedner, er interessirte sich aber fortwährend für 
jedes Moment der imgarischen Literatur und Gultur. Er nahm nut Bedauern 
wahr, dass die Veijüngung des Geschmacks und der Kunst des Stils zwar in der 
Entwicklung unserer Poesie und Kunstprosa immer grössere Erobenmgen mache, 
dagegen die kirchliche Bednerkanzel und die Tribüne der Beichstags- imd Com!- 
tatssäle ziemlich unberührt lasse. Als er in den zwanziger Jahren seine Zeitschrift 
i^et es Literaturai (Leben und Literatur) begann, wechselte er über dieses Thema 
wiederholt Briefe mit Kölcsey. Sie kamen d* rin überein, dass das Publikum auch 
auf die literarische Seite der Beredsamkeit aufmerksam gemacht werden müsse. 
Aber Kölcsey glaubte, dass das Beispielgeben mehr wert sei als die Theorie, und 
wünschte, dass Jemand mit einem auch aus Uterarischem Gesichtspunkte wertvol- 
len Werke aus irgend einem Zweige der bürgerUchen Beredsamkeit auftreten 



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^^ XLIV. JAHKB8VER8AMMLUNO DER ÜSPALUDY-OBSELLSCHAFT. 

möchte. Szemere forderte ihn seihet hiezn auf nnd so schrieh Eölcsey mehrere, 
niemals vorgetragene Beden, von welchen einige auch in f^et 6s Litoratnrat 
erscbienen. Es ist eigentümlich, dass Eölcsey so spät zum Bewusstsein sdnes 
Bednertalents kam, dass er bis zu seinem 39. Lebennjahre öffentlich nie gesprochen 
hat und auch als Zuliörer, wie er selbst sagt, blos einmal in der Generalversamm- 
lung des Szatm4rer nnd zweimal auf der Galerie in der Generalversammlung des 
Pester Gomitats Erschienen war. Aber 1829 trat der schreibende Redner im Szat- 
märer Gomitatssaale und 1832 — 1836 im Reichstage auch ab sprechender auf und 
riss nicht blos seine Zuhörer hin, sondern übte auch einen entscheidenden Ein- 
flufls auf die Entwicklung der neueren ungarischen politischen Beredsamkeit. 

In den ersten Jahrzehnt^i diesem Jahrhunderts stand unsere politische 
Beredsamkeit, besonders vom Gesichtspunkte der ungarischen Literatur betrach- 
tet, auf keiner hohen Stufe. Die Oberhausmitglieder sprachen grosMntoik latei- 
nisch, die Unterhausmitglieder grossenteils ungarisch, aber nicht in der veijüng^ 
ten ungarischen Sprache und nicht unter dem Einflüsse unserer sich entwickeln- 
den Eunstprosa. Auch in unserer Literatur selbst war die rednerische Prosa am 
wenigsten ausgebildet. Faludy, Bänöczy und Eazinczy hauchten unserer Prosa 
gewfililte Eleganz, wendungsreidhe Leichtigkeit, Pracision uq^d Anmut ein ; aber der 
re&orische Schwung ging ihr noch immer ab. Diesen versuchte Eölcsey mit 
Erfolg und verpflanzte ihn zugleich aus der Literatur in die Säle des Comitats und 
des Reichstags. Die verjüngte ungarische Sprache und die kunstmässigere Bered- 
samkeit feierten gleichzeitig ihren Triumph, als Eölcsey auf dem Pressburger Reichs- 
tage erschien. Die jüngere Generation empfing die neue Richtung der Beredsam- 
keit mit Begeisterung. Deäk, der ebenfalls auf diesem Reichstage zum ersten Male 
erschien und unter den Inspirationen der verjüngten ungarischen Literatur aufge- 
wachsen war, schloss sich ihm an ; Graf Stefeui Sz^chenyi, der früher Schriftsteller 
als Redner war, konnte sich seinem Einflüsse nicht entziehen; Eossuth, dei; 
Während dieses Reichstages eine geschriebene Zeitung redigirte, war ein Bewun- 
derer Eölcsey's und folgte seinen Fussstapfen ; Graf Aurel Deesewffy und Baron 
Josef Eötvös, die inmitten ihrer literarischen Versuche eben um diese Zeit die 
politische Laufbalm betreten wollten, waren ebenfalls Anhänger dieser neueren 
Richtung der Redekunst. 

Es vergingen kaum zwei Jahrzehnte und die ungarische politische Bered- 
samkeit war ebenso zur Blüte gelangt wie unsere Dichtung, und beide wetteifer- 
ten gleichsam miteinander. Die wertvollsten Producte, welche unsere Literatur in 
den SOer und 40er Jahren aufweisen konnte, waren vornehmlich poetische und 
oratorische Werke, und die Hauptvertreter der neueren Redekunst blieben diesel- 
ben, welche diese Eunst gegründet hatten, wiewohl sich ihnen auch jüngere 
Talente anschlössen. Eölcsey schwebten die Meisterwerke der klassischen, vor- 
nehmlich der griechischen Redekunst vor Augen, aber er drückte moderne Ideen 
nnd Empfindungen aus imd schöpfte aus der Tiefe seines starken Geistes niid 
seines weichen Herzens jene Elemente des Pathos und des Spottes, der Versen- 
kung und Erhebimg, welche für seine Beredsamkeit so charakteristisch sind. Seine 
hervorragenderen Genossen überflügelten ihn in Hinsicht auf Reichtum an poli- 
tischen Ideen imd auf parlamentarische Taktik, aber Formschönheit und Spmch- 



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XUV. JAHRBSVERÖAMMLÜNO DER KISFALUpT-OBSELLSCHAPT. ^55 

konst lernten Alle von ihm. Sz^chenyi war gewissermassen das Gegenteil Kölosey's; 
er kümmerte sich wenig um die Form, aber in seinen sohwerfälligrai Sätzen blitz- 
ten die Funken des Genies auf und so impfte er unserer Bedekunst ein neues 
Element, den Humor, ein. An den Eeden Aurel Dessewffy*s und Josef Eötvös* war 
auch der Einfluss der englischen und französischen parlamentanschen Beredsam- 
keit bemerkbar. Aurel DessewfiPy's lebendige Klarheit, wendungsreiche Leichtig- 
keit und feine Dialektik bereicherten die ungarische Beredsamkeit von einer neuen 
Seite. Eötvös erschloss uns die Schätze seines denkenden Geistes und fohlenden 
Herzens, indem er mit der ungarischen Vaterlandsliebe europäisobe Ideen ver- 
schmelzte. 

Indessen ragten aus der Gruppe der ausgezaichneten Bedner zwei Gestalten 
empor, nicht blos als die höchsten Bepräsentanten unserer Beredsamkeit, sondern 
zur Zeit auch als die Verkörperungen des nationalen Geistes : Deäk und Eossuth. 
Dieser erreichte den Höhepunkt seiner Wirkung 1848 — 1849, jener 1861— J 876. 
Die Beredsamkeit Beider hatte grosse Thaten zur Folge, welche ihre Gestalt, sowie 
das Fiedestal und den Hintergrund derselben noch mehr hervorhoben. Ihr Charak- 
ter, ihre Bedekunst, ihre Politik waren gleicherweise verschieden von einander, 
aber eben in Folge dieser Verschiedenheit wurden sie in verschiedenen Zeiten zu 
Führern der Nation. Ein Hauptelement der Bedekunst Deäk's ist das st^ke Urteil 
und die scharfe Logik, jener Eossuth's die lebendige Phantasie und flammende 
Leidenschaft;. Deäk's Stil ist einfach, präzis, aber zugleich plastisch, jener Eos* 
suth*s bisweilen in IBombast überschlagend, aber immer klangvoll und Ranzend. 
Niemand verstand es besser alsDeäk über die Verwicklungen einer Frage licht zu 
verbreiten, die Hörer aufzuklären und zu überzeugen ; Eossuth's Eunst war die 
Agitation und Begeisterung. Deäk schien die Bednerkunst gleichsam beiseite zu 
lassen, er wollte mehr nur den Verstand aufklären, aber erwärmte, ohue zu wollen« 
auch 4as Herz ; seine edle Würde, seine aufrichtige Ergriffenheit hob seine Gedan- 
ken, machte seine Ausdrücke wirkungsvoller, und er drückte die Wahrheit, von 
welcher er ausging oder welche er entwickelte, in so vollendeter Form aus, wie die 
grossen Glassiker des Altertums. Eossuth war ganz Bedner, er wollte dies auch 
bleiben und nahm alle Mittel der rednerischen Eunst in Anspruch. Er war ein 
Meister in der Auseinandersetztmg der allgemeinen Ideen, in der Verkündigung 
der Losungsworte der neuzeitlichen Freiheit und in der Ausmalung der Licht- 
und Schattenseiten irgend eines Gegenstandes oder Factums, aber ein noch 
grösserer Meister, wenn er die Saiten der nationalen Erinnerungen, Wünsche und 
Ho£Ennngen anschlug und mit einem pathetischen Aufschrei oder scharfen Spott- 
wort den Sturm der Leidenschaft entfachte. Hiezu kam noch der Wohlklang und 
grosse Umfang seiner Stimme, der Zauber seines fliessenden und abwechslungs- 
reichen Vortrags, welcher von gewählten und doch natürlichen Gesten begleitet 
war. Alles dies fehlte bei Peak. Dabei war Deäk blos Parlamentsredner, Eossuth 
aber gewissermassen ein Mittelding zwischen Parlaments- und Volksredner, und 
diese Eigenschaft destinirte ihn gleichsam zur Bevolution. 

In der Bevolution zeigt unsere Bedekunst keine neuere Entwicklung. Im 
Parlament gab es kaum einen Eampf der Parteien und Eossuth's Beredsamkeit 
erfüllte das Land bis zur Eatastrophe. Zwölf Jahre lang waren die Säle der 



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XlilV. JAHBB8VEB8AMMLUNG DER KISFALUDT-GESBLLSOHAFT. 



Landes- nnd Gomltatshäuser geschlossen and als sie sich wieder anftaten, begeg- 
nen wir groesenteils den älteren Rednern in denselben, in deren Fassstapfen 
anch die neueren traten. Erst nach der Wiederherstellang unserer Verfas- 
sung, als unsere älteren Redner nach und nach abstarben und eine neue 
Generation auf die Bühne trat, gewahren wir eine augenfälligere Veränderong. 
Die politische Beredsamkeit unserer Tage ist in der That nicht mehr die 
alte. Und dies ist auch nicht anders möglich. Die alte Beredsamkeit schöpfte 
aus zwei Hauptquellen: aus den Quellen der Oravamina und der Reform- 
ideen. Der factische Zustand der Verfassung stand in scharfem Gegensätze zu den 
geschriebenen Gesetzen, und die Reformen, selbst die minder bedeutenden, wurden 
unablässig gehemmt. Beide Umstände waren eine reiche Quelle der pairiotiBchen 
Erregung und rednerischen Inspiration. Die Verfassung zu verteidigen, unsere 
Institutionen umzugestalten, die Nation zu regeneriren, das war die grosse Auf- 
gabe. Die grossen Erinnerungen der Vergangenheit, die kühnen Hofihungen der 
Zukunft hoben die Geister und nährten die Begeisterung. Jetzt ist der factische 
Zustand in Einklang mit den Gesetzen, die grossen Principien der Reformen 
haben gesiegt and auf der Tagesordnung ist mehr nur die Ausführung der Detailst 
die schwere Arbeit des Ausbauens, welche viel Fachkenntniss erfordert, aber weni- 
ger auf die Phantasie und das Gemüt wirkt. Deshalb neigt sich unsere Redekunst 
gewissermassen dem referirenden, abhandelnden, conversirenden Stil zu. Dies ist 
nicht allein bei uns, sondern in ganz Europa der Fall. Auch Frankreich und 
England haben heute nicht Redner von der Art, wie in der ersten Hälfte unseres 
Jahrhunderts. Dies lässt sich auf mehrere Ursachen zurückführen : teils auf die 
Veränderung des Geschmacks, dessen Element derzeit in geringerem Maasse das 
Pathos ist, teils auf den Sieg mancher Principien, welche die Geister bis zur 
Ermüdung zu grosser Eraftanstrengung gezwungen hatten, teils auf die Enttäu- 
schung hinsichtlich gewisser Ideen, welche grosse Redner so laut verkündet 
hatten. Ja auch die Wohlredenheit selbst ist in Verruf gekommen. Es gibt im 
Auslande und anch bei uns genug Leute, welche die Redekunst überhaupt für ein 
theatralisches Kunststück, für literarisches Geistreichthun halten, das eines ernsten 
Politikers nicht würdig sei. Trotz alledem wird die Redekunst ebenso wenig aas 
der Welt verschwinden, wie die Dichtkunst. Beide wechseln ihren Gegenstand, 
ihre Form, geben den Schwankungen des Geschmacks nach, ja schaffen dieselben ; 
in ihrem Wesen aber bleiben beide unverändert. In den öffentlichen Verhandlun- 
gen wird immer Derjenige am meisten Wirkung erzielen und ein wahrer Redner 
sein, der die Ideen klar zu ordnen, die Beweise wohl zu gruppiren, die Teile zu 
proportioniren, den natürlichen und charakteristischen Ausdruck zu finden, über 
seinen Gegenstand die Lebendigkeit des Geistes, die Wärme des Gemüts ausza- 
giessen versteht, möge er sich nun in das Bereich der höheren Redekunst erbe- 
ben oder zum abhandelnden und conversirenden Vortrage herabsteigen. Der 
Dichter bleibt immer Dichter, ob er nun eine Ode oder eine Elegie oder ein Lied 
oder ein Epigramm schreibt. Wie in der Poesie, hat auch in der Prosa jede Kunst- 
gattung, jode Kunstform ihre eigene Schönheit, wenn sie aus ihrem Gegenstande 
hervorquillt, ein individuelles Gepräge trägt, unsere Aufmerksamkeit, unser In- 
teresse zu erregen weiss und auf uns zu wirken vermag. 



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XLIY. JAHKB8VEBSAMMLUNG DBB KI8FALUDY-GBSELLB0HAFT. ^7 

Es ist daher nioht ein Niedergang unserer Bedekunst, wenn sie unter den 
veränderten Verhältnissen andere Formen sucht und findet, als die alte. Wir 
müssen aber ihre Eigentümlichkeiten prüfen und ihre Qefahren vermeiden. Auch 
unsere alte Bedekunst hatte ihre Schattenseiten. Selbst unsere besseren Bedner 
verfielen leicht in Bombast, und die klangvollen Sätze, welche mehr das Qhr, als 
die Seele erfüUen, waren in der Mode. Unsere jetzigen Bedner, selbst die besseren, 
werden leicht nachlässig, und der oonversirdnde Ton, der sorglos sprühende Witz 
passt bisweilen mehr in einen vertraulichen Kreis, als in das Parlament. Die For- 
cirung der Würde und des Pathos erzeugt Gezwungenheit, die übertriebene Zwang- 
losigkeit wird zur Alltäglichkeit. Es ist unleugbar, dass unsere heutigen Bedner viel- 
seitigere Kenntnisse haben, als die alten ; die alten waren zumeist im Staats imd 
Privatrecht und der allgemeinen PoUtik bewandert ; jetzt nötigt der viel umfang- 
reichere Wirkungskreis unseres Parlaments, die complicirtere Organisation des 
Staates und der Gesellschaft unsere Bedner zu vielseitiger Vorbildung. Aber es ist, 
als ob die Aelteren das, was sie wussten, lebendiger vorgetragen hätten und weni- 
ger in Trockenheit verfallen wären. Wir sprechen viell^cht übermässig viele 
sogenannte grosse oder grossangelegte Beden, welche in vielen Fällen blos lang 
sind. Dazu kommt noch die übertriebene Mode der Polemik. Das Parlament ist 
allerdings der Kampfplatz der Ideen, der Parteien, ja der politischen Leidenschaf- 
ten und auch die persönliche Polemik ist unvermeidhch, aber es ist etwas ganz 
Anderes, die in der ZergUederung oder Verteidigimg irgend einer Frage vorge- 
brachten oder möglichen Einwürfe gruppiit und in ihrem Wesen zu widerlegen, 
als im Einzelnen bis in die Kleinlichkeit hinein die einzelnen Bedner zu kritisiren, 
was häufig der gehörigen Beleuchtung der Hauptidee, der Abrundung der Bede 
Eintrag thut und zu Abschweifungen, Gegenreden und Erläuterungen Anlass gibt, 
ludespen, wie immer wir hierüber denken, so viel ist gewiss, dass aU das, was den 
überflüssigen Wortaufwand befördert, nicht die Quelle der wahren Beredsam- 
keit ist. 

Zwischen imserer älteren und neueren Bedekunst besteht auch noch ein 
anderer beachtenswerter Unterschied. Unsere ältere Bedekunst stand in engerem 
Zusammenhang mit den literarischen Studien, ja mit der Literatur selbst. Die 
ausgezeichnetsten Beden wetteiferten zugleich mit den besten Producten unserer 
Prosa. Wir haben auch jetzt aiisgezeichnete Bedner, aber dies kann von ihren 
Beden bei aller Anerkennung nicht behauptet werden, wenigstens keinesfalls in 
solchem Maasse. Es ist als ob der Siim für die literarischen Formen abgenommen 
hätte. Wollten sich doch unsere Bedner neben ihren Staats- und reohtswissenschaft- 
hchen, finanziellen imd nationalökonomischen Studien mehr mit literarischen Stu- 
dien befassen ! Ein guter Scliriftsteller, ja selbst ein guter Verfasser von Beden ist 
darum noch kein guter Bedoer auf der Tribüne. Das Schreiben und das Beden sind 
zwei vei^schiedene Dinge ; überdies kann der Schriftsteller ohne die Kunst der Bede 
bestellen, der Bedner aber ist ohne eine gewisse Kunst des Schreibens nicht denkbar. 
Das wissenschaftUche Buch wendet sich an die Fachverständigen, aber die Dich- 
tung, die Literatur im engeren Sinne imd die Bedekunst an das Publikum. Mit je 
mehr Leichtigkeit, Klarheit, Lebendigkeit der Bedner seine Ideen entwickelt, je 
mehr er die Wirksamkeit des Vortrages, die Feinheiten der Sprache in der Gewalt 
hat, desto besser dient er der Sache, für die er kämpft, desto mehr wirkt er nicht 

üngadMlM BeTne, XI. 1891. IlL Heft. 17 



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258 XLIV. JAHRESVERSAMMLUNG DER KISFALÜDY-OBSBLLSCHAPT 

nur auf seine Hörer, sondern anoh auf das grosse Publikum, weil in unseren Tagen 
eine gesprochene Bede am andern Tage bereits in allen Teilen des Landes gelesen 
werden kann. Alles dies kann der Redner am besten aus den grossen Dichtem 
und Prosaikern erlernen. Ein französischer Kritiker macht die richtige Bemerkung, 
dass die Dichtkunst, welche der höchste Ausdruck der literarischen Kirnst ist, 
auch die Prosa mit sich reisst und zur Erhebung zwingt; wenn die Prosa keine 
höhere Kunst vor sich sieht, mit welcher sie wetteifern kann, wenn sie nicht 
unentwegt die kritischen BUcke des geübten und verfeinerten Geschmacks auf sich 
geheftet fohlt, gibt sie ihrer Natur nach und fallt in die Alltäglichkeit zurück. 

Wenn indessen der Unterschied zwischen der älteren und neueren Bede- 
kunst derart gezogen wird, ist diese Charakteristik mehr nur allgemein zu verstehen 
und es kann nicht geleugnet werden, dass wir auch stürmische Tage haben, wo in 
unserer, der abhandelnden und conversirenden Prosa zuneigenden Bedekunst das 
Pathos auflebt Aber der Uebelstand ist der, dass dies im Yerhältniss zum Gegen- 
stande und zur Situation selten der Fall ist und bisweilen, wie Mirabeau zu sagen 
pflegte, dem Blitz und Donner der Oper ähnelt. Die Bedekunst ertragt, ja sie liebt 
eine gewisse Uebertreibung, eine stärkere Zeichnung und Farbengebung ; aber 
wenn wir auch die Uebertreibung übertreiben, wenn wir die starken Züge und 
Farben forciren, verirren wir uns leicht in die Karrikatur. Wenn wir die Gefahr 
des Vaterlandes, den Verrat an den Interessen der Nation, den Verfall der ö£Eent- 
lichen Moral sehr oft erwähnen ; wenn wir auch bei den verhältnissmässig nicht 
eben allerwichtigsten Fragen die Sturmglocke läuten, verderben wir unsere Bede, 
denn da die Erregung und der Ton mit der Wirklichkeit nicht im Einklänge ist, 
ruft er mehr oder weniger einen komischen Gegensatz hervor ; überdies wenn das 
Pubhkum etwas oft hört, gewöhnt es sich so sehr daran, dass wir vielleicht gerade 
dann keinen Widerhall finden, wenn wirklich eine Gefahr im Anzüge ist. Wenn 
wir beim Verluste eines uns teueren Tieres imsere Tränen ausweinen und wehkla- 
gen, was bleibt uns für den Fall, wenn uns unser teuerster Freund oder unser Kind 
stirbt ? Der Bedner hat auch noch aus anderem Gesichtspunkte die Selbstbeherr- 
schung inmitten der Aufwallungen der Leidenschaft nötig. Das Parlament ist 
allerdings kein Salon und erträgt bis zu einem gewissen Grad den Spott und die 
Schärfe, aber, euphemistisch gesprochen, nicht die Bohheit, am wenigsten dann, 
wenn dieselbe beabsichtigt und berechnet ist. Die Bauferei in Worten verdirbt die 
Bedekunst ebenso, wie in Griechenland die blutigen Schauspiele des Gircus, ab 
die römischen Eroberer dieselben dort einführten, die dramatische Kunst verdar- 
ben. Aber vor der bis dahin gehenden Entartung bewahrt uns die Autorität unse- 
rer Parteiführer, das Beispiel unserer hervorragenden Bedner und auch die Macht 
der öffentlichen Meinung. 

Es sind nun fünfzig Jahre dahingegangen, seit sich unsere neuere politische 
Bedekunst zu entwickeln begonnen und in ihrer Entwicklung so tiefe Spuren in 
der Geschichte unseres öffentlichen Lebens und unserer Literatur zurückgelassen 
hat. An sie knüpfen sich die grossen Erinnerungen unserer Wiedergeburt, unseres 
Buhmes und unseres Leides, unserer Erhebung und unserer Weisheit. Gebe Gott, 
dass die folgenden fünfzig Jahre der vorangegangenen fünfzig würdig seien und 
unsere politische Bedekunst unseren nationalen Bestand inmier mehr festige und 
unsere Literatur bereicheret 



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XLIV. JAHB£»VEB8AMMLÜNG DER EISFALUDY-GE^BLLSOHAFT. ^^ 

Und hiemit erö£fne ich die vierundvierzigste feierliche Jahressitznng der 
Kisfialudy-Gesellschaft. 

Hierauf las der Secretär ZoltAn Beötby seinen Bericht über die Wirksam- 
keit der Gesethchafi im Jahre 1890, dem wir folgende Daten entnehmen : < 

In die bescheidene und stille Thätigkeit der Eisfaludy-Gesellschafb drang 
auch in diesem Jahre mehrmals das begeisterte Getöse nationaler und literarischer 
Festlichkeiten. In Arad feierte die Nation ihre Blutzeugen durch Aufstellung eines 
Erzdenkmals auf dem cPlatze der Märtyrer •. Der schöne Tag war zugleich ein 
Fest der ungaiischen Bildhauerkunst. Unsere Poesie und Literatur verdankt ihre 
Wiedei^eburt der nationalen Idee, und wie die ungarische Schauspielkunst ist 
auch die ungarische Bildhauerkunst im und zum Dienste dieser Idee geboren wor- 
den. Auss^em wurde im Yoijahre eine ganze Beihe literarischer Gedenkfeste 
gefeiert. Das Comitat Szatm4r feierte die hundertste Geburtstagswende seines gross- 
ten Sohnes, Franz Eölcsey. Debreczin giündete auf den Namen und zum Andenken 
Michael Cspkonai's einen Verein, welcher seine Thätigkeit mit einer Festsitzung 
eröfiEnete; das Comitat Neograd enthüllte feierlich das Porträt Emerich Madäch's; 
das evang. Lyceam in Oedenburg feierte am hundertsten Jahrestage der Grründung 
seiner ungarischen Gesellschaft das Andenken ihres Gründers Joh. Kis. An allen 
diesen Festen nahm unsere Gesellschaft durch ihre Vertreter teil. 

Der Erneuerung des Andenkens unserer ehemaUgen Literaturgrössen dien- 
ten auch mehrere Publicationen der Gesellschaft. Sie edirte im Yoijahre in drei 
grossen Bänden die gesammelten Werke Paul Szemere's, des Meisters des feinen 
Geschmacks, unter der Bedaction seines gelehrten Schülers Josef Szvorönyi ; femer 
einen weiteren Band der Studien Johann Erdölyi's, eines jener grossen Kritiker, 
welche wissen, dass die Kunst die ewige Verjüngung des Menschengeistes ist. 

Hieran reihen sich mehrere PubUcationen, welche in gelungenen Uebersetzun- 
gen klassische Werke fremder Literaturen der unsiigen aneignen. Diese sind: der 
Kyklop des Euripides in der preisgekrönten Uebersetzung Gregor Csiky's ; Göthe's 
Iphigenie in Tauris in der trefflichen Uebersetzung Johann Csengeri'^; die 
Gedichte Giacomo Leopardi's in der gelungenen Uebersetzung Anton Bad6*s> 
endlich Konrad Ferdinand Meyer's historischer Boman cDer Heiliget in der 
Uebersetzung Eugen Pöterfy's. Ausserdem veröffentlichte die Gesellschaft im 
Vorjahre den M. Band ihrer c Jahrbücher •, welcher unter Anderem eine grössere 
Arbeit über die rumänische Volksdichtung von Oskar Mailand enthält, dessen 
ethnographische Studienreise die Gesellschaft durch eine Subvention gefördert 
hatte, wie sie auch im Vorjahre Julius Sebesty^n unterstützte, der eine reiche 
Sammlung ungarischer Volksdichtungen von jenseits dei Donau heimbrachte. Wer 
die Geringfügigkeit der Mittel der Gesellschaft kennt« wird diese ihre Editionen 
und Forschungen nicht geringachten. 

Eine andere Seite der Thätigkeit derKisfaludy-Gesellschaft waren ihre öffent- 
Uchen Vorträge. Ihre zehn monatlichen Vortragssitzungen versammelten ein distin- 
guirtes und zahlreiches Auditorium. An den daselbst gehaltenen Vorträgen betei- 
ligten sich 16 Mitglieder der Gesellschaft und 10 Gäste. Die Zahl der Vorträge 
belief sich auf 51, wovon 15 in Prosa und 36 in Versen ; Originale 45, übersetzte 
Dichtungen 6 ; ästhetischen und literarhistorischen Inhalts 10, Prosaerzählungen 
5, erzählende Gedichte 7, dramatische 4, lyrische 20. 

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2W XLIV. JAHRBSVBRßABfMLüNG DER KISPALÜDY-OBSBLLSCHAFT. 

Aach ausser dem zahlreichen Aaditorium ihrer Yortragssiieimg^xi erhielt die 
Gesellschaft ermunternde Anerkennimg imd materielle Unterstützong. Die Pester 
Erste Yaterlfindisohe Sparacsse vermehrte, wie alljährlich, auch im Vorjahre mit 
200 fl. das Stammcapital der Gesellschaft, welches nunmehr 112.091 fl. 50 kr. 
beträgt. Daro trugen im letzten Jahre noch bei : Emerieh Baghi imd der Tordaer 
Frauenverein je 100 fl. als Gründerbeiträge, Ste&n Balogh 100 fl. und Karl Värady 
200 fl. als Legate. Andererseite erlitten wir durch den Tod einen schweren Verlust. 
Es veriiess uns einer unserer wertesten Genossen : Karl P. Szathm&ry, der in 
vielen Zweigen iet Literatur thätig war, besonders aber auf dem Felde des histo 
riechen Romans Werke lieferte, welche den Beifall weiter Kreise fanden. 

Nach diesen officiellen Enunoiationen folgten die Vorträge. Zuerst las Karl 
Szäsz Erinnerungen an Michael Tompa vor dessen Bude, welches von Ignaz 
Boskovits im Auftrage der Gesellschaft gemalt, auf der Estrade des Stales auf- 
stellt war. Der Vortragende wendete sich direct an das vorzügliche Porträt. 
In diesem meisterhaft gelungenen Bilde — dies die wesentlichsten Züge der 
künstlerisch ausgeführten, mit voller Wärme geschriebenen und vorgetragenen 
Bede — steht Michael Tompa's Antlitz und Gestalt, wie sie sich jenseits des 
Lebensmittags, auf dem Gipfel des Mannesalters dem Auge präsentirte, in voller 
Wirklichkeit vor mir. Aber das geistige Auge, unterstützt von Gedächtniss und 
Phantasie, ist stärker und die von ihm geschauten Bilder sind lebendiger und 
reicher, als die vor dem leiblichen Auge stehende Gestalt. Ich sehe ihn in der Fülle 
seiner Manneskraft, wie ich ihn 1851 — den 33-jährigen Mann — zum ersten Mal 
in seiner halbverfallenen Nelem^rer Pfarrerwohnung besuchte, die er mit so viel 
Humor besungen hat, in der er so glücklich war, die seine herzensgute, liebend- 
geliebte Gemahlin innerlich und äusserlich mit seinen Lieblingen, den in seinen 
«Blumenmärchen» verherrlichten Blumen geschmückt hatte. Damals fühlten die 
glücklichen Gatten noch nicht jene Schläge des Lebens, welche ihnen später so 
reichlich zugemessen wurden, welche Tompa*8 Leben brachen und ihn frühzeitig 
alt machten : den Mhzeitigen Tod ihrer Kinder, das langwierige Kränkeln der zart- 
gebauten Frau, sein eigenes, sich rapid entwickelndes Herzleiden, welche ihn der 
Welt und den Menschen gegenüber krankhaft empfindlich machten und seinen 
gemütvollen Humor in bittere Satire umschlagen UessMi. Aber wenn seine Leiden 
sein Cbmüt auch gewissermassen verbitterten, gruben sie seinen Empfindungen 
nur ein desto tieferes Bett und gaben seinem poetischen Geiste eine nur noch 
potenzirte Kraft. Selbst unter unseren Vortrefflichsten haben nur Wenige so tief 
aus sich selbst und nur aus sich selbst geschöpft. Auch die aus der Volksdichtung 
empfangenen Stimmungen läuterte er erst durch sein eigenes Gemüt, wie unter 
seinen Volksliedern die wertvollsten bezeugen. Seine Liebeslyra hatte wenige 
Saiten, diesen aber wusste er wahrhafte Töne zu entlocken. Seine patriotische 
Leier vermochte nicht die Begeisterung, nur den Patriotenschmerz ei^lingen zu 
lassen. In den Tagen der Revolution und des Freiheitskampfes gab sie kaum einen 
Ton, da sein zur Betrachtung hinneigender Geist zum plötzlichen Aufflammen 
minder geeignet war. Aber als die Nation niedergeschmettert schwieg und litt, da 
schlug er in seinen Gedichten cDer Storch», tAuf derPussta», tBrief an einen 
ausgewanderten Freund» Saiten an, welche in allen Heizen Widerball weckten. 



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XlilV. JaHBÜBVHBBAMMLUHO DBB KISFAtÜBY-ÖSSttLLSOHAFt. ^^ 

indem ae dem verbüllten Qedanken eibenao wahren wie ergreifenden AoBd^rock 
gaben. Und dennoch erreicht Tompa's Dichtung nicht in diesen unmittelbaren 
Ansdrftcken des patriotischen Schmerzes ihren Oipfelpankt. Dieselbe Phantasie, 
welche die reizenden «Volksmärchen» und cBlumenmärchen» geschaffen, schuf im 
Bunde mit dem Hanptdiarakterzuge seines Oeistes, der sinnenden Betrachtung, 
jene Allegorien, deren tielian Sinn Jedermann verstand und deren Wirkung sich 
Niemand entziehen konnte: «Der Vogel an seine Jungen», «Der yerfallende 
Wald», «Der breitkronige Bieeenbaum» , «Alte Gtenchichte», «Der verwundete 
Hirsch», «Bamaon», «Hebräische Legende«, «Herodes», «Ikarus», «Sturm», 
«Der neue Simeon». Wer erinnert sieh nicht noch heute der Wirkung, welche 
diese Allegorien übten, und welche er auch mit seinen Einkleidungen ähnlicher 
Ideen in das Qewand der Ode nicht überbie/en konnte, wiewohl sich auch hier 
Meisterstücke finlen, wie: «Im Schlosse zu Pressburg», «Im November» und vor 
Allem «Erinnerung an Eazinczj». — Ich kannte ihn in dieser vollen Olanizeit 
seiner Blüte, besser gesagt, seines geistigen Fruchttragens, und h^ite, wo sein 
Bild Tor meinen Oeistesaugen wieder lebendig wird, mein Herz vom Zauber- 
hauche seines Andenkens wieder erzittert, weiss ich nicht, ob meine liebe oder 
meine Verehrung od^ meine Bewunderung für ihn grösser gewesen. 

Als ich ihn nach Jahren wiedersah, lauerte in den zahlreichen Runzeln seines 
Antlitzes, den tiefen Furchen seiner Stime und im matten Lodern seiner Feuer- 
augen schon jener «böse Geist», der nach Vernichtung sehnsüchtige Selbstmord- 
gedanke, vor welchen ihn Johann Arany warnte. Doch war derselbe, wiewohl et 
ihn oft quälte, blos der Schatten einer vorüberziehenden Wolke auf seinem Geiste 
und seinem Antlitze. Er weist ihn zur Buhe in den herrlichen Gedichten: «Glaube», 
«Gottes Wille», «Liebe», «Am Grabe des Theuren» (seines kleinen Sohnes) und den 
«Letzten (Gedichten» (an seine Frau). — Der Mensch krümmt sich bereits unter 
den Qualen der Auflösung, dass es Qual ist, ihn zu sehen — ich sah ihn — , aber 
der Dichter steht noch in der Fülle seiner Kraft da ; der Körper erkaltet, die Extre- 
mitäten erstarren bereits, aber das Gehirn g^ht noch, das Herz ist noeh warm 
und — liebt f 

Noch drei Bilder drängen sich vor mein geistiges Auge: die Bahre, die 
Witwe, das Grab. Die beiden ersten führt mir blos die Phantasie vor, das dritte die 
Erinnerung. Als ich es sah, ruhten bereits alle Drei darin : das teure Kind, der 
Dichter und die Witwe. Ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen in der Ewigkeit ist 
bereits in Erfüllung gegangen ; trösten auch uir uns mit dieser Ho&ung, und bis 
sie in Erfällung geht, gedenken wir ihrer f Unser Gedenken nähren jene herrlichen 
Lieder des Patriotenschmerzes und der patriotischen Erlösungshoffhung, welche 
Tompa seiner Nation in der Periode des düstersten Schmerzes gesungen ; dasselbe 
unterstützt auch dieses Bildniss, welches sein leibliches Antlitz uns treu vorstellt 
und, um seine äussere Gestalt dem Gemeinbewusstsein einzuprägen und -darin zu 
erhalten, von unserer Gesellschaft der gegenwärtigen und den künftigen Genera- 
tionen hiemit übergeben wird. 

Hierauf las Victor Dalmady zwei eigene Gedichte imter dem gemeinsamen 
Titel: tin Siebenbürgen^, you denen das erste «Mathias* Geburtshaus» angesichts 
des Geburtshauses des grossen Königs in Klausenburg, seinem Andenken eine 
Lobeehymn^ singt, während das zweite: «Losungswort» die Losung ausgibt, 



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*ßi tlECAUfÖIS OOPPiSe über UKÖAittßiiflft LtTÄ&ATÜft. 

jede» Herz, das noch nicht ungarisch ist, der ungarischen YaterlandsUebe zn 
gewinnen. 

Nun las Karl Yadnai eine längere humorvolle Geschichte : Hymen, Erzäh- 
lung von einem heiratsföhigen Jimgling. Der Held der Erzählung ist ein junger 
Huszaren-Iieutenant, der die vom Vater ererbte eine halbe Million verschwendet, 
überdies hunderttausend Gulden Schulden macht, deshalb aus dem Militärverbande 
austreten muss, aber, da zu jener Zeit die Verfassung Ungarns suspendirt ist, von 
keiner Verwandten-Clique mit einem Comitatsamt versorgt werden kann, nach 
einigen misslungenen Versuchen, sich durch Arbeit seinen Unterhalt zu erwer- 
ben, sich schliesslich einer bejahrten reichen Witwe an den Hals wirft, in der 
Hofihung, sie binnen zwei Jahren beerben zn können, in dieser Hoffnung jedoch 
arg getäuscht wird, da die kränkelnde Gattin in Carlsbad volle Genesung findet, 
ihn unter steter Vormundschaft hält und schliesshch, nachdem er sich beim 
Jagdvergnügen ein Podagra zugezogen, ihn, der sie zu begraben gehofft hatte, zu 
Gntbe geleitet. 

Zum Schlüsse las Anton VArady ein Gedicht Josef L^vay*s : tDer alte Nuss- 
baunf vor, welches das Lob eines alten Nusnbaumes singt, der einer glücklichen 
armen FamiHe ein schattiges Obdach und labende Früchte spendet und dafür ihres 
Segens teilhaft wird. 

Nun folgte noch die kurze Meldung, dass die letztjährigen P^reisaussohrei- 
bungen der Gesellschaft leider resultatlos geblieben seien, worauf der Präsident Pftul 
Gyulai mit kurzem Dankwort an das zahlreiche und aufinerksame Auditorium 
die 44. feierliche Jahressitznng der Gesellschaft schloss. 



FRANCOIS COPPlßE ÜBER UNGARISCHE LITERATUR. 

♦ 

Fran9ois Copp^e hat zu der von Fräulein E. Hom, der Tochter des verewig- 
ten imgarischen Staatssecretärs Eduard Hom, herausgegebenen französiscben 
Bearbeitung Eoloman Mikszäth'scher Novellen (Kdlmdn de Mikszäth, Scenes Hon- 
groises, traduites par E, Harn. Prdface de Frangois Copp^e de VAcaddmie Fran- 
qaise, Paris, 1890, Quantin) ein Vorwort geschrieben, das in vollständiger Ueber- 
setzung folgendermassen lautet : 

dm Jahre 1885, anlässlich der Budapester Industrie- und Kunstausstellung 
habe ich eine feenhafte Beise in Ungarn gemacht. Wir waren, an vierzig Franzo- 
sen, die Gäste des magyarischen Volkes, welches in uns ganz Frankreich accla- 
mirte und festlich bewirtete. Für mich bleibt es eine unvergessliche Erinnerung. 
Ich habe nur die Augen zu schliessen, um sie wiederzusehen, die illuminirten 
Städte, die geräumigen Banketsäle, wo alle Tokajergläser sich uns zu Ehren erhe- 
ben, um zu hören, wie auf den tollen Geigen der Zigeuner die Marseillaise und der 
Bäköczi-Marsch losbrechen. Ungarn handelte damals in sehr edelmütiger und sehr 
rührender Weise : es reichte Besiegten die Hand. Gewiss, es waren uns, auch nach 
unserer Niederlage, sehr wackere Freunde erhalten geblieben. Allein zum ersten 



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PRAN901Ö OÖPP^ ijBHB ÜNOABISÖHB IJTBRATtJR. ^^ 

Mal seit dem verderblichen 1870-er Krieg fühlte Frankreich eine Nation, eine 
ganze Nation darch einen grossen Zug von Sympathie zu sich hingezogen. Dieses 
Oeffthl — ich mfe meine Beisegeföhrten als Zeugen an — haben wir Alle tief 
empfunden und» zu wiederholten Malen, haben wir bei diesen enthusiastischen 
Manifestationen zu Gunsten unseres lieben Vaterlandes gefühlt, wie Tränen der 
Dankbarkeit und Freude uns in die Augen traten. 

Wenn jedoch diese verzauberte Excursion durch zahlreiche Städte im Feet- 
gewand mich Ungarn inniglich lieben lehrte, so kann ich nicht sagen, dass sie 
mich Ungarn kennen lernen liees. Ich habe dieses schöne Land nicht in seinem 
normalen Znstande gesehen. Ich sah es zu sehr geschmückt, sozusagen zu viel in 
seinem Sonntagsstaate. Ich bin nicht in sein intimes Leben eingedrungen. cAuf 
Wiedersehen,! sagte ich am Tage der Abreise, indem ich meinen lieben Gaatfreun- 
den die Hand drückte. Und ich nahm den lebhaften Wunsch mit mir, bald wieder- 
zukommen, die blonde Donau wiederzusehen — denn sie macht dem Strauss'schen 
Walzer nicht das Vergnügen, blau zu sein — , meine magyarischen Freunde 
wiederzufinden, mit ihnen die vergoldeten Tiefebenen und die Akazienwälder zu 
durchjagen und auf dem Osärdatische jenen Wein zu trinken, von dem der Dich- 
ter Pet6fi sagt : t Alt wie mein Ahn' und warm wie meine Liebstei, während der 
Zigeuner, immer näher an meinem Ohr geigend, mir jene berückenden Improvisa- 
tionen eingeschänkt hätte, die uns anfangs in so süssen Schlummer wiegen und 
Bchliesfllich unsere Nerven bis zum Weinen erschüttern. 

Ja, ich war entschlossen, dorthin zurückzukehren. Allein es ist weit vom 
Eelchesrand bis zu den Lippen, es ist weit vom zärtlich gehegten Vorsatze bis zu 
dessen Verwirklichung. Zu viele Bande, zu viele Pflichten hielten mich in Paris 
zurück, und fünf Jahre sind verflossen, ohne dass ich ein zweites Mal den Orient- 
Expresflzug hätte besteigen können, um Zigarretten aus türkischem Tabak auf den 
Donanqnais rauchen zu gehen, angesichts der stolzen und pittoresken Silhouette 
der altehrwürdigen Veste von Ofen. 

Nun denn, von diesem, fast sehnsüchtigen Bedauern, dass es mir nicht 
möglich war, Ungarn wiederzusehen und besser kennen zu lernen, ward ich so- 
eben ein wenig getröstet, nachdem ich ein kurzes und köstliches Buch gelesen, 
«Scdnes Hongroises» von Herrn Eoloman de Mikszäth. 

Der Herausgebcur, Herr L^grädy, einer unserer liebenswürdigsten Bewirter 
im Jahre 1885, bittet mich bei her Zusendung der französischen Uebertragung der 
«Seines Hongroisest, ich möge denselben als Einfnhrer beim französischen Pub- 
likum dienen, und er teilt mir einige biographische Notizen über den Verfasser 
mit, die ich vorerst resumiren werde, da sie notwendig sind, um den Ursprung 
seiner Inspiration und die Natur seines Talents zu erklären. 

Der Vater Eoloman de Mikszäth's, Johann v. Mikszäth de Kis-Gs61t6, 
gehörte dem Eleinadel an, der auf seinem Grund und Boden lebt nach Art der 
Bauern, die Wände seiner Herrenwohnung wohl mehr mit Pfeifen und Jagd- 
gewehren, als mit Büchereien ausschmückend, welche die Fächer einer Bibliothek 
füllen könnten. Er dachte, sein Sohn werde genug wissen, um sein Out zu bear- 
beiten, und er hielt ihn gar nicht zum Studiren an. Wir müssen darob dem wür- 
digen Edelmann Dank wissen. Nichts ist gefährlicher, als frühzeitiger Unterricht 
Wenn man zu früh Bücher liest, wird man ein Buchmensch, «hvresque», wie 



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^ö* PRAN9OIS OOPPÄB ÜBER UNOARISCHB LiTHRATtÄ. 

Montaigne sich atiadrüokt. Man denkt nicht mehr ans sieh selbst hiMraus ; man 
abdicirt von seiner ganzen Persönlichkeit. EolomaD v. Mikssäth hatte somit eine 
freie tmd glückliche Kindheit und verbrachte seine ersten Jahre in voller Natur 
mit den Baiiem. Später verpflichtete ihn zweifellos seine Mutter, seine Studien 
wieder aufzunehmen und er absolvirte sogar sein Jus ihr zu Qefalton ; als er dieee 
jedoch während der 1873-er Cholera-Epidemie verloren hatte, wollte der junge 
Mann, der frei handeln konnte, von ^?ar keiner iutellectueUen Arbeit mehr reden 
hören und nahm seine unabhängigen Gewohnheiten wieder auf. Er blieb auf 
seinem Oütchen, jagte, ritt und brachte mit Schäfern und Feldhütern seine Tage, 
ja sogar seine Nächte zu. Er setsste sich an ihre Hirtenfeuer, blieb bei ihnen bis 
zum Morgenrot unid hess sich ihre Geschichten erzählen. Auf diese Art lernte er 
die Charaktere und Sitten dieser von der westlichen Civilisation noch unberührten 
und noch halb barbarischen Bevölkerung kennen. Mit seinen wilden Freunden 
von einer zuweilen bis zur Herrlichkeit gehenden Freigebigkeit, verwaltete 
Mikszäth seine Besitzimgen so gut, dass er sich in zwei Jahren bis zürn lösten 
Gulden ruinirt hatte, und, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, ward der 
Landedelmann zum Schriftsteller. Gleich bei seinen ersten Publicationen war der 
Erfolg ein enormer. Ungarn begriff sogleich, dass eines seiner Kinder für 
dieses Land dasselbe zu thun im Begriffe sei, was Sacher-Masoch för GaU^ 
zien und Bret Harte für Kalifornien gethan; es erkannte in Mikszith ein 
Talent voller Saft und Ursprünghchkeit ; es applaudirte diesem reisenden 
Erzähler, diesem wahren Dichter, den der nationale Genius so wohl inspirire. 
In wenig^i Jahren wurde er volkstümlich ; seine Werke wtirden ins Deutsche 
und Bussische übersetzt. Ohne das literarische Genre, dem er seinen Böhm 
verdankte, zu vernachlässigen, leistete er auch joumalistisohe Kriegsdienste, 
nahm an der Politik Anteil imd wurde ins ungarische Parlament gewählt, in 
dem er auch heute sitzt. So hatte sich endlich der ndnirte Edelmann, dei 
bizarre und vagabundirende Familiensohn, den fr^iher sidierlich ibehr als^ner 
als schlechtes Subjekt behandelt hatte, mit Hilfe seiner Feder ein« glückliche 
und geehrte Existenz rekonstituirt. 

Ich habe soeben Mikszäth's «Sctoes Hongroises» gelesen und ich bin über- 
zeugt, dass dieselben für das französische Publikum eine reizende Enthüllung bil* 
den werden. Es sind dies, wie der Titel zeigt, nur sehr kurze Scenen, Bilder, die 
ebenso rasch verschwinden, wie sie erschienen sind. Der Autor liat Novellen, 
Erzählungen von grösserer Ausdehnung veröffentlicht. Hier aber hat er mit künst- 
lerischer Kraftleistimg, oder vielmehr mit bewundernswertem Dichterinstinkt, alle 
seine Eindrücke concentrirt, seine Gedanken in einigen wesenvoUen Seiten ver- 
dichtet. Es sind Erzählungen, die auch Gedichte sind. Eine jede dieser ländlichen 
Scenen enthält zugleich ein kleines Drama, ein landschaftliches Gem^de, eine 
Charakterstudie und ein Bild localer Sitten. In einigen Worten heben sich Per- 
sönlichkeiten voller Wahrheit und Leben empor, die Umgebung, in der sie sich 
bewegen, wird hervorgezaubert, die Handlung gelangt zum Ausdruck und zu 
raschem Ende. Es ist Bapidität, mit Vollkommenheit gepaart Und wenn ich 
meine Kritikerloupe noch so sehr ans Auge drücke, vermag ich da keine Autoren- 
manier, keine Künstlichkeit zu entdecken. Man beachte, dass ich es mit einer 
Uebersetzung zu thun habe. Diese verdankt man der eleganten Feder einer jongon 



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PlUK^OtS OOPFlte ÜBBB üHOABtdOfilB UTfiRATÜfi. ^^ 

Ungarin, fttr welche Frankreich ein zweites Vaterland ist, und die alle Feinheiten 
unserer Sprache besitzt. Allein eine Uebersetzung ist bei der literarischen Servor- 
bringong das, was der Qoss bei der plastischen Scböpfang ist. Wie tren und ebr- 
förchtig sie auch sein möge, so drückt eine Uebersetzung stets das Original ein 
wenig nieder und läset die Mängel nur mehr zum Vorscheine gelangen. Nun 
denn, von Mängeln sehe ich gar nichts in diesen köstlichen Eunstobjecten, welche 
die Ausdehnung von Miniaturen haben, obgleich sie mit meisterlicher Grosse aus- 
geführt sind. 

Und wie man sie lieb gewinnt, nachdem man Mikszäth's Buch gelesen, 
diese magyarischen Bauern, naive Naturen, abergläubisch, sinnlich, leidenschaft- 
lich, allein mit einem Fond von Adel, ja sozusagen Bitterlichkeit f Man lese die 
schöne Oeschichte von Filcsik, dem c Heiden», und seinem alten Pelz, der mit 
Tulpen ans roter und grüner Seide bestickt ist. Der Mann ist voll wilder Grösse, 
wenn er über die unter freiem Himmel eingesohlafene Bettlerin dieses kostbare 
Gewand wirft, das er soeben vom Sterbelager seiner entehrten Tochter gerissen. 
Man bewundere Elisabeth Vede*s Unschuld und Bechtlichkeit vor dem Richter, da 
sie sich erbötig macht, die Gef&ngnissmonate zu verbüssen, zu denen ihre Schwe- 
ster verurteilt ist, die, ehe sie ihre Strafe überstanden, gestorben. Doch nein, ich 
will mir nicht den Anschein geben, unter ^esen ausgezeichneten Erzählungen zu 
wählen. Alle sind gleich vortrefflich, und wenn man dieses kleine Buch begonnen 
haben wird, so wird man es in einem Zuge bis ans Ende lesen und es dann wieder 
lesen, um sich darin die Seiten, für die man besondere Vorliebe gewann, zu 
bezeichnen. 

Niemals haben wir uns in Frankreich so viel mit fremden Literaturen 
beschäftigt wie heute. Wir müssen um jeden Preis Neues haben und wir suchen 
dasselbe im Exotischen. Dieser Geschmack — für Viele ist es nur eine Mode — 
macht uns zuweilen ungerecht gegen uns selbst und wir sind dahin gelangt, bei 
Anderen das zu bewundem, was jene Anderen uns entlehnt. Um nur ein Beispiel 
zu citiren, so hat uns Bussland gewiss einige Bücher ersten Ranges, ja ersten 
Genies, in den letzten zwanzig Jahren gegeben. Allein wer würde es zu behaupten 
wagen, dass Tolstoi, indem er seine Kriegsbüder von solch ergreifendem Realis- 
mus zeichnete, sich nicht ein wenig der bewundernswerten Schlacht von Waterloo 
erinnerte, welche den Roman : tLa Chartreuse de Panne» erö&et. Gewiss, es gibt 
keine schmerzlichere und rührendere Figur, als die der Sonia aus «Crime et 
chätiment», allein hat unser Mitleid nicht schon auf die todte Stime Fantine's 
(in Viktor Hugo's : «Les Miserables») einen Euss des Friedens und der Vergebung 
für alles menschliche Leiden niedergelegt ? 

loh will, Gott behüte, nicht an dem grossartigen Aufschwung der Meister 
des zeitgenössischen Russland mit meiner Bewunderung fbiischen. Ich sage nur« 
dass, insoweit es sich um Neues handelt, ich ganz Neues haben will ; hinsichtlick 
des Exotischen, will ich ganz exotisches. Das ist die Befriedigung, welche mir 
Mikszäih*s «Sc^es Hongroises» gewährt haben. Dieses kleine Buch ist absolut 
originell, es verdankt nichts irgend einer anderen Literatur. Es ist magyarisch, 
exciusiv magyarisch. Ich stelle es vertrauensvoll den französischen Lesern vor. 
Es wird ihnen, Ich bin despen sicher, ein Gefühl exquisiter Ueberraschung geben, 
•und sie werden sich wollüstig an dem Dufte berauschen, der dieser Garbe frischer 



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iM ÜKdAfilSOHlS JOtJBKALtBTtK. 

Idyll^, diesem Feldstransse entströmt, der aasseUiesslich ansBlamen der ungari- 
schen Paszta znsammengesetzt ist. 



UNGARISCHE JOURNALISTIK IM JAHRE 1891. 

Josef Szinyei veröffentlioht in der Vasdmapi Vjsdg (Sonntags-Zeitung) eine 
mit ausserordentlichem Fleisse verÜEtöste Uebersicht über den Stand der ungari- 
schen Zeitungen und Zeitschriften am Beginne des Jahres 1891, welcher wir 
folgende Daten entnehmen. 

Es erschienen am Beginne der letzten beiden Jahre in Ungarn : 





j^piftf^g 






1890 


1891 


Differeiui 


L Politische Tagesbl&tter 


23 


23 


— 


n. Politische "Woohenbl&ttor 


43 


41 


- 2 


m. Vermischte ülustrirte Blätter 


3 


3 


— 


IV. Kirchen- tmd Schtdbl&tter 


40 


39 


— 1 


V. Belletristische Blätter 


15 


17 


+ 2 


VI. Hmnoristisohe Blätter ... ... 


13 


10 


— 3 


VU. Fach-Jonnsle 


134 


137 


+ 3 


VlU. Nicht-politische Provinzblätter... 


149 


147 


— 2 


IX. Inseraten-Bl&tter 


5 


5 


— 


X. Zeitschriften 


176 


187 


+ 11 


XI. Vermischte Beilagen 


35 


36 


+ 1 


Zusammen: 


636 


645 


+ 9 



Im Laufe des Jahres 1890 und am Beginne des Jahres 1891 gingen zusam- 
men 92 Journale ein und entstanden 75 neue Zeitungen und Zeitschriften. 

Die erste ungarische Zeitung erschien am 1. Januar 1780 (der «Magyar 
Hirmondö,» herausgegeben von Mathias Bäth in Pressburg) ; in Budapest erschien 
die erste ungarische Zeitung am 8. October 1788 (der «Magyar Merkuriust im Ver- 
lage von Franz Paczkö), doch erst die seit dem 2. Juli 1806 erscheinenden «Hazai 
Tudösitiisok^ (Vaterländische Nachrichten) von Stefan Kulcsär wussten sich län- 
gere Zeit zu erhalten. - 

Der erste Aufschwung der ungarischen Journalistik beginnt mit dem Jahre 
1830, in welchem 10 Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Schon 1840 hatten 
wir 26, 1847 : 33 und in den Sturmjahren 1848/9 plötzlich 86 ungarische Journale. 
Die Niederwerfang des Freiheitskrieges vernichtete auch die ungarische Joumali- 

"^^ Wir erinnern hier unsere LeRer, dass ein Band ausgezeichneter Mikszith'scher 
Skizzen und Erzählungen auch in deutscher Uebersetznng vorliegt: Die guten Hoch- 
länder, Ungarisclie Dorfgescki^fiten von Kolommt Mi-kszdth, Uehertragen durch Dr. Adolf 
Silbersiein. Mit 28 Illustrationen. Szegedin, 1884, Druck u. Verlag Von L. £ndr4nyi & 
Comp., 150 S. D. Bed. 



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RtmZft 6ItZUKG8fiftttT0»T£:. ^7 

stik. Im Jahre 1850 hatten wir blos 9 nngarisohe Blätter, welche Zahl bis 1861 auf 
52 nnd bis 1867 auf 80 stieg. Der Ausgleich und das neu erwachte politische 
Leben verliehen der Journalistik einen grossartigen Aufschwung. Schon im Jahre 
1868 betrug die Zahl der ungarischen Journale 140, 1876: 240, 1880: 368, 1885: 
494, 1889 : 600 und heute 645. 

Von diesen 645 Zeitungen und Zeitschriften erscheinen : 

in der Hauptstadt 298 

in der Provinz 346 (an 140 Orten) 

im Auslande (New- York) 1 

In fremden Sprachen erscheinen ausserdem in Ungarn 1 89 Zeitungen und 
Zeitschriften und zwar: 

Anfang 





1890 


1891 


Difleiens 


in dentsoher Sprache 


110 


132 


+ 22 


• alavifloher . 


32 


37 


+ 5 


< mmSiiiseher » 


19 


15 


— 4 


• itaUenisoher « 


2 


2 





• franisödsoher < 


3 


3 





Zosammen: 


166 


189 


+ 23 



Die GFesammtzahl der in Ungarn in ungarischer oder einer anderen 
Sprache erscheinenden Journale ist demnach derzeit 834 (Anfang 1890: 803. 
Differenz -f 32). 



KURZE SnZUNGSBERICHm 

— Akademie der Wissenschaften. In der Sitzung der I. dasse am 3. 
Februar hielt den ersten Vortrag das correspondirende Mitglied Ivan T^liy unter 
dem Titel : Karl Kisfaludy*8 Elegie ^Mohdcs* griechisch. — Im tEgyetemes Philo- 
logiai Eözlönyi, Heft 9., 1890, erschien Karl KisfEdudy's Elegie tMohäcs» von 
Gustav Eassai im Originalversmass (Hexameter und Pentameter) ins Griechische 
übersetzt. Im 10. Heffe derselben Zeitschrift veröffentUcht Dr. Rudolf Väri kritische 
Bemerkungen zu dieser Uebersetzung. Vortragender kritisirt zuerst diese Kritik, 
hierauf die Uebersetzung selbst und gibt schliesslich seine eigene Uebersetzung der 
genannten Elegie in griechischen Distichen, begleitet von Bemerkungen, in welchen 
er jeden gebrauchten Ausdruck durch Citate aus der Sprache der griechischen 
Epiker, Elegiker und Dramatiker rechtfertigt. 

Den zweiten Vortrag hielt das Ehrenmitglied Anton Zichy Ueber einige an 
den Grafen Stefan Sz^chenyi in den Jahren 1827 — 1886 gerichtete Briefe, Als dem 
Grafen Steüan Sz^chenyi seine dem Dienste des Vaterlandes geweihte Zeit kost- 
barer wurde, sah er sich genötigt, den grössten Teil der an ihn gelangenden Briefe 
unbeantwortet zu lassen, ja ungelesen zu vernichten. Wir dürfen daher jene wenigen 
(im Ganzen 40) Briefe, welche er der Aufbewahrung in einer besonderen Enveloppe 
würdig erachtete, nicht gering scliätzen. Drei darunter stammon von zarter Damen - 
band, nämlich von der Herzogin L., von der Gräfin E., welche psychologisch inter- 



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z^ KÜB2£ BITZÜK6SBfifiI0fil1S. 

essant eind, und von dar Fnxx v. Petröoiy geb. Delevicz^nyL Uoter den von 
Mftnnerhand stammenden behandelt Vortragender eingehender den Brief dee Su- 
perintendenten Johann EIb, welcher sich anf die von der Emancipation der EatlM>- 
Uken liandekiden und von ihm teilweise auch übersetzten Artikel «Bidinbnigh Be^ 
viewt bezieht und von den aufgeklärten liberalen Ansichten seines Schreibers ein 
schönes Zeugniss ablegt. Hierauf den Brildf des ref. Predigers und Dichters 
Gregor ^es, der im 70. Lebensjahre seine eigenen Ideen mit Freuden in Sz4- 
chenyi*s Werke c Hitelt (über den Credit) abgespiegelt sieht. Aber auch katholische 
Priester (Joh. Tatay, f ranz Somogyi und ein Erlauer Priester) beeilten sich, ihrer 
Huldigung Ausdruck zu geben. Einer der interessantesten indessen ist ein ausführ- 
licher Brief des Orafen Josef Dessewfiy, dessen grössere Hälfte sich mit den Aus- 
stellungen befasst, welche Sz^chenyi an der äusseren Form der Zeitschrift tFelsd- 
magyarorszägi Minerva» (Oberungarische Minerva) machte. Interessant ist, was er 
vom damaligen geheimen Spionirsystem, den t Spitzeln», sagt Vor diesen förchtete 
sich auch Graf Stefan Fi^, welcher hoch und teuer schwört, daas er Sz6chenyi*8 
Antwort, wenn er ihn einer solchen würdige, nie einer MensohdBBeele seigen werde. 
Dieser Graf sieht übrigens in der Urbarial- Ablösung, einer der Gkundideen Sz6- 
chenyi's, wenn sie verwirklicht würde, den Untergang unseres Yateriandes. Ein 
Brief Alexander Bertha's gibt dem Grafen Nachricht von dem Erscheinen und der 
grossen Wirkung des Sz^chenyi'schen «Stadium». Manche suchten ihrer Huldi- 
gung durch Geschenksendungen mehr Nachdruck zu geben. Georg Chmel sendet 
Gartenerde, Johann N(^meth Yerpel^ter Tabak, unser berühmter Amerikareisender 
Wolfgang Bölönyi sechs Bouteillen feinen Wein, welcher es mit dem Madeira auf- 
nimmt, Johann Zeyk seine Gedichte u. s. w. Der schönste Brief stammt aus der 
Feder Nicolaus Wessel^nyi's, welchen Vortragender bereits im I. Band seines 
Werkes über Sz^chenyi's Tagebücher mitgeteilt hat Oberfeldwebel Buzits stellt 
sich beiläufig als Tacitus-Uebersetzer vor. Den Bchlnss machen zwei Mitglieder der 
damaligen Bifliichstagsjugend : Ste&n Baksay verwahrt sich gegen den von ungefähr 
auf ihn gefallenen Vorwurf der Unehrerbietigkeit und Anton Noszlopy sendet ihm 
das Poem nach, mit welchem er den aus dem Auslande heimkelnrenden Sz6chenyi 
in Pressburg im Namen der Jugend begrüsat hatte. — Anknüpfend an diesen Vor- 
trag liest der General-Secretär Koloman Szily das Antwortschreiben Sz6chenyi*s 
ai\f ein Huldigungsschreiben des Ingenieurs Johann Gserna-Udvardy, welches sich 
im Nachlass des Letzteren vorfand. 

— In der Sitzung der H. Classe am 9. Februar las Franz Pulszky über dir 
ungarischen heidnischen Oräberfunde. Die Gräberfunde sind die einzigen Denk- 
mäler, ans welchen wir auf die Cultur unserer heidnischen Vorfaliren einiger- 
massen Schlüsse ziehen können. Deshalb verdienen sie mit Becht das Stadium der 
Archäologen. Vortragender zählt die bisherigen heidnisch-ungarischen Gräberfunde 
in der chronologischen Beihenfolge ihrer Auffindung auf. Sechzehn dieser Funde 
werden im Nationalmuseum aufbewahrt; andere in Provinzialsammlungen. Die 
Funde betreffen ausschliesslich Grabstätten vornehmer Personen. In diesen Taj?en 
wurde in Szegedin ein reicher Fund gemacht, den Vortragender später besprechen 
will. Pulszky zählt die reichsten Funde auf, bemerkt jedoch, dass dieselben an 
Wert und Interesse weit hinter anderen Völkerwanderungsfunden zurückstehen. 
Die Zahl der Gegenstände ist gering, die Kunst daran unbedeutend. Zum Schlüsse 



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KUBZB BTTZUNOSBEBIGHTE. ^^ 

sählt der VerÜBsser der Reihe nach die (Gegenstände der eiozehien heidnisoh-onga- 
nsohen Gräberfunde auf, ohne fär jetzt die Ergebnisse der Untersnohnng zu 
resnmiren. 

Hierauf hielt das oorrespondirende Mitglied Alad4r Ballagi einen Vortrag 
über die Eheschliessimgen in Ungarn im XVIL Jahrhundert. Für die damalige 
Unentwickeltheit unseres gesellschaftliohen Lebens spricht nichts so sehr als die 
Ckeohiohte der Ehen. In den höheren Kreisen kam das Princip der Erhaltung des 
Geschlechtes und des Vermögens rückstohtsloe zui Geltung. Da6 Abhangigkeits- 
yerhältniss, in welchem die su Verheiratenden zu ihren Eltern standen, vernichtete 
jedes Becht der Individualität. Zahlreiche historische Beispiele beweisen, dass die 
beiden gehorsamen Geschöpfe den Willen ihrer Eltern ab Gesetz ehren und mit 
ihrer Wahl ziemlich im Beinen sind, bevor sie einander noch gesehen haben. Das 
Uofiren ist ganz dberflüssig : die die äusseren Umstände erwägenden Eltern machen 
das untereinander aus, was eine spätere Zeit durch Salon-Eroberungamanöver 
erzielen lässt. Auch die einander zugedachten jungen Leute selbst sind reine Skla- 
ven der Präoocupation, ihre Neigung lediglieh atif das optbche Moment des ersten 
Eindrucks angewiesen. Die Brantschau hat kaum einen anderen Zweck ab den, 
dass die einander zugedachten Parteien, welche in der Begel einander damab zum 
ersten Male im Leben begegnen, einige Worte mit einander wechseln, um nicht 
ganz ohne einander gesehen zu haben, den ewigen Bund zu schliessen. Nach statt- 
gehabter Brautschau sendet die Familie des Jünglings ein angesehenes Mitglied 
ab. Werber zur Familie des Mädchens. Im Falle günstigen Bescheides wird der 
Zeitpunkt der «Handreichungt oder Verlobung durch Bingwechsel festgesetzt, bei 
welcher Gelegenheit der Priester die Verlobten einander vermählt, welche von da 
an bereits Ehegenossen sind, aber nicht die Ehe vollziehen. Die Braut bleibt näm- 
lich nach der Handreichung noch eine geraume Zeit, bisweilen auch zwei Jahre 
lang, noch daheim, und bt zwar Frau, aber im Jungfranenstande. Der Bräutigam 
und seine Verwandten setzen den Tag der Hochzeit fest. Diese wird bei allen 
Ständen mit möglichst grossem Pomp voUzogen und die Neuvermählten werden 
dadurch dermassen in Unkosten versetzt, dass z. B. dem übrigens wohlhabenden 
Grafen Nioolaus Bethlen nach seiner Hochzeit nicht mehr Geld als 25 fl. übrig 
blttbi Die Gäste erscheinen insgesammt von Dienertross umgeben mit unzähligen 
Wagen. Bei der Hochzeit der Gräfin Barbara Thurzö mit dem Grafen Ohristoph 
Erdödy erschienen die hohen Ctäste mit einem (befolge von 2621 Personen und 
4324 Pferden. Sie vertilgen 40 Ochsen, 19 Kühe, 140 Kälber, 350 Lämmer, 200 
Schweine, 30 Auerochsen, 30 Bebe, 1400 Hühner, 6000 Eier u. s. w., femer 650 
Eimer Wein und 295 Eimer Her. Die glänzendste Hochzeit rüstete die Witwe des 
Palatins Georg Thurzö, Elisabeth Czobor, gelegentlich der Vermählung ihres 
Sohnes im Jabre 1618 in Helmecz, welche nur in Baargeld, nach heutigem Wert 
berechnet, mehr als hunderttausend Gulden kostete. Vortragender weist schliesslich 
auf Grund ethnographischer und volkspoetischer Studien nach, dass der grösste 
TeU der alten Hochzeitsgebränche hie und da noch heute besteht, mit dem Unter- 
schiede, dass Dasjenige, was ehemals in den höchsten Kreisen Sitte war, heute nur 
noch unter dem Volke bräuchlich ist, welches die alten Gebräuche bis heute 
bewahrt hat. 

Naeh Beendigung der Vorträge kündete der Classen-Secretär Emeriph Pauer 



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270 KURZE SITZUNOBBBRICHTE. 

an, dass am 1 1. d. eine aiisserordentliche Sitzung der zweiten Classe der Akademie 
stattfindet, deren einzigen Gegenstand ein Vortrag des ordentlichen Mitgliedes 
Karl Keleti über die vorläufigen Ergebnisse der 1890er Volkszählung bildet. Diesen 
Vortrag teilen wir im nächsten Hefte vollständig mit. 

— In der Plenarsitzung am 23. Februar las das correspondirende Mitglied 
Alexander Matlekovits eine Denkrede auf das ordenüiche Mitglied Stefan Apdtky. 
Penkredner schilderte den Lebenslauf Apäthy's und würdigte dessen Thatigkeit 
als Professor, Codificator und juristischer Schriftsteller, insbesondere auf dem Ge- 
biete des Handels- und Wechselrechtes. Die Akademie hatte ihn 1873 zum corre- 
spondirenden, 1885 zum ordentlichen Mitgliede, der ungarische Juristentag 1889 
zum Präsidenten gewählt. Apäthy gehört auf literarischem Gebiete zu den Bahn- 
brechern unserer rechts- und staatswissenschaftlichen Literatur. Ueber die Lebens- 
verhältnisse und Werke Apäthy's s. den Nekrolog in dieser tUngarischen Bevue», 
1890. S. 173. 

Hierauf unterbreitete der Akademie-Präsident der Plenarsitzung den Plan 
einer am 21. September 1. J. durch die Akademie zu begehenden Feier des hundert- 
jährigen Geburtstages ihres grossen Gründers, des Grafen Stefan Sz6chenyi und 
der Verbindung derselben mit der Enthüllung einer, an der Stelle des leeren Schluss- 
steines am Akademie-Palaste anzubringenden und die Beichstagsscene, in welcher 
Graf Stefan Sz^chenyi zur Gründung der Akademie ein Jahreseinkommen anbot, 
darstellenden Belief-Denktafel ; femer machte er Mitteilung über die behufs Ver- 
wirklichung dieses Planes bisher unternommenen Schritte, respective die bezüg- 
lichen Beratungen einer gestern von ihm zusammenberufenen Commission. Die 
Commission schlug vor, zum Zwecke der Zusammenbringung der auf 12,000 fl. ver- 
anschlagten Kosten der auf Grund einer Strobrschen Skizze aaszuführenden Denk- 
tafel die Unterstützung jener Factoren, Körperschaften, Inschriften, Institute, 
Unternehmungen anzusuchen, welche ihr Aufblühen der Initiative des Grafen 
Stefan Sz^henyi verdanken, so der Hauptstadt, Donau-Dampfschififahrts-Gesell- 
schaft, Walzmühle, Kettenbrücken-Gesellschaft u. s. w., deren der gestrigen Com- 
missionssitzung beigezogene Leiter in dieser Beziehung die günstigsten Aussichten 
erö£fheten. Präsident beantragt, die Zustinmiung des Directionsrates m diesem 
Plane einzuholen und die Commission aus den Beihen der Akademiker durch Fach- 
männer zu ergänzen. In die Commission werden Zoltdn Beöthy, Karl Keleti, Julius 
Pasteiner, Karl Pulszky und B^la Czobor entsandt und der Präsident mit dem 
Arrangement der Denkfeier betraut. 

Hierauf meldete der General-Secretär das Ableben des correspondirenden 
Mitgliedes Carl Hofi&nann, dem er einen warmen Nachruf widmete. Dann verlas er 
eine Zuschrift des k. u. k. Oberstkämmerer- Amtes an den Akademie-Präsidenten, 
welche die Mitteilung enthalt, dass Se. Majestät den Auftrag erteilt habe, das für 
den Porträtsaal der Akademie bestimmte Porträt des ehemaligen Ehrenmitgliedes 
Kronprinzen Erzherzogs Budolf durch den Meister Julius Benczur anfertigen zu 
lassen. Dieses neue Zeichen allerhöchster Huld wurde zu freudiger Kenntniss 
genommen. — Hierauf unterbreitete der General-Secretär der Plenarsitzung behufs 
Verhandlung den Conmiissionsvorschlag betreffend die Abänderung der Geschäfts- 
ordnung in Bezug auf die Mitgliederwahlen. Der Vorschlag zerfallt in zwei Teile, 



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AX78 PBTOFI S GEDICHTEN. 



271 



von denen der erste die Untergliederang der Glassen in je zwei Fachgruppen, der 
andere die gelegentlich der Wahlen seitens jeder dieser Fachgruppen vorzuneh- 
mende Wahl eines fünf- bis siebengliedrigen Candidations- Ausschusses empfiehlt. 
Nach längerem Ideen-Austausche wurden beide Teile des Vorschlages mit geringen 
Amendements in der Fassung der Gommission mit überwiegender Stimmenmehrheit 
angenommen. 

Hierauf machte der General-Secretär betreffend die Vervollständigung der 
Wandgemälde des Prunksaales der Akademie die Mitteilung, dass Meister Karl Lotz 
die Ausführung der projeotirten drei Oruppenbilder übernommen und die Samm- 
lungen zur Aufbringung der Kosten (6000 fl.) bereits vor einiger Zeit erfolgreich 
begonnen haben, indem zu diesem Zwecke der verewigte Fürstprimas Simor 700 fl., 
Bischof Baron Hornig 500 fl., die Bischöfe Schuster und Lonhardt je 200 fl«, die 
Bischöfe Zalka, Bende, DuUnszky je 100 fl., und andere Spender zusammen 1300 fl. 
beigetragen haben. 



AUS PETOFI'S GEDICHTEN. 



L Das Lied der Hunde. 

Der Winter ist des Armen Fluch, 
Wie 8türmt*s so eisig kalt! 
Mit weissem, todtem Leichentuch 
Bedeckt der Schnee den Wald. 

Was kümmert*s uns ? wir liegen weich 
In warmer Ecke hier ; 
Denn unser Herr ist gnadenreich. 
Und schenkt uns Frei-Quartier ! 

Dabei ein Fressen sorgenlos, 
Aufschnappen Stück um Stück ! 
Drum sind wir auch in Treue gross, 
Ein wahres Hundeglück ! 

Fnsstritte gibt es freilich auch. 
Doch dulden wir sie gern ; 
Die Demut ist ja Hundesbrauch, 
Und Laune ziert den Herrn. 

Schlägt er für unsem Unverstand 
Den Bücken uns oft wund : 
Dann lecken wir ihm hübsch die Hand, 
So machVs ein braver Hund t 



n. Das Lied der Wölfe. 

Der Winter ist des Armen Fluch, 
Wie stürmt's so eisig kaltt 
Mit weissem, todtem Leichentuch 
Bedeckt der Schnee den Wald. 

Wir streifen hin durch Schilf und Rohr, 
Durch Sumpf und Wäldermoos ; 
Wir kauern auf dem Haidemoor, 
Und immer obdachlos f 

Wir heulen in das Sturmgebraus 
Vor bittrer Hungerqual, 
Verjagt von Hürde, Hof und Haus, 
Veifolgt durchs Schluchtental. 

Wir beissen in den harten Grund, 
Das Lamm ist unser Becht ; 
Doch feindlich ist uns jeder Hund, 
Und jeder Hürdenknecht. 

Wir tragen wilden Hungers Weh, 
Uns trifft des Jägers Blei ; 
Eb rötet unser Blut den Schnee : 
Doch sind wir Wölfe frei f 

Stefan Bönat. 



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272 UNGARISCHE BIBLIOGRAPHIE. 



UNGARISCHE BIBLIOGRAPHIE.* 

Band Jozsef\ ütazds ismei'eüen dllomds feU, (Beise nach einer anbekannten 
Station, 18i9— 185G. Erinnerungen von Josef Barsi.) Budapest, 1890, Franklin, 414 S. 

Bdnö Jena. ÜH kdi^ek Amerikäböl (Reisebilder aus Amerika von Eugen B&n6). 
Mit fünfzehn Hlustraiionen und zwei Karten. Budapest, 1890, Nagel, 216 S. 

Cdky Gerffely, A szokoH urasdg kdt lednya. (Die beiden Töchter der Sokoler 
Herrschaft. Novelle von Gregor Csiky.) Budapest, 1890, Franklin, 112 S. 

— — A nagyraiermeU, ( Grössen wahn. Prei^ekröntes Lustspiel in drei Auf- 
zügen von demselben.) Das., 175 8. 

Domarumzky Endre, A renaismncie'kon bölcadszet törUnete, (Geschichte der 
Philosophie im Zeitalter der Renaissance von Andreas DomanovszkL Auch unter dem 
Titel: Geschichte der Philosophie, IV. Band.) Budapest, 1890, Franklin, 492 S. 

Ember öyörgy, Csak eyy nun, (Nur ein «auch», Roman von Georg Ember.) 
Grosswardein, 1891, Lang, 210 S. 

Euripidesy Der Oyclop, ins Ungarische tibersetzt von Gregor Csiky. Von der 
Kisfaludy-Gesellschaft preisgekrönte Uebersetzimg. Budapest, 1890, Franklin, 56 S. 

FrakncH Vünios, Mdtyde kirdly, (König Matthias Qorvinus 1440 — 1490, von 
Wilhelm Fraknöi. Mit zahlreichen Blustrationen im Text und mehreren Kunstbeila- 
gen.) Budapest, 1890, Verlag der Historischen Gesellschaft, 416 8. 

Goethe' 8 Iph'genie auf Taurüy ins Ungarische tibersetzt von Johann CsengerL 
Von der Kisfaludy-Gesellschaft belobte Uebersetzimg. Budapest, 1890, Franklin, 86 8. 

Qyulai PdU Arany Jänos, (Denkrede auf Johann Arany von Paul Gyulai.) 
Budapest, 1890, Franklin, 56 S. 

Kenes^ B^la^ Kdivli-emlekkönyc (Zur Erinnerung an den ersten ungarischeii 
Bibeltibersetzer Kaspar K&roli von Adalbert Kenessey), Budapest, 1890, Homyanszky, 
197 8. 

Kirdly Pdl, ülpia TroQana, (Ulpia Trajana Augusta Colonia Daciea 8armiz^ge- 
tusa metropolis, Daciens Hauptstadt, V4rhely im Komitate Hunyad in Biebenbüigen, 
von Paul Kir41y.) Budapest, 1891, Athenäum, 178 S. 

Kis Jdnos sujtenntendens emldkezdm, (Erinnerungen aus dem eigenen Leben von 
dem 8uperintendenten Johann Kis.) 2. Auflage. Budapest, 1890, Franklin, 702 8. 

Kldn Gyulu^ Emldkbeszed Heer ^ Oszcald fököU (Denkrede auf das auswärtige 
Mitglied der Akademie Oswald Heer von Jtüius Klein). Budapest. 1890, Akademie 
36 8eiten. 

Lubrich AyosU Tenndszetbölcselet, (Naturphilosophie, auf Grund der neuesten 
Ergebnisse der im Sinne des h. Thomas von Aquino geförderten Forschungen, von 
August Lubrich. HI. Band: Die christlich-dualistische Weltanschauung.) Budapest, 
1890, Selbstverlag, 712 8. 

Ungarn in Wort und Bild, Bearbeitet von Bell F. A., Diaconovich C, Draga- 
lina P., Gerlas W., Imendörfler A., Kenedi G., Kraus F., Plavsic A., Römer C. J., Sieg- 
meth K., Siegrus E., Stemberg A., Sziklay J. und Weingärtner C. Mit 260 Dlustratio- 
nen und neun Karten. Ztirich, 1890, (Budapest, Grill), 534 8. 

* Mit AHSschiiiSB der mathematisch-natorwissenBchaftlichen Literatur, der Sohnlbücher 
Erbanungsschriften nud Uobersetzungen aus fremden Sprachen, dagegen mit Berucksichti- 
' gung der in fremden Sprachen erschienenen, aof Ungarn bezüglichen Schriften. 



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GRAF JULIUS ANDßASSY. 



Graf Julius Andrässy de Osik-Szentkir&ly und Erasznahorka wurde 
geboren in Easchau am 3. März 1823 als Sprössling des älteren Zweiges der 
Familie Andrässy. Er war der Sohn des Grafen Karl Andr&ssy und der 
Gräfin Etelka Szapäry. Er absolvirte die Mittelschule in Sätora^a-Ujhely 
und Tata, beendigte seine Universitätsstudien in Pest und bereiste nachher 
Deutschland^ Frankreich, Spanien und England. In die Heimat zurück- 
gekehrt, beschäftigte er sich lebhaft mit öffentlichen Angelegenheiten, und 
obzwar noch ganz jung, stand er in Folge seiner geistigen Reife dennoch 
alsbald in den vordersten Beihen. Im Frühling des Jahres 1846 schrieb er 
als S3-jähriger junger Mann in den «Pesti Hirlap» einen Artikel, worin er 
das Syst'Cm der Obergespan-Stellvertreter, der sogenannten Administratoren, 
welches im Lande eine fieberhafte Erregtheit hervorgerufen hatte, tadelte, 
gegen die Gonservativen Stellung nahm und gegen die Angriffe derselben die 
von Franz Deäk in der Gravaminalfrage in der Gongregation des Zalaer 
Comitates beantragte Adresse in Schutz nahm. Der Zeitungsartikel erregte 
Aufsehen, und Graf Emil Dessewffy polemisirte gegen denselben Wochen 
hindurch im iBudapesti Hiradöi. Mit dieser Arbeit zog Andrässy die Auf- 
merksamkeit Franz Deäk's auf sich, und an diese knüpften sich die ersten 
Fäden ihres Freundschaftsverhältnisses, welches in der Folge von epoche- 
machender Bedeutung wurde für Ungarn und die Monarchie. Graf Stefan 
Sz^henjd kannte Andrässy schon von dessen Eindeszeit her, er gewann ihn 
äusserst li^b und hing an ihm mit der ganzen Innigkeit seines Herzens, wo- 
von die nachgelassenen Tagebücher Sz^chenyi's in rührendster Weise Zeu- 
genschaft ablegen. Er erblickte in Andrässy den Mann der Zukunft, ausge- 
stattet mit dem Talente, das von ihm, Szechenjd, begonnene Werk der Be- 
form Ungarns zu glücklichem Abschluss zu bringen. Die erste Theissregu- 
lirungs-Gesellschaft wählte am 1. Dezember 1845 den 22-jährigen Andrässy 
auf Vorschlag Szechenyi's zu ihrem Präsidenten und nahm in ihr Sitzungs- 
protokoll die folgenden Worte auf: tZum ordentlichen Präsidenten wurde 
mit Stimmeneinhelligkeit der hochgeborene Graf Julius Andrässy gewählt, 
den die Gesellschaft auch bisher schon als würdigen Sprossen seiner ruhm- 
reichen Ahnen und als neuen, mit leuchtendem Glänze aufsteigenden Stern 

UngaiUchc Ravao, XI. 1891. IV. Heft. lg 



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274 GRAF JULIUS ANDRiSSY. 

des Vaterlandes zu kennen so glücklich war.» Es war um diese Zeit, dass 
Szeebenyi dem Vicegespan des Szabolcser Gomitates, Ludwig Eröss sagte : 
•Nicht ich werde dieses Reguhrungswerk durchführen, sondern der Jüngling 
Julius Andrassy.» 

Auf dem Reichstage der Jahre 1847 — 1848 wirkte Andrassy als einer 
der Ablegaten des Zempliner Gomitates. Am 2. Februar 1848 schrieb über 
ihn Szechenjri in seinem Tagebuche: «AndrÄssy ist violleicht der Einzige, 
der unsere Angelegenheiten von einem höheren Gesichtspunkte aus be 
trachtet.» Andrassy unterwarf sich nicht blindhngs den Ansichten Sz6- 
chenjd's, er widersetzte sich in jener trüben Zeit mehr als einem Plane des- 
selben, in noch grösserem Maasse opponirte er aber den Uebergriffen der 
Radikalen. Ueber die Vorgänge auf diesem denkwürdigen Reichstage sandte 
Andrassy an sein Gomitat regelmässige Ablegatenberichte. Wir citiren aus 
einem dieser Berichte, der das Datum des 9. Mai 1849 trägt, einige Sätze, 
welche die politische Richtung des nachmaligen Ministers des Aeussem bereits 
in klaren Umrissen zeigen. 

«Wir als ehemalige Schutzmauer der Christenheit», heisst es in diesem 
Berichte, «sind die unmittelbaren Nachbarn des nordischen Riesen, und es 
ist vielleicht unsere Bestimmung, dass gleichwie in der Vergangenheit die 
Macht des Orients an unseren Mauern sich brach, so in der Zukunft 
die Macht des Nordens sich hier breche. Falls das Schicksal uns diese Be- 
stimmung zugewiesen hat, dann wollen wir dieselbe mit in Grott gesetztem 
Vertrauen hinnehmen, nicht allein darum, weil diese Schicksalsfügung eine 
grossartige ist, sondern auch deswegen, weU wir in dem grossen Kampfe, 
der unserer vielleicht harrt, auf die Sympathien der europäischen dvilisirten 
und freien Völker rechnen können. Wir wollen aber dabei bedenken, dass 
wir nur dann siegen können, wenn wir im Kampfe nicht vereinzelt dastehen. 
Ungarn hat durch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit eine wichtige 
Position in der Mitte der europäisch gebildeten und freien Nationen einge- 
nommen. Damit es diese seine Stellung behaupte, bedarf es der Eintracht 
und der Einigkeit, wodurch es stark, und der Sympathien, von welchen es 
unterstützt sei. Das Freiheitsgefühl erweckt diese Sympathien, und diese 
werden Nährung und Stärkung finden in der Interessengemeinschaft zu- 
nächst mit jenen Völkern, mit welchen wir durch die pragmatische Sanction 
und durch die Geschichte verknüpft sind, und in weiterer Folge, unter Auf- 
rechthaltung unserer nationalen Selbstständigkeit, mit jenem Volksstamme, 
welcher die Wiege der Civilisation war und die Buchdruckerkunst und das 
Schiesspulver, diese gewaltigsten Waffen des menschlichen Geistes, unter 
seine Erfindungen zählt.» 

Das erste verantwortliche Ministerium ernannte Andrassy zum Ober- 
gespan des Zempliner Gomitates. Unterdessen war der Bürgerkrieg ausge- 
brochen und auf die erste Nachricht von der organisirten Erhebung der 



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GRAF JUIilüS ANDRÄSSY. 275 

Kroaten und Serben griflf Andrässy zum Schwert. Im Juli zum Major der 
Nationalgarde, im September zum Adjutanten des Generals Moga ernannt, 
nahm er an der Schlacht bei Päkozd, welche mit der Niederlage Jellachich*s 
endigte^ theil ; nicht wenig trag zum Erfolge des Tages das wirksame Ein- 
greifen einer Batterie bei, welcher Andrässy auf eigene Verantwortlichkeit 
die Position angewiesen hatte. Unter den Offizieren, die aus Anlass des 
Sieges mit besonderem Lob erwähnt wurden und denen das Abgeordneten- 
haus in seiner Sitzung vom 1. Oktober im Namen des Vaterlandes feier- 
lichen Dank zollte, befindet sich auch der Name Andrässy's. Auch an der 
unglücklichen Schlacht bei Schwechat, in welcher die undisciplinirten, in der 
Eile zusammengelesenen ungarischen Heerhaufen den feindlichen Truppen 
nicht Stand zu halten vermochten, war Andrässy betheiligt und hier gab er 
wiederholt Proben grossen persönlichen Muthes. In den siegreichen Schlach- 
ten von Hatvan, Täpiö-Bicske und Isaszeg focht Andrässy als Adjutant 
Görgey's. Nun wurde aber seiner noilitärischen Thätigkeit ein Ziel gesetzt. 
Er war bereits Honved- Oberst, als ihn der Minister des Aeussem Graf 
Kasimir Batthyäny im Juni 1849 in diplomatischer Mission nach Gonstan- 
tinopel sandte. Nur zu bald hatte er Gelegenheit seine diplomatische Geschick- 
lichkeit zu bethätigen, denn mittlerweile war die Katastrophe von Vilägos 
erfolgt und zahlreiche ungarische Patrioten suchten vor der Wärgarbeit 
Haynau*s Zuflucht auf türkischem Boden. Auf die Entschiedenheit der Pforte, 
womit diese das Verlangen nach Auslieferung der ungarischen Emigranten 
zurückwies, hatte Andrässy's Action wesentlichen Einfluss. Von Constan- 
tinopel begab sich Andrässy nach London und zwei Jahre später nach Paris. 
Inzwischen wurde er, nebst 35 seiner Genossen, als Hochverräther vom 
Pester Militär- Gerichte am 21. September 1851 in contumatiam zum 
Tode verurteilt und am darauf folgenden Tage auf dem Platze hinter dem 
Neugebäude in effigie gehenkt. Das militärgerichtliche Urteil lautete 
wie folgt : 

«Julius Graf Andrässy, zu Zemplin geboren, bei 26 Jahre alt, katho- 
lisch, ledig,. gewesener Obergespan des Zempliner Comitats und Mitglied des 
Oberhauses, am 1. Januar 1850 wegen angeschuldeten Hochverrats edicta- 
liter citirt, aber nicht erschienen, ist bei gesetzlich erhobenem Thatbestande 
durch rechtskräftige Zeugnisse überwiesen, trotz des Allerhöchsten Mani- 
festes vom 3. Oktober 1848 als Major der Nationalgarde des Zempliner Co- 
mitats an der Schlacht bei Schwechat am 30. Oktober 1848 teilgenommen, 
das schon vorher bekleidete Amt eines Obergespans des besagten Comitats in 
revolutionärer ßichtung bis Ende März 1849 versehen, darauf von der revo- 
lutionären Begierung in der Eigenschaft eines Agenten die Mission nach 
Konstantinopel angenommen, als solcher auf dem Wege dahin im Monate 
Juni 1849 die Regierung des Fürstenthums Serbien zu einer feindseligen 
Haltung gegen Oesterreioh und vorläufigen Bückberufung der Serben und des 

18* 



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276 GRAF JXTL11I8 ANDRjtsST. 

Generals Kniianin zu bewegen gesucht und behufe sicheren Gelingens dieses 
Planes zur Unterjochung der Serben und Kroaten der revolutionären Regie- 
rung die kühnsten und hinterlistigsten Vorschläge gemacht, in Eonstantinopel 
selbst aber bis zur Unterdrückung der Bebellion Alles angewendet zu haben, 
um seine officielle Anerkennung bei der ottomanischen Pforte durchzusetzen 
und deren Begierungsorgane, wenn nicht anders, so durch ihre eigene Gom- 
promittirung, wozu er Mittel der verwerflichsten Art bei der revolutionären 
Regierung in Antrag gebracht hatte, zum feindseligen Handeln gegen Oester- 
reich zu nötigen.» 

In seiner Verbannung beobachtete er scharf und sammelte wertvolle 
Erfahrungen für die Zukunft. Mit klarem Blicke durchschaute er die innere 
Hohlheit des glanzvollen Empire und er hielt sich fem von der Conspiration 
der Emigranten-Politik, welche auf das Eingreifen Napoleons zu Gunsten 
des niedergetretenen Ungarn ihre Hoffnungen baute. In Paris befestigte sich 
in ihm «immer mehr die Ueberzeugung, dass Ungarns Heil nicht von einem 
Kampf gegen die Dynastie, sei es aus eigener Kraft, sei es mit fremder Hilfe 
zu erwarten sei, sondern von der ehrlichen Versöhnung Ungarns und des 
Königshauses. Darum machte er auch im Jahre 1858 von der ihm auf Ver- 
wendung seiner Mutter gewährten Amnestie Gebrauch und kehrte in die 
Heimat zurück. Noch in Paris vermählte er sich mit der gefeiertesten jungen 
Dame Ungarns, Gräfin Katinka v. Kendeffy, und in diesem Herzensbupde, 
welchem zwei Söhne und eine Tochter entsprossen sind, fand er ein beseli- 
gendes Glück bis ans Ende seines Lebens. 

Mit seiner Heimkehr aus der Emigration beginnt seine eigentliche 
politische und staatsmännische Thätigkeit, welche sich fortschreitend in auf- 
steigender Linie bewegte, um von Erfolgen gekrönt zu werden, welche in der 
neueren Geschichte Ungarns und der Habsburg'schen Monarchie ohne Bei- 
spiel sind. Nach dem italienischen Feldzuge wurde die ungarische Frage 
akut. Die Notwendigkeit, sich mit der ungarischen Nation zu verständigen, 
wurde in Wien erkannt, doch scheute man vor der Wiederherstellung der 
ungarischen Verfassung und insbesondere der Gesetze von 1848 zurück und 
meinte, Ungarn als einen Teil der constitutionalisirten Gesammtmonarchie 
behandeln zu können. An den friedlichen Verfassungskämpfen, wie an den 
politischen Gestaltungen, welche den Dualismus begründeten, hatte Andrässy 
nächst Deäk den grössten Anteil. Der Emigranten-PoUtik, welche eine 
grosse Partei zuhause fortsetzen wollte, trat er mit aller Entschieden- 
heit entgegen, er strebte mit Deäk den «Ausgleich», aber auf jenen histo- 
rischen und verfassungsmässigen Grundlagen an, wie sie durch die prag- 
matische Sanction begründet und durch die Gesetzgebung von 1848 weiter 
entwickelt wurden, ohne dabei die Bedingungen der Grossmachtstellung der 
Habsburg'schen Monarchie aus dem Auge zu verlieren. Auf dem Beichstage 
von 1861, wo Andrässy von Deäk zum ersten Vice-Präsidenten vorgeschlagen 



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ÖftA^ JüIilÜB AKDRitsST. ^7? 

WQrde^ aber dem Führer der Bescblnss-Partei^ Eoloman Tisza, erlag, war 
Ändrässy in diesem Sinne thätig. Doch dieser Reichstag wurde bald aufge- 
löst und es wurde in Ungarn ein militärisches Provisorium etablirt. In nutz- 
losen Experimenten und Versuchen, Ungarn für den Eintritt in den Wiener 
Reichsrat zu gewinnen, erschöpfte Schmerling seine Staatskunst bis zum 
Jahre 1865. In diesem Jahre, am 16. April, erschien der berühmte Osterartikel 
Franz De&k's, woran Andr&ssy abermals wesentlichen Anteil hatte. Der 
leitende Gedanke dieses Artikels war, dass Ungarn seine Hoffnungen in den 
König setze und mit unerschütterlichem Vertrauen von ihm sein künftiges 
Heil erwarte, im Uebrigen jedoch bereit sei, seine historischen Rechte mit 
den Bedingungen der Sicherheit und Grossmachtstellung der Monarchie in 
Einklang zu bringen und der Freiheit und dem Gonstitutionalismus der 
österreichischen Kronländer keinerlei Hindernisse zu bereiten. Die nächste 
Folge dieses Artikels war der Sturz Schmerling's ; der Conservative Georg v. 
Majläth wurde zum ungarischen Hofkanzler, der ebenfalls conservative 
Baron Paul Sennyey zum Tavernikus Ungarns ernannt, der ungarische 
Reichstag wurde einberufen. Andrässy wurde zum Vice-Präsidenten des 
Reichstages und zum Präsidenten der Adresscommission gewählt. Nun galt 
es, die allgemein gehaltenen Ausgleichs-Ideen in concrete Formeln zu fassen. 
Andrässy hielt dafür, dass die friedliche Wiederherstellung der 1848er Gesetze 
nicht eher möglich ist, als eine praktische Lösung gefunden wird für die 
Frage : in welcher Weise die gemeinsamen Angelegenheiten der Monarchie, 
welche schon die 1848er Gesetze anerkannt hatten, von den beiden Legis- 
lativen der Monarchie auf verfassimgsmässigem Wege behandelt werden 
sollten ? Es stand für ihn fest, dass Ungarn, welches auf dem historischen 
Rechtsboden des Dualismus steht, niemals einer Lösungsformel beitreten 
werde, welche das Princip der nationalen Selbstständigkeit und des Dualis- 
mus bis auf die Person des Herrschers, wo der Dualismus selbstverständlich 
seine Grenze findet, nicht voll zum]] Ausdrucke bringt. Ferner müsse die Lö- 
sungsformel dem Princip der Verfassungsmässigkeit angepasst werden, weil 
sie sonst von der anderen Hälfte der Monarchie nicht angenommen, und 
endlich den Interessen der Grossmachtstellung der Monarchie nach aussen 
hin Rechnung tragen, weil sie sonst vom Könige zurückgewiesen werden würde. 
Die Beweggründe aller drei Factoren, Ungarns, Oesterreichs und 8r. Majestät, 
waren in gleicher Weise gerechtfertigt, wenn auch ihrem Ausgangspunkte 
nach verschieden. Andrässy hielt dafür, dass Niemand berufener sei 
Ungarns staatsrechtliche Forderungen auf historischer Grundlage darzule- 
gen und mit Nachdruck zu vertreten, als Franz Deäk. Andererseits war 
aber Andrässy auch davon überzeugt, dass der Nachweis für die Berechti- 
gung der ungarischen Forderungen, selbst wenn er aufs glänzendste 
geführt wird, allein für sich zur Ausgleichung der divergirenden Gesichts- 
punkte nicht genüge, so lange für die Behandlung der gemeinsamen 



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^?8 ÖRAl? JÜLUTS ANDRi(s8Y. 

Angelegenheiten nicht eine Formel gefunden wird, welche dem Dualis^ 
mus und der Verfassungsmässigkeit in gleichem Maasse gerecht wird. In 
diesem letzteren Punkte schienen die Hauptschwierigkeiten für eine 
gedeihliche Lösung der obschwebenden Fragen zu liegen, darum beschäf- 
tigte er sich hauptsächlich mit diesem Punkte. Andrässy im Vereine 
mit Deäk arbeitete die Lösungsformel aus, welche dahin ging, dass die 
gemeinsamen Angelegenheiten der beiden Staaten 7on Delegationen, die sich 
als vollständig gleichberechtigte Körperschaften gegenüberstehen, vertreten 
werden müssten. Der ungarische Reichstag hätte demnach eine bestimmte 
Anzahl von Delegirten aus seinem Schosse zu wählen, die jedoch keinerlei 
verbindliche Instructionen annehmen dürften. Jede der beiden Delegationen 
bildet für sich eine selbstständige, abgeschlossene Körperschaft, die ihre Be- 
ratungen gesondert hält. Dies ist der Ursprung der Delegations-Institution, die 
seither fortbesteht und sich im Laufe der Jahre nur immer besser bewährt 
In dem 67er Ausschusse, welchen der Reichstag zur Ausarbeitung des Aus- 
gleichs-Elaborats am 3. März 1866 einsetzte und in der VQ^ diesem Aus- 
schusse gewählten engeren Fünfzehner-Commission, deren Präsident er war, 
teilte Andrässy mit Deäk die führende Rolle. Das Elaborat wurde fertig, 
auch vor den Reichstag gebracht, doch war mittlerweile der österreichisch- 
preussische Krieg ausgebrochen und der Reichstag am 26. Juni vertagt 
worden. Nach dem böhmischen Feldzuge nahm die Ausgleichs-Action einen 
raschen Gang, die Lösung der ungarischen Frage war nun eine brennende 
Notwendigkeit geworden, und da ist es bezeichnend, dass Deäk und Andrässy, 
weit entfernt, das Missgeschick des Hofes auszubeuten, nur die nämlichen 
Forderungen, wie vor dem unglücklichen Kriege, geltend machten. Das 
erwähnte Elaborat der Fünfzehner-Commission wurde in Wien als Grund- 
lage des Ausgleiches angenommen, Andrässy am 17. Februar 1867 zum 
Minister-Präsidenten Ungarns ernannt und mit der Bildung des verantwort- 
lichen Ministeriums betraut. An diesem denkwürdigen Tage sprach Franz 
Deäk in Gegenwart der Partei für die erfolgreiche Vertretung und Verdol- 
metschung der Wünsche derselben und den um das Zustandekommen des 
Ausgleiches bethätigten Eifer t seinem Freunde Andrässy, dem uns von der 
göttlichen Vorsehung gegebenen providentiellen Manne, seinen Dank ansi. 
Die Situation, welche Andrässy bei der Uebemahme der Regierung vor- 
fand, war eine überaus schvnerige. Von dem ungarischen Staatswesen bestand 
nichts als die Idee. Der Ausgleich selbst wurde von einer starken staatsrecht- 
lichen Opposition heftig angefochten. Die Nationalitätenverhältnisse des 
Landes waren überaus unerquicklich. Die Beziehungen zu Kroatien sollten 
erst geregelt werden. Binnen kurzer Zeit jedoch gelang es Andrässy, den 
Staat zu organisiren^ die ausgleichsfeindlichen Elemente zurückzudrängen, 
die Einflüsse der österreichischen Militärpartei, welche der Selbständigkeit 
Ungarns spinnefeind war, zu paralysiren, die Militärgrenze zu entmilitari- 



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ÖRAB^ JtJLIXJS ANDRASSY. ^9^ 

siren, die Bewegung der Serben und Rumänen zu dämpfen, die kroatische 
Frage zu lösen. Unter seiner glücklichen Hand bestanden die gemeinsamen 
Institutionen die erste Probe. Die Armee wurde auf Grundlage, der allge- 
meinen Wehrpflicht organisirt und die ungarischen Honv^ds atif vollkom- 
men nationaler Grundlage wiederhergestellt Andr^y hat das Programm 
Szechenyi's wiederbelebt : er schuf die vereinigte Hauptstadt und legte den 
Grundstein zu der künftigen Grösse Budapests nieder. 

Wichtiger jedoch für die allgemeine europäische Politik und für die 
Geschicke der Monarchie ist die Art und Weise, wie Andrässy den gesetz- 
Uchen Einfluss Ungarns auf den Gang der auswärtigen Angelegenheiten 
ausübte. In dem entscheidungsschweren Jahre 1870 war es Andrässy^ der 
gegenüber den abenteuerlichen Plänen Beust's die Neutralität der Monarchie 
verfocht und durchsetzte. Die Stellung Beust's war durch sein Verhalten in 
der von Bussland aufgeworfenen Pontusfrage und durch seine Zweideutig- 
keit gegenüber den föderalistischen Experimenten Hohenwarts, welche eben- 
falls von Andrässy zum Scheitern gebracht wurden^ unhaltbar geworden, 
und Andrässy wurde am 13. November 1871 zum gemeinsamen Minister 
des Auswärtigen und des kaiserlichen Hauses ernannt. Auch bei Antritt 
dieser Stellung fand Andrässy eine höchst unerquickliche Situation vor. Die 
Monarchie war vollständig isolirt, von teils misstrauischen, teils feindseligen 
Mächten umgeben; aus der alten historischen Position in Italien und 
Deutschland hinausgedrängt, schien sie die Grundlage und Ziele ihres 
Bestandes inmitten der neuen Machtverhältnisse verloren zu haben. 
Andrässy hatte den Mut^ nicht nur an der Existenzberechtigung Oester- 
reichs^ sondern selbst an seiner grösseren Zukunft nicht zu zweifeln. Er war 
vom ersten Augenblick an darüber im Klaren, dass dieselbe nicht im Zurück- 
greifen nach Verlorenem^ sondern im Ausgreifen nach dem natürlichen 
Gravitationspunkt der Ostmark, nach dem Osten zu suchen sei. Es ist 
Andrässy's Verdienst, dass die Monarchie vom Jahre 1872 ab auf alle deut- 
schen und italienischen Aspirationen definitiv verzichtet und eine klare 
Orientpolitik inaugurirt hat, ohne in einen Conflict mit Bussland zu gera- 
ten, als dessen offener Bivale im Orient sie mit Erfolg auftrat. Andrässy 
war es, der die Orientpolitik Oesterreichs in ganz neue Bahnen lenkte, indem 
er als Ungar den Mut hatte, sieh von dem Dogma, dass die Türkei um 
jeden Preis zu erhalten sei, loszusagen. Er trat im Verein und Wetteifer 
mit Bussland offen als Protector der Emancipation der christHchen Balkan- 
völker auf, welche sich bis dahin gewöhnt hatten, in Oesterreich den prin- 
dpiellen Feind auch ihrer gerechtesten Ansprüche zu sehen; er suchte 
aber auf demselben Wege auch den Verfall der Türkei aufzuhalten, indem 
er ihr zu Beformen riet, welche geeignet waren, jene Völker dem russischen 
Einfluss zu entziehen. Hierin gipfelte die Politik, welche Andrässy vom 
Anbeginn bis ans Ende seiner Thätigkeit als Minister des Auswärtigen ver- 



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^ÖO OÄAP itJUUS AKDrIssY. 

folgte. Seine zweite grosse Idee, an der er in allen Phasen seiner Action 
unverbrüchlich festhielt, war der Gedanke einer Allianz mit Deutschland. 
«Die klare und aufrichtige Friedenspolitik •, welche er in seiner Cir- 
culamote bei der Uebemahme der auswärtigen Geschäfte proclamirte, 
machte bald genug Eroberungen. Allmälig tritt die Monarchie aus dem Zu- 
stande der Isolirtheit heraus. Sollte die Annäherung an Deutschland voll- 
zogen werden, so musste man auch die Entfremdung zwischen Oesterreicb- 
Ungarn und Bussland überwinden, denn das deutsche Reich stand in engen 
Beziehungen zu Bussland. Im Jahre 1872 kam die Drei-Eaiser-Entente zu 
Stande, welche in der Folge allerdings nach Aussen den Schein gewann, den 
russischen Orientplänen zugute zu kommen ; allein mit der Annäherung an 
Bussland war der erste Schritt zur Anbahnung des freundschaftlichen Ver- 
hältnisses mit dem deutschen Beich gethan. 1 875 wusste Andrässy den Kaiser- 
König Franz Josef, dessen Heroismus in der Pflichterfüllung noch keiner 
seiner Minister besser erkannt hatte, zum Besuche Victor Emanuels in Vene- 
dig zu bestimmen. Diese Beise legte den Grund zur späteren Ausdehnung des 
deutsch-österreichisch-ungarischen Bündnisses auf Italien. Bussland gegen- 
über hat Andrässy nicht nur in seiner allgemeinen Haltung, sondern auch in 
den auftauchenden concreten Fragen der allerkritischesten Natur jene Stim- 
men Lügen gestraft, die seinen Amtsantritt mit der Losung «Bevanohe für 
Vilägosi begrüssten. Er hatte in allen seinen Handlungen einzig und allein 
das Interesse der Monarchie vor Augen. Von diesem geleitet, nahm er im 
serbisch-türkischen Kriege (1876) eine neutrale Stellung ein, und hinderte 
die Bussen nicht an dem Kriege gegen die Türkei. Aber die vielfache An- 
nahme, dass in Beichstadt eine Art Teilung der Türkei besprochen wurde, 
ist durch die Thatsachen widerlegt. Bussland hätte sich auf dem Congresse 
gewiss nicht die eroberten Balkanländer entreissen lassen, wenn es ein von 
Deutschland mitsignirtes Versprechen Oesterreich- Ungarns besessen hätte. 
Die Mission des Generals Sumarakoflf (1877), deren Ziel war, Oesterreich- 
Ungam zur Cooperation gegen die Türkei zu bewegen, scheiterte an dem Wider- 
stände Andrässy's, der es hiebei nicht unterliess, Bussland vor diesem Kriege 
eindringlich zu warnen : auch dies kann als Beweis angesehen werden, dass 
in Beichstadt nichts gegen die Türkei beschlossen wurde. Wohl aber scheint 
Andrässy seine ganze Politik darauf gerichtet zu haben, dass der Orientkrieg 
sich nicht auf Oesterreich-Ungam entlade, dass aber das Habsburger Beich 
seine Orientinteressen auf politischem Wege zur Geltung bringe. Diese Politik, 
die nach Andrässy's Auffassung ebenso gelten musste, wenn Bussland siegte, 
wie wenn es unterlegen wäre, hatte fast die gesammte öffentliche Meinung 
gegen sich, aber den Erfolg für sich. Nach dem Fall von Plewna dictirte 
Bussland der Türkei bei San Stefano Bedingungen^ die Oesterreich-Ungam 
verwerfen konnte : denn die decimirte russische Armee hatte, sobald sie 
Konstantinopel occupirte, die englische Flotte vor sich und die intacte 



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GRAB* JULIUS ANDRASSY. 28l 

HeeresmachtOesterreich-Ungarns hinter sich. Andrässy widerstand der Versu- 
chung^ diese Position zu einem Kriege auszunützen, dessen Erfolg sicher war; 
er begnügte sich mit dem weniger glänzenden, aber auch weniger gefährli- 
chen Erfolg, Bussland vor das europäische Forum zu citiren. Das siegreiche 
Zarenreich musste der Ladung zum Berliner Gongress folgen, wo Andrässy 
anscheinend unter deutscher Patronanz, die leitende Bolle spielte. Es gelang 
ihm, von Europa das bedingungslose Mandat zur Besetzung Bosniens zu 
erwirken, während sich Bussland verpflichten musste, die von ihm besetzten 
Teile der Türkei binnen Jahresfrist zu räumen : ein Besultat, das überall 
mehr gewürdigt wurde, als in Oesterreich-Ungam. Hier war die öflfentliche 
Meinung nach den wiederholten Versicherungen der offiziösen Presse, dass 
die Occupation Bosniens nicht der Endzweck der österreichisch-ungarischen 
Politik sei, desorientirt, durch die Schwierigkeiten und vielfach überschätzten 
Opfer der Occupation selbst erbittert und durch den Wahn erschreckt, dass 
das Ausgreifen nach slavischen Gebieten den Dualismus, die Herrschaft des 
deutschen und magyarischen Elements, bedrohe. Andrässy hatte harte par- 
lamentarische Kämpfe zu bestehen, aus denen er, unter Aufopferung seiner 
einst unermesslichen Popularität, siegreich hervorging, allerdings mit 
dem Entschlüsse, sich solchem Bingen nicht wieder auszusetzen. 1879 
reichte er seine Demission ein und hielt sie trotz des Drängens seines 
Monarchen aufrecht. Aber noch als demissionirter Minister vollführte er die 
bedeutsamste seiner Thaten : er schloss mit Fürst Bismarck, der auf die 
Nachricht von Andrässy's Bücktritt nach Gastein geeilt war, das deutsch- 
österreichisch-ungarische Bündniss. So hinterliess er die Monarchie, deren 
Eiistenz bei seinem Amtsantritt fraglich schien, in einer Position neuen 
Ansehens und gemehrten Prestiges. 

Er selbst trug den Keim der Krankheit, die ihn zehn Jahre später, am 
18. Februar 1890, dahinraffen sollte, bereits in sich. Er hörte jedoch nicht auf, 
sich als Privatmann und Parlamentarier an den öffentlichen Angelegenheiten 
ratend und controllirend zu beteiligen. Vieles, was seither auf dem Gebiete 
der äusseren und inneren Politik Oesterreich-Ungams geschah, vielleicht noch 
mehr, was nicht geschah, ist auf seinen Einfluss zurück zu führen. Sein 
Bücktritt hat ihm nichts von seiner Bedeutung genommen und ihm seine 
Beliebtheit zurückgegeben. Er blieb auch seither immerfort der Batgeber 
des Königs und des Landes, und in kritischen Augenblicken war sein Wort 
entscheidend für die Bichtung, die eingeschlagen werden sollte. In der stür- 
mischen abgelaufenen Wehrdebatte vor zwei Jahren war es Andrässy, der 
die Krone über die Berechtigung des Wunsches der Nation aufklärte, wäh- 
rend er zu gleicher Zeit im Oberhause das System der gemeinsamen Armee 
verteidigte. Nebstdem hatte er stets ein reges Interesse für unser gesell- 
schaftliches und Kunstleben, für jede Bewegung auf dem Gebiete unserer 
Volkswirtschaft und unserer Cultur, — für die Angelegenheiten der unga- 



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^^2 (j^AF JttLItTR ANDRjCsRt. 

rischen Akadeniie der Wissenschaften aber ganz besonders ein warmes 
Herz. Unter seiner Premierschaft hat die Gesetzgebung die Staatssnbvention 
für die Akademie systemisirt. Seine am 10. Juni 1876 erfolgte Wahl zum 
Directionsmitgliede nahm er freudig an, und nach seiner Heimkehr aus 
Wien liess er vielmals in den Beratungen der Akademie seine entschei- 
dende Stimme vernehmen. Im Jahre 1888 wurde er zum Ehrenmitglied der 
n. Glasse gewählt, und er erschien fleissig zu den Classensitzungen. Nach dem 
Heimgänge Treforts wurde er 1 889 für die Präsidentschaft der Akademie 
candidirt, er konnte jedoch aus Bücksicht auf seinen Gesundheitszustand 
diese Würde nicht annehmen. 

Anlässlich seines Todes bezeugte die Akademie ihre Verehrung für den 
Heimgegangenen auch dadurch, dass sie ihre Säulenhalle für die Aufbah- 
ruDg des Leichnams zur Verfügung stellte. Von hier wurde er am 21. Februar 
1890 zur ewigen Buhe bestattet. Seit dem Hinscheiden Franz Deäk's gab es 
keine Trauerkundgebung, die derjenigen glich, mit welcher der Verlust 
Andrässy's beweint worden ist. * 



VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 

Gelesen in der aiiflserordentlichen Sitzung der ungarischen Akademie der Wissen- 
schaften am 11. Februar 1891. 

Wie der sorgsame Landwirt und Kaufmann von Jahr zu Jahr sein In- 
ventar macht und sich Klarheit schafft über sein Vermögen, dessen Hebung 
oder Bäckgang die Bilanz ausweist, so inventirt auch der Staat von Zeit zu 
Zeit seinen wertvollsten Besitz, die Bevölkerung. Was jedoch der Einzelne 
von Jahr zu Jahr ausfährt, vollbringt der Staat, dem ein längeres Leben be- 
schieden ist, nur in jedem zehnten Jahre. Auch Ungarn macht, getreu den 
internationalen Bestimmungen, am letzten Tage jedes ablaufenden Jahr- 
zehntes seine Bevölkerungs-Bilanz ; — so hat es auch um Mittemacht des 
31. Decembers 1890, zum dritten Male seit Wiederherstellung der selb- 
ständigen ungarischen Begierung, gethan. 

Die vorläufigen Ergebnisse der Volkszählung, welche im statistischen 
Landesbureau zusammengestellt werden, habe ich zunächst dem mit der 
Durchfährung des die Volkszählung verordnenden Gesetzes betrauten Mini- 
ster in amtlicher Vorlage mitgeteilt, der dieselben wieder Sr. Majestät, 

* Diesen auf den verläaslichsten Informationen beruhenden Nekrolog, der aus 
der Feder eines Mannes stammt, der dem grossen Staatsmann nahegestanden, ent- 
nehmen wir dem Feber Hefte des «Anzeigerat (Ertesitö) der Ungar. Akademie. D. Bed. 



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VORLÄUFIGE ERGEBNlBSfe DER VOLKSZÄHLUNG 1890. ^S^i 

unserem für das Glück und den Fortschritt seines Volkes warm fühlenden 
gekrönten Könige unterbreitet hat. 

Hier, in der ungarischen Akademie der Wissenschaften^ bringe ich nun 
diese Elrgebnisse zur Eenntniss der ganzen Nation, welche dieselben gewiss 
mit Freude und Genugthuung empfangen wird. Denn wir haben an Zahl 
und an Kraft zugenommen. Die Bevölkerung des ungarischen Reiches ist in 
dem verflossenen Jahrzehnte um 10 Percent angewachsen, d. h. die Civil- 
bevölkerung der Länder der St. Stefanskrone hat 17 Millionen überschritten! 
Wenn wir das activ dienende k. u. k. Militär mit 91,396, die kön. ungarische 
Honved mit 16,074 und die kön. ung. Gendarmerie mit 6306, insgesammt 
mit 113,776 Mann hinzurechnen, so hebt sich die Zahl der thatsächlich An- 
wesenden auf 17.449,705, sie beträgt also rund 17 Vi Millionen. 

Diese Ziffer hat eine grosse, eine riesige Bedeutung, denn darin, dass 
die Bevölkerung unseres Vaterlandes um mehr als anderthalb Milhonen zu- 
nahm, spiegeln sich sämmtliche politischen, volkswirtschaftlichen und sani- 
tären Errungenschaften des vergossenen Jahrzehntes wider. Vergleichen wir 
nur die jüngste Vergangenheit mit der Gegenwart und wir werden uns von 
der Wahrheit meiner Behauptung überzeugen. Mit welch drückenden, ja 
niederschmetternden Gefühlen war ich gezwungen, meinem geehrten Audi- 
torium vor 10 Jahren von derselben Stelle aus zu gestehen, dass Ungarns 
Bevölkerung in dem Jahrzehnt 1870 — 1880, ja, richtiger seit 1869, also in 
eilf Jahren von 15.417,000, nur auf 15.610,000 Seelen gestiegen ist, so dass 
der Zuwachs kaum 1 V* Percent betrug und einem Jahresdurchschnitt von 
kaum 0*1 1 Percent entsprach. Wohl fallen in diese traurigen unvergesslichen 
siebziger Jahre ausser der Handelskrise die Cholera, die unfruchtbaren Jahre, 
die üeberschwemmungen u. s. w. und alle Kämpfe und Opfer der volkswirt- 
schaftlichen Beconstruction. 

Die anwesende bürgerliche Bevölkerung betrug : 

Im Jahre 1890 Im Jahre 1880 Also im Jahre 1890 mehr 

In Ungarn 15.122,514 13.728,622 1.393,892 = 10-15 Vo 

In Fiume und dessen Gebiet 29,001 20,981 8,020 = 38-22 % 

In Kroatien-Slavonien 2.184,414 1.892,499 291,915 = 15'42 7o 

Insgesammt im UDgsr. Reich 17.335,929 15.642,102 1.693,827 = 10-82 Vo 

Es ist natürlich, dass die Bevölkerungsverhältnisse in einem so grossen, 
ge<^raphisch und volkswirtschaftlich so verschiedenartigen und 322,000 
Quadrat-Kilometer übersteigenden Staat wie Ungarn weder einen gleichen 
Zustand, noch eine gleiche Zunahme aufweisen können. Wir können 
uns also besser orientiren, wenn wir das ungarische Mutterland, von 
welchem ich in erster Beihe sprechen will, wenn auch nicht nach Gomitaten, 
welche schliesslich nur politische oder administrative Begriffe sind, so doch 



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'^^ VORLÄUFIGE ERGJfeBkiSSE DER VOLKSZAHLUNG 18Ö0. 

nach natorgemäss gebadeten Gruppen betrachten und die Bevölkerung so 
untersuchen. 

Die anwesende bürgerliche Bevölkerung betrug : 

Im Jahre 1890 Im Jahre 1880 Im Jahre 1890 also mehr 

Am linken Donaimfer ... 1.875,140 1.752,04.9 123,091 = 7-02% 

« rechten € 2.751,357 2.566,946 184,411 = 7-15% 

Zwischen der Donan und derTheiss 2.757,635 2.343,384 414,251 = 17*67 % 
Am rechten Theissufer .,. ... 1.516,991 1.440,028 76,963= 5*34% 

€ Unken € 2.068,027 1.820,855 247,172=13-57% 

Im Donau-Maros- Winkel 1.906,315 1.721,312 185,003=10-74% 

In den siebenbürgischen Comit aten 2.247,049 2.084,048 163,001 = 7-82% 
Insgesammt 15.122,514 13.728.622 1.393,892 = 10-15% 

Am stärksten ist die Zunahme also zwischen der Donau und der 
Theiss: 17*67 Percent; dann kommen die Gomitate am linken Theissufer 
mit 1 3*57 Percent. Beide Gegenden sind H^uptsitze des Ungartums. Aber 
auch in dem etwa 90 Percent Ungarn besitzenden Comitat Borsod beträgt 
die Zunahme 12*03 Percent, im Donau-Maros- Winkel, in Gs&n&A, wo nahezu 
70 Percent der Bevölkerung Ungarn sind, beläuft sich die Zunahme auf 
nahezu 20 Percent. Eine Stagnation kommt blos im Comitat Abauj-Toma 
vor, wo die Bevölkerung beinahe dieselbe ist, wie vor 10 Jahren. Ein Rück- 
fall ist nur in drei Municipien wahrzunehmen : im Wieselburger Comitat um 
715Seelen, im Säroser Comitat um 494 und im ZipserComitat um 8793Seelen. 
In allen vier Comitaten war die Auswanderung nach Amerika erwiesen, 
welche nur im Zipser Comitat grössere Dimensionen angenommen hat, wo 
die Abnahme der in ihrer Heimat keinen gehörigen Erwerb findenden Be- 
völkerung wahrscheinlich dem Verfall des Bergbaues zuzuschreiben ist. 

Wenn wir auch innerhalb der Comitate kleinere Flächen und auch die 
Kreise in Betracht ziehen, zu welchen auch die Städte mit geordnetem Ma- 
gistrat gehören, so können wir noch an mehreren Orten eine Verminderung 
der Bevölkerung finden, was aber die Zunahme der in gesunderen Verhält- 
nissen befindlichen Kreise wieder ausgleicht Ein Beispiel hiefür ist das 
Säroser Comitat. Die Bevölkerung desselben hat um 494 Seelen abgenommen, 
welcher Umstand der continuirlichen Auswanderung nach Amerika zuzu- 
schreiben ist. Dies geht aus der Thatsache hervor, dass die Abnahme aus- 
schliesslich auf die Kreise Also- und Felsö-Tarcza entfällt, wo die Auswande- 
rung später begonnen hat, während in den übrigen Kreisen des Comitates 
eine geringe Zunahme sich zeigt, weil in diesen die Auswanderung schon im 
Jahre 1879 begonnen hat und schon in der 1880er Volkszählung zum Aus- 
druck gekommen ist. 

Die Bevölkerung der Stadt Werschetz ist um 500 Seelen zurückge- 
gangen. Der Bürgermeister dieser Stadt sagt hierüber: «Im Jahre 1880 er- 



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VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 189t). 285 

freute sich der Weinbau noch der schönsten Blüte, weshalb damals noch 
viele fremde Taglöhner in unserer Stadt wohnten und bei der damaligen 
Volkszählung mitgerechnet wurden. Seither hat die Phylloxera solch schreck- 
liche Verheerungen angerichtet, dass das Weinbau-Terrain von 9000 Joch 
auf 2600 Joch zurückgegangen ist. Es liegt auf der Hand, dass demzufolge 
nicht nur die überflüssig gewordenen Taglöhner fortgezogen sind, sondern 
auch die zugrunde gegangenen Weingartenbesitzer zu Hunderten teils nach 
anderen Gemeinden, teils nach dem Auslande (Bulgarien, Serbien, Amerika) 
ausgewandert sind.» 

Hier haben also locale Ursachen zur Verminderung der Bevölke- 
rung geführt. Zu diesen localen Ursachen zählt an vielen Orten auch die 
Verlegung der Garnisonen. Die Verheerungen der Phylloxera möchte ich 
indessen nicht zu den localen Ursachen zählen, vielmehr betrachte ich sie 
als ein das ganze Land betrefifendes Uebel. Ich werde kaum fehlgehen, wenn 
ich behaupte, dass in dem jenseits der Donau gelegenen, so hervorragenden 
Teile des Landes, welcher im Jahre 1880, als in vier grossen Gegenden des 
Landes die Bevölkerungsziffer eine Abnahme zeigte, doch um 6 Percent zu- 
genommen hatte, die jetzige, blos 7*18 Percent betragende Zunahme dieser 
Landes-Calamität zuzuschreiben ist. 

Die eingelaufenen Volkszählungsdaten sind noch nicht aufgearbeitet 
und so kann ich nicht untersuchen, was für eine Bevölkerung es ist, welche 
beispielsweise die Zunahme in Slavonien herbeigeführt hat. Da ich aber 
weiss, dass auch am Plattensee die Weingärten dem Verderben verfallen sind 
und da ich sehe, dass die Bevölkerung des Veszprimer Gomitates kaum um 
3 Percent, die der Somogy kaum um 6 Percent zugenommen hat, liegt der 
Schluss nahe, dass Viele von ihrem verheerten Weingarten- Gebiet anders- 
wohin gezogen sind. Wenn nämlich die gut situirten Alfölder Comitate, 
welche im Jahre 1880 um 100,000 Seelen abgenommen hatten, jetzt eine 
Zunahme von 10 bis 15 Percent und mehr zeigen, so scheint es unmöglich, 
dass nicht auch die wohlhabenden Comitate jenseits der Donau in demselben 
Verhältnisse zugenommen haben sollen. Wohl gibt es einen abscheulichen 
Grund, welcher besonders im Somogyer Comitat und merkwürdigerweise 
unter den Beformirten in trauriger Weise der natürlichen Zunahme Eintra 
thut, doch will ich diese Ursache hier nicht des Näheren erörtern ; ich gehe 
vielmehr zu den erfreulicheren Seiten der Volkszählung über. 

Hieher gehört vor Allem die Zunahme der Bevölkerung der Städte, 
dieser Brennpunkte der Intelligenz unseres Volkes. Schon bei Vorlage der 
Resultate der 1880er Volkszählung habe ich die Populations- Verhältnisse 
unserer 143 Städte besonders gewürdigt. Seitdem haben sich einige kleinere 
Städte mit geregeltem Magistrat in Grossgemeinden umgestaltet und figu- 
riren somit nicht mehr in den Listen. In den übrig gebliebenen 136 Städten 
hat sich die Bevölkerung, welche insgesammt 2.130,294 Seelen betrug, auf 



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28« 



VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 



2.451,136 Seelen erhöht, was einer 15'06percentigen Zunahme entspricht. 
Dass Budapest, die blühende Hauptstadt unseres Vaterlandes mit einer Zu- 
nahme von 37*19 Percent an erster Stelle steht, ist aus den in den Blättern 
veröffentlichen Yolkszählimgs-Resultaten bereits bekannt. Weniger bekannt 
dürfte die Thatsaohe sein, dass nach Budapest den höchsten Percentsatz die 
Stadt Marmaros-Sziget aufweist, deren Bevölkerung während des letzten 
Decenniums von 10,000 sich auf ungefähr 15,000 Seelen, d, i. um 36*34 
Percent vermehrt hat. Mit Freude könnten wir dieses Factum begrüs- 
sen, wenn wir es der natürlichen Entwicklung der Stadt zuschreiben 
dürften, doch glaube ich, dass diese staunenswerte Zunahme mehr den 
gewissenlosen und gewaltsamen Massregeln Busslands zuzuschreiben ist, — 
und ich überlasse den PoUtikem die Beurteilung der Frage, ob das 
Hereinströmen dieser aus einem anderen Staate verdrängten Vermögens- 
und erwerbslosen Volksschichten für unser Vaterland als vorteilhaft ange- 
sehen werden kann. 

Eine Zunahme von über 30 Percent weisen nur noch die Städte Alt- 
sohl und Eaposvär auf, was bei beiden mehr auf locale Ursachen zurück- 
zuführen ist, indem dieses Ergebniss namenthch bei der Stadt Altsohl durch 
den Umstand zu erklären ist, dass sie zum Mittelpunkte eines grossen Eisen- 
bahnnetzes gemacht wurde. Auch Miskolcz zeigt eine Zunahme von 25*19 
Percent, was wir der naturgemässen Entwicklung dieses den Hiuidel zwischen 
Unter- und Oberungam vermittelnden commerziellen Emporiums verdanken. 
Ausserdem ergeben noch 6 Städte eine mehr als 20 Percent betragende Zu- 
nahme der Bevölkerung, darunter Grosswardein, Steinamanger und Zalh- 
Egerszeg ; unsere grossen Agrarstädte des Alföld haben im Durchschnitte 
um 15 — 18 Percent an Bevölkerung zugenommen. 

Im Allgemeinen haben wir ausser den genannten noch 1 1 Städte, die um 
15—18 Percent, 1 9 Städte, die um 11 — 15 Percent und 8 Städte, die um mehr 
als 10 Percent zugenommen haben, wobei nur solche Städte in Bechnung 
gezogen wurden, die zugleich eine Bevölkerung von mehr als 5000 Seelen auf- 
weisen. Von wesentlicherer Bedeutung ist, dass von unseren grösseren Städten 
mehrere in eine höhere Volkszählungs-Kategorie eingetreten sind, denn nur 
das dichtere Zusammenwohnen kann einer Gemeinde den städtischen Cha- 
rakter verleihen. Es waren : 



Städte mit über 



5,000 Seelen 
10,000 
i20,000 
30,000 
40,000 
50,000 
60,000 
70,000 
80,000 
100,000 



Im Jahre 1890 

30 

30 

19 
8 
4 
3 

1 
\ 
1 



Im Jahre 1880 
34 
33 
20 

3 

2 

2 

1 

1 

1 



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VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 287 

Die Zahl der Städte mit einer Einwohner-Zahl von 5000 bis 20,000 
war im Jahre 1880 noch eine grössere; indem aber die Bevölkerung in den- 
selben zugenommen hat, vermehrten sie die folgenden Kategorien. So ist die 
Stadt Arad von 30,000 auf 40,000, in die 50,000 die Städte Pressburg und 
Debreczin, in die 70,000 Szabadka, in die 80.000 die Stadt Szegedin ge- 
stiegen. 

Die Stadt Fiume hat um mehr als 8000 Seelen zugenommen ; doch ist 
auch Kroatien Slavonien hinsichtlich der Zunahme der Bevölkerung nicht 
hinter dem Mutterlande zurückgeblieben. Agram und Mitrovitz ergeben eine 
Zunahme von über 30Vn, (Agram = 31 '63^/0), Belovar und Brood über 
20^/^ Karlovitz und Sissek 10— 12o/o. Dagegen hat Karlstadt um ^2'8lVo 
abgenommen, was aber der fehlerhaften Gonscription zugeschrieben wird, 
deren Bectification soeben im Zuge ist. Die drei Littoralstädte Buccari, 
Zengg und Carlopago sind in ihrer Bevölkerung auch schon von 1870 auf 
1880 zurückgegangen ; im letzten Jahrzehnt gestalteten sich hier die Ver- 
hältnisse noch trauriger. Es scheint, dass die starke Zunahme der Städte 
Triest und Fiume diesen kleineren Hafenstädten nicht günstig ist Yerhält- 
nissmässig hat die Bevölkerung der Nebenländer sich stärker vermehrt, als 
die des Mutterlandes, denn die im Jahre 1880 constatirte Givilbevölkerung 
mit 1.892,499 Seelen ist bis 1890, wie wir gesehen, auf 2.184,144 Seelen 
gestiegen, was 15*42 Vo entspricht, dem nur 10*157o betragenden Zuwachs 
des engeren Ungarn gegenüber. Diese Ziffer entspringt aber nicht blos aus 
dem Geburtsplus des dortigen Volkes. Der eifrige und strebsame Leiter des 
Agramer statistischen Amtes Dr. Zoricsics trachtete vor der fac tisch durch- 
geführten Zählung im Wege der (Kombination der Daten der Populations- 
bewegung die annähernde Bevölkerungszahl der dortigen Comitate zu erfor- 
schen. Dies ist ihm auch ziemlich gut gelungen. Nur in vier Comitaten, 
namentlich in Pozsega, Belovar, Kreuz und Veröcze überstieg die factisch 
ermittelte Bevölkerung die ausgerechnete um beinahe 55,000 Seelen. «Und 
eben dies sind jene vier Komitate — sagt er selbst — , in welchen die Ein- 
wanderung aus Ungarn, Böhmen und Mähren, wie auch aus anderen Comi- 
taten Ejroatien-Slavoniens vor längerer Zeit begonnen hat, und auch jetzt 
noch ständig oder zum grossen Teil anhält.» 

Wer sieht nicht in diesen Populationsdaten der benachbarten Neben- 
länder die Quelle einiger geringerer Zunahmen unserer transdanubischen 
Comitate, da der Umstand bekannt ist, auf welchen auch schon die Gesell- 
schaft ihr Augenmerk gerichtet hat, dass die Bevölkerung dieser Gegenden sich 
insbesondere in Slavonien niederlässt, in diesem Complex, welcher aus Co- 
mitaten besteht, die vor noch nicht gar langer Zeit ungarisch waren. 

Wird man dort drüben — was ich übrigens eben unter unseren heu- 
tigen politischen Verhältnissen eher glaube, als wir es noch vor Kurzem 
hoffen konnten — im Sammeln der auf die Muttersprache bezüglichen Daten 



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288 



VORLÄÜFIGK ERGEBNISBE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 



80 gewissenhaft vorgehen, wie dies bei uns geschehen ist? In diesem Falle 
wird es nach der Aufarbeitung der Details nicht eben überaus schwer sein, 
unsere engeren Landsleute auch jenseits der Drau zu finden. 

Denn ein anderes Mittel als die Sprache steht uns nicht zur Verfügung, 
um die ungarische Nationalität festzustellen ; wenn wir aber dieses Mittel, 
frei von jeder chauvinistischen Absichtlichkeit, richtig anwenden, kommen 
wir der Ermittlung dessen sehr nahe, wieviel wir Ungarn sind ? 

Ich weiss sehr gut, dass diese Frage meine geehrten Zuhörer am 
meisten interessirt. Ich leugne es nicht, dass auch ich in erster Reihe dies 
ergründen wollte. Da jedoch die sprachlichen Verhältnisse nur nach mehr- 
maligem Durchsehen und combinirtem Vergleichen der mehr als 17 Millionen 
Zählzettel ermittelt werden können, habe ich eine einigermassen conjecturale 
Berechnung angewendet, über deren Unschitldi^keit ich übrigens sofort 
Rechenschaft geben werde, wobei ich im vorhinein überzeugt bin, dass mich 
Niemand einer parteiischen Schönfärberei zeihen wird. '^ 

Bevor ich jedoch auf diesen interessanten und zu^^^^ letzten Teil 
meines Vortrages übergehe, ist es meine Pflicht, auf noch eim^^orteilhafte, 
ebenfalls bei diesem Anlasse ermittelte Thatsache hinzuweisen, wP^ welcher 
ausser der ziffermässigen Zunahme unseres Volkes auch die Ve^^^B^'^^" 
zunähme desselben gefolgert werden kann. Dies ist die Zahl der ^^user, 
welche bei der letzten Zählung ebenfalls gesammelt wurde. 

Betrachten wir daher dieses Verhältniss näher und sehen wir die 
der Häuser ; diese war : 

Im Jahre 1890 Im Jahre 1880 

In Ungarn 2.543,086 2.299,366 

In Fiume und Gebiet 1,831 1,503 

In Kroatien-Slavonien 3i4,565 27 6,5 54 
Zusammen 




Im J. 1890 mehr 
243,720 
328 
68,011 



2.889,482 2.577,423 312,059 



Diese absoluten Ziffern zeigen uns nur in geringem Maasse den rich- 
tigen Weg. Der Vergleichbarkeit wegen müssen wir auch hier zu den Per- 
centen unsere Zuflucht nehmen und die gewonnenen Besultate auch mit den 
Percenten der Populationszunahme vergleichen. Dann finden wir, dass die 
Zunahme 

der Häuser der Population 
.. 10-59 Vo 10-15 % 

21-82 Vo 38-22 % 

^.._ 24^59%^ 15-42% 

12-18 % 



in Ungarn _ ... 

in Fiume nnd Gebiet ._ 
in Kroatien-Slavonien 
im Durchschnitt 



\ 



i 



10-82 Vo betragen hat. 



Und wie beredt sprechen diese Zahlen ! Anscheinend präsentirt sich 
das Mutterland am ärmsten, insofern hier zwischen der Vermehrung der 
Bevölkerung und der Steigenmg der Häuserzahl kaum ein halbes Peroent 



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VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 289 

Unterschied ist. Wir lassen Fiume bei Seite, wo die Zunahme der Häuser 
hinter der der Bevölkerung um 16*4 Percent zurückblieb, was daraus erklär- 
lich ist, dass in Fiume, hervorgehend aus dem Charakter der Hafenstadt, 
auf engem Baume mehrere Stockwerke hohe Häuser erbaut werden. Das 
grössere Fercentuale Ejroatien-Slavoniens, wo die Bevölkerungszunahme 
ebenfalls um 9*17 Percent überschritten ist, macht uns nicht irre; hier 
kommt die früher erwähnte Golonisation und Einwanderung zum Ausdruck, 
da neue Ankömmlinge zuerst für Wohnhäuser Sorge tragen müssen. 

Es gibt auch bei uns Comitate, z. B. Hont, Neutra, Baranya, Weissen- 
burg, Tolna, Bäcs, Gsongräd, Bekes, sogar ganze Landesteile, wie das Donau- 
Maros-Eck und die siebenbürgischen Comitate, in welchen das Häuser- 
zunahme-Percentuale das der Bevölkerungszunahme übersteigt. Wenn wir 
aber bedenken, dass im ganzen Lande nur in Wieselburg die Häuserzahl 
um 0*83 Percent abnahm, während sich in dem an Bevölkerung stagniren- 
den Abauj-Toma die Häuserzahl doch um 0*94 Percent, in den abnehmen- 
den Comitaten Säros und Zips die Häuserzahl doch um 6*23 Percent bezie- 
hungsweise 6*33 Percent hob, müssen wir zu der Ueberzeugung kommen, 
dass die Auswanderung sich nicht in sehr tiefe Schichten erstreckte, und dass 
das Volk die Auswanderung nur als Erwerbsquelle betrachtet und weniger 
aus Expatriirungsabsicht das Vaterland verlässt. Diese Ansicht scheint noch 
ein anderer Umstand zu rechtfertigen. 

In Ungarn entfallen 1031 Frauen auf je 1000 Männer. Nach meinen 
früheren Untersuchungen habe ich klargestellt, dass die westeuropäische 
Proportion zwischen den Geschlechtern die Mitte Ungarns durchschneidet ; 
in der westlichen Hälfte unseres Vaterlandes gilt eine der westeuropäischen 
Proportion ganz gleiche, während in der östlichen, insbesondere unter den 
beiden griechischen Confessionen, das umgekehrte Verhältniss immer mehr 
zum Vorschein kommt. Hier überschreitet die Anzahl der Frauen die der 
Männer nicht, sie erreicht sie nicht einmal, so zwar, dass in einigen Comi- 
taten, z. B. in Krassö-Szöreny, Besztercze-Naszod, Csik, Hunyad und Udvar- 
hely auf je 1000 Männer kaum 950—980 Frauen entfallen. 

Wenn wir nun in Erfahrung bringen, dass in dem als stagnirend cha- 
rakterisirten Abauj-Torna 1 147, in dem an Bevölkerung abnehmenden Zipser 
und Säroser Comitat 1136 und 1163 Frauen auf je 1000 Männer entfallen, 
müssen wir folgern — und diese Erfahrung machte ich bereits im Jahre 1881, 
als die Auswanderung noch nicht so sehr in Mode war — , dass die 
männliche Bevölkerung nur zeitweilig in andere Comitate oder Länder zieht 
oder sogar über den Ocean geht, dass sie also mit nur wenigen Ausnahmen 
ihr Vaterland nicht endgiltig zu verlassen gedenkt, sondern zu ihren Lieben 
zurückkehrt, für die auch unter dem groben Eotzentuche ihr Herz warm 
schlägt, und dass sie durch die zeitweilig auf sich genommene freiwillige 
Verbannung das Schicksal ihrer daheimgebliebenen Familie verbessern 

Ungarische Beme, XI. 1801. IV. H^tt, |9 



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290 VORLÄUFIGE EBGEBNI8SE DER VOLKSZÄHLUNG 189a 

will. — Es ist daher kein Grund zu grosser Besorgniss über das Verkommen 
unserer Bevölkerung, wohl aber örund^ uns über die Zunahme des Magya- 
rentums zu freuen. 

Woher ich dies weiss? Ich habe es schon eingestanden, — nicht aus 
der Zählung der Zählkarten ; ich schliesse es auch nicht aus der zehnjährigen 
Wirkung des Gesetzes, welches die ungarische Sprache in die Volksschule 
einführte und mit welchem wir wohl in Städten und in Gegenden mit ge- 
mischter Bevölkerung^ nicht aber dort, wo die Nationalitäten fremder 
Zunge dicht beisammen wohnen, flroberungen machen werden. Ich brauchte 
aber auch zu keinem Kunstgriff meine Zuflucht zu nehmen. Die sprach- 
lichen und Nationalitätsverhältnisse sind bekannt. Wir wissen bereits 
seit 1880 in Percenten, wie viel ungarische und anderssprachige Einwohner 
in jedem Gomitat und in jeder Stadt leben. Wenn ich daher den etwaigen 
Vermehrungsvorrang des ungarischen, als des herrschenden Stammes, ganz 
ausser Bechnung lasse, sondern nur die im Jahre 1880 eruirte Percentual- 
zahl der ungarischen Bevölkerungszunahme als Multiplicator für die in den 
einzelnen Gomitaten vorhandene Bevölkerungszahl nehme, muss ich die 
Minimalzahl erhalten — ich wiederhole es, unter Fernhaltung jeden Neben- 
umstandes —, um welche sich die magyarische Bevölkerung im letzten Jahr- 
zehnte vermehrt hat. 

Ich will mein Verfahren durch ein Beispiel verständlich machen und 
illustriren: Im Gomitat^ Jäsz-Nagykun-Szolnok war im Jahre 1880 das 
ungarische Bevölkerungs-Percentuale 94*91 Vo, die ungarische Bevölke- 
rung war damals 39,310, also bat sich das Magyarentum daselbst um 
39,310 X 94-91 : 100 = 37,309 vermehrt. Richtig ist, dass dies eines der 
günstigsten Beispiele meiner Berechnung ist, denn ein grösseres Percent 
hat die magyarische Bevölkerung in keinem Comitat. Wir können aber 
auch das andere Extrem nehmen. Da ist das Ärvaer Gomitat, welches im 
Jahre 1880 nur 0*43 Vo Ungarn aufwies. Obige Bechnung ergibt für die 
1890er Vermehrung 3251 X 0-437o : 100 = 14 d. h. in Irva hätte nach 
dieser Rechnung die magyarische Bevölkerung nur um 14 Seelen zugenom- 
men, was sicherlich die Arvaer selbst nicht behaupten. 

Ich hoffe, nach diesen Beispielen wird mich Niemand des Chauvinismus 
zeihen oder mich — wie ich seinerzeit vom deutschen Schulverein ver- 
dächtigt wurde — der Datenfalschung anklagen ! 

Nach Durchführung dieser Arbeit hatte ich in Erfahrung gebracht, 
dass sich das Ungartum folg^idermassen vermehrt hat : 

Auf der linken Seite der Donau um 36,123 Seelen 

Auf der rechten Seite der Donau um _ 1 19,862 c 

Zwischen Donau und Theiss um 286,925 • 

Auf der rechten Seite der Theiius um 47,159 « 



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VORLÄUFIGE ERGEBNISSE DER VOLKSZÄHLUNG 1890. 291 

Auf der linken Seite der Tbeiss um 128,142 Seelen 

Im Maros-Donau- Winkel um 34,913 • 

In den siebenbärgisohen Comitaten um 42,740 f 

Zusammen um 695,864 Seelen ; 

somit entfallt von der gesammten Vermehrung der Bevölkerung im Mutterlande 

mehr als die Hälfte auf die Ungarn. 

Die Volkszählung vom Jahre 1880 hat 6.165,088 Ungarn aasgewiesen. 
Hinzugerechnet die vom Lande provisorisch Abwesenden nach dem allge- 
meinen Landespercent, sowie die im factischen Militär- und Honv^ddienste 
Stehenden und jene 817,668, welche ungarisch verstehen: hatte ich damals 
schon 7.342,800 Ungarn festgestellt. Nur die Anwendung einer einzigen con- 
jectoralen Zahl möge gestattet sein, dass ich nämlich zu der aus dem vorigen 
Jahrzehnte stammenden Summe der ungarisch verstehenden Anderssprachi- 
gen 20 Percent hinzuschlage. Ich weiss, das ist eine willkürliche Zahl ; allein 
mit eineSr Bundschau im Vaterlande und blos die jüngste Greneration in Be- 
tracht gezogen und die schon im Jahre 1880 factisch festgestellten Sprach- 
Verhältnisse als Grundzahl genommen, wird, glaube ich, Jedermann einsehen, 
dass ich mit diesen 163,000 Seelen diesseits der anzunehmenden Zahl ge- 
blieben bin, was unsere definitiven Daten, wie ich hoffe, bekräftigen werden. 
Es steht sogar die Gonstatinmg eines noch besseren Besultates zu erwarten. 

Wir erhalten daher eine runde Zahl von 8.200,000 ungarisch sprechen- 
den Landsleuten. Ob diese Alle mit Leib und Seele Ungarn sind ? Wer 
könnte daran zweifeln ? Aber um hier nicht fehl zu gehen, liess ich, auf 
Rechnung der Malcontenten und der ungarisch sprechenden Agitatoren 
fremder Nationalität, zur Ausgleichung der Zahl 2200 Seelen fallen, und 
dann repräsentirt, die heutige factische Volkszabl in Betracht gezogen, 
das Ungartum im Mutterlande 54*22 Percent und dies bildet in der Bevöl- 
kerung des Landes eine starke absolute Majorität. 

Fürderhin kann uns Niemand mehr den Vorwurf machen, dass in 
diesem Lande die nationale Minorität herrsche, denn die zahlreichste nicht- 
magyarische Nationalität übersteigt in unserem Lande kaum 15 Percent, und 
die absolute Majorität gehört allezeit der ungarischen Nation. 

Earl Eeleti. 



19* 



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^^2 DIE EISENBAHNEN IM UNGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 

DIE EISENBAHNEN IM UNGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 

Gelesen am 12. Jänner 1891 in der ungar. Akademie der Wissenschafken. 

Das Ziel, nach welchem, unterstützt von der Opferwilligkeit der Nation, 
Begierung und Legislative beständig strebten, ist endlich erreicht : das 
1891er Staatsbudget zeigt das Qleiohgewicht im Staatshaushalte völlig her- 
gestellt und mit demselben schliesst die zweiundzwanzigjährige Periode 
chronischer Defizite. 

Eigentlich dürfen wir schon das 1890er Jahr nicht zu diesem Zeit- 
abschnitt rechnen, denn es scheint, dass das thatsächliche Ergebniss nicht 
nur das kleine, auf eine halbe Million veranschlagte Defizit Verschwinden 
liess, sondern die Staatscasse um einen erheblichen Ueberschuss berei- 
cherte, so dass sich jener Zeitraum, welcher ein so wechselndes Bild schwäch- 
lichen Yerzagens und grosser Eraftanstrengung, unerfahrener Missgriffe und 
zielbewusster Vorhersicht vor uns entrollt, eigentlich nur auf 21 Jahre 
erstreckt. 

Eine gründliche Studie über diesen Zeitabschnitt aus finanziellem 
Gesichtspunkte anzufertigen, wäre eine ungewöhnlich interessante und 
dankbare Aufgabe, und in der That ist die Zeit gekommen, in welcher die 
Fachliteratur sich bemühen sollte, mit objectiver, geschichtlicher Auffas- 
sung die dunklen Pfade, auf welchen unsere Staatsfinanzen während dieser 
Periode wandelten, zu beleuchten. 

Jedermann weiss im Allgemeinen, dass die anhaltende Störung des 
Gleichgewichtes unseres Staatshaushaltes zum Teil durch den üebereifer 
hervorgerufen wurde, mit welchem wir die Versäumnisse von Jahrhunderten 
auf einmal nachholen wollten, zum Teil durch die wachsenden Militärlasten, 
die uns der Zwang der europäischen Situation aufbürdete, zum Teil aber auch 
durch den Mangel gebührender Rigorosität auf staatsfinanziellem Gebiete und 
durch die etwas leichtfertige Auffassung, welche lange Zeit hindurch das 
kreuzerweise Sparen verachtete, das doch bei einer so armen Nation von 
vornherein völlig motivirt gewesen wäre. Ausserdem wirkten natürlich 
viele andere Ursachen zusammen, um dieses bedauerliche Resultat hervor- 
zurufen. Dieses ist teils ein Ausfluss unserer Wirtschaftsverhältnisse, teils 
eine Folge unserer mit Oesterreich abgeschlossenen Verträge, bei denen wir 
die anfangs begangenen Fehler erst später und auch dann nicht einmal 
vollständig zu rectificiren vermochten. 

In welchem Maasse die verschiedenen Ursachen auf die Verschlimme- 
rung unseres Staatshaushaltes Einfluss übten, ist bisher ziffermässig noch 
nicht nachgewiesen worden. Es ist auch schwer, apodiktisch sichere Posten 



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M^ IKiBäNBAHKEK IM UKGARISOHEM STAAT8HAU8HAI/CE. ^^^ 

an&nstellen. Jene staatlichen Bedärfnisse, welche während dieser 21 Jahre 
in unserem Budget als Ausgaben figuriren^ haben fast ausnahmslos mit 
vollem Rechte ihre Befriedigung fordern können. Die Frage ist nur, bis zu 
welcher Grenze? Ob sie aufschiebbar waren oder nicht, und im letzteren 
Falle, wie weit sie ihre Deckung aus den eigenen staatlichen Erträgnissen 
fanden und wie weit sie Yeranlasser des Defizits und der riesigen Last der 
in Folge des Defizits sich anhäufenden Staatsschulden gewesen sind. Die 
befriedigende Beantwortung aller dieser Fragen erheischt ausser der bis ins 
kleinste Detail eingehenden Durchforschung unseres Staatshaushaltes und 
ausser der Durcharbeitung der Schlussreehnungen noch die ernste Inbe- 
trachtnahme unserer wirtschaftUchen und politischen Verhältnisse und die 
helle Beleuchtung ihrer Wechselwirkung. 

Diese anspruchslose Abhandlung will keine so grosse und kühne Auf- 
gabe lösen ; ich habe mich in den folgenden Blättern nur bemüht, nachzu- 
weisen, welchen Anteil die im Interesse des vaterländischen Eisenbahn- 
wesens gebrachten Opfer an der Hervorbringung der seit 1869 ununter- 
brochen anhaltenden Defizite hatten, natürlich ohne zu vergessen, dass 
diese Opfer zum Teil ihre Gompensation fanden in jenem Zuwachse des 
Staatsvermögens, welchen der Wert der Staatsbahnen jetzt repräsentirt^ 
und dass sie dieselbe vielleicht ganz finden in dem uncalculirbaren indirecten 
Nutzen, welchen sämmtliche Zweige unserer Yolkswirthschaft den Eisen- 
bahnen verdanken. 

Wie viel wir seit 1869 für den Ausbau unseres Eisenbahnnetzes und 
für die Erhöhung der Yerkehrscapadtät desselben auf deren heutigen Stand 
geopfert haben, ist nicht leicht festzustellen. Es wird nicht ausgedrückt durch 
das Investitionscapital der Staatsbahnen, selbst dann nicht, wenn wir den 
Betrag der an die garantirten Eisenbahnen verabfolgten Zinsengarantie- 
y orschüsse hinzurechnen ; denn das Beinerträgniss der Eisenbahnen deckte 
beiweitem nicht die Jahreszinsen und Tilgungsquoten des Investitions- 
capitals, uiid die Zinsengarantie-Yorschüsse waren, obschon sie den betref- 
fenden Eisenbahnen sammt vier Peroent Zinsen zur Last geschrieben wur- 
den, meist nur fictive Werte, und der Staat verzichtete auch gelegentlich 
der später erfolgten YerstaatUchung auf deren Bückersatz. Es genügt selbst 
nicht, wenn man die unbedeckten Annuitäten des InvestitionsGapitals und 
die jährlich bezahlten Zinsengarantie- Yorschüsse in Rechnung nimmt. 
Denn der Staat war genötigt, da er diese Summen aus seinen eigenen 
Einnahmsquellen nicht zu decken vermochte, zu Staatsanlehen seine Zu- 
flucht zu nehmen ; es sind daher in jedem einzelnen Jahre nicht nur die 
thatsächlich in Eisenbahnen investirten Summen, die Zinsengarantie -Yor- 
sehüsse und die Annuitäten der direct zu Bahnzwecken aufgenonmienen 
Anlehen in Rechnung zu nehmen, sondern auch der Proportionalteil der 
Annuitäten jener Anlehen, aus welchen die unbedeckt gebliebenen EÜsen- 



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5^4- DIB EISENBAHNEN IM ül^GARIftOHEN STAATßÖAÜSttALTfi. 

bahnauagaben des früheren Jahres, beziehungsweise der früheren Jahre 
ersetzt wurden. So bildet sich eine ununterbrochene Verkettung, bei welcher 
die für die Entwicklung des Eisenbahnwesens geopferten Nettobeträge und 
die zu deren Bedeckung aufgewendeten verschiedenen Änlehen als Glieder 
aneinander gereiht sind, wobei jedes vorherige Glied auch das nächstfol- 
gende influenzirt, weil man in jedem späteren Jahre auch die Zinsen der im 
vorangehenden Jahre zur Deckung der aus dem Eisenbahnwesen herrüh- 
renden Ausgaben aufgenommenen Anlehen in die Beihe der übrigen Passiv- 
posten einfügen muss. Wenn man die Frage so au£Easst — und richtig 
kann man sie nur so aufifiassen, — dann ist die Eraftanstrengung, welche 
die Nation im Interesse der Verkehrsbahnen und insbesondere der Elisen- 
bahnen gemacht hat, zweifellos eine viel grössere, als man auf den ersten 
Blick denken mag. Wenn unsere Staatsschuld lawinenartig anwuchs, dann 
hatten gerade diese Eraftanstrengungen, gerade diese Opfer, wie wir dies 
weiter unten auch ziffermässig nachweisen werden, hieran den gröesten 
AntheiL 

Ob aber der Vorgang, welchen wir befolgen, ein richtiger ist? Ob diese 
combinative Berechnung sich der Wirklichkeit nähert und ob wir nicht, 
indem wir nach Wahrheit forschen, die wichtige Frage, welche wir ins 
Beine bringen wollen, in falsches Licht setzen ? Diese Fragen kann man mit 
Becht aufwerfen, und ich muss, bevor ich an meinen Gegenstand heran- 
trete, die Bechtfertigung meines Vorgehens voranschicken. 

Es ist unmöglich, mit voller Bestimmtheit nachzuweisen, aus welchen 
Quellen die in Eisenbahnen investirteh oder im Allgenieinen im Interesse 
des Eisenbahnwesens geopferten Summen herbeigesdiafft worden sind. 
Wenn wir die in Folge der Eisenbahnverstaatlichung übernommenen Lasten 
nicht zählen, hatten wir nur zwei Anlehen, welche ausschliesslich oder fast 
ausschliesslich in Eisenbahnen investirt wurden : das 1 867er Eisenbahn- 
Anlehen und das Pfandbrief- Anlehen der Gömörer Industriebahnen. Die 
Bestimmung des 30-Millionen-Anlehens war zwar teilw^e gleichfalls die 
Deckung von Eisenbahnbaukosten, aber die bestimmungsgemässe Manipu- 
lation dieses im Jahre 1872 realisirten Anlehens hörte schon im Jahre 1873 
auf und der Ueberrest desselben vom Jahre 1872 wurde in die übrigen 
Staatseinnahmen einbezogen und verlor seinen specifizisohen Charakter. 
Wie man demnach bestimmen köime, ob die späteren Eisen bahnbaukosten, 
Investitionen, Eisenbahn-Zinsengarantiezuschüsse u. s. w. aus den ordent- 
lichen Einnahmen des Staates oder aber aus Staatsanlehen gedeckt wur- 
den und aus welchen Staatsanlehen, ist eine unwillkürlich auftauchende 
Frage. Es ist wahr, dass bei den Ausgabeposten der Ursprung der ver^ 
brauchten Summe nicht ersichtlich gemacht ist, und dies wäre auch über- 
flüssig ; zweifellos ist aber, dass aus den ordentlichen Staatseinnahmen die 
Ausgaben nicht gedeckt werden konnten und dass demnach die im Interesse 



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t>te tilS&KBAH^&K IM ÜKGARlSOfiEK 8TAA!r8HAtJS6AI/rt&. ^^ 

unseres fÜsenbnhnweseDS gebrachten Opfer in dem jährliehen Staatshaus- 
halts-Defizit zum Ausdruck gelangten. Und nachdem die Legislative für die 
Deckung dieser Defizite mit besonderer Bezeichnung der Oreditquellen Sorge 
getragen, Verstössen wir offenbar nicht gegen die Wahrheit, wenn wir den 
Betrag der von Jahr zu Jahr für Eisenbahnen geopferten Netto- Ausgaben zu 
Lasten jenes Staatsanlehens schreiben, aus welchem in dem betreffenden 
Jahre das Gassendefizit bedeckt wurde. 

Die Basis, auf welcher ich meine Bechnungen veranstaltete, ist dem- 
nach eine genügend feste, eine genügend reelle. Trotzdem schmeichle ich 
mir, nicht mehr, als ein annähernd wahres Besultat zu geben ; zweifellos 
ist zwischen der Wirklichkeit und den von mir deduciiien Zahlen einige 
Abweichung. Wer unsere Staatsschlussrechnungen kennt, wird wissen, wie 
schwer es ist, aus denselben nach irgend welcher Bichtung zwischen der 
Gegenwart und der Vergangenheit ein vergleichendes Bild zu gewinnen. 
Die wechselnden Principien, welche zeitweise bezüglich der Bedaction der 
Staatsschlussrechnungen und bezüglich der Verrechnung herrschten, machen 
jede solche Vergleichung überaus mühsam, und obgleich ich zur Extrahirung 
der Daten die freundliche Mithilfe einiger (Kollegen in Anspruch nahm, wage 
ich doch nicht zu behaupten, dass meine Daten ohne Lücken und frei 
von jeglichem Lrrtume seien. Indessen bei Beträgen, welche sich auf Hun- 
derte von Millionen belaufen, verändern kleine Irrtümer oder Abweichun- 
gen das Besultat nicht. 

Da wir die im Interesse der Eisenbahnen gebrachten Opfer in 
erster Beihe mit dem staatlichen Defizit vergleichen wollen, haben wir das 
Schlussrechnungsdefizit während des in Bede stehenden Zeitraumes voran- 
zuöchicken. Der Staatsrechnungshof weist in dem den Schlussrechnungen 
beigegebenen detaillirten Berichte alljährlich das Defizit aus, und zwar 
nimmt derselbe den Standpunkt ein, als Defizit das ganze Plus anzunehmen, 
um welches die Ausgaben die aus den eigenen Hüfsquellen des Staates 
resultirenden Einnahmen fiberschreiten. Dieser Standpunkt gibt zweifellos 
das reellste und strengste Maass für die Beurteilung der Finanzlage. Wollte 
man minder streng vorgehen, so könnte man die Investitionen, welche 
eigentlich eine Vermögensvermehrung repräsentiren, von dem Defizit 
abziehen. Dies Vorgehen würde aber leicht auf einen Irrweg führen. Bei 
Investitionen ist nämlich nicht nur deren Herstellungswert und deren wirt- 
schaftlicher Wert in Betracht zu nehmen, sondern auch deren Erträgniss ; 
denn vom Standpunkte der Staatshaushaltung sind solche Investitionen, 
welche zwar öffentlichen Nutzen gewähren, aber dem Staate unmittel- 
bar gar kein oder nur ein geringes Erträgniss bringen, kein äquipari- 
render Wert mit den im Wege von Anlehen aufgebrachten Summen, 
welche eine Verzinsung erheischen und dem Staate fortwährend Lasten 
snferlc^n. 



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^6 DIE BIBBNBAHNEN IM UKGARISGHBN STAATSHAÜSHAt/lä. 

Nehmen wir daher die Daten des Obersten Bechnungshofes an^ so 
finden sich seit 1869 folgende Jabresdefizite : 

1869: 13.066,790; 1870: 28.749,345; 1871: 35.554,853; 1872 
42.153,134; 1873: 64.080,907; 1874: 61.518,925; 1875: 40.498,436 
1876: 31.260,933; 1877: 26.451,034; 1878: 58.924,721; 1879: 38.260,045 
1880:41.963,574; 1881 :48,065,401 ; 1882: 46.343,544; 1883: 39.135,892 
1884: 41.018,451 ; 1885: 40.200,527 ; 1886: 43.041,767; 1887: 49.416,735 
1888 : 24.103,491 ; 1889 : 1.386,898. 

W&hrend dieser 21 Jahre können wir zwei oder richtiger drei Perioden 
unterscheiden. Die erste währte bis 1874, als die alte DeÄk-Partei-Begierung 
die Zügel in Händen hatte ; die zweite von 1875 bis inclusive 1877, die Ent* 
wirrung der Staatsfinanzen unter dem Fusionscabinet ; die dritte aber von 
1878 (bosnische Occupation) bis heute. Da jedoch die beiden letzten Perioden 
weder durch das System, noch durch die Personen von einander getrennt 
sind, sondern blos durch das auswärtige Ereigniss der bosnischen Occupa- 
tion — obwohl dies zweifellos bedeutenden Einfiuss auf unseren Staats- 
haushalt hatte, — scheint es richtiger blos zwei Perioden zu unterscheiden : 
die vor 1875 und die seitherige. In der ersten sechsjährigen Periode belief 
sich die Summe der Defizite auf 245*12 Millionen Gulden und das durch- 
schnittliche Jahresdefizit war 40*85 MilUonen Oulden, während in der 
zweiten Periode, welche anderthalb Jahrzehnte umfasst, die gesammten 
Defizite 570*07 Millionen Gulden ausmachten und das durchschnittliche 
Jahresdefizit 38 Millionen Gulden betrug. Ein sehr grosser Unterschied zwi- 
schen den durchschnittUchen Jahresdefiziten zeigt sich demnach nicht, 
allein wir wollen sehen, wie weit die Eisenbahnen die Veranlassung dieser 
grossen Defizite gesondert in der ersten und in der zweiten Periode gewe- 
sen sind. 

Der Staat war nach zwei Richtungen hin bestrebt, der Entwickelung 
des ungarischen Eisenbahnnetzes Vorschub zu leisten, teils direct durch den 
Bau staatlicher Linien, teils — zu Folge Ännahine des Principes der Erträg- 
niss-Garantie — indirecte dadurch, dass mit einer Aussicht auf staatliche 
Garantie das Privat-Capital zur Teilnahme an Eisenbahn-Unternehmungen 
angespornt wurde. Letzteres Vorgehen war das regelmässige, ersteres wurde 
nur ausnahmsweise verfolgt. Gegenwärtig aber, da wir die wirtschaftliche 
Wirkung des damaligen Systems auf Grund vollendeter Ergebnisse zu beur- 
teilen im Stande sind, können wir ohne Zaudern über das System der Zinsen- 
Garantie den Stab brechen. Damals jedoch wurden und konnten auch die 
Verhältnisse nicht aus demselben Gesichtspunkte betrachtet werden, wie 
gegenwärtig. Das System der Zinsengarantie dominirte nicht nur in Oester- 
reich, sondern auch in Ungarn ; die ungarische Begierung erbte dasselbe 
von der österreichischen. Dieses System wurde nach den damaligen Erfah- 
rungen nicht einmal für gefahrvoll angesehen, garantirte Bahnen waren ja 



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DIE EISEKBAHNEN IM UNGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 



2«? 



die damals im Betrieb Ertebenden österreiobiscben Staatsbabnen/ die Süd- 
babn und die Tbeissbabn^ und die Erträgniss- Garantie war — wenigstens 
niebt andauernd — mit keiner Belastung des Staates verbunden. Dies 
konnte aucb bezüglicb der in neuerer Zeit concessionirten garantirten 
Babnen erbofft werden. Es bestand jedocb ein wesentlicber Unterscbied 
zwiscben den älteren und neueren Babnen ; erstere fübrten durcb die best- 
situirten Teile des Landes^ letztere bingegen durcb solcbe Gegenden, in 
welcben dem Eisenbabnverkebr, ebenso den Personen- wie aucb den 
Waaren-Verkebr betreffend, keine derartig ausgiebigen Quellen zur Verfü- 
gung standen wie in jenen Teilen des Landes, deren Bevölkerung eine dicb- 
tere ist, und deren culturelle Yerbältnisse ziemlicb entwickelt waren. Die 
Folge bievon war, dass die Zinsengarantie- Vorscbässe in kurzer Zeit die 
Staatscassa derartig in Ansprucb nabmen, dass diese Summen allein im 
Stande gewesen wären die Störung des finanziellen Gleicbgewicbtes zu 
verursacben. Diese Last war jedocb in den ersten Jabren der Periode, über 
welche sieb diese Abhandlung erstreckt, nocb nicht fühlbar ; eine Ausgabe 
unter diesem Titel tritt zum erstenmal in der Staatsschlussrechnung des 
Jahres 1870 hervor. 

Das erste materielle Opfer, welches Ungarn nach Eroberung seiner Ver- 
fassung im Interesse der Eisenbahnen brachte, war der Ankauf der Pest- 
Losonczer Linie der in missliche finanzielle Verhältnisse geratenen Unga- 
rischen Nordbahn im Jahre 1 868. Zu diesem Zwecke wurde das auf Grund 
des G.-Art. Xni vom Jahre 1867 aufgenommene Eisenbahn- Anleben ver- 
wendet, welches im nominellen Werte von 85.125,600 Silber-Gulden emit- 
tirt wurde. Von der Verwertung dieser Obligationen flössen, wie dies aus 
den nach gänzlicher Abwickelung der Anleihe durcb den Obersten Staats- 
rechnungshof und die Schlussrecbnungs-Commission vorgelegten Berichten 
ersichtlich ist, nur 68.969,178 Gulden im Bankwerte in die Staatscassa ein ; 
bievon wurden zu Ankauf und zum Bau von Eisenbahnen und Eisenbahn- 
Fabriken 67.511,733 Gulden verwendet, — doch nahmen von dieser Summe 
5.799,887 . Gulden die Intercalar-Zinsen der in Eisenbahnen angelegten 
Capitalien in Ansprucb. 

Von der Eisenbahn- Anleihe wurden im Jahre 1868 10* 12 Millionen 
Gulden auf Eisenbahnen verwendet, in diesem Jahre resultirt die Staats- 
Schlussrechnung noch mit einem Ueberschuss. 

Im Jahre 1869 nabmen die Eisenbahn-Bauten 11*20 Millionen in An- 
spruch. Li diesem Jahr wurde die Eisenbahn- Anleihe nocb fondsmässig 
verwaltet, und es erbellt aus den diesbezüglichen Rechnungen, dass nicht 
nur diese ganze Summe von der benannten Anleihe gedeckt wurde, sondern 
aucb jene 1*23 Millionen Gulden, um welche Summe die geleisteten Liter- 
calar-Zinsen die Zinsen der aus der Eisenbahn-Anleihe nutzbringend ange- 
legten Gapitalien und das Netto Erträgniss der erstandenen Staatsbahn über- 



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Dite BiSENBAHNtiK IM ÜNOABlSOHteM STAATSftAÜSÖALtB. 



trafen. Die Netto- Ausgabe für Eisenbahnen betrug im Jahre 1869 12*43 Mil- 
lionen öulden und ist daher nur um 637 Tausend öulden geringer als das 
Defizit desselben Jahres. 

Im Jahre 1870 gestalteten sich die Ausgaben folgendermassen : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen und Ankauf der 
Maschinen-Fabrik _ — 13.115,425 fl. 

Netto- Ausgabe beider fondsmässig verwalteten Eisenbahn- 
Anleihe ._ 2.089,136 € 

Zinsengarantie- Vorschüsse _. ... ... 3.034,332 t 



Zusammen 18.238,893 0. 

Von dieser Summe wurden 14.051,980 Gulden aus der Eisenbahn- 
Anleihe gedeckt, 4.186,913 Gulden hingegen sind in dem unbedeckten Ab- 
gang der Schlussrechnung enthalten. Das Defizit dieses Jahres übertraf die 
auf Eisenbahnen verwendeten Summen schon um 10.510,452 Gulden. 

Ausgaben im Jahre 1871 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 16.334,026 fl. 
Netto- Ausgabe bei der fondsmässig verwalteten Eisen- 
bahn-Anleihe 2.317,343 € 

Zinsengarantie-Vorsohusse 3.828,114 t 



Zusammen 22.479,483 fl. 

In diesem Jahre war die auf Eisenbahnen verwendete Summe schon 
um mehr als 13 Millionen Gulden geringer als das Defizit des Jahres. Da 
zur Beendigung der im Bau begrififenen Eisenbahnen die Eisenbahn- Anleihe 
vom Jahre 1867 voraussichtlich nicht hinreichend war, wurde die Regie- 
rung mit dem G.-Art. XLV zur Emission einer 30 Millionen Silber-Gulden - 
Anleihe bevollmächtigt, welche Anleihe teilweise auch zur Deckung des 
jährlichen Defizites diente. Im Jahre 1872 wurde ausserdem auch noch eine 
andere Eisenbahn- Anleihe emittirt, das mit dem G.-Art. XXXVII vom Jahre 
1871 concessionirte Pfandbrief- Anlohen der Gömörer Industrie-Bahnen. 
Bevor jedoch die Verwendung dieser beiden Anleihen detaillirt würde, teilen 
wir die im Jahre 1872 auf Eisenbahn- Zwecke verausgabten Summen mit: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 19.453,332 fl. 
Netto- Ausgabe bei derfondsmässigverwaltetenEisenbalm- 

Anleihe 4.582,774 t 

Gömörer Anlehen, Zinsen und Amortisation 390,777 « 

30 Millionen-Anleihe, die auf dieses Jahr entfallenden 

Zinsen und Amortisation 302,046 • 

Zinsengarantie' Vorschüsse ... ... 6433,243 t 



Zusammen.. 31.162.172 fl. 



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blfi EtRt:l4ßAHNB>( IM UNOARISCHEN STAA'TSHAÜBaALTfi. ^^ 

Hievon wurden 14.731,175 Gulden von der Eisenbahn- Anleihe, 
5.472,335 Gulden von der 30 Millionen Anleihe, und 982,105 Gulden von 
dem Gtömörer Pfandbrief- Anlehen gedeckt. 

Im Jahre 1873 betrugen die Ausgaben: 

Bau von Eisenbahnen und Investitionen 18.551,995 fl. 

Eisenbahn- Anleihe, Zinsen, Amortisation und Manipula- 
ti^ns-Kosten _ _ ._. 5.393,055 • 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen, Zinsen, Amortisation mid 

Manipulations-Kosten .. 427,733 • 

80 Millionen-Anleihe, Zinsen, Amortisation und Mani- 
pulations-Kosten 2.110,460 • 

54 Millionen- Anleihe, die auf dieses Jahr entfallenden 
Zinsen und Amortisation 312,976 • 

Zinsengarantie- Vorschüsse __. 13.858,672 • 

Zusammen 40.654,891 fl. 

In Abrechnung gebracht das Beinerträgniss der Staats- 
bahnen und der Maschinen-Fabrik ... ' ... 1.198,723 • 



Verbleibt 39.456,168 fl. 

Es ist nunmehr notwendig anzugeben, welche Summen von der 
30 Mfllionen- und von der laut G.-Art. XXXII des Jahres 1872 emittirten 
54 Millionen-Anleihe auf Eisenbahn-Zwecke verausgabt wurden. Von der 
30 Millionen- Anleihe wurden im Jahre 1872 5.472,335 Gulden, im Jahre 
1873 aber 7,250,774 Gulden zum Bau von Eisenbahnen und auf Investi- 
tionen bei den Staatsbahnen verwendet. Da aber von der ganzen An- 
leihe — mit Einrechnung der Intercalar- Zinsen der nutzbringend ange- 
legten Gapitalien — 25.920,200 Gulden im Bankwerte in die Staatsoassa 
einflössen^ standen von dieser Anleihe mit Ende des Jahres 1872 nach Ab- 
rechnung obiger Summen nur mehr 13.197,091 fl. zur Verfügung. In den 
Jahren 1870, 1871 und 1872 betrugen aber allein jene Ausgaben zu Eisen- 
bahn-Zwecken, welche weder von der Eisenbahn-Anleihe, weder von dem 
Gtömörer- Anlehen, noch von der 30 Millionen Gulden- Anleihe gedeckt wur- 
den, 19.111,312 Gulden, daher um vieles mehr, als der oben angeführte 
restliche Betrag der 30 Millionen-Anleihe. Es kann demnach die ganze 
30 Millionen Gulden- Anleihe auf Bechnung der Eisenbahnen geschrieben 
werden, die unbedeckten 5.914,221 Gulden fallen schon zu Lasten der 
54 Millionen Gulden-Anleihe. Von derselben Anleihe wurden laut Schluss- 
rechnung im Jahre 1878 auf Eisenbahn-Bauten und Investitionen factisch 
6.832,201 Gulden verwendet, — und da von den Eisenbahn- Auslagen des 
nämlichen Jahres 1.609,578 Gulden noch von dem resüichen Betrag der 
Eisenbahn- Anleihe gedeckt werden konnten, 4.112,687 Gulden hingegen 
von dem Gömörer Pfandbrief- Anlehen, müssen noch weitere 19*65 Mil- 
lionen Gulden zu Lasten der 54 Millionen Gulden- Anleihe geschrieben 



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3(K) D]E EISENBAHNEN IM UNGARISCHEN STAATSäAÜSHALTfi. 

werden, so, dass 76*54 pGt. dieser Anleihe (natürlich das Gotische Ergebniss 
der Anleihe im Bankwerte als Qrundcapital betrachtet) durch Eisenbahn- 
Bauten und sonstige im Interesse des Eisenbahnwesens gebrachte Opfer 
in Anspruch genommen wurden. In den nachfolgenden Jahren sind zu den 
Eisenbahn- Auslagen nach obigen VerhiUtnissen die jährlichen Zinsen, Amor- 
tisation und Manipulationskosten der 54 Millionen-Gulden «Anleihe hinzu- 
gerechnet. Noch eines sei bemerkt: die Eisenbahn- Anleihe vom Jabre 1867 
sowohl, als auch die 30 und 54 Millionen öulden- Anleihe waren im Silberwert 
festgestellt, erstere in Frankwährung, die beiden letzteren in Pfund Ster- 
lingen. Dies war damals von keiner Wichtigkeit, denn das Gold hatte dem 
Silber gegenüber noch kein Agio ; später jedoch, als das Silber immer mehr 
und mehr an Wert verlor, wurden die in Franken und Sterlingen rückzahl- 
baren Anleihen in Gold-Anleihen umgewandelt. Und nun setze ich die 
von Jahr zu Jahr schreitende Mitteilung der schon begonnenen ziffermässi- 
gen Ausweise fort. 

Im Jalure 1874: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen bei den Staats- 

bahnen und bei der Staats-Maschinen-Fabrik 10.851,298 fl. 

Eisenbahn-Anleihe _ 5.314,486 t 

Gömörer Kandbrief-Anlehen ... ^ 424,604 * 

30 Millionen-Gulden-Anleihe 2.101,422 • 

54 Millionen-Gulden- Anleihe 2.352,306 t 

Zinsengarantie- Vorschüsse 16.420,505 fl. 



Zusammen ... _.. 37.464,621 fl. 
Abgerechnet das Netto-Ergebniss der Staatsbabnen und 
der Maschmen-Fabrik 76,890 fl. 



Verbleibt ... ... 37.387,731 fl. 

Hievon wurden 1.441,364 Gulden von dem Gömörer Pfandbrief- 
Anlehen gedeckt, die restlichen 35.946,367 Gulden hingegen entfallen zu 
Lasten der auf Grund des G.-Art. XXXIII vom Jahre 1873 emittirten 
schwebenden Schuld im Werte von 76Vs Millionen Gulden. In Betracht 
genommen, dass nach dem nominellen Wert von 76^/« Millionen Silber- 
gulden in die Staatscassa im Bankwerte nur 71.655,889 Gulden einflössen, 
waren zur Deckung obigen Abganges Obligationen im nominellen Werte 
von 38.372,400 Gulden erforderlich. 

Im Jahre 1875: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen bei den verschie- 
denen Staatsbabnen und bei der Staats-Mascbinenfabrik 2.679, 1 96 fl. 
Eisenbahn- Anleihe... _.. ... . _.. ... ... ... 5.207,220 € 

Gömörer Pfandbrief-Anlehen __ 424,338 • 



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DIB ET8ENBAHNEN IM UNOARISCHEN STAATSHAUSHAJiTE. 301 

30 Millionen-Gulden- Anleihe ... 2.141,793 fl. 

54. • € t ..... _. 2.995,088 • 

76V« • . . .. 2.532,578 • 

ZinsengarantJe-Yorsohüsse 14.713,358 • 

Zusammen 30.693,571 fl. 

Abgereohnet das Netfco-Ergebniss der Staatsbabnen und 

der Maflchinen-Fabrik _. ... 1.529,701 fl. 

Verbleibt 29.163,870 fl. 

Dieser Abgang belastet ausschliesslich die auf Grund des G.-Ari XIV 
vom Jahre 1874 emittirte 76 Va Millionen Gulden- Anleihe, richtigerweise 
die zweite Hälfte der 153 Millionen- Anleihe. Diese 76 Vj» Millionen Gulden 
resultirten im Bankwerte 70.186,757 Gulden, zur Deckung des ausgewie- 
senen Abganges mussten daher Obligationen im nominellen Werte von 
31.785,600 Gulden emittirt werden. Diese Emission, hinzu gerechnet die 
vorjährige, beziffert sich daher im Ganzen auf 70,158,000 Gulden. 

Im Jahre 1876: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen ... 2.41 1,019 fl. 

Eisenbahn- Anleihe 5.682,420 • 

Gömörer Pfandbrief-Anlehen _ 455,653 • 

30 Millionen- Anleihe .. 2.258,081 • 

54 t t 3.131,933 t 

153 € t ... 5.051,376 t 

Zinsengarantie- Vorschüsse*) 14.048,457 • 

Zusammen 33.038,939 fl. 

Abgerechnet das Netto-Ergebniss der Staatsbabnen und 

der Maschinen-Fabrik 2.177,044 fl. 



Verbleibt , 30.861,895 fl. 

Zur Deckung dieser Summe war — als Grundlage die bei der Emission 
des Jalires 1876 erzielten Ergebnisse angenommen — die Emission von 
6percentigen GoldrenteObligationen im nominellen Werte von 33.273,000 
Gulden erforderlich. 

Im Jahre 1877 : 

Bau von Eisenbahnen und Investitionen . ... 2.907,013 fl. 

Eisenbahn-Anleihe... 5.706,577 t 

Gömörer Pfandbrief-Anlehen 464,355 t 

* Die rückgezahlten Vorschüsse sind sowohl hier als auch bei den übrigen 
Jahren von den an die Eisenbahnen ausbezahlten Zinsengarantie-Vorschüssen in 
Abrechnung gebracht. 



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302 piE EIRENBAHNEN IM I'NGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 

30 Millionen- Anleihe „ 2.330,629 fl. 

54 • • ^ 3.382,917 • 

Verstaatlichung der Ostbahn 810,349 • 

Zinsen der 153 MilUonen- Anleihe 5.177,660 t 

Zinsen der Goldrente ... 2.550,375 • 

Zinsengarantie-Yorschüsse 15.446,881 • 



Zusammen 38.776,756 0. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik 2.625,000 fl. 



Verbleibt 36.151,756 fl. 

Diese Summe entspricht 6percentigen Goldrenten- Obligationen von 
39.141,000 Gulden im nominellen Werte (den überwiegenden Teil bildet 
die Emission vom Jahre 1877) und da im Jahre 1878 auch die zweite 
Hälfte der 153 Milhonen- Anleihe in eine 6percentige Goldrente convertirt 
wurde, verminderte sich der von der 153 Millionen -Anleihe auf Eisenbahn- 
Auslagen entfallende Teil auf 31.785,600 Gulden, die Goldrenten-Obliga- 
tionen stiegen hingegen auf 125.248,000 Gulden. In den Ausweisen für das 
Jahr 1878 sind die Zinsen schon nach diesen Summen berechnet. 

Im Jahre 1878 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 2.248,142 fl. 

Eisenbahn-Anleihe 5.460,774 • 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen ... 446,292 • 

30 Millionen- Anleihe _ 2.251,505 f 

54 • € 3.227,718 t 

Verstaatlichung der Ostbahn ._ 552,547 • 

Zinsen der 153 Millionen- Anleihe* ... ._ 3.699,585 t 

Zinsen-Quote der 6-percentigen Goldrente ** 3.055,158 t 

Zinsengarantie- Vorschüsse 14.531,370 t 

Zusammen 35.473,091 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik 2.218.824 fl. 



Verbleibt 33.254,267 fl. 

Zur Deckung dieser Summe waren 6percentige Goldrenten-Obligationen 
im nominellen Werte von 39.317,000 Gulden nach dem Gnrse vom Jahre 
1879 erforderlich. Mit dieser Summe stieg der auf die Eisenbahnen veraus- 
gabte Teil der Goldrente (nachdem in diesem Jahre auch die zweite Hälfte 

i" In Anbetracht dessen, dass die Gon Version der ersten Hälfte der 153 Mü- 
lionen-Anleihe nicht mit Anfang dos Jahres vollzogen wurde. 

** Nach Abrechnung der bei dem Verkauf der Obligationen erfolgten Ck>apon- 
Bückerstattungen. 



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DIE EISENBAHNEN IM UNOARISCHEN STAATSHAUSHALTE. '^^^ 

der 153 Millionen Anleihe einbezogen and in Goldrenten-Obligationen um- 
getauscht wurde) auf 208,147.000 Gulden. 
Im Jahre 1879: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen- Fabrik 3.519,625 fl. 

Eisenbahn- Anleihe 5.512,520 • 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen 444,185 « 

3Ü MiUionen- Anleihe — 2.247,194« 

54 « « ... - 3.U2.566 « 

Capitals- Amortisationen der Waagthalbahn 600,000« 

Verstaatlichung der Osfcbahn ._ — . __. 4.637,161« 

Zinsen-Quote der 153 Millionen- Anleihe* 1.035,238« 

Zinsen-Qaote der 6-percentigen Goldrente ** 8.842,716 « 

Zinsengarantie-Yorschüsse ... ir^l7,742_«^ 

Zusammen 41.798,947 fl. 

Abgerechnet dos Netto-Ergebniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik ,.- 3.583,567 fl. 

Verbleibt 38.215,380 fl. 

Diesen Abgang nach dem Curse vom Jahre 1 879 auf Goldrente um- 
gerechnet, gewinnen wir als Ergebniss 6percentige Goldrente im nominellen 
Werte von 45.182.000 Gulden, wodurch der vorjährige Stand der Goldrente 
auf 253.329,000 Gulden erhöht wird. 
Im Jahre 1880: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 1.239,558 fl. 

Eisenbahn-Anleihe 5.404,824 « 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen ._ 434,517« 

30 Millionen- Anleihe... ... 2.255,344 • 

54 • « 3.140,651 • 

Verstaathchung der Ostbahn 4.628,739 « 

« der Theissbahn 2.556,925 « 

Capitals-Amortisation der Waagtalbahn 600,000 « 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waag- 
talbahn .._ ... 314,470 « 

Linie Agram-Earlstadt ' 140,748« 

Zinsen der 6-percentigen Goldrente 17.935,693 • 

Zinsengarantie-Vorsohüsse _ 12.128,363 • 

Zusammen 50.779,822 fl. 

Abgerechnet das BeinerträgniBs der Btaatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik 4.954,712 fl. 



Verbleibt 45.825,110 0. 

* In Anbetracht dessen, dass die Conversion der zweiten Hälfte der 153 Mil- 
lionen-Anleihe nicht mit Anfang des Jahres vollzogen wurde. 

** Naoh Abrechnung der bei dem Verkauf der Obligationen erfolgten Ooupon- 
Bückerstattoogen. 



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304 piE EISENBAHNEN TM INGARISCHEN RTAATSHAüRHALtE. 

Hievon können 15.019,585 Gulden (rund 15 Millionen Gulden in 
nominellem Werte) zu Lasten der in demselben Jahr emittirten Goldrente 
geschrieben werden, — es steigt hiedurch die im Interesse des Eisenbahn- 
wesens verwendete Summe der Goldrente auf 268.329,000 Gulden — die 
restlichen 30.805,525 Gulden fallen hingegen zu Lasten der im Jahre 1881 
emittirten Papierrenten- Obligationen. Diese Summe entspricht^ nach dem 
damaligen durchschnittlichen Curs von 80*01, 38.502,000 Gulden Papier- 
renten-Obligationen nominellen Wertes. 

Im Jahre 1881 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 7.438,618 fl. 

Eisenbahn-Anleihe 5.393,665 • 

Gömörer Pfandbrief-Anlehen 449,160 • 

30 MiUionen- Anleihe 2.187,953 t 

54 • • .. 3.118,228 • 

Verstaathchung der Ostbahn _ 4.645,884 • 

• der Theissbahn 3.836,149 t 

Capitals-Amortisation der Waagtalbahn 600,000 t 

S^insen nach dem rückständigen Eaofyreis der Waag- 
talbahn 275,470 i 

Linie Agram-Karlstadt 280,200 • 

Zinsen der 6-percentigen Goldrente 18.997,693 t 

Zinsen der Papierrente 1.925,100 t 

Zinsengarantie- Vorschüsse ... ., 13.758,519 t 



Zusammen 62.906,639 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 
der Maschinen-Fabrik 6.800,000 fl. 



Verbleibt 56.106,639 fl. 

Diese Summe teils auf die im Jahre 1881, teils auf die im Jahre 1882 
emittirten Papierrente (Curs 86'29) umgerechnet, gewinnen wir 65.999,200 
Gulden Papierrente nominellen Wertes ; die Summe der Papierrente steigt 
hiedurch auf 104.501,200 Gulden. Angenommen, dass von der vorjährigen 
6percentigen Goldrente 100 MiUionen convertirt wurden, was 139.309,000 
Gulden 4percentiger Goldrente gleichkommt, kann auf Rechnung der Eisen- 
bahn-Auslagen die gleiche Summe 4percentiger und 168.320,000 Gulden im 
nominellen Werte 6percentige Goldrente geschrieben werden. 

Im Jahre 1882: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 18.423,314 fl. 

Eisenbahn- Anleihe * 5.626,808 t 

Gömörer Pfandbrief-Anlehen 448,441 t 

30 Millionen-Anleihe ._ ... 2.260,296 t 

54 t • 3.188,457 t 



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MB EISBNBAUNEN IM UNGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 305 

Verstaatlichung der Ostbahn 1.645,881 fl. 

t der Theissbahn ' 3.908,525« 

Capitals -Amortisation der Waagthalbahn .._ .._ ... 600,000« 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waag- 
talbahn : -236,470 « 

Zinsen der 6percentieen Ooldrente , 12.018,690 « 

« • 4 • Goldrente* 5.175,908« 

« • 5 « Papierrente * _ 4.625,060 « 

Zinsengarantie-Vorschüsse _. 10.610,616 « 



Zusammen 72.054,519 0. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen- Fabrik 11.620,451 fl. 

Verbleibt 60.434^817 

Hieven wuräen 39.406,224 Gulden durch Papierrenten im nominellen 
Werte von 46.308,600 Gulden gedeckt, die gesammte Emission belastet 
diese Rechnung. Die restliche Summe von 21.037,844 Gulden, da dieselbe 
durch keine Anleihe Deckung fand, wird in den nachfolgenden Ausweisen 
— um den Einfluss, welchen dieser Abgang auf die Gestaltung der finaa- 
zieUen Verhältnisse ausübt, beachten zu können, — als fictive Capitalsanlage 
aufigenommen und mit 5Vo Zinsen berechnet. Es könnte diese fictive Capi- 
talsanlage mit dem Course der Papierrente berechnet werden, Wir wollen 
jedoch in unseren Berechnungen lieber rigoroser vorgehen und rechnen die- 
selbe daher al pari. In diesem Jahre wurde 6percentige Goldrente im nomi- 
nellen Werte von 37.491.200 Gulden auf 4percentigq Goldreute im nomi- 
nellen Werte von 50.260,000 Gulden convertirt ; jene Summe daher, welche 
zu Lasten der Eisenbahnen geschrieben werden kann, bilden folgende 
Posten : 130.837,800 Gulden 6percentige Goldrente, 189.569.400 4percentige 
Goldrente, 150.809,800 Gulden Papierrente, sämmtliche im nominellen 
Werte, femer 21.027,844 Gulden fictive Capitalsanlage. 

Im Jahre 1883 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen- Fabrik 1 8.781, 32 i fi. 

Eisenbahn-Anleihe _. 5.514,551 « 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen .._ .._ ... 449,370 « 

30 Millionen- Anleihe „....' ... : 2.352,025« 

5^ f « .i 3.209,971 • 

Verstaatlichung der Ostbahn 4.682,515 « 

« der Theissbahn .,. 3.810,730 « 

Capitals- Amortisation der Waagtalbahn 600,000« 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waag- 
talbahn ... 197,470« 

* Nach Abrechnung der Cöupon-Rückerstattungen. 
ungarische Berae XT. 1891. IV. Heft. ^ 



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306 DIB BI8ENBAHNBN IM UNGARIßCHEN STAATSHAUSHALTE. 

Linie Agram-Karlstadt ... . _ _. 286,875 fl. 

Zinsen der 6percentigen Goldrente 9.420,321 t 

€ • 4 c Goldrente* .. 7.416,049 • 

€ • 5 € Papierrente* 6.367,512 t 

Fictive Capitals- Anlage ... 1.051,400 t 

Zinsengarantie- YorBchüsse ... .._ 11.180,307 t 



Zusammon 75.320,420 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen imd 

der Maschinen-Fabrik ... .. .„ ... 0.646,878 fl. 



Verbleibt 65.673,542 fl. 

Von dieser Summe können 42.145,872 Gulden für im Jahre 1884 
emittirte Papierrente von 48.459,200 Gulden im nominellen Werte gleich 
angenommen werden, es verbleiben daher 23.527,670 Gulden auf fictive 
Gapitalsanlage. Wenn dies, sowie auch jener Umstand in Betracht genommen 
wird, dass in diesem Jahre auch 6percentige Goldrente im nominellen Werte 
von 51.091,300 Gulden convertirt wurde, so belaufen sich jene Capitalien, 
deren entsprechende Zinsen zu Lasten des Eisenbahnwesens verrechnet 
werden müssen, auf nachstehende Summen : 

6percentige Geldanleihe 79.746,500 fl. 

4 t € 259.569,400 t 

5 t Papierrente _ 199.269,000 t 

Fictive Capitals- Anlage 44.555,514 t 

Im Jahre 1884: 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 17.238,320 fl. 

Eisenbahn- Anleihe 5.683,577 t 

Gömörer PÜEUidbrief-Anlehen 464,547 t 

30 MilKonen- Anleihe 2.305,476« 

54 t t „ 3.300,294 t 

Verstaatlichung der Ostbahn 4.766,607 t 

t der Theissbahn 4.011,838 t 

t der L Siebenbürger Bahn 2.055,229 t 

Verstaatlichung der Donau-Drau-Eisenbahn 599,097 t 

Capitals- Amortisation der Waagtalbahn ... _.. _ 600,000 t 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waagthal- 
Bahn - - 158,470 f 

Tauschwert der Neu-Szöny-Brucker Bahn 2.611,704 t 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Neu-Szöny- 

BruckerBahn 47,573 t 

Linie Agram-Karlstadt 291,900 t 



* Nach Abrechnung der Goupon-Bückerstattongen. 



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DIB HIOTNBAHNBN IM UNGAMSOHBN STAATSHAUSHALTE. -^07 

Zinsen der Gporcentigen Goldrente .. 5.813,520 fl. 

• f 4 « Goldrente* 11.494,347 « 

• «5 • Papierrente 8.545,05!2 t 

Zinsen der fictiven Capitals- Anlage 2.227,784 • 

Zinsengarantie- Vorschüsse 9.513,050 • 



Zusammen 81.728,385 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 
der Maschinen-Fabrik 8.510,108 fl. 

Verbleibt ~ "73^1^,277117 

Hieven 30.033,500 Gulden auf Papierrente — Emission vom Jahre 
1885 — umgerechnet, kommt diese Summe 32,924.900 Gulden Papierrente 
nominellen Wertes gleich, die restlichen 43.184,777 Gulden werden als 
fictive Gapitalsanlage verrechnet. In diesem Jahre wurden auch noch die 
räckständigen 6percentigen Goldrente-Obligationen convertirt. Statt der 
6percentigen Obligationen von 79.746,500 Gulden nominellen Wertes 
muflsten 107.702,077 Gulden^ ebenfalls nominellen Wertes, 4percentige 
Obligationen emittirt werden. Demnach betrug der verzinsbare Stand : 

4percentige Goldrente ... 367.271,477 fl. 

5 • Papierrente... 232.193,900 • 

Fictive Capitals-Anlage 87.740,291 t 

Im Jahre 1885 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 12.146,056 fl. 

Bisenbahn- Anleihe 5.784,696 

Gomörer Pfandbrief- Anlehen .. ... ... ... ... 467,920 

30 MiUionen- Anleihe 2.307,698 

54 • • — 3.309,976 

Verstaatlichung der Ostbahn 4.744,524 

• der Theissbahn 3.708,023 

f der L Siebenbürger Bahn _ 2.061,404 

t der Donau-Drau-Eisenbahn' ... 604,813 

• der Alföld-Fiumaner Bahn 2.071,593 

Tauschwert der Neu-Szöny-Brucker Bahn 2.500,000 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Neu-Szöny- 

Braoker Bahn _ 250,000 

Capitals- Amortisation der Waagtal-Bahn ._ 600,000 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waagtal- 

Bahn.. ._ ... ... ... .i. 119,470 

Linie Agram-Karlstadt 291,900 



* Nach Abrechnung der Coupon-Rückerstattnngen. 



20* 



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^B DIB EISENBAHNEN IM UNGARISCHEN STAATSHAUSHALTE. 

Zinsen der 4peroentigen Goldrente 17.042,807 fl. 

f € 5 t Papierrente ... ._ 10.833,677 « 

Zinsen der fictiven Capitals- Anlage „ 4.386,522« 

Zinsengarantie-Vorschüsse 7.736,9 75 • 

Zusammen 80.968.054 0. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik , 12.265,182 fl. 



Verbleibt 68.702,872 fl. 

Hievon fanden 47.241,034 Gulden in der im Jahre 1886 emittirten 

Papierrente von 51.203,900 Gulden im nominellen Werte Deckung, 
21.461,838 Gulden entfallen auf fictive Gapitalsanlage, und es beträgt dem- 
nach der verzinsbare Stand : 

4percentige Goldrente 367.271,477 fl. 

5 « Papierrente 283.397,800 « 

Fictive Capitals- Anlage 109.202,129 t 

Im Jahre 1886 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 8.961,583 fl. 

Eisenbahn- Anleihe ,.. 5.947,097 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen 481,463 

30 Millionen- Anleihe _. ... 2.423,931 

54 f • 3.359,692 

Verstaatliehnng der Ostbahn .., 4.811,662 

• der Theissbahn ... 3.597,115 

« der I. Siebenbtirger Bahn 2.082.727 

f der Donau-Drau-Bahn 609,913 

f der Alföld-Fiumaner Bahn 2.102,324 

Tauschwert der Neu-Szöny-Brucker-Bahn 2.500,000 

Zinsen nach dem rückstandigen Kaufpreis der Nen- 

Szöny-Brucker Bahn ... 125,000 

Capitals- Amortisation der Waagtal-Bahn ... 600,000 

Zinsen nach dem räckständigen Kaufpreis der Waagtal- 
Bahn 80,470 

Linie Agram-Karlstadt 300,150 

Zinsen der 4percentigen Goldrente 18.452,623 

f €5 « Papierrente 13.130.463 

Zinsen der fictiven Oapitals-Anlage 5.459,614 

Zinsengarantie- Vorschüsse 7.803,617 

Zusammen.. 82.829,444 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik 14.579,939 fl. 

Verbleibt ... _ ... 68.249,505 fl. 



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bl^ iBIS£)lBABK£N IM tJNGABISCHBN Sf AATSBAXJBHALTti. 



309 



Hievou können 56.616,651 Gulden durch die im Jahre 1^87 emittirte 
Papierrente im nominellen Werte von 64.863,100 Gulden als gedeckt ange- 
nommen werden, die übrigen 1 1 .632,854 Gulden entfallen auf die fictive 
Gapitalsanlage. Älldies in Bechnung genommen, gestaltet sich der verzins- 
bare Stand folgendermassen : 

4percentige Goldrente 367.271,477 fl. 

5 « Papierrrente ... 348.260,900 t 

Fictive Capitals-Anlage ... ... 120.834,983 t 

Im Jahre 1887 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 9.477,331 fl. 

Eisenbahn-Anleihe 5.%8,671 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen 484,086 

30 Millionen- Anleihe 2.449,168 

54 • f 3.369,670 

Verstaatlichung der Ostbahn 4.800,979 

' • der Theiss-Bahn 3.512,058 

f der I. Siebenbürger Bahn 2.068,643 

f der Donau-Drau-Bahn 606,897 

• Alföld-Piumaner Bahn 2.107,589 

Capitals- Amortisation der Waagtal-Bahn 600,000 

Zinsen nach dem rückständigen Kaufpreis der Waagtal- 
Bahn 41,470 

linie Agram-Karlstadt 302,100 

Zinsen der 4percentigen Goldrente 18.509,234 

r • 5 • Papierrente 16.067,941 

Zinsen der fictiven Capitals-Anlage 6.040,756 

Zinsengarantie- Vorschüsse 7.021,806 

Zusammen 83.428,399 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik ... 15.601,671 fl. 

Verbleibt 67.826,728 fl. 



Hievon fanden 44.117,355 Gulden in der im Jahre 1888 emittirten 
Goldrente von 47.000,000 Gulden, 7.510,481 Gulden hingegen in der in dem- 
selben Jahre emittirten Papierrente von 8.814,600 Gulden Deckung, beide 
Benten dem nominellen Werte nach genommen; die restlichen 16.198,892 
Gulden werden auf Bechnung der fictiven Gapitalsanlage geschrieben« 

Der verzinsbare Stand ist daher nachfolgender: 



4percentige Goldrente 
5 « Papierrente 

Fictive Capitals- Anlage . 



414.271,477 fl. 
357.075,500 « 
137.033,875 • 



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•^10 DIE EIRE^RAHNBt« ik Ü^OABISCH^ BtAAtBÖAÜSttAtTtt. 

Im Jahre 1888 : 

ßau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 8.424,770 fl. 

Eisenbahn-Anleihe 5.766,503 t 

Gömörer Pfimdbrief-Anlehen 462,316 t 

30 Millionen-Anleihe 2.315,562 t 

54 f • — 3.367,482 • 

Verstaatlichung der Ostbahn 4.782,179 • 

« der Tlieissbahn 3.423,923 t 

• der I. Siebenbürger Bahn 2.065,172 c 

i Donau-Drau-Bahn ... — .._ (509,217 • 

• Alföld-Fiumaner-Bahn 2.103,678 t 

Capitals-Amortisation der Waagtal-Bahn... ._ 488,000 • 

Zinsen nach dem rückständigen Kaofyreis der Waagtal- 
Bahn ... _.. 6,110 • 

Linie Agram -Karlstadt 294,600 t 

Zinsen der 4percentigGn Gk)ldrente 18.905,945 • 

• • 5 • Papierrente ... 17.320,392 • 

Zinsen der fictiven Gapitals- Anlage 6.851.202 t 

Zinsengarantie-Yorschüsse 6.618,643 • 

Zusammen 83.805,694 fl. 

Abgerechnet das Reinerträgniss der Staatsbahnen imd 

der Maschinen-Fabrik ... _. ... 18.694,754 fl. 



Verbleibt 65.110,940 fl. 

Hieven 1.367,006 Gulden zu Lasten der im Jahre 1889 emittirten 
Papierrente geschrieben, welche 1.411,500 Gulden im nominellen Wert re- 
präsentirt, die übrigen 63.743.934 Gulden hingegen zu der fictiven Gapitals- 
anlage gerechnet, betragen die verzinsbaren Schulden ausser der Eisenbahn- 
Anleihe vom Jahre 1867, ausser dem Gömörer Pfandbrief- Anlehen, der 30 
und 54 Millionen-Anleihe, ferner ausser der zu Folge Verstaatlichung von 
Eisenbahnen entstandenen Lasten, u. z. : 

4percentige Goldrente 414.271,477 fl. 

5 • Papierrente 358.487,000 t 

Fictive Capitals-Anlage ... ... ... _. ... ... ... 200.777,809 • 

Im Jahre 1889 : 

Bau von Eisenbahnen, Investitionen, Maschinen-Fabrik 6.557,228 fl. 

Eisenbahn- Anleihe 4.617,971 • 

Gömörer Pfandbrief- Anlehen 333,727 t 

30 Millionen- Anleihe 1.410,345 • 

54 • « 1.767,622 • 

Verstaatlichung der Ostbahn i. - ... 4.658,190« 

« der Theissbahn ... 2.879,118« 

« der I. Siebenbürger Eisenbahn 1.637,190 • 



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l>tfi filSlBNBAHi^N I^ ÜKOAftlSCH^ StAA^HAÜSäALTB. ^ll 

Verstaatüchung der Donau*Drau Bahn 470,043 fl, 

« der Alföld-Fiumaner Bahn 1.673,235 t 

« der I. Galizischen Eisenbahn 1.081,031 • 

€ der ungarischen Westbahn 1.785,933 « 

« der Budapest-Fünfkirchner Eisenbahn 287,700 c 

Linie Agram-Karlstadt _ 282,000 t 

Zinsen der 4percentigen Goldrente 20.127,157 t 

€ f 5 « Papierrente 17.881,800 • 

• der fictiven Capitals-Anlage 10.038,398 t 

Zinsengarantie-Yorsohüsse 4.174,600 • 



Zusammen 81.663,897 fl. 

Abgerechnet das Netto-Erträgniss der Staatsbahnen und 

der Maschinen-Fabrik 19.865,302 fl. 



Verbleibt 61.798,595 fl. 

Wir gelangten biemit zu dem Ende der mühevollen, yielleicht für die 
Leser ermüdenden Berechnungen, und können nun von den aa^eklärten 
Besultaten die Schlassfolgerungen ableiten. Das Defizit unseres Staatshaus- 
haltes hat| wie oben erwiesen^ von 1869 bis 1889 inclusive insgesammt 
815.195,403 Gulden betragen und während derselben Zeit haben die im 
Interesse der Entwicklung des Eisenbahnwesens geopferten Summen und 
deren Zinseszinsen nicht weniger als 961.717,480 Gulden repräsentirt; sie 
haben demnach die Staatshaushaltungsdefizite um 146*55 Millionen Gulden 
überstiegen. 

Diese Ziffern erweisen am besten, wie riesig das Opfer war, welches 
der ungarische Staat der Entwicklung des Eisenbahnwesens brachte. Ohne 
dieses Opfer hätten wir, wenn auch alle anderen Ausgaben ebenso gross 
geblieben wären, als sie thatsächlich waren, wenn auch die Kosten der bos- 
nischen Oconpation und die ganze Last des Eriegsbudgets auf unsem Staats- 
haushalt ebenso gedrückt hätte, wie dies der Fall war, und wenn auch die 
eigenen Einkünfte des Staates reichlicher eingeflossen wären, dennoch unsere 
gesammten Ausgaben aus unseren eigenen Einnahmsquellen zu decken ver- 
mocht und hätten noch einen b^rächtlichen üeberschuss bebalten. 

Wenn wir indess die beiden finanziellen Perioden, die vor 1875 und 
die nachherige gesondert betrachten, wird ein scharf pointirter Unterschied 
in die Augen fallen. Während nämlich in der sechsjährigen Periode von 
1869 bis 1874 die Defizite zusammen 83*97 Millionen Gulden oder per Jahr 
dorchschnittlich um 14 MilHdfieB mehr ausmachten als die für Eisenbahnen 
geopferten Summen, haben in der fünfzehnjährigen Periode von 1875 bis 
1889 die Staatshaushaltsdeficite zusammen S30*52 Millionen Gulden betra- 
gen und machten jährlich durchschnittlich um 15*37 Millionen Gulden 
weniger aus als die Beträge, welche die Eisenbahnen direct oder indirect 
verschlangen. Hieraus ist ersichtlich, dass vor 1875 auch ohne Eisenbahn- 



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31*2 DIB EISENBAHNEN IM UNGAftlftCHEN STAATSHAÜRÖALtÖ. 

Bau, Eisenbahnzinsen-Ghurantie u. s. w. ein Defizit gewesen wäre^ während 
seit 1875 die Hauptquelle des Defizites unmittelbar auf das Eisenbahnwesen 
zurückgeführt werden kann. Nach der Fusion war das Staatshaushaltungs- 
defizit nur bis 1881 grösser als diese Opfer und auch damals nicht alljährlich 
(beträchtlich nur 1875 in der Uebergangszeit, femer 1878 im bosnischen 
Kriegsjahre), später blieb sogar das übergrosae 1887er Deficit um 18-41 Mil- 
lionen Gulden unter den directen und indirecten Eisenbahn-Ausgaben. 

Wir wiederholen ein allbekanntes Factum, indem wir aussprechen, 
dass für die Eisenbahn-Lasten die Verantwortung nicht die Gegenwart, son- 
dern die Vergangenheit trifft. Der grösste Teil der staatlichen Bahnbauten 
und die Feststellung des ganzen Zinsengarantie- Systems fällt in die ersten 
Jahre der constitutionellen Aera oder in die derselben vorangebende Zeil 
In dem fün&ehnjährigen Zeitraum, obschon während desselben unser Bahn- 
netz von 6422 Kilometern auf 10,870 Kilometer stieg, wurde keine einzige 
Eisenbahn mit Gewährung von Zinsengarantie concessionirt. Staatsbahnen 
wurden zwar auch während dieser Zeit gebaut, diese bildeten aber Ergän- 
zungen des alten unterbrochenen Bahnnetzes und waren, abgesehen vom 
wirtschaftlichen Nutzen, auch aus finanziellem Gesichtspunkte vorteilhaft, 
indem sie das ganze Netz ertragsfähiger machten. Alldas, was in den letzten 
anderthalb Jahrzehnten in Gestalt von in Eisenbahnen investirten Summen 
oder von Zinseszinsen der durch nie rückersetzte Garantie- Vorschüsse ver- 
schlungenen Anlehen den ungarischen Staatshaushalt bedrückte, war eine 
ererbte Last. Wie gross diese war, zeigen die obigen Ziffern in erstaunlicher 
Weise. Es gab Jahre, wo die Last 73 Millionen betrug, und in der That ver- 
mögen wir erst bei Inbetrachtnahme dieser Zahlen gebührend zu würdigen, 
wie gross die Aufgabe' war, unseren Staatshaushalt zu regeln, und welche 
Kraftanstrengung, welcher Heroismus nötig waren, um die gleich einer La- 
wine anwachsende Zinsenlast, welche beinahe das ganze Gebäude unserer 
Staatlichkeit zu zerschmettern drohte, zum Stillstand zu bringen. 

Noch eine sehr interessante Lehre ergeben obige Zahlen. Während näm- 
lich die directen und indirecten Eisen bahn-Netto- Ausgaben bis 1884 unauf- 
hörlich, und zwar in rascher Progression wuchsen, sehen wir seit 1883 eine 
stufenweise Abnahme. iBin oberfiä^^icher Beobachter würde sich vielleicht 
mit der Erklärung begnügen, dass die Eisenbahn-Ausgaben notwendiger- 
weise abnehmen mussten, weil in diesem Jahre die grösseren Bahnbanten 
(Budapest- Semlin und die Brucker Linie) beendigt wurden. Dies stehl jedoch 
nicht, was sich am besten erweisen wird, wenn wir das 1884er Jaht, wo die 
Ausgaben den Höhepunkt erreichten, mit einem späteren Jahre vergleichen, 
allein nicht cumulativ, sondern unter Gruppirung der Ausgabenpostien na(^ 
ihrer Beschaffenheit. Wir wollen das Jahr 1888 als Beispiel nehmen, obwohl 
das Jahr 1 889 noch günstiger wäre, weil bei letzterem die Gonversion der 
Eisenbahn -Anlehen die Bechnung erschweren würde. Es beitrugen: 



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DIE filSENBAHNBN IM ukOARISOHEN STAATSHAUSHALTE. 313 

1884 1888 

Bahnbau-Ankauf und Investition 20.947,967 fl. 9.213,480 fl. 

Lasten nach verstaatlichten Bahnen ... 11.432,771 • 12.984,169« 

Alte Eisenbnhn-Anlehen ... 11.753,894« 11.911,863« 

Entsprechende Zinsen der Gold- und Papier- 
Rente 28.080,703 « 43.077,539 « 

Zinsengarantie- Vorschüsse 9.513,050 « 6.618,643 fl. 

Für Eisenbahnban and Investition wurden demnach im Jahre 1888 
zwar um 11*73 Millionen Gulden weniger ausgegeben, als 1884, allein die 
Zinsen-Last der zu Eisenbahn^wecken verwendeten Beträge warum 15'15 
Millionen Gulden grösser, was jene Ersparnisse überwiegt, — und wenn das 
Endresultat im Jahre 1888 ungeachtet dessen nahezu um 8 Millionen Gulden 
günstiger ist, können wir dies den Verstaatlichungen, der Ergänzung des 
Staatsbahnnetzes und jenet selbstbewussten Eisenbahnpolitik zuschreiben, 
die gleichzeitig dem wirtschaftlichen Wohle des Landes und den Interessen 
des Staatsschatzes dient. Die Belastung des Staates durch die für die ver- 
staatlichten Bahnen übernommenen Schulden und für die Zinsengarantie- 
Vorschüsse war im Jahre 1 888 nicht grösser, sondern sogar kleiner als 1 884 
und doch hob sich das Beinerträgniss der Staatsbahnen von 8*51 Millionen 
Gulden auf 18*69 Millionen Gulden. Wenn wir auch die Neubauten in Be- 
tracht nehmen, ist dies ein so glänzender Erfolg, von welchem man sich 
noch vor fünf Jahren nichts träumen liess, und dies dient für die Zukunft als 
Bürgschaft, dass die Entwicklung der Staatsbahnen von Jahr zu Jahr mehr 
von jener Last, welche die im Interesse des Eisenbahnwesens gebrachten 
riesigen Opfer den Steuerträgem auferlegten, von deren Schultern herab- 
nehmen werde. 

Dass noch viel übrig bleibt, was aus den sonstigen Einnahmsquellen 
des Staates beizutragen ist, um die Zinsenlast der zu Eisenbahnzwecken 
verwendeten Beträge zu decken, lässt sich nicht leugnen. Allein heute 
betrachtet man die Staatsfinanzen aus dem Gesichtspunkte des starren Fis- 
calismus, und wir können jene Opfer, welche indirect mittelst des Auf- 
schwunges der verschiedenen Zweige der Volkswirtschaft und mittelst der 
Steigerung des Wohlstandes der Steuerträger zurückerstattet werden, keines- 
wegs für unfruchtbare Ausgäben erklären. Wäre wohl der ungarische Staat 
im Stande gewesen, alle jene Aufgaben, die sich an den Begrifif des modernen 
Staates knüpfen, nur annähernd zu lösen, wäre er im Stande gewesen, jene 
Lasten, welche die Landesverteidigung und die Eriegsbereitschaft uns auf- 
laden, ohne zusammenzubrechen, zu ertragen, und wäre wohl selbst die Ge- 
sellschaft und die Volkswirtschaft fähig gewesen, ohne eine Katastrophe jene 
grossen Krisen auszuhalten, welche die civilisirte Welt von einem Ende zum 
andern durchliefen, wenn unsere wirtschaftlichen Kräfte in den Eisenbahnen 
und in der ungarischen Eisenbahnpolitik nicht einen so wirksamen Stütz- 



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•^^i DIE EISfiKBAfiKfiN IM ÜNOARtSCHBN HTAATSHAÜSHaLUS. 

punkt gefanden hätten ? Die grossen Eraftanstrengongen sind daher nicht 
nur motivirt, sondern sie waren unbedingt notwendig, und wir mussten 
sie machen, wenn wir nicht yom grossen Concurrenzkampf der modernen 
Nationen endgiltig fernbleiben wollten. 

Indess wollen wir nicht im entferntesten behaupten, dass Alles so am 
besten war, wie es geschah. Es lässt sich nicht leugnen, dass anfangs auf 
dem Gebiete der Eisenbahn -Angelegenheiten viele Irrtümer vorkamen und 
dass sich imsere Finanzlage zum Teil anders gestaltet hätte, wenn immer 
dieselbe Einsicht und Fachkenntniss bei Leitung dieser Angelegenheiten 
geherrscht haben würden, wie in neuerer Zeit Es kann nicht unser Zweck 
sein, auf die Irrtümer hinzuweisen ; diese Fragen sind genügend ventilirt 
und geklärt und die öffentliche Meinung will sie nicht nur nicht beschö- 
nigen, sondern ist vielleicht geneigt, sie übermässig streng zu beurteilen. 
Unsererseits wollen wir, indem wir den gegenwärtigen Elrfolgen unsere volle 
Anerkennung zollen, auch gegen die Vergangenheit Billigkeit walten 
lassen. Man darf die Anfangsschwierigkeiten nicht übersehen und darf die 
neueren und älteren Bahnbauten nicht blos nach der Grösse des per Kilo- 
meter investirten Gapitales beurteilen. Wie viel höher war damals der 
Eisenpreis und wie viel theuerer das Capital ! Schon diese beiden Factoren 
sind genügend, um die damaUgen und die gegenwärtigen Baukosten nicht 
mit gleichem Maasse zu messen. 

Vielleicht der grösste Tadel, welcher die Vergangenheit trifft, ist, dass 
man die damalige Kraft der Nation nicht genügend in Anspruch nahm, 
sondern die Lasten leicht, man kann sagen fast leichtsinnig auf die Zukunft 
überwälzte. England hat sogar die Kosten seiner grossen Kriege, welche in 
den letzten zwei Jahrhunderten 32 Milliarden Francs betrugen, nicht rein 
mittelst Staatsanlehen bedeckt, sondern ein Driitel dieser kolossalen Summen 
durch Steigerung der Staatseinkünfte aufgebracht. Wir aber haben unsere 
gesammten Investitionen mittelst geborgter Gelder bewerkstelligt, welches 
Vorgehen das chronische Deficit nach sich zog. Die mit Zinseszinsen an- 
wachsende Last führte das Staatsschiff auf eine Untiefe, von welcher man es 
kaum flott zu machen vermochte. 

Heute ist, dank der Vorsehung und der mit Energie gepaarten Weis- 
heit unserer leitenden Staatsmänner, das Defizit verschwunden. Die grosse 
Kraftanstrengung, mittelst der wir dies erreicht haben, kann uns als glän- 
zende Kraftprobe mit Vertrauen erfüllen ; aber wir müssen auch die Ab- 
gründe beleuchten, die zu vermeiden sind, wenn wir nicht das Heiligste, 
wofür unser Herz schlägt, aufs Spiel setzen wollen : Ungarns zukünftige 
Grösse und staatliche Selbstständigkeit. Josef v. Jbkelfalüsst. 



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GRAF B^IiA SZ^HENYI*S REIßE IM ÖSTLICHEN AStkS. -^^'^ 



GRAF BfiLA SZtoENTI'S REISE IM ÖSTLICHEN ASIEN. 

Vor kurzer Zeit erregte das jüngste Werk über diese nunmehr allbe- 
kafinte Expedition nicht nur in den wissenschaftlichen, sondern fast in allen 
Kreisen Ungarns berechtigtes Aufsehen, denn so weit wir uns erinnern 
können, wurde eine so bedeutende Beise von Ungarn bisher nicht unter- 
nommen, und dann gibt es wohl kaum ein zweites ungarisches Buch, 
welches an Pracht der Ausstattung mit diesem Werke wetteifern könnte. Ja, 
wir wollen noch weiter gehen und behaupten, dass es in der ganzen grossen 
geographischen Literatur nur wenige Bücher gibt, welche in jeder Hinsicht 
diesem Werke Sz^henyi's an die Seite gestellt werden können. 

Ein ungarischer Magnat, der ausser seinem grossen Namen noch ein 
bedeutendes Vermögen besitzt, unternimmt eine auf mehrere Jahre berech- 
nete Beise, aber nicht zum Vergnügen, sondern um der Wissenschaft und 
dem Vaterlande Dienste zu leisten. Denn obwohl wir Magnaten in grosser 
Zahl, und diese auch enorme Beichtümer besitzen, so ist dies in Ungarn 
sozusagen der erste Fall, dass auf Kosten eines derselben eine wissenschaft- 
liche Expedition unternommen wurde. In England sorgt der « Spleen •, der 
in Wirklichkeit oft nur Wissens- und Thatendurst ist, für dergleichen Unter- 
nehmungen ; Amerika, das Land der Beklame, stellt ebenfalls ein grosses 
Gontingent von Forschem ; Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien, ja 
sogar das kleine Portugal sorgt durch ein selbstständiges Budget für die 
Wahrung seiner wohlerkannten Interessen; nur unsere Monarchie und 
unsere Lords geben für dergleichen kein Geld aus. Um so mehr Lob und 
Anerkennung verdient es, wenn sich ein Mitglied der höchsten Gesellschaft 
entschliesst, einige Jahre in uncivilisirten Ländern zuzubringen und sich 
Gefahren auszusetzen, um eben eine ivissenschafüiche Beise zu unter- 
nehmen. Für uns ist dies die Hauptsache, die Wissenschaft ; denn wie viel 
Opfer derselben auch gebracht werden, ist sie dennoch reich genug, um die- 
selben zurückzuerstatten. Und die wissenschaftlichen Er^bnisse dieser Expe- 
dition sind in ihrem geradezu grossartigen Erfolge schon an sich Lohn genug. 
In einem grossen Band, dem noch ein zweiter folgen soll, finden wir eine ganze 
Geographie, (Geologie und Naturgeschichte des Beiches der Mitte. All diese 
Fächer sind mit einer Gewissenhaftigkeit in Datenmaterial und Quellen- 
studium behandelt, dass das Werk seinen Verfassern, dem Grafen Szechenyi, 
dem Prof. Ludwig v. Löczy und dem Consul Kreitner alle Ehre macht, ja, wir 
müssen dem Grafen ganz besonderen Dank wissen für die gute Wahl, die er 
bei seinen Beisegefährten getroffen, welche sich in jeder Beziehung der ihnen 
gestellten Aufgabe gewachsen und würdig zeigten. Unsere Wissenschaft und 
unser Vaterland sind daher dem Grafen Bela Szechenyi zu grösstem Danke 



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*^^ß GRAF BELA SZ^CHENTI*S REIBE IM ÖSTLICHEl* ASifeM. 

verpflichtet^ und es bliebe nnr zu wünschen^ dass unsere Magnaten dem 
edlen Beispiele des Yortreffliohen Mannes nacheifern würden. 

Abgesehen von den wissenschaftlichen Erfolgen solcher Expeditionen 
ist auch die commerzielle Ausbeute derselben nicht zu unterschätzen. Wir 
Ungarn sind schon seit langer Zeit gleichsam prädestinirt, mit dem Oriente 
Handelsverbindungen zu schaffen und aufrecht zu erhalten ; wir sind vielleicht 
die einzige «saturirte» Nation, die nicht auf Vergrösserung des Terrains aus- 
geht; wir haben nirgends Colonien ; wir brauchen auch keinen Fuss breit 
fremden Landes ; aber Handel und Industrie sollen und können sich darum 
um so leichter entwickeln. Es war sicherlich sehr wohl bedacht, warum Graf 
Szechenyi sich nach China begab. Vor ihm hatten sich schon viele und 
bedeutende Beisende dort umgesehen, wenn sie auch nicht in die unfruchtbare 
Wüste und überhaupt nicht so weit vorgedrungen sind. Denn zu Abenteuern 
oder auch zu Studien dürfte ja selbst Afrika geeigneter sein. Aber wir glau- 
ben nicht zu irren, wenn wir denken, dass der Graf, der von seinem unver- 
gesslichen Vater wohl ein grosses Stück Geist und Talent geerbt hat, auch 
die handelspolitischen Interessen unserer Monarchie vor Augen hatte, als er 
seinen Weg eben nach China einschlug. Es ist dies nur eine Vermutung, 
welche jedoch unleugbar viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Denn gerade 
China ist jenes Land, welches auf einer relativ hohen Stufe der Civilisation 
stehend, in Bälde einem ungeahnten Aufschwung entgegensehen darf, da es 
erst vor Kurzem der europäischen Cultur erschlossen wurde, und obzwar 
das ganze seefahrende Europa — Amerika nicht zu nennen — eine riesige 
Concurrenz bietet, so hat doch auch unser Land berechtigte Aussicht, nur 
müssen wir die dortigen Verhältnisse aufs genaueste kennen lernen. Es ist 
wohl nicht daran zu zweifeln, dass wir in nicht langer Zeit vom Chef des 
Unternehmens selbst oder doch von einem seiner Begleiter auch in dieser 
Hinsicht ausführlichen Bericht zu erwarten haben. 

Was den edlen Forscher speciell veranlasst hat, die Reise zu unter- 
nehmen, darüber berichtet er selbst in seiner Widmung. «Ich widme dieses 
bescheidene Werk dem Andenken meiner unvergesslichen, engelhaften Gat- 
tin, Gräfin Hanna Erdödy. — Als ich Dich noch mein nennen konnte, war 
ich der Glücklichste auf der Welt, nun ich Dich verlor, bin ich einer der 
Unglücklichsten unter den Sterblichen . . . Der brennende Sand der Wüste, 
welcher kein Leben auf sich duldet, die zum Himmel ragenden Schneeberge 
von Tibet, die dort herrschende Buhe und Einsamkeit ist die rechte Heimat 
der Unglücklichen. Als wäre sie nur für solche geschaffen worden. Fem vom 
Getöse der Welt, ungestört, konnte ich immer wieder in Gedanken die glück- 
lichen Augenblicke der Vergangenheit durchleben, und gebrochenen, doch 
dankbaren Herzens wiederhole ich die Worte des Dichters, welche Du slß 
Braut an mich richtetest : 



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GRAF BÄLA SZ^CHBNYI*8 REIßE IM ÖSTLICHEN ARIEN. ^^^ 

«Je pense ä toi quand le soleil se l^ve^ 
J'y pense encore^ quand il a fibi son cours ; 
Mais si parfois dans mon sommeii je reve 
C'est mon bonheur de te cherir toiyours !» 

Drei Jahre lang dauerte die Vorbereitung zur Expedition, von 1874 — 
1877. Ausser den Vorstudien, die der Graf machen inusste, war eine der 
schwierigsten Aufgaben die Wahl geeigneter Beisegefährten. Obzwar Sze- 
chenyi in dieser Beziehung sehr liberal dachte: «Die Wissenschaft und die 
Kunst haben keine scharf begrenzte Heimat», so wollte er doch dem Wahl- 
spruche getreu bleiben : «ä tous les coeurs bien n^s, la patrie est ch^re». Und 
so fiel seine Wahl nach langem Suchen auf drei heimische Kräfte, 6. v. Bälint 
als Philologen, Oberlieutenant 6. Kreitner als geographischen, und L. y. Löczy 
als naturgeschichtlichen Observator. In wie fem diese Wahl nicht nur ge- 
rechtfertigt, sondern auch eine gelungene war, beweist schon der erste Band 
des uns vorliegenden Werkes, mit dem sich — betreffs der wissenschaftlichen 
Resultate — ausser Bohlfis' Beise kein neueres Werk dieser Gattung mes- 
sen kann. 

Die ganze Bäuberromantik, wie sie sich ähnlichen Beisebeschreibungen 
so verführerisch aufdrängt, fehlt hier, und die männliche Würde, mit welcher 
die Erinnerung an manches Abenteuer unterdrückt ist, wird den denkenden 
Leser die Grösse der ausgestandenen Gefahren nicht vergessen lassen; — das 
Beisewerk wendet sich eben mit dem ganzen Ernste der grossen Errungen- 
schaften nur an den ernsten, durch Effecthascherei nicht mehr zu blenden- 
den Leser. 

Der erste Band des Werkes enthält eine Einleitung mit einem Vor- 
wort aus der Feder des Grafen Szdchenyi, einem geographischen Teil von 
Kreitner, und einer Geologie China's von Loczy. 

Im Jahre 1877, den 4. December, bestieg die Expedition in Triest den 
Lloyd-Dampfer «Polluce». Nach kurzem Aufenthalt in Dschedda warf man 
endlieh am 9. Januar 1878 in Bombay Anker. Nach einem Aufenthalte von 
18 Tagen machten die Beisenden einen Ausflug auf die von ihren in Fels 
gehauenen Tempeln berühmte Insel Elephante. In Bombay teilte sich die 
Gesellschaft. Graf Szechenyi fuhr mitBälint nach Ahmadabad auf die Jagd, 
um nach derselben sich nach Süd-Indien zu begeben, während Kreitner und 
Löczy nach Galcutta gingen. 

Es war nämlich eine ganz vorzügliche Idee Szdchenyi's, seine Arbeits- 
kraft vor dem Beginn ihrer eigentlichen Thätigkeit auf möglichst grosse 
Territorien zu verteilen, um nicht nur eine einzige Boute kennen zu lernen, 
soAdem aus verhältnissmässig riesigen angrenzenden Gegenden so viel Daten 
als möglich und die gehörige Uebung zur Erforschung der zu bereisenden 
unbekannten Gegenden zu erlangen, Löczy und Kreitner besuchten Allaha- 
bady Benares, die beilige Stadt am Ganges, und kamen am 24. Januar in 



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^'^ «RAF b6la 8ZI?.rHENTl'fl REISE TM ÖSTLICHEN ASIEN. 

Calcutta an. Von hier aus machten sie einen Ausflug in das Himdlaya- 
Gebirge, speciell nach Dardschiling, wo ein Landsmann, der Linguist Ale- 
xander Körösi Csoma begraben liegi Hier bot sich ihnen im Anblicke der 
höchsten Berge der Welt ein nicht alltagliches Bild dar! — Professor 
Loczy dehnte jedoch seinen Ausflug noch bis an die tibetanische Grenze am 
Dselep-la aus. 

Am 2. März traf auch Graf Szdchenyi mit B&lint in Calcutta ein. Von 
hier fuhr die ganze Expedition nach Singapore, wo dann wieder Graf Sze- 
chenyi mit Loczy ein Schiff nach Batavia, B41int und Ereitner eines nach 
Hongkong bestiegen. Auf Java unternahmen der Graf und Loczy besondere 
Ausfluge und fuhren nach kurzem Aufenthalte über Singapore, Macao, Kan- 
ton nach Hongkong. 

Von Hongkong fuhr die Expedition nach Schanghai, wo sie von einem 
sehr schweren Schlage getroffen wurde^ indem der Linguist Bälint auf Drän- 
gen der Aerzte sofort nach Europa zurückkehren musste, was für die erhoffte 
linguistische Ausbeutung der Expedition natürlich einen fast unersetzlichen 
Verlust bedeutet 

Von Schanghai aus begaben sich Szechenyi und Ereitner nach Japan> 
während Löczy die Aufgabe erhielt, eine in geologischer Beziehung fast 
unbekannte Gegend zu besuchen. Er konnte seme Aufgabe nicht ganz aus- 
führen^ da er vom Fieber ergriffen wurde und nach Schanghai zurückkehren 
musste. Doch brachte er von dieser Beise Material genug mit, das in einem 
besonderen Oapitel der dritten Abteilung unseres Werkes eine entsprechende 
Verarbeitung fand. 

Unterdessen besuchten die beiden erwähnten Herren Nagasaki, Osaka, 
Kioto, Nagoya, Yokohama und endlich Tokio, wo sie den erloschenen Vul- 
kan Fusiyama bestiegen. Von Tokio führte der Weg nach Hakodate auf 
Jesso. Hierher reiste Ereitner allein, da Szechenyi nach Schanghai zurück- 
fuhr. Ereitner erwarb sich auf Jesso Verdienste um die Erforschung der 
Aino*s, eines eingeborenen, jedoch dem Untergange geweihten Volksstammes. 
Er wies zuerst nach, dass die Aino's von Natur nicht braun, wohl aber 
schrecklich schmutzig sind und wohl nur aus diesem Grunde bis jetzt 
für braun galten. 

Während Ereitner noch in Japan war, reiste der Graf nach Peking, um 
sich dort Beisepässe zu verschaffen. Noch in Budapest erhielt Graf Szechenyi 
vom damaligen Minister des Aeussem, Grafen Andrässy und dem Minister- 
präsidenten Tisza Legitimationen und Empfehlimgsschreiben an alle Ge- 
sandtschaften, und so von allen Seiten aufs Wirksamste unterstützt, gelang 
es ihm auch ziemlich leicht, das Gewünschte zu erlangen. Sehr hilfreich 
und zuvorkommend war ihm gegenüber einer der Mächtigsten im chinesi- 
schen Beiche, der Vice-Eönig von Petschili, Li-Hung-Tschang, einer der- 
jenigen, die in China zuerst die Fahne des Fortschrittes entfalteten, weshalb 



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GRAF BBLA RZÄCHENTI*R REISE IM ÖSTLICHEN ASIEN. 319 

er wohl gründlich verhasst, aber anderseits auch anerkannt ist. Li-Hung- 
Tscbang empfing den Grafen und den General-Gonsul von Boleslawski in 
zuvorkommendster, freundlicher Weise. Er versprach seine mächtige Befür- 
wortung des Unternehmens im Tsungli-Yamen^ und hielt auch Wort, denn 
das Minister-Gollegium war bereits bei der Ankunft des Grafen von Allem 
unterrichtei 

Den 8. October wurde Graf Sz^henyi im Tsungli-Yamen empfangen. 
Das Präsidium im Ministerrate führte Prinz Eung^ der Gross- Oheim des 
Kaisers von China. Nachdem der Zweck der Expedition schriftlich darge- 
stellt und dem Bäte übergeben worden war, was in China unerlässlich 
notwendig ist, und nachdem Sz^chenyi versprochen hatte, Berichte über die 
inneren Zustände des Beiches einzusenden, erhielt er nach einigen Tagen 
den gewünschten Pass. Den Transport des Geldes (in Silber) übernahm aus 
Gefälligkeit einer der ersten chinesischen Banquiers, Herr Hu, und nachdem 
auch die Ausrüstung der Expedition vollendet war, schiffte sich diese am 
7. December in Schanghai ein, um den Yang-Tze-Kiang hinaufzufahren. 
Im Tagebuche Sz^henyi's steht: «Endlich brechen wir von Schanghai auf, 
wohl ausgerüstet mit Allem. Jeder Schritt nach Westen führt uns unserem 
geliebten Vaterland entgegen; bis wir es jedoch durch Mongolien und Buss- 
land oder durch Tibet und Indien erreichen, werden wir vielen Entbeh- 
rungen, Mühseligkeiten und Gefahren ausgesetzt sein. Vielleicht hilft uns 
Gott und vielleicht führt uns unser Stern nach Hause. — Heute beginnen 
unsere ernsteren wissenschaftlichen Studien. Die bisherigen waren üebung, 
Zdtvertreib und Vergnügen. Wir können nun zeigen, ob wir etwas zu 
leisten im Stande sind, und ob wir den Erwartungen, welche die gebildete 
Welt an solche Expeditionen knüpft, einigermassen entsprechen werden?» 
Als regelmässiger Begleiter und Dolmetsch wurde ein Chinese aufge- 
nommen, der im Bewusstsein seiner ünentbehrlichkeit § unverschämt stahl». 
Auch eine der vielen Annehmlichkeiten ! — Es ist übrigens merkwürdig und 
auch charakteristisch für die Autoren, dass sie das Volk in China fast überall 
loben ; nur sehr selten zeigt sich Groll gegen dasselbe. Auch erfahrt man 
gleich die Gründe für das feindUohe Verhalten des Volkes. Hauptsächlich 
ist letzteres dort zu beobachten, wo schon vor unseren Forschem Europäer 
gereist waren! 

Nanking wurde in der Nacht passirt, und da ausser in Kiu-Kiang 
nicht gelandet wurde, kam die ganze Gesellschaft wohlbehalten in Wu- 
Tschang, respective in Hankau an. Hier besuchte die Expedition Li-Hang- 
Tschang, den Bruder des früher erwähnten Li-Hung-Tschang, welcher der- 
selben ausser einem Boote noch ein Kanonenboot als Bedeckung zur Ver- 
fügung stellte. Mit Empfehlungen an die Mandarine in La-Ho-Eu versehen, 
verliess die Gesellschaft alsbald Hankau. «Von diesem Momente an befanden 
wir uns in den Händen der Chinesen.» Da das Boot sich als zu schwer erwies, 



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•^20 GRAF BISlA SZEOHENYi'b REISE TM ÖSTLICHEN ASIEN. 

musste man drei kleinere Boote nehmen und kam nach 22 Tagen in La-Ho- 
Ku an. Nach einer weiteren Wasserfahrt von 30 Tagen verliess die Expedi- 
tion bei Tin-Tse-Kuan den Fiuss, um die Landreise anzutreten. 

Zu diesem Zwecke musste man sich das einzige Gommunicationsmittel, 
nämlich Lasttiere, Pferde oder Maultiere verschaffen. Durch Protection (für 
Geld und gute Worte) waren die gewünschten Tiere auch zu haben und 
nach Uebersteigen des T^m-Ltn^-Gebirges erreichte die Expedition Si- 
Ngan-Fu. Auf diesem Wege sahen die Beisenden zuerst Lösswohnungen, 
denen sie später öfter begegneten. 

Die chinesischen Städte besitzen zwei Haupttypen ; sie sind nämlich 
entweder befestigt, d. h. von einer Mauer umgeben, oder offen, in letzterem 
Falle sind sie gewöhnlich grosse Dörfer. Die Zahl der Einwohner varürt 
stark; doch findet man nicht selten Städte, welche über 100,000 Seelen 
zählen. Die Gebäude an und für sich genügten noch, würde nicht überall 
ein so riesiger Schmutz herrschen. Auf den Gassen hegen Kehrichthaufen, 
in welchen Borstenvieh wühlt ; menschliche Leichname und Cadaver von 
Tieren liegen oft tagelang unbeerdigt mitten in den belebtesten Gassen 
und so fort. — Dem Volke ist aber ein gewisser Humor, eine Nonchalance 
eigen, die es demselben möglich machen, über alles Aufregende leicht hin- 
wegzugehen ; in der grössten Wut genügt ein Witz, eine Bemerkung, um 
einen ganzen Haufen Menschen zum Lachen zu bringen, und danü hat man 
bekanntlich gewonnenes Spiel. Dem Geologen Loczy passirte es, dass er von 
einer wütenden Menge veifolgt, in einen Laden flüchten musste ; eine Be- 
merkung über ein gut gemästetes Schwein veränderte jedoch die Lage im 
Augenbhcke. Die Chinesen sind sozusagen noch Kinder, welche auch nur 
dem momentanen Gefühl gehorchen. 

Trotzdem gibt es j edoch in China eine verhältnissmässig sehr entwickelte 
Cultur und Wissenschaft. Es gibt hier keine öffentlichen Schulen ; sie haben 
den Charakter der Privatanstalten. Die Studien beziehen sich nur auf Ge- 
schichte und KeUgionsjphilosophie nebst der Elrlemung von Classikem, 
während die exacten Wissenschaften ganz vernachlässigt werden. Die Stu- 
denten erhalten im Collegium ausser Wohnung und Kost vom Gouverneur 
monatUches Gehalt, wofür sie jedoch je eine philosophische Arbeit liefern 
müssen. Die beste Arbeit wird prämürt. Das Alter der Studenten varürt 
zwischen 15 — 70 Jahren. Nach absolvirtem Studium muss jeder Student 
in Gegenwart des Vicekönigs und zahlreicher Würdenträger öffentUche Prü- 
fungen ablegen. Wer das erste Bigorosum gemacht hat, besitzt das Becht, 
ein zweites und zuletzt ein drittes abzulegen. Jede gelungene Prüfung erhebt 
den Studenten über seine Mitmenschen. Diejenigen, die erst die zweite Prü- 
fung abgelegt, bilden die Beamten-Classe, welche neun Bangstufen hat 
Wenn jemand auch die dritte Prüfung bestanden, so besitzt er das Becht, 
vor dem Kaiser die höchste Prüfung zu machen. Nach dieser wird er MitgUed 



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ORAF B&LA 8ZECHENYI*8 REISE IM ÖSTLICHEN ASIEN. -^21 

der Akademie Han-Lin; als solches erhält er lebensläDgliches Gehalt. «Erb- 
liche Würden besitzen nur die Angehörigen der kaiserlichen Familie.» Wird 
jemand also geadelt, so ist dieser Adel nicht erblich, sondern im Gegenteile 
rückwirkend, indem manchmal sogar der sechste Vorahne, durch und für 
die Verdienste seines Ur-Ürenkels, den Adel erhält ! Wenn auch diese Sitte 
an und für sich ebenso unrichtig ist, wie das Gegenteil, ist es immerhin 
bemerkenswert, dass man in einem zurückgebliebenen Lande solch* merk- 
würdige Ansichten trifft. Man scheint hier den «seif made man» schon länger 
zu schätzen, als in der «neuen» Welt. 

Eine merkwürdige Eigenschaft ist femer die Etiquette der Chinesen. 
Diese ist Lebensbedürfniss, wenn auch oft, besonders für den Fremden, 
höchst lästig. Etiquette ist immer das Besultat einer Epoche geistiger Stag- 
nation, welche mancherlei Ursachen haben kann, hauptsächlich aber eine 
Folge von Unterdrückung seitens eines fremden Volkes ist. — eine auch in 
der Geschichte Ghina's sehr leicht nachweisbare Erscheinung. Bevor man 
einen Schritt aus dem Hause thut, muss man sich sog. «grosse» und 
«kleine» Visitkarten machen lassen. Letztere zeigen nur den Namen, erstere 
aber alle Titel des Besitzers an. «Vom Vicekönig angefangen bis zum 
Nachtwächter, jeder verlangt die Einhändigung der Visitkarte eines eintref- 
fenden Beisenden, und ist glücklich, wenn er in den Besitz der «grossen» 

gelangen kann» «Wurde ein Pferdekauf abgeschlossen, so war der 

Händler erst zufrieden, wenn er die grosse Karte mit in den Kauf bekam, 
und selbst die als Escorte beigestellten Soldaten wurden erst gefügig, wenn 
sie die schriftliche Aufklärung erhalten hatten, wen sie begleiteten.» 

Die Art der Begrüssung ist verschieden. Untergeordnete knien nieder^ 
um ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Es kam vor, dass selbst commandirende 
Generale vor den Mitgliedern der Expedition niederknieten. Von Ebenbür- 
tigen wird man durch Verbeugung begrüsst. Handschlag ist noch nicht 
überall eingebürgert. Bei der Tafel oder auch bei anderen Gelegenheiten 
sitzt der Fremde auf dem Ehrenplatze zur Linken des Gastwirtes. Das 
Mahl ist gewöhnlich sehr lang und schliesst mit ungezuckertem Th^e. Hat 
man die Theetasse vom Munde abgesetzt, so erhebt man sich sofort und geht 
unter fortwährenden Complimenten und « Tschin »-s aus dem Hause. Die 
Chinesen kochen zwar gut, doch ist die unbekannte Provenienz der Speisen 
unbehaglich ; auch wird Alles so stark gewürzt, dass es für einen eiuropäi- 
schen Gaumen fast ungeniessbar wird ; die Beisenden konnten eine lange 
Zeit hindurch nirgends geniessbare Milch erhalten! Zum Essen bedient 
sich der Chinese nicht der Gabeln und Messer, sondern elfenbeinerner 
Essst&be. 

Eine merkwürdige Sitte ist es, dass man nach Genuss der letzten, 
unausbleiblichen Tasse Thee augenblicklich das Mahl verlässt. Uebrigens 
gibt es noch unzählige Gebräuche, welche den unserigen diametral entgegen- 

Ungariflch« Berue. XI. 1891. IV. Heft. 21 

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3:^2 GRAF B^LA 8Z^CHENTl's REISE IM ÖSTLICHEN ASIEN. 

gesetzt sind. «So ist die Trauerfarbe in China weiss, der Ehrensitz ist zur 
Linken des Hausherrn ; zum Zeichen der Ehrfurcht wird der Hut aufbe- 
halten, die Männer tragen kein Hemd, die Frauen kennen keinen Bock. In 
den Sattel steigt man von rechts; geschrieben wird nach unten und von 
rechts nach links; mit der Bussole orientirt man sich immer nach Süden. Als 
Höllenqualen denkt man nicht an das Brennen, sondern an das Erfrieren in 
Eiskrystallen.» 

«Eine eigentümliche Stellung nehmen die Frauen ein. Die ganze Be- 
gierung hat einen familiären Anstrich ; die Ehrfurcht vor den Eltern, haupt- 
sächlich aber vor der Mutter bildet die Basis der Moralität. Trotzdem sind die 
Frauen, wenigstens in den vornehmeren Familien, ganz und gar von den 
Männern abgesondert Die Absonderung ist aber gründlich verschieden vom 
Leben in den Harems ; die Frau in China besitzt vielmehr Freiheiten, ja 
sogar bestimmte Vorrechte, so dass die Absonderung viel eher als Ausfluss 
der Schicklichkeit und Eleganz erscheini Bei der Handwerker- und acker- 
bauenden Classe besitzen die Frauen und Mädchen dieselben Freiheiten, 
wie bei uns. Einzig und allein die vermögenden und vornehmen Damen 
huldigen den Sitten, welche der chinesische «bon ton» erfordert. In solchen 
Fällen werden schon die Kinder streng abgesondert ; es ist unschicklich, den 
Vater nach seiner Frau und seinen Töchtern zu befragen ; sein bester Freund 
sogar darf sie nicht sehen. Meistens heiratet der Bräutigam die Braut, ohne 
sie gesehen zu haben und erbhcki ihr Gesicht erst, wenn sie schon seine 
Frau ist . . . Der Chinese liebt Geselligkeit und Plauderei ausserordentlich, 
die Frau darf aber an solchen nicht teilnehmen. Und trotzdem ist die Frau 
das belebende Glied in der Familie und ihr Einfluss ist sehr gross. So wor- 
den wir in Si-Nying-Fu von einem Mandarin ersucht, ihn zu besuchen, da 
seine Frau uns sehen möchte, natürlich durch eine Maueröffnung» . . . 

Doch kehren wir jetzt zu den Beisenden zurück. «In St Ngan Fu sah 
ich eine grosse Menge Bettler, arme Leute und grosses Elend.» Hier besich- 
tigte die Expedition auch die berühmte «Nestorianische Tafel». Diese stammt 
aus dem Jahre 781 und beweist, dass die Nestorianer schon vor so vielen 
Jahrhunderten ihr Bekehrungswerk begonnen. Ueber diese Tafel haben wir 
im demnächst erscheinenden H. Bande des Werkes von Bector Heller eine 
sehr interessante Arbeit zu erwarten. Von Si-Ngan-Fu erreichte die Expe- 
dition in 20 Tagen Lan-Tschou-Fu. Die Beisenden bestiegen Maultiere, 
während ihr Gepäck auf Wagen geladen wurde. Auf dieser Tour traf die 
Herren der erste Frost; sie sahen den Hoang-Ho fast ganz zugefroren. «Dies 
ist einer der namhaftesten Ströme unserer Erde. Schon oft wechselte er sein 
Bett. In früheren Zeiten lag seine Mündung bei dem Golf von Pe-TschüLi, 
unter dem 39. Grad, jetzt mündet er um ungefähr 5 Grad südlicher. Ob 
diese Veränderungen kataklismatisch sind oder aber durch Verschlammung 
hervorgerufen wurden, kann nicht festgestellt werden. Ein Blick auf die 



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GRAF Bihk SZEOHBNYl's REISE IM ÖSTLICHEN ASIEN. 323 

Karte zeigt nns seinen merkwürdigen, unregelmässigen Lauf; der Fluss 
richtet gewöhnlich grössere Verwüstungen an, als er Segen verbreiten 
könnte.! 

Die Beisenden beobachteten zweimal sogenannte Neben-Sonnen und 
öfter Mondhöfe^ deren Entstehung sie dem feinen Staube der in der Luft 
schwebte, zuschreiben. 

Von letzterem hatten sie besonders viel zu leiden. So schreibt Kreitner : 
«Ich will nichts erzählen von dem unstillbaren Sehnen nach reinen Händen, 
in deren durch die Trockenheit der Luft zerrissenen Flächen der Staub sich 
als unausrottbare Tättowirung eingefressen hat . . .», doch erging es ja be- 
sonders auch dem Gesichte so^ und die kleinste Berührung desselben genügte, 
um es bluten zu machen. Der Schmutz, der in dem grossen Lande herrscht, 
übt einen deprimirenden Einfluss aus; bei Tag Strapazen aller Art, bei 
Nacht keine Buhe wegen gewisser Insecten, immerwährend vom Pöbel 
begafft, und als « Jang-kwei-tse» (fremde Teufel) titulirt, das sind fürwahr 
Plagen, die im Stande sind «Apathie, Stumpfsinn und Gleichgiltigkeit» zu 
erzeugen. 

Die ganze Boute fährte durch seh